Diesem Roman ist ein mir unverständliches Zitat (an der Sprache liegt es nicht) aus dem Rolling Stones-Song You can’t always get what you want (die Denker unter den Rockmusikern sind nicht besonders zahlreich, jedenfalls wenn man die Songtexte zum Massstab nimmt) vorangestellt, denn mit Täuschung (worum es in dem Zitat vermutlich geht), hat dieser gut geschriebene, differenzierte Roman eher wenig zu tun. Doch vielleicht ist es ja ironisch gemeint, einleitend gerade die Rolling Stones, die nicht unbedingt als feministische Speerspitze bekannt sein dürften, zu Wort kommen zu lassen.
Eine dreiköpfige Frauen-WG mit Namen Bienenstock soll auf fünf aufgestockt werden: Nach welchen Kriterien wählt man Interessierte aus? Das ist sehr witzig geschildert und macht vor allem deutlich, wie eigenartig diese Frauen (stellvertretend für uns alle) funktionieren.
So eine WG funktioniert im Übrigen nicht anders als eine Familie. Auch dort gehen die Vorstellungen auseinander. „Die verschiedenen Auffassungen von Wohlbefinden und Sicherheit sind eben doch zu verschieden, auch wenn nur Frauen da sind. Gerade weil nur Frauen da sind. So wie in allen Familien wird gestritten …“.
Eine der WG-Frauen, die Studentin Lilly, trifft sich mit ihrem Vater zum Essen. Nicht weil sie ihn schätzt, sondern weil sie Geld braucht. Während des Essens in einem einschlägigen Szene-Lokal, wo alles uniform hipp abläuft, schämt sie sich (jedenfalls glaubt sie, sich schämen zu müssen) für das Benehmen ihres Vaters, dem die gerade angesagte Sensibilität sich fortschrittlich wähnender Kreise vollkommen abgeht.
Simone, ehemals Lehrerin, um die sechzig, die lernen musste, dass man Empathie nicht unterrichten kann, ist neben der veganen (keiner strikten) Klimaschützerin Lilly die Hauptfigur in diesem Zeitgeist-Roman, der die verschiedenen Facetten des Feminismus aufzeigt, der es aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht schafft, zu einer einheitlichen Kraft zu werden. Das erinnert an das bekannte politische Phänomen, gemäss dem dein schlimmster Feind dein Parteifreund ist.
Sehr schön zeigt Gertraud Klemm auf, wie verschieden Welterfahrung und Denken der Generationen sind. So nervt die sich selber als weisse Altfeministin bezeichnende Simone die Sprachpolitik (Gästinnen!). „Dieses woke Erbsenzählen. Jeder Text ein Minenfeld, an jeder Ecke die neuen Moralistinnen, die einem an den Lippen hingen und jedem falschen Wort auflauerten und Aussagen auf Mikroaggressionen prüften.“ Und Lilly antwortet auf Simones Frage, was der Feminismus falsch gemacht habe: „Er ist nicht mehr so begeisterungstauglich und sexy wie früher, glaube ich. Er ist so … beschwerlich.“
Es ist eine Welt der Gebote und Verbote, die hier geschildert wird, die auf der Vorstellung gründet, mit dem richtigen Bewusstsein käme auch das richtige Handeln. Nur eben: Das Bewusstsein ist keine feste, sichere Grösse, sondern schwankt dauernd hin und her, geht rauf und runter, und macht generell, was es will. Sowohl Simone wie auch Lilly sind viel zu komplex als dass ihnen wirklich klar wäre, was richtig und was falsch ist.
Während Simone für die politisierte Frau steht, ist Lilly für Simone „unschuldig unpolitisch, so wie viele ihrer Generation. Weil ihnen nichts passiert ist, was sie politisieren könnte.“ Dass sich nicht zu politisieren vielleicht eine bessere Option sein könnte (das gängige Politisieren hat schliesslich hinlänglich gezeigt, dass es nicht imstande ist, eine dringend notwendige Werteumkehr zustande zu bringen), dieser Gedanke kommt Simone offenbar gar nicht. Lilly hingegen, die spürender unterwegs ist, konstatiert Wesentliches, also Atmosphärisches. „Man muss Begriffe wie sexistisch, übergriffig, Emanzipation, Feminismus nur denken und schon ist die Stimmung am Arsch, egal ob auf dem Markt oder sonst wo.“
Es ist eine bunte Mischung aus Trans, Queer und traditionellen Feministinnen, die Gertraud Klemm hier vorführt. Frauen (und ein paar Männer), die so originell, interessant, fad und unspektakulär sind wie es uns unsicheren und nach Halt suchenden Menschen nun einmal eigen ist. Leider wird dieser hoch komplexe Mensch auch immer wieder auf ein Schwarz/Weiss-Niveau heruntergeschraubt, das in seiner intellektuellen Dürftigkeit ziemlich peinlich ist: „Authentisch heisst das, wenn man sich den Politiker dabei vorstellen kann, wie er sich den Hintern auswischt. Ihm wird alles verziehen. Das gilt natürlich nur für Männer. Frauen wird alles übelgenommen, weil sie ja nicht weniger als alles falsch machen.“ Erfreulicherweise sind solche Stellen die Ausnahme.
Zu meinen Lieblingsszenen gehört, wie Lillys Einschätzung ihrer Wohnsituation und ihr Bemühen eine andere Bleibe zu finden, geschildert wird. Auf dem Weg zu ihrer Mutter sieht sie Simone, die sie nicht bemerkt, in dieselbe Strassenbahn einsteigen: Die Gedanken, die sich Lilly über Simone macht, sind sehr einfühlsam und berührend – und zeigen sehr schön, dass Drittpersonen Dinge über uns wahrnehmen, die wir selber nicht sehen können.
„Wir im Bienenstock versuchen, am Patriarchat und am globalisierten Raubtierkapitalismus vorbeizuleben“, hat Simone beim Vorstellungsvideo für die Big-Sista-Doku in die Kamera gesagt, bei der die WG-Bewohnerinnen sowie eine Besucherin (einmal eine Muslim, ein andermal eine Sexarbeiterin) sich zu Religion, Gender, Unterdrückung, Sexarbeit usw. äussern, aus feministischer Perspektive, doch auch nicht viel anders als Männer, die politisch streiten – rechthaberisch, besserwisserisch, ermüdend und gelegentlich originell. Dabei stösst man auch auf Wörter wie SWERF (Sex Work Exclusionary Radical Feminism) sowie TERF (Trans-Exclusionary Radical Feminism). Es spricht für diesen Roman, dass diese Begriffe nicht weiter geklärt werden …
Fazit: Eine unterhaltsame und anregende Auseinandersetzung mit den vielfältigen Ausformungen des Feminismus, die genau wie alle anderen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auch, nicht unwesentlich von der Vorstellung bestimmt wird, die „richtige“ Ideologie/Wortwahl würde eine bessere/gerechtere Welt hervorbringen. Nur eben: Handeln und Bewusstsein differieren meist beträchtlich – und allzu oft haben sie überhaupt nichts miteinander zu tun.
Gertraud Klemm
Einzeller
Kremayr & Scheriau, Wien 2023




