Saul Friedländer: Proust lesen

Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gehört zu meinem Bildungspensum, was meint: Ich habe das Buch nicht gelesen. Zwar bin ich immer mal wieder darauf gestossen, in Essays, Artikeln und in Zitaten – geblieben ist mir jedoch nichts.

„Auf der Suche“ lasse sich leicht zusammenfassen, lese ich im Vorwort, „da es kaum eine Handlung gibt; es ist der Lebensbericht eines Erzählers, dessen grösster Wunsch es von Kindheit an ist, Schriftsteller zu werden.“ Proust hält seinen Vater, einen bekannten Professor für Medizin, für „ziemlich naiv“ und dessen Gier nach Titeln und Anerkennung für albern; das Verhältnis zur Mutter, der er sehr verbunden ist (und sie ihm), ist teilweise zwiespältig – er findet sie besitzergreifend, kritisiert ihren sozialen Konservatismus.

Wie jedes andere Buch auch, so gehe ich Proust lesen mit einer Erwartungshaltung an. Ich stelle mir vor, dass ein Proust-Enthusiast mich an seiner Begeisterung für den Autor von „Auf der Suche“ teilhaben lässt und diese auf mich überspringt. Saul Friedländer hat jedoch anderes im Sinn – er möchte ergründen, was Proust „im Sinn zu haben oder zu verbergen scheint – um anhand der Aussagen des Erzählers die versteckten Hinweise oder Verschleierungsversuche des Autors zu verstehen.“

Die Geschichte des Erzählers sei nicht Prousts Autobiographie, doch sie komme ihr nahe, behauptet nicht nur Friedländer, auch andere Autoren sehen das so. Für mich ist das offensichtlich, schliesslich kann man nur davon berichten, was man kennt, also von sich selbst. Diejenigen, die sich professionell mit Literatur auseinandersetzen, sehen das anders und wehren sich meist dagegen (jedenfalls habe ich diesen Eindruck), Geschriebenes mit Autobiographischem gleichzusetzen. Überschneidungen, sicher, die mag es nicht nur geben, sondern sind fast unvermeidlich, doch Leben und Werk gehören getrennt. Ich finde das nicht, weshalb ich denn auch Proust lesen mit Sympathie angehe, obwohl ich ganz anders lese als Saul Friedländer – mich interessiert so recht eigentlich nur, wie etwas auf mich wirkt, was ein Autor meint, meinen könnte oder auch nicht, beschäftigt mich hingegen kaum.

Saul Friedländer spürt nicht nur der komplexen Beziehung von Erzähler-Ich und Autor nach, ihn interessiert ganz besonders die Haltung Prousts gegenüber den Juden. Dabei staune ich, wie der Mann liest – sehr genau, sich ständig fragend, analysierend und interpretierend. „Die Einfälle des Erzählers führen uns zu einem weiteren Detail, das im vorangegangenen Kapitel erwähnt, aber nicht ausgeführt wurde. Ich fragte mich, warum das Aussehen der Eltern nirgends beschrieben wird, aber liess die Frage ungeklärt. In Anbetracht des Versuchs, die Mutter zu einem ‚Kind‘ von Combray zu machen, scheint es mir nun, als läge der Grund für die Vermeidung klar auf der Hand: Die Mutter sah jüdisch aus, oder genauer gesagt, sie muss in den Augen des Autors jüdisch ausgesehen haben …“.

Auch mit seiner Homosexualität, die er in seinem gesellschaftlichen Umgang nicht verbarg, geht Proust bzw. der Erzähler widersprüchlich um. Und wiederum rätselt Friedländer, warum er das wohl tut und vermutet wohl zu Recht und wenig überraschend: „Nach meinem Dafürhalten vermutete Proust wohl, dass ein offen homosexueller Roman viele Leser abstossen würde.“ Andererseits fügt er gleich hinzu: „Die Romane André Gides jedoch schienen das Gegenteil zu beweisen. Ist das also wirklich die Antwort? Ich weiss es nicht.“

Nichts könnte mir fremder sein als einen Text nach Verborgenem, Vorenthaltenem, Verheimlichten zu erkunden (ich halte Motivforschung für aberwitzig und anmassend), weshalb mich denn auch Friedländers Vorgehen einigermassen ratlos lässt. Ist es denn nicht das Privileg des Autors, verschiedene Facetten seiner Persönlichkeit darzustellen? Möglicherweise aus Freude am Spiel. Oder einfach darum, weil er es kann? Und überhaupt: Entzieht sich denn nicht das Meiste, das wir tun unserem Wissen-Können?

Saul Friedländers Lesen suggeriert und impliziert ein aussergewöhnlich geplantes und durchdachtes Schreiben, das natürlich durchaus der Fall sein kann, doch es möglicherweise gar nicht ist, vielmehr viel unbewusster vonstatten geht als ein Leser (und ganz besonders ein akademischer) sich das vorstellen mag, denn das Unbewusste entzieht sich so recht eigentlich der Analyse und mithin der Sinngebung, da es per definitionem nicht gewusst werden kann. Wie heisst es doch so treffend im Talmud: Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie, wie wir sind.

Proust lesen ist geprägt von des Autors Entdeckerfreude, die ihm mannigfaltige Einsichten beschert, etwa „dass Albertine und die Gruppe von Mädchen, denen der Erzähler in Balbec begegnet, wie wir bereits sahen, allesamt getarnte junge Männer sind.“ Dass er bei der Auseinandersetzung mit Prousts Werk auch an den sein Leben begleitenden Schmerz, verursacht durch den Verlust seiner Mutter, erinnert wurde, macht deutlich, dass sein hoch aufmerksames, reflektierendes Lesen auch Unbewusstes hervorzubringen vermag. So schliesst sich der Kreis am Ende dieses Essays gleichsam: Die Suche nach dem Verborgenen bei Proust brachte (auch) das Verborgene bei ihm selber hervor.

Saul Friedländer
Proust lesen
C.H. Beck, München 2020

Norbert Mecklenburg: Das Mädchen aus der Fremde

Es sei gleich gesagt: sich mit diesem Werk zu befassen, ist Gewinn und Genuss. Da wird einem nämlich vorgeführt, wie man durchdacht schreibt, gehaltvoll formuliert und sich pointiert und verständlich mitteilt. Doch was ist das eigentlich, interkulturelle Literaturwissenschaft? In den Worten von Norbert Mecklenburg: „Interkulturelle Literaturwissenschaft gab und gibt es überall dort, wo Literaturwissenschaftler bei ihrer Arbeit Kulturunterschiede bedenken und über Kulturgrenzen hinausdenken. Solch ein Denken entspricht zwei Erfahrungen: das eine ist die Erfahrung einer Pluralität von Kulturen, das andere die Erfahrung Kulturen überschreitender Wirkung von Literatur.“

Jede der in diesem Band versammelten Studien kann für sich gelesen werden, erfährt man aus dem Vorwort. Nehmen wir also deren drei, die interkulturelle Philosophie, die kulturellen und literarischen Universalien sowie die Übersetzung als interkulturelles literarisches Basisphänomen

Mit dem, was zur Zeit in Europa unter interkultureller Philosophie läuft, geht der Autor recht harsch zu Gericht, mit zwei Ausnahmen: Jürgen Habermas und Elmar Holenstein.
„Halte keine philosophische These für gut begründet, an deren Zustandekommen nur Menschen einer einzigen kulturellen Tradition beteiligt waren“, schreibt etwa Franz Wimmer. Dazu Mecklenburg: „Man merkt die gute Absicht und ist über die Kurzschlüssigkeit der Regel verstimmt. Sie setzt aus missverstandener interkultureller correctness die Rationalität philosophischer Begründung und wissenschaftlicher Geltungsprüfung fahrlässig aufs Spiel.“ Er selber sieht eine Euroethnophilosophie am Werk, wenn etwa Heinz Kimmerle den afrikanischen Philosophen Wiredu („Was uns vereinigt, ist fundamentaler, als was uns unterscheidet“ – eine übrigens einigermassen banale Aussage) mit dem Argument kritisiert, solche Universalien würden bereits „durch ihre Herkunft aus der westlichen philosophischen Tradition ihre kulturelle Bestimmtheit“ verraten. Kein Wunder, hält Mecklenburg, der u.a. auf die „intrakulturelle philosophische Vielstimmigkeit“ hinweist, nicht gerade viel von solcher interkultureller Philosophie.

Die Ausnahmen hat er, wie gesagt, in Habermas und Holenstein ausgemacht. Da der Autor letzterem wesentlich mehr Platz einräumt, soll kurz auf dessen „Philosophie der interkulturellen Verständigung“ eingegangen werden. Für diese spricht übrigens nicht zuletzt, dass sie „nicht in systematischer Form, sondern nach dem Baukastenprinzip in einer Reihe von Aufsätzen“ entwickelt worden ist. Seine Kulturtheorie lässt sich in vier Hauptthesen zusammenfassen: 1) Kulturen sind keine homogene, in sich abgeschlossene und klar voneinander abgehobene Einheiten. 2) Kulturen sind nach dem Baukastenprinzip aufgebaut, d.h. sie „bestehen nicht anders als Nervensysteme aus Teilbereichen, die relativ autonom sind.“ 3) Kulturen bestehen sowohl aus interkulturellen Kontakten (historischen Faktoren) als auch aus Universalien (anthropologischen Faktoren). 4) Viele Elemente und Strukturen lassen sich in allen Kulturen finden, womöglich in der einen Kultur ausgeprägter als in der andern, auch mag dies zeitlich variieren, denn schliesslich ist das Leben in ständiger Veränderung sowie im Austausch begriffen.

Drei offene, pragmatische Regeln hat Holenstein aus seinen kulturtheoretischen Überlegungen (zwischen interkulturellen und intrakulturellen Verstehensproblemen, die immer intrasubjektiv sind, gibt es nur graduelle Unterschiede) abgeleitet: 1) das Prinzip der Fairness; 2) die Rationalitätsregel, die davon ausgeht, auch wenn dies nicht auf den ersten Blick erkennbar sein mag, dass die gegenseitigen Äusserungen rational bezw. ‚logisch‘ sind; und 3) die Personalitätsregel, die meint, dass man den andern als Person und nicht nur als Objekt wahrnimmt. Mecklenburg fügt die „It’s better to assume nothing“-Regel bei, die in etwas weniger neutraler Sprache schon mal als „Don’t ass u me“ daherkommen kann.

Da Sinn und Zweck dieser Buchbesprechung nicht ist, den Inhalt möglichst kritisch wiederzugeben, sondern auf das Buch neugierig zu machen, hier ein paar Auszüge, die ersten beiden aus dem Kapitel über die kulturellen und literarischen Universalien, der dritte aus dem Kapitel über die Übersetzung als interkulturelles literarisches Basisphänomen.

„Heute sind es aufgrund der grossen Verbreitung eines postmodernen Kulturrelativismus in Wissenschaft und intellektueller Öffentlichkeit der westlichen Welt die universalistischen Positionen, die sich kaum artikulieren können, ohne dass sie sofort als ideologisch verdächtigt werden.“

„Nun ist Kulturrelativismus nichts weniger als eine klare Denk- und Wissenschaftsposition, vielmehr ein sehr schillerndes Phänomen. Die heute vorherrschende Form ist ein affirmativer Pseudo-Relativismus, der Indifferenz gegenüber Kulturen und globalen Zusammenhängen mit bequemem Kulturzentrismus verbindet. Pseudo-Relativismus relativiert alles, nur nicht die eigene Position.“

„… zu bedenken, dass Kulturdifferenz nicht einfach eine Gegebenheit, sondern immer zugleich ein Konstrukt ist, sei es von Seiten des Übersetzers, sei es des Übersetzungsforschers. Aus dem Munde eines türkischen Übersetzungsforschers habe ich einmal gehört, in der Übersetzung eines Kinderbuchs von Christine Nöstlinger ins Türkische dürfe das Wort ‚Jeans‘ nicht übernommen werden, weil man in Anatolien andere Hosen trage. Diese Begründung beruht auf der Konstruktion eines Kulturunterschieds, die derart weltfremd, literaturfremd, kinderfremd wohl nur aus ideologischen Gründen ausfallen konnte. Zahlreiche Beispiele dafür, wie verschieden in der Übersetzungspraxis Kulturdifferenzen einbezogen und gegeneinander abgewogen werden können, liessen sich hier anschliessen – bis zu dem berühmten ‚Seehundbaby Gottes‘ als zielkulturgerechtem Übersetzungsvorschlag für das ‚Lamm Gottes‘ in einer Bibel für Eskimos.“

Fazit: ein Buch, dem man viele Leser wünscht. Die männliche Form ist übrigens bewusst gewählt, schliesslich lesen Männer bekanntlich weniger als Frauen.

Norbert Mecklenburg
Das Mädchen aus der Fremde
Germanistik als interkulturelle Literaturwissenschaft
Iudicium Verlag, München 2009

Shunmyo Masuno: Zen Your Life

Als ich dieses Buch zur Hand nehme, frage ich mich unwillkürlich, ob es nach all den Büchern über Zen, die ich gelesen habe, wirklich noch ein anderes braucht. Doch, ja, denn obwohl ich, wie ich glaube, für mich Wesentliches über Zen begriffen habe, muss ich immer wieder daran erinnert werden, da ich allzu leicht und immer wieder vergesse (und neu akzeptieren lernen muss), dass Zen entscheidend im Üben besteht.

„‚Zen‘ ist die grundlegende Lehre für das Leben der Menschen in unserer Welt. Anders gesagt, es ist eine Übung, eine Denkweise, und sie gibt Hinweise, wie der Mensch glücklich leben kann. Eine Schatzkammer für tiefe, aber leichte Lebensweisheiten.“

Im Zen geht es darum, das eigene Dasein im Hier und Jetzt zu erfahren, einfach zu leben und damit wesentlich zu werden. Dazu ist erforderlich, Gewohnheiten ein bisschen zu verändern. „Probiere einmal, dir Zeit zu nehmen, gar nichts zu tun – wenn es dir nur zehn Minuten am Tag gelingt, genügt das schon.“ Das klingt leicht, doch wer es versucht hat, weiss, dass es das nicht ist, denn dauernd gehen einem Gedanken durch den Kopf, die einen in die Vergangenheit oder die Zukunft entführen.

Der 1955 geborene Priester, Zen-Garten-Architekt und Professor Shunmyo Masuno gibt in Zen Your Life  viele praktische Hinweise, wie wir gut leben können. „Versuch, gerade wenn du viel zu tun hast, 15 Minuten früher aufzustehen als sonst (…) Und wenn du in Ruhe eine Tasse Tee oder Kaffee geniesst, betrachte den Himmel aus dem Fenster. Vielleicht hörst du kleine Vögel zwitschern.“

Zen Your Life  erinnert mich ständig an Offensichtliches, dem ich viel zu wenig Aufmerksamkeit schenke. Etwa dass jeder Tag anders ist. „Der Geschmack der Morgenluft, der Moment des Sonnenaufgangs, der Wind, der über die Wange streicht, die Farben der Bäume und die des Himmels, all das verändert sich ständig.“

Kleine Veränderungen mit grosser Wirkung  heisst der Untertitel und beschreibt damit genau, worum es in diesem handlichen Buch geht, das man nicht am Stück lesen sollte, sondern in kleinen Stückchen, am besten Tag für Tag. Das Ziel dabei ist, einfach zu werden. „In einem einfachen Leben geht es darum, die physischen und geistigen Lasten abzuwerfen. Das ist die Grundlage des Lebens nach dem Zen-Prinzip.“

Zen Your Life  ist in 4 Kapitel und insgesamt 100 Schritte unterteilt; es eignet sich bestens, den Tag mit jeweils einem der Schritte zu beginnen.

Fazit: Ein wirklich hilfreiches Buch!

Shunmyo Masuno
Zen Your Life
Kleine Veränderungen mit grosser Wirkung
FISCHER Krüger, Frankfurt am Main 2019 

Lionel Shriver: Die perfekte Freundin

Jillian Frisk, 43, attraktiv und bekennende Dilettantin, geht einigen ihrer Bekannten auf den Geist. Weil sie anders ist und mittlerweile kein Problem mehr damit hat. „Sie hatte einige Jahre für die Einsicht gebraucht, dass es ihr so schwerfiel, eine berufliche Laufbahn einzuschlagen, weil sie gar keine wollte. Umgeben von ehrgeizigen Machern, liess sie ihnen gern ihre Ziele, ihre Laufbahnen, ihre Hoffnungen, ihr fieberhaftes Schuften auf irgendeine ferne Bestimmung hin, die sie zwangsläufig enttäuschen würde, wenn sie überhaupt jemals einträte.“

Seit vierundzwanzig Jahren ist sie mit Westin Babansky, 48, bekannt, die beiden hatten zweimal eine sexuelle Affäre miteinander und sind mittlerweile beste Freunde. Dann lernt Westin Paige Mayer, Ende dreissig, kennen, die bei ihm einzieht. Als Jillian zum ersten Mal bei den beiden zu Gast ist, zeigt sich, dass die zwei Frauen auf sehr anderen Planeten unterwegs sind.

Jillian und Paige wissen, was sie wollen, scheuen sich auch nicht, ihre Meinungen klar und deutlich auszudrücken. Westin laviert, er schätzt beide, will es sich mit keiner verderben.

Westin und Paige fühlen sich wohl miteinander, nehmen gegenseitig Rücksicht. Als er ihr einen Heiratsantrag macht, verlangt sie, dass er Jillian nicht mehr treffen dürfe. Er lehnt ab. Doch das ist nicht etwa das Ende der Geschichte, sondern der Anfang. Meisterhaft, wie Lionel Shriver die Situation eskalieren lässt.

Die perfekte Freundin kommt zwar als komplizierte Beziehungsgeschichte daher, geht jedoch – jedenfalls für mich – weit darüber hinaus und ist so recht eigentlich eine clevere und hellsichtige Studie darüber, dass der Mensch sich nicht ändern will, weil das bedeuten würde, ein anderer Mensch zu werden und das tut er bekanntlich nur, wenn er muss.

Eindrücklich gelungen sind die Charakterisierungen der drei Protagonisten. Die unangepasste Jillian, die sich kreativ und voller Selbstzweifel durchs Leben wurstelt und von Paige als „selbstsüchtig, selbstbezogen, mit sich selbst beschäftigt“ beschrieben wird (was natürlich genau so auf Paige zutrifft); der Kontrollfreak Paige, die jeden Samstag die Wohnung putzt und schrubbt („Das Haus wirkte irgendwie konzentrierter, sobald sie fertig war, auch wenn er keinen Unterschied erkennen konnte.“), deren heftige Ablehnung von Jillian ihr eigentlich wesensfremd ist („… dass Paige sich normalerweise ein Bein ausriss, um in jedem Menschen das Gute zu sehen.“); der nachdenkliche Westin, der sich emotional eingerichtet hat („Er machte sich nicht vor, dass er sich zu einer anpassungsfähigeren Person entwickelt hätte. Es gab nur wenige Frauen, die er tolerieren konnte und die auch ihn tolerierten. Wenn es überhaupt mehr als eine gab.“).

Klar, Westin ist ein Feigling, dem es nicht gelingt, reinen Tisch zu machen, sich jedoch keiner Schuld bewusst ist, „zumal er die schlechte Angewohnheit hatte, anderen Massstäbe aufzuerlegen, die er selber nicht erfüllte.“ Nur eben: Jillian und Paige konfrontieren die Realität genau so wenig.

Gibt es eigentlich aufrichtige Beziehungen? Sind sie überhaupt möglich?, habe ich mich bei der Lektüre immer wieder gefragt. Sowohl Jillians als auch Paiges und Westins Gefühle bzw. deren Rationalisierungen werden nachvollziehbar geschildert, schliesslich haben wir alle immer unsere guten Gründe. Darüber, was die drei wirklich antreibt, ist sich nur Westin im Klaren, auch wenn er sich nicht entsprechend verhält.

Die perfekte Freundin ist ein sehr gelungenes Werk, reich an smarten Einsichten („Pure Gemeinheit war zu einer vertrauten Form des Umgangs geworden.“; „Man bedenke, dass einer der Hauptgründe, warum die meisten Menschen jemanden nicht leiden können, darin besteht, dass dieser Jemand sie nicht leiden kann, weswegen es in vielen Feindschaften auf das Henne-oder-Ei-Problem hinausläuft.“), doch mit einem gänzlich misslungenen deutschen Titel – die englische Originalversion lautet: The Standing Chandelier.

Fazit: Nüchtern, gescheit, realistisch und witzig.

Lionel Shriver
Die perfekte Freundin
Piper, München 2020

Maria Popova: Findungen

Zugegeben, ich gehe dieses Buch voreingenommen an, das liegt wesentlich an der Werbung, die da lautet: „Visionen können die Welt verändern – Weisheit und Philosophie für das 21. Jahrhundert“. Und so frage ich mich (skeptischer geht kaum): Was will mir eine 35Jährige, in Bulgarien geborene und heute in New York lebende, dazu bloss sagen? Doch meine Skepsis verflüchtigt sich bereits nach den ersten Seiten, auf denen die Autorin frisch und eloquent darlegt, wie alles gleichzeitig und miteinander existiert. Und das klingt so: „Unser Leben lang versuchen wir auszumachen, wo wir enden und der Rest der Welt beginnt. Wir reissen unser Standbild des Lebens aus der Gleichzeitigkeit der Existenz, indem wir an Illusionen von Beständigkeit, Gleichförmigkeit und Linearität festhalten; von statischen Identitäten und Lebensläufen, die sich in sinnvollen Narrativen entfalten. Dabei verwechseln wir Eventualitäten mit Entscheidungen, unsere Etiketten und Modelle für die Phänomene mit den Phänomenen selbst, unsere Aufzeichnungen mit unserer Geschichte. Geschichte ist jedoch nicht das Geschehene, sondern das, was die Schiffbrüche von Urteil und Zufall überlebt.“

Maria Popova beginnt mit Ausführungen zu Johannes Kepler, „der das weltweit erste Science-Fiction-Werk geschrieben“ hat, mit einem Einleitungssatz, den ich mir für viele Werke wünschen würde: „So stelle ich es mir vor:“ Getreu ihrer Kepler zugeschrieben Devise – „Durch harte Fakten allein würde sich ihr (der wissenschaftlich ungebildeten Öffentlichkeit) Glaube nicht erschüttern lassen, dazu brauchte es auch Erzählkunst.“ – erzählt sie von seinem Leben und dem Schicksal seiner als Hexe angeklagten Mutter.

Das Tolle an diesem Buch, neben dem Erzähltalent der Autorin, ist, dass es Fächer- und Disziplinen übergreifend daher kommt (da werden etwa Dichterinnen und Wissenschaftler nebeneinander zitiert) und damit deutlich macht, wie künstlich und absurd, die von Menschen erfundenen Fächer und Disziplinen letztlich sind. Jedenfalls wenn es um Erkenntnisgewinn (und nicht um Arbeit und Lohn) geht.

Auch über die Zeiten springt Maria Popova souverän hinweg und bringt uns damit zu Bewusstsein, dass wir nicht in der Historie gefangen sein müssen, dass es Grundgesetze (wie etwa den Wandel) gibt, die vermutlich ewig sind. „Das kopernikanische Modell war die erste Theorie, die unserer anthropozentrischen Selbstherrlichkeit einen gewaltigen Dämpfer versetzte. Seitdem wurden unsere Gewissheiten immer wieder in ihren Grundfesten erschüttert, sei es durch die Evolutionslehre, die Bürgerrechte oder die Ehe für alle, wobei grosse Teile der Gesellschaft auf Letztere mit einer ähnlichen Ablehnung reagierten wie die Einwohner von Keplers Heimatstadt auf das kopernikanische Weltbild.“

Wir sehnen uns nach geradlinigen Geschichten, so Maria Popova, und blenden dabei die Nebensächlichkeiten aus, „das Chaos und die Inkonsistenzen der Persönlichkeit, die jeden Menschen prägen.“ Sie selber tut das nicht, lässt vielmehr nebeneinander stehen, was auch im richtigen Leben nebeneinander steht, seien es Poesie und Astronomie, seien es Entdeckerfreude und karges Leben. Daraus erwächst eine übergeordnete Sicht auf unsere Existenz. „ … erinnern uns Kometen daran, dass das Leben des Universums in Zyklen verläuft, die unabhängig von unserer Lebensdauer sind und weit darüber hinausreichen.“

Findungen befasst sich auf der Grundlage der Lebensgeschichten von aussergewöhnlichen Frauen wie den Astronominnen Maria Mitchell und Mary Somerville (die unter anderem auf die verbindenden Elemente zwischen Astronomie, Mathematik, Physik, Geologie und Chemie hinwies), der Bildhauerin Harriet Hosmer, der Journalistin Margaret Fuller. der Dichterin Emily Dickinson und der Biologin Rachel Carson mit den grossen Sinnfragen. Dabei legt Maria Popova auch dar, wie Schönheit uns als Antrieb dient und, wie Emerson meinte, „für das Universum wesentlich ist.“

Übrigens: „Hat es jemals eine Frau gegeben, die frei von Eitelkeit war? Oder einen Mann? Der Unterschied ist nur, dass die Eitelkeit Männern als Ehrgeiz ausgelegt wird“, brachte die Astronomin Caroline Herschel (1750-1848) die nach wie vor herrschende Doppelmoral auf den Punkt.

Nein, es handelt sich hier nicht (nur) um ein Werk, das der Bedeutung von Frauen in der Ideengeschichte ihren wohl verdienten Platz gibt (sicher, das auch), vielmehr zeichnet es sich dadurch aus, dass es nicht in den herkömmlichen Kategorien angesiedelt ist, von denen übrigens die Klassenzugehörigkeit der Faktor ist, „der die Gesellschaft am meisten spaltet, noch vor dem Geschlecht, der Rasse und der sexuellen Orientierung. Gemischtrassige und gleichgeschlechtliche Ehen werden inzwischen weitgehend toleriert, aber Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Klassen werden damals wie heute mit abschätzigen Blicken bedacht.“

Findungen bietet ungemein Lehrreiches. Und ausgesprochen Verblüffendes. Mich jedenfalls erstaunte nicht wenig, dass Margaret Fuller, eine der Pionierinnen der Frauenbewegung, bereits als Einundzwanzigjährige solch klare und hellsichtige Gedanken äusserte: „Ich erkannte, dass es kein Selbst gibt; dass Selbstbezogenheit bloss Torheit ist, das Ergebnis der Umstände; dass ich nur deshalb litt, weil ich das Selbst für real hielt; dass ich nur in der Idee des All zu leben brauchte, und all war mein.“

Obwohl dieses Buch hauptsächlich von eigenwilligen Frauen, die sich über Erwartungen und Konventionen hinwegsetzen, handelt (und ihnen damit einen Stellenwert einräumt, der ihnen zumeist verweigert wird), erfahren wir auch viel Faszinierendes über komplizierte Männer wie etwa Herman Melville, Nathaniel Hawthorne, Charles Darwin, Hans Christian Andersen und Carl Sagan, dessen Ausführungen zum „Pale Blue Dot“ (zitiert auf den Seiten 629/630) zu den hilfreichsten Texten gehört, die ich kenne.

Findungen liefert so recht eigentlich eine Gesamtschau der Menschen und Dinge, unseres Wissens und unserer Gefühle. Und ist wesentlich eine Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Seins. Was Maria Popova über Mary Somervilles ‚Überblick‘ schreibt, trifft auch auf ihr eigenes Werk zu: „Ihre Genialität bestand eben genau darin, dass sie die Erkenntnisse verschiedener Disziplinen nicht nur zusammenfasste, sondern auch zueinander in Beziehung setzte und auf diese Weise ein integriertes Wissen schuf, das weitaus grösser war als die Summe seiner Teile …“.

Dazu kommt – und dies zeichnet dieses Werk ganz besonders aus – , dass Privates und Berufliches, gesellschaftliches Engagement und Liebesleben, persönliche Defizite und ausgeprägte Willensstärke nahtlos ineinander übergeben. „Es scheint den Menschen schwerzufallen, die Vorstellung zu akzeptieren, dass zwei Wahrheiten durchaus nebeneinander existieren können“, notierte Maria Mitchell in ihr Tagebuch.

Zu den Stärken dieses Buches gehört auch, dass Maria Popova immer wieder Bezug auf sich selber nimmt und damit nicht zuletzt deutlich macht, dass unsere Gefühle über die Jahrhunderte hinweg im Wesentlichen gleich geblieben sind, Kopf und Seele eigenartig unabhängig voneinander funktionieren. Und dass trotz unseres Strebens nach Sicherheit und Stabilität die Welt letztlich vom Zufall beherrscht wird.

Dass er ganz „viele hohe Gedanken in andere Köpfe gesät hat“, schrieb Thomas Wentworth Higginson, der Mentor von Emily Dickinson und Biograf von Margaret Fuller, über Ralph Waldo Emerson. Das lässt sich auch über Maria Popova sagen, die im Gegensatz zu Emerson in diesem Buch vorführt, was diesem (sein Verhältnis zu Margaret Fuller anlangend) nicht gelang: „Es erfordert Geduld und moralische Kühnheit, der Komplexität Raum zu lassen und der Versuchung zu widerstehen, Unvertrautes mit Gewalt in eine Schublade zu zwängen. Emerson konnte oder wollte das jedoch nicht.“

Fazit: Kreativ und scharfsinnig, erhellend und inspirierend. Grossartig, eine echte Bereicherung!

Maria Popova
Findungen
Diogenes, Zürich 2020

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte