Luiz Ruffato: Sonntage ohne Gott

„Sonntage ohne Gott“ ist der fünfte und letzte Teil des Roman-Zyklus „Vorläufige Hölle“. Verschiedene Einzelstimmen erzählen die Geschichte Brasiliens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive der Arbeitenden, Besitzlosen, Entrechteten. Das macht schon deswegen Sinn, weil einerseits diese Perspektive häufig zu kurz kommt und weil andererseits dieses Riesenland als Ganzes überhaupt nicht erfasst werden kann. Die Unterschiede sind gewaltig. Fühlte ich mich im Nordosten gelegentlich an Afrika erinnert – der Akzent liegt auf gelegentlich – , erlebe ich den Süden, wo ich mich seit Jahren regelmässig während ein paar Monaten aufhalte, als eher europäisch, was natürlich auch daran liegt, dass hier vor allem Deutsche, Italiener und Ukrainer siedelten – kein Wunder, die Landschaft erinnert ans nördliche Italien und ans südliche Deutschland (offenbar suchen sich Auswanderer in der neuen Heimat vorzugsweise Gegenden aus, die sie an zuhause erinnern. Ein Phänomen, das sich auch andernorts zeigt. So zog es zum Beispiel Skandinavier bevorzugt ins skandinavisch anmutende Minnesota).

Von Diadema, einer Grossstadt südlich von São Paulo. mit einer der höchsten Bevölkerungsdichten des Landes, erzählt die erste Geschichte dieses schmalen Bandes, wo Herr Valdomiros durch die Strassen spaziert und sich an sein Aufwachsen in Minas Gerais erinnert. Von seinen Träumen erzählt er. Aber auch von seinem harten Arbeitsleben. Sein grösster Stolz ist ein Klassenfoto, denn dieses beweist, dass es ihn auch wirklich gibt. Das ist sprachlich überaus gekonnt geschildert, der Text verströmt eine grosse Leichtigkeit, die Lebensfreude ist fast mit Händen zu greifen.

Die zweite Geschichte handelt von Ana, ihrem beengten Leben mit Mann und Kindern in der Nähe von Guarulhos, dem Flughafen von São Paulo. Eindringlich schildert Luiz Ruffato, wie sie sich gegen das Auseinanderbrechen (der Mann geht fremd, fühlt sich dann aber wieder schuldig, hat Anfälle des Wiedergutmachens) ihrer Ehe wehrt, doch zwischen den beiden findet kein wirklicher Austausch statt.

Dann die Geschichte Nummer drei, in der sich eine alte Frau ihren Erinnerungen hingibt. „Stumm und gehörlos – wie von einer Alten erwartet –, dazu noch scheu, war sie fast unsichtbar.“

Mit „Sandra, die hatte Glück“ (ein höchst doppelbödiger Titel) ist die nachfolgende Geschichte überschrieben. Dona Diana, der Gemahlin von Doktor Manoel Prata, hatte Sandra, eines von zehn Kindern, ausgewählt, in Rio als Hausmädchen zu arbeiten. Während des Karnevals geschwängert, kehrt sie nach Cataguases zurück, wagt sich aber nach ein paar Jahren wieder nach Rio. Nach Gelegenheitsarbeiten landet sie als Tänzerin in einem Nachtklub, wird wieder schwanger, kehrt wieder zurück nach Cataguases. Nein, das ist nicht die ganze Geschichte, das Wesentliche habe ich ausgelassen, nur soviel: sie ist berührend, tragisch und wiederum eigenartig leicht.

Ein platter Reifen, eine Zufallsbegegnung, die Bilder von Rodeiro in Minas Gerais hervorrufen. Und an ein Lebensschicksal erinnern, das eindrücklich aufzeigt, dass nicht wir es sind, die entscheiden wie wir leben, erzählt die Geschichte mit dem Titel „Wunder“.

Mit „Noch eine Fabel“ ist die letzte der sechs Geschichten betitelt. Sie handelt von Ehekonflikten, geopferten Idealen, begrabenen Träumen und für mich ganz besonders eindrücklich von Lalado, der unter dem Einfluss von Wachmachern mit seinem Lastwagen von der Strasse abgekommen war und gegen dessen Alkoholismus weder spiritistische Sitzungen noch Gottesdienste der Evangelikalen noch Treffen der Anonymen Alkoholiker etwas ausrichten konnten, dem hingegen der Blättertrank eines in einer schäbigen Unterkunft lebenden Mannes half.

Doch es ist nicht so sehr der Inhalt, der diese Geschichten ausmacht, sondern Luiz Ruffatos Sprache, sein Erzählstil, sein Rhythmus, der einen magisch reinzieht in die Lebensumstände, die er schildert. Man wähnt sich quasi in die Protagonisten hinein versetzt. Jedenfalls ist es mir so ergangen.

Luiz Ruffato
Sonntage ohne Gott
Assoziation A; Berlin, Hamburg 2021

Frank Ostaseski: Die fünf Einladungen

„Leben und Tod kommen immer im Paket –  das eine erhält man nicht ohne das andere“, leitet Frank Ostaseski, Mitbegründer des ersten Zen-Hospizes in den USA, seinen Ratgeber Die fünf Einladungen  ein. Der Untertitel verdeutlicht, worum es ihm geht Was wir vom Tod lernen können, um erfüllt zu leben. 

Wir alle wissen, dass wir einmal sterben werden. Die gängigste Art und Weise, damit umzugehen, ist die Verdrängung, manchmal retten wir uns auch in den Humor – auf die Frage: Wie seine Einstellung zum Tod sei?, antwortete Woody Allen einmal: Ich bin total dagegen – , die vermutlich wenigsten setzen sich ernsthaft damit auseinander. Frank Ostaseski, massgeblich beeinflusst von Elisabeth Kübler-Ross und Stephen Levine, plädiert für Letzteres.

„Ohne den Tod als Mahner neigen wir dazu, das Leben für etwas Selbstverständliches zu halten, und verlieren uns häufig in der endlosen Jagd nach Bedürfnisbefriedigung. Wenn wir den Tod öfter im Bewusstsein haben, klammern wir uns nicht mehr so sehr am Leben fest.“ Anders gesagt: Das Leben ist ein Wunder, das jeden Moment stattfindet. Weshalb denn auch die erste von Frank Ostaseskis Einladungen lautet: „Warte nicht.“

Das einzig Beständige ist bekanntlich der Wandel. Obwohl wir das wissen, leben wir nicht gemäss dieser Wahrheit. Das ist nicht nur erstaunlich, sondern so recht eigentlich unerklärlich, denn wenn wir wirklich genau hinschauen, werden wir feststellen, dass es gar nichts anderes gibt als diesen Wandel. Wer erkennt, dass er/sie vergänglich ist und seine/ihre Lebensumstände im Fluss sind, wird eine Übereinstimmung mit dem Gesetz von Wandel und Werden erleben.

Es ist überaus hilfreich, „Zuflucht in der Vergänglichkeit zu suchen. Also nicht in der Erwartung, dass sich die Dinge so entwickeln, wie wir es erhoffen oder befürchten, sondern in der Tatsache, dass sie sich auf jeden Fall ändern, ob wir das nun wollen oder nicht.“

Was wir vom Tod lernen können, um erfüllt zu leben  erzählt ganz viele Geschichten, die dieses „Warte nicht“ (wie auch die anderen Einladungen Frank Ostaseskis) eindrücklich illustrieren. Mich haben viele von ihnen angeregt, meine Aufmerksamkeit auf diesen ständigen Wandel zu richten – indem ich mich etwa auf das Pumpen des Herzens und das Ein- und Aus-Atmen konzentrierte sowie mir (recht erfolglos) zu vergegenwärtigen versuchte, dass bei einem erwachsenen Menschen jede Sekunde 50 Millionen Zellen absterben und fast genau so viele neu entstehen. Aber eben nur fast, denn der erwachsene Mensch baut nach und nach ab.

Das Leben gehört konfrontiert. Vorbehaltlos. Frank Ostaseski zeigt an vielen Beispielen, wie das geht. Dabei gibt er nicht den über der Sache stehenden Experten, sondern zeigt sich auch mit seinen Schwächen. Das ist überaus sympathisch, auch wenn es manchmal etwas gar lieb und nett zu und her geht. So fühlte er sich nach einer schweren Herzoperation unattraktiv wie auch nicht mehr liebenswert und machte sich darüber hinaus Sorgen, man würde ihn vergessen. „Glücklicherweise war ich von Menschen umgeben, die mich trotz alledem liebten. Mein Name wurde überall in den buddhistischen Zentren auf die Altäre gesetzt, und meine Freunde und Schüler chanteten meinen Namen bei ihren Gebeten und Praktiken.“

So einleuchtend und nützlich ich viele seiner Ausführungen finde, bescheiden ist der Mann nicht, der als „Der bedeutendste Vertreter der Hospizarbeit“ auf dem Buchumschlag vorgestellt wird. Sicher, das mag der Verlag zu verantworten haben, doch er lobt sich auch gerne selber. „Im Jahre 2004 gründete ich das Metta Institute zur Förderung achtsamer, mitfühlender Sterbebegleitung. Ich brachte grosse Lehrer zusammen, darunter Ram Dass, Norman Fischer, Rachel Naomi Remen und andere, die einen Lehrkörper von Weltklasse bildeten.“ Weltklasse in Sachen Sterbegleitung?

Irritierend fand ich überdies des Autors festen Glauben „an unser grundlegendes Gutsein als Menschen“ (grundlegend ist meines Erachtens eher unser unbedingter Lebenswille) sowie seine Überzeugung, die Wahl der Worte würde auch unser Handeln bestimmen. „Meine Freundin Rachel Naomi Remen drückt dies besser aus als jeder andere, wenn sie schreibt: ‚Helfen, Reparieren und Dienen sind drei unterschiedliche Arten, die Welt zu verstehen. Wenn du hilfst, siehst du das Leben als etwas Schwaches. Wenn du reparierst, siehst du das Leben als etwas Zerbrochenes. Wenn du dienst, siehst du das Leben als etwas Ganzheitliches. Reparieren und Helfen mag Aufgabe des Egos sein, Dienst ist die Aufgabe der Seele.“

Eine der für mich bewegendsten Geschichten in diesem Buch ereignete sich anlässlich eines Workshops, den Frank Ostaseski in Berlin leitete. Eine Frau meldete sich: „Ich habe Ihnen zugehört, als Sie über Vergebung sprachen. Aber mein Vater war Gefangener in den Konzentrationslagern, und ich kann seinen Mördern nicht vergeben. Mein Herz ist wie aus Eis.“ Stille. Eine andere Frau meldete sich: „Mein Herz ist auch wie aus Eis. Es fühlt sich an wie ein Stein. Mein Vater war Nazi-Offizier und als Wachmann in den Lagern. Ich weiss, dass er Menschen getötet hat. Ich kann ihm nicht vergeben.“ Wiederum Stille. Dann bahnten sich die beiden Frauen den Weg durch den grossen Sitzungssaal mit 250 Menschen und umarmten sich wortlos.

Die fünf Einladungen: Was wir vom Tod lernen können, um erfüllt zu leben  ist ein höchst empfehlenswerter Ratgeber, reich sowohl an praktischen Anregungen als auch an erstaunlichen und berührenden Geschichten, die das Leben geschrieben hat.

Frank Ostaseski
Die fünf Einladungen
Was wir vom Tod lernen können, um erfüllt zu leben
Knaur Menssana, München 2017

Bill Clegg: Porträt eines Süchtigen als junger Mann

Bill Clegg arbeitet als Literaturagent in New York und erzählt in diesem Buch die Geschichte seiner Crack-Abhängigkeit. Sein Bericht ist ebenso faszinierend wie ermüdend.

Ermüdend sind die immer gleichen Schilderungen von Cleggs Taxifahrten, Hotelaufenthalten, Drogendeals sowie seinem Alkohol- und Crack-Konsum: „Der Wodka kommt umgehend, und ich schütte Eis in ein grosses Glas und fülle es bis zum Rand. Brian schüttelt auf die Frage, ob er auch was will, den Kopf und sagt, Nein, danke. Ich kippe zwei Drinks hintereinander und schenke mir einen dritten ein. Dann frage ich Brian, ob ich duschen kann, und er hat nichts dagegen. Ich nehme den Drink mit ins Bad, sperre die Tür ab und drehe die Dusche auf. Das Bad ist klein und hat keine Lüftung. Über der Dusche befindet sich jedoch ein kleines quadratisches Fenster, und schon stehe ich nackt in der Dusche und rauche, wie ich dachte, eine kleine Dosis, aber es stellt sich heraus, dass immer noch zwei, drei grosse Hits da sind. Plötzlich wünsche ich mir, ich hätte die Flasche Wodka mitgenommen. Ich stopfe die Pfeife, blase den Rauch aus dem kleinen Fenster in einen Luftschacht, lasse den Dampf aufsteigen, und bald bin ich locker.“

Faszinierend sind die Beschreibungen von Cleggs Wahnvorstellungen. Ständig wähnt er sich verfolgt. Im Flieger nach Amsterdam glaubt er, dass seine Verhaftung unmittelbar bevorstehe. Zu einer Stewardess sagt er: Finden Sie nicht, dass das hier ein reichlich kompliziertes Theater ist wegen einer einzigen Person?  Wenig später kommt die Stewardess mit dem Kapitän zurück. „Aber verhaftet werde ich nicht. Stattdessen erklärt mir der Kapitän dass sie seit dem Anschlag auf das World Trade Center vorsichtig sein müssen und dass ich die Stewardess mit meiner Äusserung so beunruhigt hatte, dass ihnen beim Gedanken, mich an Bord zu haben, nicht ganz wohl ist.“ Clegg darf nicht mitfliegen.

Was Porträt eines Süchtigen als junger Mann (trotz der Anspielung auf Joyce: ein literarisches Werk ist dieses Buch nicht) auszeichnet, ist die eindringliche Darstellung des völligen Absorbiertseins von der Drogenwelt. Während des Anschlags auf das World Trade Center geht Clegg zum Friseur.

Immer wieder und immer wieder gibt er der Sucht nach. Und immer wieder hat er Momente, wo ihm klar ist, was mit ihm los ist. „Ich bin nirgends und gehöre nirgends hin. Was passiert, seht mir jetzt klar vor Augen – das langsame Abrutschen, das Erreichen des jeweils nächsten unmöglichen Stadiums – Crackhöhle, Entzug, Knast, Strafe, Obdachlosenasyl, ein kurzer Schock, dass die Anpassung an die neue Realität. Bin ich jetzt im Fegefeuer zwischen Bürger und Niemand jungem Gentleman und Penner?“

Seine Einsichten nützen ihm nichts. Die Rettungsversuche seines Freundes Noah (den er ständig mit anderen Männern betrügt) und seiner Familie ebenso wenig und dann schliesslich doch. In einer Klinik in White Plains, NY, lässt er sich helfen. Sogar die Rückkehr ins Verlagswesen gelingt.

Bill Clegg
Porträt eines Süchtigen als junger Mann
S. Fischer, Frankfurt am Main 2012

Lukas Bärfuss: Hundert Tage

Geht das überhaupt, hab ich mich sofort gefragt, dass da einer, der selber weder Entwicklungshelfer ist (oder gewesen ist) und sich 1994 auch gar nicht in Ruanda befunden hat, geht das, das so einer, ein Dramatiker, laut Klappentext, ein erfolgreicher dazu, dass also so einer Relevantes über Schweizer Entwicklungshilfe und die Massenmorde in Ruanda zu sagen hat? Es geht, ja, und es geht gut, und das hat vor allem damit zu tun, dass die Fragen, die Lukas Bärfuss aufgreift, die Themen, die er behandelt, ganz grundsätzlicher Art sind und uns so recht eigentlich alle angehen.

Ich selber war zu der Zeit, in der das Buch spielt, als IKRK-Delegierter vor Ort in Afrika, nein, nicht in Ruanda, in Südafrika. Ich erinnere mich nur noch, dass die Geschichten, die wir über das IKRK-Buschtelefon mitkriegten, bei mir den Eindruck hinterliessen, dass diejenigen, die damals vor Ort in Ruanda waren, das Fürchterliche, das sie dort erlebt hatten, wohl ihr Leben lang mit sich herumtragen würden. Und dass ich froh war, dass ich nicht dorthin musste. Was weiss ich sonst noch vom Ruanda jener Zeit? Das, was ich in den Büchern von Philip Gourevitch (einem Journalisten des „New Yorker“) und Roméo Dallare (dem kanadischen UN-General, den man später alkoholkrank und lebensmüde auf einer Parkbank auffand und der sich wieder auffing, sofern das überhaupt geht) gelesen habe.

Ich mag hier nicht in eigenen Worten nacherzählen, was in dem Buch steht, denn diese Art der Buchkritik erinnert mich etwas zu sehr an die Bildbeschreibungen in der Schule. Mir ist es hier nur darum zu tun, auf dieses Buch neugierig zu machen. Und am besten, so scheint mir, stellt man ein Buch vor, indem man daraus zitiert. Und genau dies will ich hier tun und ganz einfach auf ein paar Passagen hinweisen, die mich sehr angesprochen haben. Die sehr gelungene Selbsteinschätzung des Entwicklungshelfers Paul (er steht hier stellvertretend für viele Entwicklungshelfer) zum Beispiel:

„Mir war mein Land über geworden, seine Kleinkrämer mit ihrem notorischen Vergessen, und das Leben war mir zu kostbar, um mich wie die meisten meiner Freunde in eine Nische zu verkriechen, die Haare wachsen zu lassen und in irgendeinem besetzten Pferdestall revolutionäre Postillen zu drucken, auch zu schade, um mich auf die andere Seite zu schlagen, als gewöhnlicher Bürolist meinen Teil des Reichtums einzufordern und zuzusehen, wie ich den Mund nur möglichst voll bekommen konnte. Ich wollte mich nicht als Kanonenfutter in den Schützengräben des Kapitalismus verschleissen lassen, wenn ich mich opfern sollte, dann nur für eine grosse Sache und dazu musste ich weggehen. Mein Land brauchte mich nicht, doch dort, in Afrika, war noch ein Tausendstel meines Wissens ein Reichtum, und diesen wollte ich teilen.“

Und dann diese sehr schöne Charakterisierung von Bürokraten – Entwicklungshelfer und andere Humanitäre sind ja in erster Linie international tätige Bürokraten, auch wenn sie sich selber nicht so sehen:
„… die Direktion wusste, wie man einen Mann passend für seine Funktion machte. Weil ich mich dem Haus und dem Wagen würdig erweisen wollte, nahm ich meine Arbeit ernster, ich wurde selbstbewusster, und mein Ton höflicher und bestimmter. Wenn ich bei der Arbeit auf Schlendrian stiess, auf der Post wieder einmal die Briefmarken ausgegangen waren oder ein Paket aus der Zentrale zwar angekommen, aber noch nicht weitergeleitet war und man mich mit den üblichen, vormals erfolgreichen Ausreden abspeisen wollte, dann verlangte ich jetzt die augenblickliche Behebung des Missstandes. Auch legte ich grösseren Wert auf meine Garderobe, zog jeden Morgen ein frisches Hemd an und rasierte mich sorgfältig, und so eintönig die Arbeit auch blieb, war ich mir nun meiner Verantwortung bewusst. Ich erkannte sie nicht in der Arbeit selbst, sondern in meinen Privilegien.“

„Er liebte dieses Land vorbehaltlos, und was er zuhause abgelehnt hätte, entschuldigte er hier grosszügig. Er hatte sich mit keiner Faser am Zynismus angesteckt, der so viele im Internationalen Dienst nach Jahren der ergebnislosen Plackerei befällt, und abgesehen von seinem chronischen Schnupfen erfreute er sich eines ewigen Frohsinns, dessen wesentliche Ursache geputzte und in Apothekertüten abgepackte Karottenstangen waren, die Ines, seine Frau, ihm jeden Morgen bereitete …“

Dieses Buch berichtet davon, wie es diesem Paul (aber nicht nur ihm) in Ruanda zur Zeit des grossen Mordens im Jahre 1994 erging. Wer sich dafür interessiert, „wie Menschen damit umgehen, dass sie immer nur eins von zwei Übeln wählen können, ohne die Folgen ihres Tuns abschätzen zu können“ wie Roman Bucheli in der NZZ treffend schrieb, der sollte dieses Buch lesen. Und wer sich zudem noch für die entwicklungspolitische Realität interessiert, für den ist dieses Buch schlicht ein Muss.

Lukas Bärfuss
Hundert Tage
Wallstein Verlag, Göttingen 2008

Kay Redfield Jamison: Meine ruhelose Seele

„Solange ich denken kann, war ich auf erschreckende, wenngleich oft auch auf wundersame Weise Stimmungen unterworfen. Nachdem ich als Kind äusserst emotional und als junges Mädchen quirlig und lebhaft gewesen war, wurde ich in der späteren Adoleszenz zunächst schwer depressiv und verfing mich dann, mit meinem Eintritt ins Berufsleben, heillos in den Zyklen der manisch-depressiven Krankheit“, schreibt die Psychiatrieprofessorin Kay Redfield Jamison im Prolog zu ihrem Bericht über ihre bipolare Störung.

Aus Not und intellektueller Neigung beginnt sie ihre Stimmungsschwankungen zu erforschen. Herausgekommen ist dabei Meine ruhelose Seele, ein hervorragend und spannend geschriebenes Werk, das Oliver Sacks treffend wie folgt charakterisierte: „Mutig, brillant, wundervoll – dieses Buch sucht in der Literatur über manische Depressionen seinesgleichen.“

Kay Redfield Jamison beginnt ein Medizinstudium in Los Angeles und im schottischen St. Andrews (wo es „horizontal schneit“, wie ihr Tutor sagte, der wie viele seiner englischen Landsleute glaubte, „dass halbwegs akzeptables Wetter, von der Zivilisation ganz zu schweigen, dort endete, wo Schottland beginnt“), wechselt dann aber zur Psychologie.

Ihr ist klar, dass sie etwas gegen ihre Stimmungsschwankungen unternehmen muss. Vor der Wahl entweder in psychiatrische Behandlung zu gehen oder ein Pferd zu kaufen, entscheidet sie sich fürs Pferd. Zudem lernt sie, klinische Diagnosen zu stellen, sieht jedoch keinen Zusammenhang zwischen den eigenen Problemen und dem in den Lehrbüchern beschriebenen manisch-depressiven Krankheitsbild. „Wenn ich heute daran zurückdenke, kann ich diese Ignoranz, dieses Leugnen einfach nicht begreifen. Allerdings stellte ich fest, dass mir der Umgang mit psychotischen Patienten weniger ausmachte als den meisten meiner Kommilitonen.“

Besonders eindrücklich beschreibt sie ihren Widerstand, die Krankheit zu akzeptieren. „Die psychologischen Probleme haben sich letztlich bei meinem langen Widerstand gegen das Lithium als sehr viel bedeutsamer erwiesen als die Nebenwirkungen. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, dass ich Medikamente brauchte. Ich war förmlich süchtig nach meinen wechselnden Stimmungen; ich war süchtig nach ihrer Intensität, nach der Euphorie, nach der Sicherheit, in der man sich wiegt, und nach ihrer ansteckenden Wirkung auf andere.“

Dazu kam, dass sie verinnerlicht hatte, was ihr als Kind beigebracht worden war. Dass „man gewisse Dinge einfach durchstehen müsse, dass man sich nur auf sich selbst verlassen dürfe und andere nicht mit seinen Problemen belästigen solle.“ Dagegen kamen während langer Zeit auch die besten Einsichten nicht an.

Dann verliebt sie sich, der Mann versteht sie, doch es kommt anders als erhofft. Er stirbt im Alter von vierundvierzig an einem schweren Herzanfall, sie ist damals zweiunddreissig. Sie vergräbt sich in die Arbeit, verbringt ein Forschungsjahr in England, verliebt sich wieder, reduziert in Absprache mit ihrem Psychiater das Lithium und erlebt das Leben neu. „Ich empfand das Schöne, aber auch das Traurige stärker.“

Schliesslich lernt sie ihren heutigen Mann kennen, sie sind sehr verschieden, doch: „Die Liebe ist wie das Leben sehr viel seltsamer und weit komplizierter als die Erziehung einem weismachen wollte.“ Ist also die Liebe die Lösung? Ein Allheilmittel ist sie zwar nicht, doch kann sie „wie eine sehr starke Medizin wirken. Wie John Donne geschrieben hat, ist sie nicht so rein und abgehoben wie man vielleicht einst geglaubt und gewünscht hat, aber sie dauert fort und sie wächst.“

Meine ruhelose Seele  ist ein tief bewegendes und grossartiges Buch.

Kay Redfield Jamison
Meine ruhelose Seele
Die Geschichte einer bipolaren Störung
mvg Verlag, München 2014

Joris Luyendijk: Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges

Eine bekannte Regel für Auslandskorrespondenten lautet sinngemäss so: einen Tag vor Ort ergibt einen Artikel, eine Woche einen vertieften Hintergrundbericht, ein Monat ein Buch und was darüber hinaus geht, ergibt rein gar nichts mehr, denn dann weiss man bereits zuviel, um die Kriterien von journalistischen Meldungen (klare Zuordnungen und dergleichen) erfüllen zu können. Bei Joris Luyendijks heisst die einem alten Hasen zugeschriebene Variante so: „Ein Buch über den Nahen Osten musst du in der ersten Woche schreiben. Je länger du dich hier rumtreibst, desto weniger kapierst du.“

Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges  ist allerdings kein Buch über den Nahen Osten, sondern etwas ganz anderes, nämlich „ein Buch, das sagt, warum es so schwer ist, über die grossen Fragen in Nahost etwas Sinnvolles zu sagen.“

Unter dem Titel „Journalismus für Anfänger“ räumt Joris Luyendijk mit den Vorstellungen auf, die er selber vom Journalismus gehabt hat. „Ich hatte mir einen Korrespondenten immer als eine Art Echtzeit-Historiker vorgestellt. Wenn irgendwo etwas Wichtiges geschah, zog er los, ging der Sache auf den Grund und berichtete darüber. Aber ich zog nicht los, um irgendeiner Sache auf den Grund zu gehen. Das hatten andere längst erledigt. Ich zog nur los, um mich als Moderator an einen Originalschauplatz hinzustellen und die Informationen aufzusagen. Vorher hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, aber es war eigentlich klar: Täglich gibt es Tausende von Pressekonferenzen, Gipfeltreffen, Beerdigungen, Demonstrationen, Anschlägen und Krawallen. Wie sollte eine einzige Redaktion das überblicken? Zugleich gibt es mindestens zehntausend Redaktionen auf der Welt. Was, wenn alle gleichzeitig auf einer Pressekonferenz oder einem Begräbnis auftauchen würden.“

Als Joris Luyendijk in Kairo zur Uni ging wohnte er in einem Arbeiterviertel und blickte voller Verachtung auf die westlichen Ausländer auf der Nilinsel Zamalek, die den Eliten vorbehalten ist. Jetzt als Korrespondent lebt er selber dort. Und tut, was andere Korrespondenten auch tun. Er berichtet von Gipfeltreffen, Anschlägen, Bombardierungen oder diplomatischen Schachzügen.

Natürlich weiss er, dass das mit dem ägyptischen Alltag nicht viel zu tun hat. „Fotos und Fernsehen zeigten das Bild einer aufgewühlten Menschenmenge, an Ort und Stelle sah ich jedoch, dass es sich eigentlich nur um wenige aufgebrachte Männer handelte. Als die Kameras liefen, zückten sie wie auf Kommando ihr Feuerzeug, danach gingen sie zum Essen nach Hause. Überall sonst in der Stadt liefen in der Zwischenzeit die Kinder zur Schule, fuhren die Strassenbahnen ihre Runden und wurden auf dem Markt Tomaten feilgeboten.“

Verlässliche Angaben darüber zu machen, wie die Dinge in einem Land so sind, ist ja bereits in sogenannten Demokratien (wo das Geld und nicht das Volk das Sagen hat, jedoch die Menschen sich frei äussern können) nicht ganz einfach, in einer Diktatur ist dies hingegen schlicht unmöglich. Und weil das unmöglich ist, beschreibt Luyendijk stattdessen, wie er die Diktatur unter Saddam Hussein erlebt. Das ist eindrücklich und wesentlich aussagekräftiger als die gängige Berichterstattung.

Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges  sollte für alle Pflichtlektüre sein, die ihr Weltbild aus den Medien beziehen. Weil sie überzeugend vorgeführt kriegen, dass die Medienwelt mehr über die Medienmacher als über die reale Welt aussagt.

Joris Luyendijk
Von Bildern und Lügen in Zeiten des Krieges
Aus dem Leben eines Kriegsberichterstatters
Tropen Verlag, Stuttgart 2014

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