Ein radikaler Wetterumschwung steht am Anfang dieser Geschichte. Und damit die Frage: Kommt er uns in die Quere oder gelegen? „Chaos sei das, was wir am meisten fürchten, heisst es oft, aber ich glaube heute, insgeheim ist das Chaos unsere grösste Sehnsucht. Wenn wir nicht mehr überzeugt sind von der Zukunft, die wir planen, nicht von dem Haus, für das wir uns verschuldet haben, nicht von dem Menschen, der neben uns schläft, dann kann es schon sein, dass uns ein Unwetter (das sich seit langem am Himmel zusammenbraut) der Person näher bringt, die wir in der Welt gern wären.“
Deborah Levy und ihr Mann beschliessen, sich zu trennen. Sie will einen Neuanfang und bezieht mit ihren Töchtern eine Wohnung in einem heruntergekommenen Block in Nord-London. Sie landet im Chaos – die Heizanlage funktioniert nicht, die alten Möbel passen nicht – , doch sie merkt, dass sie gut funktioniert, weil sie muss. „Freiheit ist nie umsonst.“
„An der Vergangenheit sterben wir entweder, oder wir werden Künstler“, meinte die neunzigjährige Bildhauerin Louise Bourgeois. Und Marcel Proust schrieb: „Ideen sind Ersatz für Kümmernisse; in dem Augenblick, da diese sich in Ideen verwandeln, verlieren sie einen Teil ihrer schädlichen Wirkung auf unser Herz.“ Ein Satz, der, so Deborah Levy, in dieser Phase ihres Lebens noch besser zu ihr passe.
Von Celia, einer achtzigjährigen Waliserin, kann sie zu einem günstigen Preis die Schreibhütte ihres verstorbenen Ehemanns mieten. Über das Schreiben notiert sie: „Das Schriftstellerleben steht und fällt mit dem Durchhaltevermögen. Damit man es bis zur letzten Zeile schafft, muss das Schreiben interessanter werden als der Alltag, und langweilig ist ein Holzfeuer nie, so wenig wie der Alltag.“ Es sind solche Sätze, die zum Innehalten einladen, die mir Levys Schreiben sympathisch machen. Der Alltag ist nie langweilig – eine Erkenntnis, die im Falle von Was das Leben kostet auch praktische Folgen hat, denn es handelt vornehmlich vom Alltag der Schriftstellerin.
Und diese ist vornehmlich im Kopf unterwegs, setzt sich mit James Baldwin und Simone de Beauvoir auseinander, mit der sie die Auffassung teilt, dass ein Leben ohne Liebe vergeudete Zeit ist. Und sie fragt: „Sich von der Liebe trennen heisst ein risikofreies Leben führen. Wozu soll so ein Leben gut sein?“ Und ich frage mich: Wozu sollen solche rhetorischen Fragen gut sein? Von einer gelebten Liebe, ausser der zu ihrer Mutter, lese ich diesem Buch jedenfalls nichts.
Was das Leben kostet findet in einer sehr gebildeten Umgebung statt, in der unter anderen Martin Heidegger, Frantz Fanon, Marguerite Duras und Bertold Brecht zitiert werden. Über den Text einer ihrer Studentinnen schreibt sie: „Sie war nuanciert und zornig zugleich – eine Kombination, die schwer durchzuhalten ist.“ Und eine der faszinierendesten Kombinationen überhaupt!
Zu meinen liebsten Gedanken gehört, was Deborah Levy über ihr Was ich nicht wissen will notiert: „die Hypothese, dass wir das, was wir angeblich nicht wissen wollen, sehr wohl wissen, aber lieber verdrängen. Den Wunsch, Gewusstes nicht zu wissen, nannte Freud motiviertes Vergessen.“
Ein Jahr nach dem Einzug in den Wohnblock erkrankt ihre Mutter unheilbar. Eine der eindrücklichsten Schilderungen in diesem gut geschriebenen Werk handelt von der bis auf die Knochen abgemagerten Mutter, die nur noch Eis zu sich nehmen kann. Drei Sorten gab es in dem türkischen Laden, in dem die Tochter einkaufte. Mutters Lieblingssorte war Limette, gefolgt von Erdbeer und Orange. Eines Tages dann … Nein, ich will die Geschichte hier nicht erzählen, doch sie lohnt definitiv.
Was das Leben kostet ist ein Buch voller aufmerksamer Betrachtungen, gescheiter Überlegungen und witziger Beobachtungen. So liest die Autorin auf dem Monitor ihrer jungen Sitznachbarin im Zug nach Paris den Hinweis „dass das Französische zwei grammatische Geschlechter hat, männlich und weiblich; dass eine Frau weiblich ist, aber auch ein Stuhl; das Haar hingegen ist männlich.“
Deborah Levy
Was das Leben kostet
Hoffmann und Campe, Hamburg 2020




