Sylvia Vetta: Pinselstriche

Sylvia Vetta schreibt seit 1998 für „The Oxford Times“ über Kunst und Antiquitäten. Der Kontakt mit Künstlern um Ai Weiwei inspirierte sie zu dieser fiktiven Künstlerbiografie, in der sie die Künstlerin ‚Kleiner Winter‘ im kalifornischen Berkeley ein Buch für ihre in Amerika geborene Tochter schreiben lässt. „Du warst ein so liebes Mädchen, Sara, aber Kinder mögen es nicht, wenn man ihnen etwas vorspielt. Deswegen wurdest du aufmüpfig, und ich wurde wütend. Dein Vater sagt, ich müsse meine Memoiren schreiben, dann würdest du meine Stimmungseinbrüche verstehen und nicht mehr versuchen, mir wehzutun.“

Und so schreibt sie von der Indoktrination in der Schule, wie die Kinder angestiftet wurden einander zu denunzieren, gegen ihre Lehrer aufgehetzt und zum Führerkult abkommandiert wurden. Ich fühlte mich an meinen kanadisch-chinesischen Freund Chris erinnert, der mir, als wir zusammen in Quanzhou unterrichteten, von den ‚agents provocateurs‘ während der Kulturrevolution erzählte, und mich darauf aufmerksam machte, dass sich diese Taktik nicht geändert habe.

Auch würden wir ständig überwacht, erläuterte Chris. Überdies gebe es in jeder Klasse einen Studenten, der  ein Spion sei. Die meisten meiner nicht-chinesischen Kollegen glaubten das nicht, ich hingegen schon. Ich hatte Angst und passte auf, was ich sagte und tat, reagierte sogar körperlich (mit Schwindel und Haarausfall) auf diese Atmosphäre der Einschüchterung, mit der man in China auf seinen Platz verwiesen wird.

Wer etwas von der Welt verstehen wolle, solle keine Zeitung mehr lesen, habe ich so oder ähnlich bei Peter Turrini gelesen. Ein Gedanke, der mich bei der Lektüre von  Pinselstriche begleitet, denn nur wenn man versucht, sich in eines anderen Situation zu versetzen (in diesem Falle der fiktiven Erzählerin), kann man so in etwa ermessen, welchen Terror die Rote Garde in China ausübte.

Intellektuelle wurden aufs Land verbannt, ‚Kleiner Winter‘ wird als Barfussärztin in die Mandschurei geschickt. Die Indoktrination war umfassen, wobei die  Regierungspropaganda auch groteske Züge annahm. So wurde die amerikanische Mondlandung als „schmutziges Projekt“ bezeichnet, mit dem die Amerikaner „Geld anhäufen und das kapitalistische Projekt verbreiten wollen.“ Einige wehrten sich höchst originell: „Die Leute haben eine neue Protestform gefunden. Sie schalten ihre Fernseher aus.“ Von einigen Chinesen könnten wir viel lernen.

Pinselstriche  schildert die Jahre von 1962 bis 2011. Wir lesen von der Viererbande, willkürlichen ‚Gerichtsurteilen‘, Arbeitslagern, der einhundert Meter langen Mauer der Demokratie unter Deng („Die Leute hängen Beschwerden über korrupte Beamte daran auf und werden nicht verhaftet.“) sowie dass es sich beim Tian’anmen Platz um den grössten Platz der Welt (er fasst eineinhalb Millionen Menschen) handelt.

 Die Regierenden weltweit haben keine grosse Sympathie für idealistisch gesinnte Menschen. Wie unerbittlich die kommunistische Partei Chinas die Hoffnung vieler auf etwas Besseres bekämpft, zeigt Pinselstriche  eindrücklich.

Als der Protagonistin mit vierzig Jahren erlaubt wird China zu verlassen, bemerkt sie: „Man sollte meinen, ich war glücklich, einfach nur frei zu sein. Doch das Leben ist nie so einfach.“ 

Pinselstriche  obwohl Fiktion, ist auch ein sehr realistisches Buch.

Sylvia Vetta
Pinselstriche
Drachenhaus Verlag, Esslingen 2020

Dalai Lama: Be Angry!

Die Aufforderung, wütend zu sein, verbindet man eigentlich nicht mit dem Dalai Lama, den man eher mit Sanftmut in Verbindung bringt. Doch sein Be Angry!  meint nicht, mit Schaum vor dem Mund auf alles einzuschlagen, das einem vermeintlich im Weg steht, sondern wie der Untertitel dieses Buches erläutert: „Die Kraft der Wut kreativ nutzen.“

Wir Menschen sind meist im Entweder/Oder-Modus unterwegs und versuchen Widerstände zu beseitigen, bevor wir überhaupt erkannt haben, wie die Dinge sich verhalten. Und so hilfreich die Unterteilung in Gut/Schlecht und Schwarz/Weiss auch oft ist, wir sind gut beraten, zuerst einmal genau hinzuschauen.

Ebenso verhält es sich mit der Wut, die zuallererst nichts anderes ist als Energie. Wie diese genutzt wird, hängt von der Motivation ab, die bereits in uns angelegt ist. „Der in der Wut zum Ausdruck gebrachte Hass führt zu destruktivem Verhalten. Das in der Wut ausgedrückte Mitgefühl führt zu positiver Veränderung.“

Be Angry!  beruht auf einem Gespräch, das der japanische Autor, Dozent und Kulturanthropologe Noriyuki Ueda mit dem Dalai Lama führte. Dabei kam auch zur Sprache, dass unter den Buddhisten die Akzente ganz verschieden gesetzt werden. „Im Zen-Buddhismus zum Beispiel besteht das Ziel darin, die verbale Logik zu transzendieren.“ In der Praxis wird stattdessen oft einfach das eigene Handeln gerechtfertigt.

Dieses  Buch ist eine Auseinandersetzung mit Grundsätzlichem. „Im Buddhismus liegt der wahre Sinn des ‚Mittleren Wegs‘ darin, sich dynamisch zwischen den Extremen zu bewegen und beide kennenzulernen.“ Also nicht in der Mitte zu sitzen, nichts zu tun und sich von nichts berühren zu lassen. Denn: Sich von Bindungen zu lösen, bedeutet nicht, gleichgültig zu werden. „Schlechte Bindungen sollten überwunden, gute Bindungen hingegen beibehalten werden, während wir unablässig danach streben, uns selbst zu verbessern.“

Be Angry!  plädiert für eine grundlegende Veränderung des Bildungssytems, das nicht lehrt, worauf es wirklich ankommt. „Hat einer noch so viele Lehren vernommen und sein Herz ist unruhig, dann hat er sie nicht praktiziert.“

Dalai Lama
Be Angry!
Die Kraft der Wut kreativ nutzen
Allegria, Berlin 2020

Emmanuel Carrère: Julies Leben

Als der 1957 in Paris geborene Emmanuel Carrère auf die Aufnahmen der Fotojournalistin Darcy Padilla stösst, die sie von der achtzehnjährigen Julie, die mit ihrem Neugeborenen in Tenderloin, dem Armenviertel San Franciscos lebt, gemacht hat, beschliesst er, sich auf die Spuren der beiden Frauen zu machen.

Achtzehn Jahre hat Darcy Padilla das Leben von Julie begleitet. Was genau sie dazu getrieben hat, hat sich mir nicht erschlossen. Auch war die Verbindung der zwei zeitweise schwierig. Die üblichen Künstler-Gewissensqualen scheinen sie laut Emmanuel Carrère nicht gepeinigt zu haben. Eine Frage stellt sich natürlich trotzdem: Ist es zulässig, vom Elend anderer zu profitieren? (für ‚Julies Project‘ erhielt sie den renommierten W.-Eugene-Smith-Preis). „Doch Darcy sieht sich nicht als Künstlerin, mit all dem, was dieser Status an Narzissmus impliziert, sondern als Journalistin, deren Mission es ist, Zeugnis abzulegen.“

Es ist beelendend, wenn Porträtierte mit ihren Bildern, die oftmals als Ikonen in die Geschichte eingehen. hadern. So geschehen mit einigen von Walker Evans‘ Aufnahmen von Baumwollpflückern während der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern und Dorothea Langes ‚Migrant Mother‘. Umso erfreulicher ist, dass Lucie sie mochte, „am liebsten die fröhlichen Fotos, auf denen man Kinder sah, und nicht die, ‚die dir gefallen‘, wie sie scherzte, und auf denen sie aussah wie Strandgut.“

Lucie hatte insgesamt sechs Kinder, vier wurden ihr gerade nach der Geburt weggenommen. Eine der Adoptivmütter, Karen, machte Julie und Jason (den Vater des Kleinen), die damals in Alaska lebten, ausfindig. Julie war damals bereits schwer krank. „Als Darcy mir die Geschichte erzählte, bat ich sie ungläubig, das nun Folgende noch einmal zu wiederholen: Der kleine Zach, erzählte Karen, wusste, dass er ein Adoptivkind war, doch er wusste nichts über seine leiblichen Eltern; trotzdem erschienen sie ihm immer wieder in seinen Träumen, und darin waren sie schwerkrank und lebten umgeben von Bären im Hohen Norden.“

Darcy Padillas Fotos sind nicht nur berührend, sie vermögen Empathie auszulösen. Und die Geschichte, die Emmanuel Carrère dazu erzählt, tut dasselbe mit Worten.

Emmanuel Carrère
Julies Leben
Matthes & Seitz Berlin 2020

Uki Goñi: Odessa. Die wahre Geschichte

Philip Kerrs Das letzte Experiment spielt in den 1950ern in Buenos Aires. Im Nachwort schreibt er: „Viele Informationen über die Nationalsozialisten in Argentinien verdanke ich Uki Goñis ausgezeichnetem Buch Odessa: Die wahre Geschichte. Für jeden der dieses Thema interessiert, ist es ein wichtiges Buch.“ Mit Odessa verbinde ich überdies Frederick Forsyths Die Akte Odessa. Mit anderen Worten: Ich bin einigermassen gespannt, als ich dieses nunmehr in der 3. Auflage vorliegende Buch (die englische Originalausgabe erschien 2002) zur Hand nehme – und werde nicht enttäuscht.

Massenhaft konnten sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahmhafte NS-Kriegsverbrecher – unter ihnen Adolf Eichmann, Klaus Barbie und Josef Mengele – durch Flucht der Gerichtsbarkeit entziehen. Hauptaufnahmeland und zentrale Drehscheibe war das Argentinien unter Juan Domingo Perón. Wie und von wem diese Flucht organisiert und ermöglicht wurde, eräutert der argentinische Historiker und Journalist Uki Goñi in diesem Standardwerk. Motiviert wurde er nicht zuletzt von seinem Glauben an den Wert der Aufklärung: „Wir sollten aufhören, zu übertünchen, was uns nicht gefällt.“

Anschaulich berichtet er von den diplomatischen Bemühungen der Argentinier um die Gunst des Nazi-Regimes, dem Verhältnis zum Vatikan und Peróns Aufstieg zur Macht. Dabei erwähnt er auch reichlich skurille Begebenheiten. So liest man von einem Spion auf dem Weg nach Deutschland, der von den Briten festgesetzt und nach England gebracht wurde: „Vor seiner Abreise hatte er an einem Magengeschwür gelitten“, erinnerte sich ein Freund der Famlie anlässlich dieses Buches. „Aber mit der Gefängnisdiät, die aus Haferbrei zum Frühstück, zu Mittag und zu Abend bestand, haben die Briten ihn kuriert.“

Der Wunsch nach Versöhnung von Nazismus und Katholizismus war die Triebkraft hinter dem Flirt der argentinischen Eliten mit Hitler. Auf diesem Hintergrund wurde am 12. Juli 1938 vom argentinischen Aussenminister ein Dekret erlassen, um deutschen und österreichischen Juden den Weg nach Argentinien zu versperren. Korrupte Konsuln stellten gegen viel Geld trotzdem Visa aus.

Es spricht sehr für dieses Buch, dass es keine Schwarz/Weiss-Zeichnung liefert, sondern die Paradoxien für sich selbst sprechen lässt. So retteten zum Beispiel korrupte Beamte jüdische Leben und diejenigen, die sich ans Gesetz hielten, schickten Menschen in den sicheren Tod. Auch die Rolle seiner Familie bringt der Autor zur Sprache (sein Grossvater war Konsul) – Odessa. Die wahre Geschichte ist auch ein erfreulich persönliches Buch.

Immer wieder zeigt es sich wie eitel, vebohrt und voreingenommen Menschen sind, die in die Politik gehen und/oder im politischen Apparat (wozu ich sämtliche Stufen der Verwaltung zähle) aktiv sind. Wer Hoffnung auf gerechtere und humanere Zustände hat, kriegt hier eine recht nüchterne Realitätsdusche – und diese ist notwendig. Wie auch die Erkenntnis (wieder einmal), dass offenbar Empathielosigkeit sowie eine gehörige Portion Paranoia zu den Voraussetzungen des politischen Aufstiegs gehören.

Profitdenken und Rücksichtslosigkeit ist jedoch nicht nur Politikern eigen, sondern in besonderen Masse auch Schweizer Mittelsmännern, die bei der Erpressung der Juden hervortaten. Meine Uninformiertheit inbezug auf die Schweizer Rolle während des Zweiten Weltkriegs hat dank Uki Goñi abgenommen. Gleichzeitig hat meine Empörung über (insbesondere Schweizer) Kriegsgewinnler zugenommen.

Kurz vor Kriegsende begannen Nazi-Grössen ihre Flucht vorzubereiten. Vermögen wurden zur Seite geschafft, Dokumente vernichtet und Peróns Fluchthilfeteam begann aktiv zu werden. Die Organisation verfügte über Basen in Skandinavien, Spanien und Italien. Neben Tausenden von Nazis wurden auch Ustascha-Faschisten und Vertreter anderer europäischer Kollaborationsregime die Flucht nach Lateinamerika ermöglicht. Wie das Ganze abgelaufen ist, liest sich streckenweise wie ein Krimi. Auch die katholische Kirche war darin zentral involviert.

Odessa. Die wahre Geschichte überzeugt nicht nur der vielen Details über das perónistische Argentinien wegen, sondern auch, weil es deutlich macht, dass Politik ein Geschäftsmodell ist, das darauf beruht, wer wen kennt und nicht etwa, wer was kann. Interessens- und Günstlingswirtschaft sind keine Fehler der herrschenden Gesellschaftsordnung, sondern ihr Charakteristikum. Besonders herauszuheben ist, dass Uki Goñi auch seine Vorgehensweise offenlegt, also darlegt wie und wo er geforscht hat und auf was für Hindernisse er dabei gestossen ist. Viele Dokumente wurden übrigens vernichtet.

Übrigens: „Israel musste förmlich dazu gedrängt werden, Eichmann zu fangen.“ Ein blinder Mann, der von einer mageren Rente inmitten der Pampa lebte, hatte Eichmann im Alleingang aufgespürt und es darüberhinaus geschafft, „einen lethargischen Mossad wachzurütteln, der kein grosses Interesse an der Verfolgung des Falles an den Tag gelegt hatte.“

Odessa. Die wahre Geschichte liefert überaus spannende Geschichtsaufklärung, reich an verblüffenden Details. Ein Standardwerk, dem man viele Leser wünscht.

Uki Goñi
Odessa. Die wahre Geschichte
Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher
Assoziation A, Berlin/Hamburg 2020

Bernard Minier: Schwestern im Tod

Martin Servaz, 24, verheiratet (in der Ehe steht es nicht zum besten), ist Kommissar bei der Mordkommission in Toulouse, als zwei junge Frauen, Schwestern, tot aufgefunden werden – in Kommunionkleidern, an Baumstämme gefesselt, offensichtlich eine Inszenierung. Eine Schlüsselfigur ist der Krimiautor Erik Lang. 25 Jahre später wird seine Ehefrau ermordet, in einem Kommunionkleid.

Die beiden Schwestern wurden mit ungeheuerer Brutalität ermordet, die auf eine Wut hin deutete, die an Wahnsinn grenzt. „… aber geschah nicht jeder Mord – unabhängig von der strafrechtlichen Verantwortlichkeit – aus einer Art Wahnsinn heraus?“ Die Autopsie warf mehr Fragen auf als sie Antworten lieferte.

Eine clevere Idee, den jungen und den älteren Martin Servaz einander gegenüberzustellen. Als er der Polizei beitrat, galt er als der Intellektuelle im Team, wegen seiner langen Haare, des Philologiestudiums, der ausschweifenden Sätze. Die Kollegen fürchteten und verachteten seine Gescheitheit. Und sie wollen ihn bei der Befragungen von Erik Lang nicht dabeihaben – wie Bernard Minier das Verhalten der Polizisten schildert, katapultiert einen unverzüglich ins Lager derjenigen, die die Abschaffung der Polizeit fordern.

Nur eben: So einfach macht er es uns nicht. An anderer Stelle schildert er nämlich detailliert, was sich Polizisten heutzutage alles gefallen lassen müssen – von der Politik, der Verwaltung und von den Bürgern. Kein Wunder ist ihre Scheidungs- und Suizidrate rekordverdächtig.

Dass der 1960 geborene und im Südwesten Frankreichs aufgewachsene Bernard Minier ein begnadeter Spannungsautor ist, weiss ich von seinen früheren Büchern. Was mir dieses Mal unter anderem auffällt, ist, dass er ein hervorragender Wetterbeobachter ist – ich vermeine den Regen quasi zu spüren, als ich seine Schilderung der Leichenbergung im strömenden Dauerregen lese. Zudem gefallen mir seine originellen Beschreibungen unserer schnelllebigen Zeit: „… Fetzen von Chansons, die den Sommer nicht überdauern würden und durch die offenen Fenster wie auch aus den stehenden Autos nach draussen drangen, schwirrten wie Eintagsfliegen durch die Luft.“

Was Schwestern im Tod ausserdem auszeichnet ist die Charakterisierung des Psychopathen Lang, der als empathie- und erbarmungsloser, detailbesessener Narzisst mit ausgeprägter Kontrollwut geschildert wird. Diesen Psychos eignet die Gabe, ihre Umwelt in Angst und Schrecken zu versetzen.

Bernhard Minier ist erklärter Mahler-Fan (der Komponist kommt in allen seinen Büchern vor), was mich immer wieder dazu verleitet, einen neuen Mahler-Anlauf zu machen. Zudem ist er ein Autor, der aufklärt („Einigen Spezialisten zufolge hatte das Ende der Welt im vergangenen Jahr begonnen, ohne dass jemand darüber Bescheid wusste, nachdem 2016 der Punkt erreicht worden war, von dem es kein Zurück mehr gab, mit einer CO2-Konzentration von 400 ppm in der Erdatmosphäre. Ab diesem Wert würde die Temperatur von Jahr zu Jahr steigen. Doch anscheinend war das allen egal. Insbesondere diesem Idioten im Weissen Haus.“) und höchst ungewöhnliche, zum Weiterdenken anregende Gedanken formuliert. „… schliesslich ist Empathie häufig nichts anderes als eine abgewandelte Form von Selbstmitleid.“

Schlangen spielen in diesem Psychothriller eine Rolle wie auch eine Hautkrankheit namens Ichthyose, die an die Schuppen einer Schlangenhaut gemahnt. Und von der Magie der Wörter ist die Rede: „Wie Freud schon sagte, Worte sind ein primitiver Teil der Magie, und deshalb bewahren sie viel von ihrer urtümlichen Macht. Mit Worten kann man jemanden sehr glücklich oder aber auch sehr unglücklich machen, mitreissen oder überzeugen und den Menschen ermöglichen, einander zu beeinflussen.“

Wie in allen guten Thrillern, so finden sich auch in Schwestern im Tod Lebensweisheiten, die man sich zu Herzen nehmen sollte. Etwa diese, die der Vater dem zehnjährigen Sohn mit auf den Weg gibt: „Es ist gefährlich zu handeln, ohne nachzudenken, Martin. Aber es nutzt nichts, nachzudenken, ohne zu handeln.“

Schwestern im Tod führt mir wieder einmal überzeugend vor Augen, dass Bernard Minier zu den begabtesten und inspirierendsten Thriller-Autoren gehört, die ich kenne.

Bernard Minier
Schwestern im Tod
Droemer Verlag, München 2020

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