Was für ein genialer Titel, denkt es so in mir. Ich nehme (fälschlicherweise) an, dass er sich auf unsere Wettbewerbsgesellschaft bezieht, die angeblich natürlich ist und dem Wesen des Menschen Rechnung trägt. Nicht jedem Menschen, das wird einem bereits auf den ersten Seiten klar, als die in Nepal geborene und bis kurz vor ihrem vierten Geburtstag dort lebende Sabine Kuegler einen deutschen Kindergarten erlebt. „Auf mich wirkten die Kinder sehr aggressiv, das war am schlimmsten für mich. Ich empfand sie als laut und aufdringlich, sie stritten sich um Spielzeug oder darum, wer während der Märchenstunde neben wem sitzen durfte. Einmal verletzte ein Junge einen anderen schwer mit einer Schere am Kopf. Ungläubig verfolgte ich die chaotische Szene, die sich vor meinen Augen abspielte. Mich hat der Vorfall nachhaltig beeindruckt, in Nepal hatte ich so etwas noch nie erlebt.“
Angesichts der heutzutage allgemein akzeptierten Sichtweise, dass der Grundstein für unser Verhalten in unserer Kindheit zu suchen sei, werfen die Kindergarten-Erfahrungen von Sabine Kuegler ein nicht gerade positives Licht auf unsere sogenannt zivilisierte Gesellschaft. Dass die Fayu auf Papua Neuguinea, zu denen es ihre Eltern, beide Sprachwissenschaftler und Missionare, schon bald hinzog, besonders friedliebend waren, lässt sich allerdings auch nicht sagen. „Kinder wurden vor den Augen ihrer Eltern abgeschlachtet, Eltern vor ihren Kindern. Hass und Angst beherrschten jeden ihrer wachen Momente.“
Durch die Intervention ihres Vaters kommen die Kriege der miteinander verfeindeten Stämme zum Erliegen. „Sie begannen neue Wege zu finden, um Konflikte zu lösen und erliessen neue Gesetze.“ Wie die Fayu quasi über Nacht zu einem friedliebenden Stamm wurden, hat sich mir nicht erschlossen. Sabine Kuegler erklärt es sich mit der Fähigkeit zum Vergeben und dem Willen zur Veränderung, was einleuchtet – doch woher kamen die so plötzlich?
Ausgesprochen lustig liest sich „die erste bewusste Begegnung (der Autorin) mit dem Konzept von Kulturen, die sehr unterschiedlich sein können“, als sie entdeckte, dass den Fayu keine andere Kultur als ihre eigene bekannt war, weshalb sie denn auch davon ausgingen, dass das, was ihnen bekannt war, auch allen anderen bekannt war. Und so kam es, dass ihre Familie in einem Fluss schwimmen ging, die Fayu hingegen alle nicht. Als ihr Vater sie aufforderte, doch auch ins Wasser zu kommen, erhielt er zur Antwort: „Klausu, wir schwimmen nicht in diesem Fluss.“ Mein Vater fragte mit einem besorgten Gesichtsausdruck: „Warum nicht? Ist das ein heiliger Fluss für die Fayu?“ „Nein“, antwortete Nakire mit ruhiger Stimme, „das ist der Fluss, in dem wir die Krokodile jagen, die wir euch bringen.“ Klingt nach einem klassischen Ethnologen-Witz. Darauf also geht der Titel des Buches zurück.
Ganz besonders angesprochen haben mich die Ausführungen zur Wahrnehmung. Als ein Schwarm von Moskitos um sie herumflog, wurde sie aufgefordert, sich nicht zu bewegen, sich auf das Summen konzentrieren und versuchen, Teil des Geräusches zu werden. Auch der Geruchs- und der Tastsinn werden trainiert. Die daraus resultierende geschärfte Wahrnehmung erlaubte ihr nun auch die Gefühle der Menschen wahrzunehmen. „Ich erkannte, dass Emotionen und Gedanken unseren stofflichen Körper in einer Weise verändern, die die meisten im Westen nicht erkennen können.“
Mit 18 kommt sie auf ein Internat am Genfersee. Sie reist über den Hamburger Bahnhof. Wie sie ihren ersten Kulturschock schildert, ist dramatisch. „Die Menschen hier waren voller Schmerz, Bitterkeit, Depression, Stress, Leere und Wut. Niemand lächelte. Ungefiltert spürte ich all ihre Emotionen, ihre Hoffnungslosigkeit und versuchte, mir einen Reim darauf zu machen.“
Ich schwimme nicht mehr da, wo die Krokodile sind ist ein gleichzeitig sehr persönliches und und sehr unpersönliches Buch. Man erfährt einerseits viel über das Innenleben und die seelischen Konflikte der Autorin und liest dann: „Und dann erfuhr ich, dass ich schwanger war.“ Von einer Beziehung erfährt man nichts, auch vom Vater der drei 8nachfolgenden Kinder nicht, nur gerade, dass beide Ehen nach jeweils wenigen Jahren scheiterten. Ich fand das etwas irritierend, auch wenn ich keineswegs der Meinung bin, Sabine Kuegler hätte ihr Liebesleben ausbreiten müssen.
Irritierend fand ich übrigens auch, wie sie den Kannibalismus abhandelt beziehungsweise rationalisiert. Sie lehnt ihn ab, kann sich auch nicht vorstellen, einen anderen Menschen zu essen, begrüsst, dass er im südpazifischen Raum inzwischen offiziell verboten ist, und schreibt dann: „Es hatte mit Spiritualität und den Seelen der Toten zu tun.“ Als ob das etwas erklären würde! Und fügt hinzu: „ich verstehe nun auch das Konzept dahinter.“ Ich habe so meine Zweifel, ob sie das wirklich tut, denn understanding is a feeling.
Dann wird sie krank. Es begann mit Grippesymptomen. „Jeder Arzt. Mit dem ich sprach, der mich eingehend untersuchte und zahlreiche Tests machte, hatte eine andere Diagnose.“ Ihr ging es immer schlechter. Zudem wusste sie auch nicht, ob ihre Krankheit überhaupt von einer Ansteckung ausgelöst worden war. „Als ich nach der niederschmetternden Nachricht meines Arztes im Bett lag …“ Welche Nachricht? Ich jedenfalls habe keine gefunden. In der Folge bringt Sabine Kuegler ihre Kinder zu ihren Vätern und kehrt zurück in den Dschungel der Insel Neuguinea, wo sie alles ausprobiert, was man ihr gibt, doch die Krankheit schreitet voran, bis dann … doch ich will hier nicht das Buch nacherzählen …
Schopenhauers Auffassung, dass der Mensch ein unterentwickeltes Tier sei, ging mir bei der Lektüre immer mal wieder durch den Kopf, denn auf Sabine Kuegler mit ihren entwickelten Sinnen und ihrer ganz anderen, sehr viel feineren Sensibilität als den meisten Westlern eigen ist, trifft das eindeutig nicht zu. Dass sie sich jedoch emotional auch bei banalen Vorgängen wie bei einer Kaffeebestellung, bei der sie mit einer gestressten und unfreundlichen Bedienung zu tun hat, derart erschüttern lässt, dass ihr gleich die Tränen in die Augen steigen, scheint auch eine möglicherweise in ihrer Persönlichkeit angelegte Dünnhäutigkeit nahezulegen. Wie offen sie sich über ihren inneren Monolog anlässlich dieses Vorfalls äussert, ist tief beeindruckend und höchst berührend.
Fazit: Eine überaus aufschlussreiche und lehrreiche Sicht auf kulturelle Unterschiede, die allerdings die kulturelle Prägung derart in den Vordergrund rückt, dass, jedenfalls für meinen Geschmack, die genetischen Prägungen völlig untergehen.
Sabine Kuegler
Ich schwimme nicht mehr da, wo die Krokodile sind
Westend Verlag, Neu-Isenburg 2023




