
Santa Cruz do Sul, am 11. Januar 2021
Hans Durrers Buchbesprechungen

Santa Cruz do Sul, am 11. Januar 2021
Die Achtsamkeit zu pflegen und zwar durch regelmässige und systematische Meditationsübung, dazu will dieses Buch anregen, denn solche Übung könne eine erhebliche Auswirkung auf die Lebensqualität haben, schreibt Jon Kabat-Zinn, der Gründer des Center for Mindfulness in der Medical School der University of Massachusetts.
„Da ihr Leben nur aus Augenblicken besteht, warum diese also nicht voll ausschöpfen und herausfinden, was es bedeuten kann, ihrem tiefsten und wahrsten Wesen immer häufiger treu sein?“ Es ist dies nicht wirklich eine Frage, sondern so recht eigentlich das Motto dieses nützlichen Werkes.
Jeder Augenblick kann dein Lehrer sein ist auf vielfältige Art und Weise inspirierend. Man müsse wissen, weshalb man meditiere, lese ich. Und das meint: ohne genügende Motivation wird man kaum die Energie dazu finden, „die Praxis des achtsamen Nicht-Tuns“ zu praktizieren.
Wie überhaupt im Leben: worauf es ankommt, ist das Tun. „Wenn Sie in ein Restaurant gehen, werden Sie kaum davon satt werden, dass Sie die Karte studieren oder sich die Gerichte vom Kellner beschreiben lassen. Sie müssen die Nahrung selbst zu sich nehmen, erst dann wird sie Ihrem Körper zugute kommen.“ Das gilt auch für die Achtsamkeit: es gilt sie wirklich auszuführen, damit sie ihre Wirkung entfalten kann.
Achtsam zu sein setzt Offenheit und Aufgeschlossenheit voraus. Und das bedeutet, sich auf das einzulassen, was ist. Und dafür braucht man die richtige Einstellung. Wer mit Vorbehalten meditiere und glaube, dass es doch nichts nütze, werde vermutlich keinen Erfolg haben, lese ich da. Und erinnere mich an Placebo-Studien, wo der Glaube ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle spielt.
Jeder Augenblick kann dein Lehrer sein ist ein nützliches Buch. Weil es praktische Anregungen, Hinweise und Anleitungen gibt, wie man den Augenblick erleben kann. Es ist kein Buch, dass man von Cover zu Cover liest, sondern eines, bei dem man sinnvollerweise ein, zwei Seiten liest und diese dann auf sich wirken lässt. Auch das ist eine Form der Meditation.
Jeder Augenblick kann dein Lehrer sein ist überdies ein sehr schön gemachtes Buch, die Anordnung von Bild und Text ansprechend und gelungen.
Jon Kabat-Zinn
Jeder Augenblick kann dein Lehrer sein
100 Momente der Achtsamkeit
O.W.Barth Verlag, München 2014
Herbert Riehl-Heyse hat mehr als drei Jahrzehnte für die Süddeutsche Zeitung das politische und gesellschaftliche Leben in Deutschland beschrieben. Der hier vorliegende, schön gestaltete, von Gernot Sittner herausgegebene Band, versammelt Reportagen und Essays, die in Buchform aufzubewahren sich lohnt.
Sicher, Journalisten schreiben für den Tag, doch gelegentlich weist das für die Tageszeitung Verfasste eben auch über diesen Tag hinaus. Wäre ja auch etwas eigenartig, wenn dem nicht so wäre, denn Kriterium für gutes, unterhaltendes und aufklärendes Schreiben (ob mit Blick auf die Ewigkeit oder auf den folgenden Tag verfasst) kann doch eigentlich nur sein, dass eben dieses Schreiben gut, unterhaltend und aufklärend ist. Und Herbert Riehl-Heyses Schreiben ist dies ganz gewiss.
Die Auswahl, die Gernot Sittner für diesen Band getroffen hat, macht unter anderem deutlich, was für ein breit interessierter Mensch der gelernte Jurist Riehl-Heyse gewesen ist. Da geht es nämlich von Willy Brandt („fast zu viele Stationen für ein Leben“) über ein „Puzzle namens Schmidt“ zur Wohlstandskriminalität („Zugreifen als Breitensport“), von Accessoires in der Jugendkultur („Die Rasierklinge als Bekenntnis“) über Erich Honeckers Verteidigungsrede vor seinen Richtern in Moabit („Gegeben wird der heldenhafte Kommunist“) zum Tatort Fernsehen („Morden auf allen Kanälen“).
Was Herbert Riehl-Heyses Schreiben wesentlich auszeichnet, ist sein Stil – und der ist scheinbar umständlich, fragend, gescheit, witzig, und häufig ironisch. Dazu kommt, dass der Autor in seinen Texten auch selber vorkommt und das ist nicht nur gut so, sondern das ist, wenn man es recht bedenkt, eine der überzeugendsten Formen von Journalismus, denn der Autor macht damit unter anderem deutlich, dass die persönliche, subjektive Seite der Berichterstattung offen gelegt werden soll. Doch ist dieses Sich-Selber-Ins-Spiel-Bringen, wie das Riehl-Heyse gelegentlich vorgeworfen wurde, nicht vor allem eitel? Sicher, eitel ist das auch, doch Eitelkeit ist bei Journalisten (und bei vielen anderen) eine Berufsvoraussetzung und kein Argument. Zudem war Herbert Riehl-Heyse, gemessen an vielen seiner Kollegen, ungewöhnlich zweifelnd und selbstkritisch und wusste sich zurück zu nehmen.
Doch nehmen wir ein Beispiel und zwar „Das verlorene Rezept der Sterneköche“, ein Text von Ende Dezember 1995, der von der Spitzengastronomie in der Krise (so der Untertitel) handelt, doch eben, wie wir gleich sehen werden, nicht nur von dieser, sondern von weit mehr, nämlich vom Leben insgesamt und wie darin alles irgendwie miteinander verknüpft ist. Der Text beginnt so:
„Ohnehin ist die Stimmung nicht übertrieben gut an diesem trüben Wintertag – nicht draussen, wo dem Unbehausten der Nebel unter den Burberry kriecht, und auch drinnen nicht, im altehrwürdigen „Schwarzwälder“, wo in düsteren Räumen 21 Gäste bei Hummercremesuppe und Entenfleischpflanzerl ein wenig verloren wirken. Nebenan im Bistro des Restaurants ist es voller, es wäre dort sogar ziemlich gemütlich – wenn nicht plötzlich der Chef am Tisch stünde, fahl im Gesicht: Ob wir es schon gehört hätten? Wir erschrecken beachtlich: Ist ein Flugzeug abgestürzt, gar Moshammer verblichen? Viel schlimmer: „Der Winkler hat seinen dritten Stern verloren.“ Bedrücktes Schweigen, Otto Koch spendiert ein tröstendes Pils.
Man könnte die Anekdote natürlich auch ganz anders erzählen, ohne jede Ironie, ganz nüchtern. Dann bräuchte man nur kurz zu berichten, dass dem Gastronomen und Koch Heinz Winkler und seinem Etablissement „Residenz“ in Aschau am Chiemsee der dritte Stern im Michelin-Führer aberkannt worden ist, jener Stern, mit dessen Hilfe es zu einem der drei Spitzenrestaurants in Deutschland ausgerufen worden war. Damit könnte man es denn bewenden lassen, weil eine solche Nachricht nun wirklich nur eine der allerkleinsten Katastrophen ist in einer manchmal katastrophalen Welt. Einerseits.
Andererseits – was einer als Katastrophe empfindet, ist vor allem seine Sache und eine Sache der Welt, in der er lebt: In der sehr kleinen Welt der Kochkunst gilt es ja schon als Katastrophe, wenn ein Gast zur Seezunge mit Champagnersauce ein Bier bestellt.“
Na, neugierig geworden? Soviel sei zum Fortgang dieser Geschichte verraten: dieser Text handelt nicht nur von Köchen und Küchen, sondern auch davon, wie in der kulinarischen Provinz Deutschland eine neue Zeit anbrach, und davon, dass man gleichwohl mit ökonomischen Problemen zu tun hat, auch wenn man einem Paar für Essen und Trinken 600 Mark berechnet und und und. Doch vor allem handelt dieser Text …, doch wir lassen dies am besten Riehl-Heyse selber sagen: „Wer erzählen will, was da in einer sehr überschaubaren Szene passiert, erzählt gleichzeitig auch ein wenig vom Lauf der Zeit insgesamt: davon, was sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten entwickelt hat in der Republik und was sich gerade wieder zurückentwickelt und was daran sinnvoll sein könnte, und was nicht.“ Dies gilt nicht nur für diesen Text, es gilt für seine Text generell..
Herbert Riehl-Heyse hat einmal gesagt, es gehe ihm darum, den Leuten (und vermutlich auch sich selber) zu erklären, wie es auf der Welt zugehe. Dass ihm dies ganz hervorragend gelungen ist, zeigt das vorliegende Buch eindrücklich.
Herbert Riehl-Heyse
Das tägliche Gegengift
Reportagen und Essays 1972-2003
Süddeutsche Zeitung Edition, München 2008

Abendhimmel über Santa Cruz do Sul, am 11. Januar 2021
Wir leben in süchtigen Zeiten, halten es für normal, dass wir von allem immer mehr wollen und dass nichts genügt. Süchtig machen kann alles und jedes, sei es Alkohol, Drogen, Internet, Handys, Bulimie oder Shopping. Helmut Kuntz von der Fachstelle für Suchtprävention der Drogenhilfe Saarbrücken hält für „die am meisten unterschätzte Form süchtigen Verhaltens weltweit die Macht-, Herrsch- und Kontrollsucht in all ihren vielfältigen Gesichtern und Ausprägungen.“
Dies hat unter anderem zur Folge, dass die Schlüsselstellen in Wirtschaft und Verwaltung selten von den menschlich und fachlich Besten besetzt werden, sondern von machtbesessenen, herrschsüchtigen Kontrollfreaks. Da uns eingetrichtert worden ist, dass Gier und Egoismus gut und der Karriere förderlich sind, fällt den meisten gar nicht auf, dass wir „weltweit allzu häufig von emotional reduzierten wie professionell inkompetenten Menschen“ regiert werden.
Helmut Kuntz macht in Verstehen, was uns süchtig macht nicht nur klar, dass den Hals nicht voll zu kriegen für eine auf Wachstum fixierte Gesellschaft so recht eigentlich unabdingbar ist, er zeigt auch auf, wie schief unser Bild von Süchtigen ist. „Psychisch kranke Menschen sind nicht ‚gestört‘, sondern ihr Geist oder ihre Seele sind verletzt.“
Würde man dies akzeptieren, müsste die derzeit praktizierte Suchttherapie abdanken, denn diese funktioniert nach Sucht-Prinzipien: immer schneller, immer billiger. „Standardisierte Diagnosen gehen in unserem nach geldwertem Denken strukturierten Gesundheitssystem zudem mit der Vorgabe einher, sie könnten mit ebensolchen standardisierten Therapien behandelt werden.“
Begreift man hingegen Süchtige als an Geist oder Seele Verletzte, die deswegen besondere Schwierigkeiten haben, mit dem gänzlich ungesunden Leben, das uns unsere Gesellschaft aufzwingt (wir uns selber aufzwingen), klarzukommen, wird man ihnen mit einer Haltung begegnen können, die es erlaubt, individuell auf den Einzelnen einzugehen.
„Verstehen wir, welche Schwierigkeiten ihnen das Leben bereitet, und legen wir im Umgang mit ihnen einen entsprechenden Fokus darauf, erweisen sich viele süchtig Agierende als überaus liebenswerte Menschen, die goldene Schätze in sich tragen“, schreibt Helmut Kuntz. Ob es wirklich viele sind, weiss ich nicht, doch bei einigen ist das in der Tat so.
Gemäss Kuntz handelt es sich bei der Sucht um „eine Emotions- und Beziehungskrankheit mit gesellschaftlichen Ursachen“. Und er hält fest: „Eine stimmige nachvollziehbare Theorie der süchtigen Abhängigkeit ist unverzichtbar, wenn wir das Phänomen mit seinen vielen Gesichtern in seinem Ursachengeflecht tatsächlich verstehen wollen.“
Ich sehe das etwas anders. Natürlich ist Sucht auch „eine Emotions- und Beziehungskrankheit mit gesellschaftlichen Ursachen“ (obwohl das eher eine Definition von Borderline ist), doch hauptsächlich handelt es sich bei der Sucht (wie übrigens bei den meisten seelischen Schwierigkeiten) um eine tiefe spirituelle Krise, die sich als Lebensverweigerung manifestiert (es gehört erwähnt: der Bezug des Autors zum Spirituellen durchzieht das ganze Buch). Auch geht es meines Erachtens nicht darum, ein Ursachengeflecht zu identifizieren, denn mit Ursache- und Wirkungsdenken kommt man im Bereich der Seele nicht sehr weit.
Nichtsdestotrotz gehe ich mit Kuntz‘ Ausführungen und Folgerungen weitgehend einig. Insbesondere, dass es darum geht, „Macht über sich selbst“ zu erlangen. Diese Selbstmächtigkeit hat viel mit Kunst zu tun, „mit angewandter Lebenskunst nämlich.“ Ganz genau! Nur gilt das ja nicht nur für Süchtige, sondern so recht eigentlich für uns alle.
Um diese Lebenskunst zu erlernen, brauchen wir Hilfe, wir alle. Und wir brauchen die Art von Aufklärung, die dieses Buch liefert, das neben der Alkohol-, Drogen-, Internet- und Handysucht auch die Ich-Sucht, für mich die Mutter aller Süchte, thematisiert. Und noch vieles mehr, das aufzeigt, dass Sucht nicht einfach persönliches Versagen ist.
Verstehen, was uns süchtig macht ist eine lohnenswerte und hilfreiche Lektüre, weil da ein lebenserfahrener und denkfreudiger Mann Sucht in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang stellt sowie vielfältige und nützliche Anregungen gibt, wie das Sich-Selber-Meistern gelingen kann.
Helmut Kuntz
Verstehen, was uns süchtig macht
Hilfe zur Selbstheilung
Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2015

Santa Cruz do Sul, am 10. Januar 2021
Journalismus, wie ein geflügeltes Wort sagt, sei „the first draft of history“ und der Journalismus von Hans Ulrich Kempski ist noch ein bisschen mehr, nämlich ein ziemlich ausgereifter Entwurf, der den Historikern nicht nur die Arbeit leicht macht, sondern sie ihnen so recht eigentlich abnimmt. Das liegt daran, dass Kempski ein ungemein genauer, ja detailbesessener Beobachter ist, der es bestimmt auch als Buchhalter weit gebracht hätte, allerdings wäre er da wohl kaum auf seine Kosten gekommen. Und das meint: es ist ziemlich auffällig, dass der Journalist Kempski die Nähe der sogenannt Mächtigen sucht und sich ohne diese wohl ziemlich gegrämt hätte.
Doch zurück zum Markenzeichen Kempskis, der Detailgenauigkeit. Im Epilog wird er von SZ-Journalisten anlässlich seines 80. Geburtstags damit konfrontiert
SZ: Sie sind dafür berüchtigt, Aschenbecher, Fenster und Lampen gezählt zu haben.
Kempski: Damals gab es noch kein Fernsehen. Mein Ziel war es, die bis dahin sehr undurchsichtige Politik, die in der Zeitung ja nur Platz hatte in den Nachrichten oder auf den Meinungsspalten sichtbarer zu machen.
Na ja, eine richtige Frage war dies ja nicht, also braucht man sich auch nicht wundern, wenn man keine richtige Antwort kriegt. Doch um ein Beispiel der Kempski’schen Detailgenauigkeit zu geben:
„Es ist am frühen Dienstagabend, zehn vor sechs Uhr. Der völkerverbindende Staatsakt hat fünf Minuten gedauert. Er findet statt in der Salle Murat des Elysée-Palastes, einem fensterlosen, schmalen Repräsentationsraum, der fünf monströse Kristalllüster mit glänzendem Licht erhellen, das verstärkt wird durch den Widerschein aus fünf bis zur Decke reichenden Spiegeltüren. Die crèmefarbenen Wände sind verziert mit vergoldeten Blattornamenten. Das Mobiliar beschränkt sich auf einen mit rotem Samt bespannten ovalen Tisch sowie fünf darum gruppierte Sessel, deren Sitz- und Rückenpolster mit Jagdmotiven bestickt sind. Drei der Sessel haben Lehnen. In der Mitte nimmt de Gaulle Platz, Adenauer sitzt rechts von ihm, Premierminister Pompidou zur Linken. Die beiden Aussenminister, Schröder und Couve de Murville, sind etwas auf Distanz dahinter platziert. Ihre Sessel haben keine Lehnen.“ (aus: Der Bruderkuss im Elysée, 1963).
Das ist nicht nur genau und wunderbar anschaulich, das ist fast besser abgebildet als es eine Kamera vermöchte. Keine Frage: Kempski ist ein Meister der Bildbeschreibung. Andrerseits, seine Genauigkeit ist keine um der Genauigkeit Willen, sondern eine, welche die Basis dafür bildet, was man im Englischen „educated guesses“ nennt. Hier ein Beispiel:
„Was sind das für Menschen auf Zypern, was nährt ihre Hassgefühle? Reine Griechen und echte Türken sind sie meist nicht. Fremde Eroberer haben das Blut der Insulaner aufgefrischt, haben eine ganz spezielle levantinische Mischung geschaffen. Sie wäre wohl längst im Schmelztiegel einer zypriotischen Nation aufgegangen, hätten nicht zwei verschiedene Religionen eifersüchtig darüber gewacht, dass die das Inselvolk spaltende Grenze des Glaubens und damit auch die der Sprache erhalten bleibt. Rein äusserlich sind die zypriotischen Griechen und Türken nicht voneinander zu unterscheiden. Ihre Manieren wurden durch das englische Vorbild geprägt. Die Zyprioten beider Volksgruppen kleiden sich gleich, haben die gleiche Freude am Tavli-Spiel, schwemmen sich voll mit dem gleichen dicken Gebräu, das sie Kaffee nennen. Und alle neigen der gleichen grandiosen Selbstüberschätzung zu, die sie verführt, die Ereignisse der Welt ausschliesslich unter dem Blickpunkt ihrer Auswirkung auf Zypern auszudeuten. Weder Europa noch dem Orient eindeutig zugehörig, sind die Zyprioten auf der Suche nach ihrer Identität. Vielleicht ist darin ein Element von Schizophrenie zu sehen, das zur Gewalttätigkeit neigt.“
Das ist gekonnt, diese überlegte und komponierte Mischung von Beschreibung, Analyse und Umsetzung von Einfühlungsvermögen, auch wenn der Hinweis auf eine mögliche Schizophrenie medizinischen Kategorien wohl kaum standhalten würde.
Das vorliegende Werk ist voll solcher Geschichten. Ein rundum empfehlenswertes Buch also. Nur einen kleinen Einwand gibt es, doch vielleicht ist es ja gar keiner: Es ist schwierig aus dieser Geschichtenfülle aus fünf Kontinenten (wo war dieser Reporter eigentlich nicht dabei?) ein Buch zusammenzustellen, doch anstelle einer ziemlich willkürlichen Gliederung in Themen (wobei innerhalb der einzelnen Kapitel chronologisch vorgegangen worden ist), wäre möglicherweise ein simple zeitliche Staffelung sinnvoller gewesen.
Doch zurück zum Journalismus als dem „first draft of history“. Es gibt Geschichten in diesem Band, da wähnt man sich fast physisch anwesend (etwa bei: Die Nation hält Totenwache. 1963), so wirklichkeitsnah sind sie geschildert. Es ist zu hoffen, dass Historiker Kempskis Reportagen weder als Entwürfe noch als Vorlagen verstehen, sondern als das, was sie sind: Grossartige Geschichtsschreibung.
Hans Ulrich Kempski berichtet
Grosse Reportagen eines legendären Journalisten
Herausgegeben von Gernot Sittner
Süddeutsche Zeitung Edition, München 2009

Santa Cruz do Sul Centro, am 10. Januar 2021
An ein Buch, das als „atemberaubende Entdeckungsreise“ (The Guardian) gepriesen wird, geht man mit gespannter Vorfreude heran. Doch wenn dann von demselben Buch auch noch behauptet wird, es „könnte ihr Leben verändern“ (The Observer), weicht die Vorfreude einer schwer zu bändigenden Skepsis (war der Rezensent vielleicht dreiundzwanzig und für ernsthaftere journalistische Arbeiten ungeeignet?).
Und dann beginnt man zu lesen und greift bereits auf der ersten Seite der Einführung zum Bleistift, weil man markieren will, was zwar banal sein mag, doch selten wirklich begriffen wird: „Ohne triftigen Grund und zwingende Notwendigkeit bewegen wir uns nicht vom Fleck“. Ab da ahnt man, dass man ein aussergewöhnliches, ja ein hilfreiches Buch vor sich hat. Es heisst „Wie wir sind“ und geschrieben wurde es vom Psychotherapeuten Vincent Deary, der heute an der University of Northumbria in Newcastle unterrichtet.
„Der ausgetretene Pfad“ heisst das erste Kapitel, in dem eindringlich aufgezeigt wird, wie unser Begehren unsere Lebenspfade vorgibt. „Die weitverzweigte Architektur unseres Gehirns und unserer Nerven wartet auf die Welt und ahnt bereits deutlich voraus, wie sie sein wird. Sie wartet auf Raum und Zeit, ist bereit für die Sprache, sieht Bewegung und andere Menschen voraus, ist vorbereitet auf Sex und Gewalt, Angst und Schrecken.“
Wie wir sind ist ein lebenskluges, ja weises Buch, das sich nicht zuletzt dadurch auszeichnet, das es höchst clever aufgebaut ist. So ist etwa jedem Kapitel eine kurze Inhaltsangabe vorangestellt, die einen, zugegeben, ich rede von mir, richtiggehend ins Buch hineinzieht. Hier ein Beispiel: „Wir werden sehen, dass wir in hohem Masse Gewohnheitsmenschen sind und dass die Gewohnheit auf dem Gedächtnis gründet. Dabei ist das Gedächtnis weniger eine Bibliothek als vielmehr ein Archiv bereitstehender Routinen, die unser Alltagsleben ermöglichen …“.
Eindrücklich zeigt Vincent Deary auf, dass das Gedächtnis zwar ein Aufzeichnungsgerät ist, „allerdings bestenfalls für ein paar Tage“. Zudem ist es fehleranfällig, wie das russische Sprichwort; ‚Er lügt wie eine Augenzeuge‘ treffend illustriert. Und nicht zuletzt gilt: „Erinnerung verblasst, wenn sie nicht immer wieder ans Licht geholt wird“.
Mein Eindruck, dass ich die meiste Zeit auf Autopilot durchs Leben gehe, wird in Wie wir sind nicht nur bestätigt, sondern sehr schön auf den Punkt gebracht: „Wohlerwogenes, bewusstes Denken ist das, was uns am allerwenigsten eigen ist.“
Bezugnehmend auf Filme, Werke der Literatur sowie der Neurowissenschaft erläutert der Autor, weshalb wir uns so schwer tun mit Veränderungen. Faulheit und Feigheit hinderten den Menschen daran, selber zu denken, meinte bekanntlich Immanuel Kant. Und sie sind es auch, die der Veränderung wesentlich entgegenstehen.
„Wir haben gesehen, wie wir sind, wie festgefahren in unseren Gewohnheiten“, lese ich zu Beginn des zweiten Aktes, der mit „Verändern“ überschrieben ist:“Jetzt müssen wir uns von ihnen verabschieden und uns neue zulegen. Die Arbeit, das Drama beginnt.“
Sich zu verändern bedeutet, eine neue Rolle auszuprobieren. Und das verlangt üben. Damit sich neue Gewohnheiten heranbilden können. Denn wir Gewohnheitsmenschen können uns entscheiden, welchen Routinen wir den Vorzug geben.
Als die Schauspielerin Beryl Reid einmal gefragt wurde, „wie sie sich in eine neue Figur einfinde, wie sie das Gefühl dafür bekomme, jemand anders zu sein, antwortete sie: ‚Als Erstes suche ich mir die Schuhe aus.‘ Der Rest kommt dann von ganz allein.“ Weil sie damit der Automatik, die uns grösstenteils bestimmt, die Richtung vorgegeben hat.
Vincent Deary
Wie wir sind
Pattloch Verlag, München 2015

Der Himmel über Santa Cruz do Sul am 7. Januar 2021