David Brooks: Charakter

Demut, Mitgefühl sowie die ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst sind unabdingbar für die Charakterbildung, doch in unserer Kultur werden sie nicht gefördert. Stattdessen wird uns beigebracht, „wie man sich selbst vermarktet und anpreist und die für den beruflichen Erfolg notwendigen Kompetenzen aneignet.“ Das führt dazu, dass wir keinen inneren Kompass entwickeln, der uns sagt, was für uns richtig und was falsch ist. Und so werden wir im Übermass abhängig davon, was andere über uns denken.

In David Brooks Charakter. Die Kunst Haltung zu zeigen geht es um die Frage, „wie es einigen Menschen gelungen ist, einen starken Charakter zu entwickeln. Es geht um eine geistige Haltung, die sich Menschen durch die Jahrhunderte hindurch zu eigen gemacht haben, um ihren inneren Wesenskern zu härten und Herzensweisheit zu erlangen.“ 

Wir leben in egomanischen Zeiten. 1950 fragte das Meinungsforschungsinstitut Gallup Highschool-Zwölftklässler, ob sie sich für eine sehr wichtige Person hielten. 12 Prozent antworteten mit Ja. 2005 waren es 80 Prozent.

In uns hineinzuhören, nachzudenken, unseren Leidenschaften zu folgen und unseren Gefühlen zu vertrauen, scheint uns nicht nur sinnvoll, sondern natürlich. Sich zu fragen, was man vom Leben will, was wichtige Lebensziele sein sollen, ist uns selbstverständlich. Und könnte irriger nicht sein, denn das Leben lässt sich nicht wie ein Business-Plan organisieren.

Realistischer wäre, sich umgekehrt zu fragen: Was will das Leben von mir? Welche Handlungsweise verlangen meine Lebensumstände von mir? „Nach dieser Sichtweise sind wir nicht die Schöpfer unseres Lebens, vielmehr nimmt uns das Leben selbst in die Pflicht. Die wichtigen  Antworten finden wir nicht in  uns, sondern um uns herum.“

Der jüdische Psychiater Viktor E. Frankl wurde 1942 von den Nazis verhaftet und landete in verschiedenen Konzentrationslagern, wo er zum Verlegen von Bahngeleisen abkommandiert wurde. „Dies war nicht das Leben, das er für sich selbst geplant hatte. Dies war nicht seine Leidenschaft oder sein Traum. Wenn es nach ihm und seinen Wünschen gegangen wäre, hätte er dies nicht getan. Aber das war nun einmal seine Aufgabe, die ihm das Schicksal zugewiesen hatte. Und er begriff: Was für eine Art Mensch er werden würde, hing von der inneren Entscheidung ab, die er als Reaktion auf diese Umstände träfe.“

Frankl nahm sein Schicksal an. Da er die äusseren Zustände nicht kontrollieren konnte, bemühte er sich, nicht zum Opfer seiner Gefühle zu werden, seine seelische Verfassung zu disziplinieren. Und er fragte sich, was ihn seine Situation über das Leben lehren könne: „Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem Einzelnen das Leben stellt“.

David Brooks porträtiert in seinem Buch Menschen, für die nicht die Selbstverwirklichung im Zentrum stand und die deshalb viel in der Welt bewirken konnten. Das meint nicht, dass sie sich selbst entfremdet waren, sondern dass sie nicht dem Ethos der Authentizität huldigten.
Der Philosoph Charles Taylor hat von einer eigentlichen „Kultur der Authentizität gesprochen. „Diese Einstellung basiert auf der romantischen Vorstellung, dass jeder von uns im Kern seines Selbst eine Goldene Figur birgt … Nach dieser Anschauung kann man dem Selbst vertrauen und sollte ihm nicht misstrauen … Wir wissen, dass wir das Richtige tun, wenn wir uns innerlich gut fühlen.“

Anhand der unterschiedlichsten Biografien (von Augustinus bis zu Georg Eliot) meditiert Brooks über die Werte, die unser Leben prägen und plädiert für eine grundsätzlich andere Ethik als die herrschende Ego-Sicht, die Verhalten belohnt, das zum Erfolg führt, Kalkül und Eigennutz befördert.

Hätten wir die Wahl zwischen Wohlbehagen und Bequemlichkeit (von den Ökonomen Eigennutz, von  den Psychologen Zufriedenheit genannt) einerseits und Leiden andererseits, würden wir wohl kaum das Leiden wählen. So einleuchtend uns dies auch scheinen mag, es ist beim genauen Hinsehen verblüffend, denn durch Leiden entwickeln wir uns. „Wenn wir uns an die entscheidenden Ereignisse erinnern, die unsere Persönlichkeit formten, sind dies in der Regel keine ‚Glücksmomente‘. Am prägendsten scheinen vielmehr die leidvollen Erfahrungen zu sein. Die meisten Menschen greifen nach dem Glück, haben aber das Gefühl durch Leiden geformt zu sein.“

Der Mensch ist nicht nur ein widersprüchliches, sondern auch ein sehr sonderbares Wesen. „Er kann seinen eigenen Willen nicht in die Tat umsetzen, er kennt seine langfristigen Interessen, hat es aber auf kurzfristigen Lustgewinn abgesehen, und er gibt sich redlich Mühe, sein Leben zu verpfuschen“, wie bereits Augustinus erkannte.

Was also ist zu tun? Wir müssen lernen, ins Gleichgewicht zu kommen, indem „wir uns, zumindest teilweise, der vorherrschenden Kultur widersetzen“, so David Brooks. Also nicht selbstsüchtig, sondern moralisch leben. „Moralisch gute Handlungen erfüllen uns mit einer Freude, die alle anderen Freuden kümmerlich und leicht entbehrlich erscheinen lässt.“

David Brooks
Charakter
Die Kunst Haltung zu zeigen
Kösel Verlag, München 2015

Cheryl Strayed: Der grosse Trip zu dir selbst

Cheryl Strayed, geboren 1968, landete mit ihrem autobiografischen Buch „Wild – Der grosse Trip“ einen riesigen Erfolg, der von und mit Reese Witherspoon verfilmt wurde. Mit Der grosse Trip zu dir selbst  liegt nun eine Sammlung ihrer Ratgeberkolumnen vor, in denen sie Fragen beantwortet „zu Liebe und Sex, zu Geld und Verlust, zu Eltern und Kindererziehung, darüber, wie man schlechte Gewohnheiten ablegt, Traumata und Suchtverhalten überwindet, sich von einem gebrochenen Herzen und einer verkorksten Kindheit erholt.“

Wie kommt eine zweiundvierzigjährige, geschiedene, wiederverheiratete Mutter von zwei kleinen Kindern, die von sich selber sagt, dass sie keine Ratgeberkolumnen liest, dazu, eine solche zu schreiben? Nun ja, ein Bekannter und Schriftstellerkollege hatte sie angefragt. Ja gesagt hatte sie nicht zuletzt, weil es dabei wie bei der Schriftstellerei auch darum geht, „von Grund auf auszuloten, was es heisst, ein Mensch zu sein.“

Als Online-Ratgeberin sah sie ihre Aufgabe darin, den Leuten „aus der Sicht von jemandem beizustehen, der das alles selbst schon mitgemacht hat – beziehungsweise, in manchen Fällen, immer noch mitmacht.“ Da redet und schreibt also keine Besserwisserin oder einschlägig diplomierte Expertin, sondern eine Frau, die über viel reflektierte Erfahrung verfügt. „Jedem meiner Beiträge lag meine feste Überzeugung zugrunde, dass die Wahrheit zwar manchmal wehtut, uns aber niemals umbringt. Genau genommen kann nur sie allein uns Erlösung bringen.“ Da ich das genauso sehe, habe ich Cheryl Strayeds Ausführungen mit Sympathie und Interesse gelesen.

Der grosse Trip zu dir selbst  ist weit entfernt von der Art Ratgeber, der einem sagt, was man tun soll, damit alles auch garantiert gut werden wird. Stattdessen erzählt Cheryl Strayed Geschichten von sich, erläutert, wie sie selber mit bedrängenden Fragen umgegangen ist und bietet so die Möglichkeit zur Identifikation.

„Vertrau auf dich. Das ist Cheryls goldene Regel. Auf sich vertrauen bedeutet, das zu leben, was man als richtig erkannt hat.“ Und wenn man das noch nicht weiss? Dann muss man darum kämpfen. Mit Mut. „Und ‚Wenn dein Mut sich dir verweigert‘, wie Emily Dickinson schreibt, ‚geh über deinen Mut hinweg.'“

Einer Scheidungsgeschädigten (ihre Eltern haben sich scheiden lassen) rät sie, nicht ihren Emotionen nachzugeben, sondern ihr logisches Denken zu gebrauchen. „Ich glaube, es wäre hilfreich, wenn du dich im Augenblick ganz stark auf die rationale Seite stützt.. Nicht, um deine Trauer auszublenden, sondern um die rechte Perspektive wieder herzustellen.“

Einem Alkoholiker empfiehlt sie: „Hör auf mit dem Alkohol. Im Privaten. In Gesellschaft. Morgens. Mittags. Nachts. Und am besten für immer.“ Sie lässt keinen Zweifel daran, dass dies gelingen kann. Falls man dazu bereit ist, sein Leben zu ändern.

Cheryl Strayed überzeugt als Ratgeberin, weil sie aufrichtig und freimütig ist. Und ohne weiteres zugibt, viele Jahre gebraucht zu haben, um zu erkennen, dass eine Frage wie ‚Was zur Hölle soll der Scheiss?‘ manchmal „einfach so stehen bleiben muss, wie ein einsamer Kaktus in der Wüste.“ Weil nämlich manche Dinge ganz einfach „durch und durch schlimm, falsch und unerklärlich sind.“

Cheryl Strayed
Der grosse Trip zu dir selbst
Kailash Verlag, München 2016

Daniel Coleman: Die Macht des Guten

Als im März 2008 Tibeter in Lhasa und anderen tibetischen Städten gegen die kommunistische Regierung protestierten und diese ihre Armee auf die Demonstranten schiessen und viele Mönchen verhaften liess, reagierte der Dalai Lama wie folgt:

„Ich habe die chinesischen Beamten visualisiert, ihren Ärger, ihren Argwohn und die sonstigen negativen Gefühle auf mich genommen und ihnen dafür Liebe, Mitgefühl und Vergebung zukommen lassen. Das löst zwar nicht unbedingt die Probleme, aber für mich war es sehr wichtig, um innerlich ruhig zu bleiben.“

Auf Brutalität mit Mitgefühl zu reagieren, klingt schon fast übermenschlich, doch wenn das Ziel ist, ruhig zu bleiben, weil man sich mit ruhigem Gemüt leichter tut, Lösungen zu finden oder Gegenmassnahmen zu ergreifen, lohnt sich die Anstrengung.

Ärger ist kein guter Ratgeber. Das wissen wir alle. Doch Ärger schadet uns auch. Weil er „die Gesundheit untergräbt, weil er das Immunsystem schwächt.“ Doch Ärger, etwa über Ungerechtigkeiten, kann uns auch motivieren, uns gegen diese zu wehren.

Gefühle sind weder gut noch schlecht. Wie wir mit ihnen umgehen, ist entscheidend. Nehmen wir die Angst: sie kann uns vor unüberlegtem Handeln schützen, sie kann uns aber auch lähmen.

„Wir bestimmen nicht selbst, wann bei uns Ärger und Angst und in welcher Stärke aufkommen, aber wir haben sehr wohl Einfluss darauf, was wir tun, wenn wir unter dem Einfluss solcher Gefühle stehen. Wer ein inneres Frühwarnsystem aufgebaut hat, so der Dalai Lama, der hat an dieser Stelle eine Wahl, und diese Fähigkeit gilt es auszubilden.“

Denke ich an den Dalai Lama, denke ich ganz automatisch an Tibet und an Religion. Und lerne bei Daniel Coleman, dass es dem Dalai Lama um mehr als Religion geht, ja, dass „seine Ethik des Mitgefühls auf keine Religion oder Ideologie oder irgendeine bestimmte Glaubensrichtung“ gründet. Für den Dalai Lama ist der Mensch von Natur aus mitfühlend.

„Kleine Kinder“, sagt er, „reagieren nicht auf die Stellung, die Bildung oder das Bankguthaben, das einer hat, sondern auf das Lächeln in seinem Gesicht.“

Buddha regte bekanntlich seine Anhänger an, nicht blind zu glauben, was er sagte, sondern selber zu forschen und  zu experimentieren. „Das ist doch ein sehr wissenschaftliches Denken“, sagte der Dalai Lama. „Wir können Buddha als indischen Wissenschaftler der Antike betrachten.“

Obwohl der Dalai Lama an wissenschaftlichen Erkenntnissen sehr interessiert ist, ist er keineswegs blind wissenschaftsgläubig. „Wissenschaft ist für ihn nur einer der möglichen Wege zum Erfassen der Realität und wie jede andere Erkenntnismethode durch ihre eigenen Annahmen und ihre eigene Methodik begrenzt.“

Sein Denken und seine Weltsicht ergänzen die Wissenschaft, indem sie Akzente setzen, die das Gemeinsame und Gemeinschaftliche betonen. So definiert sich etwa geistige Gesundheit in der westlichen Psychiatrie, gemäss Lewis L. Judd, dem ehemaligen Direktor des National Institute of Mental Health der USA, „hauptsächlich als die Abwesenheit psychischer Symptome.“ Für den Dalai Lama zählen jedoch auch Qualitäten wie Weisheit und Mitgefühl zu den Kriterien für geistige Gesundheit.

Als er einmal von einem Journalisten gefragt wurde, ob aus ihm auch ein Wissenschaftsphilosoph hätte werden können, meinte der als Kind von Bauern Geborene: „Also, um ganz ehrlich zu sein, wenn man mich nicht als Dalai Lama erkannt hätte, wäre ich ein Bauer.“ Ein weiser und mitfühlender, möchte man da hinzufügen.

Mitgefühl zeigt sich im Handeln. Und dieses impliziert, „dass man sich gegen Missstände wendet und zum Beispiel Unrecht anprangert und sich für den Schutz der Menschenrechte engagiert.“

Der Dalai Lama engagiert sich für eine andere, menschen- und lebensfreundlichere Bildung als die, welche wir derzeit haben und in immer grösseren Unterschieden zwischen Reich und Arm mündet. „Wer in diesem System aufwächst, erfährt nicht viel über die Wichtigkeit der inneren Werte. Fortschritt, Geld und materialistische Werte scheinen Vorrang zu haben.“

Sein Rat?
„Behalten Sie Ihre hohen Bildungsmassstäbe bei, aber vollständig kann Bildung nur sein, wenn sie auch etwas von Herzenswärme vermittelt.“

Daniel Coleman
Die Macht des Guten
Der Dalai Lama und seine Vision für die Menschheit
O.W.Barth Verlag, München 2015

Michael Stuhlmiller: Die Kunst des spielerischen Scheiterns

Mit „Wie Sie wahres Selbstvertrauen erwerben“ ist das erste Kapitel von Michael Stuhlmillers Die Kunst des spielerischen Scheiterns  überschrieben. Tipps und Tricks genügen nicht, man muss lernen bei sich zu sein. Und das meint zuallererst: Nicht dauernd daran zu denken, was wohl die anderen von einem halten.

Das wissen wir so recht eigentlich alle, doch wie macht man das praktisch? Zum Beispiel mit Hilfe des Atems: „Wir schaffen uns Luft, indem wir kräftig Luft holen.“ Schauspieler praktizieren das vor dem Auftritt, denn so kommt man physisch zu sich, entsteht Selbstvertrauen.

„Der Weg zu wahrem Selbstvertrauen geht über den Körper und die Gefühle“, behauptet Michael Stuhlmiller und beginnt deswegen seine Kurse „gerne mit einem Tänzchen. Das lockert nicht nur die Stimmung, sondern verschafft allen Teilnehmern die Möglichkeit, Atem zu schöpfen.“

Dass man mittels mentaler Einsichten sein Verhalten selten ändern kann, haben womöglich alle schon erlebt. In Stresssituationen versagen regelmässig auch die besten Vorsätze und positivsten Affirmationen. Was also ist zu tun im Konflikt?

„Während sich unser Gegenüber mit hochrotem Kopf in einem Zustand der Auflösung befindet, können wir ihm helfen, seine Achse wieder zu stabilisieren. Das machen wir mithilfe der Zwillingstechnik, also indem wir alles, was er tut, verdoppeln und wiederholen.“

Die Kunst des spielerischen Scheiterns  ist voller praktischer Hinweise, wie wir uns zentrieren können, damit wir bei uns und möglichst unabhängig von äusseren Ereignissen bleiben. Hier einer der für mich nützlichsten: „Ich habe es mir angewöhnt, stets aufmerksam zu sein, ob ich noch meine Füsse wahrnehme – und damit den Kontakt zum Boden – indem ich ab und zu die Zehen bewege. Sie können davon ausgehen, wenn Sie Ihre Füsse vergessen haben, dauert es nicht mehr lange, bis Sie auch Ihre innere Achse verlieren.“

Ziel der Clownmethode ist es, eine stabile innere Achse zu bilden, denn mit einer solchen sind wir imstande, Druck auszuhalten und brauchen ihm nicht auszuweichen. Manchmal gelingt es auch, einen vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil zu verwandeln. Dann nämlich, wenn wir einen Perspektiven-Wechsel erfahre.

Hilfreich dabei ist das Prinzip „Legen Sie nicht gleich los“. Das kann man üben. Läutet etwa das Telefon, springen Sie nicht gleich auf, sondern lassen es drei oder vier Mal klingeln, bevor Sie antworten. Nicht das Telefon, sondern Sie selber sollen bestimmen, wie Sie sich verhalten wollen.

Auch wenn Michael Stuhlmiller in Die Kunst des spielerischen Scheiterns  viele hilfreiche  Techniken vorstellt, so geht es ihm letztlich um Grundsätzliches: „Die Clownmethode als Lebensstil.“ Für ihn ist der Clown nämlich „ein Verwandler, der dafür sorgt, dass wir unsere Sicht aufs Leben ins Positive verwandeln und uns dabei mit innerer Freude und Heiterkeit verbinden.“

Dass der Clown sich ganz unbedingt als Verwandler eignet, ergibt sich übrigens auch daraus, dass für ihn die Welt insgesamt beseelt ist. „Er macht keinen Unterschied zwischen Mensch, Handlung und Objekt und ähnelt damit einem Schamanen. Für ihn befindet sich alles in einem ständigen Wechselspiel, das die unterschiedlichsten Dinge miteinander verwebt.“
Darüber staunt er. Und wer staunt, verbindet sich mit sich und der Welt. „Staunen führt uns zu der Erkenntnis, dass das, was uns bewegt, auch andere bewegt.“

Michael Stuhlmiller
Die Kunst des spielerischen Scheiterns
Wahres Selbstvertrauen gewinnen mit der Clownmethode
Kailash Verlag, München 2016

Kathrin Wessling: Drüberleben

Wer schon einmal mit Menschen zu tun hatte, die unter Depressionen leiden, weiss, dass man letztlich nicht wirklich verstehen kann (es sei denn, man kennt solche Seelenzustände aus eigenem Erleben), was in einem solchen Menschen tatsächlich vorgeht. Deshalb ist man froh drum, dass es Drüberleben gibt, denn dieses exzellente Buch vermittelt auch dem Nicht-Direkt-Betroffenen eine gute Vorstellung von der Welt, in der unter Depressionen leidende Menschen leben.

Drüberleben sind zwei Zitate vorangestellt, das eine stammt von Dostojewskij, das andere von Lydia Daher: „Wir können uns nicht helfen, wir können uns nur retten“ – und mehr, so der Eindruck bei der Lektüre dieses fulminanten Werkes, scheint in der Tat nicht drin.

„Depressionen sind doch kein Grund traurig zu sein“, heisst der Untertitel, von dem die Autorin in einer Talkshow meinte, das sei natürlich ironisch gemeint.

Die Protagonistin des Buches, Ida Schaumann, leidet unter Depressionen, Angst, bleierner Müdigkeit, Sinnlosigkeitsgefühlen und Panikattacken und wäre eigentlich am liebsten gar nicht auf der Welt: „Jeder Versuch, einen Tag so zu verbringen, dass er mit dem eines Menschen vergleichbar wäre, dem die anderen nicht raten würden, psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen, scheitert schon bei dem kläglichen Unterfangen, vor dreizehn Uhr das Bett zu verlassen.“

Ihre Ängste trinkt sie weg. „Nun, normalerweise betrinke ich mich, wenn es finanziell möglich ist, täglich und für gewöhnlich ab mittags.“ Sie geht in eine Klinik und schildert anschaulich, wie sie Personal und Mitpatienten erlebt. Gut findet sie dort nicht zuletzt, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sein muss. Besonders eindrücklich zeigt sie auf, wie komplex und differenziert („Das Problem ist, dass wir allzu gern eine Lösung wünschen, die dem Ursache-Wirkung-Prinzip gefährlich gefällig ist …“) Depressive sich selber und, das fand ich überraschend, auch Therapeuten wahrnehmen. Warum-Fragen quälen sie: „Die meisten haben unschöne, manchmal sogar grausame Dinge erlebt, aber das haben tausend andere auch. Und die sind trotzdem nicht in der Psychiatrie.“ Und kommt dann zu einem (vorläufigen) Schluss: „Es ist so: Die Frage kann nicht lauten, warum ich etwas finde oder nicht finde. Die Frage müsste viel mehr lauten, warum die anderen etwas finden oder nicht. Ich finde es zum Beispiel in Ordnung traurig zu sein. Ich finde es auch in Ordnung, über Dinge nicht hinwegzukommen …“.

Depressive leben in Parallelwelten, und warum auch nicht, solange sie sich nicht selber ernstlich schaden? Ida Schaumann „hat nie aufgehört, das Mädchen zu sein, das sich das Leben ausdenkt, das sie gern hätte, während sie den Damen und Herren in der Psychiatrie einmal pro Woche das Leben präsentiert, das sie in Wahrheit führt: Ein Leben zwischen Exzess und Lethargie, zwischen Verzweiflung und Apathie.“

Aufschlussreich fand ich auch die Ausführungen zum Thema Beziehungen: „Er liebt deine Macken, weil er sie für solche hält und weil er noch gar nicht weiss, was ihm noch blüht …“. Als ein ihr wohlgesinnter Mann ihre Nähe sucht, sagt sie: „Ich bin krank, und das schon ziemlich lange. Und ich wollte die ganze Zeit nicht alleine sein, aber zu zweit sein ist keine Option. Ich bin nicht ganz, ich bin irgendwie beschädigt, und ich will nicht mit dir befreundet sein.“ Ein paar Seiten weiter lässt sie eine junge Frau sagen: „Und dann hat sie gesagt, dass ich wahrscheinlich gar keine Beziehung will und deshalb die Männer von vorneherein so manipuliere, dass sie mich verlassen müssen, stell dir das mal vor. Die spinnt doch“ und kommentiert dies so: „Ich lächle. Es ist das Lächeln eines Menschen, der eine Wahrheit erst vor kurzem erkannt, sie aber jetzt, jetzt in diesem Augenblick, endgültig begriffen hat.“

Die Hoffnung, sich nach dem Aufenthalt in der Klinik grundlegend verändert zu haben, bestätigt sich nicht. Die anschliessenden Begegnungen mit Freunden und ihren Eltern in der Kleinstadt, in der sie aufgewachsen ist, sind ebenfalls alles andere als ermutigend, doch dann geschieht eben doch etwas …

Kathrin Wessling hat einiges erlebt und überlebt, kann schreiben, und sie versteht, Erfahrungen zu vermitteln – mit Drüberleben ist ihr nicht nur ein in jeder Hinsicht überzeugendes Debüt, sondern ein notwendiges und hilfreiches Buch gelungen.

Kathrin Wessling
Drüberleben
Goldmann Verlag, München 2012

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