Fred Vargas: Klimawandel – ein Appell

Fred Vargas, erfahre ich aus der Presseinformation, ist Doktorin der Archäozoologie und ehemalige Mitarbeiterin am renommierten Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung in Paris. Mir selber ist ihr Name als Verfasserin von Kriminalromanen geläufig.

Im November 2008, anlässlich des Klimagipfels in Helsinki, verfasste sie einen kurzen Text zum Klimaschutz (er ist in diesem Buch abgedruckt), der weltweit geteilt wurde. 10 Jahre später, an der UN-Klimakonferenz in Katowice, wurde derselbe Text von Charlotte Gainsbourg vorgetragen. Offenbar hatte der Text nichts von seiner Aktualität eingebüsst – und das sagt uns so recht eigentlich alles über Klimakonferenzen und die Regierungstheater, die wir uns gefallen lassen: Sie sind schlicht für die Katz, taugen höchstens als Inszenierungen eitler Wichtigtuer.

Mir gefällt, wie Fred Vargas ihre Herangehensweise schildert – was sie sich vorstellt, sich vornimmt, und wie es dann herauskommt. Je mehr sie darüber lernt, wie der Mensch mit der Welt umgeht, desto fassungsloser ist sie ob diesem gigantischen Verbrechen. Sie liest überaus langweilige Auszüge aus ministeriellen Dokumenten, wird zunehmend ungehaltener darüber, wie inkompetent Regierungen, denen wir die Verantwortung für den Planeten zugeschoben haben (ohne zu bedenken, dass die Politik der verlängerte Arm der grossen Konzerne ist), unseren Lebensraum verwalten. Dabei spricht ganz besonders für sie, dass sie die Dinge in den grossen Zusammenhängen sieht und die Werbung als das bezeichnet, was sie ist: Desinformation.

So allgemein wissen wir ja alle (also gut: so ziemlich alle), dass stetiges Wachstum nicht nur ein Unding ist, sondern schlicht nicht funktionieren kann. „Glaubt nicht, ich hätte mehr gewusst als ihr. Ich habe nur gesucht, ich habe gearbeitet, und am Ende habe ich erreicht, was ich erreichen musste: Ich habe erfahren. Und was ich erfahren habe, das muss ich mit euch teilen, denn nur gemeinsam können wir den Schock mildern, auf den unsere Erde und alles Leben auf ihr zutreiben.“

Das Tolle an diesem Buch ist, wie Fred Vargas aufzeigt, zu was unsere Ideologie des Gewinnstrebens geführt hat: 82 Prozent des Reichtums der Welt liegt in den Händen von 1 Prozent der Weltbevölkerung; allein in Europa beläuft sich die jährliche Steuerflucht auf über 1000 Milliarden Euro. Aberwitziger und zerstörerischer als unser Gesellschaftssystem geht gar nicht!

Der Motor unseres materiellen Wohlstandes (und unserer seelischen Desorientiertheit) ist die Gier. Wir sind in einem System gefangen, das darauf angelegt ist, uns zu Süchtigen zu machen, die den Hals nicht voll kriegen und immer mehr wollen. Darauf ist auch die Intensivierung der Landwirtschaft zurückzuführen, die uns ermöglicht, sommers wie winters (weitestgehend geschmacksfreie) Südfrüchte von all überall her zu konsumieren. Dass diese Intensivierung auch ein Massensterben von Tieren und Pflanzen zur Folge hat – In Europa und Zentralasien sind in den letzten zehn Jahren 42 Prozent aller Tiere und Pflanzen verschwunden, ebenso 71 Prozent der Fische und 60 Prozent der Amphibien – , wird, wenn überhaupt. schulterzuckend hingenommen. Man täusche sich nicht: Entgegen anderslautenden offiziellen Verlautbarungen gilt Nach uns die Sintflut.

Klimawandel – ein Appell ist ein sehr informatives Werk, das nützliche und notwendige Aufklärung darüber liefert, wem die gegenwärtige Misere zu verdanken ist. Den Treibhausgas-Emissionen, zum Beispiel. „An der Spitze steht die Industrie mit einem Anteil von 32 Prozent, gefolgt von, ihr werdet es nicht glauben, Viehzucht, Landwirtschaft und der mit ihr verbundenen Entwaldung mit einem Anteil von 25 Prozent …“.

Es ist zudem auch ein recht umfassendes Werk; kaum ein Bereich, der nicht zu Sprache kommt. Das Recyceln der Batterien genauso wie das Elektroauto, die Erschöpfung der Lithium-Vorräte wie der gigantische Wasserverbrauch, die miserable Ökobilanz der Pflanzenmilch wie auch das krebsfördernde Natriumnitrat, das bei der Herstellung von Speck, Wurst und gekochtem Schinken zum Einsatz kommt.

Es ist eine ausgesprochen detaillierte Auseinandersetzung, die Fred Vargas hier vorlegt. Und die Fakten sprechen eine klare Sprache. Ihr Forderungskatalog ist ebenfalls sehr ausführlich. Man kann ihn ambitioniert und unrealistisch finden, man kann sich aber auch fragen, was man persönlich tun kann. Wie wär’s mit der drastischen Einschränkung unseres Fleischkonsums? Das passt Ihnen nicht? Mir auch nicht. Doch das ist vollkommen irrelevant. Relevant ist hingegen, was zu tun, also was nötig ist, um der weiteren Zerstörung unseres Lebensraums Einhalt zu gebieten.

„Wir sind dazu verurteilt, gemeinsam zu handeln oder alle wie die Trottel unterzugehen“, sagte Martin Luther King einmal zu den Schwarzen. Der Satz gehört heutzutage uns allen gesagt.

Klimawandel – ein Appell ist ein aufrüttelndes Buch, das einen wütend macht, Und das ist nötig.

Fred Vargas
Klimawandel – ein Appell
Wir müssen jetzt handeln, um unser Klima zu retten
Limes Verlag, München 2021

Dr. Robin Stern: Der Gaslight-Effekt

Sprache ist, wie alles andere auch, dem stetigen Wandel ausgesetzt: In der heutigen Zeit sind es vor allem Anglizismen, ohne die das Deutsche offenbar nicht mehr auskommt. Der Buchhalter heisst jetzt Controller, der Chef CEO und die Personalchefin Head of Human Resources.  Diese Begriffe wörtlich ins Deutsche zu übersetzen ist keine gute Idee; das gilt auch für Gaslight-Effekt, den man womöglich nicht sofort versteht, doch Gaslicht-Effekt eben noch weniger. Was also ist der Gaslight-Effekt?

Am besten illustriert man das an einer Geschichte. Und ganz besonders eignet sich dazu die von John Oliver, einem englischen Moderator, der im amerikanischen Fernsehen seine eigene Show hat, in die er den früheren amerikanischen Präsidentendarsteller (den Golfer aus Florida) nie einladen würde, da er diesen für einen ausgemachten Trottel hält, was den jedoch nicht davon abhält, öffentlich zu behaupten (mehrmals), Oliver habe ihn in seine Sendung eingeladen (mehrmals), was er jedoch abgelehnt habe. Oliver wusste, dass der Florida-Golfer log – und war trotzdem verunsichert: „Ich habe sogar nachgeforscht, um sicherzugehen, dass niemand ihn versehentlich eingeladen hatte. Hatte aber natürlich niemand.“

Beim Gaslighting geht es also darum, jemanden derart zu verunsichern, dass er seiner eigenen Wahrnehmung nicht traut. Gemäss der Psychoanalytikerin Robin Stern geschieht eine solche Verunsicherung schrittweise. Zudem unterscheidet sie drei Typen des Gaslighters. „Der Glamour Typ erschafft eine Welt nur für sie; Der Good-Guy-Gaslighter: Was stimmt bloss nicht?; Der ‚Tyrannisator‘: Zuständig für Schikanen, Schuldgefühl und Liebesentzug.“

Wer jetzt denkt, wer fällt schon auf solche Deppen rein?, sollte genauer hinschauen, denn Beziehungen, alle Beziehungen, sind viel häufiger von vielfältigen Abhängigkeiten geprägt, als uns lieb ist. Gaslighting bedeutet, dass eine solche Abhängigkeit lähmend ist. Die Lösung liegt auf der Hand: Man muss sich daraus befreien. Doch wie so vieles ist das leichter gesagt als getan. Und Robin Stern erklärt, weshalb das so ist.

Da ist zum Beispiel die Empathiefalle. Empathie ist ja an sich positiv, ja wünschenswert, doch eben nicht immer. Etwa dann, wenn sie nur einseitig ist. „Sie wollte seinen Standpunkt verstehen, er aber nicht ihren. Wenn sie sich stritten, liess sie seinen Argumenten viel Raum, er aber ging nie auf ihre ein.“ Wir kommt man da raus? Robin Stern rät dazu, die eigenen Gedanken und Gefühle zu klären, sich an einem idealen Berater zu orientieren und mit jemandem zu sprechen, dem man vertraut. Ziel dabei ist, sich darauf zu besinnen, wer man ist und was man im Leben will.

Problematisch ist auch die Erklärungsfalle. „Wenn Sie in die Erklärungsfalle tappen, versuchen Sie möglicherweise, sein Verhalten zu entschuldigen. Sie sind so erpicht auf seine Anerkennung und sehen ihn in einem solch verklärten Licht, dass Sie sein Verhalten ignorieren und sich auf seine Aussage konzentrieren.“ Auch hier gilt: Bei sich bleiben. Dies meint: Statt sich um die Anerkennung duch den andern zu bemühen, sich diese selber geben.

Der Gaslight-Effekt  ist reich an individuellen Fallgeschichten. Dazu kommen kommen viele Checklisten sowie zahlreiche Anregungen, die, auch wenn sie häufig von einer schwer zu übertreffenden Simplizität sind – „Ich sehe die Dinge anders.“; „Das ist deine Wahrnehmung, meine ist anders.“ – , eben doch auch immer mal wieder hilfreich sein können.

Dr. Robin Stern
Der Gaslight-Effekt
Wie Sie versteckte emotionale Manipulationen erkennen und abwenden
Komplett-Media, München/Grünwald 2017

Robert MacFarlane: Im Unterland

Wir schauen zwar gelegentlich zu den Sternen hoch, doch Gedanken zu dem, was sich unter uns, im Boden befindet, machen wir uns selten bis gar nicht. Zugegeben, ich rede von mir. Einer, der sich darüber nicht nur Gedenken macht, sondern die Welt unter der Erde erkundet, ist Robert MacFarlane. Doch er tut dies nicht allein, sondern wird angeleitet. Etwa von seinem Freund Sean, der Imker, Höhlenkletterer, Wanderer und Dichter ist. Mit ihm will er die Mendip Hills, eine Hügellandschaft südlich von Bristol und westlich von Bath erkunden. „Ich bin in die Mendip Hills gekommen, um zu lernen, wie man im Dunklen sieht.“

Robert MacFarlane berichtet jedoch nicht nur von seinen eigenen Entdeckungsreisen, sondern auch von denen anderer. Etwa von der schlimmsten Episode der britischen Höhlenkletterei, die sich am 22. März 1959 ereignete, als der zwanzigjährige Philosophiestudent Neil Moss aus Oxford in einem engen Schacht steckenblieb. Oder von den Untersuchungen der kanadischen Forstökologin Suzanne Simard, die herausfand, dass es ein unterirdisches Netzwerk von Pilzen und Pflanzen gibt, auch „wood wide web“ oder „Internet der Bäume“ genannt.

Doch wie funktioniert dieses Internet der Bäume? Nach den Gesetzen des ‚freien Marktes‘, also angetrieben von Konkurrenz, oder eher nach dem Prinzip des gegenseitigen Helfens und Unterstützens? „Ich habe beide Erzählungen satt“, sagt Merlin, als wir den See verlassen. „Der Wald ist viel komplizierter, als wir es uns in unseren kühnsten Träumen ausmalen. Bäume produzieren nicht nur Sauerstoff, sondern auch Bedeutung. Wenn ich durch den Wald gehe, fühle ich mich wie eine winzige Figur in einem Mysterienspiel, das auf mehreren zeitlichen Ebenen stattfindet.“

Unser Verhältnis zur Natur ist auch von der Sprache geprägt. In Potawatomi, einer Indianersprache aus den Great Plains geht die Kategorie des ‚Lebendigen‘ weit über die üblichen Grenzen des westlichen Denkens hinaus. „Auf Potawatomi sind nicht nur Menschen, Tiere und Bäume lebendig, sondern auch Berge, Steine, Wind und Feuer.“

Robert MacFarlane ist von einer schier unerschöpflichen Neugier geleitet und bringt viel Überraschendes zutage. So berichtet er etwa von dem Mann, der auf der Anatolischen Hochebene in eine unterirdische Stadt gestolpert war. Oder von der Einlagerung der Gebeine in den Katakomben von Paris. Oder dass, als die Deutschen Odessa während des Zweiten Weltkrieges einkesselten, ukrainische Partisanengruppen in den Katakomben zurückblieben  und von dort aus Angriffe starteten. Oder dass jede Stadt ihre unsichtbare Stadt hat – Tunnels, Rolltreppen, Keller, Schächte, Erdkabel etc.
Immer mal wieder staune ich, was es so alles gibt. Etwa die Subkultur des Urban Exploring, das der Autor als „einen abenteuerlichen Vorstoss in die bebaute Umgebung“ beschreibt. Dafür braucht man unter anderem „Schwindelfreiheit, Freude an Verfallenem und Altem, eine Faszination für Infrastruktur, die Bereitschaft über Zäune zu klettern und Gullydeckel anzuheben“ und und und. Diese Subkultur hat übrigens wiederum Subkulturen mit zahlreichen Spezialgebieten wie Bunkerologen, Gerüst- und Gebäudekletterer, Gleisläufer oder ‚Kanalratten'“ hervorgebracht.

Doch Robert MacFarlane präsentiert nicht einfach eine ziemlich exotische Gruppe von Leuten, die aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten stammen, unzufrieden und wenig folgsam unterwegs sind, er erzählt, neben seiner Faszination, auch von den unguten Gefühlen, die einige Aspekte ihres Tuns bei ihm auslösen.

In Italiens Nordosten, im slowenischen Hochland, in Norwegen und Grönland ist er unterwegs. Und in Bibliotheken. Was er mit Walter Benjamins Passagen-Werk  erlebt, beschreibt so recht eigentlich die Erfahrung, die er mit der Welt unter der Erde macht. „Es hat keine Handlung im herkömmlichen Sinn, sondern Muster, Echos, Erinnerungsgeister und ineinander verwobene Subtexte. Beim Lesen fühlt man sich körperlos, knochenlos –¨imstande, die Zeit durch seine versteckten Katzenklappen, seine geheimen Durchgänge zu durchqueren.“

Was mich ganz besonders für Im Unterland  einnimmt, ist die persönliche und ausführliche Charakterisierung der Personen, mit denen Robert MacFarlane zu tun hat, denn dadurch erhält man eine Vorstellung davon, wer ihm die Informationen vermittelt, die er  präsentiert. Gleichzeitig macht er damit deutlich, wie individuell verschieden die Weltwahrnehmung ist. Und genau dies macht sie spannend.

Dieses Buch ist ein veritabler Augenöffner. Es zeigt mir Welten, derer ich mir nicht bewusst war, es macht mich aufmerksam auf eine Realität, die ich bislang gar nicht zur Kenntnis genommen habe. Im Unterland ist ein überaus faszinierendes Aufklärungsbuch, das uns wieder einmal deutlich macht, dass die Wirklichkeit um einiges spannender ist als unsere gängige Medienwelt uns weismachen will.

Robert MacFarlane
Im Unterland
Eine Entdeckungsreise in die Welt unter der Erde
Penguin Verlag, München 2021

Chris Offutt: Unbarmherziges Land

Ein guter Krimi zeichnet sich wesentlich dadurch aus, dass der Text Bilder im Kopf hervorruft, die einen gleichsam vor Ort mit dabei sein lassen. Im Falle von Chris Offutts Unbarmherziges Land hatte ich das Gefühl, neben dem alten Mann auf der Suche nach Ginseng durch den Wald zu gehen, so anregend war das geschildert. Dann stösst er auf eine Frauenleiche …

Sheriff Linda Hardin und ihr Bruder Mick, Ermittler des CID, der Strafverfolgungsbehörde der US-Army, werden aktiv. Mick, der mit Alkohol versucht seine Dämonen aus dem Irakkrieg zu vertreiben, bekämpft seinen Hangover, indem er den Kopf ins kalte Wasser steckt und dabei redet. „Er hatte einmal von einem Wissenschaftler gelesen, der mit Wasser sprach, es dann einfror und die Eiskristalle untersuchte, je nachdem, was er gesagt hatte. Nette, im freundlichen Tonfall gesprochene Worte ergaben hübschere Kristalle. Es war eine abstruse Idee, aber vielleicht stimmte sie ja doch.“ Nicht zuletzt solcher Szenen wegen, lese ich Krimis.

Und wegen Lebensweisheiten wie diesen: „Such nicht die Pilze, sondern die Stellen, an denen sie wachsen. Such im Dunkeln nicht nach einer Fährte, sondern geh da lang, wo keine Bäume wachsen. Schau nach Umrissen und Farben, nicht nach dem Ding selbst.“

Unbarmherziges Land ist ein Kentucky-Krimi und das meint, dass Lokalkolorit gut vertreten ist. So erfährt man etwa, von der Vorliebe der Einheimischen fürs Handeln und Tauschen. Oder dass wenn jemand zu Fuss auf der Strasse unterwegs ist, das automatisch heisst, dass er mitgenommen werden will. Kentucky meint aber hier auch, dass das County vom Besitzer der Kohleminen regiert wird, Blutsverwandtschaft (Blutrache inklusive) über allem steht und die Bereitschaft mit der Polizei zusammenzuarbeiten, nicht gerade ausgeprägt ist. Dazu kommt, dass der Konsum von verschreibungspflichtigen Medikamenten Dimensionen angenommen hat, welche die normale Vorstellungskraft übersteigen.

Das alles mit allem zusammenhängt, dürfte mittlerweile manchen bekannt sein, doch vermutlich wurde das selten so eindrücklich aufgezeigt wie in Unbarmherziges Land, wo man nicht nur viel über die Natur lernt – dass Pappeln, zum Beispiel, sich nicht zum Verfeuern oder als Bauholz eignen und der Wind sie leicht umbläst. „Vielleicht mögen die anderen Bäume sie. Die Vögel vielleicht.“ – , sondern auch über das Zusammengehen von Tier und Mensch.

Wer wissen will, wie es auf der Welt zugeht, sollte zu Kriminalromanen greifen. So jedenfalls meine Erfahrung.“Männer unterbrachen Frauen nach durchschnittlich acht Sekunden. Wenn eine Frau den Mund gar nicht erst aufmachte, hielten die Männer keine vier Sekunden durch. Das jedenfalls hatten Sozialwissenschaftler mit Regierungsgeldern und Stoppuhr festgestellt.“ Womit wieder einmal geklärt wäre, was Sozialwissenschaftler eigentlich tun und wie Steuergelder eingesetzt werden.

Unter den cleveren Einsichten, die mir Chris Offutt vermittelt, gehört diese hier zu meinen Favoriten: „Wilson hatte sich gefügt. Er hatte sich immer gefügt – seinem Bruder, seinen Eltern, Knox. Dieser Fügsamkeit verdankte er einen tiefen Hass auf sich selbst.“

Wie jeder gute Krimi ist auch Unbarmherziges Land weit mehr als eine spannende Geschichte. Er ist auch ein sensibles Porträt vom Leben in Kentucky wie auch einer schwierigen, berührenden Liebesgeschichte – reich an psychologischem Feingespür und tollen Dialogen.

Fazit: Smart, empathisch und horizonterweiternd.

Chris Offutt
Unbarmherziges Land
Ein Kentucky-Krimi
Tropen Verlag, Stuttgart 2021

Lee Child: Der Spezialist

Jack Reacher, ein ehemaliger Militärpolizist, „einen Meter fünfundneunzig gross, breitschultrig, nur Muskeln und Knochen, nicht besonders gutaussehend, nie sehr gut angezogen, meist ein bisschen zerzaust“, ist per Anhalter unterwegs, von einer kleinen Küstenstadt in Maine nach San Diego. Dies der Plan, doch dann verschlägt es ihn nach Laconia, New Hampshire, wo sein Vater aufgewachsen ist.

Reacher ist ein Instinkt-Mensch, besucht keine Kurse, um besser zu funktionieren, er weiss sich in der Tradition seiner Vorfahren. Und er hat Witz. Als ein alter Mann, der ihn mitnimmt, das Rumpeln seines alten Wagen mit einem Unfall erklärt, fragt Reacher nach, wann das gewesen sei. „Vor fast dreiundzwanzig Jahren.“

Doch so auch instinktgeleitet er auch unterwegs ist, seine ebenso grosse Stärke ist das Planen. Und das meint: Ganz unterschiedliche Szenarien detailliert durchzudenken und abzuwägen, bevor er handelt.

Parallel zur Suche nach seinem Vater wird die Geschichte der beiden fünfundzwanzigjährigen Patty Sundstrom und Shorty Fleck erzählt, die mit ihren klapprigen Honda Civic nach Süden unterwegs sind. In der Nähe von Laconia gibt ihr klappriger Wagen seinen Geist auf, sie finden Unterschlupf in einem einsamen und leeren Motel. Wie Lee Child den ständig angespannten Shorty schildert, der spürt, dass sie unter Psychopathen gelandet sind, kündigt aufkommendes Unheil an. Und auch Patty ahnt, dass sie an einem unguten Ort gestrandet sind.

Reachers Erkundigungen nach seinen Vorfahren gestalten sich weit schwieriger und aufwendiger als er sich das vorgestellt hat. Das liegt auch, aber nicht nur, an der amerikanischen Bürokratie, die es, wie Bürokratien es so an sich haben, nicht in erster Linie für die Bürger da ist, sondern zur Arbeitsplatzsicherung der Bürokraten. Gleichzeitig erweist sie sich als Fundgrube, jedenfalls wenn man so beharrlich bleibt wie Reacher. Seine Familie, so scheint es, hat in der Gegend gewohnt, wo das Motel steht, in dem Patty und Shorty Fleck festsitzen.

Reacher ist nicht der Einzige, dessen Instinkte funktionieren; auch Patty wird von Impulsen geleitet, die sich ihren Weg ins Bewusstsein bahnen, zum Nachdenken und dann zum Handeln übergehen. Doch mehr soll hier nicht verraten werden … ausser: Wie Lee Child die beiden Geschichten zusammenbringt und es dabei schafft, die Spannung immer mehr zu steigern, ist überaus gekonnt.

Was diesen neuesten Jack-Reacher-Roman für mich ausmacht, sind unter anderem Aussagen, die mich zum Lachen bringen. „Die Wirklichkeit schert sich nicht darum, was man denkt. Sie existiert einfach weiter.“ Und so grandiose Dialoge wie etwa dieser: „Lassen Sie nicht zu, dass Ihr Ego einer klugen Entscheidung im Weg steht.“ „Damit haben Sie gerade jeden General in der US-Geschichte abserviert.“ „Sie waren kein General, machen Sie nicht den gleichen Fehler.“ Dann aber auch Stellen wie diese, die unsere moderne Welt, in der das Sich-Selbst-Anpreisen zum wichtigsten Attribut gehört, treffend charakterisieren. „Sehen Sie, er ist Professor an einer Universität. Ein Akademiker. Davor habe ich höchsten Respekt. Ich war selbst mal Lehrer, das dürfen Sie nicht vergessen. Aber heutzutage ist das anders. Diese Leute müssen ständig für sich selbst werben. Das geht weit über ‚Publizier oder krepier‘ hinaus. Sie müssen in den sozialen Medien unterwegs sein. Sie müssen jeden Tag etwas Neues bringen …“. Und diese: „’Die Welt hat sich weiterentwickelt‘, erklärte Reacher. ‚Sie scheinen als Banker eine Vorzugsbehandlung zu erwarten. Seit wann ist das üblich? Das muss ich verpasst haben.“

Fazit: Packend, clever, voller überraschender Wendungen.

Lee Child
Der Spezialist
Blanvalet, München 2021

Liam McIlvanney: Ein frommer Mörder

Dieser Krimi, ausgezeichnet mit dem schottischen Krimipreis, spielt im Glasgow der 60er-Jahre und basiert auf dem historischen Fall des Serienkillers Bible John. Verfasst wurde er von Liam McIlvanney, der als Professor für Schottland-Studien an der Universität von Otago, Neuseeland, lehrt.

Detective Inspector Duncan McCormack, Asthmatiker und ursprünglich aus den Highlands, soll den Glasgower Kollegen bei der Aufklärung dreier Frauenmorde zur Seite stehen, doch diese mögen den Neuankömmling nicht. Liam McIlvanney schildert die angespannte Atmosphäre auf der Polizeistation sehr gekonnt. Noch gekonnter ist ihm der Einstieg in Ein frommer Mörder gelungen, in dem er schildert, wie eines der späteren Opfer sich zum Treffen mit ihrem Mörder aufmacht. Nein, nein, lass dich auf den nicht ein, hau ab, ist man versucht, ihr zuzurufen.

Ein frommer Mörder berichtet von der Suche nach dem Serientäter. „Es musste eine Verbindung geben, dachten sie, aber sie konnten sie nicht finden.“ Wie üblich meldeten sich auch Stimmen aus der Bevölkerung, die genau wussten, wer der Täter war – meist jemand, mit dem sie noch ein Hühnchen zu rupfen hatten. „Sie konnten nicht begreifen, warum die Methoden, die früher zum Erfolg geführt hatten, jetzt nicht mehr funktionierten. Sie wechselten nicht den Ermittlungsansatz. Sie probierten keine neuen Konzepte aus. Sie machten dasselbe wie immer, noch noch verbissener.“

Menstruationsblut scheint bei der Ermordung der drei jungen Frauen eine Rolle zu spielen und so macht sich McCormack in der Bibliothek kundig. Dabei erinnert er sich an eine Geschichte von Edgar Allan Poe und den Satz: „Wie die Erfahrung lehrt, erwächst ein grosser, vielleicht der beträchtlichere Teil der Wahrheit aus dem scheinbar Unwesentlichen.“ Nur um dann hinzuzufügen: „Aber das war Literatur. Im wirklichen Leben brachten die Zeitungen einem keine Erkenntnisse.“

Ein frommer Mörder ist kein Page-Turner; ich jedenfalls hing nicht gebannt der Frage nach, ob und wie die Ermittler fündig würden. Und trotzdem fühlte ich mich in diese Geschichte hineingezogen. Das liegt daran, dass Liam McIlvanney ein verdammt guter Erzähler ist, der versteht wie Menschen ticken und mich zudem auf Glasgow („Glasgow würde immer Glasgow sein, die russige Stadt, wo die Zeit stillstand.“) neugierig macht.

Parallel dazu wird die Geschichte eines geplanten Raubüberfalls auf ein Auktionshaus in Glasgow erzählt. Die Animositäten innerhalb der Einbrecher-Truppe ähneln denen bei der Polizei. Wie dieser Überfall ausgeht, erzeugt fast mehr Spannung als die Suche nach dem Serienmörder. Doch das ändert sich gegen Ende dieses packenden Krimis. Wie die beiden Geschichten zusammenhängen, soll hier nicht verraten werden …

Ein frommer Mörder ist auch ein Stück Zeitgeschichte. Wie viele Polizisten damals Homosexuelle behandelten, ist schwer zu ertragen. McCormacks eigene Homosexualität, die damals unter Strafe stand, wird erfreulicherweise, denn sie spielt für die Lösung des Falles keine Rolle, bis fast zum Schluss nur beiläufig erwähnt. Doch dann wird er erpresst.

Es ist vor allem Liam McIlvanneys denkende Beobachtungsgabe, die mich für dieses Buch einnimmt. „Etwas in der Art, wie er sich bewegte, deutete darauf hin, dass er ein Einzelgänger war, unterwegs in einer eigenen Welt, verloren in einer Mondlandschaft aus Schuttbergen und Schlammpfützen. Paton empfand einen Anflug von Mitgefühl, fast so etwas wie eine Seelenverwandtschaft mit dem kleinen Kerl.“ So denkt übrigens ein Geldschrankknacker, der in den Hügeln nahe Glasgow plötzlich merkt, dass er glücklich ist. „Hier auf diesem kargen Hügel, mit nassen Füssen und schmerzenden Beinen, von der Polizei gejagt, war er viel glücklicher, als er es seit Monaten gewesen war.“ Genau so ist es mit dem Glück: Es überrascht uns, wann es will, nicht wann wir wollen.

Und gerade noch ein Beispiel, das deutlich macht, dass dieser Autor ein höchst aufmerksamer, gescheiter Beobachter ist. „Er lief Richtung Süden und bog in die Hozier Street. Sonntagsstille, leblose, leere Fenster. Lauf langsamer, Mann, ermahnte er sich: Lauf normal, wie einer, der nur mal eben die Sonntagszeitung holen geht. Aber seine Beine liessen sich nichts vorschreiben.“ Treffender lässt sich nicht beschreiben, dass nicht wir den Körper, sondern dieser uns bestimmt.

Fazit: Clever, einfühlsam, atmosphärisch dicht. Ein aussergewöhnlicher Krimi.

Liam McIlvanney
Ein frommer Mörder
Kriminalroman
Wilhelm Heyne Verlag, München 2021

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte