Ha-Joon Chang: 23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen

Ha-Joon Chang studierte Wirtschaftswissenschaft in Seoul und in Cambridge, wo er seit seiner Promotion lehrt und forscht. Zudem arbeitet er als Berater unter anderem für die UN, die Weltbank, und die Asiatische Entwicklungsbank – Organisationen also, die bisher nicht gerade durch übertriebene Kapitalismuskritik aufgefallen sind, doch dem Vernehmen nach gut zahlen.
 
Was für Lügen erzählt man uns also? Dass es einen freien Markt gebe, zum Beispiel, denn einen solchen gibt es gar nicht. Oder dass die Liberalisierung ein armes Land reich mache, doch das tut sie nicht. Genau sowenig wie die Bildung etc. etc. Doch halt: Mehr Bildung macht ein Land nicht reicher? Aber das behaupten doch so ziemlich alle, oder etwa nicht? Ja doch, das sagen alle, und vor allem natürlich die Bildungspolitiker und die Schulvorsteher und die Lehrer und alle, die sonst von dem Bildungs- und Weiterbildungswahn profitieren.
 
Nun ja, Fakt ist: Im Jahr 1960 hatte Taiwan eine Analphabetenquote von 56 Prozent und „seitdem eine der besten Wirtschaftswachtumsraten der Menschheitsgeschichte“; im selben Jahr belief sich die Analphabetenquote auf den Philippinen auf nur gerade 28 Prozent, doch diese „dümpelten ökonomisch so vor sich hin.“ Mit anderen Worten: „Offenbar gibt es neben der Bildung noch viele andere Dinge die das Wirtschaftswachstum eines Landes beeinflussen.“
 
Chang führt das „Schweizer Paradoxon“ an. Was meint er damit?
Die Schweiz gehört zu den reichsten und am meisten industrialisierten Länder der Welt, doch weist sie „die weltweit niedrigste Immatrikulationsquote an den Universitäten auf. Bis Anfang der Neunzigerjahre betrug sie nur etwa ein Drittel des Durchschnitts anderer reicher Länder.“ In den letzten Jahren hat sich die Quote zwar erhöht – 2007 betrug sie 47 Prozent – doch auch damit bleibt sie weit hinter den ökonomischen Spitzenreitern (Finnland 94 Prozent, USA 82 Prozent) zurück. Die Quote ist zudem auch weit niedriger als in wesentlich ärmeren Volkswirtschaften (Korea 96 Prozent, Griechenland 91 Prozent).
 
Woran liegt es, dass die Schweiz trotzdem in der Top-Liga in Sachen wirtschaftlicher Produktivität liegt? Denkbar ist natürlich, dass die Schweizer Universitäten besser sind als diejenigen anderer Länder. Meine eigenen Erfahrungen in Australien, Schottland und Wales bestätigen dies zwar nicht, doch möglicherweise ist ja im Vergleich zu gewissen Ländern doch was dran. Chang meint, der Hauptgrund liege „in den wenig produktivitätsorientierten Bildungsinhalten“. Und: „In vielen Bereichen zählen allgemeine Intelligenz, Disziplin und die Fähigkeit zu organisiertem Arbeiten weit mehr als Spezialwissen, welches man sich zum grossen Teil erst im Berufsleben aneignet.“ Besonders schön hat diesen Sachverhalt Petra Morsbach in ihrem lesenswerten Roman „Gottesdiener“ auf den Punkt gebracht: „Pfarrer Stettner hat auch beschlossen, dass Isidor aufs Gymnasium gehöre. Isidors Eltern wehrten sich nur fünf Minuten, denn mit dem Buben war eh nichts anzufangen.“
 
Dieses Buch hat sich zum Ziel gesetzt, aufzuzeigen, „wie der Kapitalismus wirklich funktioniert und wie er noch besser funtionieren könnte.“ Es gibt unter anderem Antworten auf Fragen wie
 – warum es Ihnen trotz ständig wachsenden Einkommens und ständiger Fortschritte in der Technik nicht besser geht.
 – warum arme Länder arm sind und wie sie reicher werden können.
 – warum sich für Politik zu interessieren vielleicht doch keine reine Zeitverschwendung ist.
 
Ha-Joon Changs „23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen“ ist ein auf vielfältige Art und Weise anregendes Buch – die Auseinandersetzung damit lohnt. Auch wegen seinen Ausführungen über Sätze wie diesen: „Für eine gute Wirtschaftspolitik braucht man keine guten Wirtschaftler.“

Ha-Joon Chang
23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen
C. Bertelsmann, München 2010

Robert Harris: Der zweite Schlaf

England nach der grossen Katastrophe; die Menschen haben sich wieder der Kirche zugewandt, bei der sie Halt und Orientierung finden.

Der junge Priester Fairfax wird in ein kleines Dorf entsandt, um dort das Begräbnis des unter mysteriösen Umstanden verstorbenen Pfarrers vorzunehmen. In dessen Hinterlassenschaft finden sich Gegenstände aus der Zeit vor dem Zusammenbruch der Zivilisation. Sich mit der Vergangenheit zu befassen, ist verboten. Der Besitz von Dingen aus dieser Zeit – Münzen, technisches Gerät, Plastik – gilt als Ketzerei und wird streng bestraft.

Die Kirche hat die Macht übernommen. Das passt nicht allein, einigen wäre die vormalige Trennung von Kirche und Staat lieber. Dazu meint Fairfax: „Und das würde dann zwangsläufig dazu führen, dass die Kirche die Moral und keine Macht und der Staat die Macht und keine Moral hätte. Nichts anderes hat unsere Vorfahren in die Katastrophe geführt.“ Worauf sein Kontrahent entgegnet: „Das behauptet jedenfalls die Kirche. Da liegt es natürlich in ihrem Interesse, uns genau das zu predigen. Aber woher wollen wir wissen, dass sie uns die Wahrheit erzählt, wo sie selbst es doch zum Verbrechen erklärt hat, die Vergangenheit zu erforschen?“

Fairfax, neugierig geworden, macht sich auf, die Vergangenheit zu erforschen. Dabei stösst er unter den Büchern des verstorbenen Pfarrers auch auf ein Verzeichnis verschiedener erhaltener Bauwerke aus der Prä-apokalytischen Periode und erfährt dabei, dass aus der zweiten Hälfte des 20. und dem ersten Viertel des 21. Jahrhunderts ausser Plastik und Glassplitter kaum etwas übrig geblieben ist.

Anlässlich eines Vortrags erfahren wir dann noch einiges mehr aus der Zeit vor der Apokalypse – dass die Menschen fliegen konnten, die Elektrizität kannten wie auch Handys, die wie folgt beschrieben werden: „Und wir wissen ebenfalls, dass fast alle Menschen über ein Gerät verfügten, welches ihnen ermöglichte, sich gegenseitig zu sehen und zu hören, wo auf immer auf der Erde sie sich gerade aufhielten; dass die Geräte so klein waren, dass man sie in der Hand tragen konnte; dass sie unmittelbaren Zugang zu Wissen, Musik und den Meinungen und Schriften überall auf der Welt ermöglichten; und dass diese Geräte im Laufe der Zeit das menschliche Gedächtnis, das logische Denken und sogar den normalen menschlichen Umgang ersetzten – dass sie einen zersetzenden, narkotisierenden Einfluss ausübten, der ihre Besitzer, so sagen manche, irgendwann in den Wahnsinn trieb, und zwar in einem Ausmass, dass man ihre Einführung als den Anfang vom Ende der fortschrittlichen Zivilisation bezeichnen konnte.“

Dass die heutige Zivilisation retrospektiv einmal so gesehen werden kann, ist gut vorstellbar. Und auch diese Beschreibung des modernen Zahlungsverkehr trifft das Wesentliche unserer eigenartigen Zivilisation. „Die meisten ihrer Geschäfte haben die Vorfahren nicht mit Münz- oder Papiergeld getätigt, sondern mit elektrischem Ersatzgeld, das sie einfach durch die Luft schickten. Als die Apokalypse über sie kam, versagten ihre Geräte und ihr Reichtum verpuffte.“

Zu den Büchern, die an amerikanischen „Elite“-Unis Pflichtlektüre sind, gehört auch Mary Shelleys Frankenstein, das wesentlich davon handelt, dass der Mensch nicht weiss, was er tut und vor allem, was für Konsequenzen sein Tun hat. Das beschreibt auch unsere moderne Gesellschaft, die von einer Komplexität ist, die niemand mehr zu überblicken imstande ist, treffend. Bei Robert Harris klingt das so: „Stellt Euch vor, Ihr wacht eines Morgens auf und seid völlig mittellos, nur noch mit Fähigkeiten gesegnet, die keinerlei Wert mehr besitzen und im Lebenskampf gänzlich nutzlos sind! Ihre Welt war auf Einbildung gebaut – Schlösser aus nichts als Nebelschwaden. Ein Windstoss und sie war verschwunden.“ Viel braucht es nicht dazu, der Ausfall der Computertechnologie reicht.

Robert Harris ist mit „Der zweite Schlaf“ ein überzeugender historischer Science Fiction gelungen.

Robert Harris
Der zweite Schlaf
Wilhelm Heyne Verlag, München 2019

A.S.A. Harrison: Die stille Frau

„Die stille Frau“ ist der erste und einzige Roman von A.S.A. Harrison, die Anfang 2013 verstarb; es ist ein wunderbar gelungenes Buch.
 
Die Rahmenhandlung:
Jodi ist Psychotherapeutin, Todd Bauunternehmer. Die beiden leben seit vielen Jahren als unverheiratetes Ehepaar (was wie ein unbedeutendes Detail – „unverheiratet“ – klingt, wird zu einem nicht unwichtigen Element in dieser Geschichte) in einem luxuriösen Apartment mit Seeblick in Chicago. Sie sind kinderlos, obwohl Todd gerne Kinder hätte.
 
Todd ist ein notorischer Fremdgänger, Jodi weiss davon, hat sich damit arrangiert. Doch dann taucht Natasha auf, die Tochter von Todds bestem Kumpel Dean. Sie wird schwanger, Todd ist geschockt, als er davon erfährt.
  „’Ich dachte, du willst Kinder‘, sagt sie.
  ‚Natürlich will ich Kinder‘, schreit er.
  Natürlich will er Kinder, obwohl ‚Kinder‘ nicht das richtige Wort ist für das, was er will. Natasha will ‚Kinder‘ im Sinne von kleinen, hilflosen Quälgeistern, die ihre ständige Aufmerksamkeit verlangen und ihr ein Gefühl von Verwandtschaft und Zugehörigkeit vermitteln. Was er will, ist etwas anderes. Was er will, sind Nachkommen, Erben, oder einfach nur einen Erben, am liebsten natürlich einen Sohn, jemanden, der seine DNA teilt, eine Variante von ihm, der ihn ersetzt, wenn er irgendwann verschwindet.“
 
Todd zieht aus der gemeinsamen Wohnung mit Jodi aus und mit Natasha zusammen, sie planen zu heiraten, was sowohl Dean als auch Jodi verhindern wollen. Wie sie dabei vorgehen, soll hier nicht verraten werden, doch soviel sei gesagt: der Ausgang verblüffend.
 
„Die stille Frau“ ist sowohl faszinierende Beziehungsstudie als auch spannender Thriller. Und zudem ein Buch, das einen auf Alfred Adler neugierig macht. Wie Carl Gustav Jung war auch Adler ein Mediziner und Psychotherapeut, der mit Sigmund Freud gebrochen hatte und dann seinen eigenen Weg gegangen ist. Es finden sich aufschlussreiche Passagen in diesem Buch, die Jodi, die den Adlerschen Ansatz praktiziert, im Gespräch mit ihrem Lehrtherapeuten zeigen.
 
A.S.A. Harrison hat mit diesem Text auch einen Roman voller verblüffender Einsichten geschrieben geschrieben: „Sie wünschte, eine ihrer Freundinnen würde endlich zurückrufen, und schaltet schliesslich den Fernseher ein und zappt wahllos durch die Kanäle, bis sie auf eine Wiederholung von ‚Seinfeld‘ stösst. Sie hat diese Episode schon mal gesehen, aber sie hat fast alles vergessen. In letzter Zeit geht es ihr auch mit Filmen so. Ein oder zwei Jahre vergehen und es ist fast, als hätte sie eine Amnesie. Das bringt sie auf einen Gedanken. Wenn sie ihr ganzes Leben noch einmal leben müsste – das identische Leben mit den Ereignissen, die sich in derselben Reihenfolge vor ihr erstrecken – , würde das meiste davon sie vermutlich überraschen. Als die Episode zu Ende geht und sie die letzte Szene sieht, als würde sie sie zum ersten Mal sehen, wird sie von einer Lawine aus Schmerz und Reue erfasst.“
 
Ich lese unter anderem Bücher, weil ich mir von ihnen auch Hinweise und Ratschläge für mein Leben erhoffe. Wie zum Beispiel diesen: „Gehen ist ein probates Mittel, wenn man sich wieder in den Griff bekommen will.“ Nein, das ist nichts Neues, auch für mich nicht, doch muss ich eben immer wieder an die simpelsten Dinger erinnert werden …

A.S.A. Harrison
Die stille Frau
Bloomsbury, Berlin 2014

Daniel M. Davis: Heilen aus eigener Kraft

Alles hängt mit allem zusammen, das ist ein Gemeinplatz. Was es konkret bedeutet, in Bezug auf unseren Körper, erfährt man in diesem Buch. Mehr noch: „Das Gros der Leiden, die uns befallen, wird von den natürlichen Verteidigungsmechanismen des Körpers geheilt. Diese zu verstehen und zu lernen, wie wir sie uns zunutze machen können, wird womöglich eines der wichtigsten Zukunftsgeschenke der Wissenschaft an den Menschen und seine Gesundheit sein.“

Daniel M. Davis, Professor für Immunologie, der Lehre von den Abwehrmechanismen gegen Krankheitserreger wie Bakterien, Viren und Pilzen sowie andere körperfremde Stoffe, berichtet in Heilen aus eigener Kraft davon, „wie und warum das Immunsystem so und nicht anders arbeitet.“ Und erzählt dabei auch, wie aufregend und schwierig die wissenschaftliche Forschung ist.

Das Immunsystem des Körpers reagiert auf Zeug, mit dem der Körper zuvor nicht in Kontakt gekommen ist. Er erkennt es als Gefahr und wehrt sich dagegen. Bis 1989 galt dies als allgemein akzeptiert. Doch dann begannen Charles Janeway und seine Frau Kim Bottomly sich zu fragen, weshalb etwa Nahrungsmittel, Staub oder harmlose Darmbakterien (die alle keine Gefahr darstellten) keine Immunreaktion auslösten. Verfügten menschliche Immunzellen über Mustererkennungsrezeptoren, die imstande waren, charakteristische Strukturen von Erregern zu erkennen? Ja, das tun sie und dieses Buch erzählt, wie man ihnen beziehungsweise einigen von ihnen auf die Spur gekommen ist.

Das war gar nicht so einfach, denn es galt vielerlei Hindernisse zu überwinden. „Es liegt in unserem Wesen, dass wir versuchen, Problemen mit Strategien beizukommen, die in der Vergangenheit funktioniert haben. Doch zu wissen, was vormals funktioniert hat, kann uns auch blind für Erkenntnisse machen, die nötig sind, um wichtige Schritte vorwärts zu tun.“ Klar, Professor Davis bezieht sich hier auf  die wissenschaftliche Forschung, doch diese Sätze gelten auch ganz allgemein für die Lösung von Problemen.
Zu beachten galt zudem auch dies: „Wir sehen weniger mit unseren Augen, als vielmehr mit unseren Gehirnen. Unser Gehirn filtert und interpretiert alles, was die Sinnesorgane unseres Körpers wahrnehmen, und aus diesem Grund sehen wir häufig nur, was wir suchen und bemerken das Unerwartete nicht ….“. Doch nicht nur diese Unaufmerksamkeitsblindheit steht der Erkenntnis im Weg, auch unsere Annahmen und Interpretationen erweisen sich oft als Hîndernisse.

Daniel M. Davis ist ein ausgesprochen begabter Erzähler, der unter anderem deutlich macht, dass die Art der Pionierforschung, die in der Immunologie stattfindet, keine ‚Plan-Wissenschaft‘ ist, der Fortschritt verdankt sich vielmehr einigen wenigen Individuen. „Der kreative Prozess für Künstler und Wissenschaftler kann sich unter Umständen in vieler Hinsicht bemerkenswert ähneln. Genau wie Schriftsteller schlagen auch Wissenschaftler mit den Flügeln, jammern herum und sind nahe am Verzweifeln, wenn sie versuchen, einen  Plot und eine Struktur zu finden, die hinhaut.“ Und natürlich gibt es auch Neid, Konkurrenz-Denken und Missgunst.

Die Komplexität des Immunsystems ist atemberaubend, die Aufgabe des Wissenschaftlers, so Davis, vergleichbar einem Mann (ja klar, es kann auch eine Frau sein), dem ein Ball gegeben wurde, und der jetzt herausfinden musste, was überhaupt gespielt wird. „…. was passiert, wenn dendritische Zellen mit diesen oder jenen anderen Zellen in unterschiedlichen Konstellationen zusammengebracht werden: Vermehren sie sich, sterben sie oder schütten sie dieses oder jenes Proteinmolekül aus? Macht es einen Unterschied, ob man sie eine Stunde oder über Nacht zusammenlässt‘? Verändern sie ihre Gestalt, werden sie abgestossen oder angezogen, bewegen sie sich langsamer oder schneller, werden sie grösser oder kleiner, entwickeln sie mehr oder weniger Fortsätze, schalten sie dieses oder jenes Gen an  oder ab?“

Heilen aus eigener Kraft  zeigt eindrücklich auf, dass unser Immunsystem  kein statisches Gebilde, sondern dauernd in Bewegung ist, beeinflusst unter anderem von Stress, Alter, Tageszeit und unserer seelischen Verfassung. Doch auch wenn die neuesten Erkenntnisse bahnbrecend sind, bleibt das Immunsystem  (wie jedes grosse System, vom Sonnensystem bis zum Finanzsystem) ein Rätsel. Dieses zu entschlüsseln, dazu liefert dieses Buch wesentliche Erkenntnisse. Darüber hinaus trägt das Ergründen von Einzelheiten dazu bei, uns als das zu sehen, „war wir wirklich sind, und das befreit uns aus dem Gefängnis der Engstirnigkeit.“

Fazit: Ein gut geschriebenes, spannendes Buch, das uns viel über die Immunologie und noch mehr über den Menschen lehrt.

Daniel M. Davis
Heilen aus eigener Kraft
DVA, München 2019

Kai Strittmatter: Die Neuerfindung der Diktatur

Im Jahre 2002 habe ich während eines Semesters in der chinesischen Provinz Fukkien Englisch unterrichtet. Als ich in die Schweiz zurückkehrte, meinte mein langjähriger Coiffeur, mir fielen die Haare aus. Vor Ort in China war mir das nicht aufgefallen, dort hatte ich nur bemerkt, dass ich manchmal unter Schwindel litt, mich allgemein angeschlagen fühlte und häufig Angst empfand. Erst im Nachhinein begriff ich das alles als Ausprägungen eines beklemmenden, tief liegenden Unwohlseins, das auch dadurch befördert wurde, dass man in China ständig überwacht wird. Auf dem Campus, im Klassenzimmer, aber auch bei Ausflügen in die benachbarte Stadt.

Daran erinnerte ich mich unter anderem, als ich Kai Strittmatters Die Neuerfindung der Diktatur. Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert  las. Wie soll die westliche Welt den zunehmend autoritären Tendenzen der KP Chinas begegnen? „Man sollte die Menschen hinauswerfen in die grosse, ungemütliche Welt, man müsste die Weltenschau zur Pflicht machen für all die arglosen Europäer, alle sollten sie einmal ein Jahr ausserhalb ihrer Gemütlichkeitszone leben. Man könnte sie in die Türkei schicken, wo sich die Demokratie in rasender Geschwindigkeit zerlegt. Oder nach Russland, auch dort sind Zynismus und Lüge längst zur Staats- und Lebensräson geworden (…) Am besten aber schickte man sie nach China. In China nämlich stünde den Menschen dann auch noch der Mund offen angesichts des Ehrgeizes, des Tempos und des Zukunftsglaubens, angesichts des gnadenlosen Wettstreits aller mit allen und der durch nichts gezügelten Lust auf Reichtum und Macht. Ein Treiben ist das, das den Leuten den Atem nähme, das sie aber hoffentlich auch aufschreckte aus Trägheit und Ignoranz.“

Mir gefallen diese Gedanken auch deshalb so gut, weil ich generell der Auffassung bin, dass eine Konfrontation mit der Realität das Ernüchterndste, Heilsamste und Sinnvollste ist, das der Mensch in seinem Erdendasein tun kann – auch wenn es das so ziemlich Letzte ist, worauf er Lust hat.

Kai Strittmatters Die Neuerfindung der Diktatur ist weit mehr als der Untertitel Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert besagt – es ist ein erfreulich nüchterner Blick auf die (hauptsächlich politische) Welt, der den westlichen Gesellschaften zu Recht vorwirft, naiv zu sein. Nicht nur der Westen behauptet frei, demokratisch und rechtsstaatlich zu sein, China tut das auch. Und natürlich lügen beide, denn die westliche Demokratie des Geldes und die diktatorische Version Chinas haben beide mit echter Volksherrschaft recht wenig zu tun. Klar, es gibt Unterschiede, wesentliche, doch dass der Westen die eigenen Demokratien nicht realistisch sieht, ist keine gute Voraussetzung, China realistisch zu sehen.

Realistisch ist Strittmatters Sicht auf die Macht. „Es liegt im Wesen der Macht, dass sie, egal wie stark, ihrer selbst nie vollkommen sicher ist. Die Paranoia, die Angst vor der Schwächung und dem Verlust seiner Macht liegt in der Natur des Mächtigen. Deshalb sein Drang, die Masse immer wieder aufs Neue zu überwältigen. Dazu dient ihm die Lüge.“

Herrschaftsausübung läuft auch über die Sprache, George Orwell lässt grüssen. So wird etwa „harmonisch“ besonders oft gebraucht in China. Die Harmonie, die die Partei im Sinn hat, „ist die Harmonie zwischen Partei und Gehorsam. Harmonie ist, wenn das Volk Ruhe gibt.“

Internet-Zensur funktioniert nicht, glauben viele, vor allem im Westen, denn jede Mauer lässt sich durchbrechen. Nur eben: China zeigt gerade, dass sie funktioniert und demonstriert, wie die Lüge über die Wahrheit triumphiert.

Die kommunistische Partei verfügt über das Gewaltmonopol (und nicht etwa der Staat), obwohl im kapitalistischen China so ziemlich gar nichts kommunistisch ist. „Viele der Probleme Chinas kommen daher, dass der gelebte Kapitalismus als Sozialismus gepredigt wird“, schrieb 2013 der Intellektuelle Rong Jian, „den das Massaker von 1989 vom Marxismusforscher zum Kunstgaleristen hat werden lassen.“

Lügen, Einschüchterung, Verwirrung – die Unterscheidung von Wahrheit und Lüge soll abgeschafft werden. Strittmatter zitiert Hannah Arendt: „Wenn jeder dich immerzu anlügt, dann ist die Folge nicht, dass du die Lügen glaubst, sondern vielmehr, dass keiner mehr irgendetwas glaubt.“

In China herrscht ein totalitäres Regime, dass die Digitalisierung nutzt – je mehr die Menschen digital unterwegs sind, je mehr weiss das System über sie – , um noch totalitärer zu herrschen. Die chinesischen Kommunisten sind Meister darin, Angst zu verbreiten. Wer nicht spurt, wird abserviert und an den Pranger gestellt. Der bestens informierte Kai Strittmatter zeigt das in diesem Buch an zahlreichen Beispielen. Er macht zudem deutlich, dass die westliche Sicht auf China weitestgehend naiv ist.

Es geht auf der Welt nicht nur um Einfluss und Vorherrschaft, es geht den politisch Mächtigen um Unterwerfung. Und China hat nicht die geringsten Hemmungen (wie übrigens auch Amerika nicht, was bei der gegenwärtigen US-Regierung besonders offensichtlich ist), die eigenen Interessen durchzusetzen. Daimler zitiert in seiner Werbung den Dalai Lama, China heult auf; Lady Gaga unterhält sich mit dem Dalai Lama über Yoga, China ist beleidigt – Daimler wirft sich in den Staub und entschuldigt sich händeringend, Lady Gaga kann man seither in China nicht mehr hören.

Fazit: Mehr als notwendige Aufklärung – Pflichtlektüre!

Kai Strittmatter
Die Neuerfindung der Diktatur
Piper, München 2019

Earl of Chesterfield: Über die Kunst, ein Gentleman zu sein

Wie leben in Zeiten, in denen Authentizität generell geschätzt wird. Dass das nicht unproblematisch ist, zeigt sich an den Lügnern, die von den Wählern in wichtige politische Ämter gewählt werden, denn sie sind authentische Lügner. Positiv formuliert: sie sagen, was sie denken; sie kennen keine Skrupel; was ihnen fehlt ist Anstand, ihr Stil ist die Stillosigkeit.

In solchen Zeiten ist ein Buch wie Über die Kunst, ein Gentleman zu sein nötiger denn je, denn es lehrt Takt, Aufmerksamkeit, Umsicht und weist unter anderem darauf hin, dass Anstand im Französischen mit dem schönen Wort Bienséance ausgedrückt wird. Voltaire hielt die in diesem Band versammelten Briefe des Earl of Chesterfield an seinen Sohn für das beste Buch, das je über Erziehung geschrieben worden ist. Ich selber habe es nicht so sehr mit Superlativen und will mir aufgrund der wenigen Bücher, die ich über Erziehung gelesen habe, auch kein diesbezügliches Urteil erlauben, doch soviel kann ich mit Sicherheit sagen: Es lohnt, sich mit des Earl of Chesterfields Gedanken auseinanderzusetzen, weil sie auf intelligente und amüsante Art und Weise von Grundwerten handeln, also zum Selber- und Weiter-Denken anregen.

Das Ideal des 1694 in London geborenen Philip Dormer Stanhope, des 4. Earl of Chesterfield, war der kultivierte, gebildete, denkende Geist – eine Figur, von der man heute kaum in den Medien liest. Mit den sogenannten „Medienpersönlichkeiten“ von heute hat der Verfasser von Über die Kunst, ein Gentleman zu sein jedoch gemein, dass er süchtig nach Anerkennung ist: „Zum Glück besass ich ein starkes Verlangen zu gefallen.“

Dieses Gefallen-Wollen verlangt Anpassungsfähigkeit bis hin zur Selbstverleugnung. „Vor allem und bei jedem Anlass vermeide es, über Dich selbst zu sprechen, wenn es möglich ist.“ Zudem: „Meine niemals, Du müsstest die Leute mit Deinen persönlichen Anliegen oder privaten Befindlichkeiten unterhalten.“ Trocken kommentiert Eva Gesine Baur in ihrem schön geschriebenen und lehrreichen Nachwort: „Das Kreisen um die eigenen Befindlichkeiten mag heute als Rezept für Erfolgsromane dienen, für Gentlemen nicht.“

Über die Kunst, ein Gentleman zu sein beweise seine Qualitäten darin, so Frau Baur, „dass es Beweglichkeit verlangt. Nur wer es aufmerksam weiterdenkt, kann etwas damit anfangen und wird in Gesellschaft oft an Stanhope denken.“ In der Tat! Möglicherweise wird man dann auch zum Schluss kommen, dass nicht wenige der Ratschläge des Earl vor allem der Stabilisierung der etablierten Ordnung geschuldet sind und nicht der seelischen Gesundheit. So ist die Sucht, gefallen zu wollen, keine, der man nachgeben sollte.

Andererseits, ein simpler Anpassungs-Heini ist der Earl beileibe nicht. „Ein Mann mit Talent und Durchsetzungskraft hat bei Hofe nicht jedem zu schmeicheln, doch muss er überaus sorgsam darauf bedacht sein, niemanden persönlich zu beleidigen, denn es steht in der Macht eines jeden, der ihm nicht nützen kann, ihm zu schaden.“ Es geht dem Earl – er ist ein gewiefter Menschenkenner und weiss um die Eitelkeiten der Leute – also weniger um Tugend, als um den eigenen Vorteil.

Übrigens: „Bei Hofe“ meint heute Social Media, Szene Partys oder Politik, wie Eva Gesine Baur treffend ausführt. Sie schält auch heraus, dass es dem Earl wesentlich um Aufmerksamkeit zu tun ist. Für Näheres lese man dieses schöne Buch, das in einer leserfreundlichen Typografie gesetzt ist und ein ausgewogenes Satzbild aufweist (das sind Kennzeichen der Manesse Bändchen) und Frau Baurs aufschlussreiches Nachwort, in dem man unter anderem lesen kann: „Wer den Muskel der Aufmerksamkeit trainiert, der bleibt beweglich, dazu rät Stanhope dringend.“ Wahre Worte!

Earl of Chesterfield
Über die Kunst, ein Gentleman zu sein
Manesse, München 2019

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