Holger Senzel: Arschtritt

Zehn Jahre lang suchte der Journalist Holger Senzel in Therapien die Lösung für seine Probleme und Konflikte. Doch da die Innenschau ihn nicht aus der Depression zurück ins Leben brachte, versuchte er es von aussen. Nicht etwa, dass das dann sofort funktioniert hätte, doch: „Um Niederlagen zu kreisen, bringt mich selten weiter. Es spielt auch keine Rolle, warum ich gestern schwach war. Heute werde ich stark sein!“

In Therapien, so Senzel, geht es um Erkenntnisgewinn. Wie das Leben nach der Klinik aussehen sollte, darüber werde kaum gesprochen, dafür um so mehr über Gefühle und die möglichen Ursachen seines selbstzerstörerischen Verhaltens: „Ich lüge und betrüge, weil ich Liebe und Anerkennung suche – sehr verkürzt gesagt … Meine Freunde dagegen sagten es mir in aller Deutlichkeit: Dass ich unreif und rücksichtslos auf den Gefühlen anderer herumtrampelte und mich nicht wundern müsste, dafür die Quittung zu bekommen.“

Erstaunlich finde ich, dass einer zehn Jahre lang in Therapien geht, bevor er merkt: „Tatsächlich hat mich die Therapie mehr und mehr geschwächt, das Wühlen in alten Wunden viel Kraft gekostet. Jede Niederlage und Enttäuschung wurde zum grossen Lebensthema – statt einfach einmal die Zähne zusammenzubeissen und sie wegzustecken, weil Verletzungen und Niederlagen zum Leben nun mal dazugehören.“

Woran liegt’s, dass viele nicht merken, dass Therapien oft alles andere als hilfreich sind? Nun ja, wir leben in psychologisierten Zeiten, in denen uns beigebracht wird, dass, falls eine Therapie nichts bringt, die Schuld bei uns liegt. Kommt dazu, dass eine Therapie zu machen, in gewissen Kreisen sehr schick ist – den Dingen auf den Grund zu gehen, adelt einen da geradezu.

Doch dann macht sich Holger Senzel sein eigenes Programm. Vorbild ist ihm dabei seine Omi, die ganz einfach gemacht hat, was gemacht werden muss. Und so macht er einen Vertrag mit sich selbst: kein Alkohol, kein Tabak, keine Süssigkeiten, gesunde Ernährung, Sport etc. Für vier Wochen. Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, wird wieder neu angefangen.

Am Rande: in seinem Vertrag mit sich selber findet sich auch „Ich werde nur noch ‚gute Bücher‘ lesen (Liste machen!).“ Von einem London-Korrespondenten der ARD hätte ich eigentlich erwartet, dass er eh ‚gute Bücher‘ liest oder anders gesagt, von jemandem, der das nicht tut, mag ich mir eigentlich weder London noch die Welt erklären lassen.

Am 1. Tag scheitert er. Und beginnt gerade noch einmal mit Tag 1 … und scheitert dann am Tag 2. Also wieder zurück zu Tag 1 …. Der Autor lässt den Leser an seinen Erfahrungen mit seinem Drillsergeant („Mach einfach! Dein Gejammer ändert nix!“) und seinen Allerweltseinsichten („Manchmal muss man sich zu neuen Erfahrungen auch zwingen, denen man sich zuvor aus Trägheit und Angst verschlossen hat.“) teilhaben und macht damit vor allem klar, dass es bei der Genesung ums Tun geht. Und dass tun von tun kommt. Ja, das ist banal, aber es ist eben auch wahr.

Grosse Literatur schreibt Holger Senzel nicht, doch was er schreibt, ist von praktischem Wert. „Es ist das dritte Mal, dass ich scheinbar so grundlos in die Schwermut rutschte. Drei Abende in zwei Wochen. Aber sie sind auch vorbeigegangen. Vielleicht gehört das zum Leben einfach dazu: Trauer, Zweifel, Einsamkeit. Denk mal an den Doktor Faust. An Dorian Gray. Beethoven. Die alle haben dieselben miesen Nächste durchgemacht. Ich muss da einfach irgendwie durch. Es aushalten. Auch diese Nacht wird mich nicht umbringen. Und natürlich werde ich mich nach langen, schlaflosen Stunden fruchtlosen Grübelns auch morgen früh wieder ins Fitnessstudio schleppen. Und mich hinterher besser fühlen. Ich bin nicht ausgeliefert.“

An „Arschtritt“ überzeugt, dass am konkreten Beispiel vorgeführt wird, wie Genesung funktionieren kann. Und dabei deutlich gemacht wird, dass mit Selbstdisziplin („meiner Grossoffensive gegen den inneren Schweinehund“) viel geht, und ohne gar nichts.

Sehr schön übrigens, Holger Senzels Credo: „Den Schlüssel zu meinem Herzen – nah bei seinen Gefühlen sein, würde es in der Therapie heissen –  finde ich nicht durch das Graben in der eigenen Seele. Sondern durch offene Augen und das Interesse an anderen Menschen.“

Holger Senzel
„Arschtritt“
Mein Weg aus der Depression zurück ins Leben
Südwest Verlag, München 2011

Amy Liptrot: Nachtlichter

Amy Liptrot ist auf den Orkneyinseln aufgewachsen, einer vom Meer umtosten, windgepeitschten Inselgruppe im Norden von Schottland zwischen Nordsee und Atlantik. Der Hof der Eltern liegt auf der Hauptinsel, auf demselben Breitengrad wie Oslo und Sankt Petersburg. Der Vater leidet an Depressionen und landet zeitweise in der Psychiatrie, die Mutter rettet sich in den Glauben, sie selber flüchtet nach London und in den Alkohol. „Ich trank, bis ich wie tot vor mich hin stierte.“

Ihr Trinken wird von Jahr zu Jahr schlimmer. „Das Trinken ergriff von mir Besitz. Während andere arbeiteten und auf Pubabende verzichteten, um die nächste Stufe hinaufzuklettern, leerte ich Bierdosen am Telefon und unterdrückte das Geräusch beim Öffnen, während ich von unerfüllten Ambitionen erzählte.“

Sie unternimmt ernsthafte Versuche mit dem Trinken aufzuhören, jedes Mal hält sie etwa einen Monat durch. Schliesslich beschliesst sie, das Trockenwerden an die erste Stelle zu stellen. Sie gibt  ihren Job auf, geht zum Arzt und wird an die örtliche Drogenberatung weiterverwiesen. In der Therapie, die auf dem Programm der Zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker (AA) basiert, lernt sie unter anderem: „Ich werde meine Leben lang anfällig bleiben für Rückfälle und andere Formen von Sucht.“

Das Entzugsprogramm ist hart, die wenigsten schaffen es. Sie lernt: Jedes Verlangen ist temporär, immer geht der Drang zu trinken vorüber. Die Gruppengespräche sind hilfreich. „Zu hören, wie Leute im Gefängnis gelebt hatten, in Krankenhäusern, unter fahrendem Volk, in Grossfamilien in Russland oder in Stepney Green zeigte mir Erfahrungswelten, die Lichtjahre entfernt waren von denen mediengesättigter Hochschulabsolventen und ihrem Genörgel auf Twitter.“

Sie schafft den Entzug, doch das ist nicht das Ende, sondern erst der Anfang, denn wirklich schwierig ist es, trocken zu bleiben. Sie merkt, dass London nicht mehr richtig ist, sie geht zurück nach Orkney, dahin, wo sie sich nie zugehörig gefühlt hat – und wird wieder zum mürrischen Teenager. Doch sie trinkt nicht und weiss, dass jedes Mal, wenn sie darauf verzichtet, obwohl ihr danach ist, sie neue Nervenbahnen im Gehirn stärkt.

Sie beschliesst, einen Winter auf Papay zu verbringen, einer der kleinsten bewohnten Inseln im äussersten Norden von Orkney, sechseinhalb Kilometer lang, gut anderthalb Kilometer breit, 70 Einwohner. „Es ist ein Trugschluss zu glauben, Insulaner könnten ‚allem entfliehen‘: An einem so kleinen Ort müssen wir mit unseren Nachbarn mehr Kontakt pflegen als in der Stadt. Im Grossen und Ganzen kommen wir gut miteinander aus.“

Die Nachrichten auf der Insel drehen sich ums Wetter, nicht um Politik. Auch wenn sie es gelegentlich vermisst, „zu sehen und gesehen zu werden, und das Gefühl, dicht am Zentrum des Geschehens zu sein“, gibt es in Papay jeden Tag einen Moment, an dem ihr das Herz aufgeht. „Wenn ich mich umdrehe zum Beispiel, das Gesicht in den Nordwind halte und den Küstensaum betrachte, an dem ich gerade entlanggelaufen bin. Ich sehe Schwärme von Stärlingen, Hunderte einzelne Vögel, die sich zu fliessenden geometrischen Gebilden formieren und umformieren, um ihre Feinde auszutricksen, und einander folgen, um einen sicheren Platz für die Nacht zu finden.“

Von einer Sucht zu genesen, bedeutet mit sich und seiner Umwelt ins Gleichgewicht zu kommen. Dafür ist innere Sammlung nötig und diese ist nicht für alle gleich, den einen helfen AA-Treffen, anderen Meditation und Amy Liptrot tut es vor allem gut, sich in der Natur zu bewegen (man kann das natürlich auch alles abwechselnd tun). „In Bewegung zu sein, beruhigt mich. Mein Körper ist beschäftigt und mein Geist frei.“

Sie beginnt sich für Astronomie zu interessieren, geht nachts raus um Sterne zu gucken, lernt Dinge, die ihr gefallen, zum Beispiel, „dass sich peripheres Sehen am besten dazu eignet, in weite Ferne zu sehen – weil ein Gegenstand mitunter verschwindet, wenn man ihn direkt ansieht.“ Indem sie die Welt kennenlernt, lernt sie sich selber kennen. Es ist eine echte Bereicherung, an Amy Liptrots vielfältigen Entdeckungen teilhaben zu dürfen.

Sie setzt sich auch intensiv mit den Zwölf Schritten der AA auseinander, obwohl sie sich hauptsächlich auf ihre eigenen Therapieformen – Wandern und Schwimmen – verlässt. Sie weiss jetzt, dass Trinken keine Probleme löst und dass ‚trocken zu werden‘ kein Moment ist, „nach dem alles besser wird, sondern ein andauernder, langsamer Prozess des Wiederaufbaus, mit regelmässigen Rückschritten, Schwankungen und Versuchungen.“ 

Sich dem Leben zu stellen, erfordert Mut. Nachtlichter ist ein höchst eindrückliches Dokument dieses Mutes.

Amy Liptrot
Nachtlichter
btb Verlag, München 2017

Chönyi Taylor: Die Buddha-Therapie

„Dieses Buch wendet sich an alle, die einen Punkt erreicht haben, an dem sie sich sagen: Es reicht!“ Mit diesem Satz leitet Chönyi Taylor ihre Buddha-Therapie ein. Es ist ein guter, ein wichtiger Satz. Bei den Anonymen Alkoholikern heisst es, dass man seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht haben muss, bevor an eine Verhaltensänderung zu denken ist. Gemeint ist dasselbe. Ohne dass ein Süchtiger diesen Punkt erreicht hat, gibt es keine Veränderung.

„Jede Form der Sucht ist im Grunde nichts anderes als die verzweifelte Suche nach Glück, ein Versuch, die unangenehmen, deprimierenden oder schmerzlichen Aspekte des Lebens auszublenden.“ Das leuchtet zwar ein, doch es legt fälschlicherweise den Verdacht nahe, Sucht komme vom Suchen. Richtig ist, dass Sucht von siech=krank kommt.

Der Ursprung der Sucht wie auch der Befreiung davon liege in unserer Art zu denken, schreibt Chönyi Taylor, der Körper sei dafür nicht verantwortlich. Ich sehe das nicht so, in meiner Sicht hat Sucht sowohl geistige, körperliche wie auch seelische Ursachen. Im Übrigen widerspricht sich Taylor selber. So schreibt sie: „Neurologische Studien zum Verlangensimpuls zeigen, dass er eine neuro-anatomische Basis hat.“

Drei Meditationstechniken schlägt die Autorin vor, um die zwanghaften Muster unseres Geistes umzuwandeln: Achtsamkeit, Selbstbeobachtung und Gleichmut. Das Ziel dabei ist, frei von schädlichen Impulshandlungen zu werden.

„Ich habe mich für den buddhistischen Handlungsansatz entschieden, da der Buddhismus die Problematik der Begierden, die durch Anhaftung entstehen, betont, was im Buddhismus als „Verlangen“ oder „Greifen“ bezeichnet wird“, schreibt die Autorin. Trotz der etwas hölzernen Ausdrucksweise – ich habe viel Sympathie für diesen Ansatz. Umso mehr, da niemand wirklich sagen kann, welche Suchttherapie (wenn überhaupt eine) eigentlich hilfreich ist – beweisen lässt sich die Effizienz einer Therapie jedenfalls nicht.

Um von der Sucht loszukommen, brauchen wir ein neues Wertesystem: „In dem Moment, in dem wir bewusst die Hand ausstrecken, um uns helfen zu lassen oder anderen zu helfen, ist unser Wertesystem ein anderes geworden.“

Die für mich tollsten Anregungen habe ich unter dem Titel „Ein paar Goldkörnchen aus dem Schatz der Weisen“ gefunden. Hier zwei Beispiele: „Wenn du durch die Hölle gehen musst, bleib nicht stehen“ (Winston Churchill). „Betrachte das Ego als das, was es ist: Eine Geschichte, die du dir über dich selbst ausgedacht hast.“

Und noch toller fand ich, dass Chönyi Taylor den Goldkörnchen der Weisen diese Sätze folgen lässt: „Vielleicht erschreckt Sie ja die Kluft, die man unweigerlich feststellt, wenn man sich mit den Weisen dieser Welt vergleicht. Doch keine Sorge: Weisheit ist die Frucht erfolgreicher Bewältigung unserer Probleme. Weisheit entwickeln wir nicht dadurch, dass wir viele Bücher lesen, sondern indem wir uns auf das Leben mit all seinen Schwierigkeiten einlassen. Wir entwickeln Weisheit, indem wir uns aus dem Dickicht unserer Probleme mit ebenso viel Mut wie Bescheidenheit – Qualitäten, die wir durch Aufrichtigkeit und Gleichmut erlangen – befreien.“

„Die Buddha-Therapie“ ist ein sympathisches und hilfreiches Buch.

Chönyi Taylor
Die Buddha-Therapie
Süchte mental besiegen
Diederichs, München 2011

Hans-Joachim Maaz: Die narzisstische Gesellschaft

Die Tragik der narzisstischen Störung, so Hans-Joachim Maaz, liege darin, dass man sie nicht mehr loswerde, aber mit ihr auch nur schlecht leben könne. Das ist auch bei anderen seelischen Störungen so, ist man da sofort versucht einzuwerfen. Und das gilt auch noch für einiges Andere, das Maaz über die narzisstische Störung zu berichten weiss, denn die Überlappungen der verschiedenen seelischen Krankheitsbilder sind bekanntlich mannigfaltig.

Doch was ist eigentlich Narzissmus? Maaz zitiert den Zürcher Psychoanalytiker Emilio Modena: „Das Selbst entwickelt sich kontinuierlich vom frühen Säuglings- bis zum Erwachsenenalter als Produkt einer einfühlenden spiegelnden Umwelt, in deren Zentrum in der frühen Kindheit die Mutter (das ‚Selbstobjekt‘) steht. Versagt diese … den Dienst … können sich die angeborenen Fähigkeiten des Kindes nicht entwickeln, was zu einer narzisstischen Störung führt, zu einem schwachen, mangelhaft integrierten Selbst, welches … von Fragmentierung bedroht ist.“

Gemäss Maaz gibt es den gesunden wie auch den pathologischen Narzissmus, er versteht narzisstische Störungen als „verhinderte und mithin eingeschränkte Selbstliebe“. Der narzisstisch gestörte Mensch ist ein abhängiger Mensch, der zwischen Idealisierung und Entwertung pendelt, unfähig zur Empathie. „Ein Narzisst liebt nicht, er will geliebt werden, er meint den Nächsten nicht, er braucht ihn, er spürt nicht, was mit dem anderen ist, er nimmt nur wahr, wie der andere zu ihm steht: brauchbar oder nutzlos, Freund oder Feind.“

Vermutlich kennt jeder jemanden, auf den diese Charakterisierung zuzutreffen scheint, doch kann das sein, gibt es wirklich Menschen, die nicht lieben können? Und falls ja, wie misst man das, woran kann man das festmachen?

„Die mangelnde Liebe ist die Hauptquelle narzisstischer Störungen. Wer nicht ausreichend gespiegelt und bestätigt wurde, der bleibt ein Leben lang abhängig von der Zustimmung anderer.“ Schwer vorstellbar, dass heutzutage noch jemand die Wichtigkeit der ersten Lebensjahre unterschätzen würde. Maaz erwähnt, dass „die frühe Entwicklung des Gehirns, die Art der neuronalen Vernetzung, sehr stark von den ersten Beziehungserfahrungen des Menschen abhängig ist“.  Und dass die neueste Forschung zur ‚Epigenetik‘ sogar davon ausgehe, dass der Einfluss der frühen Beziehungserfahrungen sich selbst auf die Gene erstrecke. Andrerseits sind Sarah Bakewells Bemerkungen zum Aufwachsen Montaignes, das war im 16. Jahrhundert (in: Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten) unbedingt des Nachdenkens wert: „Eine Bäuerin als Amme zu nehmen war damals nichts Ungewöhnliches, aber Montaignes Vater wollte, dass sein Sohn die Gepflogenheiten der einfachen Leute gleichsam mit der Muttermilch aufnahm, und deshalb wuchs Montaigne bei den Leuten auf, die der Hilfe eines seigneur am meisten bedurften … Wenn wir von den entwicklungspsychologischen Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgehen (die sich vielleicht bald als fragwürdig erweisen werden: vielleicht ist die Mutter-Kind-Bindung ein ebenso kurzlebiges, kulturell bedingtes Phänomen wie das Gestilltwerden durch eine Amme), so muss der mangelnde Kontakt zu den Eltern in den entscheidenden ersten Lebensmonaten Montaignes Beziehung zu seiner Mutter tiefgreifend geprägt haben. Montaignes eigener Einschätzung nach jedoch funktionierte der Plan perfekt, und er empfahl seinen Lesern, mit ihren Kindern möglichst dasselbe zu tun: ‚Überlass es dem Schicksal, sie nach den natürlichen und landläufigen Gesetzen heranzubilden.“

Hans-Joachim Maaz meint, dass narzisstische Störungen nicht geheilt werden können, „aber sie müssen reguliert werden. Falsche Regulationen sind die Quelle von Selbst- bezw. Fremdbeschädigungen.“ Das trifft übrigens auch auf Suchtabhängigkeiten zu.

Was also ist zu tun? Maaz schlägt „eine Verbesserung der Kompensations- und Ablenkungsmöglichkeiten“ vor, diese ist überlebensnotwendig, auch wenn dadurch die narzisstischen Störungen verleugnet und überdeckt werden. Dazu kommt die Gefühlsarbeit und das meint, „die Möglichkeit, frühe Gefühle zum Ausdruck zu bringen, etwa Wut über verletzende Behandlung, Schmerz über den Liebesmangel und Trauer über verhinderte und damit verlorene Lebensmöglichkeiten.“

Als ein „schonungsloses, klarsichtiges Psychogramm unserer orientierungslosen Gier- und Konsumgesellschaft“ preist der Verlag das Buch an. Da habe ich offenbar ein anderes Buch gelesen, denn um Gesellschaftliches geht es zwar auch („In der Politik schneidert sich die narzisstische Kompensation ein Königskleid: grosse Worte, grosse Versprechungen, die aufgesetzte Souveränität, die vorgegaukelte Sicherheit, das wunderbar verpackte Nichtwissen, rhetorisch-eloquente Scheingefechte liefern das schillernde Als-ob-Kostüm und keiner will erkennen, dass der Kaiser nackt ist“), doch in der Hauptsache geht es darum, was die narzisstische Störung ausmacht und wie man damit klar kommen kann.

„Die narzisstische Gesellschaft“ ist ein differenziertes, anregendes, aufklärendes und sympathisches Buch, nicht zuletzt, weil es erfreulich persönlich geschrieben ist, sich der Autor als empfindsamer, gescheiter und lernfähiger Mensch zeigt, und nicht als der typische Experte, der sich hinter seinem Fachwissen versteckt. Seine eigene Geschichte zeigt übrigens exemplarisch auf, dass man (und das gilt bei allen seelischen Störungen) an seinen persönlichen Tiefpunkt kommen muss, ja, es manchmal einer tödlichen Bedrohung bedarf, um „die Mauer der narzisstischen Abwehr zu durchbrechen“. ‚The readiness is all‘, sagt Horatio in Hamlet.

Hans-Joachim Maaz
Die narzisstische Gesellschaft
Ein Psychogramm
Verlag C.H. Beck, München 2013

Hans-Joachim Maaz: Hilfe! Psychotherapie

„Ich halte Würde für das oberste und wichtigste Lebensziel, und die gewinnt man nicht durch Erfolg und Leistung, sondern nur durch die individuelle Wahrheit, die es zu finden und zu leben gilt“, schreibt der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz im Vorwort, in dem er auch erwähnt, dass er seit 14 Jahren mit seiner Frau Dr. Ulrike Gedeon-Maaz, Psychiaterin, Psychotherapeutin und Psychoanalytikerin zusammen arbeitet. Maaz war zudem auch lange Zeit Chefarzt der Klinik  für Psychotherapie und Psychosomatik des Diakoniekrankenhauses Halle. Mit anderen Worten: der Mann ist ein Vertreter des Systems, dem er kritisch gegenüber steht.

Von der Psychotherapie schreibt er, diese sei „niemals nur Kassenleistung zur Behandlung von Krankheiten, sondern stets auch Lebensform: die beharrliche kritische Auseinandersetzung mit Erkrankungen oder Konflikten auf der Suche nach dem aufrichtigen Weg.“ Klingt gut, und ist mir sympathisch, aber ob das auch die Realität ist?

„Dass Psychotherapie wirkt, ist wissenschaftlich gesichert. Ihre individuelle Anwendung aber bleibt eine Kunst und ist von ganz subjektiven Faktoren abhängig“, so Maaz. Nun ja, mit der Wissenschaft und der Seele ist das so eine Sache, wie die beiden zusammengehen können ist mir völlig rätselhaft und ich hätte gerne mehr darüber erfahren … für viele der seelischen Krankheiten, die Aufnahme in die DSM, das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen, der Bibel der Psychiatrie, finden, gibt es jedenfalls keine wissenschaftliche Grundlage …

Hans-Joachim Maaz hält nichts „von einer vorgeblichen Neutralität des Therapeuten“, sondern betrachtet es „als seine Pflicht, die eigene Position gegenüber den Belangen des Patienten zu reflektieren.“ Doch was macht eigentlich ein Therapeut? Er exploriert, stellt Fragen, trifft mit dem Patienten Vereinbarungen, bestätigt, was bestätigt gehört, verbalisiert emotionale Erlebnisinhalte, konfrontiert, deutet, doch raten soll er nicht. „Rat soll der Psychotherapeut nicht oder nur selten geben, da es darauf ankommt, dass der Patient lernt, sich besser zu verstehen, und aus Erkenntnis und Einsicht zu seinen Entscheidungen findet. Psychotherapie ist Lehre zur Selbstberatung.“ Das Problem dabei ist, dass wir alle nicht sehr gut darin sind, auf unseren eigenen Rat zu hören.

Mein spezielles Augenmerk galt dem Kapitel über „Alkohol, Drogen, Medikamente und Psychotherapie“ wo ich unter anderem las, dass Psychotherapie nur Erfolge bringen könne, „wenn deutliche Bereitschaft und ernsthafte Motivation gegeben sind.“ Das bedeutet: ohne vorgängige Abstinenz (denn nur darin zeigt sich die klare Bereitschaft und Motivation) kann Psychotherapie nichts bewirken. In den Worten von Hans-Joachim Maaz: „…was mit Substanzen betäubt wird, entzieht sich der therapeutischen Bearbeitung. Anders gesagt: Erst wenn Suchtmittel weggelassen werden, können die psychischen Inhalte, die mit Alkohol oder Drogen beeinflusst wurden, wieder spürbar und so der bewussten Bearbeitung zugeführt werden. Man kann es auch zugespitzt formulieren: Statt sich mit Drogen zuzudröhnen, entsteht die wesentliche Befreiung durch die zugelassenen Affekte – in der Regel aggressive, schmerzliche und traurige Gefühle – in einer einfühlsamen Beziehung.“ Ob die einfühlsame Beziehung wirklich die Lösung ist, sei einmal dahin gestellt, doch Süchtige oder Ex-Süchtige würden sicher gerne erfahren, wie man zu solch einer Beziehung kommt. Und die Nicht-Süchtigen sicher auch.

Hans-Joachim Maaz
Hilfe! Psychotherapie
Wie sie funktioniert und was sie leistet
Verlag C.H.Beck, München 2014

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte