Island, so lerne ich auf den ersten Seiten dieses (wie immer bei liebeskind) ansprechend gestalteten Bandes, hat 330’000 Einwohner und 265 Museen und öffentliche Sammlungen. Umso erstaunlicher ist, „dass fast alle diese Institutionen in den letzten zwanzig Jahren gegründet wurden.“ Verblüffender geht kaum, und ganz speziell für mich, der so recht eigentlich nie Museen besucht. Warum das so ist, weiss ich nicht wirklich – vielleicht weil sie mich an Gräber erinnern, vielleicht weil man da still und beeindruckt zu sein hat, vielleicht weil ich sie als tot und lebensfeindlich empfinde, vielleicht weil sie so offensichtlich ‚Kultur‘ und ‚bedeutsam‘ schreien und ich das erdrückend finde. Vielleicht aber auch …
Dass die Autorin für verschiedene Museen tätig gewesen ist, u.a für das Museum of Contemporary Photography in Chicago, gehört zu den Gründen (jedenfalls zu denen, die mir bewusst sind), die mich für dieses Buch interessieren (ich habe während zwanzig Jahren über Fotografie geschrieben). Überdies hoffe ich auf einen mir bis anhin verborgenen Zugang, denn gemäss meiner Erfahrung können Menschen, die für etwas brennen (und so stelle ich mir die Autorin vor), mich gelegentlich mit ihrer Begeisterung infizieren.
Es gehört zum Wesen des Menschen, dass er sich Geschichten erzählt. Und A. Kendra Greene erzählt ganz viele. Etwa die von ihrem Besuch im einzigen Penismuseum auf der Welt, das „eine Sammlung von Phalli aller in einem bestimmten Land vorkommenden Arten von Säugetieren enthält.“ Und was gibt es da zu sehen? Genau das, was dieses Museum vorgibt zu sein, „Penisse von einer Wand zur anderen.“
A. Kendra Greene beschreibt nicht einfach, was sie sieht, gibt nicht einfach wieder, was man ihr erläutert, sondern teilt auch ihre eigenen Gedanken mit. „Ich denke, man besucht das Museum, weil man ‚Phallologisches Museum‘ hört und nicht glauben kann, dass das, was man sich darunter vorstellt, wirklich existiert. Und das tut es tatsächlich nicht. Sobald man durch die Tür tritt, weiss man, dass man sich geirrt hat, Es ist nicht obszön. Es ist nicht einmal lustig – nur man selbst hat sich ein wenig lächerlich gemacht.“
Was mich speziell für diese Reise nach Island einnimmt, ist die fragende Grundhaltung der Autorin. Man spürt sofort: Da ist ein neugieriger Mensch unterwegs – und das ist (eigenartigerweise) bei Reisenden eher selten. Warum eigentlich ein Museum für Penisse und nicht generell von Genitalien, will sie vom Museumsgründer, einem Spezialisten für lateinamerikanische Geschichte (erinnert mich an die Deutschen Meisterschaften in den Lateinamerikanischen Tänzen) wissen. Und was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Museum und einer Sammlung … Antworten darauf gibt es im Buch …
Museen, geht mir im Laufe der Lektüre auf, sind Orte für Sammler – Einrichtungen, in denen Sammler ihre Fundstücke ausstellen. Gesammelt werden kann so ziemlich alles, auch dies eine Erkenntnis, worüber ich noch nie wirklich nachgedacht habe. Petra zum Beispiel sammelt Steine. „Petras Ethik des Steinsammelns besagte, dass man nichts beschädigen durfte, um an das gewünschte Stück zu gelangen, aber dass man überall suchen durfte.“ Übrigens: „Petra hat dreizehn Enkelkinder und so viele Urenkel, dass ihre vier Kinder einhellig der Meinung sind, es sei zu viel Aufwand, sie alle zu zählen.“
Doch wie stellt man eigentlich Phänomene aus, die man nicht eigentlich sehen kann. Die Angst etwa? Die kurze Geschichte „Das Museum der Finsternis“ berichtet davon. Und wie zeigt man Hexerei und Zauberei? Es soll hier nicht verraten werden, doch auch dafür gibt es in Island ein Museum. Doch was, bitte schön, soll bloss ein „Museum der Berufung“ sein? A. Kendra Greene erzählt dazu die eindrückliche Geschichte des 1884 geborenen Samúel Jónsson, der Landschaften malte, Skulpturen modellierte und ein Altarbild schuf, das er der Kirche seiner Gemeinde schenkte, die es jedoch ablehnte, worauf er seine eigene Kirche errichtete und darin das Altarbild aufstellte.
Das Walmuseum, das Sie nie besuchen werden ist reich an ganz wunderbaren Geschichten, die einen staunen machen und auch immer mal wieder das Herz jubeln lassen. Vor allem aber ist es ein Buch, das mir Island und die Isländer sympathisch macht – selten habe ich bei der Lektüre eines Reisebuchs so oft geschmunzelt. „In Island ist vieles in irgendeiner Art und Weise abgeschieden. Dieses Wort benutze ich fast immer, wenn ich einen Ort hier beschreibe, obwohl ich es jedes Mal anders meine – ‚weit weg‘, ’schwer zu erreichen‘, ‚Nebenstrasse‘ oder ‚Ende der Welt‘ in immer neuen Kombinationen, die Berge mal schroffer, der Wind heftiger oder der Tunnel endlich offen.“
Fazit: Unterhaltsam, smart, humorvoll und informativ.
A. Kendra Greene
Das Walmuseum, das Sie nie besuchen werden
Eine Reise nach Island
liebeskind, München 2022



