Steven Pinker: Aufklärung jetzt

Wer könnte nicht für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt sein, war einer meiner ersten Gedanken, als ich dieses umfangreiche Werk zur Hand nahm. Der Ökonom Friedrich Hajek bemerkte dazu 1960: „Wenn alte Wahrheiten ihren Einfluss auf das Denken der Menschen behalten sollen, müssen sie von Zeit zu Zeit in der Sprache und den Begriffen der nachfolgenden Generationen neu formuliert werden.“ Und genau dies tut Steven Pinker mit diesem Buch, das er als seinen Versuch bezeichnet, „die Ideale der Aufklärung in der Sprache und gemäss den Konzepten des 21. Jahrhunderts neu zu formulieren.“

Sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, empfahl bekanntlich Kant, der auch wusste, dass Faulheit und Feigheit charakteristischer für den Menschen sind. Das ist nach wie vor so. „Die Menschen von heute stützen sich auf kognitive Fähigkeiten, mit denen man in traditionellen Gesellschaften gut zurechtkam, die aber nun mottenzerfressen sind.“

Es ist „die Überzeugung der Aufklärung, dass wir die menschliche Existenz verbessern können, wenn wir die Welt besser verstehen.“ Dass diese Überzeugung, wie Pinker ausführt, zu vielfältigem Widerstand führt, nicht zuletzt bei liberalen Intellektuellen, hat mich überrascht. Vor allem natürlich, weil ich mich noch nie damit auseinandergesetzt habe. Aufklärung jetzt tut, was der Titel verspricht: es klärt auf.

Es liest sich ausgesprochen spannend, was Steven Pinker alles ausbreitet. Obwohl detailliert, hantiert er auch immer mal wieder mit der grossen Kelle. So etwa, wenn er unter Bezugnahme auf Arthur Hermans Propheten des Niedergangs Friedrich Nietzsche und Arthur Schopenhauer, neben anderen, mir weniger vertrauten, als Schwarzmaler charakterisiert. Ich für meinen Teil sehe die beiden überhaupt nicht so, bringe sie vor allem mit überaus Hilfreichem in Verbindung.

Pinker orientiert sich an Daten, an Fakten, an dem, was gezählt und gemessen werden kann. „Quantitativ zu denken ist ungeachtet seines streberhaften Anstrichs in Wahrheit moralisch aufgeklärt, weil es jedem Menschenleben den gleichen Wert beimisst, statt diejenigen Personen zu bevorzugen, die uns am nächsten stehen oder am fotogensten sind.“

Sich an Fakten zu orientieren, ist nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, so man denn an einem nüchternen Blick auf die Welt interessiert ist. Ich habe sehr gelacht, als Pinker unsere Voreingenommenheiten Revue passieren liess, nicht zuletzt, weil es auch meine eigenen sind, denn auch ich gucke wenig hoffnungsfroh in die Zukunft und habe bei Optimisten immer das Gefühl, sie wollten einem etwas verkaufen – was übrigens auch meistens der Fall ist.

Doch woher kommt diese pessimistische, ja negative Sicht auf die Welt eigentlich her? „Menschen schätzen die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses oder die Häufigkeit eines Phänomens danach ein, wie leicht sie sich Beispiele dafür ins Gedächtnis rufen können.“ Man nennt das Verfügbarkeitsheuristik. Und dass wir meist Negatives in Erinnerung behalten (das dann verfügbar bleibt), dafür sorgen unter anderem die Medien, „Abgestürzte Flugzeuge landen immer in den Schlagzeilen, aber Autounfälle, bei denen viel mehr Menschen sterben, fast nie. Kaum verwunderlich, dass viele Leute Flugangst haben, jedoch praktisch niemand Fahrangst. Tornados (bei denen pro Jahr etwa 50 US-Amerikaner umkommen) sind laut allgemeiner Einschätzung eine häufigere Todesursache als Asthma (das in den USA im Jahr über 4000 Todesopfer fordert), vermutlich weil sich Tornados im Fernseher weitaus besser machen.“

Was lernt man daraus? Unter anderem dies. „Wer ständig die Nachrichten verfolgt, ist keineswegs besser informiert, sondern kann das Augenmass verlieren.“ Solcher Sätze wegen lese ich Bücher. Aber auch wegen Informationen, die mir vor Augen führen, wie einseitig wir uns informieren. So handeln etwa mit Preisen ausgezeichnete Bücher selten, wenn überhaupt, von positiven Fortschritten – bevorzugt werden Geschichten über Völkermord, Rassismus etc. Woran liegt das? Weil wir Dauernörgler seien, meint Pinker zweifellos zu Recht. Dass er jedoch mit den Visionären aus Silicon Valley, die ewig leben wollen sympathisiert, lässt mich an Halluzinationen denken. Abgesehen davon: Wer Altersbeschwerden kennt, wird definitiv nicht ewig leben wollen.

Aufklärung jetzt ist ein imponierend umfassendes Werk. Die Bandbreite der abgehandelten Themen reicht vom Fortschritt zur Gesundheit, vom Terrorismus zur Lebensqualität, vom Wohlstand zum Glück. Ein immenses Wissen wird hier höchst ansprechend ausgebreitet, wobei der Autor auch hervorhebt: „Das Lebenselixier der Wissenschaft ist der Zyklus aus Mutmassung und Widerlegung – eine Hypothese aufzustellen und dann zu schauen, ob sie Versuchen trotzt, sie zu falsifizieren.“

Geprägt ist Aufklärung jetzt von des Autors optimistischer Grundhaltung. Dabei ist er keineswegs ein Verklärer des Positiven, findet die Probleme, denen die Menschheit gegenübersteht, alles andere als belanglos, doch ihn interessieren die konstruktiven Ansätze, die gegenwärtigen und anstehenden Probleme anzugehen, weit mehr als düstere Prophezeiungen. So hält er etwa in Sachen Umweltprobleme fest: „Die Schlüsselidee ist, dass Umweltprobleme, genau wie andere Probleme, lösbar sind, wenn man über das erforderliche Wissen verfügt.“

Steven Pinker liefert Informationen, die mir grösstenteils unbekannt sind, die zu wissen jedoch nötig ist, bevor man sich eine Meinung bildet. Nehmen wir Umweltkatastrophen. „Die schlimmsten Unfälle wie die Havarie der Torrey Canyon 1967 oder der Exxon Valdez 1989 haben sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben, und nur wenige Menschen sind sich der Tatsache bewusst, dass Öltransporte auf See sehr viel sicherer geworden sind (…) die jährliche Anzahl an Ölkatastrophen von über 100 im Jahre 1973 auf nur noch 5 im Jahr 2016 gesunken ist (und die Anzahl grosser Ölkatastrophen fiel von 32 im Jahr 10978 auf 1 im Jahr 2016).“

Um die Dinge richtig zu sehen bzw. wirklich beurteilen zu können, müssen sie im Zusammenhang gesehen werden. Steven Pinker hat es sich mit diesem Buch zur Aufgabe gemacht, solche Zusammenhänge aufzuzeigen – und es ist ihm sehr überzeugend gelungen. Ganz besonders aufschlussreich ist seine Auseinandersetzung mit den Intellektuellen, die in ihren Ideologien gefangen sind.

Dass wir durch und durch rationale Wesen seien, behauptet die Aufklärung beileibe nicht. Doch dass wir rational handeln können, so wir denn wollen. Wir können uns entscheiden, Denkfehler und Dogmen, die uns in die Irre leiten, zu korrigieren. Aufklärung jetzt gehört mit zu den spannendsten, informativsten und nützlichsten Aufklärungsbüchern, die ich kenne.

Und noch dies: Die Übersetzung von Martina Wiese ist eine Meisterleistung.

Fazit: Ein begabter Denker singt das Loblied des Denkens, und lehrt uns dabei Wesentliches.

Steven Pinker
Aufklärung jetzt
Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt / Eine Verteidigung
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2023

Daniel Gascón: Der Hipster von der traurigen Gestalt

Ein wohlmeinender Naivling aus der Stadt zieht aufs Land. Warum jemand von der Stadt aufs Land zieht, hat natürlich unterschiedliche Gründe, Geld und Liebeskummer figurieren dabei meist prominent. Im Falle von Enrique ist es die Ex-Freundin, die er zu vergessen versucht.

Die Selbstverständlichkeiten der Stadt, von Hola Coffee zu Email Empfang, sind auf dem Land unbekannt. Ebenso die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit und Identitätspolitik, weshalb denn auch Enrique, der sich auf einer Mission wähnt, den Workshop Neue Männlichkeit initiiert. Der Andrang ist mässig, gerade mal fünf Frauen haben sich eingefunden. Doch Enrique tut, was alle Missionare tun, er redet sich die Tatsachen schön. „Das scheint wenig, doch prozentual gesehen ist es doch beachtlich.“

Auch die Gespräche verlaufen auf dem Dorf etwas anders als es sich der Städter gewohnt ist. Als Ramiro in der Bar sagt, „die Politiker seien alle gleich und wollten sich nur bereichern“, versucht Enrique zu relativieren, schwafelt von vielleicht voreiligen Schlüssen und differenzieren, worauf Ramiro fragt, ob er ihn für bekloppt halte. Wunderbar!

Daniel Gascón erzählt die Geschichte vom Hipster von der traurigen Gestalt sowohl aus der Perspektive Enriques wie auch aus der Sicht der Dorfbewohner (oder, um mit Helmut Kohl zu sprechen, „der Menschen draussen im Lande“), die mit abgehobenem Idealismus zu ziemlich gar nichts anfangen können. Sehr witzig und sehr treffend zeigt Autor Gascón auf, was passiert, wenn die Borniertheit der sich aufgeklärt Wähnenden auf die selbstgebastelte Realität der Landbewohner trifft. Sagt Mohammed: „Dass ich Schinken esse, hat ihn erst mal irritiert, aber ich hab ihm gesagt, es gibt einen Hadith, worin steht, das ist erlaubt, wenn der Schinken eine Herkunftsbezeichnung hat.“

Die verschiedenen Sichtweisen, die zu Sprache kommen, zeigen die Welt so komplex wie sie nun einmal ist. Weder sind sich die Dorfbewohner einig, noch liegt der Städter, der sich der „kollaborativen Horizontalität“ verpflichtet fühlt, ständig daneben. Und das ist das Schöne an diesem Buch: Beide Seiten kommen ähnlich deppert rüber.

Enrique will Bürgermeister werden. Als er dem amtierenden Bürgermeister eine Kandidatenrunde vorschlägt, um zu verstehen, was die Bürger beschäftigt, meint dieser: „Dafür braucht man keine öffentliche Debatte.“ Und so befragt Enrique die Bürger direkt, erhält jedoch wenig ermutigende Antworten. Ein Mann mit Schafen sagt, er gehe nie wählen, er sei Demokrat, weil ihm alles egal sei. Und Mohammed sagt, „es gebe zu viele Ausländer. Da seien einige Rumänen gekommen, die auf einer Baustelle am anderen Ende der Tenne arbeiten; er sagt, sie hätten andere Sitten und würden sich nicht integrieren.“

Als es Enrique dann gelingt, einen entlaufenen Stier zu stellen, sind alle verwundert, doch niemandem ist wirklich klar (auch ihm selber nicht), wie er das geschafft hat. Die Erklärungsversuche sind preiswürdig, denn wie immer, wenn der Mensch keine Ahnung hat, nehmen die Spekulationen ungeahnte Ausmasse an und vergrössern die Ratlosigkeit.

So absurd und aberwitzig dieser Roman auch wirken mag, er ist viel näher bei der Realität als das, was in der Zeitung steht. Anders gesagt: Die Realität hat die Satire längst überholt. Sehr schön zeigt Daniel Gascón das unter anderem an der heutzutage zelebrierten Meinungsvielfalt, wo jedem Schwachkopf (die weibliche Variante ist mir nicht geläufig) das Recht auf die eigene Meinung zugestanden wird; die Pflicht sich kundig zu machen, bevor mal das Maul aufreisst, gilt schon lange nicht mehr als nötig.

Dem ungefragt in die Welt geworfenen Individuum ist es aufgegeben, sich zu orientieren, denn schliesslich muss es irgendwo Halt finden. Bei der Fülle an Informationen, mit denen wir modernen Menschen ständig zugeschüttet werden, ist das zunehmend schwierig geworden. Wem nichts Besseres einfällt, verlegt sich auf die wirklich wichtigen Fragen: Die korrekte Sprache und die richtige Gesinnung. Was dabei herauskommt, schildert Daniel Gascón scharfsinnig und lustig, dabei auch meinungsbildende progressistische Zeitschriften zu Rate ziehend, um die das Gewissen peinigenden Sinnfragen zu lösen: „Ein Artikel warf die Frage auf, ob es aus feministischer Sicht akzeptabel sei, ohne BH zu frühstücken, und es wurden mehrere Gender-Expertinnen zu Rate gezogen.“

Daniel Gascón
Der Hipster von der traurigen Gestalt
Verlag Antje Kunstmann, München 2023

Thomas Clayton Wolfe: Die Geschichte eines Romans

Als dieser Titel in der Verlagsvorschau meine Aufmerksamkeit fand, war mir nicht bewusst, dass es sich beim Autor um den berühmten Thomas Wolfe von „Schau heimwärts. Engel“ und von „Zeit und Strom“ (der in meiner noch ungelesenen Version „Von Zeit und Fluss“ heisst) handelt. Auch war mir nicht bekannt, dass er nicht einmal 38 Jahre alt wurde – mich verwundert nicht nur, dass jemand in so jungen Jahren imstande ist, solche Wälzer wie „Von Zeit und Fluss“ zu schreiben, es ist mir schlicht ein Rätsel, wo solche Schaffenskraft herkommt.

So recht eigentlich, weiss er selber nicht, wie es zu seinem ersten Buch (und davon handelt dieser schmale Band) gekommen ist. „Ich bin selber nie recht dahintergekommen, vermute aber, dass die unbestimmte Kraft in mir, die schon lange zum Schreiben drängte, und die sich ihren Weg bahnen wollte, mich dazu antrieb.“

Thomas Clayton Wolfe lässt sich in „Die Geschichte eines Romans“ unter anderem darüber aus, dass, wenn man einen Roman veröffentlicht hat, sich irgendwie schämt, weil man so recht eigentlich alles hätte anders und besser machen sollen. Auch will man möglichst nichts mehr davon wissen und doch gleichzeitig berühmt und verehrt werden. Dazu kommt die Frage: Was jetzt?

Für Wolfe gibt es keine Zweifel, dass jede künstlerische Tätigkeit autobiographisch ist, ja, notwendigerweise sein muss. „Trotzdem ist für einen schöpferischen Menschen die buchstäbliche Umsetzung seiner eigenen Erfahrung unmöglich“, behauptet er und fügt hinzu: „Alles in einem Kunstwerk wird verwandelt und umgesetzt durch die Persönlichkeit des Künstlers selbst. Und was mein erstes Buch angeht, so ist, ehrlich gesagt, nicht eine einzige Stelle darin, die tatsachengetreu wäre.“

Autobiographisch bedeutet für Wolfe offenbar tatsachengetreu, also so, wie es sich in Wirklichkeit (und für andere nachvollziehbar) zugetragen hat. Eine zwar gängige, doch für mein Dafürhalten sehr beschränkte Auslegung für das „Sein Leben Selber Zeichnen“ (was Autobiographie wörtlich bedeutet), denn schliesslich sind auch des Autors Fantasie, seine Träume und Vorstellungen wirklich, mithin alles was er denkt (oder es in ihm denkt), tut und auch nicht tut.

„Die Geschichte eines Romans“ ist vor allem eine Geschichte über das Schreiben, genauer: über das Leben, den Alltag, des Schreibenden. „Es gibt kein künstlerisches Vakuum; es gibt keinen Zeitpunkt, in dem der Künstler in einer idealen Atmosphäre arbeiten könnte, frei von Kampf, wie ihn alle Menschen durchzumachen haben.“

Auch Gefühle des Verzweifelns, des totalen Versagens begleiten sein Scheiben. Ob er wirklich der Handelnde ist, weiss er nicht mit Sicherheit zu sagen – ihm scheint, als ob etwas Besitz von ihm genommen, sein Buch sich selbst geschrieben habe.

Eigenartiges geschieht, als das Buch veröffentlicht ist. Er erhält anonyme Briefe der gemeinsten Art, wird Opfer giftiger Angriffe, der Pfarrer predigt von der Kanzel dagegen. Er erfährt das, was alle, die schreiben, erleben – die Leute lesen in einen Text rein, was sie wollen

Der dünne Band, übersetzt von Hans Schiebelhuth, bearbeitet und lektoriert von Paul Ëñǧł, herausgegeben von Richard Pils, präsentiert sich ansprechend (schöner, fester Einband, lesefreundlicher Satzspiegel), die Umschlaggestaltung trifft mit der Verwendung der nordamerikanischen Flagge, worum es dem Autor wesentlich zu tun ist – und mich stört: das Suchen seines Amerika, das Heraufbeschwören „der einmaligen und einzigartigen Substanz dieses Landes“. Lieber wäre mir, all diese Einzigartigkeiten (die amerikanische, die chinesische, die japanische etc.) nicht dauernd zu betonen und herauszustreichen. Trotzdem: Wer selber schreibt, liest dieses Buch mit Gewinn.

Thomas Clayton Wolfe
Die Geschichte eines Romans
Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2018

Véronique Bizot: Eine Zukunft

Es dauert, bis ich in den Text reinkomme – die Bandwurmsätze sind gewöhnungsbedürftig. Doch einmal drin, liest sich dieser Roman flüssig.

Paul, Ingenieur von Beruf, wird von seinem Zwillingsbruder per Brief gebeten, im Haus, das er gerade verlassen hat, nach dem Rechten zu sehen, er befürchte einen möglichen Rohrbruch. Um den es dann, wie zu erwarten war, nicht geht. Stattdessen taucht Paul in die Vergangenheit ein – schon eigenartig, wie viele Bücher genau so operieren: es wird irgendein Vorwand gesucht, um sich mit dem, was früher geschehen ist, auseinanderzusetzen.

Eine Zukunft spielt unter anderem an Orten – Evian und Annecy –, mit denen ich gute Gefühle verbinde. Kein Wunder also, empfinde ich für diesen Roman Sympathie. Darüber hinaus wird man richtiggehend in diese Geschichte hineingezogen, wohl auch, weil sie von ganz Vielem handelt und nichts von diesem Vielen eine herausgehobene Bedeutung gegeben wird.

Wie Véronique Bizot Pauls Familiengeschichte (neben seinem Zwillingsbruder hat er noch einen Bruder sowie drei Schwestern) Revue passieren lässt – gerade befand ich mich in Mali, jetzt in Rolle im Schweizer Kanton Waadt – , lässt mich an einen Film denken. Und kaum habe ich das gedacht bzw. hat es in mir so gedacht, tritt der Filmemacher Jean-Luc Godard auf, der in Rolle wohnte.

Als Kopfkino nehme ich diesen Roman war. Und das meint: Véronique Bizot beschreibt die Bilder, die ihr durch den Kopf gehen. Jedenfalls lese ich ihren Roman so, der nicht traditionell strukturiert ist, also mit Anfang, Mittelteil und Ende, vielmehr geht alles übergangslos ineinander über, so wie im richtigen Leben. Da landet Paul bei einer Beerdigung, dann im Dschungel von Sarawak, dann in einem Schwimmbad …

Vom Bau einer Seilbahn in den französischen Alpen, initiiert von einem mit Obsessionen geschlagenen Schotten, lese ich, der über das Klima im schottischen Hochland befand, es „sei entsetzlich, dreihundertsechzig Wolkentage im Jahr und ständig stürmische Winde.“ Und von einem Pfarrer, der Paul und seinen Zwillingsbruder Odd, die verschiedener nicht sein könnten, nach dem Unfalltod ihrer Mutter bei sich aufgenommen hat – und dabei auch lerne, dass ein Pfarrhaus ein Haus wie jedes andere ist, und allein so heisst, weil der Pfarrer darin lebt.

Eine Zukunft lässt mich auch immer mal wieder schmunzeln. So wurde etwa der Gasthof zum Schwarzen Schwan unbenannt in Gasthof zum Weissen Schwan, „obwohl sich die Ausstattung im Inneren nicht im Geringsten verändert hatte, immer noch genauso trist, und das Essen, das auf einer fettigen, plastiküberzogenen Karte stand, ebenso abscheulich wie zur Zeit des Schwarzen Schwans …“ Das beschreibt auch die heutige Zeit treffend.

Er habe „alle möglichen guten Grunde gehabt“, sich in den Bergen niederzulassen, so der Schotte, „und genauso viele schlechte, und dass es mit allem so sei, jeder gute Grund, etwas zu tun, enthalte auch sein Gegenteil, sodass er sich selbst aufhebe, und dass der Widerspruch überall sei, konstant und unausweichlich, da komme man nicht raus.“ Das beschreibt sehr gut, wie ich Véronique Bizots Schreiben erlebe – und weshalb es mir zusagt.

Eine Zukunft ist ein sehr dichter, Bilder-starker Text, der die Komplexität des Lebens nicht aufzulösen versucht, die sogenannten Widersprüche nebeneinander bestehen lässt. Diese detaillierte Beschreibung des Lebensflusses erweist sich gelegentlich auch als sehr lustig. So machte mich die Schilderung des Handbuchs für den Fleischerlehrling laut heraus lachen, das unter anderem lehrt, „dass der moderne Fleischerlehrling heutzutage bevorzugt von robuster Gestalt sein sollte, ohne Krampfadern, ohne Plattfüsse, aber mit guten Augen, wegen der sonst beschlagenen Brillengläser bei jedem Betreten und Verlassen der Kühlräume.“

Véronique Bizot
Eine Zukunft
Roman
Steidl Pocket, Göttingen 2023

Julie Otsuka: Solange wir schwimmen

Gleich mit den ersten Sätzen entwickelt dieser Roman einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann: Man befindet sich in einer Welt strenger Regeln, die von allen eingehalten werden, auch wenn sich der individuelle Charakter eben doch zeigt. Ich wähnte mich in einem science fiction.

Ein Schwimmbad, das tief unter der Erde liegt und in dem sich ganz viele, ganz unterschiedliche Leute zum Schwimmen einfinden. In der Welt oben, der ‚wirklichen Welt‘, sind diese Menschen soziale Wesen, im Schwimmbad leben sie einen Teil ihrer Persönlichkeit, den nur die Mitschwimmer wahrnehmen.

Julie Otsuka schildert in Solange wir schwimmen zwei Parallelwelten, die auch zwei verschiedene Bewusstseinszustände repräsentieren. „Der Schock des Wassers – es gibt nichts Vergleichbares an Land. Das kühle, klare Nass, das über jeden Zentimeter deiner Haut fliesst. Das zeitweilige Aussetzen der Schwerkraft. Das Wunder deines eigenen Auftriebs, wenn du ungehindert über die glänzend blaue Oberfläche des Schwimmbeckens gleitest. Das ist wie Fliegen. Die reine Freude darüber, in Bewegung zu sein. Die Auflösung aller Wünsche. Ich bin frei.“

Die regulären Besucher des Schwimmbads bilden eine Art geschlossene Gesellschaft; Neuankömmlinge und Kurzzeitbesucher werden toleriert, doch als nicht zugehörig betrachtet. Jeder folgt seinem eigenen Programm. Ausserhalb des Schwimmbades pflegt man keinen Kontakt, doch wenn jemand für längerr Zeit wegbleibt, dann werden Mails verschickt, Sprachnachrichten hinterlassen, wird versucht, in Verbindung zu treten.

Julie Otsuka beschreibt einfühlsam und differenziert (und, wie ich mir vorstelle, schmunzelnd) den Versuch, in Routinen Stabilität zu finden und sich gleichzeitig nicht zu nahe zu kommen. Dabei zeigt sie eindrücklich, wie vielfältig und bunt das Leben in seinen verschiedenen Formen sich manifestiert, denn jeder und jede beharren auf ihren jeweils eigenen Vorstellungen

Solange wir schwimmen überzeugt auch durch das genaue, detailreiche Konkretisierungen. Ein Satz wie „Wir alle haben unsere Rituale.“ wird gefolgt von einer Aufzählung dieser von Person zu Person sehr verschiedenen Rituale, wobei auch deutlich wird, wie absurd unsere mannigfachen Anstrengungen, uns festzuhalten (woran auch immer), letztlich sind.

Es versteht sich: Wer im Schwimmbad seinen Halt gefunden hat, wird auch angefeindet. Das ist doch zwanghaft, wie eine Sucht, eine Ablenkung vom richtigen Leben, wird ihnen vorgeworfen. Sicher, das ist es, „es ist unsere Leidenschaft, unser Trost, die Sucht unserer Wahl, das eine, worauf wir uns mehr freuen als auf alles andere.“ Und das stösst auf Neid und Ablehnung, denn der Mensch ist nun mal wie er ist: er mag es dem anderen nicht gönnen, dass dessen Wahl ihn lebendig, bei sich selbst und fokussiert sein lässt.

Doch dann zeigt sich ein Riss im Schwimmbad, die Reaktion darauf zeigt exemplarisch die Vielfältigkeit der Spezies Mensch – vom Nicht-Wahr-Haben-Wollen zum Beizug von Experten und ganz vielem dazwischen. Das liest sich sehr lustig. Selten war mir bewusster, wie eigenartig wir auf etwas reagieren, das unsere Gewohnheiten gefährden könnte. Und vor allem: Dass unsere Erklärungen selten etwas anderes sind als Aussagen darüber, wie wir denken.

Dann wird das Schwimmbad geschlossen und die Orientierung für Alice, die unter Demenz leidet, weg. Sie findet Aufnahme in der gewinnorientierten, von Nancy Lehmann-Hayes, PhD, geleiteten Langzeit-Pflegeeinrichtung Belavista. Dr. Nancys „Hauptaufgabe ist es, die Aktionäre bei Laune zu halten.“ Unterstützt wird sie dabei von ihrer Kommunikationsbeauftragten Melissa. „Melissa ist von Montag bis Freitag im hinteren Bereich des Büros für Kundenakquise anzutreffen, wo sie die aktuellen Interessenten durchtelefoniert.“ Was sich wie eine Satire liest (ich habe Tränen gelacht), charakterisiert unsere Gesellschaft, in der vor allem gute Verkäufer gefragt sind, bestens.

Die Demenz von Alice wird nüchtern und realistisch geschildert. „Ihre Krankheit hat keine ‚Bedeutung‘ und keinen ‚höheren Sinn‘. Sie ist kein ‚Geschenk‘ und keine ‚Prüfung‘ und auch keine Gelegenheit für persönliches Wachstum und Veränderung …“; der Alltag im Belavista, wo sie die meiste Zeit gar nichts tut, ebenfalls; und der in solchen Einrichtungen gepflegte Jargon ist der übliche Schwachsinn, der zudeckt, worum es geht. „Und: ‚Lassen Sie uns den nächsten Schritt gehen‘, nicht: ‚Es ist an der Zeit, Ihre Dosis zu erhöhen.’“

Im letzten Teil wird dann Alices Demenz aus der Sicht ihrer Tochter geschildert, wobei auch auf die gemeinsame Geschichte der beiden Bezug genommen wird.

Und noch dies: Solange wir schwimmen liest sich ausgesprochen flüssig, was auch der hervorragenden Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Katja Scholtz geschuldet ist

Fazit: Ein überaus gelungenes Porträt des modernen Homo Sapiens in seinen ganz unterschiedlichen Ausprägungen. Witzig, gescheit, fantasievoll. Ein wahrer Lesegenuss, der starke Bilder zurücklässt.

Julie Otsuka
Solange wir schwimmen
Roman
mareverlag, Hamburg 2023

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte