Laura Lippman: Wenn niemand nach dir sucht

Das Leben geht eigenartige Wege, was uns jedoch meistens nicht auffällt, da wir routinemässig beschäftigt sind. Jedenfalls: Auf Laura Lippman bin ich durch Paula Hawkins gestossen, die sie im Londoner ‚Guardian‘ lobend erwähnte. Ich habe von Paula Hawkins noch nie etwas gelesen, weshalb sollte ich also auf Ihre Empfehlung hören? Keine Ahnung, mein Hirn hat so seine eigenen Wege … und das ist gut so. Wäre ich nämlich auf meine mir bewusste Logik angewiesen, wäre mir Wenn niemand nach dir sucht wohl entgangen – und das hätte ich bedauert.

Maddie Schwartz hat sich gerade von ihrem Mann getrennt, beginnt eine Affäre mit einem schwarzen Cop, was in der damaligen Zeit nicht nur höchst ungewöhnlich, sondern illegal war, schreibt für den ‚Baltimore Star‘, stösst auf eine Leiche … doch nein, ich mag hier nicht nacherzählen, worum es in dieser Geschichte geht, denn das erinnert mich zu sehr an Bildbeschreibungen in der Schule … nichts, das ich langweiliger gefunden habe … Und überhaupt: Es ist sowieso weniger die Geschichte (der rote Faden ist der Tod einer jungen farbigen Frau, in dem Maddie die Story ihres Lebens wittert), als der Ton, der darüber entscheidet, ob man Zugang zu einem Text findet, und dieser lässt sich nun einmal schlecht beschreiben, weshalb denn auch, zur Illustration, nachfolgend eine paar kurze Auszüge folgen sollen …

Stephen King hat zu diesem Roman gemeint: „Laura Lippman zeigt, was Frauen in den 1960er Jahren zu sein hatte und was sie sein sollten …“. Das trifft es gut. Dazu kommt, dass die Geschehnisse aus sehr verschiedenen Perspektiven geschildert werden und ganz unterschiedlichen Personen, nicht nur Frauen, auch Männern, eine Stimme gegeben wird. Es sind erfrischende, eigenständige, witzige, unverblümte Stimmen. „Milton neigte zum Namedropping und war gerade einfältig genug, um beeindruckt zu sein, wenn ein Fernsehpromi Tennis mit ihm spielte, selbst wenn es einer war, den man wegen seines unverkennbaren Baritons Mittagsnebel nannte.“

Die 1960er waren eine Zeit der Emanzipation. Dass diese für Mädchen/Frauen um einiges schwieriger war als für Jungen, zeigt Laura Lippman meisterhaft. Ein jüdisches junges Mädchen hat zu Hause zu wohnen, befanden etwa die Eltern. Also mussten sich junge jüdische Mädchen etwas einfallen lassen – und das taten einige von ihnen auch. „Welche Einwände haben meine Eltern? Kosten. (Also habe ich den Job angenommen und arbeite in Jacks Juweliergeschäft, obwohl ich überhaupt keinerlei Hang zum Einzelhandel habe – all die Lügerei und das Beschwatzen.)“ Treffender kann man den Einzelhandel kaum beschreiben. Überhaupt ist Wenn niemand nach dir sucht reich an smarten Beobachtungen. „Der Mann besass keine echte Autorität, erkannte Maddie. Wie das an ihm nagen musste.“

Eine der Figuren dieses Romans ist Tessie Fine. Sie ist eigenwillig, rechthaberisch, intelligent und verfügt über einen ganz wunderbaren Witz. „Bescheidenheit ist für Leute, die nicht das Glück haben, etwas zu besitzen, worauf sie stolz sein können.“ Auch weiss sie sich zu wehren. „Das Schöne an der Tora ist, dass man darin immer genau das findet, um einen Streit zu gewinnen.“ Andere Figuren sind ein Streifenpolizist, ein Kolumnist („Angeblich soll es ja ein Zeichen der Ehre sein, wenn man über dem Alltagsgetümmel steht, sich klug über die Dinge auslassen darf oder diese kurzen Sketche über das eigene Leben schreibt.“) und und und …. sie erzählen zu hören erlaubt es, jeweils in ganz verschiedene Welten einzutauchen. Die Autorin weiss diese Welten ausgesprochen sehr lebendig zu schildern.

Insbesondere ihre Schilderungen aus der Welt des Journalismus haben es mir angetan. Kein Wunder, denn Laura Lippman hat Journalismus studiert (ich auch) und zwanzig Jahre in diesem Beruf gearbeitet (ich nicht). „Einer der uninteressantesten Typen, die mir je begegnet sind. Von der Sorte gibt’s bei Zeitungen mehr, als man so denkt.“ Treffend charakterisiert sie die Vorgehensweise der Journalisten. „Interesse an ihr vortäuschen, Empathie heucheln, all das vorgebend, was er vorgeben musste, um zu bekommen, was er wollte.“

Gute Bücher – und Wenn niemand nach dir sucht ist ein gutes Buch – zeichnen sich unter anderem dadurch aus (jedenfalls für mich), dass einem ein paar Gedanken davon bleiben. Einer von diesen ist diese Überlegung einer Polizistin: „In gewisser Hinsicht war ich mehr Sozialarbeiterin als Polizistin. Aber ich glaube, ich habe mehr erreicht als die Sozialarbeiter. Wenn eine Sozialarbeiterin in ein Haus kommt, ist sie der Feind, jemand, der sich einmischt. Wenn ich vorbeikam – normalerweise, weil irgendwer Trunkenheit oder Ruhestörung gemeldet hatte – , empfingen mich die Mütter insgeheim mit offenen Armen.“

Fazit: Clever, unterhaltsam und vielfältig aufklärend.

Laura Lippman
Wenn niemand nach dir sucht
Kampa, Zürich 2021

Andreas Müller: Schluss mit der Sozialromantik!

Jeder Autor schreibt letztlich immer über sich selbst. Wie sollte es auch anders sein? Schliesslich kennt er nur sich selber und nicht einmal besonders gut. Andreas Müller berichtet von seinem Aufwachsen, seinen Werten und seiner Haltung – das liest sich nicht nur gut und nachvollziehbar, sondern macht auch deutlich, dass juristische Urteile nicht im leeren Raum entstehen, auf einer Haltung gründen.

Andreas Müller ist ein Weggefährte von Kirsten Heisig, der Autorin von Das Ende der Geduld, dessen Inhalt mir (wie der Inhalt der meisten Bücher) nicht mehr geläufig ist, doch was ich erinnere, ist ihre no-nonsense Haltung, die mir Eindruck machte – und diese ist es auch, die Andreas Müller wesentlich mit ihr verbindet. Im Kapitel Eine Art von Seelenverwandtschaft. Warum ich mich dem Erbe Kirsten Heisigs verpflichtet fühle führt er unter anderem aus: „Hatten mich alle gelobt und bewundert, weil ich mit harten und schnellen Urteilen und konsequentem Vorgehen den rechtsradikalen Schlägern Einhalt gebot, so erfuhr Kirsten für eine ganz ähnliche Handlungsweise und die gleichen Grundgedanken massive Kritik, weil sie es mit Jugendlichen aus Migrantenfamilien zu tun hatte und somit nicht ‚politisch korrekt‘ handelte.“

Sozialromantik unterstellt man in der Regel der Linken. Erziehen sei besser als Strafen, meinten die Altachtundsechziger, die bald einmal gesellschaftlich das Sagen hatten. Die Folge war: „Der arme, von der Gesellschaft geschaffene Täter war somit zum Opfer geworden, das eigentliche Opfer trat in den Hintergrund.“

Schluss mit der Sozialromantik! hat jedoch nicht einfach die Linken im Visier, sondern genauso die Rechten. Es gibt nämlich nicht nur Sozialromantik von links – Milde zahlt sich aus, sondern auch Sozialromantik von rechts – Härte zahlt sich aus. Sozialromantisch meint, dass man sich von Vorstellungen und Idealen leiten lässt, die von einer Simplizität geprägt sind, die nicht nur sensible Menschen, sondern alle, die genau hinschauen, richtiggehend erschauern lässt.

Der Jugendrichter Andreas Müller hat in seinem Berufsleben nicht nur einiges gesehen, sondern auch einiges gelernt. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung ist das nicht die Regel, sondern die Ausnahme – die meisten werden nämlich nur biologisch älter. Sein Lehrmeister war die Realität: „kleine Büros, Massen an Akten, immer zu wenig Zeit und eine durchschnittliche Entlohnung“ einerseits, die Erfahrung mit den jugendlichen Delinquenten, durch die seine „eigenen sozialromantischen Überzeugungen heftig zu bröckeln begannen“, andererseits

Von den Fällen, die er in diesem Buch erzählt, hat sich mir besonders die Geschichte mit der Springerstiefel-Fraktion eingeprägt. Nachts um drei kommt Müller in einer Kreuzberger Kneipe mit einem Springerstiefelträger ins Gespräch (keinem rechten, einem linken), der ihn über die symbolische und praktische Macht dieser groben Stiefel, die sich auch sehr wirkungsvoll als Waffe einsetzen lassen, aufklärt. In der Folge verbietet der Jugendrichter das Tragen dieser Stiefel im Gericht. „Es fehlte ein wichtiger Teil ihres Auftritts, ihr eigener Schutzpanzer war gewissermassen an einer Stelle gebrochen.“

„Wer am Ende seiner Geduld ist mit jungen Menschen, ist in einem Beruf, der ihn mit schwierigen jungen Menschen konfrontiert, am falschen Platz“, liess die Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe e.V. in Anspielung auf Kirsten Heisigs Das Ende der Geduld verlauten, worauf 21 Jugendrichter des Amtsgerichts Tiergarten entgegneten: „Das Leitmotiv von Frau Heisig war nicht Härte, sondern konsequentes Handeln.“ Es ist überaus verdienstvoll, dass und wie sich Andreas Müller um Kirsten Heisigs Andenken kümmert.

Schluss mit der Sozialromantik! Ein Jugendrichter zieht Bilanz vermittelt eine soziale Wirklichkeit, der am besten mit Anstand, Realitätssinn und den richtigen Prioritäten begegnet wird. Mit common sense also, der wesentlich mehr common sein dürfte.

Andreas Müller
Schluss mit der Sozialromantik!
Ein Jugendrichter zieht Bilanz
Herder, Freiburg im Breisgau 2013

Jonathan Garfinkel: Gelobtes Haus

Jonathan Garfinkel, ein kanadischer Schriftsteller, entstammt einer jüdischen Familie, spricht Hebräisch und besuchte von seinem fünften bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr die zionistische Bialik-Ganztagesschule in Toronto. „Ich bin auf der Suche nach einem Grund zu glauben.“ Am liebsten wäre ihm eine Offenbarung, obwohl er nicht weiss, was er daraus machen würde.

Eines Tages erhält er ein Angebot von einem israelischen Theaterregisseur, der ihm ein Aufenthaltsstipendium an einem Theater in Tel Aviv verspricht, falls er ihm ein brauchbares Exposé schicke. Doch will er überhaupt nach Israel?

Rana, eine in Israel geborene und seit einem Jahr in Kanada lebende Palästinenserin, erzählt ihm eine andere Israel-Geschichte als die, welche er aus der Schule kennt. Er glaubt nicht, dass sie im Recht ist. „Aber während ich ihr zuhöre, verstehe ich, was ich bisher ausgeblendet habe: Das Land war besiedelt. Die Menschen dort waren keine Statistik, keine Zahl in einem Schulbuch. In der Bialik hatte man uns kein Wort von ihnen erzählt. Soweit ich mich erinnern kann, lehrte man uns, das Land sei vor der Ankunft der Juden unbewohnt gewesen.“

In Israel werde sie zu wütend, sagt Rana, es sei ihr dort nicht möglich gewesen, die Ruhe zu bewahren. Sie heiratet einen kanadischen Muslim und so landete sie in Toronto. „Nimmst du mich einmal mit in die Synagoge?“, fragt sie Jonathan. Dass der immer freundliche und grosszügige Vorsteher der Synagoge, als er Rana vorgestellt wird, sich plötzlich in einem ganz anderen Licht zeigt, gehört für mich zu den aufschlussreichsten Szenen dieses Buches.

In Jerusalem lebte Rana in einem Haus, in dem ein Jude und ein Araber friedlich zusammenlebten. Das will Jonathan sehen und erleben. „Mit Entscheidungen verhält es sich so, dass man nicht zu lange über sie nachdenken darf. Andernfalls ergeben sie keinen Sinn mehr.“

Er will ins Westjordanland, man rät ihm ab. „Man kann für oder gegen die Besatzung sein. Aber ein Jude muss schon verrückt sein, dahin zu wollen. Deine Ansichten sind denen scheissegal.“ Er will trotzdem hin; Samer, ein palästinensischer Kameramann, macht es möglich. Vor Ort entdeckt Jonathan dann das normale Leben – Leute sitzen herum, lesen Zeitung, plaudern oder trinken Kaffee – , das in den Medien nicht vorkommt. Doch dann sprengen sich zwei Selbstmordattentäter in die Luft und reissen zehn Menschen in den Tod.

Zurück in Jerusalem macht er sich auf die Suche nach dem Haus, von dem ihm Rana erzählt hatte. Was er vorfindet, hat allerdings nichts mit dem friedlichen Zusammenleben von Juden und Arabern zu tun, das er sich vorgestellt hatte. Die Leute vor Ort halten ihn für naiv und weltfremd, der Glaube an einen Frieden ist ihnen fremd. Will überhaupt jemand Frieden? Nicht alle, doch einige schon, und sie tun auch etwas dafür …

Jonathan sucht seine Studienfreundin Ruthie auf, die inzwischen religiös geworden ist und ihm sagt, er habe keine Ahnung von Leben in Israel. Er hört diesen Satz immer mal wieder und er geht ihm auf die Nerven. Weil er stimmt, doch eben auch fälschlicherweise impliziert, die Tatsache, im Land zu leben, mache jemanden zur einer Autorität in Sachen Israel.

Gelobtes Haus  demonstriert eindrücklich, dass einfache Wahrheiten nicht zu haben sind. Jonathan Garfinkel beschreibt ein chaotisches, aggressives und extrem herausforderndes Land. Sich auf  sein Buch einzulassen, bedeutet den Versuch, sich der Realität zu stellen – das Beste, das wir tun können, um nicht durchzudrehen. 

Gelobtes Haus  ist ein hoch differenziertes, wesentliches, überaus berührendes und nützliches Werk.

PS: Es ist kaum zu vermeiden, dass ein solch subjektiver Bericht nicht von allen, die darin vorkommen, positiv aufgenommen wird. Im letzten Kapitel mit dem Titel ‚Nachspiel‘ geht Jonathan Garfinkel darauf ein – fairer geht kaum. 

PS1: Ein Hinweis ans Lektorat: Die im ‚Nachspiel‘ erwähnte Stadt Wilna liegt nicht in Lettland, sondern in Litauen.

Jonathan Garfinkel
Gelobtes Haus
Meine Reise nach Jerusalem
mandelbaum verlag, Wien 2021

Stephen Crane: Die tristen Tage von Coney Island

Stephen Crane, geboren 1871, starb 1900 im Alter vor gerade einmal 28 Jahren an einer Tuberkuloseerkrankung. Ich kenne von ihm gerade einmal seinen Namen, als ich Die tristen Tage von Coney Island zur Hand nehme und in die erste der dreizehn Geschichten eintauche – eine melancholische Meditation darüber, wie die Menschen in den Vergnügungseinrichtungen von Coney Island versuchen, sich ihres Lebens zu erfreuen. Der sensible und nachdenkliche Erzähler, der sich selbst als Philosoph bezeichnet, steht dem Treiben erkennbar fremd gegenüber.

Die zweite Geschichte handelt von zwei Seefahrern wider Willen, die mit ihrem Floss abgetrieben, dann von einem Schiff gerettet und nach New York gebracht werden. Es wirkt ziemlich surreal, was da geschildert wird – ich fand keinen Zugang dazu, doch ein Satz hat es mir sehr angetan: „Gefühle haben nun mal die Eigenschaft, sich im Ozean zu verlieren.“

Ich will hier nicht alle dreizehn Geschichten nacherzählen, doch offenbar schätzte Ernest Hemingway zwei von ihnen sehr, da er sie in seinem Die grünen Hügel Afrikas erwähnte: Das offene Boot und Das blaue Hotel. Letzteres heisst eigentlich Palace Hotel, liegt in Fort Romper und „war im gleichen grellen Hellblau gestrichen, das man gewöhnlich nur von Beinen einer seltenen Fischreiher-Spezies kennt. Die Farbe ist in der Natur so ungewöhnlich, dass man die Vögel schon von weitem entdeckt – unabhängig davon, vor welchem Hintergrund sie sich gerade befinden. Mit dem Palace Hotel verhielt es sich ähnlich: Seine Farbe drängte sich so kreischend in den Vordergrund, dass sich Nebraskas dramatische Winterlandschaft im Handumdrehen in ein unauffälliges Grau auflöste.“ Die Stimmung, die Stephen Crane mit dieser Schilderung vermittelt, lässt einen sich vor Ort mit dabei wähnen.

Die Männer, die sich im Palace Hotel einfinden, könnten unterschiedlicher nicht sein. Einer on ihnen verhält sich recht bizarr, fühlt sich verfolgt – und hat, wie es scheint, guten Grund dazu. Beim Kartenspiel kommt es zum Streit; zwei der Männer, von den anderen angefeuert, gehen aufeinander los … Doch ich will der Geschichte nicht vorgreifen, nur soviel: Stephen Crane versteht es ausgezeichnet, den menschlichen Abgründen Ausdruck zu verleihen. Doch der Grund dafür, dass ich sein Schreiben schätze, sind solch ungewöhnliche Gedanken: „… vom Gebrüll des Sturmes betäubt, konnte man sich die Sinnhaftigkeit menschlichen Lebens beim besten Willen nicht vorstellen (…) Der Sturm zeigte auf eindrucksvolle Weise, dass der eigentliche Motor der menschlichen Evolution in dem Hochmut der Menschen besteht. Man musste schon ein eingebildeter Narr sein, um in dieser Welt überleben zu wollen.“

Eine meiner liebsten Geschichten ist Stephen Cranes eigene, die von seinem Schiffbruch handelt und wie er knapp dem Tod entging. Die Commodore liegt an der Pier in Jacksonville, Florida, und soll eine Ladung Waffen und Munition nach Kuba transportieren, doch als sie das offene Meer erreicht, ist sie gewaltigen Wogen ausgesetzt. „Die Commodore begann Handstandüberschläge zu vollführen, und als wir dann direkten Kurs auf Südost nahmen, gab es nur wenige an Bord, die eine Existenz auf hoher See als optimale Lebensform bezeichnet hätten.“ Wohl selten ist die Seekrankheit, von der viele der kubanischen Seeleute befallen wurden, mit soviel understatement beschrieben worden. Doch nicht alle litten unter dem heftigen Seegang. „Der erste Steuermann stand zu diesem Zeitpunkt hinterm Ruder und man konnte seinen Stolz mit Händen greifen, wenn er sein Schiff durch die schäumenden Wellen steuerte oder es wie eine Ente auf einen Wellenkamm hinausschwimmen liess.“

Ich kann mich nicht erinnern, jemals eine derart eigenwillige (und mich schmunzeln machende) Schilderung des Meeres gelesen zu haben, die einem gleichzeitig die Macht der Wellen wie auch die Geschicklichkeit der Seeleute bewusst werden lässt, „Denn das ist eine unangenehme Eigenart des Meeres – hat man erfolgreich einen Wellenberg hinter sich gelassen, entdeckt man bereits den nächsten, der mit dem gleichen Eifer das Boot zum Kentern bringen will. Sitzt man in einem 10-Fuss grossen Dinghi, bekommt man eine Vorstellung von dem schier endlosen Vorrat an Wellen, auf den das Meer zurückgreifen kann – keine normale Erfahrung – es gibt keine normalen Erfahrungen in einem Boot auf dem Meer.“ Das Zitat entstammt der Geschichte Das offene Boot, die die Erlebnisse von vier Männern nach dem Untergang des Dampfers Commodore schildert.

Wirklich gute Autoren bewirken im Leser eine Wahrnehmungsveränderung. Stephen Crane ist so ein Autor; Die tristen Tagen von Coney Island haben bei mir zur Folge, dass ich das Meer künftig wohl mit anderen Augen betrachten werde.

Stephen Crane
Die tristen Tage von Coney Island
Pendragon Verlag, Bielefeld, 2021

Frank Wilczek: Fundamentals

Physik gehört zu den Disziplinen, die mir unverständlich sind. Nichtsdestotrotz habe ich immer mal wieder einen neuen Anlauf gemacht, in diese Art zu denken reinzukommen – bislang verblüffend ergebnislos. Wär’s da nicht besser aufzugeben und zu akzeptieren, dass sich mir gewisse Wissensgebiete einfach nicht erschliessen? Gut möglich, doch da sich mein Handeln nur selten von meinem Denken leiten lässt – mein Denken ist meinem Handeln zumeist nachgeordnet – , mache ich mit Frank Wilczeks Fundamentals einen neuen Versuch, obwohl die Voraussetzungen ungünstiger nicht sein könnten, denn der Mann erhielt 2004 den Nobelpreis für Physik, bewegt sich also in mir unvertrauten geistigen Sphären. Doch gesagt gehört eben auch, dass ich einem anderen Nobelpreisträger für Physik, Richard Feinman, eine Erkenntnis verdanke, die mich seit vielen Jahren begleitet – „The first priciple is not to fool yourself. And you are the easiest person to fool.“ (Feinman bezog sich auf das wissenschaftliche Arbeiten; ich selber nehme es als Lebensanweisung) – , und ich bereits im Vorwort von Fundamentals auf Gedanken stosse, die sich mir einprägen.

Als Babys lernen wir, „dass sich die Welt in ein Selbst und ein Nicht-Selbst spaltet, dass Gedanken die Bewegungen des Selbst, nicht aber die des Nicht-Selbst zu steuern vermögen und dass wir Dinge betrachten können, ohne ihre Eigenschaften zu verändern.“ Dieses Modell der Welt befähigt uns, in der Alltagswelt zurechtzukommen. Um die physikalische Welt, die die moderne Wissenschaft offenbart, zu verstehen, müssen wir allerdings einige Dinge verlernen. Etwa dass man nicht beobachten kann, ohne das Beobachtete zu verändern. Oder dass die meisten Handlungen nicht vom Bewusstsein, sondern vom Unbewussten gesteuert werden.

Wir leben in einer Illusion. „In unserer Eile, die Dinge zu verstehen, lernen wir als Kleinkinder die Welt und uns selbst misszuverstehen. Auf dem Weg zu einem tiefen Verständnis gibt es viel zu verlernen und viel zu lernen.“ Davon handelt dieses wirklich sehr gut geschriebene Buch.

Unser Hirn ist falsch eingestellt, so verstehe ich die Zen Buddhisten. Tauglich ist es für unseren Alltag, darüber hinaus steht es uns hingegen im Weg. So verstehe ich auch Frank Wilczek, der die Unterteilung der Welt in eine innere und eine äussere für zwar brauchbar, aber oberflächlich hält. „Doch unser wissenschaftliches Verständnis besagt, dass es nur eine Welt gibt.“

„Die wissenschaftliche Darstellung der physischen Welt ist eine Bestandesaufnahme dessen, was sich möglicherweise beobachten lässt.“ Man sollte diesen Satz nicht überlesen, sondern innehalten und bedenken. Er besagt unter anderem, „wie arm die natürliche menschliche Wahrnehmung ist, verglichen mit der Realität.“ Man denke etwa daran, was wir mittels eines Mikroskops zu sehen imstande sind. Oder man betrachte die Details einer Pflanze, die wir mit einer Kamera heranzoomen.

Fundamentals ist in zwei grössere Kapitel gegliedert – mit Was es gibt, ist das eine überschrieben; mit Anfänge und Enden das andere. Die Unterteilung von Was es gibt zeigt die Hauptelemente auf: 1) Es gibt viel Raum, 2) Es gibt viel Zeit; 3) Es gibt nur wenige Bausteine; 4) Es gibt nur wenige Gesetze; 5) Es gibt viel Materie und Energie. Ich jubelte innerlich auf, als ich diese Einteilung, die mir Beweis dafür ist, dass die Komplexität auf wenig Fundamentales reduziert werden kann, zur Kenntnis nahm, denn mir steht der Universalismus wesentlich näher als der Regionalismus bzw. der Relativismus.

Die Welt funktioniert gemäss vier (trügerisch) einfacher Prinzipien. 1) Die physikalischen Grundgesetze beschreiben Veränderungen. „Die Zustände beschreiben, ‚was es gibt‘, die Gesetze ‚wie sich die Dinge verändern‘.“ 2) Die physikalischen Grundlagen sind universell. 3) Die physikalischen Grundlagen manifestieren sich lokal. 4) Die physikalischen Grundlagen sind präzise.

Nie war mir deutlicher (klar doch, irgendwie wusste ich es zwar, aber eben nur irgendwie), dass physikalische Grundgesetze mein Dasein bestimmen. Aufgegangen ist mir das unter anderem am Beispiel der Zeit. „Die Beobachtung, dass es ein gemeinsames, universelles Tempo gibt, ist eine tiefgreifende Erkenntnis über die Art und Weise, wie die physikalische Welt funktioniert.“ So entwickeln sich etwa Säuglinge weltweit „ungefähr nach dem gleichen Zeitplan und beginnen nach einer bestimmten Anzahl von Monaten zu laufen, zu sprechen und andere Fähigkeiten an den Tag zu legen.“ Auch im gemeinsamen Musizieren, bei dem alle Beteiligten synchron agieren müssen, zeigt sich, „dass wir eine gemeinsame sehr präzise Vorstellung davon haben, wie die Zeit vergeht.“

Sind wir also willenlose Maschinen, Gesetzen ausgeliefert, die wir nicht bzw. nur unzureichend verstehen? Frank Wilczek argumentiert: „Der freie Wille und der physikalische Determinismus sind komplementäre Aspekte der Realität.“ Und fügt hinzu: „In Komplementaritäten zu denken heisst auch, Distanz zu wahren.“ Das meint: Absolute Wahrheiten sind nicht zu haben. Und es meint auch: Aus der Distanz lassen sich harmonische Muster erkennen, von denen wir uns leiten lassen sollten.

Die Wissenschaft lehrt uns, dass unsere Welterfahrung – das Sich-Abgetrennt-Fühlen von allem anderen – , in den Worten von Albert Einstein, „eine Art optische Täuschung des Bewusstseins“ ist, also eine Art Gefängnis, „das uns auf unsere eigenen Wünsche und auf die Zuneigung zu wenigen uns Nahestehenden beschränkt. Unser Ziel muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir den Kreis unseres Mitgefühls erweitern, bis er alle lebenden Wesen und die gesamte Natur in all ihrer Schönheit umfasst.“

Fundamentals ist ein ausgesprochen hilfreiches Buch.

Frank Wilczek
Fundamentals
Die zehn Prinzipien der modernen Physik
C.H. Beck, München 2021

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