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Erste Schritte

Paul McNeive: Resistent

Es geht um Rache in diesem rasanten Thriller, Rache an den Amerikanern, die den Japanern mit den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki unermessliches Unheil zugefügt haben. Zur Erinnerung: In Hiroshima wurden einhunderttausend Menschenleben ausgelöscht, in Nagasaki fünfzigtausend. Innert drei Tagen. Dazu kamen tausende an den Folgen der Strahlung ums Leben.

Reiche japanische Geschäftsleute tun sich unter der Führung von Pharma-Chef Yohoto, dessen Geschwister in Hiroshima den Tod fanden, mit Mitgliedern von Al-Qaida zusammen, um ihren Racheplan umzusetzen. „Durch Judo habe ich gelernt, dass der beste Weg, deinen Feind zu besiegen, darin besteht, seine grösste Stärke zu erkennen und sie gegen ihn selbst zu richten.“

Die Prämisse dieses Thrillers ist Realität: „Je mehr Antibiotika wir einnehmen, desto mehr antibiotikaresistente Bakterien entwickeln sich.“ Autor Paul McNeive hat das am eigenen Leib erfahren und weiss, wovon er schreibt, wenn er sich etwa über die Praxis bei der Zulassung von Medikamenten auslässt.

Die Handlung spielt in Japan, Pakistan, Afghanistan und den USA. In Manhattan verhindert Detective John Wyse, eine James Bond-Figur, die niemandem Rechenschaft schuldet und auf die alle hören, einen Terroranschlag. Und dann – die Umstände sind etwas arg konstruiert – kommt er während eines Essens neben Pharma-Chef Yohoto zu sitzen und sofort kommt ihm etwas eigenartig vor.

Der Plan ist perfide: Die Bewohner New Yorks, die keine Ahnung haben, was mit ihnen geschieht, werden dazu bewogen (mittels Werbung und Sonderangeboten), ein bestimmtes Antibiotikum zu konsumieren, um sie damit antibiotikaresistent zu machen. Dann sollen sie einem E.-coli-Bakterium ausgesetzt werden …

Neben dem Hauptstrang der Geschichte gibt es auch Nebenstränge. Detective Wyse, der sich in die PR-Frau Anna verliebt (und sie sich in ihn), was jedoch ihrer sogenannt besten Freundin nicht gefällt; sein Partner Mike, der ein Alkoholproblem hat und erst unter Druck gesetzt, davon lassen lernt. Und dann gibt es auch die Sätze, von denen man weiss, dass man sie sich merken sollte. „Seine Erfahrung sagte ihm, dass es die kleinen Dinge waren, um die man sich nicht rechtzeitig kümmerte, die später die ganz grossen Probleme verursachten.

Gut gelungen ist die Charakterisierung der gierigen und Prominenten-süchtigen Amerikaner, die allerdings auch nicht viel anders sind als die anderen Konsumwahnsinnigen auf dieser Welt. „Sie sind besessen von angesagten Markenprodukten. Und sie wollen alles sofort.“ Weniger gut gelungen sind hingegen die recht klischeehaften Charakterisierungen einzelner Protagonisten – dass der Vorstandsvorsitzende eines weltweit operierenden Pharmaunternehmens von einer PR-Frau beeindruckt ist, die „ ein Supermodel mit Kindern und einem turbulenten Leben“ als Gesicht einer Kampagne vorschlägt, ist wenig wahrscheinlich.

Die Grundidee dieses Thrillers ist originell, die Psychologie der Figuren jedoch ziemlich hanebüchen. So wird etwa vom Pharma-Chef, gesagt, er besuche seine über neunzigjährige Mutter fast jeden Tag und vermisse ihre Gespräche, wenn er auf Geschäftsreisen sei. Soweit so gut, doch die Gespräche mit seiner Mutter erschöpfen sich in Allerweltsfragen nach dem gegenseitigen Befinden. Schwer vorstellbar, dass er sie vermisst. Auch dass er deswegen nicht geheiratet habe, weil eine Frau in seinem Leben seine Aufmerksamkeit davon abgelenkt hätte, Rache an den Amis zu üben, zeugt nicht gerade von viel psychologischem Verstand.

Einleuchtend ist die Idee, ganz unterschiedliche Gruppierungen (japanische Geschäftsleute und Al-Qaida) zusammenzubringen, die ausser dem gemeinsamen Ziel, möglichst viele New Yorker zu terrorisieren, so ziemlich gar nichts verbindet. Wie sie dabei vorgehen, ist spannend geschildert – wie es sich für einen Thriller gehört.

Fazit: Ein höchst aktueller Page-Turner mit hilfreichen Aufklärungen zu Antibiotika und Marketingstrategien.

Paul McNeive
Resistent
Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 2019

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Veröffentlicht von hansdurrer

Geboren 1953 in Grabs/Schweiz. Buchveröffentlichungen: Ways of Perception: On Visual and Intercultural Communication (White Lotus Press 2006), Inszenierte Wahrheiten. Essays über Fotografie und Medien (Edition Rüegger 2011), Framing the World: Photography, Propaganda and the Media (Alondra Press 2011), Warum rennen hier alle so? Die Erfahrung der eigenen und der fremden Kultur (Edition Rüegger 2013), Wie geht das eigentlich, das Leben? Anregungen zur Selbst- und Welterkundung (neobooks 2017), In Valparaíso und anderswo. Momentaufnahmen (neobooks 2018), Herolds Rache. Thriller (Fehnland Verlag 2018), Harrys Welt oder Die Sehnsucht nach Sinn. Ansichten und Einsichten (neobooks 2019), Gregors Pläne. Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern (neobooks 2021), Die Flucht vor dem Augenblick (neobooks 2022).

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