Wer könnte nicht für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt sein, war einer meiner ersten Gedanken, als ich dieses umfangreiche Werk zur Hand nahm. Der Ökonom Friedrich Hajek bemerkte dazu 1960: „Wenn alte Wahrheiten ihren Einfluss auf das Denken der Menschen behalten sollen, müssen sie von Zeit zu Zeit in der Sprache und den Begriffen der nachfolgenden Generationen neu formuliert werden.“ Und genau dies tut Steven Pinker mit diesem Buch, das er als seinen Versuch bezeichnet, „die Ideale der Aufklärung in der Sprache und gemäss den Konzepten des 21. Jahrhunderts neu zu formulieren.“
Sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, empfahl bekanntlich Kant, der auch wusste, dass Faulheit und Feigheit charakteristischer für den Menschen sind. Das ist nach wie vor so. „Die Menschen von heute stützen sich auf kognitive Fähigkeiten, mit denen man in traditionellen Gesellschaften gut zurechtkam, die aber nun mottenzerfressen sind.“
Es ist „die Überzeugung der Aufklärung, dass wir die menschliche Existenz verbessern können, wenn wir die Welt besser verstehen.“ Dass diese Überzeugung, wie Pinker ausführt, zu vielfältigem Widerstand führt, nicht zuletzt bei liberalen Intellektuellen, hat mich überrascht. Vor allem natürlich, weil ich mich noch nie damit auseinandergesetzt habe. Aufklärung jetzt tut, was der Titel verspricht: es klärt auf.
Es liest sich ausgesprochen spannend, was Steven Pinker alles ausbreitet. Obwohl detailliert, hantiert er auch immer mal wieder mit der grossen Kelle. So etwa, wenn er unter Bezugnahme auf Arthur Hermans Propheten des Niedergangs Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer, neben anderen, mir weniger vertrauten, als Schwarzmaler charakterisiert. Ich für meinen Teil sehe die beiden überhaupt nicht so, bringe sie vor allem mit überaus Hilfreichem in Verbindung.
Pinker orientiert sich an Daten, an Fakten, an dem, was gezählt und gemessen werden kann. „Quantitativ zu denken ist ungeachtet seines streberhaften Anstrichs in Wahrheit moralisch aufgeklärt, weil es jedem Menschenleben den gleichen Wert beimisst, statt diejenigen Personen zu bevorzugen, die uns am nächsten stehen oder am fotogensten sind.“
Sich an Fakten zu orientieren, ist nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, so man denn an einem nüchternen Blick auf die Welt interessiert ist. Ich habe sehr gelacht, als Pinker unsere Voreingenommenheiten Revue passieren liess, nicht zuletzt, weil es auch meine eigenen sind, denn auch ich gucke wenig hoffnungsfroh in die Zukunft und habe bei Optimisten immer das Gefühl, sie wollten einem etwas verkaufen – was übrigens auch meistens der Fall ist.
Doch woher kommt diese pessimistische, ja negative Sicht auf die Welt eigentlich her? „Menschen schätzen die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses oder die Häufigkeit eines Phänomens danach ein, wie leicht sie sich Beispiele dafür ins Gedächtnis rufen können.“ Man nennt das Verfügbarkeitsheuristik. Und dass wir meist Negatives in Erinnerung behalten (das dann verfügbar bleibt), dafür sorgen unter anderem die Medien, „Abgestürzte Flugzeuge landen immer in den Schlagzeilen, aber Autounfälle, bei denen viel mehr Menschen sterben, fast nie. Kaum verwunderlich, dass viele Leute Flugangst haben, jedoch praktisch niemand Fahrangst. Tornados (bei denen pro Jahr etwa 50 US-Amerikaner umkommen) sind laut allgemeiner Einschätzung eine häufigere Todesursache als Asthma (das in den USA im Jahr über 4000 Todesopfer fordert), vermutlich weil sich Tornados im Fernseher weitaus besser machen.“
Was lernt man daraus? Unter anderem dies. „Wer ständig die Nachrichten verfolgt, ist keineswegs besser informiert, sondern kann das Augenmass verlieren.“ Solcher Sätze wegen lese ich Bücher. Aber auch wegen Informationen, die mir vor Augen führen, wie einseitig wir uns informieren. So handeln etwa mit Preisen ausgezeichnete Bücher selten, wenn überhaupt, von positiven Fortschritten – bevorzugt werden Geschichten über Völkermord, Rassismus etc. Woran liegt das? Weil wir Dauernörgler seien, meint Pinker zweifellos zu Recht. Dass er jedoch mit den Visionären aus Silicon Valley, die ewig leben wollen sympathisiert, lässt mich an Halluzinationen denken. Abgesehen davon: Wer Altersbeschwerden kennt, wird definitiv nicht ewig leben wollen.
Aufklärung jetzt ist ein imponierend umfassendes Werk. Die Bandbreite der abgehandelten Themen reicht vom Fortschritt zur Gesundheit, vom Terrorismus zur Lebensqualität, vom Wohlstand zum Glück. Ein immenses Wissen wird hier höchst ansprechend ausgebreitet, wobei der Autor auch hervorhebt: „Das Lebenselixier der Wissenschaft ist der Zyklus aus Mutmassung und Widerlegung – eine Hypothese aufzustellen und dann zu schauen, ob sie Versuchen trotzt, sie zu falsifizieren.“
Geprägt ist Aufklärung jetzt von des Autors optimistischer Grundhaltung. Dabei ist er keineswegs ein Verklärer des Positiven, findet die Probleme, denen die Menschheit gegenübersteht, alles andere als belanglos, doch ihn interessieren die konstruktiven Ansätze, die gegenwärtigen und anstehenden Probleme anzugehen, weit mehr als düstere Prophezeiungen. So hält er etwa in Sachen Umweltprobleme fest: „Die Schlüsselidee ist, dass Umweltprobleme, genau wie andere Probleme, lösbar sind, wenn man über das erforderliche Wissen verfügt.“
Steven Pinker liefert Informationen, die mir grösstenteils unbekannt sind, die zu wissen jedoch nötig ist, bevor man sich eine Meinung bildet. Nehmen wir Umweltkatastrophen. „Die schlimmsten Unfälle wie die Havarie der Torrey Canyon 1967 oder der Exxon Valdez 1989 haben sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben, und nur wenige Menschen sind sich der Tatsache bewusst, dass Öltransporte auf See sehr viel sicherer geworden sind (…) die jährliche Anzahl an Ölkatastrophen von über 100 im Jahre 1973 auf nur noch 5 im Jahr 2016 gesunken ist (und die Anzahl grosser Ölkatastrophen fiel von 32 im Jahr 10978 auf 1 im Jahr 2016).“
Um die Dinge richtig zu sehen bzw. wirklich beurteilen zu können, müssen sie im Zusammenhang gesehen werden. Steven Pinker hat es sich mit diesem Buch zur Aufgabe gemacht, solche Zusammenhänge aufzuzeigen – und es ist ihm sehr überzeugend gelungen. Ganz besonders aufschlussreich ist seine Auseinandersetzung mit den Intellektuellen, die in ihren Ideologien gefangen sind.
Dass wir durch und durch rationale Wesen seien, behauptet die Aufklärung beileibe nicht. Doch dass wir rational handeln können, so wir denn wollen. Wir können uns entscheiden, Denkfehler und Dogmen, die uns in die Irre leiten, zu korrigieren. Aufklärung jetzt gehört mit zu den spannendsten, informativsten und nützlichsten Aufklärungsbüchern, die ich kenne.
Und noch dies: Die Übersetzung von Martina Wiese ist eine Meisterleistung.
Fazit: Ein begabter Denker singt das Loblied des Denkens, und lehrt uns dabei Wesentliches.
Steven Pinker
Aufklärung jetzt
Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt / Eine Verteidigung
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2023




