Anna Karolina Larsson: Der Pavian

„Schnell, witzig und ganz schön hart … Ein sensationelles Debüt aus Schweden“, preist der Verlag diesen Thriller. Und hat Recht damit, da stimmt alles, wirklich alles.
 
Worum geht’s? Amanda und ihre ältere Schwester Sanna wachsen in einem kleinen Ort in Östergötland in einer für schwedische Verhältnisse relativ anormalen Familie auf: ihre Eltern sind nicht geschieden, sie verleben eine glückliche Kindheit. Mit zwanzig zieht Sanna nach Stockholm, kommt in schlechte Gesellschaft und mit Drogen in Kontakt. Sie bringt sich um, so scheint es.
 
Amanda will wissen, was dahinter steckt. Um es rauszufinden, wird sie Polizistin. Sie plant, manipuliert, hat jedoch nicht immer alles so unter Kontrolle, wie sie es wünscht – sie verliebt sich.
 
Die Geschichte dreht sich im wesentlichen um drei Hauptakteure. Amanda, die den Tod ihrer Schwester Sanna rächen will. Adnan, der Kleinkriminelle, der Sanna, wie Amanda vermutet, mit Drogen versorgt hat. Magnus, der Polizist, der nicht nur seine Emotionen nicht im Griff hat, sondern ein gewalttätiger Psychopath ist.
 
Ins Spiel kommen auch die jugoslawische Mafia, russische Kriminelle, der dubiose Besitzer mehrerer Nachtclubs. Und natürlich geht es, wie in Krimis so üblich, auch um Drogen, Prostitution, Raub, Waffen und Gewalt.
 
Genauso spannend wie das Thriller-Geschehen sind auch die Nebenhandlungen: die anschauliche Schilderung der Zwänge, denen etwa Magnus unterliegt, die überzeugende Charakterisierung der auf ihr Ziel fokussierten, kalt berechnenden und starken Amanda, der differenzierte Blick auf das Macho-Gehabe des arabischstämmigen Adnan. Höchst beeindruckend ist, wie die Autorin die drei Schicksale miteinander verknüpft. Und dass sie es schafft, bei diesem voluminösen Umfang (558 Seiten), die Spannung nicht nur beizubehalten, sondern gegen Ende noch zu steigern.
 
Auch wunderbar witzige Szenen gibt es, die von einem Mann so vermutlich nicht geschrieben hätten werden können. Als etwa Adnan Amanda fragt, ob sie ihm beim Hemdenbügeln zur Hand gehen könne, zeigt sie ihm, wie es geht, doch das reicht ihm nicht, er möchte, dass sie es für ihn tut.
 „Aber du bist viel besser darin.“ Er stellte sich dicht neben sie und knabberte an ihrem Ohrläppchen.
„Das kommt nur davon, weil du es noch nie gemacht hast. Oder?“
„Nein, das ist doch Frauenarbeit.“
„Ach so? Aber es ist dein Hemd.“
Amanda löste sich aus seiner Umarmung und ging in die Küche hinaus …
 
Erzählt wird unter anderem auch die Geschichte von Pia, Magnus‘ Frau, die versucht, mittels Tagebuchschreiben, sich darüber klar zu werden, wie sie sich ihrem gewalttätigen Ehemann gegenüber verhalten soll. Ein schwieriger, beklemmender und letztlich befreiender Prozess.
 
„Der Pavian“ ist ein cleverer, vielschichtiger und herausragender Thriller.

Anna Karolina Larsson
Der Pavian
Berlin Verlag 2016

Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

Anlässlich der Veröffentlichung dieses Tagebuchs publizierte die Weltwoche einen Artikel darüber, wer denn nun eigentlich die Deutungshoheit über Frisch habe, Professor Muschg oder Professor von Matt. Ganz so, als ob es einer Autoritätsdeutung bedürfe. Nun ja, ich kann selber lesen und mir auch selber eine Meinung bilden. Und diese weicht von derjenigen des Herausgebers von Matt gelegentlich ab.
 
Ein Beispiel: Frisch schreibt: „Mittags am Bach, das Wasser ist kieselklar, aber kalt, die Felsen sind warm von der Sonne und die Luft riecht nach Wald, nach Pilzen, man hört nichts als das Wasser und es gibt nichts zu denken.“ Das klingt für mich sehr Zen-mässig. Von Matt sieht das anders: „Die Aussage ‚es gibt nichts zu denken‘ schwebt unentscheidbar zwischen Resignation und Erleichterung. Sie fordert aber die Entscheidung und setzt dadurch das verleugnete Denken selbst in Bewegung.“ Schon verblüffend, was der Mann da hinein liest – nur steht es nicht dort.
 
Schön, dass es dieses Tagebuch gibt. Ich habe es gerne und mit Gewinn gelesen. Unter anderem wegen Passagen wie dieser:
 „Leben als Oase –
 der Tod als die Wüste ringsum –
 Woher will ich das wissen?“
  Oder dieser:
 „ICH MÖCHTE NUR NOCH SPIELEN
 Günter Eich kurz vor seinem Tod:
 ICH MÖCHTE NUR NOCH SPIELEN.“
 
Erstaunt war ich darüber: „Dass ich Alkoholiker sei, habe ich früher schon gesagt. Jetzt ist es keine Koketterie mehr. Ich bin Alkoholiker. Nur in einer Klinik gelingt der völlige Entzug.“ Das Geständnis ist das Eine, die Überzeugung, dass der Entzug nur in einer Klinik gelingen könne, das Andere. Ich weiss nicht, ob Frisch wegen Alkohol schon einmal in einer Klinik gewesen ist, vermute jedoch, dass dem nicht so war, denn dann hätte er den letzten Satz wohl nicht geschrieben.
 
Die hier vorgelegten Texte, schreibt Herausgeber von Matt, seien „keineswegs flüchtige und vorläufige Niederschriften.“ Schon möglich, obwohl für alles in diesem Band Gedruckte würde ich das nicht gelten lassen. Etwa: „Hänge ich am Leben? Ich hänge an einer Frau. Ist das genug?“
 
Unmittelbarer Anlass, mich mit diesem Buch zu beschäftigen, war, dass ich irgendwo gelesen habe, Frisch äussere sich darin auch über das Sterben seines Freundes, des Strafrechtsprofessors Peter Noll. Zu diesem ist unter anderem zu lesen: „Im Gegensatz zu Peter kenne ich meine Todesursache noch nicht – was nicht heisst, dass ich mehr Zeit habe als er. Zeit wofür? Ich mähe den Rasen.“ Und: „Was ich (ohne persönliche Verstricktheit) nie verdaut habe: seine tollpatschigen Offerten an Frauen.“
 
Noch einmal Herausgeber von Matt: „Was an den einzelnen Texten immer neu fasziniert, ist ihr Gefälle auf ein Ende hin, das gleichzeitig abschliesst und öffnet. Selbst wenn sie mit dem klar formulierten Ergebnis einer Beobachtung oder eines Denkablaufs enden, steht dieses da als etwas, das Weiterdenken verlangt.“ Das trifft es sehr gut.

Max Frisch
Entwürfe zu einem dritten Tagebuch
Suhrkamp, Berlin 2011

Unter der Haut: Eine literarische Reise durch unseren Körper

Die Bücher, die mich bereits auf den ersten Seiten lachen und zustimmend nicken lassen, sind selten, sehr selten. Es liegt an Sätzen wie etwa diesem: „Was an den Eingeweiden oder der Hirnschale macht uns zu dem, was wir sind?“ Er stammt aus der Einleitung von Thomas Lynch; ich selber wäre wohl gar nie auf so eine Frage gekommen und frage mich jetzt: Warum eigentlich nicht? Stelle ich mir die falschen Fragen? Setze ich mich etwa mit Unwesentlichem auseinander?

Auch im ersten dieser insgesamt fünfzehn Beiträge stosse ich auf Sätze, die mich verblüffen.“Wir mögen nicht wissen, wie wir unseren Kot produzieren, aber unser Bauch weiss es. Wir mögen nicht viel vom Sterben verstehen, aber unser Körper wird das für uns übernehmen. Wir wissen mehr, als wir glauben. Und ‚wir‘ müssen es gar nicht wissen, um es wissen.“ Derart hilfreich beschliesst Naomi Alderman ihren Text über den Verdauungstrakt, der übrigens hinreissend beginnt, nämlich so: „In der räumlichen Nähe von Anus und Genitalien liegt Freud zufolge der Ursprung vieler, wenn nicht gar aller menschlichen Neurosen. Heutzutage ist es modern, sich von Freud zu distanzieren. ‚So weit würde ich nicht gehen‘, heisst es dann und ‚Natürlich war Freud von Sex besessen‘. Aber ich würde soweit gehen, und die meisten Menschen sind von Sex besessen.“

Unter der Haut  heisst im Untertitel Eine literarische Reise durch unseren Körper, was ziemlich irreführend ist, denn literarisch ist an diesen Texten so ziemlich gar nichts, vielmehr handelt es sich um originelle, informative und spannende Essays zu Niere, Gehirn, Ohr, Schilddrüse etc. So widmet sich Christina Patterson der Haut, die dazu bestimmt ist, uns vor der Welt zu schützen. „Sie hält alles zusammen. Sie  wahrt die Temperatur, die der Körper zum Überleben braucht. Sie dehnt sich und zieht sich zusammen, wie es gerade erforderlich ist, sie beschützt Sie vor Gefahren und warnt Sie vor Schmerz. Und sie ermöglicht es Ihnen, die wärmenden Sonnenstrahlen oder das erregende Knistern der Berührung eines Geliebten zu spüren.“

A.L. Kennedy schreibt über die Nase („Geruch kann Gedanken verändern.“), Ned Beauman über seine Blinddarm-Obsession, Abi Curtis über das Auge (das Augeninnere: „ein betörender roter Globus, in dem ein Netz von Äderchen pulsierte.“), Kayo Chingonyi über das Blut und und und … Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viel Wissenswertes, Spannendes und Überraschendes über den Körper gelesen zu haben.

Als Max Ravenhill eine leichte Gelbfärbung seines Körpers feststellt und überdies sein Urin fast braun und sein Stuhl kalkig-weiss ist, tippt er auf Gelbfieber. „Eine kurze Google-Recherche überzeugte mich davon, dass ich meine Selbstdiagnose von Verstopfung zu Krebs im fortgeschrittenen Stadium hochschrauben musste.“ Der Arzt eröffnete ihm dann, es handle sich um einen Gallenstein.

„Es gibt Dinge, über die man nur nachdenkt, wenn sie nicht mehr funktionieren: der Keilriemen, die Gastherme, der Darm“, hält William Fiennes in seinem Beitrag über den Darm fest. Damit dies nicht so bleibt, sollte man sich diesen höchst gelungenen Band vornehmen und dabei, neben dem bisher Gesagten, vielfältig über die Niere (Annie Freud), das Gehirn (Philipp Kerr), die Lunge (Daljit Nagra), das Ohr (Patrick McGuinness), die Schilddrüse (Chibundu Onuzo), die Leber (Imtiaz Dharker) sowie die Gebärmutter (Thomas Lynch) informiert werden.

Die Essays in diesem Buch wurden ursprünglich von BBC Radio 3 in Auftrag gegeben und gesendet. Sie sind von unterschiedlicher Qualität, doch informativ sind sie alle. Meine Lieblingsstücke stammen von Naomi Alderman, Ned Beauman, Mark Ravenhill, Philipp Kerr und Annie Freud, die unter anderem feststellt: „Dass die Nieren im Alten Testament mehr als dreissigmal erwähnt werden, erscheint vielleicht wenig bemerkenswert, bis man es der Tatsache gegenüberstellt, dass das Gehirn kein einziges Mal genannt wird.“

Fazit: Sehr unterhaltsam, höchst lehrreich und ausgesprochen nützlich.

Unter der Haut
Eine literarische Reise durch unseren Körper
Goldmann, München 2019

Ariadne von Schirach: Die psychotische Gesellschaft

„Diese Welt verschlägt mir den Atem. Man kommt gar nicht mehr hinterher mit dem Mitdenken und Mitfühlen, und doch beginnt jede Veränderung mit dem Annehmen und Beschreiben dessen, was ist“, hält Ariadne von Schirach treffend fest. Nur hält sie sich selber nicht dran und beginnt stattdessen mit einer Zuschreibung. Konkret: Sie behauptet, die gegenwärtige „Auflösung des Allgemeinen“ erinnere „stark an das Krankheitsbild einer Psychose.“ Ich sehe das zwar ähnlich, doch „Annehmen und Beschreiben dessen, was ist“, ist das nicht, sondern Denken in gängigen psychiatrisch-akzeptierten Kategorien.

Nun gut, warum auch nicht? Psychotisch meint primär Realitätsverlust. Grundsätzlich gilt: „Der psychotische Mensch hat seinen Geist und sein Urteilsvermögen verloren, sein Leben ist ihm fremd geworden.“ Dazu kommen – das psychiatrisch-diagnostische Feld arbeitet zwar mit wissenschaftlichen Methoden, ist jedoch keine Wissenschaft – Wahnideen, Ängste, Störungen des Ich-Erlebens, Ohnmachtsgefühle sowie mangelnde Krankheitseinsicht. Für die psychotische Gesellschaft bedeutet das, dass sie sich nicht mehr begreifen und deswegen auch nicht bewusst verändern kann. Das beschreibt meines Erachtens die gegenwärtige Situation, in der zunehmend auch Aberwitziges wie etwa  Verschwörungstheorien an Boden gewinnen, recht gut.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin und Kritikerin und lehrt Philosophie und chinesisches Denken und behauptet unter anderem: „Alles, was geschieht, hat einen Grund, doch es ist nicht unbedingt sinnvoll – schon gar nicht auf eine Weise, die sich uns Menschen mit unserer beschränkten Wahrnehmungskapazität erschliessen würde.“ Ein Satz, der unsere beschränkte Wahrnehmungskapazität treffend illustriert, denn schliesslich ist auch ein Denken vorstellbar, in dem es keine Gründe gibt.

Ariadne von Schirach geht ihr Thema Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden so an, wie das alle, die an Hochschulen unterrichten, tun – sie erzählt von ihrem Fachgebiet. Und so erfahren wir, dass Platons und Aristoteles‘ Denken das Trennende (und den Einzelnen) betonte, während das Denken des alten China den Einzelnen in seinem Bezug zum Ganzen sah. Und wir lesen von Kierkegaard, der meinte, der Mensch solle der werden, der er sei. „Zu werden, der man ist, heisst, sowohl ein Gefühl für seine eigenen Beschränkungen als auch für seine Potenziale zu entwickeln und Letztere zu verwirklichen“, hält die Autorin fest, die mit diesem Buch eine weltanschauliche Ideengeschichte (von Martin Heidegger über Eugen Bleuler zu Naomi Klein) vorlegt.

Obwohl ich diesen Ansatz dem psychologischen, der sich häufig in recht banalen Allerweltsweisheiten erschöpft, vorziehe, habe ich mich gefragt, was denn nun praktisch zu tun sei, um Angst und Ohnmacht zu überwinden. Sich dem eigenen Dasein bewusst zu stellen, meint Ariadne von Schirach. „Angst und Ohnmacht zu überwinden heisst, sich ihnen endlich zu stellen.“ Nur eben: das erfordert Mut – und der fehlt den meisten
Nichtsdestotrotz: wir brauchen ihn nicht nur, diesen Mut – er ist unabdingbar, damit wir nicht noch kränker werden, denn wir leben in einer Zeit, „die das Eitle, Bequeme und Gierige im Menschen fördert und bestärkt.“ Das Resultat ist eine kranke Gesellschaft, die auf den eigenen Untergang zusteuert.

Es spricht sehr für dieses Buch, dass sich die Autorin auch die wirtschaftlichen Bedingungen, die eine psychotische Gesellschaft ermöglichen und befördern, vornimmt. Sie tut das unter anderem unter Bezugnahme auf Ayn Rand, die gemeinhin als glühende Verfechterin des Kapitalismus gilt. Ariadne von Schirach geht sie wesentlich differenzierter an und schält Wesentliches heraus: „Rands Figuren sind emotionslos, kompetent und kontrolliert.“ Und: „Wer nur für sich lebt, ist durch ebendieses Selbst begrenzt …“.  Die Folge ist das generelle Abgetrennt-Sein, von sich, den anderen und überhaupt allem, womit wir verbunden sind.

Gemäss Ariadne von Schirach gibt es einen Ausweg. „Kann ein Mensch, der verrückt war, wieder normal werden? Meistens. Wenn er Hilfe bekommt. Und sie annehmen kann. Heilung ist das Finden eines neuen Sinns.“  Einverstanden. Das Problem ist nur, dass der Mensch sich nicht ändern will. Keiner. Ausser er muss.

Ariadne von Schirach
Die psychotische Gesellschaft
Tropen, Stuttgart 2019

Boris Johnson: Der Churchill-Faktor

Ein Blender sei er, sein grösstes Talent sei, sich selber zu verkaufen, doch substantiell sei da nicht viel und weit weniger als es den Anschein mache. Solches und Ähnliches und noch vieles mehr wird über Boris Johnson gesagt, den ehemaligen Londoner Bürgermeister mit Ambitionen (wird behauptet) David Cameron abzulösen.
 
Doch da gibt es auch noch den Autor Boris Johnson, den Verfasser des überaus witzigen Thrillers „72 Jungfrauen“ und den Biografen Winston Churchills.
 
Auch wenn die englischen Konservativen, die Tories, Winston S. Churchill als einen der ihren reklamieren („ihr bester Käse, ihr preisgekrönter Besitz, der weltbeste Torschützenkönig und grösste Kapitän der Tory-Mannschaft aller Zeiten“), viele angesehene Tories hielten ihn seinerzeit für einen Verräter, ja eine Katastrophe für das Land. Und aus ihrer Sicht war das verständlich, denn von Partei-Loyalitäten hielt Churchill so ziemlich gar nichts, kurz und gut, „er war ein ruhmversessenes, opportunistisches Grossmaul.“
 
Unweigerlich fragt man sich: Beschreibt da der Biograf nicht vor allem sich selbst? Sicher, das auch, doch er tut einiges mehr, indem er sich mit dieser ihm verwandten Seele auseinandersetzt: Er zeigt auf, dass die Jahrhundertgestalt Churchill auch heute noch zu inspirieren weiss. Nicht zuletzt sollte er den Regierenden ein Vorbild sein, denn nie verlangte er von anderen, was er nicht selber bereitwillig leistete.
 
Ich muss immer mal wieder laut herauslachen bei dieser höchst ungewöhnlichen, wunderbar originellen, dabei sehr differenzierten, überaus witzigen und entschieden unverblümten Darstellung dieser Jahrhundertfigur. „Sogar jene, die ihn für brillant hielten – und das erkannten die meisten Menschen – , waren häufig über sein scheinbares Fehlen von Urteilsvermögen, seine Neigung zur Übertreibung, ja zur Hysterie bestürzt. Im Jahr 1931 regte er sich so sehr über die drohende indische Unabhängigkeit auf, dass er Mahatma Gandhi einen ‚halbnackten Fakir‘ nannte. Diese Worte sind in Indien bestimmt nicht vergessen worden.“
 
Churchills Eltern waren auf ihre Art und Weise ebenso eigensinnig und unkonventionell. „Ihr wichtigster Beitrag zur Zivilisation bestand darin, dass sie beide das Kind vernachlässigten“, so Johnson. Und dieses entwickelte sich zu einem gänzlich unorthodoxen, mutigen, exhibitionistischen und aussergewöhnlich riskofreudigen Mann, der unter anderem ein höchst produktiver Schreiber war: Er brachte mehr Wörter zu Papier als Dickens und Shakespeare zusammen.
 
„Selbstverständlich war er egozentrisch und narzisstisch – eine Tatsache, die er sofort einräumte. Aber das hiess keineswegs, dass er sich nicht für andere Menschen interessiert oder um sie gekümmert hätte.“ Ein wichtiger Satz, nicht nur Churchill betreffend, macht er doch deutlich, dass der Mensch, jeder Mensch, um einiges komplexer ist als unsere gängigen Zuschreibungen (und was wir aus ihnen ableiten) zu erfassen imstande sind.
 
Wie nur war es möglich, dass ein solcher ungehobelter Egomane das britische Volk für den Krieg zu mobilisieren vermochte? Vermutlich, weil in dieser Situation ein entscheidungsfreudiger und unabhängiger Geist gefragt war. Und weil dieses dem Witz zugeneigte Volk von Exzentrikern sich mit ihm identifizieren konnte.
 
„Er wusste, wie er seine Persönlichkeit darstellen konnte, und im Krieg brauchte es jemanden, der in den Köpfen der Menschen ein Image von sich selbst schaffen konnte – entschlossen, kämpferisch, aber zugleich auch gut aufgelegt und ermutigend. Nur Churchill konnte das, denn es entsprach in hohem Masse seinem Charakter.“
 
Boris Johnson hält Churchill nicht nur für den besten Redner, Autor und Witze-Erzähler seiner Generation, sondern auch für „die tapferste, kühnste und originellste Persönlichkeit“ sowie „das grösste politische Arbeitstier“, das es je gegeben hat. „Allein seine veröffentlichten Reden füllen 18 Bände und 8700 Seiten, seine Notizen und Briefe umfassen eine Million Dokumente in 2500 Kisten.“ Dazu kommen noch 31 umfangreiche Bücher und „davon waren 14 ‚echte‘ oder Erstveröffentlichungen, keine Zusammenstellungen von bereits veröffentlichtem Material.“
 
Zudem malte er, liebte die Maurerarbeit, legte Teiche an, freute sich an Erdarbeiten, war einer der ersten seiner Generation, die ein Flugzeug steuerten und ein Auto fuhren – derart rasant, dass keiner mitfahren wollte. Churchills eigene Einschätzung, dass er an Depressionen leide, hält Johnson für übertrieben. Was wohl mehr über Johnson als über Churchill sagt.
 
„Der Churchill-Faktor“ ist ein wirklich tolles Buch: höchst informativ und dabei sehr persönlich, wunderbar unterhaltend sowie ausgesprochen originell. Thomas Kielinger, selber Verfasser einer glänzenden Churchill-Biografie, brachte es auf den Punkt: „Querdenken und Exzentrik: Eine bessere Paarung als Churchill und Johnson ist nicht denkbar.“
 
Folgender Kommentar Johnsons illustriert dies bestens: Churchill, der kein Finanzgenie war, jammerte nach einer Sitzung mit Bankern, sie würden alle ‚Persisch sprechen‘. Dazu Johnson: „Die Geschichte der vergangenen 100 Jahre ist voller Gelegenheiten, aus denen eindeutig hervorgeht, dass die Banker selbst keinen blassen Schimmer von dem haben, was sie sagen wollen.“

Man beschreibt ja immer auch sich selber, oder etwa nicht?

Boris Johnson
Der Churchill-Faktor
Klett-Cotta, Stuttgart 2015
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