Urs Willmann: Stress. Ein Lebensmittel

Stress gehört zu den Wörtern, die klar negativ konnotiert sind. Und weil dem so ist, gibt es natürlich auch die andere Position, die den Stress positiv definiert. Diese vertritt Urs Willmann, Wissenschaftsredakteur bei der Wochenzeitung Die Zeit, der von sich selbst sagt, er sei ein Energie-Junkie, der leidenschaftlich arbeitet und extreme sportliche Herausforderungen sucht, am liebsten beim Marathonlauf oder in den Bergen.

Schreibt nun ein solcher Mann ein Buch mit dem Titel Stress. Ein Lebensmittel, so kann man davon ausgehen, dass es sich dabei um ein Loblied auf ein Gefühl handeln wird, dass wohl die meisten als eher nicht so toll, ja als unangenehm empfinden.

Nur eben, vielen wird es wohl ähnlich gehen wie mir: sie haben noch nie wirklich darüber nachgedacht und einfach nachgeplappert, was man gemeinhin so sagt, auf Englisch natürlich, also: Stress, no good!

Urs Willmann sieht das ganz anders, findet Stress nicht nur belebend, sondern gesund (wie immer: in der rechten Dosis) und geradezu überlebenswichtig. Forscher aus den unterschiedlichsten Wissensdisziplinen „liefern neue Erkenntnisse, die belegen, wozu Stress in der Lage ist: Er macht uns gesund, glücklich und stark, er verlängert das Leben.“

Mir gefällt, dass es dieses Buch gibt. Einmal, weil Stress zu Unrecht einen einseitig negativen Ruf geniesst. „Mutter Natur gab uns die Stressreaktion, um uns zu helfen, nicht um uns zu töten“, wird der Stanford-Dozent Firdaus Dhabhar zitiert. Vor allem aber, weil Autor Willmann das Thema so ungeheuer breit abhandelt.

Wo der Mann nicht alles Stress sieht! So lese ich etwa: „Die Handlung eines Kriminalromans liefert uns fast immer eine Parallele zur Stressreaktion.“ Und ich erfahre, wie ihn sich in Shining zunutze machte. Und lerne, dass die unterschiedlich hohen Türme der toskanischen Stadt San Gimignano womöglich auf stressauslösende Familienfehden zurückgehen.

So recht eigentlich gibt es nichts, was der Autor nicht in Verbindung zu Stress bringt. Und natürlich hat er dafür meine volle Sympathie. Als ich vor Jahren die Dokumentarfotografie entdeckte, sah ich auch plötzlich allüberall Zusammenhänge, die mir bis dahin vollkommen entgangen waren.

Etwas Mühe hatte ich jedoch mit all den sogenannt wissenschaftlichen Untersuchungen, die der Autor anführt. Ich habe noch nie verstanden, wie jemand sich auf die Auswertung von Fragebogen oder Antworten von Probanden glaubt verlassen zu können, denn dies setzt ja seitens der Befragten ein Bewusstsein über eigene unbewusste Vorgänge voraus, das so recht eigentlich gar nicht existieren kann.

Doch was ist eigentlich Stress genau? „Stress ist das, was Stresssysteme aktiviert“. Das ist zunächst einmal weder gut noch schlecht, es ist einfach so. Doch das bringt uns nicht weiter, denn dem Menschen ist aufgegeben, sich zu verhalten, er muss sich also positionieren. Urs Willmanns Position ist: „Wir halten den Stress für einen Feind statt für eine Möglichkeit, uns gegen Gefahren zu wehren.“

Die zahlreichen Belege (das Buch ist auch eine ungeheure Fleissarbeit), die er für seine These, dass Stress ein unverzichtbares Lebensmittel ist, anführt, sind nicht nur überzeugend, sondern stimulieren auch, seine wohltuende Wirkung am eigenen Leib zu erfahren, denn „Stress hat das Zeug zum Lebenselixier“.

Urs Willmann meint, dass Stress sogar gegen Drogensucht helfen kann. „Wer im Sport, bei der Arbeit oder in der wohltuenden Hektik der Vorfreude Adrenalin und Endorphine ausschüttet, aktiviert wie der Junkie und der Trinker das Belohnungssystem. Um nachhaltig eine zerstörerische Sucht zu bekämpfen, kann man sich daher getrost ein bisschen süchtig machen: nach der Arznei aus dem körperlichen Drogenschrank.“ Ein guter und einleuchtender Gedanke, der jedoch möglicherweise übersieht, dass zerstörerische Süchte eher selten mit einleuchtenden Gedanken zu bezwingen sind.

Urs Willmann
Stress. Ein Lebensmittel
Pattloch Verlag, München 2016

Stefan Schmid / Alexander Thomas: Beruflich in Grossbritannien

Obwohl die deutsch-britischen Wirtschaftsbeziehungen auf eine lange Tradition zurück blicken, seien die kulturbedingten Unterschiede in der deutsch-britischen Wirtschaftszusammenarbeit ausgeprägt, schreiben Stefan Schmid und Alexander Thomas im Vorwort zu Beruflich in Grossbritannien. Man fragt sich da unwillkürlich, ob es vielleicht für die deutsch-britischen Beziehungen nicht besser wäre, wenn Deutsche und Briten nicht miteinander Handel trieben? Forschungsarbeiten würden zudem zeigen, „dass nicht zu erwarten ist, dass mit zunehmender Intensivierung der deutsch-britischen Zusammenarbeit in quantitativer und qualitativer Hinsicht durch Konvergenzprozesse diese Unterschiede nivelliert werden. Vielmehr ist zu beobachten, dass mit zunehmender internationaler Kooperation in gewissen Sektoren zwar Konvergenztendenzen auftreten, dafür aber in anderen Bereich divergierende Einflussfaktoren an Bedeutung zunehmen.“

Nun ja, wer dermassen hölzern schreibt, trägt seinen Teil dazu bei, dass eine Verständigung (sowohl zwischen Vertretern verschiedener Kulturen als auch unter Angehörigen ein und derselben Kultur) unnötig schwierig bleibt. Glücklicherweise geht es sprachlich nicht so weiter.
In der Einführung machen die Autoren Wesentliches klar: „Englisch zu sprechen heisst nicht, Briten zu verstehen.“ In der Tat, doch es gilt auch: Wer nicht wirklich gut Englisch spricht, hat wenig Chancen, Briten zu verstehen, denn diesen dient ihre Sprache häufig eher als Waffe denn als Mittel zu Verständigung. Zudem: Humor und Ironie sind den Briten ganz wichtige Elemente im Umgang miteinander und für diese braucht man ein gut entwickeltes Sprachverständnis. Wer das nicht hat, gilt in Britannien schnell einmal als hoffnungsloser Fall.

Wer sich interkulturell erfolgreich verständigen will, muss sowohl die eigene als auch die Zielkultur verstehen. Das kann man, bis zu einem gewissen Grad, trainieren. Schmid und Thomas bedienen sich der in den USA entwickelten Culture Assimilator-Trainingsmethode: „Es setzt sich aus einer Vielzahl von Situationen zusammen, die Missverständnisse zwischen Deutschen und Briten illustrieren … Dem Lernenden werden zu jeder der dargestellten Situation vier unterschiedlich zutreffende Erklärungsmöglichkeiten (Deutungen) angeboten. Er soll nun jede dieser Alternativen dahingehend einschätzen, ob sie die Situation treffend erklärt. Anschliessend erhält der Benutzer Rückmeldungen (Bedeutungen) zu den Erklärungen und kann feststellen, inwieweit seine Annahmen zutreffen.“

Gegliedert ist das Buch in sieben Themenbereiche: Selbstdisziplin, Indirektheit interpersonaler Kommunikation, Ritualisierung, Pragmatismus, Ritualisierte Regelverletzung, Interpersonale Distanzreduzierung und Deutschlandstereotyp – übrigens: die Lektüre lohnt nicht nur für Deutsche. Nehmen wir das Thema „Selbstdisziplin“: unterteilt ist er in fünf Beispiele: Nimm dir einen Keks; Geburtstagswünsche; Der Feueralarm; Royal Opera; Die Diskussion. Anschliessend folgt ein erläuternder Text zur „Selbstdisziplin“. Die anderen sechs Themenbereiche sind ebenso aufgebaut.

Ein solches Buch zu schreiben ist schwierig, weil man um Verallgemeinerungen nicht herumkommt und sich Erfahrungen, die notgedrungen individuell sind, manchmal nur schwer verallgemeinern lassen. Die Autoren wissen das und halten denn auch in ihrer Schlussbemerkung fest: „Die Bandbreite der Verhaltensweisen bei Briten ist ebenso wie bei Deutschen durch persönliche Erfahrungen, Schichtzugehörigkeit, Lebensraum, Alter und andere Merkmale geprägt. Den Rahmen dafür bilden allerdings die im jeweiligen Kulturraum gültigen Regeln und Normen, die in diesem Training in Form von Kulturstandards beschrieben sind.“

Das Buch hat ein paar Schwächen. Wenn man zum Beispiel liest, dass es „zur englischen Grundvorstellung von Höflichkeit“ gehöre, „dass man die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu kontrollieren und verbergen vermag“, kann man sich schon fragen, was daran so besonders Englisch sein soll. Das ist aus dem Zusammenhang gerissen? Also gut, hier der nächste Satz: „Dahinter steht die Idee, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen und dadurch eventuell andere nicht unfairerweise zu benachteiligen“. Auch dies ist nichts so besonders Englisch, möchte man meinen. Zudem: Wollen die Autoren etwa suggerieren („eventuell andere nicht unfairerweise benachteiligen“), dass „faire“ Benachteiligungen (was immer das sein mag) in Ordnung wären?

Die Autoren betonen unter anderem, dass die Engländer sich sehr indirekt untereinander austauschen; sie nennen das „Indirektheit interpersonaler Kommunikation“. Man denke an Formulierungen wie „I am not quite sure, but…“ oder „I might be wrong, but …“. Diese seien, so die Autoren, „nicht Ausdruck einer grösseren Unsicherheit oder Unentschlossenheit auf Seiten der Briten. Sie dienen vielmehr dazu, dem (??) Gegenüber nicht vor den Kopf zu stossen und Achtung vor seiner Meinung zu signalisieren.“ Daraus auf „eine völlig andere Diskussionskultur als in Deutschland“ zu schliessen, ist sicher richtig, doch nicht im Sinne von Englisch = indirekt; Deutsch = direkt, sondern häufig gerade umgekehrt. Sieht man etwa die Presse als Teil der Diskussionskultur, so ist nämlich die englische viel direkter, viel angriffiger, viel persönlicher, und viel meinungsfreudiger als die deutsche.

Summa summarum: Ein differenziertes und kluges, ein gelungenes und anregendes Buch, das einen motiviert, mit und selber zu denken. Nicht nur über die fremde, auch über die eigene Kultur.

Stefan Schmid / Alexander Thomas
Beruflich in Grossbritannien
Trainingsprogramm für Manager, Fach– und Führungskräfte
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003

Daniel Goetsch: Herz aus Sand

Ort der Handlung dieses Romans ist ein Camp in der Westsahara, wo UNO-Beobachter einen Waffenstillstand überwachen und ein Referendum organisieren sollen und mit Tausenden von Flüchtlingen, deren Traum die Heimkehr oder die Flucht ins Wohlstandsparadies Europa ist, zusammentreffen.

Dann taucht Druncker auf, ein Berliner Architekt, der Frank, den Protagonisten dieses Romans, an Alma, Franks grosse Liebe erinnert und dem Autor Anlass ist, von Franks Vergangenheit zu berichten.

Als ehemaliger Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz im südlichen Afrika hat mich vor allem interessiert, wie der Autor diese Beobachter-„Arbeit“ vor Ort schildert. Sehr überzeugend, weil sehr realistisch, kann ich nur sagen.

Ein Beispiel: „Nun, es ist nicht an mir, die Erfolgsaussichten unserer Mission zu beurteilen. Laut meines Einsatzvertrags bin ich ein Beobachter. Ich brauche also nichts weiter zu tun, als zu beobachten. Hielt ich dies einst für eine Tätigkeit, die erhöhte Wachsamkeit und Scharfsinn erforderte, wurde ich hier eines Besseren belehrt. Nicht die Tiefe soll ich ausloten, nicht in Abgründe hinabspähen, nicht nach Hintergründen forschen, meine Aufgabe erschöpft sich im Betrachten der Oberfläche.“ Und im Berichte-Schreiben, was Frank wunderbar trocken so kommentiert: „Auf den Abgabetag hin wird jeweils der Bericht der Vorwoche kopiert, werden ein paar Adjektive geändert und die Daten angepasst. Ein Wochenbericht soll nicht aufregender sein, als es unsere erlebte Woche war … (…) … Wo nichts geschieht, erhält jedes Wort dramatisches Gewicht. Ganze Bedeutungsfelder kommen ins Rutschen, wenn wir beispielsweise ‚manchmal‘ durch ‚gewöhnlich‘ oder ’schottergrau‘ durch ‚herbstgrau‘ ersetzen. Und obgleich diese Berichte völlig nutzlos sind, opfern wir ihnen bereitwillig unsere Zeit. Wir können nicht auf sie verzichten. Wozu wären wir sonst hier?“

Genau so isses. Ein Bürokrat ist ein Bürokrat, ob „sur le terrain“ oder am Hauptsitz in Genf.

Daniel Goetsch führt in diesem gelungenen Roman vor, was es mit internationalen Beobachter-Missionen auf sich hat: Augenwischerei einerseits, Beschäftigungsprogramm andrerseits. „Herz aus Sand“ ist ein aufklärendes und aufklärerisches Buch, das mich immer mal wieder zum Schmunzeln brachte: „Es geht das Gerücht, er schreibe die besten Wochenberichte, stilistisch gekonnt und sehr präzise. Wen wundert’s? Jeder verfällt anfangs diesem Ehrgeiz. Als Neuling steckt man viel Herzblut in die Berichte. Man nimmt sie als willkommenen Anlass, sich über die Zustände hier zu empören. Man prangert das Elend an, die Ungerechtigkeit, den Drogenmissbrauch, den Kantinenfrass, das verdreckte Sitzbrett in der Latrine. Man berauscht sich am Glauben, mit dem Schreiben die Wirklichkeit zu entlarven.“

Es sind solche Einsichten und Schilderungen, die die Lektüre dieses schön gestalteten Buches lohnen. Und Sätze wie dieser: „Und natürlich schreibe ich alles nieder und beschönige es, wo es angezeigt scheint“. Und dieser: „Wie versprechen ihnen Demokratie und Freiheit, wissen aber selbst nicht mehr, wie es entstand und warum es uns heilig ist.“ Und dieser: „Meistens waren wir uns uneins. Wir hatten nicht dieselben Bücher gelesen, nicht dieselben Wahrheiten gefressen.“ Und und und …

Daniel Goetsch
Herz aus Sand
Bilger Verlag, Zürich 2009

Marco Missiroli: Treue

„Treue“ spielt in Mailand. Carlo, Dozent für literarisches Schreiben, wurde mit der Studentin Sofia in einer verfänglichen Situation in der Toilette der Universität beobachtet. Dem Rektor, seinen Kollegen und seiner Ehefrau Margherita gegenüber erklärt er, der Studentin sei übel gewesen, er habe ihr nur geholfen. Seine Frau Margherita, Immobilienmaklerin mit eigener Agentur und Irène Némirovsky Leserin, nimmt die Anschuldigungen zum Anlass, ihren eigenen erotischen Phantasien nachzugeben.

Doch was ist genau vorgefallen? Und ist es wichtig? Wir lassen uns doch selten von Fakten leiten, sondern weit mehr von unseren Vorstellungen, dem, was wir uns einbilden und zu unserer Wirklichkeit wird, weil es unser Handeln und unser Nicht-Handeln beeinflusst. Meisterhaft zeigt Marco Missiroli das Ineinander-Übergreifen von Vorgestelltem und Realität, wobei man sich natürlich fragen kann, ob diese letztlich nicht auch nur vorgestellt ist. „Sich nehmen lassen, das hätte sie sich gewünscht, wie sehr hätte sie es sich gewünscht: Doch vielleicht hatte er Sofia Casadei genommen. Dieser Regelverstoss demütigte sie, auch jetzt, als ihre Hände Carlos Rippen berührten. Sie liess die Hände nicht tiefer wandern, weil das Mädchen vielleicht das Gleiche getan hatte.“

Margherita spioniert Carlo nach, sie traut ihm nicht, erfragt von Sofia deren Version der Beziehung. Wunderbar gekonnt schildert Marco Missiroli das Verhältnis von Margherita und Carlo. „Ich will das nicht, mich selbstständig machen. Ich will das nicht, meinen Vater betreuen. Ich will das nicht, heiraten. Ich will das nicht, mit diesen vier Worten sagte sie, dass sie etwas ganz und gar wollte. Mit den Jahren hatte er begriffen, dass ich will das nicht bei seiner Frau bedeutete, dass sie etwas absolut wollte, aber fürchtete, allzu bedenkenlos zu sein.“

Doch was heisst eigentlich ‚Treue‘? Bedeutet es, aufrichtig zu sein, nicht zu lügen? Bedeutet es, jeder Versuchung zu widerstehen? Bedeutet es, jemanden nicht zu hintergehen? Sofia, die Carlo, als sie sich im Café auf eine gemeinsame Version zu den Ereignissen in der Toilette einigen, das Gespräch heimlich aufnimmt – begeht sie einen Treuebruch, verrät sie ihn? Interessanterweise steht diese Frage nicht im Vordergrund, vielmehr schildert der Autor wie Sofias Vorgehen sich wie zwangsläufig aus ihrer Familiengeschichte ergeben hatte – sich treu zu bleiben heisst nicht notwendigerweise, sich ethisch korrekt zu verhalten.

Sofia wird für Carlo zu einer Obsession, doch sie entzieht sich, beschliesst Mailand zu verlassen und nach Rimini zurückzukehren. Seine telefonischen Versuche, sie zu erreichen, ignoriert sie. Und Margherita? „Sie hatte sich als Despotin entpuppt und nicht die geringste Absicht, auch nur einen Schritt zurückzuweichen. Den Ärger über das Missverständnis hatte sie fürs Erste heruntergeschluckt, aber noch lange nicht verdaut. War Andrea ihre Rache? Nein, Andrea war nichts als Lust.“

Jahre später nimmt Sofia mit Carlo wieder Kontakt auf. Margherita verlangt: „Carlo, ich will, dass du sie dir aus dem Kopf schlägst.“ „Aber das hab ich doch längst.“ Als ob das gehen würde, man durch einen Willensakt, seine Gefühle kontrollieren könnte.

Der vermeintliche Seitensprung dringt überaus mannigfaltig in die Ehe von Carlo und Margherita ein. Eindrücklich legt der 1981 in Rimini geborene, in Mailand lebende und für den Kulturteil des „Corriere della Sera“ schreibende Marco Missiroli dar, wie uns Ereignisse, ob sie nun so stattgefunden haben, wie wir uns das vorstellen oder nicht, Folgen auszulösen imstande sind, die wir weder voraussehen noch abschätzen können. Es ist nicht so sehr die Realität, die unser Leben bestimmt, vielmehr ist es unsere Vorstellung von dieser Realität, die uns leitet.

Marco Missiroli
Treue
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2021

Sheldon Solomon / Jeff Greenberg / Tom Pyszczynski: Der Wurm in unserem Herzen

„Wir entwickeln Charakter und Kultur, um uns mit ihrer Hilfe vor dem niederschmetternden Gewahrwerden unserer grundsätzlichen Hilflosigkeit und der Furcht vor unserem unausweichlichen Tod zu schützen“, sagte der Kulturanthropologe und Verfasser von „Die Überwindung der Todesfurcht“, Ernest Becker, kurz vor seinem Tod am 6. März 1974 im Alter von neunundvierzig Jahren. Die Autoren Sheldon Solomon, Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski haben die intellektuelle Reise Beckers fortgeführt und versucht aufzuzeigen, „bei wie vielen Gelegenheiten sowohl die edelsten als auch die abstossendsten Formen menschlichen Strebens von dem Bewusstsein getrieben werden, dass wir sterblich sind, und darüber nachzudenken, wie wir diese Einsichten zur persönlichen und gesellschaftlichen Weiterentwicklung nutzen können.“ Dabei herausgekommen ist Der Wurm in unserem Herzen. Wie das Wissen um die Sterblichkeit unser Leben beeinflusst.

Es gibt mittlerweile überzeugende Beweise dafür, dass der Tod in der Tat der Wurm ist, der Menschen das Dasein madig macht“, schreiben die Autoren. Brauchte es da wirklich Beweise? Ist das nicht selbstverständlich? Für wissenschaftsgläubige Sozialpsychologen offenbar nicht. Diese wollen jedoch nicht nur zeigen, dass die Angst vor dem Tod eine der Hauptantriebskräfte menschlichen Handelns ist, sondern „dass diese Angst menschliches Handeln weit stärker prägt, als den meisten von uns klar ist.“

Sie tun dies anhand vieler spannender Geschichten und darüber hinaus bezugnehmend auf zahlreiche Untersuchungsergebnisse. Auch wenn ich ihren Glauben an die Aussagekraft von Fragebogen und Laborstudien nicht teile, ihre vielfältigen Ausführungen (etwa zum Narzissmus) finde ich höchst anregend und instruktiv.

„Das positive Gefühl für den eigenen Wert ist Grundvoraussetzung für menschliches Handeln … Im Unterschied zum Pavian, der allein vom Futter lebt, ernährt sich der Mensch vor allem von seiner Selbstachtung“, meint der eingangs zitierte Ernest Becker. Doch was ist eigentlich ein gutes Selbstwertgefühl? Und worin zeigt es sich? „Es bedeutet, mit sich im Einklang zu sein, sich in seiner Haut wohlzufühlen und davon überzeugt zu sein, dass man ein wertvoller Mensch ist.“

Ein gesundes Selbstwertgefühl bietet dem Menschen Schutz vor seinen tiefsten Ängsten. Soweit so gut und was sollen jetzt die tun, denen die Selbstachtung abgeht? „Eine Strategie besteht darin, Menschen zu einem vielschichtigen Selbstbild zu ermuntern.“ Unsere Identität besteht aus unterschiedlichen Aspekten und diese wiederum entsprechen unterschiedlichen sozialen Rollen. So kann etwa ein toller Anwalt ein schlechter Fussballspieler und ein guter Vater ein miserabler Mechaniker sein.

„Ein anderer Ansatz ist die Schaffung von sozialen Rollen und Chancen für Menschen, die anderweitig ausgegrenzt und gering geachtet blieben. So ist etwa ein junger, kognitiv beeinträchtigter Autist mit zerebraler Kinderlähmung in den herkömmlichen Schulen und im organisierten Freizeitsport nie gut klargekommen. Als er jedoch das Schwimmen entdeckte, wurde er zu einem der schnellsten Brustschwimmer der Welt.

Erfolg als Lösung? Und der Massstab sind die anderen? Mir scheint das wenig überzeugend, inspirierender finde ich das Beispiel der jungen Frau, die nicht bereit ist, sich stigmatisieren zu lassen und ganz einfach tut, was und wie es ihr gefällt. Dazu gehört auch, sich beim Schulessen, das ihr schmeckt, zu bedienen. Andere Schüler verschmähten das Gratis-Schulessen, weil es sie in ihren Augen zu Bedürftigen stempelte.

Die Autoren gehen auch der Frage nach, wie unsere Vorfahren mit dem Tod umgegangen sind. Diese „erschufen ein übernatürliches Universum, das ihnen ein Gefühl der Kontrolle über Leben und Tod vermittelte“. Und sie versuchten, wie auch wir Heutigen, unsterblich zu werden, sei es mittels Alchemie, Wissenschaft oder symbolisch (durch das, was wir zurücklassen). Für Woody Allen ist das allerdings keine Lösung: „Ich möchte nicht durch meine Arbeit unsterblich werden, sondern dadurch, dass ich nicht sterbe.“

Auch wenn, wie die drei Autoren behaupten, nicht der Tod selbst der Wurm in unseren Herzen ist, sondern „das Wissen darum, dass wir sterben müssen“, bleibt die Frage, wie wir am besten damit umgehen sollen. Der Verstand hilft verblüffend wenig. „Todesangst mag nicht vernünftig sein – aber wir sind es genauso wenig.“

Letztlich bleibt uns nur, unsere Vergänglichkeit zu bejahen. „Seit der Antike wissen Theologen und Philosophen, wie wichtig es ist, die eigene Vergänglichkeit anzunehmen, um so die zerstörerischen Folgen unbewusster Todesängste aufzufangen und die Wertschätzung des

Sheldon Solomon / Jeff Greenberg / Tom Pyszczynski
Der Wurm in unserem Herzen
Wie das Wissen um unsere Sterblichkeit unser Leben beeinflusst
DVA, München 2016

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