„Sonntage ohne Gott“ ist der fünfte und letzte Teil des Roman-Zyklus „Vorläufige Hölle“. Verschiedene Einzelstimmen erzählen die Geschichte Brasiliens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der Arbeitenden, Besitzlosen, Entrechteten. Das macht schon deswegen Sinn, weil einerseits diese Perspektive häufig zu kurz kommt und weil andererseits dieses Riesenland als Ganzes überhaupt nicht erfasst werden kann. Die Unterschiede sind gewaltig. Fühlte ich mich im Nordosten gelegentlich an Afrika erinnert – der Akzent liegt auf gelegentlich – , erlebe ich den Süden, wo ich mich seit Jahren regelmässig während ein paar Monaten aufhalte, als eher europäisch, was natürlich auch daran liegt, dass hier vor allem Deutsche, Italiener und Ukrainer siedelten – kein Wunder, die Landschaft erinnert ans nördliche Italien und ans südliche Deutschland (offenbar suchen sich Auswanderer in der neuen Heimat vorzugsweise Gegenden aus, die sie an zuhause erinnern. Ein Phänomen, das sich auch andernorts zeigt. So zog es zum Beispiel Skandinavier bevorzugt ins skandinavisch anmutende Minnesota).
Von Diadema, einer Grossstadt südlich von São Paulo. mit einer der höchsten Bevölkerungsdichten des Landes, erzählt die erste Geschichte dieses schmalen Bandes, wo Herr Valdomiros durch die Strassen spaziert und sich an sein Aufwachsen in Minas Gerais erinnert. Von seinen Träumen erzählt er. Aber auch von seinem harten Arbeitsleben. Sein grösster Stolz ist ein Klassenfoto, denn dieses beweist, dass es ihn auch wirklich gibt. Das ist sprachlich überaus gekonnt geschildert, der Text verströmt eine grosse Leichtigkeit, die Lebensfreude ist fast mit Händen zu greifen.
Die zweite Geschichte handelt von Ana, ihrem beengten Leben mit Mann und Kindern in der Nähe von Guarulhos, dem Flughafen von São Paulo. Eindringlich schildert Luiz Ruffato, wie sie sich gegen das Auseinanderbrechen (der Mann geht fremd, fühlt sich dann aber wieder schuldig, hat Anfälle des Wiedergutmachens) ihrer Ehe wehrt, doch zwischen den beiden findet kein wirklicher Austausch statt.
Dann die Geschichte Nummer drei, in der sich eine alte Frau ihren Erinnerungen hingibt. „Stumm und gehörlos – wie von einer Alten erwartet –, dazu noch scheu, war sie fast unsichtbar.“
Mit „Sandra, die hatte Glück“ (ein höchst doppelbödiger Titel) ist die nachfolgende Geschichte überschrieben. Dona Diana, der Gemahlin von Doktor Manoel Prata, hatte Sandra, eines von zehn Kindern, ausgewählt, in Rio als Hausmädchen zu arbeiten. Während des Karnevals geschwängert, kehrt sie nach Cataguases zurück, wagt sich aber nach ein paar Jahren wieder nach Rio. Nach Gelegenheitsarbeiten landet sie als Tänzerin in einem Nachtklub, wird wieder schwanger, kehrt wieder zurück nach Cataguases. Nein, das ist nicht die ganze Geschichte, das Wesentliche habe ich ausgelassen, nur soviel: sie ist berührend, tragisch und wiederum eigenartig leicht.
Ein platter Reifen, eine Zufallsbegegnung, die Bilder von Rodeiro in Minas Gerais hervorrufen. Und an ein Lebensschicksal erinnern, das eindrücklich aufzeigt, dass nicht wir es sind, die entscheiden wie wir leben, erzählt die Geschichte mit dem Titel „Wunder“.
Mit „Noch eine Fabel“ ist die letzte der sechs Geschichten betitelt. Sie handelt von Ehekonflikten, geopferten Idealen, begrabenen Träumen und für mich ganz besonders eindrücklich von Lalado, der unter dem Einfluss von Wachmachern mit seinem Lastwagen von der Strasse abgekommen war und gegen dessen Alkoholismus weder spiritistische Sitzungen noch Gottesdienste der Evangelikalen noch Treffen der Anonymen Alkoholiker etwas ausrichten konnten, dem hingegen der Blättertrank eines in einer schäbigen Unterkunft lebenden Mannes half.
Doch es ist nicht so sehr der Inhalt, der diese Geschichten ausmacht, sondern Luiz Ruffatos Sprache, sein Erzählstil, sein Rhythmus, der einen magisch reinzieht in die Lebensumstände, die er schildert. Man wähnt sich quasi in die Protagonisten hinein versetzt. Jedenfalls ist es mir so ergangen.
Luiz Ruffato
Sonntage ohne Gott
Assoziation A; Berlin, Hamburg 2021



