Yvonne Hofstetter: Der unsichtbare Krieg

Mit Zeitenwende ist das Vorwort dieses Buches überschrieben, und dass wir einer solchen gerade beiwohnen, ist offensichtlich. Natürlich nicht für alle, doch für diejenigen, die offenen Sinnes durchs Leben gehen. Die Juristin Yvonne Hofstetter bezieht dies auf den gegenwärtigen Krieg, den die Russen ohne Not gehen die Ukraine angezettelt haben, und in dem Drohnenpiloten (häufig Kinder zwischen 9 und 15 Jahren; in der EU ist das vorgeschriebene Mindestalter 16) zum Einsatz kommen. Übrigens: Drohnen werden immer günstiger, schmuggeln Drogen, Waffen und Geld, und können Flughäfen lahmlegen, wenn sie in deren Nähe kommen.

„Strukturell ist das westliche System des Profits trotz seiner grossen Probleme auf Frieden ausgerichtet und für eine Friedensordnung geschaffen. Jedes Nachdenken über den unsichtbaren Krieg der Zukunft ist somit zwangsläufig auch ein Nachdenken über Fragen der Ethik“, so Yvonne Hofstetter. Wirklich? Ich für meinen Teil kann jedenfalls nicht erkennen, wie Profitstreben (dabei gibt es nur Gewinner und Verlierer) und Frieden zusammengehen sollen. Und dass Fragen der Ethik die Menschen leiten könnten, ist mir auch neu. Natürlich wäre es schön, wenn die Menschen sich an den Prinzipien der Menschenwürde und der Gerechtigkeit orientieren würden, allein mir fehlt der Glaube.

Vieles, was die „renommierte KI-Expertin“ aufzeigt, ahnt man ja irgendwie (Wer würde bezweifeln, dass digitalisierte Prozesse sämtliche Lebensbereiche bestimmen?), doch so konkret, wie es Yvonne Hofstetter vorführt, ist das einem dann eben doch nicht geläufig. Dabei staune ich nicht nur, sondern frage mich auch, ob etwa dies in solcher Verkürzung stimmen kann. „Ein einziger Schweizer Bankmitarbeiter, der Kundendaten auf eine CD-Rom kopiert und sie an fremde Regierungen, darunter an Frankreich, Deutschland und die Vereinigten Staaten, weiterverkauft hat, hat das Schweizer Bankgeheimnis für immer zu Fall gebracht und das einst lukrative Geschäftsmodell der Schweiz zur Geschichte werden lassen.“ Die Quelle dafür? „Rickli, Interview mit Jean-Marc Rickli, 2018, Zitat 82“. Das ist etwas arg dünn für meinen Geschmack. Zudem: So eindimensional funktioniert die Wirklichkeit eindeutig nicht.

Wie sicher sind eigentlich digitalisierte Infrastrukturen? Die Ausführungen dazu sind überaus hilfreich, machen sie doch unter anderem deutlich, dass die Grundkonstitution des Menschen (er scheut sich vor der Verantwortung) ihm nicht gerade zum Vorteil gereicht, denn den Unternehmen ist es ums Verkaufen zu tun und nicht um die Gewährleistung der betrieblichen Sicherheit.

Wie jedes Sachbuch ist auch dieses zu weiten Teilen ein Vorzeigen dessen, was die Autorin alles gelesen hat. Kaum einer der in diesem Feld einschlägigen Namen wird ausgelassen, angefangen mit dem offenbar unvermeidlichen Clausewitz bis zu Hannah Arendt. Am Rande: Dass Yuval Noah Harari Militärhistoriker sein soll, ist mir neu; ich kannte ihn bisher nur als Universalhistoriker. Zudem: Sich mit der Frage, ob Letale Autonome Waffensysteme mit dem Humanitären Völkerrecht im Einklang stehen, zu befassen, kann auch nur einer Juristin einfallen, denn in der Praxis kommt das Humanitäre Völkerrecht kaum zur Anwendung.

Der unsichtbare Krieg geht weit über das Thema Kriegsführung und globale Stabilität hinaus bzw. situiert diese im übergeordneten Ganzen. Die gegenwärtige Lage ist so: „Wir treiben mit der Strömung eines reissenden Flusses aus Daten, Informationen, täglicher Neuerfindung und können uns an keinen festen Halt mehr klammern.“ So recht eigentlich gilt nichts mehr von dem, was einmal gegolten hat oder von dem wir glaubten, dass es gegolten hat. Zu fragen wäre allerdings nicht so sehr, wie das alles so hat kommen können, sondern: Wie haben wir das alles nicht sehen können? Damit meine ich nicht die technische Entwicklung, damit meine ich die Natur des Menschen von der Freud nach dem Ersten Weltkrieg gemeint hat, sie sei nicht zivilisiert.

Es geht heutzutage alles so schnell, dass man kaum mehr mitkommt, und die Medien tun ihr Bestes, dass es nicht nur so bleibt, sondern noch schlimmer wird. So zitiert die Autorin einen amerikanischen und einen israelischen Geheimdienstler, die beide die Energieinfrastruktur als Hauptziel zukünftiger Kriege sehen, und kommentiert dann: „Noch haben die Gegner nicht zugeschlagen.“ Nach der Drucklegung dieses Buches haben die Russen und die Ukrainer genau das jedoch getan.

Angriffsziele sind heutzutage Seekabel, globale Finanzsysteme, das Fernsehen, Waffensysteme, aber auch Spitäler usw. Was gehackt werden kann, wird gehackt werden. Und so sehr das Internet auch ungeahnte Möglichkeiten eröffnet hat, unsere Abhängigkeit davon ist mehr als nur besorgniserregend. Als ich vor ein paar Tagen am Flughafen in Porto Alegre einchecken wollte, ging eine Stunde lang gar nichts mehr, da bei „meiner“ Fluglinie das Internet ausgefallen und das ganze System offenbar darauf ausgerichtet war. Keine grosse Sache, wahrlich nicht, doch unsere Abhängigkeit von selbst-erschaffenen Erleichterungen bzw. „Einsparungen“ ist hirnrissig. Frankenstein lässt grüssen.

Es spricht für dieses Buch, dass es sich grundsätzlich mit den Folgen der Digitalisierung auseinandersetzt. Etwa damit, wie man Deep Fakes begegnen kann. Sicher, Desinformation und Lügen gab es schon immer, doch zwischen wahr und falsch zu unterscheiden, gehört mittlerweile zu den grössten Herausforderungen unserer Zeit. Yvonne Hostettler geht das Problem von der Sache her an, anstatt beim Menschen und seinem Charakter anzusetzen, denn wo wir heute sind, liegt auch daran, dass wir uns von der Charakterbildung verabschiedet haben.

Zu den verblüffendsten Erkenntnissen dieses Buches gehört für mich: „Zu den engagiertesten Akteuren im digitalen Informationsraum gehört die muslimische Welt (…) Auf allen Kanälen und mit allen erdenklichen Narrativen, Bildern, Drohungen und Verführungen bis zur kapitalen Lüge wird online gepredigt, indoktriniert und politisch überzeugt bis hin zu dem Punkt, an dem Terrororganisationen Nachwuchs rekrutieren.“ Mit solchen Informationen sehe ich die Welt anders.

„Das neue Normal ist die Auflösungsgesellschaft“, so Yvonne Hofstetter, die sehr schön herausarbeitet, was unsere Zeit wesentlich ausmacht: Private Konzerne kontrollieren heute nicht nur unsere Sicherheit, sondern auch unsere Kommunikation bzw. unsere Art zu denken. So sind Online-Plattformen zwar ausschliesslich an der totalen Kommerzialisierung interessiert sind, nichtsdestotrotz glauben wir, auf diesen digitalen Plattformen profitorientierter Konzerne uns politisch informieren zu können. „Meinung und Vernunft sind zwei verschiedene Angelegenheiten. Wo die Vernunft wirkt, gewinnt der Mensch Einsicht, erkennt die (Vernunft-)Wahrheit und handelt danach; demgegenüber bildet er sich seine Meinung nach Überredung.“

Man kann sich füglich fragen, welche Art von Vernunft da bloss am Werk war, als man sich entschied, unser Leben und unsere Sicherheit dem Kommerz zu unterwerfen. Zielführende Antworten auf die Frage, wie wir da wieder herauskommen, sind bislang nicht in Sicht, doch eine Vernunft, die im Dienste des Wohlbefindens aller steht, könnte helfen.

Fazit: Überaus nützliche Aufklärung. Ausgesprochen kenntnisreich und vielfältig informativ.

Yvonne Hofstetter
Der unsichtbare Krieg
Wie eine neue Dimension der Kriegsführung die globale Stabilität bedroht
Droemer, München 2025

Elisa Hoven: Dunkle Momente

Ein unangenehmer, vermögender Rentner erschiesst einen jungen Einbrecher, plädiert auf Notwehr, und die Justiz spricht ihn frei. Mit dieser Geschichte nimmt dieses Buch seinen Anfang, und macht deutlich, dass ein Gericht, entgegen der Vorstellung wohl der meisten, der falsche Ort ist, um Gerechtigkeit zu finden.

Eine erfolgreiche Autorin erschlägt ihren Bruder, der auch ihr Manager ist. Ein Ugander trifft in Deutschland auf den Killer seiner Familie. Eine junge Frau, die die Tochter ihres Partners ungewollt in den Tod treibt. Ein Kannibale, der seine Tat per Video dokumentiert. Eine Frau, die alkoholisiert im Schnee erfriert. Das Opfer einer Gruppenvergewaltigung, das zu viele Täter identifiziert. Ein Schuldiger, der freigesprochen wird. Eine Familientragödie als Folge eines falschen Gerichtsentscheids. Die Rache einer Anwältin, die hinters Licht geführt wurde.

All diesen Geschichten ist gemeinsam, dass das, was man zunächst für die Wahrheit hält, sich letztendlich als Irrtum herausstellt. Obwohl spannend erzählt, irritierte mich dieses simple Schema, demzufolge die Dinge immer anders sind als sie uns auf den ersten Blick erscheinen. Dass die Geschichte hinter der Geschichte immer die richtige sein soll, ist mir zu konventionell, denn möglicherweise sind ja beide falsch oder beide richtig. Oder beide weder das eine noch das andere. Nur gäbe das dann keine dieser stimmigen Geschichten mit Anfang, Mittelteil und Ende.

Es sind die zahlreichen Rand- und Zwischenbemerkungen, die überaus gelungen sind, und mir dieses Buch sympathisch machen. So wird etwa ein befreundetes Ehepaar als grundsätzlich einer Meinung geschildert. „Die Selbstsicherheit, mit der Gerd und Sigrid Massnahmen fordern und Massnahmen ablehnen, ist mir fremd.“ Herrlich dann ein Satz wie dieser: „Es war Jochen Bunke, seiner Stimme nach ein junger Mann, trotz des Vornamens.“ Und diese hellsichtige Erkenntnis: „Aber wenn die Zeitungen verschwinden, werden wir nur noch das lesen, was wir suchen.“

Wir leben alle in sehr kleinen, eingegrenzten Welten, die weitestgehend von unseren Vorstellungen bestimmt werden. „Ich setzte mich ins Auto und fuhr nach Köpenick. Wieder einmal wurde mir bewusst, wie wenig ich von Berlin bisher gesehen hatte, obwohl ich seit meinem achtzehnten Lebensjahr hier lebe. In Köpenick war ich noch nie gewesen, nichts kam mir hier bekannt vor.“ Treffende Sätze mit hohem Identifikationspotential.

Bei allen Fällen kommt auch die nachdenkliche und empfindsame Strafverteidigerin Eva Herbergen („Ich war mir nicht sicher, ob ich das Richtige tat. Ich war es bei keiner meiner Entscheidungen gewesen.“) ins Spiel, deren juristischer Rat gesucht wird. Es ist dieser Aspekt, der dieses Buch (das definitiv kein Roman ist, auch wenn es als Roman bezeichnet wird; es handelt sich um eine Sammlung von Fallgeschichten) auszeichnet. Es sind spannend erzählte, interessante Geschichten, gespickt mit Unerwartetem, bei denen auch immer wieder der trockene Humor der Autorin durchscheint. „Die Villa ist riesig. Säulen am Eingang, ein Pool im Garten. Und das bei dem schlechten Wetter in Deutschland.“

Die Autorin hat nicht nur ein gutes Auge für die Merkwürdigkeiten des Lebens („Friedrichsen sah aus, als wäre er einer Fernsehserie entsprungen, Sportliche Statur, graue Schläfen, gewinnendes Lächeln, er hätte einen wunderbaren Serienarzt abgegeben.“), sie hat zuweilen auch ihre liebe Mühe mit dem Rechtssystem („Die distanzierte Nüchternheit, mit der die juristische Sprache auch die grausamsten Handlungen beschreibt, macht sie nur noch weniger erträglich.“), das sie versucht, so menschlich wie möglich zu handhaben.

Elisa Hoven ist Professorin für Strafrecht und handelt an der Person der Strafverteidigerin Eva Herbergen auch die Problematik der Juristen und Juristinnen ab, die sich zwar auf die Einhaltung der juristischen Spielregeln (inklusive haarspalterischer und willkürlicher Definitionen, die nur eine Basis in unserem Denken, jedoch nicht in der Realität haben) beschränken müssen, doch gleichzeitig (Menschen sind so) der Wahrheit bedürfen („wir brauchen sie, wir wollen sie kennen“). Ein Konflikt, der sich mit unserem Denken, das nicht ohne Schuldige auszukommen scheint, nicht lösen lässt.

Dunkle Momente ist ein sehr reflektierter Text, der auch von Selbstzweifeln sowie den vielfältigen Aspekten juristischen Taktierens handelt, denn was sich vor Gericht abspielt, ist dem Geschehen auf einer Theaterbühne nicht unähnlich, auch wenn Juristinnen und Juristen zu glauben scheinen, dass das sogenannt bessere Argument die Wahrheitsfindung ermöglichen könne. So recht eigentlich denken (fast) alle so. Wir sind schon sehr eigenartig unterwegs …

Fazit: Packend, bewegend, aufklärend und anregend.

Elisa Hoven
Dunkle Momente
Roman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2025

Ingar Johnsrud: Echokammer

Es geht in diesem Thriller um Parlamentswahlen, um rechtsnationale Extremisten und um den juristischen Berater der Arbeiterpartei. Und es geht um die verhärteten Fronten in der Migrationspolitik, um Entführung und Erpressung. Es ist eine spannend erzählte Geschichte, die in der Hauptsache davon handelt, wie ein Terrorangriff vereitelt werden soll.

Ich habe von Thrillern und Kriminalromanen mehr über unsere Gesellschaft gelernt, als in soziologischen, politologischen und psychologischen Sachbüchern. Das liegt auch daran, dass die Erkenntnisse eher beiläufig vermittelt werden und nicht so getan wird, als ob für eine einzige Erkenntnis 500 Seiten nötig seien. „Ein Cookie ist ein Spionageprogramm.“ Wer würde da nicht hellhörig werden!

Ingar Johnsrud klärt mit diesem Thriller unter anderem über die Mechanismen politischer Blogs auf. Und er macht deutlich, dass das Wesentliche jeweils im Kleingedruckten steht. Kurz und gut: Die Welt ist auch darum so wie sie ist, weil uns das Kleingedruckte nicht interessiert. Genauso wenig wie die Cookies (dass die als Gebäck bezeichnet werden, lässt sie entschieden harmloser wirken als sie sind), denen wir zumeist gedankenlos zustimmen.

Weniger überzeugend ist der juristische Berater Jens Meidell geschildert, der auf eine Art vertrauensvoll ist, für die Juristen nicht bekannt sind – dass er offenbar nicht damit rechnete, dass die Medien in seiner Vergangenheit wühlen würden, ist ziemlich realitätsfremd. Gelegentlich sind seine Einschätzungen auch von einer Schlichtheit, dessen Klarheit zwar bestechend, doch nichtsdestotrotz falsch ist. „Zu Hause bei Maira und Viraj hatte sie abwesend, beinahe verwirrt gewirkt, aber kurz darauf, als sie über Christina sprachen, war sie messerscharf. Das entsprach nicht der Wirkung von Alkohol.“ Die Wirkung von Alkohol gibt es nicht, jeder Mensch reagiert auf ihn auf seine jeweils eigene Art und Weise. Schwer Betrunkene können durchaus sehr klar denken. Nein, nicht alle; einige aber eben schon. Nichtsdestotrotz gewinnt die Figur des Jens Meidell im weiteren Verlauf an Profil.

Die Charakterisierungen der auftretenden Personen ist dem Autor Ingar Johnsrud bestens gelungen. Niemand ist eindimensional unterwegs. Vor allem die Politiker sind ausgesprochen komplex gezeichnet. Ohne Kenntnis der Mechanismen der Macht, stehen sie auf verlorenem Posten. Die Sympathieträger sind, das ist bei einem Thriller üblich, auf Seiten der Polizei zu suchen; hier ist es das sehr unterschiedliche Duo Martin Tong und Liselott Benjamin.

Echokammer ist ein Thriller, der mich auch immer mal wieder aufmerken lässt, da er mir Gegebenheiten zu Bewusstsein bringt, über die ich noch gar nie nachgedacht habe. „Autounfällen haftet ein ganz eigener Geruch an. Nach verbranntem Gummi, Staub, Öl, Treibstoff und zerschmettertem Metall, ein Dunst von überhitztem Lack.“ Auch gibt es da Sätze, die von viel reflektierter Lebenserfahrung zeugen. „Vielleicht sah er nicht mehr ganz so gut aus, war ein bisschen runder an den Ecken, sein Blick aber war fester, und die Worte kamen langsamer, wie bei jemandem, der in seinen Entscheidungen sicherer geworden war.“

Wir leben bekanntlich in einer Welt, in der es kaum mehr möglich ist, Selbstverständliches auszusprechen, ohne dass man dafür heftig attackiert wird. Wie man gegen die Forderung sein kann, Bandenkriminellen die Staatsbürgerschaft zu entziehen und sie aus dem Land zu werfen, entzieht sich mir. Nur eben: Dies zu fordern ist den etablierten Parteien zu heikel, und so finden diejenigen, die dies verlangen, immer mehr Zulauf. Diesen Radikalen genügt das jedoch nicht, sie wollen wesentlich Weitergehendes. Auch davon handelt dieser Thriller.

Ingar Johnsrud schildert eindrücklich die politischen Hahnenkämpfe, doch vor allem zeigt er auf, dass wer dafür plädiert, nur diejenigen Migranten aufzunehmen, die sich an die Gepflogenheiten des Landes halten, auf Protest stösst. Den Gründen für diesen Protest geht er erfreulicherweise nicht nach – schliesslich handeln die meisten Menschen selten gemäss den Gründen, die sie für ich in Anspruch nehmen; vielen gefällt einfach das gewalttätige Protestieren.

Echokammer liefert so recht eigentlich ein Potpourri dessen, was die Medienwelt derzeit bewegt: Demenz, politische Ränkespiele, Terroristen und Verschwörungstheoretiker, die Fake-Welt des Internets. Insbesondere die Ausführungen über letztere sind überaus lehrreich, führen sie doch eindrücklich vor, dass Informationen, über deren Herkunft und Absicht keine Klarheit gewonnen werden kann, in der Regel bewusste Desinformation ist.

Fazit: Packend und vielfältig erhellend. Ein komplexer, überzeugender Thriller über das, was uns Medienkonsumenten zur Zeit so alles umtreibt.

Ingar Johnsrud
Echokammer
Ein Fall für Benjamin & Tong
Droemer, München 2025

Jón Atli Jónasson: Schmerz

Der Einstieg in Schmerz ist glänzend gelungen, weil er so unaufgeregt daherkommt und mit einem Knall endet, einem Knall im wörtlichen Sinne. Davon und von mehr ist Dora, die Polizistin, betroffen, deren Hirn seither anders funktioniert als zuvor. Dass man sofort drin ist in dieser Geschichte liegt an der Erzählweise des Autors, der versteht, dass das vermeintlich Gewöhnliche ungewöhnlich ist.

Spannend, interessant und aufklärend beschreibt der Autor die Auswirkungen der Hirnverletzung, die Dora erlitten hat. Ein Aspekt dabei sind die verschiedenartigen Obsessionen, die sie in der Folge entwickelt, von der E-Musik bis zum Bedürfnis, jemandem unbedingt sagen zu müssen, dass er gut riecht. Wie sie damit umzugehen lernt, erfährt man auch in diesem Buch.

Bei einem Schulausflug ist ein non-binärer Teenager Namens Morgan verschwunden. Ihrem Vater ist Morgan egal. Sehr schön werden die überaus verständnisvollen Betreuer geschildert. Auftritt Hector, ein professioneller Dieb, der gerade dabei ist, sich auf einen blöden Deal einzulassen. Hector wird als unauffälliger Durchschnittstyp charakterisiert. Der ist ja wie mein Nachbar, hat dieselben Alltagsprobleme wie wir alle. Es gehört zu den Stärken dieses Buches, die auftretenden Figuren nicht zu aussergewöhnlichen Figuren zu machen und damit aufzuzeigen, dass die Welt des Verbrechens banaler Alltag und ohne jeden Glamour ist.

Doras Kollege bei der Kriminalpolizei heisst Rado, stammt ursprünglich aus Serbien, ist mit einer polnischen Frau verheiratet, deren Vater ein Krimineller ist. Die Zwickmühle, in der sich Rado befindet (auch weil seine Frau den Ton angibt), ist sehr überzeugend geschildert. Dann werden Dora und Rado von der Suche nach Morgan, die ihnen zwischenzeitlich ans Herz gewachsen ist, abgezogen.

Auftritt Morra, früher beim norwegischen Militär, jetzt als Auftragskiller unterwegs. Als er zum zweiten Mal in Erscheinung tritt, beobachtet er das Haus von Rado. Bei seinem dritten Auftritt … doch soll hier nicht die ganze Geschichte vorweggenommen werden.

Schmerz gehört zu den seltenen Kriminalromanen, die einen immer mal wieder die Welt neu sehen lassen, denn dieser Autor versteht sich auf das genaue Hinschauen, das er erfreulicherweise nicht psychologisiert, denn die genaue Beschreibung erübrigt eine Deutung. „Trotz des Akzents ist der alte Mann auf Isländisch ziemlich wortgewandt. Und trotz seines unscheinbaren Aussehens und des korpulenten Körperbaus ist er, anders als die meisten Leute denken, ein geborener Anführer und sehr intelligent. An einem anderen Ort und zu anderer Zeit hätte er es auf legalem Weg weit bringen können, wenn er darauf Wert gelegt hätte.“ Nicht jeder ist am legalen Weg interessiert, aus was für Gründen auch immer, sollten denn Gründe nötig sein.

Es zeichnet Schmerz ganz besonders aus, dass darin viel Lebensweisheit zu finden ist. Als Rados Schwiegervater im Gefängnis stirbt, beschreibt der Autor Doras Reaktion darauf so: „Sie empfindet Mitleid mit diesem Mann, ihrem neuen Kollegen. Sie kannte seinen Schwîegervater nicht, aber auch sie hat schon einige Menschen verloren. Manchmal auch sich selbst.“ Wenn wir andere beschreiben, beschreiben wir auch immer uns selber. Schliesslich kennen wir ausschliesslich uns selber. Und meist nicht einmal besonders gut.

Fazit: Grossartig! Packend, smart und vielfältig lehrreich.

Jón Atli Jónasson
Schmerz
Ein Fall für Dora und Rado
Scherz, Frankfurt am Main 2025

Tim Cornwell (Hrsg.): Ein diskreter Spion. John le Carrés Briefe

Tim Cornwell, der diese Briefe seines Vaters herausgegeben hat, starb kurz nach Fertigstellung dieses Buches. Sein Vorwort ist teils Lobeshymne, teils Porträt, ein hellsichtiges und einfühlsames. „Anscheinend fühlte er sich vor allem von Menschen angezogen – ob nun romantischerweise oder nicht – , die konsequent und wirkmächtig handelten, aber auch von denen, deren Verzweiflung seiner eigenen ähnelte.“

Briefe herauszugeben ist keine leichte Aufgabe – was soll man rauslassen, was hineinnehmen? – , als Sohn die Briefe seines Vaters herauszugeben, ist noch um einiges schwieriger. Vonnöten ist eine Mischung aus Distanziertheit und Einfühlungsvermögen. Dass sich Tim Cornwell entschieden hat, so wenige Eingriffe wie möglich vorzunehmen, war sicherlich ein weiser Entscheid. Hilfreich ist überdies, dass er die meisten Briefe kontextualisiert, erfreulicherweise jedoch nicht im Übermass – auch das ist eine Kunst!

Schriftsteller verfassen auch ihre Briefe für die Nachwelt. So spannend sie als Dokumente der Selbstdarstellung auch sind, manchmal hätte man sich auch die Antwort des Adressaten gewünscht. So entschuldigte sich etwa le Carré wortreich bei Graham Greene für ein Interview in der „Times“, worin ihm eine nicht existierende Nähe zu Greene unterschoben wurde. Gerne hätte man Greenes Reaktion (so es denn eine gab) darauf erfahren.

John le Carré war ein produktiver Briefeschreiber, der seine Einschätzungen klar äusserte, was diesem Werk sehr zugute kommt. Dabei wird einem auch schmerzlich bewusst, wie feige viele Schreiber sind. Mit anderen Worten: le Carré scheint ein mutiger Mann gewesen zu sein. Und einer, dem es finanziell gut ging. In Zürich stieg er im Dolder Grand ab und speiste in der Kronenhalle; in Hamburg logierte er eine Woche im Kempinski Atlantic.

Man kann dieses Buch chronologisch angehen, man kann aber auch nach Belieben irgendwo reinlesen. Ich habe mich zu Letzterem entschieden, blätterte nach vor und zurück, und las mich immer mal wieder fest. Ein diskreter Spion ist eine überaus lehrreiche Lektüre. So erfährt unter anderem, dass der deutsche Journalist und Schriftsteller Yassin Musharbash le Carré als Rechercheur zur Seite stand und ihm vermitteln sollte, „wie Islamisten denken und planen und wie deutsche Geheimdienste operieren.“

Für einen Sozialdemokraten hat le Carré sich nie gehalten, auch „das neblige Wort“ Liberaler behagt ihm nicht, am ehesten passen würde vielleicht Humanist, „aber das klingt zu sehr nach Arbeit, wie ‚was mit Menschen machen'“, schreibt er 2020 an Daniel Ellsberg. Wenig später notiert er in einem Brief an Nicholas Shakespeare: „Ich habe das Gefühl, mit einem sinkenden Schiff unterzugehen, das von Irren und Katastrophensüchtigen gesteuert wird.“ Boris Johnson und Donald Trump hielt er für lächerliche Anführer „mit keinerlei Interesse am Gesetz.“

Wie wir uns über andere äussern, offenbart ja immer auch viel über uns selbst. In einem Brief an Ben Macintyre, den Verfasser von „Agent Sonja: Kommunistin, Mutter, Topspionin“, merkt er unter anderem an: „Doch am meisten gefällt mir, dass Sie uns mit der Zeit dazu bringen, Sonja selbst zu lieben und zu bewundern und ihre endgültige Desillusionierung zu bedauern, die in gewisser Hinsicht ja unsere eigene Enttäuschung spiegelt. Sie hatte wirklich Mumm und Nerven.“

Ein diskreter Spion ist auf vielfältige Art und Weise aufschlussreich und immer mal wieder auch überraschend. So erfährt man etwa aus einem Brief an Stephen Fry, das le Carrés einst die Schweizer Staatsbürgerschaft angeboten wurde – ein ziemlich beispielloser Vorgang (die offizielle Version will es, dass man sich zuerst bei einer Gemeinde darum bemühen muss), andererseits beileibe nicht das Einzige, das in der Schweiz hinter geschlossenen Türen abläuft. Schliesslich entschied er sich für das Exil in Cornwall – auf den englischen Witz und die oft damit einhergehende Niedertracht mochte er nicht verzichten.

John le Carré muss ein ausgesprochen meinungsstarker Mann gewesen zu sein. „Bin gerade aus dem Kongo zurück. Nicht zu empfehlen, grausiges Essen.“ Ein Zwar/Aber findet man bei ihm kaum – McEwans „Amsterdam“ fand er grässlich, Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“ „einfach nur schlecht, anödend schlecht“ –, dafür Widersprüchliches wie etwa seine Einschätzung von Tom Wolfes „Ein ganzer Kerl“. Und er war ein aufmerksamer Leser, der unter anderem befand, Graham Greenes wunderbarere Satz Ich verhalte mich so, weil die Menschen mich beobachten „ist keine leicht in Worte zu fassende Einsicht“.

Ein diskreter Spion bietet ein breites Panorama von ganz Unterschiedlichem – Literatur, Familie, Politik. Zu den amüsantesten und erhellendsten Briefen gehört ein Schreiben an Alan Judd vom Februar 1996, in dem er auf ein Treffen mit Anatoly Adamishin, Botschafter der Russischen Föderation, sowie dessen Frau Olga Bezug nimmt. „Seine Gattin, die ständig von etwas schwärmt, ist eine Art Kunsthistorikerin. Sie haben ein Buch mitgebracht, das sie zusammen über die Villa der Botschaft in Italien ‚geschrieben‘ haben – es besteht nur aus Fotos. Beide sind völlig verzweifelt wegen Russland, sie vor allem bedauert das Ableben der alten Garde, auf spöttische Weise, denn damals habe man zumindest gewusst, wer die Ganoven gewesen seien. Vor allem beklagen die beiden den Verlust von Nationalstolz, der sich ganz echt & rührend anfühlt.“

Ganz besonders interessant sind die Briefe an die jeweiligen Verleger. Und speziell das Schreiben an Peter Osnos von Random House, New York, worin le Carré sich dagegen verwahrt, dass Markus Wolf, der einstige DDR-Geheimdienstchef, als Autor der Verlagsgruppe in Betracht gezogen werden soll. Einige werden sich erinnern: Nach dem Fall der Mauer war Wolf ein gefragter Gesprächspartner der Medien. Es spricht sehr für le Carrés Integrität, dass er nicht als Teil der Werbekampagne dieses Wendehalses zur Verfügung gestanden ist.

John le Carré war nicht nur bestens informiert, sondern verfügte auch über einen klaren Blick für das Wesentliche. Kein Wunder, sind seine Ausführungen zu den Russen besonders aufschlussreich. „Der Subtext sind natürlich die rücksichtslosen Geldwäscheoperationen, die die City zugunsten der Oligarchen durchführt, und das Auge, das wir angesichts der russischen Kleptokratie zudrücken.“

Fazit: Höchst unterhaltsame und überaus erhellende Aufklärung.

Tim Cornwell (Hrsg.)
Ein diskreter Spion
John le Carrés Briefe
Ullstein, Berlin 2025

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte