A. Kendra Greene: Das Walmuseum, das Sie nie besuchen werden

Island, so lerne ich auf den ersten Seiten dieses (wie immer bei liebeskind) ansprechend gestalteten Bandes, hat 330’000 Einwohner und 265 Museen und öffentliche Sammlungen. Umso erstaunlicher ist, „dass fast alle diese Institutionen in den letzten zwanzig Jahren gegründet wurden.“ Verblüffender geht kaum, und ganz speziell für mich, der so recht eigentlich nie Museen besucht. Warum das so ist, weiss ich nicht wirklich – vielleicht weil sie mich an Gräber erinnern, vielleicht weil man da still und beeindruckt zu sein hat, vielleicht weil ich sie als tot und lebensfeindlich empfinde, vielleicht weil sie so offensichtlich ‚Kultur‘ und ‚bedeutsam‘ schreien und ich das erdrückend finde. Vielleicht aber auch …

Dass die Autorin für verschiedene Museen tätig gewesen ist, u.a für das Museum of Contemporary Photography in Chicago, gehört zu den Gründen (jedenfalls zu denen, die mir bewusst sind), die mich für dieses Buch interessieren (ich habe während zwanzig Jahren über Fotografie geschrieben). Überdies hoffe ich auf einen mir bis anhin verborgenen Zugang, denn gemäss meiner Erfahrung können Menschen, die für etwas brennen (und so stelle ich mir die Autorin vor), mich gelegentlich mit ihrer Begeisterung infizieren.

Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er sich Geschichten erzählt. Und A. Kendra Greene erzählt ganz viele. Etwa die von ihrem Besuch im einzigen Penismuseum auf der Welt, das „eine Sammlung von Phalli aller in einem bestimmten Land vorkommenden Arten von Säugetieren enthält.“ Und was gibt es da zu sehen? Genau das, was dieses Museum vorgibt zu sein, „Penisse von einer Wand zur anderen.“

A. Kendra Greene beschreibt nicht einfach, was sie sieht, gibt nicht einfach wieder, was man ihr erläutert, sondern teilt auch ihre eigenen Gedanken mit. „Ich denke, man besucht das Museum, weil man ‚Phallologisches Museum‘ hört und nicht glauben kann, dass das, was man sich darunter vorstellt, wirklich existiert. Und das tut es tatsächlich nicht. Sobald man durch die Tür tritt, weiss man, dass man sich geirrt hat, Es ist nicht obszön. Es ist nicht einmal lustig – nur man selbst hat sich ein wenig lächerlich gemacht.“

Was mich speziell für diese Reise nach Island einnimmt, ist die fragende Grundhaltung der Autorin. Man spürt sofort: Da ist ein neugieriger Mensch unterwegs – und das ist (eigenartigerweise) bei Reisenden eher selten. Warum eigentlich ein Museum für Penisse und nicht generell von Genitalien, will sie vom Museumsgründer, einem Spezialisten für lateinamerikanische Geschichte (erinnert mich an die Deutschen Meisterschaften in den Lateinamerikanischen Tänzen) wissen. Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Museum und einer Sammlung … Antworten darauf gibt es im Buch …

Museen, geht mir im Laufe der Lektüre auf, sind Orte für Sammler – Einrichtungen, in denen Sammler ihre Fundstücke ausstellen. Gesammelt werden kann so ziemlich alles, auch dies eine Erkenntnis, worüber ich noch nie wirklich nachgedacht habe. Petra zum Beispiel sammelt Steine. „Petras Ethik des Steinsammelns besagte, dass man nichts beschädigen durfte, um an das gewünschte Stück zu gelangen, aber dass man überall suchen durfte.“ Übrigens: „Petra hat dreizehn Enkelkinder und so viele Urenkel, dass ihre vier Kinder einhellig der Meinung sind, es sei zu viel Aufwand, sie alle zu zählen.“

Doch wie stellt man eigentlich Phänomene aus, die man nicht eigentlich sehen kann. Die Angst etwa? Die kurze Geschichte „Das Museum der Finsternis“ berichtet davon. Und wie zeigt man Hexerei und Zauberei? Es soll hier nicht verraten werden, doch auch dafür gibt es in Island ein Museum. Doch was, bitte schön, soll bloss ein „Museum der Berufung“ sein? A. Kendra Greene erzählt dazu die eindrückliche Geschichte des 1884 geborenen Samúel Jónsson, der Landschaften malte, Skulpturen modellierte und ein Altarbild schuf, das er der Kirche seiner Gemeinde schenkte, die es jedoch ablehnte, worauf er seine eigene Kirche errichtete und darin das Altarbild aufstellte.

Das Walmuseum, das Sie nie besuchen werden ist reich an ganz wunderbaren Geschichten, die einen staunen machen und auch immer mal wieder das Herz jubeln lassen. Vor allem aber ist es ein Buch, das mir Island und die Isländer sympathisch macht – selten habe ich bei der Lektüre eines Reisebuchs so oft geschmunzelt. „In Island ist vieles in irgendeiner Art und Weise abgeschieden. Dieses Wort benutze ich fast immer, wenn ich einen Ort hier beschreibe, obwohl ich es jedes Mal anders meine – ‚weit weg‘, ’schwer zu erreichen‘, ‚Nebenstrasse‘ oder ‚Ende der Welt‘ in immer neuen Kombinationen, die Berge mal schroffer, der Wind heftiger oder der Tunnel endlich offen.“

Fazit: Unterhaltsam, smart, humorvoll und informativ.

A. Kendra Greene
Das Walmuseum, das Sie nie besuchen werden
Eine Reise nach Island
liebeskind, München 2022

Arno Luik: ‚Als die Mauer fiel, war ich in der Sauna‘

Dieser Band enthält Befragungen (Gespräche sind es entgegen der Verlagsinformation nicht) mit Angela Merkel, Sarah Wagenknecht, Jean Ziegler, Yanis Varoufakis und vielen anderen. Als Fragesteller fungierte der Journalist Arno Luik, über den der Verlag schreibt: „Arno Luik verführt seine Gegenüber von Beginn an zu einer erstaunlichen Offenheit und schafft es, Brisantes aus ihnen herauszukitzeln – oder Lustiges, oder Berührendes.“

Dass mediale Fragesteller die Tendenz haben, sich übertrieben wichtig zu nehmen, ist bekannt. Einige von ihnen – man denke etwa an Christiane Amanpour – kriegen dem Vernehmen nach Millionengehälter für Fragen wie „How do you feel, Mister President?“; andere werden von ihren Gesprächspartnern mitunter barsch zurechtgewiesen. So antwortete Margaret Thatcher auf die Frage, wie sie sich fühle, mit „Warum fragen Sie mich nicht, was ich denke?“ Henry Kissinger wiederum drehte den Spiess um und wandte sich bei einer Pressekonferenz so an die versammelten Journalisten: „Auf welche ihrer Fragen, soll ich meine vorgefertigten Antworten ablesen?“

Wer was und wie fragt, halte ich nicht für wesentlich. Entscheidend ist vielmehr, ob jemand reden will. Und da die in diesem Buch Befragten ganz offensichtlich reden wollen, erhalte ich erhellende Auskunft über das Denken der Eitlen und Ehrgeizigen, die sich natürlich nicht so zeigen wie sie sind (wer weiss schon, wer er oder sie ist?), sondern wie sie – es sind allesamt PR-Profis! – gesehen werden wollen.

Es sind aufschlussreiche Interviews, weil die Interviewten Konkretes von sich geben. Angela Merkel: „Ein Politiker muss machtbewusst sein. Er muss ehrgeizig sein. Er muss sich selber etwas abverlangen können.“ Die Europa-Interna des Yanis Varoufakis, mit einem Seitenhieb auf den Angeber Sigmar Gabriel, die mich darin bestärken, noch weit weniger von der EU zu halten als bis anhin. Der Anwalt und Autor Ferdinand von Schirach, der die Pauschalurteile des Fragestellers („Er machte das Böse im Auftrag des Staates, Sie verteidigen das Böse gegen den Staat.“ / „Sie leiden an der Moderne“) differenziert pariert und unter anderem Somerset Maugham anführt, der einmal treffend gemeint hat, „es sei aus der Perspektive der Ewigkeit völlig gleichgültig, ob wir tausend Bücher lesen oder eine Million Ackerfurchen ziehen.“

Irritierend fand ich Arno Luiks Verkürzungen. „Sie sind eine Apokalyptikerin“, sagt er zu Sahra Wagenknecht, „Sie lieben die Polemik“, zu Jean Ziegler. Zu seinen Angewohnheiten gehört überdies, die Befragten mit Aussagen zu konfrontieren, die sie irgendwann einmal gemacht haben. Verblüffend fand ich, dass diese (nicht alle, einige sagten auch, sie seien falsch zitiert worden) sich dann bemüssigt fühlten, darauf einzugehen, denn ich gehe nicht davon aus, dass sie sich an einmal gemachte Aussagen erinnern. Zugegeben, ich schliesse von mir auf andere – was vielleicht nicht immer angebracht ist, schliesslich ist ja ohne weiteres möglich, dass anderen ein besseres Gedächtnis eignet als mir.

Über den niederländischen Schriftsteller Harry Mulisch, dessen Beobachtungen am Eichmann-Prozess, Strafsache 40/16, mich einst beeindruckt hatten, hält der nicht gerade uneitle Arno Luik fest: „Ich habe selten einen Künstler getroffen, der so von sich überzeugt war“. Doch auch den Eitlen fällt ab und zu Schlaues ein. Auf das Martin Walser-Zitat, das Altern sei ‚von allen irdischen Gemeinheiten die gemeinste. Man kann nicht froh sein, so alt zu sein‘, erwiderte Mulisch: „Wäre er denn lieber mit 27 gestorben? Das Nichtaltwerden ist doch viel schrecklicher, das hat er wohl vergessen.“ Noch besser, jedenfalls für mich, hat es mein lieber, 2006 im 97sten Altersjahr verstorbene, Münchner Freund Wamse gesagt: „Alt werden ist schon Sch …, , andererseits, jung sterben bringt’s irgendwie a net.“

Zu meiner Überraschung – mehr als ein paar clevere Bonmots hatte ich mir nicht erwartet (ich schätze clevere Bonmots! Zu meinen liebsten in diesem Band gehört Gore Vidals „Was ist denn ein Präsident? Er ist das Sprachrohr der Konzerne – und sonst gar nichts.“) – erwies sich „Als die Mauer fiel, war ich in der Sauna“ als wahre Fundgrube an profunden Einsichten und eigenwilligen Bekenntnissen, speziell von Leuten, die mir kein Begriff gewesen waren. Wie etwa Angelika Schrobsdorff: „Das Leben – man wird durch dieses Leben geschleudert und gezogen, es wird einem dies und das angetan, und irgendwie würgt man sich durch. Nein, ich halte nichts von diesem Leben.“ Oder Jutta Winkelmann: „Es gibt keinen Tod. Keinen Tod. Das sind Gedanken. Wir werden immer weiterleben.“

Fazit: Ein spannender und anregender Augenöffner über die Kunst der Selbstdarstellung!

Arno Luik
„Als die Mauer fiel, war ich in der Sauna“
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2022

Bernardine Evaristo: Manifesto

Bernardine Evaristos Mädchen, Frau, etc. hat mich begeistert, kein Wunder also, gehe ich ihr Manifesto positivst gestimmt an, auch wenn mir der Untertitel „Warum ich niemals aufgebe“ nicht viel mehr als ein müdes Schulterzucken entlockt, denn der Mensch, so meine Sicht aufs Leben, hat schlicht keine Ahnung, weshalb er tut, was er tut.

Geboren wurde die Autorin 1959 in London, genauer im armen Londoner Süden, als viertes von acht Kindern einer englischen Mutter und eines nigerianischen Vaters. „Obwohl ich also vom ‚Abstammungsmix‘ her zu gleichen Teilen schwarz und weiss bin, sehen andere, wenn sie mich anschauen, nur meinen Vater in mir, nicht meine Mutter. Die Tatsache, dass ich keinen Anspruch auf eine Identität als Weisse erheben könnte, selbst wenn ich das wollte (was ich nicht tue), ist in sich vernunftswidrig und belegt nur einmal mehr, wie absurd das ganze Konzept von ‚Rassen‘ tatsächlich ist.“

Aufgrund ihrer Hautfarbe wurde sie als „Ausländerin, Aussenseiterin, Fremde“ wahrgenommen; dass sie überdies „in die Niederungen des britischen Klassensystems hineingeboren wurde“, trug auch nicht gerade zu günstigen Startbedingungen ins Leben bei. Sie schildert ihr Aufwachsen höchst nüchtern, was dazu beiträgt, das ’no-nonsense‘-Gefühl, das dieses Buch prägt, zu verstärken. Nie hatte ich den Eindruck, sie idealisiere bzw. theoretisiere – und genau dies macht für mich den Reiz von Manifesto aus.

Besonders beeindruckt hat mich, wie sie ihr hochproblematisches Verhältnis zu ihrem Vater beschreibt, der sich nie als Opfer, sondern immer als Kämpfer begriffen hat, und sich nicht gross um seine Kinder kümmerte. Über seine Sprache, Yoruba, hält sie fest: „Sie verfügt über verschiedene Töne, von denen jeder die Bedeutung eines Wortes verändern kann, und manche lassen auch mehrere unterschiedliche Interpretationen offen. Das Wort oro zum Beispiel kann ‚Freund‘, ‚Stadt‘, ‚Gabe‘ und ‚Stock‘ bedeuten, das Wort ogun wiederum heisst ‚Besitz‘, ‚Medizin‘, ‚Krieg‘, ‚Zauberspruch‘ und ‚zwanzig‘ und ist ausserdem der Name eines Mitglieds der Yoruba-Götterwelt. Vor Jahren habe ich einmal versucht, in einem Abendkurs Yoruba zu lernen, es aber gerade mal geschafft, bis zehn zu zählen.“

Vom Rassismus, den sie erlebt hat, ist ausgiebig die Rede. Ihre Mutter hätte ihre Kinder gerne auf dem Land aufwachsen lassen, doch der ländliche Rassismus war weitaus schlimmer als der städtische, schreibt sie, und in mir denkt es, da wäre ich vermutlich gar nicht drauf gekommen, weil mir solche Erfahrungen fremd sind. Bernardine Evaristo geht sehr souverän damit um. „Die britische Gesellschaft meiner Vorortkindheit konnte dem Konzept des Schwarzseins absolut nichts Positives abgewinnen, bis auf die Musik, die aus den USA herüberkam, die Supremes, die Jackson 5, Stevie Wonder und die Four Tops.“ Ein Foto von ihrer Erstkommunikation zeigt sie mit einem weissen Jungen; trocken kommentiert sie: „Mein Begleiter kann es sichtlich kaum erwarten, von mir wegzukommen.“

Und von ihren Beziehungen berichtet sie. „Meine persönlichen Zwanziger verbrachte ich in lesbischen Beziehungen, bis ich die Dreissiger wieder als Heterosexuelle einläutete.“ Das liest sich lustig und berührend, sehr englisch eben. Und das meint unter anderem, dass man mit Offenheit oft den Schmerz zudeckt. Auch von ihrem Schreiben erzählt sie. Das ist nicht nur spannend zu lesen, sondern auch sehr aufschlussreich, nicht zuletzt, weil es auch deutlich macht, wie individuell unterschiedlich der Schreibprozess verläuft.

Ein solcher Rückblick auf das eigene Leben ist immer eine Zeitreise, die einen auch die Gegenwart mit neuen Augen sehen lässt. „Die Überfülle an Dauerbespassung, die jungen Menschen heutzutage geboten wird, sprengt jedes Fassungsvermögen, wenn man sie mit meinen frühen Jahren vergleicht.“ Das Zurückschauen lässt einen aber auch entdecken, dass schon immer da war, was einen wesentlich ausmacht. „Mein Experimentiergen, dieses Bedürfnis, anders zu sein, war immer da, von dem Moment an, als ich beschloss, aus meiner Aussenseiterposition als Teenager eine Tugend zu machen.“ Ich vermute, es war schon vorher da …

Fazit: Informativ und witzig, erhellend und aufklärend.

Bernardine Evaristo
Manifesto
Warum ich niemals aufgebe
Tropen, Stuttgart 2022

Ronja von Wurmb-Seibel: Wie wir die Welt sehen

Der Untertitel „Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien“ löst bei mir einen Reflex aus, der sich so äussert: Furchtbar diese Leute, die die Welt unbedingt positiv sehen wollen! Natürlich ist die Welt negativ zu sehen genau so wenig eine Alternative, doch wie wäre es, sie einfach so zu sehen, wie sie ist?  Also höchst komplex und alles andere als eindeutig.

Doch zum Buch, dessen Autorin fast zwei Jahre als Reporterin in Kabul gelebt hat und, so der Klappentext, als Journalistin mehrfach ausgezeichnet wurde, was für mich gleichbedeutend ist mit angepasst und mehrheitsfähig. „Dieses Buch handelt nicht von mir. Es handelt davon, was ich in den letzten Jahren gelernt habe, was Nachrichten mit uns machen. Mit uns, unserem Denken, unserer Wahrnehmung und unserem Leben.“ Schon ziemlich vollmundig, nicht nur für sich, sondern für die ganze Welt sprechen zu wollen; andererseits, so verschieden voneinander sind wir ja nun auch nicht, gut möglich also, dass, was für sie gilt, auch für andere gelten mag.

Prägend für uns Menschen ist, dass wir uns Geschichten erzählen. Ronja von Wurmb-Seidel interessiert sich für Geschichten, die Mut machen. „Ich wollte zeigen, dass es für jeden Missstand einen  Ausweg gibt.“ Ich selber halte zwar einen solchen Ansatz für entschieden unter-komplex (was der eine als Missstand bezeichnet, ist für die andere die natürliche Ordnung), doch wer erfahren hat (wie zahlreiche Studien zeigen), dass der dauerhafte Konsum von negativen Nachrichten Angst auslöst, sehnt sich vermutlich nach „Positivem“. 

Wir erzählen uns die falschen Geschichten, wir sollten unser Augenmerk nicht nur auf die Probleme, sondern auch auf deren Lösung legen, meint die Autorin. Und hat eindeutig Recht damit, auch wenn sie die Fähigkeiten der Geschichtenerzähler möglicherweise etwas überschätzt, denn kritisieren ist nun einmal einfacher als Lösungen aufzuzeigen. „Wer aufzeigt, dass ein als unlösbar geltendes Problem lösbar ist, übt Druck auf Regierung und Opposition – und hinterfragt so die Machtverhältnisse, zitiert sie die Psychologin Jodie Jackson. Nur eben: Ein Blick auf die Wirklichkeit zeigt, dass nichts grösseren Widerstand hervorruft als das Hinterfragen der herrschenden Verhältnisse und darin liegt der Grund, dass solche Geschichten ein recht kümmerliches Dasein fristen.

 Der Mythenforscher Joseph Campbell hat darauf hingewiesen, dass Heldenerzählungen in allen Kulturen nach demselben Muster ablaufen. Held oder Heldin müssen Heim und Hof verlassen, sich in der feindlichen Fremde bewähren und kommen dann als neues Ich wieder zurück. Damit wird eine Glorifizierung des Individuums betrieben, die in die Irre führt. Ronja von Wurmb-Seidel führt dazu ein ganz tolles Zitat von Rebecca Solnit an, das so beginnt: „Wir sind nicht gut darin, Geschichten darüber zu erzählen, wie hundert Leute gemeinsam etwas bewegen …“.

„Wie wir gelernt haben, uns hilflos zu fühlen – und wie wir es entlernen können“ ist ein Kapitel überschrieben, das unter anderem sehr schön aufzeigt, wie man das Schuhe Binden nicht lernen sollte. Daraus jedoch abzuleiten, dass aus Fehlern zu lernen „die denkbar langsamste, mühsamste und ineffizienteste Art ist, uns neues Wissen anzueignen und neues Handeln zu trainieren“, beruht auf der naiven Wunschvorstellung, Neues zu lernen müsse angenehm und leicht sein. Siehe auch hier.

Natürlich kann es bei Büchern in denen es von * nur so wimmelt, nicht ausbleiben, dass die Dominanz der Männer in den Geschichten zur Sprache kommt. „Die Realität, die ich in zwanzig Jahren und hunderten Männerbüchern aufgesogen hatte … Frauen sind Nebenfiguren. Und sonst nichts.“ Zum Ausgleich zitiert Ronja von Wurmb-Seidel vor allem Frauen. Na ja …

Doch zum Positiven: Stark ist dieses Buch für mich immer dann, wenn es persönlich wird, also von der Autorin selbst handelt. Etwa ihre Ausführungen zum Reisen: „Wenn ich reise, fühle ich deutlich, was sonst oft abstrakt bleibt: dass die Welt unterschiedlich ist an unterschiedlichen Orten und deshalb nie nur ausschliesslich schlecht …“. Oder was ihr zwei Männer von ihrer Pferdetherapie erzählt haben: „Entspannungsschnauben wie ein Pferd (ich mache das seither selbst, wenn ich angespannt bin …“).

Übrigens: Das Buch behauptet keineswegs, dass Nachrichten unwichtig oder ungesund sind, stattdessen will es aufzeigen, „was Nachrichten sind. Und was sie nicht sind: ein akkurates Abbild unserer Welt, unseres Kontinents, unseres Landes, unserer Nachbarschaft, oder auch nur eines einzelnen Tages darin.“

Und nicht zuletzt: Was mir Wie wir die Welt sehen  verdienstvollerweise in Erinnerung ruft: Wir wählen ständig, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, weshalb denn auch eine Wahl, die auf Fakten gründet, uns zuträglicher ist als die Perpetuierung der Dinge, wie sie angeblich sind.

Ronja von Wurmb-Seibel
Wie wir die Welt sehen
Was negative Gedanken mir unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien
Kösel, München 2022

Liao Yiwu: Wuhan

Es gehört zu den Rätseln der menschlichen Existenz, dass wir während eines Geschehens selten begreifen, was vor sich geht. Erst im Nachhinein, so scheint es, wird uns deutlich, was eigentlich vorgefallen ist. Oder ist das auch nur Einbildung? Sind wir überhaupt imstande, zu verstehen, was geschieht oder schieben wir einfach Erklärungen nach, die mehr über unser Denken als über das, was wirklich geschehen ist, verraten?

Wir haben Kategorien geschaffen, die über den Wahrheitsgehalt des Erzählten Auskunft geben sollen. Romane sind Fiktion; Science Fiction, Fantasy, Krimi, Thriller und Kinderbuch sowieso. Dokumentationen andererseits treten mit dem Anspruch auf real zu sein, ja, die Wirklichkeit abzubilden, obwohl auch Dokumentationen einem Drehbuch folgen. Das vorliegende Werk wird als Dokumentarroman bezeichnet und impliziert damit, dass das, was hier erzählt wird, nicht erfunden, sondern recherchiert wurde, also auf Fakten beruht.

Wuhan ist ein sehr informatives Werk, das davon berichtet, wie anders man in China mit dem Virus umgegangen ist als in Europa, und unter anderem ausführlich der Frage nachgeht, ob es aus dem P4-Labor des Virologischen Instituts von Wuhan, einer Art Hochsicherheitsgefängnis, entwichen oder natürlichen Ursprungs („.. die Strafe der Natur für eine Barbarei der Menschen: für ihren Hunger auf leckere Wildtiere.“) sei.

Als der Historiker Ai Ding aus Berlin kommend, wo er ein Auslandsjahr absolviert hat, in Peking eintrifft, erfährt er, dass sich seine Familie in Wuhan im Lockdown befindet. Die Stadt sei abgeschlossen, sagt seine Frau am Telefon, er solle nach Changsha fliegen und für eine Weile in ihrem alten Zimmer bei ihrer Familie bleiben. Im Flugzeug fängt er sich dann eine Ohrfeige ein, als er seinen Sitznachbarn sagt, er komme aus Hubei. „Ai Ding wehrte sie nur ab, er war ein Intellektueller, bei ihm galt nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn, aber das Ehepaar hörte nicht auf, löste schliesslich den Sicherheitsgurt, stand auf und rief laut nach der Stewardess.“ Die übrigen Fluggäste wenden sich gegen ihn, er verbringt den Rest seines Fluges auf der Toilette.

Die Stimmung, die Liao Yiwu in Wuhan schildert, ist überaus bedrückend – die Angst vor dem Virus wie auch vor der Staatsmacht gehen Hand in Hand. Das Land ist besetzt, die Seuchenpolizei patrouilliert die Strassen. Ai Ding muss in Quarantäne und schreibt Tagebuch, um sich die Zeit zu vertreiben.

2003 entdeckte der italienische Arzt Carlo Urbani in einem vietnamesisch-französischen Krankenhaus in Hanoi eine atypische Lungenentzündung, die unter dem Namen SARS bekannt werden sollte. Das war am 23. Februar. Die Vietnamesen reagierten schnell – die Grenzen wurden geschlossen, Seuchenalarm wurde ausgelöst. Am 8. April war die Ausbreitung in Vietnam unter Kontrolle. In China reagierte die Regierung, wie Diktaturen das üblicherweise tun – mit Vertuschung und Lüge. Bemerkenswert ist der Mut, die Dinge beim Namen zu nennen, des Augenarztes Len Wenliang sowie der Leiterin der Notaufnahme des Zentralkrankenhauses von Wuhan, Ai Feng – um zwei namentlich zu erwähnen.

„Das ‚Gerücht‘, SARS erlebte nach siebzehn Jahren ein Comeback, ging zusammen mit der Schliessung des Grossmarkts …“. Nur zeigte sich dann, dass SARS weit weniger ansteckend gewesen war, Mundschutz, Handschuhe und normale Schutzkleidung nicht ausreichten. Das Schlangestehen im Zentralkrankenhaus in Wuhan liess nicht lange auf sich warten, die Szenen, die sich dort abspielten muten apokalyptisch an. Ai Dings Frau berichtet ihm nach Changsha, in Wuhan sei der Tod Alltag, „vom Hochhaus, von der Brücke springen, das ist ganz normal geworden …“.

Als er schliesslich die Quarantäne in Changsha hinter sich hat und sich mit dem Motorrad über geisterhaft leere Autobahnen nach Wuhan aufmacht, wird er unterwegs immer mal wieder angehalten, desinfiziert („… eine stangenartige Pestizidspritze direkt auf ihn zuhielten und ihn mit Desinfektionsmittel einnebelten.“) und mit Vorwürfen eingedeckt („… einen von denen, die 1,4 Milliarden Chinesen diese Katastrophe mit dem neuen Coronavirus eingebrockt haben…“). Ein Offizieller erwidert auf Ai Dings Bemerkung, die Politik der Partei könne sich doch nicht vom einen Augenblick zum nächsten ändern: „Die Politik der Partei ist für alle Ewigkeit unveränderlich wie die Sonne, doch mit dem neuen Coronavirus ändert sich alles.“ Orwell lässt grüssen …

Die Originalausgabe dieses Buches erschien 2020; aktuell ist sie gleichwohl, denn das Verdrehen der Wahrheit, bürokratische Willkür, Totalüberwachung und die alle Nachrichten beherrschende Propaganda sowie die Brutalität von diktatorischen Regimes sind zeitlos.

Fazit: Absurd und beklemmend. Wer wissen will, was eine Diktatur mit den Menschen macht, sollte dieses Buch lesen.

Liao Yiwu
Wuhan
Dokumentarroman
S. Fischer, Frankfurt am Main 2021

Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine

Dieses 1994 erschienene, 2019 überarbeitete und aktualisierte, nunmehr in der 6. Auflage vorliegende Werk ist der „erste Versuch einer deutschsprachigen Gesamtdarstellung aus der Feder eines Nicht-Ukrainers“, informiert Andreas Kappeler, emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen und der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, in seiner Einleitung. Sein Anliegen ist es, „der im Westen vorherrschenden russozentrischen Optik, die die Ukraine (wenn überhaupt) nur als Randgebiet Russlands zur Kenntnis nimmt, eine ukrainische Perspektive entgegenzusetzen.“

Von der Ukraine weiss ich gerade einmal, dass sie die Kornkammer der Sowjetunion gewesen ist und dass Odessa am Schwarzen Meer liegt. Die Orange Revolution habe ich nicht wirklich wahrgenommen, dass da ein Komiker zum Präsidenten wurde, war mir zwar bekannt, und ebenso, dass er vom ehemaligen amerikanischen Präsidenten erpresst wurde, doch das war’s dann auch schon. Mit anderen Worten: Für jemanden wie mich, der nur sehr vage Vorstellungen von diesem Land hat, ist diese Kleine Geschichte der Ukraine überaus nützlich.

Offenbar war/ist auch für andere die Ukraine eine Art terra incognita. „Das plötzliche Auftreten der Ukraine in der europäischen Politik kam für den Westen überraschend.“ Das verblüfft mich, offenbar sind Politiker noch weniger auf dem Laufenden als ich gedacht habe, denn mit 45 Millionen hat das Land ungefähr gleich viele Einwohner wie Spanien, zudem ist es hinter Russland der territorial zweitgrösste Staat Europas. Laut Kappeler liefert die Geschichte darauf Antworten – bis heute hat eine wirkliche Nationsbildung der Ukrainer nicht stattgefunden; überdies fühlten sich Russen und Polen „dem sogenannten unhistorischen Bauernvolk“ gegenüber traditionell überlegen.

Wie jedes Land, so wird auch die Ukraine wesentlich von seiner Topografie definiert. „Die Lage am Steppenrand ist denn auch ein Grundelement der ukrainischen Geschichte, das manifest wurde sowohl in ständigen Einfällen der Reiternomaden wie in der Vermittlung zwischen Sesshaften und Reiternomaden, zwischen slawisch-christlicher und turko-tatarischer islamischer Welt.“ Und wie in jedem anderen Land auch, spielt die Frage der nationalen Identität eine wichtige Rolle. „Für Russland und die Russen war die ukrainische Frage eng mit dem bis heute nicht gelösten Problem der russischen nationalen Identität verknüpft: Ist es der Staat, das Imperium, oder ist es die Sprache, ist es der orthodoxe Glaube, oder ist es die slawische Kulturgemeinschaft, die die russische Nation ausmacht?“

Schon eigenartig, mit was für Fragen sich der Mensch beschäftigt! Dieser Mensch, der weder weiss, woher er kommt, noch wohin er geht, geschweige denn, was er hier auf Erden tun soll. Dass er nichts weiter als ein Geschöpf ist, dem ein temporärer Aufenthalt auf dem Planeten Erde gewährt wurde, reicht ihm offenbar nicht. Er muss auch noch wissen, und zwar unbedingt!, ob er Russe, Ukrainer, Schweizer oder was auch immer ist. Wer hat uns bloss diesen Unsinn eingeredet? Und weshalb glauben ihn so viele? Oder sind es etwas gar nicht so viele?

Als die Sowjetunion sich 1991 auflöste, wurde die Ukraine unabhängig. Die Präsidentenwahl 2004 ging mit massiven Fälschungen, die „zum Teil von naiver Plumpheit“ waren, einher und wurden „zum Auslöser einer Massenbewegung, wie man sie nicht für möglich gehalten hätte.“ Daraus entwickelte sich die von vielen jungen Menschen, die nicht vom Sowjetsystem geprägt waren, unterstützte Orange Revolution, die in den Folgejahren jedoch ihr Vertrauenskapital verlor und von einer autoritären Kleptokratie (von 2010 bis 2014) abgelöst wurde. Doch ich will hier nicht das Buch nacherzählen, das mit dem Kapitel „Der Euro-Majdan, die Einmischung Russlands und die Destabilisierung der Ukraine“ endet und sich unter anderem mit der Frage auseinandersetzt, wie es zu den beiden zivilgesellschaftlichen Massenbewegungen (der Orangen Revolution und dem Euto-Majdan) hat kommen können. „In keinem anderen europäischen Land gab es seit der Revolution von 1989/91 einen vergleichbaren Massenprotest.“

Diese Kleine Geschichte der Ukraine, deren ausführlichster und detailliertester Teil von der Zeit ab 1991 bis 2019 handelt, schliesst mit dieser Mahnung aus dem Jahre 2019: „Auch fünf Jahre nach dem Euro-Majdan bedarf die Ukraine unserer Solidarität. Es geht nicht nur um die Zukunft der Ukraine, sondern es geht um Europa, um das europäische Projekt von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat, um die Regeln der Internationalen Beziehungen und die Wiederherstellung der europäischen Friedensordnung.“

Andreas Kappeler
Kleine Geschichte der Ukraine
C.H. Beck, München 2022

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