Bob Dylan: Mixing up the Medicine

Mit Bob Dylan verbinde ich ganz vieles, und das meiste ist mir gar nicht bewusst. Was ich automatisch mit ihm assoziiere: Ein ungemein begabter Songwriter, der nicht singen kann oder genauer: über eine Stimme verfügt, die ich nicht mit einem guten Sänger in Verbindung bringe. Viele seiner Songs haben mich durch meine Jugend begleitet, My Back Pages, Mister Tambourine Man, The Times They Are A-Changin‘ kann ich auch heute noch auswendig.

Sein Leben nacherzählen könnte ich hingegen nicht, obwohl ich einige seiner Phasen am Rande mitgekriegt habe. Und dass er den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat, machte mir bewusst, dass ich mich nie wirklich mit seinen Texten auseinandergesetzt habe – und als ich dann einen halbherzigen Versuch machte, blieben mir die wenigsten verständlich.

Sich auf dieser Grundlage mit dem vorliegenden Werk zu beschäftigen, ist ungemein bereichernd, vor allem, weil sich anhand dieses Menschen eine Zeit erfahren lässt, die für viele von Aufbruchsgefühlen geprägt war. Nichts gab den damaligen Sehnsüchten besser Ausdruck als Folk und Rock ’n‘ Pop. Und kaum einer symbolisierte dieses Gefühl, dass es da noch etwas anderes gab, als was Schule und Berufsleben zu bieten hatten, eindrücklicher.

Mir geht es nicht so sehr um die Person Bob Dylan – ich halte Personen-Kult für ungesund, besonders für die Person, die gefeiert wird – , sondern darum, was er exemplarisch verkörpert: In ihm verkörpert sich das Empfinden eines grossen Teils seiner wie auch früherer und späterer Generationen, denn in ihm zeigte sich, was viele von uns ausmacht. Rebellion, seinen eigenen Weg gehen, die Verbindung zu etwas Grösserem als wir alleine sind.

Douglas Brinkley schreibt, Dylan sei ein aussergewöhnlich gebildeter Mann, der Dummköpfe nur schlecht ertrage. Was mir dieses schöne Zitat von ihm in Erinnerung ruft: „Als ‚Hound Dog‘ im Radio lief, war meine Reaktion nicht: ‚Wow, was für ein toller Song, wer den wohl geschrieben hat?‘ Mir war im Grunde gleichgültig, wer ihn geschrieben hat. Es war egal. Er war einfach … er war einfach da.“ Auch seine Antwort auf die Frage, ob er glaube, was einige behaupteten, dass Jim Morrison in den Anden lebe, machte mich schmunzeln: „Ich habe bisher nicht das Bedürfnis gehabt, mir dazu eine Meinung zu bilden …“.

Viele ganz unterschiedliches Essay finden sich in diesem voluminösen Band. Derjenige von Michael Ondaatje wird von drei ganz wunderbaren Zitaten eingeleitet, von den das von Brenda Hillmam das Phänomen Dylan schön charakterisiert: „Ist das nicht immer so? Irgendetwas Unkontrollierbares wird zum Helden …“.

Bob Dylan ist ein ungemein wandelbarer Mensch, eine Art work in progress, der wie viele andere auch, sich als junger Mann an sich selber herantastet. Den damals 19Jährigen beschreibt Greil Marcus so: „Zu hören ist jemand, der sich zu einer Haltung vortastet, aus der heraus Lieder nicht länger respektvoll verehrt, sondern als Weg begriffen werden, auf dem man Schritt für Schritt herausfindet, wonach man eigentlich sucht.“

Die Texte in diesem Band sind so vielfältig wie Dylan als Person. Da kommt der Sammler zu Wort, da erfährt man, dass viele Rohentwürfe zu Dylan-Songs sich auf Hotel-Briefpapier finden und freut sich an dem hellsichtigen Dylan-Satz: „If there’s an original thought out there, I could use it right now!“ Nichts könnte schöner illustrieren, dass sich in Bob Dylan manifestiert, was irgendwo dort draussen (und vermutlich in uns allen) schlummert.

Bob Dylan. Mixing up the Medicine ist ein ungemein faszinierendes Dokument mit ganz vielen Fotos, Briefen von Bill Clinton und Jimmy Carter, einer Auflistung von Ehrungen und Preisen, Notizbüchern, Konzertberichten und und und …. Es ist genau, was das Buch auch so ausweist: Das Bob Dylan-Archiv 1941 bis heute. Ein Sammelsurium der Extraklasse! 

Ein Buch zum Blättern und zum Verweilen, eine Einladung zu einer Zeitreise, die einen anregt, sich der Musik des Robert Allen Zimmerman aus Duluth, Minnesota hinzugeben.

Bob Dylan
Mixing up the Medicine
Herausgegeben und verfasst von Mark Davidson und Parker Fishel
Droemer, München 2023

Paul Auster: Baumgartner

Princeton, New Jersey. Professor Seymour T. Baumgartners Tag beginnt mit Missgeschicken: Der Siebzigjährige verbrennt sich die Hand, dann fällt er auf der Kellertreppe hin … Das ist alles so realistisch und ausgesprochen packend geschildert, inklusive der die Vorfälle begleitenden Gedankengänge und Gefühle, dass man glaubt, vor Ort mit dabei zu sein.

Baumgartner ist Witwer und beschäftigt sich mit Kierkegaard, wenn er nicht gerade an seine verstorbene Frau denkt oder ein Rotkehlchen beobachtet, das Würmer aus der Erde zerrt. Der Tod seiner Frau Anna mit 58 lässt ihn über Leid und Verlust meditieren und, wie er zur Trauerbegleiterin Marion sagt, erkennen: „Das Leben ist gefährlich, Marion, und jedem von uns kann jeden Augenblick etwas zustossen. Sie wissen das, ich weiss das, jeder weiss das – und wer es nicht weiss, tja, der hat nicht richtig hingesehen, und wer nicht richtig hinsieht, geht am Leben vorbei.“

Er liest in Texten seiner Frau. Ihr Tod hat ihn paralysiert, er kann ihn nicht wahrhaben, macht ihr in der Früh nach wie vor Kaffee, faltet immer wieder von neuem ihre Unterwäsche. Kann man sich eigentlich von jemandem lösen, die man als seine bessere Hälfte empfunden hat? Und falls ja, soll man?

Eines Nachts hört er ein Geräusch, das er nicht zuordnen kann, macht sich auf die Suche, und konstatiert erstaunt, dass das abgemeldete Telefon läutet, er nimmt ab, am anderen Ende ist Anna, die ihm erklärt, der Tod sei nicht, was man sich gemeinhin vorstelle. Auch scheine sie weiter zu existieren, solange sie in seinen Gedanken sei. Am nächsten Morgen ist ihm klar, dass das alles ein Traum gewesen war, doch einer, der in Baumgartner etwas veränderte.

Er entdeckt die Bewegung und damit seinen Körper neu. Und findet, mit siebzig Jahren sei die Zeit des Zauderns abgelaufen, „denn Zeit ist jetzt das Wesentliche, und wie soll er wissen, wie viel ihm noch bleibt.“ Nicht einfach Jahre, sondern produktive Jahre. Zu den Wünschen, die er sich für sein Ableben vorstellt, gehört auch ein dröhnender Fluch „in Richtung der machtgeilen Irren, die die Welt beherrschen“.

Rückblenden auf Anna und ihre gemeinsame Zeit, die ich als bemühte und wenig überzeugende Versuche begreife, dem Vergangenen Bedeutung und Sinn zu geben. Baumgartner trägt sich mit der Absicht, wieder zu heiraten, fürchtet jedoch, Judith könnte ihn seines Alters wegen abweisen. Denken Siebzigjährige wirklich ans Heiraten? Offenbar, doch wie sieht das die wesentlich jüngere Judith?

Baumgartners Gedanken gehen zurück zu seiner Kindheit, seiner Jugend, seiner Familie. Das ist differenziert und ansprechend geschildert, doch ich frage mich – ich bin schon weit über die Hälfte – , was wohl jemanden bewogen hat, einen Klappentext zu verfassen, in dem zu lesen steht: „Eine Mut machende und optimistische Betrachtung der späten Lebensjahre, die sich der Endlichkeit alles Irdischen stoisch bewusst ist.“ Ich jedenfalls habe das in diesem Band vergeblich gesucht.

Stattdessen: Eine Erinnerung an eine Reise in die Ukraine, wo die Familie von Baumgartners Mutter herstammt, und wo er unter anderem von einem Dichter, der Buddhist ist, erfährt, dass im Sommer 1944, nach dem Einmarsch der Sowjets in Stanislaus, Dutzende Wölfe über den menschenleeren Platz streunten, auf der Suche nach Nahrung. „Mangels jeglicher Fakten, die die Geschichte als wahr oder falsch erweisen könnten, glaube ich dem Dichter. Und ob es sie damals dort gab oder nicht, ich glaube an die Wölfe.“

Dann meldet sich die 27jährige Beatrix Coen („Zur Hälfte Jüdin, ein Viertel weisse Protestantin und ein Viertel schwarz.“) bei Baumgartner – sie möchte eine Dissertation über Anna schreiben. Er sagt zu, freut sich auf sie, hat jedoch Bedenken wegen ihrer langen Anfahrt aus Michigan … und baut dann selber einen Unfall …

Fazit: Eine wehmütige Meditation über das Vergangene und über eine von Sehnsucht erfüllte Gegenwart.

Paul Auster
Baumgartner
Roman
Rowohlt, Hamburg 2023

Hjorth & Rosenfeldt: Die Schuld, die man trägt

Michael Hjorth ist Produzent, Regisseur und Drehbuchautor, Hans Rosenfeldt Drehbuchautor, ihr Protagonist der Kriminalpsychologe Sebastian Bergman, spezialisiert auf Serienmörder. „Niemand war zum Mörder geboren“, gehört zu seinen Grundüberzeugungen; er glaubt „dass die Erfahrungen und Handlungen eines Menschen, seine Beziehungen und Erlebnisse, ihn mehr formten als seine Gene.“ Klassischer Psychologen-Glaube also.

Bei der Reichsmordkommission wird ein Mitarbeiter als Serienmörder entlarvt. Da der Mann der Sondereinheit unter der Leitung von Vanja Lithner, Sebastian Bergmans Tochter, angehörte, soll die Einheit aufgelöst werden, es sei denn, man findet einen Sündenbock, was Vanja in eine ausgesprochen ungemütliche Lage bringt, denn ihre Loyalität steht auf dem Spiel.

Wie geht die Frau des Serienmörders, eine Mutter von jungen Zwillingen, mit der Tatsache um, dass die Zwillinge sie jeden Tag an ihren Mann erinnern? Die Auseinandersetzung mit solchen Fragen, charakterisiert diesen Kriminalroman. Und natürlich die Person von Sebastian Bergman, der ein ziemlicher Kotzbrocken ist und das auch weiss, im Gegensatz zu vielen anderen. Überdies ist er smart, manchmal. Und selbstkritisch. „ … er drängte den Gedanken zurück, er klang ja wie ein trotziges Kind. Schlimmer noch, er wirkte beleidigt. Die neue Volkskrankheit. Sebastian Bergman war aber nicht beleidigt, das war unter seiner Würde.“

Dann stirbt der Australier Tim Cunningham, der vor seinem Tod mit Sebastian Bergman zu tun und seine Tochter Cathy gedrängt hatte, sich mit diesem zu treffen. Sie weiss nicht warum, die einzige Verbindung zwischen Bergman und ihrem Vater geht auf den Tsunami 2004 in Thailand zurück. Doch als Cathy dann Bergman schliesslich trifft, stellt sich heraus, dass ihr verstorbener Vater ihm allerlei Lügenmärchen aufgetischt hatte. Doch warum nur?

Sebastian Bergman ist nicht der nette Psychologe, der vorgibt, für alles Verständnis zu haben. „Ein alter Chauvinist, grenzüberschreitend und narzisstisch, brillant aber unmöglich. Eigenschaften, die es ihm nicht leicht machten, in einer modernen, sich verändernden Gesellschaft seinen Platz zu finden.“ Dazu kommt, dass er die meisten seiner Patienten Langweiler findet. „Einer öder als der andere. Ein steter, nie versiegender Strom von sinnlosem Gerede.“

Dass Sebastian Bergman gefragt ist, liegt auch wesentlich daran, dass er sehr kompetitiv unterwegs ist, er gerne herausgefordert wird. Als eine Tote auf einer Schweinefarm aufgefunden wird, steht an der Stallwand geschrieben: „Lös das hier, Sebastian Bergman!“

Dann stirbt ein Mann, der ebenfalls eine Verbindung zu Sebastian hatte – ein Serienmörder scheint am Werk zu sein, der es auf alte Fälle abgesehen hat, an denen der Kriminalpsychologe Bergman auf die eine oder andere Art beteiligt gewesen war.

Die Schuld, die man trägt spielt auf ganz unterschiedlichen Handlungsebenen. Neben dem Polizisten, der sich offenbar an Sebastian Bergman rächen will, gibt es auch eine aus dem Gefängnis entlassene frühere Geliebte, die hinter ihm her ist. Beide sind besessen von ihm.

Die Schuld, die man trägt handelt nicht zuletzt von Obsessionen, die jedoch nicht erklärt, sondern beschrieben werden. Auch Sebastian leidet unter Obsessionen – er ist sexsüchtig. Und wie immer bei Süchten: Gibt man ihnen nach, zahlt man dafür mit Schuldgefühlen am Morgen danach. Auch Sebastian, dem sein ganzes psychologisches Wissen dabei wenig hilft.

Etwa in der Mitte der Geschichte tritt auch Sebastians Herausforderer in Erscheinung, was dem Ganzen – und das ist erstaunlich – nicht die Spannung nimmt. Irritierend ist hingegen, dass die berufliche Kompetenz des Kriminalpsychologen offenbar ständig nach dem Superlativ verlangt. „Jetzt musste er das beste Täterprofil aller Zeiten erstellen.“

Die Schuld, die man trägt, eine Geschichte von Rache, Täuschung und Verrat, spielt in Schweden, Thailand und Australien – packend, vielschichtig, reich an überraschenden Wendungen.

Hjorth & Rosenfeldt
Die Schuld, die man trägt
Ein Fall für Sebastian Bergman
Wunderlich, Hamburg 2023

Candice Fox: Stunde um Stunde

Santa Monica Beach, Los Angeles. Ein grandioser, ungemein packender Einstieg: Der Undercover-Cop Charlie Hoskins wird von einer jungen Frau vor dem Ertrinken gerettet, die junge Polizistin Lynette Lamb ist für seinen Fast-Tod verantwortlich. Hoskins sei auf dem Weg zur Besserung, wird die Polizeichefin Saskia Ferboden informiert. „Er sei ausserdem schon wieder in der Lage ‚Festnahrung‘ zu sich zu nehmen. Das klang gut. Saskia stammte aus einer Hundezüchterfamilie, Schäferhunde, von denen es einige sogar in die Ränge der LAPD-Hundestaffel geschafft hatten. Weil sie sich schon von klein auf um die Welpen gekümmert hatte, wusste sie, dass diejenige, die frassen, auch durchkommen würden. Hoss würde es schaffen.“ Wunderbar! Und erinnert mich an eine Debatte in den 1960er Jahren im bayrischen Landtag, als ein Landrat sich für die Prügelstrafe an Schulen aussprach, weil sich diese „bis hinauf zu den Polizeihunden“ bewährt habe.

Die Eltern eines jungen Mädchens, das vor zwei Jahren auf mysteriöse Art verschwunden ist, haben genug von der Untätigkeit der Polizei, nehmen Geiseln im forensischen Labor der Strafverfolgungsbehörden und stellen den Behörden ein Ultimatum: Sollte ihre Tochter nicht umgehend gefunden werden, würden sie Stunde um Stunde Beweise für andere ungeklärte Fälle vernichten.

Im Gegensatz zu den Eltern findet die Polizei gar nicht, sie sei untätig gewesen. Nur eben: Die Polizisten haben das gemacht, was das Einfachste war und die Kleine als ertrunken gemeldet. Den Aufwand, den eine mögliche Entführung nach sich gezogen hätte, scheute sie. Was Candice Fox hier eindringlich beschreibt, ist nicht nur eine Kritik an der überarbeiteten und unterbezahlten Polizei, sondern weist auf die generell zu beobachtende Eigenart des Menschen hin, potentiellen Schwierigkeiten tunlichst aus dem Weg zu gehen.

Geiseln, das wissen wir aus einschlägigen Filmen, verhalten sich in der Regel ruhig, passen sich an – einer oder eine entpuppt sich als Held oder Heldin und sucht einen Ausweg. Dass sich Geiseln jedoch mit den Geiselnehmern anlegen bzw. sie verbal herausfordern, ist für mich eine Premiere, eine sehr willkommene.

Wie Candice Fox, die mir seit ihrem Dark in bester Erinnerung ist, Hoskins und Lamb, die unbedingt wieder von der Polizei aufgenommen werden und ihren Lebenstraum leben will, in der Folge zusammenbringt, ist überaus gekonnt – es sind nachvollziehbare Gründe, weshalb Lamb Polizistin sein will. Zudem: Was für ein glänzender Einfall, ein Labor mit biologischen Proben und anderem Spurenmaterial zum Zentrum des Geschehens zu machen, denn ohne Proben kann nicht nur nicht geforscht werden, sondern der Justizapparat, der von Beweismitteln lebt, bricht zusammen.

Hoskins und Lamb machen sich mit Surge, einem Ex-Polizisten, auf die Suche nach dem verschwundenen Kind, indem sie Pädophilen nachforschen. Stunde um Stunde erzählt aber auch noch eine ganz andere Geschichte – wer sich an die Regeln hält, hält das System aufrecht, wer zu kreativ dafür ist, hat möglicherweise bessere Chancen einen schwierigen Fall zu lösen. Wobei: Auch die Geiselnehmer halten sich nicht an die Regeln – lässt man sie davonkommen, finden sie schnell Nachahmer.

Sehr schön geschildert wird auch das Verhältnis von Hoskins und Lamb, bei dem beide jeweils viel über den anderen erfahren. Nicht nur Hoskins ist ein taffer Typ, Lamb ist es genauso. Und das meint: motiviert, clever, geistesgegenwärtig, instinktsicher, fähig, aus Fehlern zu lernen. Übrigens: Wieso stellt sich jemand eigentlich als Undercover-Cop zur Verfügung? Lesen Sie Stunde um Stunde

Was Stunde um Stunde ganz besonders auszeichnet, sind die parallel laufenden Handlungen. Während Hoskins und Lamb die verschwundene 5Jährige ausfindig zu machen versuchen, wird Hoskins von der Motorradgang, von der er als Undercovet-Cop enttarnt wurde, verfolgt. Gleichzeitig versucht Mina, Hoskins Retterin, herauszufinden, wer Hoskins ist, während dieser herauszufinden versucht, wer Mina ist. Währenddessen sinnen die Geiseln über Möglichkeiten nach, sich zu befreien. Und ein Sonderkommando der Polizei ist vor Ort.

Dass die verschiedenen Handlungsstränge sich nicht in die Quere kommen, sondern ganz im Gegenteil. die Spannung aufrechterhalten, ist eine Meisterleistung.

Candice Fox versteht es ausgezeichnet, die Handlungen auf überraschende Übergänge zusteuern zu lassen. Darüber hinaus liefert sie, wie das gute Thriller-Schreiberinnen eben so tun, ein Panorama (der Bürgermeister mischt sich ein, Polizisten rivalisieren miteinander etc.) der heutigen Gesellschaft, in der derart unterschiedliche Vorstellungen aufeinander treffen, dass man sich so recht eigentlich nur wundern kann, dass überhaupt etwas funktioniert.

Candice Fox
Stunde um Stunde
Thriller
Suhrkamp, Berlin 2023

Kate Summerscale: Das Buch der Phobien & Manien

„Wir werden alle getrieben von unseren Ängsten und Sehnsüchten, und nicht selten sind wir sogar ihre Sklaven.“ Mit diesem Satz beginnt Kate Summerscale Das Buch der Phobien & Manien. Eine Geschichte der Welt in 99 Obsessionen. Es war einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, der im Jahre 1786 den Anstoss gab, derartigen Fixierungen Namen zu geben. Er verstand „Phobie“ und „Manie“ als psychologische Probleme. Heutzutage muss eine Furcht, um als Phobie diagnostiziert zu werden, „exzessiv und unangemessen sein und bereits sechs Monate oder länger dauern.“ 

Die Meinungen über die Gründe für diese Zustände gehen weit auseinander. Kate Summerscales Herangehensweise ist nicht interpretativ, sondern beschreibend. „Eine Phobie oder eine Manie wirkt wie ein Zauber. Sie versieht einen Gegenstand oder eine Handlung mit einer geheimnisvollen Bedeutung und gibt ihnen die Macht, uns in Besitz zu nehmen und zu verwandeln. Diese Zustände können durchaus bedrückend sein, doch sie bezaubern die Welt um uns herum auch und machen sie so schaurig und lebendig wie ein Märchenland. Die haben uns buchstäblich fest im Griff, wie mit Zauberhand, und offenbaren damit unsere eigene Wunderlichkeit.“ Man sollte sich für diese Worte Zeit nehmen, auf dass sich einem erschliessen möge, dass diese gemeinhin negativ-konnotierten Begriffe auch ganz anders gesehen werden können.

99 Obsessionen? Ganz schön viel, ich bin ziemlich erstaunt. Sicher, von einigen hat man gehört, der Nymphomanie zu Beispiel. Als Mittel dagegen, empfahl 1856 ein Arzt seiner Patientin, „eine Zeitlang auf Sex zu verzichten, Weinbrand und andere Genussmittel zu meiden, das Schreiben zu unterlassen (sie arbeitete an einem Roman) und ihre Vagina mit einer Boraxlösung auszutupfen. Sofern sie nicht ihre Fantasien zügele, warnte er, lande sie womöglich in einem Irrenhaus.“

Die Furcht vor Schmutz war mir hingegen nicht bekannt. Genauso wenig die Dromomanie, das zwanghafte Weglaufen. Auch  die Nomophobie, wie die Handyabhängigkeit auch genannt wird, habe ich bisher nicht als Obsession begriffen, obwohl sie es zweifellos ist. „Allerdings hat sich unsere Abhängigkeit von Telefonen inzwischen so sehr verstärkt, dass sich nur schwer ermessen lässt, an welchem Punkt sie überhaupt in eine unnatürliche Obsession übergeht.“

Bei nicht wenigen Manien war mir das Phänomen bekannt, der Ausdruck dafür jedoch nicht. so bezeichnet Arithmomanie eine pathologische Lust am Zählen. Die illustrativen Beispiele, die Kate Summerscale aufführt machten mich laut herauslachen. Etwa: “ … interpretierte Sigmund Freud in Wien das obsessive Zählen von Dielen und Stufen bei einer jungen Frau als den Versuch, sich von ihren erotischen Fantasien abzulenken.“ Das klingt eher nach einer Selbstauskunft als nach einer Analyse. Oder: „Der serbischstämmige Ingenieur Nikola Tesla war besessen von der Zahl drei. Der Erfinder einer frühen Form des Wechselstrommotors lief dreimal um ein Gebäude, bevor er es betrat, und achtete darauf, dass die Anzahl seiner Schritte stets durch drei teilbar war, bevor er stehenblieb.“

Apropos Zahlen: „Eine irrationale Angst vor der Zahl vier (tessares auf Altgriechisch) kommt in ostasiatischen Ländern häufig vor, da in mehreren Sprachen (zum Beispiel Mandarin, Kantonesisch, Koreanisch und Japanisch) das Wort für ‚vier‘ ganz ähnlich klingt wie das Wort für ‚Tod'“. Obwohl die Tetraphobie für viele nur gerade eine milde Form des Aberglaubens ist, belegte eine Studie über Todesfälle in den USA, dass bei Amerikanern asiatischer Herkunft, die tödlichen Herzanfälle am vierten Tag des Monats signifikant höher lagen.

Sehr schön zeigt Das Buch der Phobien & Manien, dass unsere Einschätzung von „Aus-dem-üblichen-Rahmen-Fallendem“ in hohem Masse den Zeitgeist widerspiegelt, Dabei erfährt man auch viel Skurriles. So gab es in den 1890er Jahren eine regelrechte Lauf-Epidemie, also Menschen, die mit dem Laufen nicht mehr aufhören konnten. Und man erfährt von den Collyer-Brüdern, zwei reichen New Yorkern, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts 170 Tonnen an Gegenständen horteten. Dieses schön gestaltete Werk ist eine wahre Fundgrube an Eigenartigem und Faszinierendem.

Erhellend, amüsant und lehrreich.

Kate Summerscale
Das Buch der Phobien & Manien
Eine Geschichte der Welt in 99 Obsessionen
Klett-Cotta, Stuttgart 2023

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