Deborah Levy: Was das Leben kostet

Ein radikaler Wetterumschwung steht am Anfang dieser Geschichte. Und damit die Frage: Kommt er uns in die Quere oder gelegen? „Chaos sei das, was wir am meisten fürchten, heisst es oft, aber ich glaube heute, insgeheim ist das Chaos unsere grösste Sehnsucht. Wenn wir nicht mehr überzeugt sind von der Zukunft, die wir planen, nicht von dem Haus, für das wir uns verschuldet haben, nicht von dem Menschen, der neben uns schläft, dann kann es schon sein, dass uns ein Unwetter (das sich seit langem am Himmel zusammenbraut) der Person näher bringt, die wir in der Welt gern wären.“

Deborah Levy und ihr Mann beschliessen, sich zu trennen. Sie will einen Neuanfang und bezieht mit ihren Töchtern eine Wohnung in einem heruntergekommenen Block in Nord-London. Sie landet im Chaos – die Heizanlage funktioniert nicht, die alten Möbel passen nicht – , doch sie merkt, dass sie gut funktioniert, weil sie muss. „Freiheit ist nie umsonst.“

„An der Vergangenheit sterben wir entweder, oder wir werden Künstler“, meinte die neunzigjährige Bildhauerin Louise Bourgeois. Und Marcel Proust schrieb: „Ideen sind Ersatz für Kümmernisse; in dem Augenblick, da diese sich in Ideen verwandeln, verlieren sie einen Teil ihrer schädlichen Wirkung auf unser Herz.“ Ein Satz, der, so Deborah Levy, in dieser Phase ihres Lebens noch besser zu ihr passe.

Von Celia, einer achtzigjährigen Waliserin, kann sie zu einem günstigen Preis die Schreibhütte ihres verstorbenen Ehemanns mieten. Über das Schreiben notiert sie: „Das Schriftstellerleben steht und fällt mit dem Durchhaltevermögen. Damit man es bis zur letzten Zeile schafft, muss das Schreiben interessanter werden als der Alltag, und langweilig ist ein Holzfeuer nie, so wenig wie der Alltag.“ Es sind solche Sätze, die zum Innehalten einladen, die mir Levys Schreiben sympathisch machen. Der Alltag ist nie langweilig – eine Erkenntnis, die im Falle von Was das Leben kostet auch praktische Folgen hat, denn es handelt vornehmlich vom Alltag der Schriftstellerin.

Und diese ist vornehmlich im Kopf unterwegs, setzt sich mit James Baldwin und Simone de Beauvoir auseinander, mit der sie die Auffassung teilt, dass ein Leben ohne Liebe vergeudete Zeit ist. Und sie fragt: „Sich von der Liebe trennen heisst ein risikofreies Leben führen. Wozu soll so ein Leben gut sein?“ Und ich frage mich: Wozu sollen solche rhetorischen Fragen gut sein? Von einer gelebten Liebe, ausser der zu ihrer Mutter, lese ich diesem Buch jedenfalls nichts.

Was das Leben kostet findet in einer sehr gebildeten Umgebung statt, in der unter anderen Martin Heidegger, Frantz Fanon, Marguerite Duras und Bertold Brecht zitiert werden. Über den Text einer ihrer Studentinnen schreibt sie: „Sie war nuanciert und zornig zugleich – eine Kombination, die schwer durchzuhalten ist.“ Und eine der faszinierendesten Kombinationen überhaupt!

Zu meinen liebsten Gedanken gehört, was Deborah Levy über ihr Was ich nicht wissen will notiert: „die Hypothese, dass wir das, was wir angeblich nicht wissen wollen, sehr wohl wissen, aber lieber verdrängen. Den Wunsch, Gewusstes nicht zu wissen, nannte Freud motiviertes Vergessen.“

Ein Jahr nach dem Einzug in den Wohnblock erkrankt ihre Mutter unheilbar. Eine der eindrücklichsten Schilderungen in diesem gut geschriebenen Werk handelt von der bis auf die Knochen abgemagerten Mutter, die nur noch Eis zu sich nehmen kann. Drei Sorten gab es in dem türkischen Laden, in dem die Tochter einkaufte. Mutters Lieblingssorte war Limette, gefolgt von Erdbeer und Orange. Eines Tages dann … Nein, ich will die Geschichte hier nicht erzählen, doch sie lohnt definitiv.

Was das Leben kostet ist ein Buch voller aufmerksamer Betrachtungen, gescheiter Überlegungen und witziger Beobachtungen. So liest die Autorin auf dem Monitor ihrer jungen Sitznachbarin im Zug nach Paris den Hinweis „dass das Französische zwei grammatische Geschlechter hat, männlich und weiblich; dass eine Frau weiblich ist, aber auch ein Stuhl; das Haar hingegen ist männlich.“

Deborah Levy
Was das Leben kostet
Hoffmann und Campe, Hamburg 2020

Bill Bryson: Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers

Der 1951 in Des Moines, Iowa, geborene Bill Bryson lebt in Grossbritannien und gehört zu meinen Lieblingsautoren, denn von kaum einem habe ich mehr gelernt. Das liegt wesentlich daran, dass er ein Mann von geradezu unerschöpflicher Neugier ist, sich über buchstäblich alles wundert und auf seine vielfältigen Fragen dann auch noch Antworten findet. Und weil er ein glänzender Erzähler ist.

Auch wenn ich nur einen Bruchteil des umfangreichen Wissens, das Bryson in Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers ausbreitet, zu behalten vermag, geniesse ich die Lektüre ungemein, da ich auf Schritt und Tritt mit Erkenntnissen überrascht werde, die ein anhaltendes Staunen zur Folge haben. So erfahre ich etwa, dass der Mensch aus 61 Prozent Sauerstoff besteht, der zum grössten Teil an Wasserstoff (weitere 10 Prozent) gebunden ist. „Das Ergebnis ist Wasser – und jeder, der schon einmal ein Kinderplanschbecken verschieben wollte oder auch nur in nasser Kleidung herumgelaufen ist, weiss: Wasser ist erstaunlich schwer. Es ist ein wenig paradox: Sauerstoff und Wasserstoff, zwei der leichtesten Stoffe in der Natur, bilden im Verbund einen der schwersten.“

Die Grundeinheit des Lebendigen ist die Zelle. Diese enthält den Zellkern und dieser wiederum die DNA, die Zehntausende von Jahren überdauert. Doch was ist eigentlich eine DNA? Die Gebrauchsanweisung für unsere Herstellung. Sie besteht aus Chromosomen „und die wiederum enthalten kürzere Einheiten, die Gene. Die Gesamtheit all unserer Gene ist das Genom.“ Und was machen eigentlich die Gene? „Im Einzelnen besteht die Tätigkeit der Gene darin, Anweisungen für den Aufbau von Proteinen zu liefern.“ Diese wiederum teilen sich auf in Enzyme (welche chemische Veränderungen beschleunigen), Hormone (die chemische Nachrichten übermitteln) sowie Antikörper (die Krankheitserreger angreifen). Man schätzt, dass es zwischen einigen hunderttausend bis zu einer Million Proteintypen gibt.

Solcherart sind also die Informationen, die Bill Bryson in diesem höchst unterhaltsamen Werk vorlegt. Dabei weist er immer wieder auf Verblüffendes hin. Etwa über Viren: „Ausserhalb lebender Zellen sind sie einfach untätige Gegenstände. Sie fressen nicht, atmen nicht und tun auch sonst kaum etwas. Sie bewegen sich nicht selbst vom Fleck, sondern reisen huckepack. Wir müssen hinausgehen und sie einsammeln – von Türklinken oder geschüttelten Händen oder aus der Luft, die wir einatmen.“

Es ist erstaunlich, was für ein Wunderwerk unser Körper ist. Ebenso erstaunlich ist, dass die meisten sich selten bis gar nie Gedanken darüber machen. Bill Bryson ist da anders und widmet sich auch Vorgängen, die einem bei näherer Betrachtung höchst eigenartig vorkommen. Nehmen wir das Schlucken, das ungefähr alle 30 Sekunden geschieht und komplizierter ist, als wir uns womöglich vorstellen. „Wenn wir schlucken, fällt die Nahrung nicht einfach unter dem Einfluss der Schwerkraft in den Magen, sondern sie wird durch Muskelkontraktionen hinuntergeschoben.“ Bis zu 50 Muskeln, die in der richtigen Reihenfolge ineinandergreifen müssen, sind daran beteiligt, einen Nahrungsbrocken von den Lippen in den Magen zu befördern.

Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers klärt ausgesprochen vielfältig auf – über das Gedärm, das Immunsystem, das Gehirn, den Kopf sowie Herz und Blut; dann aber auch über Nerven und Schmerzen, Lunge und Atemwege, den Schlaf sowie das Herz und die Haut. Über letztere, die aus einer Innenschicht, auch Dermis oder Lederhaut genannt, und der darüber liegenden Epidermis besteht, lerne ich unter anderem, dass sie im Gegensatz zu Herz und Nieren nie versagt. „Unsere Nähte platzen nicht, und wir bekommen nicht von selbst Löcher“, so die Anthropologin Nina Jablonski.

Dass die Erkenntnisse über unseren Körper im Laufe der Zeit enorm zugenommen haben, erstaunt wenig, doch dass dabei auch immer wieder grundlegend Neues entdeckt wird, ist überraschend. So weiss man etwa erst seit 1999, dass es in unseren Augen neben den Zäpfchen und Stäbchen noch einen dritten Typ von Lichtrezeptorzellen gibt, die jedoch nichts mit dem Sehen zu tun haben, sondern ausschliesslich dazu da sind, Helligkeit wahrzunehmen. Das bedeutet: Auch Blinde wissen, ob das Licht in einem Zimmer ein- oder ausgeschaltet ist.

„Rätselhafte Krankheitsausbrüche, insbesondere in kleinerem Massstab, kommen häufiger vor, als man vielleicht glaubt.“ Oft sind sie schwer fassbar, kommen lokal begrenzt und in kleiner Zahl vor. Auch verläuft die Erkrankung nicht immer so schwer, dass sie auffallen würde. Erstaunlich ist, dass in Anbetracht der Zahl der Viren in Vögeln und Säugetieren, die das Potential haben, die Artgrenze zu überspringen und uns zu infizieren (bis zu 800 000, schätzt man), schlimme Dinge nicht viel häufiger geschehen.

Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers machte mich auch immer mal wieder lachen. So bewirkt etwa der Betablocker Atenolol genau das, wozu er gedacht ist: Er senkt den Blutdruck. Und das ist es dann auch schon, denn weder die Zahl der Herzinfarkte noch die der Todesfälle sind dadurch zurückgegangen. „Personen, die Atenolol nahmen, starben mit der gleichen Häufigkeit wie alle anderen, aber ’sie hatten bei ihrem Tod einfach bessere Blutwerte‘, wie ein Beobachter es formulierte.“

Fazit: Eine originelle, witzige, instruktive und überaus anschauliche Darstellung des Wunders des Lebendigen.

Bill Bryson
Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers
Goldmann, München 2020

Desmond Morris: Das Leben der Surrealisten

Desmond Morris, geboren 1928, ist mir als Autor von Der nackte Affe  bekannt. Das 1967 erschienene Werk wurde weltweit über 12 Millionen Mal verkauft. Dass er nicht nur Verhaltensforscher, sondern auch surrealistischer Künstler war, wusste ich nicht. Dass er zudem auch als Autor und Filmemacher hervorgetreten war, wusste ich genau so wenig, doch dass er so vielfältig unterwegs ist, nimmt mich für ihn ein. Schliesslich ist das Leben zu vielfältig, um sich nur einem Fachgebiet zu widmen.

Ich weiss so recht eigentlich gar nichts über die Surrealisten, als ich dieses Buch zur Hand nehme – gerade mal einige Namen sind mit bekannt und natürlich die Bilder von Salvador Dalí. Von Man Ray habe ich eine recht gute Vorstellung, da er einige Jahre  mit der Fotografin Lee Miller, die später Roland Penrose heiraten sollte, zusammen gewesen war – , was Desmond Morris von ihm berichtet, lässt ihn mich wieder anders sehen.

Die wichtigste Regel der Surrealisten war, mit dem Unbewussten zu arbeiten, also nicht zu planen, nicht zu analysieren. „Lass deine dunkelsten, irrationalsten Gedanken aus deinem Unbewussten aufsteigen und sich auf deiner Leinwand ausbreiten (….) handelt es sich doch um jene tieferen Schichten, in denen wir alle die gleiche Hoffnung, die gleiche Angst, den gleichen Hass, die Liebe und die Sehnsucht spüren.“

Es versteht sich: Jeder dieser Idealisten tat das auf seine Art. Und auch ihr Leben lebten sie nach ihren jeweils eigenen und unterschiedlichen Vorstellungen. „Eine kleine Gruppe ungebärdiger Intellektueller, die in einem Café palaverte und eine Zeitschrift herausgab“, meinte der spanische Regisseur Luis Buñuel. Was ist von ihnen geblieben? Desmond Morris formuliert es für sich so: „Geblieben ist mir vor allem der freie Zugang zu den Tiefen des menschlichen Wesens, der uns wichtig war und den wir ersehnten, dieser Ruf nach dem Nicht-Rationalen, nach dem Dunklen, nach den Impulsen, die aus den Tiefen unseres Ichs kommen.“

Das Leben der Surrealisten  ist kein Versuch, die Werke der Surrealisten zu analysieren. Vielmehr geht es um die Surrealisten als Menschen, als Individuen. „Wie war ihre Persönlichkeit, was waren ihre Vorlieben, ihre Charakterstärken, was ihr Schwächen? Haben sie sich ins Gesellschaftsleben gestürzt oder waren sie einsam? Waren sie kühne Exzentriker oder ängstliche Eremiten? Waren sie sexuell normal oder erotisch pervers? Waren sie Autodidakten oder besassen sie eine akademische Ausbildung?“ Kurz und gut: Dieses Buch handelt von den Fragen, die mich am allermeisten interessieren.

Zweiundzwanzig Lebensbilder hat Desmond Morris geschaffen; seine Auswahl war subjektiv – wie sollte es auch anders sein? – , es sind die für ihn interessantesten, die er hier vorstellt. Alberto Giacometti und Meret Oppenheim gehören dazu wie auch Dorothea Tanning und Pablo Picasso. Vieles, was ich erfuhr, dünkte mich spannend und anregend; Einiges hinterliess starke Bilder in meinem Kopf. Etwa, dass Hans Arp nach dem tragischen Tod seiner Frau sich eine Zeit lang in völliger Einsamkeit in einem Dominikanerkloster aufhielt, den Rat von C.G. Jung suchte und sich für Mystizismus zu interessieren begann.

Das Leben der Surrealisten  ist voller anregender Anekdoten, reich an spannenden Details wie etwa diesem: „Der Hollywoodstar Marlene Dietrich kam mit vierundvierzig koffern und dem intensiven Wunsch in Paris an, Giacometti kennenzulernen, dessen arbeiten sie in New York gesehen und bestaunt hatte.“ Oder diesem: Dass Meret Oppenheim die Idee zur Pelztasse samt Untertasse und Löffel, die sie berühmt gemacht hatte, einer beiläufigen Bemerkung Pablo Picassos verdankte.

Ausgesprochen erhellend sind Morris‘ Ausführungen über Francis Bacon, der sich selber als Surrealist verstand, jedoch von der Londoner Gruppe 1935/36 abgelehnt wurde. Ein wesentlicher Teil dessen, was über Bacons Werk geschrieben worden sei, gehe am Kern vorbei. „In seiner Kunst nahm er alles schwer, während er im Leben alles leicht nahm.“ Allerdings: „Er war boshaft, eitel, beleidigend, arrogant, illoyal und wenig zuverlässig …“.

Immer mal wieder habe ich mich gefragt, ob Künstler per definitionem höchst unangenehme (nein, nicht einfach nur schwierige, denn das sind wir alle) Menschen seien. Von keinem einzigen in diesem Werk könnte ich sagen, er sei mir sympathisch. Die andere Frage, die sich mir stellte: Kann/will ich das Werk von seinem Schöpfer trennen? Nein, will ich ich nicht, doch es ist möglich, sie nebeneinander stehen zu lassen. Desmond Morris zeigt in diesem Buch exemplarisch, wie das geht. So beschreibt er André Breton als kleinlichen Diktator, „arrogant, widersprüchlich, verlogen, aufgeblasen und rachsüchtig, aber gleichzeitig war er die treibende und wichtigste Kraft der surrealistischen Bewegung – sie wäre ohne ihn wesentlich glanzloser verlaufen.“

Das Leben der Surrealisten ist ein sehr schön gestaltetes Buch, mit Foto-Porträts der Künstler sowie einem für ihr Gesamtwerk charakteristischem Bild, das dem Lebensgefühl der Surrealisten wunderbar gelungen Ausdruck gibt. Eileen Agar hat es für sich so formuliert: „Ich habe mein Leben in der Revolte gegen die Konvention verbracht und dabei versucht, in die alltägliche Existenz Farbe, Licht und ein Gefühl für das Geheimnisvolle zu bringen.“

Fazit: Ein Juwel von einem Buch!

Desmond Morris
Das Leben der Surrealisten
Unionsverlag, Zürich 2020

Anne Enright: Die Schauspielerin

Schauspieler sind Süchtige, sage ich zu einer Freundin, abhängig von Zuneigung und Beifall. Was mich an ihnen fasziniert, erwidert sie, ist ihr Eintauchen in andere Leben. Mir gefiel ihr Einwand, die beiden Auffassungen schliessen sich ja nicht aus. Dies die Ausgangslage als ich Anne Enrights Die Schauspielerin (der schön gestaltete Umschlag, insbesondere das mich sehr ansprechende Grün, soll nicht unerwähnt bleiben – „Von nun an“, sagte ihr Agent, als sie in New York zum Star wurde, „kannst du jede Farbe tragen, die du möchtest. Hauptsache sie ist Grün.“) zur Hand nahm.

Es ist der Spätsommer 1973 und Norah hat ihren Collegeabschluss gemacht. Ihre Kollegen und sie feiern im Haus ihrer Mutter Katherine O’Dell, der gefeierten Schauspielerin. „Ein paar Freunde meiner Mutter kamen herauf und wurden von meinen Gästen ignoriert, weil sie alt waren. Vielleicht wirkten damals auch einfach alle Männer alt, mit ihren ausgebeulten Sakkos und ihren Zigaretten. Es gab keinen Unterschied zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig, jeder trug Krawatte.“ Viel besser kann man kaum illustrieren, wie sich die Zeit von damals von der heutigen unterscheidet.

Katherine O’Dell, die es von den irischen Dorfbühnen nach Hollywood schaffte, starb im Alter von 58 an Alkohol und Tabletten, nachdem sie einige Jahre in Heilanstalten verbracht hatte. Ihre Tochter Norah, die zur Romanautorin geworden war, wird von Holly Devane, einer Doktorandin („Ihr Auto stand an der Mauer zum Nachbargrundstück, weniger geparkt als zurückgelassen.“), die Wörter wie „heteronormativ“ benutzt, zu ihrer Mutter befragt. Wie Anne Enright dieses Interview schildert – mit einer Mischung aus scharfer Beobachtung und Witz – , macht mir ihr Scheiben sehr sympathisch. „Also betrachtete ich die junge Frau aufmerksam, während ich vorgab, sie nicht zu betrachten: ihren durchtrainierten, angespannten kleinen Körper, ihr blühende, der Dummheit nahe Intelligenz. Ihre Jugend.“

Norah beschliesst, die Geschichte ihrer Mutter, dieser so irischen, doch in London geborenen Schauspielerin, die eine grosse Leserin von Memoiren und Biografien gewesen war, selber aufzuschreiben. „Sie ging durch eine längere Stalin-Phase und war ausser sich, nicht wegen der Gulags oder der Konferenz von Jalta, sondern wegen des Selbstmords seiner Frau und seiner Vorliebe für süsse georgische Weine, und weil er seine Minister nach dem Abendessen ‚An der schönen blauen Donau‘ bellen liess, wie die Hunde. Sie zitierte seine Tochter Swetlana: ‚Er war Schütze, wissen Sie, an der Schwelle zum Steinbock.“ Eine Passage, die ganze Bibliotheken historischer Diktatoren-Literatur auf den Punkt bringt.

Dass die Mutter in Heilanstalten versorgt wurde, hatte damit zu tun, dass sie den unbegabten Schauspieler („Er stand ungern auf der Bühne – ich vermute, er konnte die Aufmerksamkeit nicht ertragen.“), doch erfolgreichen Produzenten („ein geborener Stratege“) Boyd O’Neill in den Fuss schoss, so dass dieser in der Folge humpelte und sich mit Alkohol tröstete. Von den Verletzungen und Missverständnissen, die diesem Schuss vorangegangen waren, erzählt dieser Roman. Und vom Schauspieler-Dasein in Hollywood, bei dem die Presseabteilung federführend ist.

Anne Enright ist eine genaue und hoch reflektierte Beobachterin. „Mit ihren dreiundachtzig Jahren war Pleasance immer noch reizend, vielleicht sogar reizender als früher, denn die Unschärfe des Alters versüsste ihre leicht dümmliche Art.“ Und sie verfügt über einen wunderbar trockenen Humor. „Ich erklärte ihm, der Grat zwischen Bewunderung und Boshaftigkeit sei bei manchen Menschen so schmal, dass sie praktisch auf dasselbe hinausliefen.“ „’Sie ist jetzt an einem besseren Ort‘, sagte ich, obwohl ich nicht glaubte, dass meine Mutter irgendetwas anderes war als tot.“

Die Beifallssucht ist nicht das Thema dieses Romans (obwohl: selbst von der fünfjährigen Tochter sucht die Mutter Bestätigung), dafür kommen ganz viele andere Seiten der Schauspielerei zur Sprache, von denen man selten liest, wenn überhaupt. Ein Beispiel: „ … dieser Job bestand darin, den Schein zu wahren, nicht aus Eigeninteresse, sondern den zahlenden Massen zuliebe. Das Publikum durfte man nicht enttäuschen.“ Ob aus Idealismus oder pekuniärem Interesse, sei dahingestellt.

Erinnerungen sind eine eigenartige Sache. Zwar weiss Norah noch, dass ihre Mutter einmal eine Hütte in den italienischen Alpen verlor, weil sie den Namen des Ortes vergass, doch der Tod ihrer Grossmutter „überraschte mich so sehr, dass er sämtliche Erinnerungen an sie auslöschte. Umso deutlicher habe ich bis heute die Nonne vor Augen, deren Hand ich halten durfte, wenn ich auf dem Schulhof in der ersten Reihe stand. Ihre Wangen waren von einem zarten blonden Flaum bedeckt.“

Die Schauspielerin ist auch ein Buch über Irland, Irisches und die Iren. Und übers Erwachsenwerden in den 1970ern der IRA und der Bombenanschläge, als die Toiletten in einer Universität „nach ‚Herren‘, ‚Damen‘ und ‚Nonnen‘ getrennt waren“ und die Auffassung herrschte, alle Männer seien zudringlich und alle Frauen duldsam und Norah sich, „als es an der Zeit war, meine Jungfräulichkeit zu verlieren, auf ein plumpes, furchtbares Ereignis gefasst machte, ähnlich einem Messerangriff.“ Über die Beschreibung ihres Entjungferers habe ich Tränen gelacht. „Sein Vater war Tierarzt im County Carlow, deswegen besass er gewisse Grundkenntnisse über die Mechanik, genauer gesagt die ‚Hydraulik‘ des Vorgangs. Er hatte die Angewohnheit, Pointen zu verschlucken und dabei das Kinn anzuheben wie jemand, der sich selbstzufrieden eine Erdnuss in den Mund wirft.“

Fazit: Hervorragend erzählt, scharfsinnig und sehr witzig – ein lebensweiser Roman.

Anne Enright
Die Schauspielerin
Penguin Verlag, München 2020

Woody Allen: Ganz nebenbei

Ein paar Rowohlt-Autoren haben vom Verlag verlangt, er solle diese Autobiographie nicht veröffentlichen, der Anschuldigungen von Dylan Farrow wegen, die behauptet, von Woody Allen, ihrem Adoptivvater, missbraucht worden zu sein. Untersuchungen der New Yorker Kinderfürsorge und des Yale New Haven Hospital kamen zu dem Ergebnis, es habe kein Kindesmissbrauch stattgefunden, berichtete ‚Der Spiegel‘. Ein New Yorker Staatsanwalt stellte die Ergebnisse in Frage, wollte jedoch der damals Siebenjährigen keinen Prozess zumuten. Wer aufgrund dieser Sachlage glaubt, beurteilen zu können, was es mit diesen Vorwürfen auf sich habe, ist nicht bei Verstand. Schade, dass Rowohlt sich nicht von diesen Autoren getrennt hat.

„Blöderweise interessiert einen nichts mehr so richtig an Woody Allen, solange die Missbrauchsfrage nicht geklärt ist. Und noch blödererweise steht zu befürchten, dass wir die Wahrheit nie mehr erfahren werden.“ Auch dies lese ich im ‚Spiegel‘, wo wieder einmal ein Journalist sich selber beschreibt. Mit meinen Gefühlen und Gedanken hat das nichts zu tun, absolut gar nichts. Und ich bin froh drum, denn mir gefällt Ganz nebenbei sehr, sehr gut. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass ich Woody Allen gegenüber positivist eingestellt bin, verdanke ich ihm doch wesentliche Lebenserkenntnisse.

Zwei will ich hier erwähnen. Einmal seine Antwort auf die Frage nach seinem Verhältnis zum Tod, die da lautete: „Ich bin total dagegen.“ Dann aber auch die Schilderung seines (und gleichzeitig auch meines) Lebensproblems: Er sei ständig hin und her gerissen. Zum Einen frage er sich, ob Gott nun eigentlich existiere oder nicht, zum Anderen, ober er jetzt eigentlich einen Big Mac essen solle oder vielleicht doch nicht.

Ganz nebenbei beginnt wie es der Lebensgeschichte eines begabten Geschichtenerzählers eben entspricht – also höchst überzeugend. Vom nicht idealen Verhältnis zu seiner Mutter, von seinem genau so wenig idealen Verhältnis zur Schule, von seinem noch weniger idealen Verhältnis zum Judentum. Von seinem Vater schreibt er: „Dad blieb rüstig bis in seine Neunziger, niemals störte irgendeine Sorge seinen Schlaf. Oder ein ernsthafter Gedanke seinen Tag.“

Doch wie wurde unter diesen Umständen aus Woody bloss Woody? Das weiss er Gott-sei-Dank selber nicht, da er nicht zu den Fantasielosen gehört, die sich selber erklären können. „Dafür, dass ich zwei liebende Eltern hatte, wurde ich dann allerdings erstaunlich neurotisch. Warum, weiss ich auch nicht.“

Nicht, dass er sich keine Gedanken gemacht hätte. „Meine persönliche Theorie baut darauf auf, dass mir mit ungefähr fünf Jahren die Endlichkeit allen Seins bewusst wurde und ich mir dachte, hoppla, so war das aber nicht ausgemacht. Ich hatte meiner Sterblichkeit nie zugestimmt. Da wollte ich doch lieber mein Geld zurück. Mit den Jahren wurde mir dann immer klarer, dass das Leben nicht bloss kurz ist, sondern obendrein auch sinnlos.“

Und jetzt, was tun? „Gut, gibt es eben keinen logischen Grund, sich ans Leben zu klammern, aber wen interessiert schon, was der Kopf sagt? Das Herz sagt: Hast du Lola in dem Minirock gesehen?“ Es sind solche zutiefst wahren (und befreienden) Gedanken, die mir diesen Mann und dieses Buch so lieb und teuer machen. Und natürlich die Geschichten, die er darin erzählt. Ein Beispiel: Er glaubt, er sei bei Roman Polanski eingeladen, es stellt sich jedoch heraus, dass es sich um einen anderen Roman handelt – um Roman Abramowitsch. Und noch ein Beispiel, über einen Abstecher nach Paris: „Ich war gerade erst zum Weinliebhaber geworden und kann mich noch erinnern, dass ich ein bisschen angeschickert war, aber die Place de la Concorde war bei Nacht so wunderschön beleuchtet, dass ich mich bemüssigt fühlte, wie eine Figur von Balzac der Stadt mit gereckter Faust ‚Du alte Hure!‘ zuzurufen. Leider stand in dem Moment eine Touristin aus Detroit vor mir, die pikiert reagierte.“

Übrigens: Auch zu den Missbrauchsvorwürfen äussert er sich, ausführlich. Und über seine Ehe mit Soon-Yi, die bei der Bestellung im Restaurant „alle Ratschläge des Gesundheitsministeriums in den Wind schlägt. Dafür achte ich aus Gesundheitsgründen darauf, nichts zu essen, was mir schmeckt.“

Er berichtet von seiner Zeit als Comedy-Schreiber in Hollywood, wie er von der Armee verschmäht wurde, weil er Nägelkauer war und dass er Chaplin und Mickey Spillane mag. Bob Hope verehrt er und Sophokles zitiert er, der sagte, „nie geboren zu sein, sei das Beste, was einem passieren könne. Allerdings bin ich mir nicht sicher, dass er es auch gesagt hätte, wenn er jemals Bud Powell ‚Polka Dots and Moonbeams‘ hätte spielen hören.“

Trotz vieler Jahre Therapie leide er „noch heute unter denselben Ängsten, Konflikten und Schwächen, die ich mit siebzehn oder zwanzig mit mir herumgetragen habe“ notiert er. „Gebessert haben sich lediglich die wenigen Probleme, die nicht so sehr ans Eingemachte gehen und die sich durch ein wenig Ermunterung, einen kleinen Schubs in die richtige Richtung lösen lassen.“ Den dunklen Phasen des Lebens begegnet er nicht wie ein schicksalsergebenes Schaf, sondern mit Aktivismus – er empfiehlt freies Assoziieren, schriftlich oder mit einem Gesprächspartner. Auch Filme machen kann helfen; über ‚Stardust Memories‘ schreibt er: „Ich könnte ein ganzes Jahr darüber schwafeln, worum es mir ging, was ich den Zuschauern vermitteln wollte. Am Ende sahen sie im Film eben was anderes, und das hat ihnen nicht gefallen.“

Er sei kein Intellektueller. Überhaupt nicht. Was ist er dann? Für mich ist er einer, der mich zum Lachen bringt, wobei mir einige seiner Sprüche/Einsichten/Weisheiten geblieben sind. Und weil mir das eher selten passiert, schätze ich ihn und seine Memoiren sehr. „Mir scheint, die einzige Hoffnung für die Menschheit liegt in der Magie. Ich habe die Realität immer gehasst, aber es ist nun mal der einzige Ort, an dem man vernünftige Chicken Wings bekommt.“

Wir wissen es: Das Leben besteht aus Momenten. Zu meinen besten gehören die, bei denen ich lachen kann. Bei Fast nebenbei habe ich sehr oft gelacht. Woody Allens grosses Verdienst ist, dass er ganz wunderbar aufzuzeigen versteht, wie man mit dem eigenen Nicht-Verstehen des Lebens, des Kosmos und überhaupt Allem clever umgehen kann – indem man darüber lacht.

Fazit: Geistreicher und witziger ist selten dargelegt worden, dass Widersprüche zelebriert gehören!

Woody Allen
Ganz nebenbei
Rowohlt, Hamburg 2020

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