Byron Katie / Stephen Mitchell: Eintausend Namen für Freude

Es gibt Bücher, die kann man nur ganz langsam lesen, die muss man nach ein, zwei kurzen Kapiteln zur Seite legen, damit das gerade Gelesene seine Wirkung entfalten kann. Eintausend Namen für Freude gehört zu diesen Büchern. Byron Katie zeigt darin auf, wie die 81 Sinnsprüche des Tao Te King praktisch gelebt werden können.

Lao Tses Prinzip des „Wu Wei“ meint Nicht-Tun beziehungsweise Geschehen-Lassen und nichts anderes meint auch Byron Katie, wenn sie von „lieben was ist“ spricht. In der heutigen Zeit, in der das Loslassen für sensible Gemüter schon fast ein Imperativ ist, redet sie der uneingeschränkten, totalen Akzeptanz das Wort. „Ich lasse meine Gedanken nicht los“, sagt sie. „Ich begegne ihnen mit Verständnis. Dann lassen sie mich los.“

In diesem wunderbar nützlichen Buch geht es um die Gegenwart, um das Leben im Hier und Jetzt, um das Da-Sein. „Too much think, headache“, habe ich einmal eine Thailänderin sagen hören, doch die Gedanken sind nicht das Problem, sondern dass wir sie ernst nehmen, wir ihnen Bedeutungen geben, die sie schlicht nicht haben. „Ich habe meine Gedanken überprüft und festgestellt, dass sie keinerlei Bedeutung haben. Mein Inneres erstrahlt in der Freude der Erkenntnis.“

Eintausend Namen für Freude  ist ein wirklich hilfreiches Buch, weil es uns nicht einfach sagt, dass die Gegenwart lebenswert ist, dass alles so wie es ist auch sein muss, sondern das am praktischen Beispiel aufzeigt: „Ich wache morgens auf und sehe nicht viel. Am Abend zuvor hatte ich sehen können, aber nun ist alles verschwommen als sähe ich durch eine russgeschwärzte Scheibe (Vor Kurzem war bei mir eine degenerative Erkrankung der Hornhaut namens Fuchs-Dystrophie festgestellt worden. Sie ist unheilbar und im letzten Jahr sehr stark fortgeschritten.) Ich wohne in einem neuen Hotelzimmer und muss Zähne putzen, duschen und packen. Wo ist der Koffer? Und da fällt es mir wieder ein. Meine Hände wissen es. Die Welt ist grau, aber ich kann Unterschiede in den Grautönen wahrnehmen, und dank dieser Unterschiede sowie der Dinge, die ich fühle, sehe ich, was ich sehen muss, um meine Kleider zu finden. Ich taste mich ins Badezimmer, finde Zahnpasta und Zahnbürste und drücke auf die Tube. Oh! Ich habe einen riesigen Klecks Zahnpasta auf die Borsten gequetscht und muss schmunzeln: Offenbar brauchen meine Zähne heute Morgen besonders viel Pflege.“

Es hat mich echt umgehauen, als ich das gelesen habe: Da sieht diese Frau praktisch nichts, Aussicht auf Besserung gibt es keine, doch sie hadert in keinster Weise mit ihrem Schicksal, lamentiert nicht, ist weder traurig noch wütend, sondern orientiert sich an dem, was ist und handelt ihren Möglichkeiten entsprechend. Das beeindruckt mich zutiefst.

„Alles kommt und geht.“ Und: „Ich nehme die Dinge wie sie kommen und gehen. Das ist wahre Liebe“, schreibt Byron Katie. Wenn man sich auf diese Sätze wirklich einlässt und das tut man, indem man weder denkt noch nicht-denkt, sondern sich einfach widerstandslos dem überlässt, was geschieht, wird man sich frei fühlen. Es ist das grosse Verdienst von Eintausend Namen für Freude  eindrücklich vorzuführen, wie man frei sein kann.

Byron Katie, geboren 1942, wuchs in Südkalifornien auf, litt lange unter schweren psychischen Problemen und hatte dann ein Erweckungserlebnis. Ihr System der Selbsterkenntnis nennt sie „The Work“. Als ihr nachmaliger Mann, Stephen Mitchell, mit „The Work“ in Berührung kam, wusste er, „dass es sich hier um etwas wirklich Bedeutendes handelt.“

Byron Katie
Stephen Mitchell
Eintausend Namen für Freude
Leben in Harmonie mit dem Tao
Goldmann Taschenbuch, München 2012

Andrew Shaffer: Hope Rides Again

Dies ist der zweite Kriminalroman von Andrew Shaffer mit Ex-Präsident Barack Obama und seinem Vize Joe Biden, denen es diesmal aufgegeben ist, so jedenfalls der Klappentext, diese Welt zu retten. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht vorstellen, dass irgendeine Welt von Politikern gerettet werden könnte, eher geht sie trotz ihnen nicht unter, doch gehe ich die Lektüre gut gestimmt an, denn der Autor hat bereits mit Hope Never Dies gezeigt, dass er unterhaltsam zu schreiben versteht.

Andrew Shaffer schreibt routiniert und launig, ein Schreib-Profi, der offenbar zahlreiche New York Times-Bestseller geschrieben hat. Und er schreibt für ein amerikanisches Publikum. Ob Europäer wissen, dass mit Daley ein ehemals einflussreicher Bürgermeister Chicagos gemeint ist oder dass Michelle Obama ein Buch mit dem Titel Becoming geschrieben hat, bezweifle ich. Anders gesagt: Es gibt in diesem Buch ein paar Dinger, die einem europäischen Durchschnittsleser nicht unbedingt geläufig und erklärungsbedürftig sind. So bin ich mir nicht sicher, ob allgemein verstanden wird, was mit Keynote gemeint ist – ich hatte bislang den Keynote-Speaker immer für den Hauptredner gehalten. Wikipedia schreibt dazu: „Eine deutschsprachige Bezeichnung ist Plenarvortrag (Vortrag vor allen Teilnehmern im Plenum einer Konferenz). Heute wird meist die englischsprachige Bezeichnung präferiert und bei großen Kongressen können auch mehrere Keynotes parallel gehalten werden.“

Doch worum geht es? Obamas Blackberry ist verschwunden, Biden hat eine Ahnung, wo er es finden könnte und macht sich auf nach Chicagos South Side. „Ich war kein Detektiv, aber niemand musste Detektiv sein um Detektivarbeit zu leisten. Einmal habe ich einen Schwimmer im Spülkasten unserer Gästetoilette ersetzt. Das machte mich noch lange nicht zu einem Klempner, aber ich hatte es trotzdem geschafft, mein Gott.“

Für mich lohnt dieser Kriminalroman – besonders spannend finde ich ihn nicht, auch ist er etwas gar arg konstruiert – unter anderem wegen all der beiläufigen Infos, die mir ein anderes Amerika vermitteln als das die Massenmedien tun. Etwa dass die Demokraten in Chicago „eine der korruptesten politischen Maschinerien des Landes errichtet hatten.“ Oder dass Chicago die Stadt mit der grössten polnischstämmigen Bevölkerung in den USA ist.

Man erfährt einiges über Joe Biden und Verblüffendes über Barack Obama. „Barack schätzte Loyalität mehr als alles andere.“ Ob das wohl stimmt? Ich jedenfalls denke bei Loyalität immer ganz automatisch an den jetzigen Bewohner des Weissen Hauses. Na ja, vielleicht ist das ja typisch für amerikanische Präsidenten.

Auch über strukturellen Rassismus am Beispiel von Chicago klärt Andrew Shaffer auf. Und zwar anders als ich mir das gewohnt bin. Weisse und Schwarze leben dort voneinander getrennt, weil sich die Weissen dem Integrationsgedanken widersetzten, als die Schwarzen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhundert im Zug der Grossen Migration sich im Süden der Stadt ansiedelten.

Hope Rides Again ist ein unterhaltsames Buch, in dem sich immer mal wieder originelle Gedanken finden. „Der Secret Service suchte die Nadel im Heuhaufen, anstatt sich aufs Heu zu konzentrieren.“ Und dann dieser ganz wunderbare Dialog: „Er hat einen Halbtagsjob auf dem Umschlagbahnhof“, sagte ich. „Interessiert er sich für Züge?“ „Glauben Sie, ich interessiere mich für Zigaretten und Lotterielose, bloss weil ich hier arbeite?“

Andrew Shaffer
Hope Rides Again
Droemer Verlag, München 2020

Malte Herwig: Meister der Dämmerung

Die Angriffe auf Peter Handke, als er den Nobelpreis für Literatur zugesprochen gekriegt hatte, hatten auf mich fast nur einen Effekt: Was seine Kritiker geschrieben haben, werde ich nicht lesen. Weder was sie zu Handke geäussert haben noch anderes. Denn ich habe einiges von Handke gelesen, auch sein Buch über Serbien, Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien. Ich habe es verstanden als eine Gegenposition zu dem Einheitsbrei der westlichen Medien (die ganze Geschichte ist etwas vielschichtiger, wie ich von Malte Herwig lerne). Kriegshetze fand ich darin nicht. Überhaupt nicht.

Ich finde Peter Handke gelegentlich etwas sehr esoterisch, viel häufiger jedoch macht er mir bewusst, was auch mich umtreibt. Aus Mein Jahr in der Niemandsbucht: „Ich lebte kaum mehr mit meiner Zeit, oder ging nicht mit, und da mir nichts je so zuwider war wie die Selbstzufriedenheit, wurde ich zunehmend gegen mich aufgebracht. Welch ein Mitgehen hatte sich zuvor ereignet, was für eine grundandere Begeisterung war das gewesen, in den Stadien, im Kino, auf einer Busfahrt, unter Wildfremden. War das ein Daseinsgesetz: kindliches Mitgehen, ausgewachsenes Alleingehen? Ich freute mich an meinem Alleingehen und war doch bedürftig des Mitgehens; und füllte mich jene Freude einmal aus, entbrannte ich nach den Abwesenden: Ich sollte die Fülle, damit dies gelte, augenblicklich mit ihnen teilen und weiten. Die Freudigkeit in mir konnte nur heraus in Gesellschaft, freilich in welcher? Indem ich für mich blieb, drohte ich zu verkümmern. Die neue Verwandlung wurde dringlich. Und anders als jene erste, die mich hinterrücks befallen hatte, würde ich sie diesmal selber in Gang setzten.“

Malte Herwigs Handke-Biografie beginnt mit dem Satz „Alles ist Verwandlung“, ein besserer Einleitungssatz, um Handkes Leben und Schaffen zu beschreiben, ist schwer vorstellbar. Um Selbsterkenntnis sei es dem in Kärnten Geborenen, dem dort und anderswo alles irgendwie unwirklich vorkam, wesentlich zu tun. Als zum Jähzorn Neigender, der gleichzeitig dazugehören und für sich bleiben will, beschreibt er ihn. So ein Widerspruch lässt sich nicht auflösen, man kann nur lernen, ihn auszuhalten.

Als Musterschüler und Ausnahmetalent, hochsensiblen Nicht-Dazu-Gehörigen, zweifelnden Rechthaber, Egozentriker mit einer Neigung zum Grössenwahn, so nehme ich ihn wahr. Er ist ein Einzelgänger, leidet aber darunter, nicht erkannt zu werden. Immer wieder betont Herwig, dass Handke die Einsamkeit brauche, die entscheidenden Ereignisse in der Innenwelt stattfänden. Eingermassen verblüfft nahm ich zur Kenntnis, dass sein Lieblingslehrer im Gymnasium sich nicht entsinnen konnte, ihn jemals lachen gesehen zu haben.

Mit Humor bringe ich Handke in der Tat nicht in Verbindung (laut herauslachen musste ich jedoch über Claus Peymann Bemerkung: „Bis zum heutigen Tag hat man immer das Gefühl, wenn man mit ihm telefoniert, stört man ihn gerade bei einer Seelenwanderung, so leise meldet er sich.“), eher mit einem Popstar – seine Pilzfrisur machte ihn bei der Aufregung um die „Publikumsbeschimpfung“ zu einer Art fünftem Beatle, jedenfalls in meinen Augen. Aus heutiger Sicht, wo nur noch Postautochauffeure, Schaffner und Banker lange Haare tragen, erscheint die damalige Zeit eigenartig exotisch.

Malte Herwig hat mit Familienangehörigen, ehemaligen Klassenkameraden, literarischen Mitstreitern aus dem Grazer Forum Stadtpark, Libgart Schwarz, Marie Colbin und vielen anderen geredet. Er schreibt flüssig und kenntnisreich, neigt jedoch gelegentlich dazu, Bedeutsames in Geschehnisse hinein zu interpretieren, die mir etwas arg weit hergeholt scheinen. So meint er zu Handkes Vornamen Peter: „Wenn es Zufall ist, dann jedenfalls ein passender, dass der in eine arme Familie mit slawischen Wurzeln Geborene den gleichen Vornamen trägt wie der im Exil lebende jugoslawische König Peter II.“ Auch liessen mich einige Sätze ziemlich ratlos: „Handke ist kein Angeber, dazu nimmt er sich selbst viel zu ernst.“ Wieso sollte das nicht zusammengehen? „Man kann Handke nur ganz haben oder gar nicht.“ So ein Schmarren! Und überhaupt: Wieso sollte man jemanden haben wollen?

Doch das sind Details und dürfen getrost vernachlässigt werden. Entscheidender ist, dass Malte Herwig, allein die Bewältigung des riesigen Stoffes ist eine Herkulesarbeit, in dieser überaus gelungenen Biografie einen höchst eigensinnigen, schwierigen, innerlich oft zerrissenen Menschen zeigt, der intensiv mit sich ringt und von dem ich mich bereitwilligst inspirieren lasse. „Und weil ich erkannt habe, dass ich selber mich durch die Literatur ändern konnte, dass ich durch die Literatur erst bewusster leben konnte, bin ich auch überzeugt, durch meine Literatur andere ändern zu können.“

Handkes radikales Erforschen der Welt, der inneren wie auch der äusseren, ist eine Aufmerksamkeitsschulung par excellence. Eindrucksvoller ist selten dargestellt worden, dass Schreiben Selbsttherapie ist, Rettung sein kann, momentane – nicht nur für den Schreibenden, auch für seine Leser.

Meister der Dämmerung, diese Fundgrube für an grundsätzlichen Lebensfragen Interessierte, ist eine Meisterleistung – höchst differenziert, spannend zu lesen und aussergewöhnlich aufschlussreich.

Malte Herwig
Meister der Dämmerung
Peter Handke. Eine Biographie
Pantheon, München 2020

Markolf H. Niemz: Die Welt mit anderen Augen sehen

„Ein Physiker ermutigt zu mehr Spiritualität“, so der Untertitel. Muss man denn zu Spiritualität wirklich „ermutigen“? Und falls ja, würde Spiritualität nicht genügen? Warum muss es „mehr“ sein? Meines Erachtens leben wir in Zeiten, denen die Spiritualität abhanden gekommen ist und es schon reichen würde, sie wieder zu entdecken.

Markolf H. Niemz stellt in diesem originell und leserfreundlich gestalteten Buch „sechs Challenges“ (dass das Lektorat solche völlig unnötigen Anglizismen durchgehen lässt, befremdet mich) vor, die zeigen, „was passiert, wenn man den Blickwinkel ein wenig ändert und eine alte fernöstliche Weisheit einbezieht.“

Raum und Zeit, Sein und Werden, Gut und Böse, Huhn und Ei, Schöpfer und Schöpfung, Liebe und Verständnis sind die Themen, die in „Die Welt mit anderen Augen sehen“ abgehandelt werden und durch ein „Bonuskapitel“ über „Einsteins Relativität und Nahtoderfahrungen“ sowie einen „Talk“ mit dem Autor  (wo der Fragesteller als reiner Stichtwortgeber fungiert) ergänzt werden. In letzterem findet sich auch der wunderbar hilfreiche Satz: „Nicht ich bin unsterblich – unsterblich ist das Leben, das ich hier und jetzt lebe!“

Markolf Niemz plädiert dafür, vermehrt auf Zusammenhänge zu achten, vor allem im Alltag, denn nur so lässt sich das grössere Ganze sehen und erleben. „Wer sich stets durchsetzt, wird nie eine glückliche Partnerschaft eingehen. Wer Gewalt ausübt, wird nie in Frieden leben. Wer andere Menschen ausgrenzt, wird nie das grosse Ganze verstehen. Der Kosmos und jedes in ihm lebende Wesen sind ein unteilbarer, sich kontinuierlich entfaltender Prozess.“

Dass ein Perspektivenwechsel oft nützlich sein kann, leuchtet ein. Die Beispiele, die der Autor aufführt, überzeugen nicht zuletzt, weil er einfach und klar darzulegen versteht, was das praktisch bedeutet. Hier nur soviel: Die Dualität ist ein Gefängnis.

Von Newton und Kant, von Parmenides und Heraklit, von Leibniz, Darwin, Hawking, dem Dalai Lama und anderen ist die Rede. Und ganz besonders von Alfred North Whitehead, der unter anderem meinte: „Alles sei rational, das heisst, es existiere bloss in einer gefühlten Beziehung zu allem anderen. Demnach kann auch jedes Elektron fühlen: Indem es im Atom ein elektromagnetisches Feld ‚fühlt‘, wird es auf seine Umlaufbahn gelenkt. Erst ‚Fühlen‘ macht es zu einem Elektron.“

Es sind solche hilfreichen Ausführungen, die mich für dieses auch ästhetisch ansprechende Buch einnehmen. Und natürlich spricht mich dieses Werk auch deshalb an, weil ich die für mich wesentlichste Aussage des Autors teile: „Ich bin glücklich, wenn ich ‚ja‘ zu allem sage, was ist, und mit dieser Haltung meinen nächsten Schritt gehe.“

„Leben Sie so, dass Ihre Rückschau möglichst angenehm sein wird“, rät Markolf Niemz seinen Lesern. Ich will diese Aufforderung gerne beherzigen.

Fazit: Vielfältig anregend und von praktischer Relevanz.

Markolf H. Niemz
Die Welt mit anderen Augen sehen
Ein Physiker ermuntert zu mehr Spiritualität
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2020

Lee Child: Der Bluthund

Das Leben ist von Zufällen bestimmt, warum wir tun, was wir tun, erschliesst sich uns, wenn überhaupt, meist erst in der Rückschau. Als der ehemalige Militärpolizist Jack Reacher bei einem Pfandleiher auf einen Abschlussring der Militärakademie West Point stösst, beschliesst er die ursprüngliche Besitzerin (es war ein kleiner Ring und gehörte an einen Frauenfinger) ausfindig zu machen. Warum er das tut, weiss er nicht, er folgt einfach einem Instinkt.

Reacher ist in den Weiten Amerikas per Anhalter unterwegs. Dabei kommt er naturgemäss mit ganz unterschiedlichen Charakteren ins Gespräch und erfährt dabei, wie vielfältig die Bewohner dieses Landes sind. Trucker würde es vermutlich nicht mehr lange geben und der Frontier-Mythos untergehen, sinniert er. „Der Beruf passte nicht mehr in diese Zeit, in der jeder abends zu Hause sein wollte.“ Auch er selber ist aus der Zeit gefallen – ein Mann ohne Besitz, auf sich alleine gestellt, ohne festes Zuhause.

Der Bluthund ist Lee Childs 22. Band der Jack-Reacher-Reihe. Ich habe so um die zehn von diesen gelesen, alle waren spannend, keiner hat mich enttäuscht, jeder einzelne hat mich gepackt. Das liegt auch an der nüchternen Art der Personenbeschreibungen, die dem Autor eigen ist. Detective Gloria Nakamura wird zum Beispiel so charakterisiert: „Reacher sah eine zierliche Asiatin, die ihr schwarzes Kostüm wie eine Uniform trug. Wenig über einen Meter fünfzig gross, höchstens fünfundvierzig Kilo. Geschätzte dreissig. Langes schwarzes Haar, grosse dunkle Augen, bildhübsch. Aber kein Lächeln. Stattdessen eine ernste Miene, als wäre sie mit einem wichtigen Auftrag unterwegs. Als müsste sie ernst bleiben, um ihre Position zu behaupten. Was vermutlich stimmte, wenn man mit einem Meter fünfzig und fünfundvierzig Kilo ins Rennen ging. Aber sie war jedenfalls nicht schüchtern, sondern taxierte Reacher ebenso offen wie er sie.“

Und sie ist clever, verfügt über reflektierte Lebenserfahrung, versteht also sich und andere einzuschätzen. Von ihrem Chef gefragt, warum sie glaube, Reacher wolle dem mit diesem Ring zusammenhängenden Schicksal auf den Grund gehen, antwortet sie, das habe mit seinem militärischen Ehrbegriff zu tun, es sei für ihn eine moralische Verpflichtung. „An Sentimentalität grenzend, wenn Sie mich fragen.“

Der Bluthund spielt wie fast alle Jack-Reacher-Bücher in den USA und der gebürtige Engländer Lee Child schildert die Eigenarten dieses Landes so wie es vermutlich nur die können, die nicht darin aufgewachsen sind. „Wyoming gefiel ihm. Wegen seiner heroischen Geografie und seines heroischen Klimas. Und wegen seiner Leere. Es hatte die Grösse Grossbritanniens, aber weniger Einwohner als Louisville, Kentucky. Statistisch gesehen war es über weite Strecken unbesiedelt. Die wenigen Mneschen, die hier lebten, waren im Allgemeinen freundlich und direkt. Sie liessen einen gern in Ruhe. Ein Land nach Reachers Geschmack.“

Lee Child ist auch ein Meister des trockenen, oft witzigen Dialogs. „Sie haben einiges riskiert, indem Sie hergekommen sind.“ „Morgens aufstehen ist riskant. Alles Mögliche könnte passieren.“ Oder: „Müssen Sie mich bei jedem Schritt, den wir tun, vor möglichen Gefahren warnen?“ „Theoretisch ja.“ „Das sparen wir uns, okay? Eine Belehrung reicht. Dann macht die Sache mehr Spass.“

Es ist der Ton, der diesen Jack-Reacher-Band für mich so überzeugend macht. Nüchtern, ohne Schnickschnack, erzählt Lee Child diese spannende Geschichte, bevölkert mit lebenserfahrenen Leuten, deren sachlich-realistische Einstellung zum Leben mir sehr sympathisch ist.

Der Bluthund bietet nicht zuletzt nützliche Aufklärung. Über die Pharmaindustrie zum Beispiel, die bis zum Ersten Weltkrieg mit bis dahin legalem Heroin bestes Geld verdiente und heutzutage wiederum im Heroin-Geschäft mitmischt, als Hersteller von synthetischem Heroin, das als von Ärzten verschriebenes Schmerzmittel die Menschen süchtig macht. Eindrücklich ist auch wie Lee Child den Suchtdruck nachvollziehbar macht.

Fazit: Der beste Jack-Reacher, den ich bis anhin gelesen habe – ein grossartiges Buch!

Lee Child
Der Bluthund
Blanvalet, München 2020

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