Gertraud Klemm: Einzeller

Diesem Roman ist ein mir unverständliches Zitat (an der Sprache liegt es nicht) aus dem Rolling Stones-Song You can’t always get what you want (die Denker unter den Rockmusikern sind nicht besonders zahlreich, jedenfalls wenn man die Songtexte zum Massstab nimmt) vorangestellt, denn mit Täuschung (worum es in dem Zitat vermutlich geht), hat dieser gut geschriebene, differenzierte Roman eher wenig zu tun. Doch vielleicht ist es ja ironisch gemeint, einleitend gerade die Rolling Stones, die nicht unbedingt als feministische Speerspitze bekannt sein dürften, zu Wort kommen zu lassen.

Eine dreiköpfige Frauen-WG mit Namen Bienenstock soll auf fünf aufgestockt werden: Nach welchen Kriterien wählt man Interessierte aus? Das ist sehr witzig geschildert und macht vor allem deutlich, wie eigenartig diese Frauen (stellvertretend für uns alle) funktionieren.

So eine WG funktioniert im Übrigen nicht anders als eine Familie. Auch dort gehen die Vorstellungen auseinander. „Die verschiedenen Auffassungen von Wohlbefinden und Sicherheit sind eben doch zu verschieden, auch wenn nur Frauen da sind. Gerade weil nur Frauen da sind. So wie in allen Familien wird gestritten …“.

Eine der WG-Frauen, die Studentin Lilly, trifft sich mit ihrem Vater zum Essen. Nicht weil sie ihn schätzt, sondern weil sie Geld braucht. Während des Essens in einem einschlägigen Szene-Lokal, wo alles uniform hipp abläuft, schämt sie sich (jedenfalls glaubt sie, sich schämen zu müssen) für das Benehmen ihres Vaters, dem die gerade angesagte Sensibilität sich fortschrittlich wähnender Kreise vollkommen abgeht.

Simone, ehemals Lehrerin, um die sechzig, die lernen musste, dass man Empathie nicht unterrichten kann, ist neben der veganen (keiner strikten) Klimaschützerin Lilly die Hauptfigur in diesem Zeitgeist-Roman, der die verschiedenen Facetten des Feminismus aufzeigt, der es aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht schafft, zu einer einheitlichen Kraft zu werden. Das erinnert an das bekannte politische Phänomen, gemäss dem dein schlimmster Feind dein Parteifreund ist.

Sehr schön zeigt Gertraud Klemm auf, wie verschieden Welterfahrung und Denken der Generationen sind. So nervt die sich selber als weisse Altfeministin bezeichnende Simone die Sprachpolitik (Gästinnen!). „Dieses woke Erbsenzählen. Jeder Text ein Minenfeld, an jeder Ecke die neuen Moralistinnen, die einem an den Lippen hingen und jedem falschen Wort auflauerten und Aussagen auf Mikroaggressionen prüften.“ Und Lilly antwortet auf Simones Frage, was der Feminismus falsch gemacht habe: „Er ist nicht mehr so begeisterungstauglich und sexy wie früher, glaube ich. Er ist so … beschwerlich.“

Es ist eine Welt der Gebote und Verbote, die hier geschildert wird, die auf der Vorstellung gründet, mit dem richtigen Bewusstsein käme auch das richtige Handeln. Nur eben: Das Bewusstsein ist keine feste, sichere Grösse, sondern schwankt dauernd hin und her, geht rauf und runter, und macht generell, was es will. Sowohl Simone wie auch Lilly sind viel zu komplex als dass ihnen wirklich klar wäre, was richtig und was falsch ist.

Während Simone für die politisierte Frau steht, ist Lilly für Simone „unschuldig unpolitisch, so wie viele ihrer Generation. Weil ihnen nichts passiert ist, was sie politisieren könnte.“ Dass sich nicht zu politisieren vielleicht eine bessere Option sein könnte (das gängige Politisieren hat schliesslich hinlänglich gezeigt, dass es nicht imstande ist, eine dringend notwendige Werteumkehr zustande zu bringen), dieser Gedanke kommt Simone offenbar gar nicht. Lilly hingegen, die spürender unterwegs ist, konstatiert Wesentliches, also Atmosphärisches. „Man muss Begriffe wie sexistisch, übergriffig, Emanzipation, Feminismus nur denken und schon ist die Stimmung am Arsch, egal ob auf dem Markt oder sonst wo.“

Es ist eine bunte Mischung aus Trans, Queer und traditionellen Feministinnen, die Gertraud Klemm hier vorführt. Frauen (und ein paar Männer), die so originell, interessant, fad und unspektakulär sind wie es uns unsicheren und nach Halt suchenden Menschen nun einmal eigen ist. Leider wird dieser hoch komplexe Mensch auch immer wieder auf ein Schwarz/Weiss-Niveau heruntergeschraubt, das in seiner intellektuellen Dürftigkeit ziemlich peinlich ist: „Authentisch heisst das, wenn man sich den Politiker dabei vorstellen kann, wie er sich den Hintern auswischt. Ihm wird alles verziehen. Das gilt natürlich nur für Männer. Frauen wird alles übelgenommen, weil sie ja nicht weniger als alles falsch machen.“ Erfreulicherweise sind solche Stellen die Ausnahme.

Zu meinen Lieblingsszenen gehört, wie Lillys Einschätzung ihrer Wohnsituation und ihr Bemühen eine andere Bleibe zu finden, geschildert wird. Auf dem Weg zu ihrer Mutter sieht sie Simone, die sie nicht bemerkt, in dieselbe Strassenbahn einsteigen: Die Gedanken, die sich Lilly über Simone macht, sind sehr einfühlsam und berührend – und zeigen sehr schön, dass Drittpersonen Dinge über uns wahrnehmen, die wir selber nicht sehen können.

„Wir im Bienenstock versuchen, am Patriarchat und am globalisierten Raubtierkapitalismus vorbeizuleben“, hat Simone beim Vorstellungsvideo für die Big-Sista-Doku in die Kamera gesagt, bei der die WG-Bewohnerinnen sowie eine Besucherin (einmal eine Muslim, ein andermal eine Sexarbeiterin) sich zu Religion, Gender, Unterdrückung, Sexarbeit usw. äussern, aus feministischer Perspektive, doch auch nicht viel anders als Männer, die politisch streiten – rechthaberisch, besserwisserisch, ermüdend und gelegentlich originell. Dabei stösst man auch auf Wörter wie SWERF (Sex Work Exclusionary Radical Feminism) sowie TERF (Trans-Exclusionary Radical Feminism). Es spricht für diesen Roman, dass diese Begriffe nicht weiter geklärt werden …

Fazit: Eine unterhaltsame und anregende Auseinandersetzung mit den vielfältigen Ausformungen des Feminismus, die genau wie alle anderen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auch, nicht unwesentlich von der Vorstellung bestimmt wird, die „richtige“ Ideologie/Wortwahl würde eine bessere/gerechtere Welt hervorbringen. Nur eben: Handeln und Bewusstsein differieren meist beträchtlich – und allzu oft haben sie überhaupt nichts miteinander zu tun.

Gertraud Klemm
Einzeller
Kremayr & Scheriau, Wien 2023

Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica

Kein Genre, das ich problematischer erachte als die Biografie, abgesehen vielleicht von der Autobiografie, denn anzunehmen, ein Leben erfassen zu können, ist nachgerade grotesk, da dies implizit behauptet, zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden zu können und es eine Folgerichtigkeit gebe, obwohl man doch nicht einmal zu sagen vermöchte, was einem vor drei Minuten durch den Kopf gegangen ist. Vermutlich, weil es nicht wichtig war, wird der eine oder die andere schmunzeln.

Die Biografie, so Janet Malcolm in ihrem Buch über Sylvia Plath, sei das Medium, mit welchem die verbliebenen Geheimnisse einer berühmten Person ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt würden und der Biograf, der auch eine Sie sein kann, sei nichts anderes als ein professioneller Einbrecher, der heimlich die Schubladen ausgeräumt habe. Kurz und gut: Der Biograf (das Englische unterscheidet nicht zwischen Frau und Mann) ist so recht eigentlich ein Voyeur (eine Voyeuse?).

Helena Janeczek wird sich ihre eigenen Gedanken dazu gemacht haben, als sie ihr Porträt, der mit 27 Jahren bei einem Unfall im Krieg verstorbenen Gerda Taro, einen Roman nannte. Ein kluger Entscheid, wie ich finde.

Der Einstieg ist genial: Wie die Autorin diese Fotos kommentiert, ist gescheit und einfühlsam, denn sie schaut hin. Und macht mir auch den von mir wenig geschätzten Robert Capa sympathisch. Dabei erfahre ich übrigens auch, dass Gerda Taro eigentlich Gerda Pohorylle hiess. 

Übrigens: Auf dieses Buch aufmerksam geworden bin ich, als ich las, dass Zehntausende sie in Paris zu Grabe trugen, darunter Alberto Giacometti und Pablo Neruda. Wie konnte das bloss sein? Lesen Sie dieses Buch!

Helena Janeczek schildert Gerda Taro durch die Augen von drei Personen. Willy Chardack, unsterblich in sie verliebt, blieb ihm nur die Rolle als Freund; Georg Kuritzkes, mit dem sie ein heftiges Verhältnis verband; Ruth Cerf, ihre Jugendfreundin aus Stuttgart. Eine überaus überzeugende Herangehensweise, denn wenn auch jede der drei Personen eine jeweils andere Gerda kennenlernt, was sie wesentlich auszumachen schien, war ihre Eigenwilligkeit sowie ihr Lachen, mit dem es ihr oft gelang, „dem Unglück die Schwere zu nehmen.“

Was hat Helena Janeczek bewogen, sich Taro und Capa anzunehmen und sich in deren Leben zu vertiefen? „Meine Mutter, die Gerdas dickköpfige coquetterie besass, hätte ihre kleine Cousine sein können. Mein Vater, ein grosser Geschichtenerzähler wie Capa, sein jüngerer Bruder.“

Mein eigenes Interesse an diesem Buch hat mit der Fotografie zu tun, und besonders dem eigenartigen Kultstatus, den einige Fotografen geniessen, denn ein gutes Foto hat häufiger mit Glück bzw. mit zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein als mit Talent zu tun. Natürlich sehen das die meisten, die sich mit Fotografie auseinandersetzen, nicht so. „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, dann warst du nicht nah genug dran“, soll Capa bekanntlich gesagt haben. Ein viel dümmerer Satz kann einem Kriegsfotografen wahrlich nicht einfallen.

Die damals legendäre Picture Post veröffentlichte unter dem Titel The Greatest War Photographer in the World ein Porträt von Capa. Gerda Taro hat dieses Foto gemacht. „konzentriert, unerschrocken, das Profil an die Filmkamera geschmiegt, die wie ein metallenes Horn mit Nachtfalterflügeln aus seinem Brauenbogen hervorwächst. Der grösste Kriegsfotograf ohne Fotoapparat.“ Zugegeben, das ist schon reichlich absurd, doch noch fast absurder bzw. befremdlicher finde ich die Bezeichnung Der grösste Kriegsfotograf.

Helena Janeczek
Das Mädchen mit der Leica
Piper, München 2022

Christian Kraus: Tiefer als der Abgrund

Wer regelmässig Buchbesprechungen veröffentlicht, kriegt manchmal von Verlagen unaufgefordert Bücher zugeschickt. Da ich in der Schweiz meinen Wohnsitz habe, sind es meist Bücher mit einem Schweiz-Bezug, was ich einigermassen einfallslos finde. Gelegentlich kommt es jedoch vor, dass eine Pressefrau (es sind fast immer Frauen, die in der Presseabteilung von Verlagen arbeiten), sich etwas gedacht hat und zum Schluss gekommen ist, der oder die könnte aufgrund seiner oder ihrer Besprechungen für dieses oder jenes Buch Interesse zeigen. So geschehen in meinem Falle, wie ich annehme, bei Tiefer als der Abgrund – einem Schuss ins Schwarze!

Die Hauptfigur in diesem Psychothriller ist der Psychologe Malte Fischer, der es mit einem neuen Patienten zu tun hat, einem hochintelligenten und hochsensiblen jungen Mann, der nach zehn Jahren Knast wegen Mordes demnächst aus der Strafanstalt entlassen wird. Dabei lernt man einiges über die psychologische Vorgehensweise – und diese ist es, der mein hauptsächliches Interesse gilt; es wird allerdings nur am Rande bedient.

Malte Fischer ist sich beim ersten Gespräch mit dem verurteilten Mörder Elias nicht sicher, wie er ihn einschätzen soll. „Malte nahm ihm die Coolness nicht ab. Der junge Mann versteckte seine Gefühle, absichtlich oder unbewusst. Vermutlich, weil sie ihn massiv überforderten.“ Eine zwar nicht unplausible Interpretation, doch auch ein ziemlicher Schnellschuss für mein Empfinden. Elias, der schon einige Psychologen hinter sich hat, sieht das nüchterner: „Letztlich konnte mir keiner der Experten sagen, ob ich meine Gefühlswelt tief in mir vergrabe – oder ob ich schlicht keine Gefühle habe.“

Bei seiner Entlassung aus dem Gefängnis wird Elias bereits von den Medienvertretern erwartet, die in ihm die Beute sehen, die sie ihren Zuschauern und Lesern vorsetzen wollen. Julius, ein linker Szeneanwalt (der sich zu meiner Verblüffung im Lions Club engagiert), bringt Elias in einer Wohnung unter, wo dieser dann komplett ausflippt, als er im Fernsehen sieht, wie über seine Freilassung berichtet wird.

Dann schwenkt die Geschichte zur Kommissarin Freya Svensson, einer Frau voller unterdrückter Wut und mit einem problematischen Bezug zu den eigenen Gefühlen, die bei einer kaltblütigen Hinrichtung auf einem Hamburger Schrottplatz von ihrem Kollegen vor einer Erschiessung bewahrt wird. Aus dem Balkan geschmuggelte Frauen kommen bei diesem Einsatz allerdings zu Tode.

Es geht um Schleuserkriminalität und Prostitution. Diese mit einem zehn Jahre zurückliegenden Mord zusammenzubringen, finde ich zwar einigermassen weit hergeholt, doch Autor Christian Kraus kriegt das nicht nur plausibel hin, sondern versteht es überdies, die Spannung im Verlaufe der Geschichte zu steigern und sie zu einem überraschenden Ende kommen zu lassen

Doch wie bereits erwähnt: Mein Interesse an diesem Psychothriller liegt auf dem Psychologischen. Psychologe Malte Fischer, dem nicht nur die Körpersprache seines Patienten aufschlussreiche Hinweise gibt, verfolgt einen Ansatz, der mir sympathisch ist. „Er hatte Elias nicht bedrängt, die Vergangenheit aufzuarbeiten, sondern ihn aktiv unterstützt, nach vorne zu schauen.“ Obwohl: Selten ist mir deutlicher gewesen, wie viel in der Therapie Interpretation und Analyse ist, die auf einem psychologischen Glaubensgebäude beruhen, das auch selber wiederum auf viel Interpretation beruht. Gäbe es denn eine Alternative? Sicher: Anschauung. Oder mit Malte Fischers Ausdruck: Intuition. Damit ist nicht ein Gedankenblitz gemeint, sondern ein Wirken-Lassen des Gehörten, Gelesenen und Beobachteten verbunden mit einem aufmerksamen In-Sich-Hineinhören.

Der Plot als Ganzes hat mich nicht so recht überzeugt, die einzelnen Teile dieses Psychothrillers sind jedoch in sich stimmig und spannend geschildert. Besonders gelungen sind die Charakterisierung der auftretenden Personen. Darüber hinaus lernt man, was einen Psychopathen ausmacht, was es mit EMDR auf sich hat, wie man Gefühlsknoten löst, und kriegt unter anderem diesen guten Rat: „Du denkst an Momente, in denen du Freud, Trauer oder Wut empfunden hast. Oder du begibst dich gezielt in solche Situationen und spürst intensiv in dich hinein. Wichtig ist, locker zu bleiben, denn Druck hilft da nicht weiter. Beobachte, was sich in dir regt! Und nimm es an!“

Und noch dies: „Schuldgefühle haben ein gravierendes Imageproblem: Niemand mag sie. Niemand will sie haben. Sie gelten als Quelle von seelischem Leid, und sich davon durch Therapie oder Selbsterfahrung zu befreien, ist ein hehres Ziel“, schreibt Christian Kraus im Nachwort. Dass Schuldgefühle zu Depressionen, Selbstwertstörungen und tiefer, fast unentrinnbarer Verzweiflung führen können, zeigt er eindrücklich am Beispiel seines Protagonisten Elias. „Gleichwohl möchte ich eine Lanze für Schuldgefühle brechen.“ Wer schon einmal Menschen, denen Schuldgefühle vollkommen abgehen, erlebt hat – man denke an den ehemaligen amerikanischen Präsidenten (den loser) – , wird ohne das geringste Zögern zustimmen.

Fazit: Packend, voller unerwarteter Wendungen, lehrreich.

Christian Kraus
Tiefer als der Abgrund
Psychothriller
Droemer Taschenbuch, München Juli 2023

C. K. McDonnell: Bunny McGarry und der Mann mit dem Allerweltsgesicht

Autor C. K. McDonnell, so der Klappentext, sei auch als Stand-up-Comedian aktiv. Das erklärt auch seine Gabe, im Alltäglichen das Komische zu sehen. Ob sie ihm eine Frage stellen dürfe, fragt die Krankenpflegerin Schwester Birgit im Hospiz, wo Paul ehrenamtlich Bewohnern zuhört. „Warum fragen die Leute das immer?“, entgegnete er. „Erstens – du hast damit bereits eine Frage gestellt, und zweitens: Noch nie hat jemand darauf ein Nein als Antwort akzeptiert.“

Das Leben wird erträglicher, wenn man sieht, was es einem alles vor Augen führt. „Paul warf einen Blick auf die andere Strassenseite. Der Fuchs schnüffelte an dem Sandwich, das er gerade ausgegraben hatte. Statt es zu fressen, entschied er sich, darauf zu urinieren. Eine ziemlich vernichtende kulinarische Kritik.“ Doch Bunny McGarry und der Mann mit dem Allerweltsgesicht ist nicht nur witzig, sondern auch scharfsinnig. So war Jesus bekanntlich weiss gewesen – „überraschenderweise für einen Mann aus dem Mittleren Osten“, kommentiert Autor McDonnell.

Im Hospiz wird Paul von einem Patienten angegriffen, landet in der Notaufnahme, wo er von einem Medizin-begeisterten indischen Arzt betreut wird, der ihn wissen lässt, dass er Glück gehabt habe. Die Unterhaltung der beiden ist preiswürdig. Sagt der Arzt: „Ich meine, mir persönlich wäre es deutlich lieber, wenn ein Fremder versuchen würde, mich umzubringen, als jemand, den ich gut kenne.“ „Stimmt wohl.“ So konnte man die Sache durchaus sehen, kommentiert Paul.

Paul sei vermutlich nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, meint der ungehobelte Kommissar Bunny McGarry, der eine sehr eigene, unkonventionelle Arbeitsweise pflegt, und Paul unter seine Fittiche genommen hat. Die Sache, in die Paul hineingeraten ist, ist ziemlich vertrackt und reicht weit in die irische Vergangenheit zurück. Jemand hat ihn im Visier. „Tja … die gute Nachricht lautet: Du leidest nicht unter Verfolgungswahn“, lässt ihn Schwester Birgit wissen, die auch selber auf dem Radar von Leuten ist, die sie nicht kennt.

Als die beiden dann herausfinden, wer hinter ihnen her ist, trägt das auch nicht gerade zur ihrer Beruhigung bei – nur durch Zufall entgehen sie kurz darauf einem Attentat, bei dem ein weiterer Zufall dazu führt, dass … Nun ja, ich will hier nicht den Krimi nacherzählen, nur soviel: Es kommt in dieser Geschichte zu viel Unerwartetem, doch durchaus Plausiblem, und bringt den Irrsinn des menschlichen Tuns und Lassens überaus unterhaltsam auf den Punkt.

Autor C. K. McDonnell ist ein Mann, der mit ganz unterschiedlichen Facetten des Lebens vertraut ist, was unter anderem dazu führt, dass er die in diesem Krimi auftauchenden Figuren als typische Vertreter (Männer wie Frauen) der Spezies Mensch vorführt: Von Emotionen regiert, die sie nicht im Griff haben; nicht dumm, aber doch dümmer als sie selber glauben; wenn ihnen etwas gelingt, dann meist trotz, nicht wegen ihrer vermeintlichen Kompetenz.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals bei einem Krimi Tränen gelacht zu haben. Bunny McGarry und der Mann mit dem Allerweltsgesicht ist also in dieser Hinsicht eine Premiere. Wirklich witzig zu sein, setzt eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe, viel Phantasie sowie eigenständiges Denken voraus – und das geht bekanntlich den meisten ab. Umso schöner und bereichernder also, wenn man auf C. K. McDonnell (der mir bislang kein Begriff war) stösst, der einem die Welt so zeigt, wie sie ist – ziemlich absurd also. Und voller Rätsel: „Herrenhaus wäre wohl ein zutreffenderes Wort gewesen, auch wenn sie nicht wusste, welche Grenze überschritten werden musste, damit ein Haus zu einem Herrenhaus wurde; eine Frage, die in ihrem Leben bislang auch keine Rolle gespielt hatte.“

Ein Dublin-Krimi heisst es im Untertitel und so erfährt man auch viel Launiges über dieses vom Regen bevorzugte Land. „Die irische Öffentlichkeit liebte es, wenn einer der ihren auf internationalem Parkett irgendetwas leitete. Die Sechs-Uhr-Nachrichten hätten auch ein internationales Symposium über Hämorrhoiden bei Schildkröten zum Thema gemacht, wenn man zeigen konnte, wie jemand aus Irland in einem Konferenzsaal mit einem kleinen Hammer für Ruhe sorgte.“

Wie bei jedem guten Krimi (und Bunny McGarry und der Mann mit dem Allerweltsgesicht ist einer) erfährt man auch viel Interessantes so nebenbei. Etwa, was es mit den Monkees, dieser Retorten-Band aus den 1960er Jahren, so alles auf sich hatte. Oder, dass ein Jaffa-Cake ein Kuchen und kein Keks ist. Oder, dass Anwälte moralisch flexibel sind.

Doch Bunny McGarry und der Mann mit dem Allerweltsgesicht ist nicht nur ein Krimi, sondern auch ein reflektierter Kommentar eines mit einem lebenspraktischen Verstand gesegneten Autors zum Zeitgeschehen, das sich etwa in Steven-Seagal-Filmen zeigt. „Der letzte Sonntag, der vollständig mit einem Steven-Seagal-Marathon gefüllt worden war, hatte beispielsweise eine wesentliche Erkenntnis gebracht: Schaute man die Filme in chronologischer Reihenfolge, stellte die Karriere dieses Mannes eine beredte Absage an die Vorstellung dar, der Kampfsport würde sich als Abnehm-Methode eignen.“ Paul schaffte diesen Marathon übrigens mit der Hilfe eines besonders preisgünstigen osteuropäischen Biers, bei dem man nach zwei Dosen nichts mehr schmeckte.

Fazit: Ein Lesegenuss par excellence! Sehr lustig, ausgesprochen clever, und Horizont-erweiternd.

C. K. McDonnell
Bunny McGarry und der Mann mit dem Allerweltsgesicht
Ein Dublin-Krimi
Eichborn Verlag, Köln 2023

Leslie Jamison: Der Gin-Trailer

Zu Leslie Jamisons Themen, mit denen sie sich schreibend auseinandersetzt, gehört wesentlich die Sucht. Sie tut dies in Form des Sachbuchs, mittels Essays oder, im vorliegenden Fall, als Roman. Mit Sucht ist hier nicht primär eine Substanzabhängigkeit gemeint, sondern eine Lebenshaltung, die sich dadurch auszeichnet, dass nichts jemals genügt. Jamisons Schreiben zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich aufrichtig darum bemüht, sich selbst und dem Leben gerecht zu werden. Das setzt unter anderem voraus, dass man nicht vor seinen Gefühlen flieht, sondern sich ihnen stellt, und bereit ist, vom Schmerz zu lernen.

Der Gin-Trailer wird alternierend von Stella und ihrer Tante Tilly erzählt. Zu Beginn der Geschichte lebt Stella in New York, wo sie sich auch um ihre Oma Lucy kümmert, was einfacher ist, als sich mit der eigenen Alkoholabhängigkeit auseinanderzusetzen. „Ich hatte mir angewöhnt, so lange weiterzutrinken, bis ich mich im Delirium und in dessen absoluter Stille auflöste, bis ich mich vollkommen unbeobachtet fühlte.“ Dabei brechen auch immer wieder Konflikte mit ihrer Mutter auf, die „in einer deutlich zuverlässigeren und gefestigteren Welt lebte“ als sie selber, die die Welt als etwas erfährt, das ihr zustösst, und nicht als etwas, das sie gestaltet. 

Tilly schmeisst ein paar Monate vor dem Abschluss die Schule, trinkt sich, vorzugsweise mit Gin, ins Vergessen und verdingt sich als Hure. „Ständig hatte ich mir vorgebetet: Das ist nicht dein richtiges Leben. Noch nicht.“ Sie wird schwanger, kriegt ein Kind. „Das Einzige, was ich nie bereuen würde.“

Stella macht Tilly in ihrem Trailer in Nevada ausfindig. Und will sie retten. Merkt dann aber, dass sie sich selber retten will. Das geht oft Hand in Hand und soll keineswegs als Argument gegen das Helfen verstanden werden, denn dass man sich auch selber hilft, wenn man andern hilft, versteht sich so recht eigentlich von selbst. Und gehört übrigens zu den Grundüberzeugungen der Anonymen Alkoholiker.

Dass einmal Stella und dann wieder Tilly zu Wort kommt, ist auch deswegen eine gute Strategie, weil das Bild, das wir von uns selber haben, immer unvollständig ist, da wir uns nicht von aussen sehen können. Anders gesagt: Unser Selbstbild bedarf der Ergänzung.

Sowohl Stella als auch Tilly äussern Wesentliches zur Sucht. Etwa, dass es den Süchtigen an Wertschätzung mangelt und sie darunter leiden, dass sie sich selber nicht wertschätzen. Oder, dass sie ständig auf die Lösung des Lebensrätsels hoffen. „Auch mir ging ein Licht auf – welch dämliche Versuche wir ständig unternahmen, um der Welt irgendeinen Sinn abzugewinnen. Ich zog die Knie an die Brust und lachte. Und sah meinem Sohn zu, der ebenfalls lachte.“

Der Gin-Trailer ist auch ein Roman über „unsere“ vollkommen durchgeknallte Welt, in der Tilly, als sie eine nüchterne Phase hat, durch Vermittlung ihres Sohnes einen Job in einer Bank kriegt und dort in einem Raum arbeitet, der keine Fenster hat. „Ich fragte ihn, warum wir wohl keine Fenster hatten. Er meinte, das habe mit der Filiale in Miami zu tun. Dort war jemand aus dem neunzehnten Stock gesprungen, weswegen eine Richtlinie erlassen worden sei.“

Leslie Jamison versteht es ausgezeichnet, ihre Figuren so menschlich zu zeichnen wie Menschen nun einmal sind. Und sie hat ein gutes Gespür für die Absurditäten des Lebens. „Sie war eine Frau, die im Büro fluchte. Worauf man nicht kommen würde, wenn man sie in ihren Samtröcken und hauchdünnen Halstüchern sah, aber es fiel auch anderen auf, und ich merkte, dass es einige störte.“ Oder: „Sie war netter, als sie aussah, und erzählte mir, wie es so war, als Kleinstadtkind aufzuwachsen.“ Oder: „Sylvia war eine kleine, vollbusige Frau aus Kolumbien. Wegen ihres Akzents klang sie so, als ob sie andauernd alles lustig fände.“ Oder, als sich Stella um einen Job in einem Bed & Breakfast bemüht: „Sie wollten nicht wissen, wo ich zur Schule gegangen war oder was ich studiert hatte, sondern fragten nur, ob ich backen könnte. Als ich verneinte, war das aber anscheinend auch nicht weiter wichtig.“

Tilly hat zwar Phasen, in denen sie nicht trinkt, aber eben auch immer wieder Rückfälle. Das liegt auch daran, dass sie (wie viele andere auch) Mühe hat, sich helfen zu lassen. Aus Scham. Dieser Scham nicht nachzugeben, gehört zu den für mich wesentlichen Botschaften dieses berührenden Romans.

Leslie Jamison
Der Gin-Trailer
Suhrkamp, Berlin 2021

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