Helen Garner: Drei Söhne

Robert Fraquharson soll seine drei Söhne getötet haben. Für die australische Öffentlichkeit ist der Fall klar: Ein Racheakt, um es seiner Frau heimzuzahlen, die sich von ihm getrennt hat und mit einem anderen Mann zusammenlebt. Doch war es das? Helen Garner, geboren 1942, hat sich während Jahren mit dem Fall beschäftigt. „Ein unerhörtes und unvorhersehbares Gerichts-Drama über die Suche nach Recht und Gerechtigkeit“, nennt der Klappentext dieses Buch. Als ob es in einem Gerichtssaal um Gerechtigkeit gehen würde/könnte …

Dem Text ist auch ein Zitat der kürzlich verstorbenen Janet Malcolm, einer anderen glänzenden Beobachterin, vorangestellt: „… man lebt auf zwei Gedanken- und Handlungsebenen: auf einer in unserem Bewusstsein, auf die andere aber kann man nur durch Träume, Versprecher und unerklärliches Verhalten schliessen.“ Drei Söhne hat mich auch – immer mal wieder – an Malcolms Texte erinnert, der scharfsinnigen Einsichten wegen. Etwa als Helen Garner den „öden managerhaften Jargon der Kognitiven Verhaltenstherapie“ schildert. Oder Ihre Anmerkungen zur Liebe: „Da war sie wieder mal, diese sentimentale Vorstellung von Liebe als einem Zustand einfachen Wohlwollens, als einer ruhigen, sonnendurchfluteten Region, in der wir alle sich sind vor unseren eigenen zerstörerischen Impulsen. Ich dachte, dass Freud der Sache näher kam, wenn er sagte: ‚Wir sind dem Leid nie so schutzlos ausgeliefert wie dann, wenn wir lieben.’“

Eine Meinung zu haben, ist gratis, und auch der inneren Stimme (die oft nicht viel mehr ist als ein rationalisierter Impuls) zu folgen, kostet nicht viel, doch die Wirklichkeit ist zumeist etwas anderes, entzieht sich unseren schnellen Entscheiden. Helen Garner, eine aufmerksame Zeugin, beschreibt detailliert, was sie beobachtet, empfindet und tut. Sie gibt viel preis, exhibitionistisch wirkt sie nicht. Ihre Empathie springt auf den Leser über, was die Lektüre gelegentlich zu einer emotionalen Berg- und Talfahrt macht. Ich schätze das, sehr sogar, denn so ist es ja auch im richtigen Leben.

Ein Geschworenenprozess ist auch immer Theater. Das Gericht spielt vor Publikum, will gefallen. Vorgeführt wird eine Art Wettkampf, es geht um Gewinnen und Verlieren. Ein Gerichtsprozess ist auch immer eine eitle Inszenierung, bei der sich die streitenden Parteien um ein Urteil in ihrem Sinne bemühen. Entgegen einer weitverbreiteten Auffassung findet die Wirklichkeit in einem Gerichtssaal nicht statt. In den Worten einer (nicht gewählten) Geschworenen: „Everything is ambiguous in life except in court.“ (zitiert von Janet Malcolm).

Trotzdem hat man natürlich das Gefühl, vor Gericht werde die Wirklichkeit nachgestellt. Zeugen werden ein vernommen, Sachverständige tragen ihre Expertise vor, Journalisten stehen unter Zeitdruck. „Journalisten müssen sehr zügig arbeiten“, sagte ich. „Das ist bestimmt der Grund dafür, dass sie immer so früh eine dezidierte Meinung fassen. Wir sind Amateure. Wir haben genügend Zeit, noch hin und her zu tendieren.“

Dazu kommt, dass es der Juristerei eigen ist, einen an sich simplen Sachverhalt zu verkomplizieren. Einerseits, um den juristischen Berufsstand zu rechtfertigen, andererseits, um alltägliches Geschehen theoretisch zu fassen, also ein hochkompliziertes und extrem ausgefeiltes Gebilde über eine recht banale Wirklichkeit zu stülpen. Was wirklich vorgefallen ist, kann so recht eigentlich nicht gewusst werden. „Niemand ausser Farquharson wusste, was an diesem Abend im Auto passiert war, und inzwischen wusste er es vielleicht selbst nicht mehr.“

Helen Garner lässt nicht nur Anwälte und Experten ausführlich zu Wort kommen, sie macht sich auch selber Gedanken – und es sind diese, die mich vor allem faszinieren, da sie nicht in ein vorgefertigtes medizinisches oder juristisches Gedankengebäude passen müssen. „Wie jeder Tagebuchschreiber habe ich eine geschärfte Vorstellung davon, wie Gedächtnis funktioniert.“ Und dieses ist wenig verlässlich, keine feste Grösse, sondern ständig im Wandel: „Im Laufe der Zeit, wenn die Geschichte immer mal wieder aus meinem Gedächtnis verschwand und wieder hochkam, hat mein Gedächtnis daran gearbeitet …“.

Fazit: Eine hoch differenzierte, aufschlussreiche, bewegende, überaus spannende Annäherung an die Wirklichkeit. Ein Meisterwerk!

Helen Garner
Drei Söhne
Ein Mordprozess und seine Geschichte
Berlin Verlag 2016

Philip K. Dick: Zeit aus den Fugen

Ragle Gumm, 46, ledig, verdient seinen Lebensunterhalt durch Preisausschreiben der Lokalzeitung. Eines Tages beschliesst er aufzuhören, seinem Schwager Vic sagt er, er werde an die Universität gehen und ein paar Kurse in Philosophie belegen. Als dieser erwidert: „Tut mir leid, aber für mich ist das nur ein Haufen Worte“, setzt das bei Ragle Gedanken in Gang, die ihn unruhig werden lassen. „Worte, dachte er. Das zentrale Problem der Philosophie (…) Das Wort stellt die Wirklichkeit nicht dar. Das Wort ist die Wirklichkeit. Für uns jedenfalls …“.

Zeit aus den Fugen ist mein erster Philip K. Dick; auf ihn aufmerksam geworden bin ich speziell durch Emmanuel Carrère, dessen Schreiben ich sehr schätze. Carrère liebt und bewundert Dick, hat sogar eine Biografie über ihn geschrieben.

Ragle und Vic machen verstörende Beobachtungen, die sie ihren Alltag mit zunehmender Verwunderung wahrnehmen lassen. Vics und Margos Sohn Sammy kann mit seinem Kristalldetektor Stimmen hören; ein altes Telefonbuch listet Nummern, die nicht mehr im Betrieb sind; eine alte Illustrierte berichtet von einem Filmstar namens Marilyn Monroe, von der weder Vic, Margo noch Ragle jemals gehört haben, ihr Nachbar Bill, der das alte Telefonbuch behändigt und seinem Vorgesetzten davon berichtet, hingegen schon.

Er leide unter Halluzinationen, offenbart Ragle seiner Schwester Margo, „die Dinge sind nicht so wie sie scheinen.“ Wie also sind die Dinge? „Wir können alles, was wir wissen, zusammenfügen, dachte er, aber das sagt uns noch gar nichts, ausser dass irgendetwas nicht stimmt.. Und das wussten wir ja schon vorher. Die Hinweise, die wir mitbekommen, bringen uns noch keine Lösung; sie zeigen uns nur, wie sehr die Dinge aus dem Lot sind.“ Das beschreibt so recht eigentlich die Situation des Menschen auf dem Planeten Erde bzw. im Universum. Mit anderen Worten: Zeit aus den Fugen ist wesentlich ein philosophischer Roman.

Tun wir, was wir tun, aus eigenem Willen? Werden wir gesteuert? Wie kann es sein, dass Ragle Gumm das Preisausschreiben der Lokalzeitung jedes einzelne Mal gewinnt? Er beschliesst, die Stadt zu verlassen. Die Schlange am Busbahnhof bewegt sich nicht, von dem alten Auto zweier Soldaten erhofft er sich einen Ausweg, doch zuerst muss der Reifen gewechselt werden. Auf dem Weg zu einem Reifendienst wird er von einem Polizisten auf dem Motorrad verfolgt. Niemandem kann ich mehr trauen, denkt es in ihm, er wird langsam paranoid.

„Eine paranoide Psychose. Mir einzubilden, ich sei das Zentrum dieser gigantischen Anstrengungen, die von Millionen von Männern und Frauen unternommen werden und Billionen von Dollars kosteten, ohne je zu Ende zu kommen … ein Universum, das sich um mich dreht. Jedes Molekül treibt, was es treibt, weil es an mich denkt (…) Alles Stoffliche und nicht Stoffliche ist nur dazu da, damit es um mich kreist.“ Man sollte sich diese Gedanken einmal in Ruhe bedenken. Und immer wieder darauf zurück kommen …

Ragle und Vic entführen einen Sattelschlepper, von dem sie glauben, dass er ein Verbindungsglied zwischen dieser und einer anderen Welt sei. Der gekidnappte Fahrer macht ihnen klar, dass ihnen massiver Ärger droht. „Ärger für Sie, Ärger für alle übrigen Menschen. Glauben Sie mir. Ich sage Ihnen die Wahrheit.“ Doch sie erleben noch einiges mehr …

Philip K. Dick hat mit Zeit aus den Fugen ein spannendes, cleveres und überaus hilfreiches Buch geschrieben.

Philip K. Dick
Zeit aus den Fugen
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2019

Meister Eckhart: Vom Adel der menschlichen Seele

Herausgegeben und eingeleitet wird dieser Band von Gerhard Wehr, der nicht nur die Lebensspuren des 1260 als Eckhart von Hochheim in Thüringen geborenen, späteren Meisters nachzeichnet, sondern auch Hinweise auf wesentliche Punkte seiner Lehre gibt.

Eckhart tritt in den Dominikanerorden ein, einem Bettelorden, der die Armut lebt und einen asketischen Lebenswandel praktiziert. Eine Weltflucht ist dies jedoch nicht, ganz im Gegenteil – Gott soll in Allem und Jedem jederzeit gegenwärtig sein. Es ist dies eine Lehre, die auch der Chassidismus pflegt.

Im Alter von 40 wird Eckhart zum Magisterstudium nach Paris geschickt, dem damaligen Zentrum scholastischer Gelehrsamkeit. Seine Predigten gehen weit über das Übliche hinaus, seine Spiritualität verträgt sich nur schlecht mit der offiziellen Kirche – so jedenfalls sahen es einige Vertreter dieser Kirche, die dann auch einen Ketzerprozess gegen ihn anstrengten. Es ist nicht ohne Ironie, dass der Papst diesen kirchentreuen Eckhart als Häretiker verurteilte.

„Man muss die einzelnen Aussagen auf sich wirken lassen. Man muss sich ihrer spirituellen Strahlkraft aussetzen, bis sich etwas von der Innenerfahrung mitteilt, die ihnen innewohnt.“ Sich mit dieser Einstellung mit diesem Werk zu befassen, bedeutet, sich Zeit zu nehmen. Zu den Sätzen, dir mir besonders nahestehen, gehören: „Wahrhaftig, mit wem es recht steht, dem ist es an allen Orten und bei allen Leuten recht. Mit wem es aber nicht stimmt, dem ist es an allen Orten und bei allen Leuten nicht recht.“

Vom Adel der menschlichen Seele lese ich als eine Besinnung auf das Wesentliche, als eine Anleitung für ein Dasein als Teil eines grösseren Ganzen, als eine Aufforderung, sich selbst zuzulassen. Die Sucht, heisst es bei den Anonymen Alkoholikern, sei ein Ego-Problem. Unser Ego steht uns im Weg. Bei Eckhart liest es sich so: „Ob dir’s bewusst oder unbewusst ist  – nie steht ein Unfriede in dir auf, der nicht vom Eigenwillen kommt, ob man es merkt oder nicht. Nicht das ist schuld, dass dich die Umstände oder die Dinge hindern; sondern du selbst  bist es in den Dingen, der dich hindert. Denn du verhältst dich in ungeordneter Weise zu den Dingen. Darum beginne zuerst bei dir und lass dich.“

Unsere Welterklärungen offenbaren nur eine Gewohnheit des Denkens. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören zu den uns geläufigen Kategorien. Die Ewigkeit hat darin keinen Platz, sie ist zu absolut, uns aber ist alles relativ. Eckhart sieht das anders. „Die Tage, die seit sechs oder sieben Tagen vergangen sind, und die Tage, die vor sechstausend Jahren vergingen, sind dem Heute so nahe wie der gestrige Tag.“

Nimm von mir, was mich hindert zu dir, hat Niklaus von Flüe Gott bekanntlich angefleht. Um wirklich zu leben, müsse man zuerst sterben, sagen andere. Eckhart sagt, man müsse die Menge verlassen und zu jenem Grund zurückkehren, aus dem man gekommen ist.  „Die ‚Menge‘, das sind die (naturhaften) Kräfte der Seele und ihr Treiben, Gedächtnis, Verstand und Wille, die dich allesamt zerstreuen. Darum musst du sie alle lassen, die Sinnenhaftigkeit und das Hängen an den Bildern; kurz alles, in dem du dich selbst vorfindest und dich meinst. Dann erst kannst du die Geburt finden; wahrhaftig, anders nicht …“.

Fazit: Ein wesentliches und überaus hilfreiches Buch.

Meister Eckhart
Vom Adel der menschlichen Seele
Anaconda, München 2021

Wu Ming: 54

Der Auftakt: Im Frühling 1943 ruft das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Sloweniens die anrückenden italienischen Soldaten auf: „Es genügt nicht zu sagen, dass auch ihr die Brutalität Hitlers und Mussolinis verurteilt, dass auch ihr das Ende des Faschismus und des Krieges wünscht. Ihr müsst eure Freiheits- und Friedensliebe, euren Hass gegen eure und unserer Unterdrücker mit Taten beweisen, sonst erwartet euch und sie der Untergang.“ Es ist dies eine Botschaft, die mich an den Boxer Cassius Clay erinnert, der, als er zum Vietnamkrieg eingezogen werden sollte, sagte, er habe kein Problem, mit den Leuten dort, sollten die Rekrutierer Probleme mit ihnen haben, sollten sie doch selber dorthin gehen. Anders gesagt: Es gilt (fast) immer, sich gegen die sogenannt Seinen zu wenden.

Die Vorgeschichte dieses Romans, aus der auch das obige Zitat stammt, spielt im Nachkriegseuropa, die Hauptgeschichte während des Kalten Krieges, wo sich in einer Bar in Bologna ehemalige Partisanen, junge Kommunisten und Filuzzi-Tänzer treffen, und wo als wichtigste Regel gilt: kein Flüstern! Übrigens: Dass Zugezogene es schwer haben, gilt auch in diesem Roman. „In Bologna ist er erst seit zwölf Jahren. Deshalb haben seine Ansichten nicht dasselbe Gewicht wie die der anderen.“

54 wurde von einem italienischen Autorenkollektiv geschrieben und ist ein abenteuerliches und recht aberwitziges Potpourri, in dem man nicht nur auf Cary Grant („Er hatte sich als Proletarier verweigert und verkörperte den Traum von Millionen von Menschen.“), sondern auch auf John Fante, John Dos Passos und die umwerfende Frances Farmer, die in der Psychiatrie landete, stösst: „Ich glaube, sie erwarten von mir genau dasselbe, meine Mutter erwartet es, Hollywood erwartet es, aber … ich kann das nicht. Warum kann man nicht einfach man selbst sein?“

Cary Grant wird in Palm Springs vom britischen Secret Service aufgesucht, dessen Abgesandte wünschen, dass er sich nach Jugoslawien aufmacht, um dort mit Tito über einen Film über sein Leben zu sprechen. Für Grant soll derweil ein Doppelgänger in Palm Springs einspringen … Nicht nur Schweizer Geheimdienstleute, die das österreichische Herr ausspionierten und in Irland Schlösser erwerben, haben ziemlich abgefahrene Ideen.

Auch Dien Bien Phu kommt zur Sprache. Von den Vietcong erobert, welche die Franzosen in die Flucht schlugen. An der Friedenskonferenz in Evian nimmt auch der von den Amerikanern unterstützte Kaiser Bao Dai teil, der sich allerdings lieber im Kasino und bei den Huren aufhält. 54 liest sich auch als plausible Realitätsschilderung, wenn auch nicht die an Universitäten gelehrte.

Steve Cemento, der seine Namen dem sicheren Entsorgen von Leichen mit Zementstiefeln verdankte, und im Dienste des Mafiabosses Lucky Luciano stand, der schwule Schwulenjäger J. Edgar Hoover, seines Zeichens 37 Jahre lang (!) FBI-Chef, und viele andere zwielichtige Typen geben sich in diesem Roman ein Stelldichein. Schmuggel, Entführungen, Liebesgeschichten, Ehebruch, Drogenhandel, Betrügereien kommen natürlich auch vor. Darüber hinaus erfährt man auch viel Lehrreiches: Etwa dass Geheimagenten vorzugsweise wie Postangestellte aussehen, dass sich die grösste Haarwurzeldichte pro Quadratzentimeter des Gesichts auf der Oberlippe befindet und dass wirklich Neugierige der Faszination erliegen, die „von den immer gleichen gepflügten Feldern, Cottages und Baumreihen“ Englands ausgeht.

Dieses fantasievolle und überaus witzige Zeitdokument leistet zudem vielfältige Aufklärung. Etwa darüber, wie die italienische Psychiatrie damals unterwegs war (abgesehen von der Hygiene, ziemlich ähnlich wie heute – die Patienten werden ruhiggestellt). Oder dass Amerika auch zur Zeit der Kommunisten-Hetze von McCarthy ein zutiefst gespaltenes Land war. Und dann die Kino-Lektionen – Italiener können offenbar auch im Kino nicht ruhig sein, müssen alles lautstark kommentieren: Rossellini ist ein kindischer Trottel, „Ingrid Bergmann rannte einem Huhn hinterher, das ihre Rosen gefressen hatte. Pierre hatte Hunderte von Hühnern gesehen, aber noch keines, das Rosen frass.“ Herrlich!

Ganz besonders packten mich die russischen Kapitel – Stalin war 1953 gestorben, Chruschtschow kam an die Macht – und andere historische Lektionen, etwa dass Einstein die Amerikaner aufgerufen hatte, die Zusammenarbeit mit den Tribunalen des Inquisitors McCarthy zu verweigern, wofür ihm Thomas Mann und Bertrand Russell applaudierten. Doch 54 ist kein Geschichtsbuch, es ist ein Geschichtenbuch, ein sehr erfinderisches und überaus fantasievolles. Andererseits: Ist das traditionelle Geschichte nicht auch? Nur eben weit weniger kurzweilig …

Gute Dialoge, die an Direktheit nichts zu wünschen übriglassen, treffende Charakterisierungen (Schauspieler etwa: „Als grosszügig entlohnter Teil der grossen amerikanischen Propaganda tauschten sie ihre Würde gegen Ruhm und Geld.“) und nachdenklich Machendes („Einmal, als Kind, hatte er gesehen wie ein Schwein geschlachtet wurde. Es hatte wie ein menschliches Wesen geschrien; zu fünft hatten sie es festgehalten.“) wechseln sich ab.

Krimi, Burleske, Polittheater, Aufklärung, Gangster, Spione, ehemalige Partisanen, eine bewegende Vater/Sohn-Geschichte und vieles mehr – eine abstrusere und gelungenere Mischung geht kaum. Sehr clever und sehr lustig!

Wu Ming
54
Assoziation A, Berlin/Hamburg 2021

Martin Zurmühle: Fotografie lehren und lernen

Mein eigener Zugang zur Fotografie ist rein intuitiv: Warum mir ein Bild gefällt, interessiert mich wenig; mein Bedürfnis nach Rationalisierung ist beschränkt. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass Goethes Diktum, „Man sieht nur, was man weiss“ (In meiner Fassung: Wir können nur er-kennen, was wir kennen) meine Bildwahrnehmung bestimmt, weshalb mir denn die vielfältigen Informationen in diesem Buch sehr willkommen sind.

Erfunden wurde die Fotografie im Jahr 1839; als ihre Erfinder gelten Louis Jacques Mandé Daguerre und Willam Henry Fox Talbot. „Vom Verfahren her sind die ersten fotografischen Systeme sehr unterschiedlich: Daguerreotypen sind nicht veränderbare Unikate auf versilberten Kupferplatten, die eine ausserordentlich feine Wiedergabe der Details zeigen. Talbotypen (auch Kalotypen  genannt) sind dagegen weniger detaillierte und recht grobkörnige Papiernegative, die aber reproduziert werden können.“

Schon bald kristallisierte sich heraus, worüber auch heute noch gestritten wird: Ist Fotografie eine Kunstform?, wie die Piktorialisten meinten, oder ist es die Wirklichkeitsnähe, welche die Fotografie wesentlich ausmacht?,  so die Auffassung der ‚Straight Photography‘.

Autor Marin Zurmühle, gelernter Architekt ETH (kein Wunder, arbeitet er auch in seinen Fotolehrgängen mit Modellen), betreibt seit 2002 ein Fotostudio und eine Fotoschule in Ebikon; zudem ist er als Studiengangleiter der Höheren Fachschule für Fotografie in Baden (Schweiz) im Einsatz. Sein Fotografie lehren und lernen  ist wesentlich eine Anleitung für Lehrer und Schüler, kurz und gut: Ein Lehrbuch.

Menschen, die pädagogisch unterwegs sind, ist eigen, dass sie recht klare Auffassungen von richtig/falsch bzw. gut/schlecht haben. Das hat Vorteile, ist jedoch nicht unproblematisch, da Auffassungen (wie alles andere auch) naturgemäss dem Wandel unterliegen. Wie will man etwa die Qualität von Fotografien beurteilen? Martin Zurmühle hat dazu das Doppelte Dreieck entwickelt. Das äussere Rahmendreieck besteht aus Motiv, Idee und Zeitgeist (die subjektive Seite); das Kerndreieck aus Technik, Komposition und Wirkung (die objektive Seite).

Ich finde dies ein hilfreiches Modell, auch wenn ich, was die Wirkung, die der Autor zur objektiven Seite zählt (!), angeht, so meine Zweifel habe, wie man denn diese messen will. „Bleibt ein Bild im Gedächtnis haften?“, gehört jedenfalls zu den Kriterien, die niemand, der halbwegs bei Verstand ist, beantworten kann, ein grösseres Mysterium als die Erinnerung gibt es kaum.

Jeder kann ein gutes Bild machen, sogar ein Schimpanse. Stimmt, sagte der Fotograf David Bailey einmal, doch ich kann zwei gute Bilder machen. Martin Zurmühles zeigt mit diesem Lehrbuch, dass Fotografieren nicht einfach nur eine Begabung ist (das ist es natürlich auch), sondern sowohl gelehrt als auch gelernt werden kann. Dabei gilt es unter anderem, sich mit Linien, Flächen, Farben und Kontrasten auseinanderzusetzen. Eine überaus gelungene Illustration eines Hell-Dunkel-Kontrasts zeigt des Autors Aktaufnahme aus Lanzarote (auf Seite 15).

Es versteht sich: je intensiver man sich mit einer Sache auseinandersetzt, desto wahrscheinlicher ist, dass man Aspekte wahrnimmt, die einem flüchtigen Betrachten entgehen. So kann etwa gestalterisches Können durch Bildbesprechungen gefördert werden, die nicht nur dem Lehrer erlauben, Feedback zu geben, sondern den Teilnehmern auch Vergleiche mit den Arbeiten anderer ermöglichen.

Ist Fotografie Kunst, der Fotograf ein Künstler? Treffend formuliert Martin Zurmühle: „Wohl nirgends sonst in der Kunstwelt klaffen Anspruch und Wirklichkeit so weit auseinander wie in der Fotografie.“ Seine Auffassung, dass es nicht der Fotograf ist, „der festlegt, ob ein Bild ein Kunstwerk ist, sondern der Betrachter, Käufer, Galerist, Sammler, Kunstkritiker oder das Museum“, teile ich hingegen nicht. Siehe dazu auch hier.

Fotografie lehren und lernen  ist ein Buch, das sich an Praktiker richtet. Dass ein Fotograf sein Handwerk beherrscht, darf erwartet werden, doch genügt das heutzutage, wo vor allem zählt, dass man sich zu verkaufen weiss, nicht mehr.  Da die Bilder des Fotografen häufig im Rahmen des Designs verwendet werden, ist es wichtig, „dass er die Bedürfnisse und Anforderungen des Designs kennt, damit er die richtigen Bilder liefern kann.“ Auch dem „Fotograf als Unternehmer“ ist ein Kapitel gewidmet.

„Mit 52 Übungen für die fotografische Praxis“ lautet der Untertitel. Wie bei jedem Lernen, geht es auch bei diesem ums Üben. Und dazu leitet dieses Werk an. Fotografie lehren und lernen  ist ein leserfreundlich gestaltetes und überaus instruktives Buch für alle, die das Fotografieren lernen wollen, und eignet sich ganz besonders für die, die es zum Beruf machen wollen.

Martin Zurmühle
Fotografie lehren und lernen
Mit 52 Übungen für die fotografische Praxis
Vier-Augen-Verlag, Luzern 2021

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