Heide Fuhljahn: Kalt erwischt

„Am schlimmsten ist die Überzeugung, dass es nie wieder aufhört.“ So beginnt dieses Buch und ich bin sofort drin. Schade nur, dass sich die anfängliche Spannung schon bald einmal verliert.
Im November 2006 unternimmt Heide Fuhljahn eine Pressereise nach Norwegen. Ihr Freund hat sich gerade von ihr getrennt, sie geht einmal in der Woche zur Psychotherapie, schläft schlecht und fühlt sich weder dem Leben noch ihrer journalistischen Aufgabe gewachsen: „Ich verstehe kaum ein Wort, obwohl mein Englisch ganz gut ist. Aber nicht, wenn es um Fischfang geht, um seine wissenschaftlichen, sozialen und politischen Dimensionen.“ Sie hat Angst, fühlt sich unter Druck, denkt jeden Tag an Selbstmord, nimmt Beruhigungsmittel und bleibt „trotz der hohen Dosis in einer nicht enden wollenden Panikattacke stecken.“ Als sie sich später Fotos von dieser Reise ansieht, sieht sie sich strahlend lächeln, kann sie nicht den geringsten Hinweis auf ihr damaliges Martyrium entdecken.

„Meistens wachte ich früh um sechs Uhr auf – und schon war der Tag gelaufen.“ Alles ist ihr zu mühsam, auf nichts hat sie Lust. „Alles, was ich tat, wurde nur noch danach bewertet, wie sehr es mich erschöpfte.“ Auch lesen mag sie nicht mehr, jedenfalls nichts Anspruchsvolles. „Mein Nicht-lesen-Können empfand ich als persönliches Versagen, es war mir nicht klar, dass es eine Nebenwirkung der Depression war.“

In der Klinik teilt sie ihr Zimmer mit der siebzigjährigen Burgunde, die sie mit einem detaillierten Redefluss überflutet, dem sie sich ausgeliefert fühlt. Heute nicht mehr, hält sie dazu fest, heute würde sie in einer solchen Situation sagen: „Ich möchte mich im Moment nicht unterhalten.“ Oder: „Ich möchte gern lesen.“ Nur eben: auch Heide Fuhljahn leidet an detaillierter Redseligkeit. Muss der Leser/die Leserin wirklich wissen, dass sich der Psychologe mit „Hallo, ich bin Dr. Müller“ vorstellt oder was genau bei der Eintrittsuntersuchung in der Klinik vorgefallen ist: „… haute sie mir mit einem Hämmerchen aufs Knie, das zu ihrer Zufriedenheit reflexhaft zuckte. Danach strich sie mir über Arme und Beine und fragte: ‚Fühlen Sie das?'“

Beim Satz: „Meine Depression begann in meiner Kindheit“ merkte ich, wie sich in mir Unwillen regte. Nicht schon wieder die Kindheit, stöhnte es da in mir. Und umso mehr bei solchen Sätzen: „Im Grunde war ich schon immer depressiv. Immer heisst: bereits in der Zeit vor dem Tod meiner Mutter. Doch letztlich weiss ich nur wenig von meinen ersten neun Lebensjahren …“. Das geht uns wohl allen so, weshalb man sich auch mit Spekulationen über die eigene Kindheit zurückhalten sollte.

„Neben meinen Depressionen und meinen Essstörungen leide ich auch an einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung, unter Medizinern als Borderline-Störung bekannt.“ Es spricht für die Autorin, dass sie bei ihren Ausführungen immer wieder auf die vielen Überlappungen der psychischen Störungen hinweist, dass sie in eingeschobenen Interviews Spezialisten befragt und dass sie sich traut, Wünsche zuzugeben, die man wohl kaum anders als unreif (doch sind das Wünsche nicht fast immer?) nennen kann: „Noch heute, mit neununddreissig Jahren, sehne ich mich nach einer Bilderbuchfamilie, nach stabilen Verhältnissen.“

„Kalt erwischt“ bestätigte bei mir den Eindruck, dass psychischen Störungen, von der Depression bis zu Borderline, von der Sucht bis zur Neurose, gemeinsam ist, dass die darunter leidenden Menschen ständig mit den Bedingungen des menschlichen Lebens hadern, dass sie die Realität (und damit auch sich selber) nicht akzeptieren können. Heide Fuhljahn hat für sich einen Weg gefunden, der möglicherweise auch für andere funktionieren könnte: „Meldet sich die Depression doch einmal, dann weiss ich mir zu helfen. Ich streiche alles, was nicht unbedingt sein muss, gönne mir Ruhe, stehe zu meinen Gefühlen und versuche, mir meine Bedürfnisse zu erfüllen. Die Frage ist nicht mehr: Was muss ich?, sondern: Was brauche ich? Ich verzichte dann darauf, E-Mails zu schreiben oder Staub zu saugen. Ich weiss: Das kann ich immer noch tun, wenn es mir wieder besser geht. Nur kein Druck.“

Heide Fuhljahn
Kalt erwischt
BRIGITTE-Buch im Diana Verlag
Diana Verlag, München 2013

Piet C. Kuiper: Seelenfinsternis

Diesem Werk ist ein einfühlsames Geleitwort des Herausgebers der Reihe „Geist und Psyche“ (von Nina Kindler 1964 begründet), Willi Köhler, vorangestellt, der unter anderem festhält: „Zu allen Zeiten waren Depressive, oder Melancholiker, wie sie früher hiessen, unbequem, denn sie erinnerten ihre Mitmenschen an die Widersprüche und Gebrechlichkeiten der Welt. Moderne Psychologen sind sogar der Auffassung, Depressive seien die einzigen Realisten, weil sie die Welt sehen, wie sie ist, und mit diesem Blick kann man nur schwer leben.“ Der Autor von Seelenfinsternis, Piet C. Kuiper, ehemaliger Professor für Allgemeine Psychopathologie und Klinische Psychiatrie an der Universität Amsterdam, drückte es in seinem Vortrag an den Lindauer Psychotherapie-Wochen so aus: „Es kann niemals Licht werden, wenn wir uns nicht der Wahrheit stellen, dass wir von tiefster Finsternis bedroht sind.“

Eines Nachts muss er aufstehen, er verliert das Bewusstsein und schlägt rückwärts auf den Boden. Als er aufwacht, verdrängt er den Vorfall, er will nicht krank sein. Er leidet unter Kopfweh, dann wiederum empfindet er seinen Kopf als voller Watte, hat den Eindruck, er sehe nicht mehr wirklich, fühlt sich beständig müde. Sein Internist diagnostiziert eine Virusinfektion.

„In meinem Leben vollzog sich allmählich eine eigenartige Veränderung. Die Intensität meines Erlebens wurde schwächer. Die innere Melodie erklang nicht mehr, Erlebnisse verloren an Bedeutung.“ Er kann nicht mehr malen (im Buch finden sich zahlreiche eindrückliche Beispiele seines Maltalents), verliert das Interesse an Kriminalromanen und Philosophie; er schläft viel, fühlt sich energie- und antriebslos. Er nimmt ein Mittel gegen Wahnvorstellungen. Weder Antidepressiva noch Antipsychotika helfen, Schlafmittel lösen Verwirrung aus. Trotz seines unerträglichen Zustandes denkt er nicht an Selbstmord. „Ich fürchtete mich viel zu sehr vor dem Tod. Dann würde ich vor Gott erscheinen müssen, und der würde mich in die ewige Verdammnis stossen.“

Es folgt ein Aufenthalt in der Klinik, gefolgt von eineinhalb Jahren zu Hause und einem zweiten Klinikaufenthalt. Der Gedanke,alles verpfuscht zu haben, verfolgt ihn. Er landet in einer eigentlichen Schuldhölle: „Ich hatte auch meinem Jugendfreund recht gegeben, der mir geschrieben hatte: ‚Du hast in Deinem Leben nur an Dich selbst gedacht, nur Dich selbst gesehen, und andere hast Du Deinen Interessen und Deinen Vergnügungen geopfert.'“

Besonders eindrücklich und bewegend sind die Stellen, in denen er über sein inneres Ringen, seinen Widerstand und Kampf gegen seine Schuldgefühle und Selbstvorwürfe berichtet: „Ein Übermass an Schuldgefühlen kann dazu führen, dass man die vielen Gaben, die man nicht genutzt hat, betrauert und dadurch die Zeit, die noch vor einem liegt, vertut und so ein Schicksal auf sich herabbeschwört, das dem des Alkoholikers gleicht, der zu argumentieren pflegt: Ich höre nicht auf zu trinken, denn dann hätte ich schon eher aufhören können.“

Was ihm schlussendlich hilft, ist Tylciprin, ein Medikament, von dem er selber mit Nachdruck abgeraten hatte. Und was ihm auch hilft: sich auf das Hier und Jetzt zu beschränken und zu handeln. „Ich tat das, was auf der Hand lag, was andere gern wollten und was ich selbst gern tat. Ich schaute nicht nach innen, fragte mich nicht, wie es in meiner Seele aussah. Es gibt keinen Weg zu sich selbst als den über andere Menschen und über Aktivitäten.“

Piet C. Kuiper
Seelenfinsternis
Die Depression eines Psychiaters
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2010

Fritz Kamer / John P. Kummer: Depression? Wie helfen?

Wer sich mit seelischen Krankheiten auseinandersetzt, wird mit der Zeit feststellen, dass viele Bücher sich nicht an die Direkt-Betroffenen, sondern an die Angehörigen richten. Ganz so, als ob Angehörige der Hilfe mehr bedürften als Direkt-Betroffene. Und das scheint in der Tat so, denn der Kranke, um überleben zu können, hat häufig (nein, nicht immer) gelernt, mit seiner Krankheit umzugehen. Jedenfalls mehr oder weniger. Das kann man von Angehörigen meist nicht sagen: sie sind schnell einmal überfordert, fühlen sich hilflos.

Dieses Buch wurde von zwei Betroffenen geschrieben (und hat schon deswegen meine Sympathie), dem früheren Unternehmer John B. Kummer, der lange Jahre immer wieder Opfer von Depressionen geworden und seit nunmehr 20 Jahren frei von Rückfällen ist sowie dem Sachbuch Autor Fritz Kamer, der durch mehrere Krankheitsfälle in seinem näheren und weiteren Umfeld mit der Problematik vertraut geworden ist.

Die Kernaussage des Buches lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Je mehr wir über die Krankheit Depression wissen (nur etwa die Hälfte der Depressionen werden überhaupt erkannt), desto besser werden wir mit ihr umgehen können. Das gilt sowohl für die an der Krankheit Leidenden als auch für ihre Angehörigen. Und natürlich gilt das auch für diejenigen, die Depressive behandeln.

Ganz entscheidend, so lerne ich, sei die Früherkennung. Dafür findet sich in diesem Buch eine Checkliste ‚Innere Symptome der Depression‘. Als Symptome finden sich da auf „der psychischen Seite Niedergeschlagenheit, Interesselosigkeit (auch auf sexuellem Gebiet), Antriebslosigkeit, Entscheidungsschwäche, Konzentrationsprobleme, Selbstanklagen, Minderwertigkeitsgefühle, Beschäftigung mit dem Tod (theoretisch oder gar praktisch), auf physischem Gebiet Schmerzen, besonders in Kopf und Bauch, deren Herkunft und Grund nicht auszumachen ist.“

Kennzeichnend für den Depressiven (Frauen sind mit gemeint) ist die Überforderung: „Das Erfüllen von Erwartungen wird zum Lebensprinzip, die Überforderung wird zu einem Lebensmuster.“ Besonders hilfreich fand ich dies: „Was der Kranke uns sagt (wenn er überhaupt mit uns spricht), ist selten das, was er denkt. Wenn wir uns dessen bewusst sind, fällt uns der Umgang mit ihm leichter.“

Was können Angehörige tun? Die Depression als Krankheit akzeptieren, sich  zurück halten mit gut gemeinten Ratschlägen, geduldig bleiben und sich nicht überfordern. Denn: „Es wäre von Grund auf falsch zu glauben, dass wir Angehörigen unsere lieben Depressionskranken heilen können. Alles, was wir tun können, ist ihnen (und uns) das Leben etwas erleichtern.“

Immer mal wieder wird darauf hin gewiesen, dass Therapie und Medikation wichtig seien (die Ärztin Christine Rummel-Kluge schreibt: „Ziehen Sie einen Arzt zu Rate!“), ganz so, als ob die Therapie von Seelenerkrankungen eine wissenschaftliche Disziplin sei. Skeptisch bin ich auch über die Aussage, es bestehe „die achtzigprozentige Sicherheit, dass unser Partner, Vater, Frau. Tochter, Sohn, Freund wieder ganz gesund wird, mit dem Unterschied vielleicht, dass er oder sie das Leben anders anschaut und geniesst als vor der Krankheit.“ Anders gesagt: Man kann nicht wirklich wissen (beziehungsweise messen), ob eine Therapie bewirkt, was sie zu bewirken vorgibt.

Ich selber halte mehr von der Selbsthilfe der Betroffenen (und das schliesst die Angehörigen mit ein), weshalb mir denn auch diese Schilderung von John Kummer ganz besonders gut gefallen hat:
„Wir fuhren also los Richtung Klinik. Unterwegs wuchs meine Angst immer mehr, bis ich sagte: ‚Du, das mit der Klinik ist ein Fehler, wir fahren zurück.‘ Im Nachhinein bewundere ich meine Frau in der damaligen Lage. Sie hatte das Steuer fest in der Hand, Entschlossenheit im Gesicht, Augen geradeaus und sagte nur das eine Wort aus zusammengepressten Lippen: ‚Mitnichten.‘
Das war dann auch das Ende meiner Schwellenangst und ich liess den Rest des Tages willenlos an mir vorbeiziehen. So schlimm war es dann auch wieder nicht. Allerdings war es auch wieder meine Frau, die mir nach vielen Wochen telefonisch riet: ‚Du, sag dem Arzt, dass du nach Hause willst, denn was die dort mit dir machen, das können wir beide zuhause auch.‘ Das geschah dann auch so.“

Fritz Kamer / John P. Kummer
Depression? Wie helfen?
Das Buch für Angehörige
Kösel-Verlag, München 2012

Rigpa: Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben

„Der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens, und wir alle müssen uns ihm früher oder später stellen. Ich sehe zwei Möglichkeiten, wie wir mit dem Tod umgehen können, so lange wir noch leben. Wir können ihn entweder ignorieren, oder wir können uns der Aussicht auf unseren eigenen Tod stellen und beginnen  –indem wir uns eingehend mit ihm befassen – , das Leiden, das er uns bringen kann, zu vermindern. Wir können ihn aber in keinem Falle umgehen“, schreibt der  XIV. Dalai Lama im Vorwort.

Mich selber haben Gedanken an den Tod mein Leben lang umgetrieben, dass ich mich ihnen ernsthaft gestellt hätte, kann ich jedoch nicht behaupten. Mich jetzt erneut mit diesem Buch zu befassen (die englische Originalausgabe habe ich Mitte der 1990er Jahre erworben und auch gelesen, doch habe ich, wie bei ganz vielen Büchern, keine wirkliche Erinnerung daran), hat damit zu tun, dass ich es höchste Zeit finde, mich mit dem, was der Titel anzeigt, ernsthaft zu befassen gewillt bin.

„Warum leben wir in solch panischer Angst vor dem Tod? Weil es unser tiefstes Verlangen ist, zu leben und am Leben zu bleiben, und weil wir den Tod für das grausame Ende all dessen halten, was uns so vertraut ist.“ Könnte es sein, fragt Sogyal Rinpoche, dass die eigentliche Ursache unserer Angst darin liegt, dass wir nicht wissen, wer wir wirklich sind, dass wir eine falsche Vorstellung vom Leben haben, das wir so leben als ob es beständig und dauerhaft sei, obwohl wir doch eigentlich wissen, dass es das gerade nicht ist?


Alles ist vergänglich. Und dagegen wehren wir uns. Wir wollen die Dinge nicht sehen wie sie sind, wir ignorieren „die Wahrheit der Vergänglichkeit.“ Sich wirklich damit auseinanderzusetzen, bedeutet, sich ständig zu vergegenwärtigen, dass wir sterben werden, wir alle, und uns darum zu bemühen, von unserem falschen und zerstörerischen Glauben sowie von unserer verzweifelten Gier nach Sicherheit abzulassen. Wir müssen eine Haltung des Loslassens entwickeln.

Entscheidend ist, dass das Loslassen gelernt und geübt wird, ständig, dass unser stets wandernder Geist auf den Kerngedanken, das Wesen der Vergänglichkeit, zurückgeführt wird. Selten war das schwieriger als in der heutigen Zeit, die sich „dem Kult des Ich mit all seinen traurigen Fantasien von Erfolg und Macht verschrieben“ hat sowie Gier und Ignoranz fördert und damit genau die Kräfte feiert, die letztlich unseren Planeten zerstören werden.

„Du gehst und erfüllst hundert wichtige Aufgaben“, steht in den ‚Tafelgesprächen‘ des Sufi-Meisters Rumi, „wenn du jedoch die eine Angelegenheit, derentwegen du geschickt wurdest, unerledigt lässt, ist es, als hättest du gar nichts erreicht. Genauso kommt der Mensch auf die Welt, um eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen, das ist sein Lebenszweck. Erfüllt er sie nicht, hat er versagt.“
Wir ahnen das, doch wir wissen meist nicht, was denn unsere Aufgabe sein könnte. Gemäss Sogyal Rinpoche besteht sie darin, „unser wahres Wesen zu erkennen und zu verkörpern.“ Dazu muss man den Weg nicht nur finden, sondern ihm auch folgen.

In Tibet wird grosser Wert auf die Übertragung von Meister zu Meister gelegt. Dies garantiert Authentizität und Reinheit der Lehren. Wahre Lehrer, so Sogyal Rinpoche, seien „mitfühlend und unermüdlich in ihrem Wunsch, alle Weisheit weiterzugeben, die sie von ihren eigenen Meistern erfahren haben. Sie bleiben stets bescheiden, lassen ihr Schüler niemals im Stich, beuten sie unter keinen Umständen aus oder manipulieren sie womöglich. Sie haben nicht ihren eigenen Vorteil im Sinn, sondern die Grösse und den Wert der Lehren.“ Er selber hat diesem Ideal offenbar nicht entsprochen wie die vielen Anschuldigungen von Missbrauch, die 2018 von Rigpa veröffentlicht und bestätigt wurden, gezeigt haben

Diese Vorkommnisse machen jedoch die Einsichten und Lehren, die in diesem Werk dargeboten werden, nicht weniger wertvoll. Nicht, dass Sogyal Rinpoche seine Vergehen nachgesehen werden sollten, doch dass jemand nicht lebt, was er predigt, ist generell eher die Regel als die Ausnahme. Unser ständiges Personalisieren empfinde ich nicht als hilfreich, die Einsichten und Lehren in diesem Buch hingegen schon. Als ein japanischer Physiker, der gerade den Nobelpreis gewonnen hatte, gefragt wurde, ob er stolz auf seine Entdeckung sei, meinte er, dass er sie nicht als persönliche Leistung sehe. Was er und sein amerikanischer Kollege entdeckt hätten, hätte auch früher oder später von jemand anderem entdeckt werden können. Es sei ganz einfach da gewesen, um entdeckt zu werden.

Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben  lässt mich oft innehalten und bedenken, was ich da eigentlich lese – und mir wird bewusst, dass ich nicht einfach ein Buch voller tiefgründiger Einsichten lese, sondern eine Art Offenbarung erlebe. Immer mal wieder, für Momente, erfahre ich, dass wirkliches Verstehen befreiend ist. Zum Zeugen zu werden, lässt sich üben.

Rigpa
Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben
Ein Schlüssel zum tieferen Verständnis von Leben und Tod
Knaur Taschenbuch, München 2020

Stephen King: Doctor Sleep

Stephen Kings Doctor Sleep  handelt unter anderem von Dan Torrance, der die Suchtkrankheit seines Vaters geerbt hat und deswegen an Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA) teilnimmt. Und von diesen soll hier die Rede sein.

Die Bibel der AA ist das Blaue Buch und ein alter AA-Spruch lautet: „Wenn du etwas vor einem Alkoholiker verstecken willst, steck es ins Blaue Buch.

Ein Kapitel im Blauen Buch  heisst ‚An die Ehefrauen‘ und ist „voll veralteter Klischees, die bei den jüngeren Frauen im Raum fast immer scharfe Reaktionen auslösten. Die Teilnehmerinnen wollten wissen (zu Recht, wie Dan dachte), wieso niemand in den gut fünfundsechzig Jahren seit der ersten Veröffentlichung des Blauen Buchs  ein Kapitel mit dem Titel ‚An die Ehemänner‘ hinzugefügt hatte.“

Wir lesen unter anderem von der Alkoholikerin Gemma, einer Frau in den Dreissigern, „die nur über zwei Gefühlszustände zu verfügen schien: wütend und total angepisst“ und die, nachdem sie an einem Treffen ihre Geschichte mit der vom AA-Programm geforderten ‚absoluten Ehrlichkeit‘ erzählt hatte, schluchzend zusammengebrochen war. Wir erfahren, dass bei den AAs Ratschläge verpönt sind, denn sie gelten als Einmischung. Und dass Alkoholiker oft aus total geringfügigen Gründen Ehe und Job hinschmeissen.

Beim 12-Schritte Programm der AA geht es darum, seine destruktiven Zwänge abzulegen und sich eine lebensbejahende Haltung anzueignen. Das ist alles andere als einfach. „Weiss Gott, er wollte nicht wie sein Vater sein, der sich auch in seinen nüchternen Phasen nur mit grösster Mühe hatte beherrschen können. Das AA-Programm sollte dabei helfen, mit der eigenen Wut umzugehen, und meistens tat es das auch, aber es gab Zeiten wie diese Nacht, in denen Dan bewusst wurde, wie wacklig die Barriere war. Zeiten, in denen er sich wertlos fühlte, und dann kam es ihm so vor, als wäre Schnaps das Einzige, was er verdiente. In solchen Zeiten fühlte er sich seinem Vater ganz nah.“

„Es gab nachsichtige AA-Sponsoren, strenge AA-Sponsoren, und dann gab es noch solche wie Casey Kingsley, die sich von ihren Schützlingen nicht den geringsten Scheiss bieten liessen. Als die Beziehung der beiden noch am Anfang gestanden hatte, hatte Casey Dan aufgetragen, neunzig Treffen in neunzig Tagen zu absolvieren und ihn jeden Morgen um sieben anzurufen. ‚Wenn du zu früh anrufst, lege ich auf. Wenn du zu spät anrufst, sage ich dir, du sollst morgen wieder anrufen … aber nur falls du bis dahin noch trocken bist. Und wenn du besoffen oder verkatert anrufst, merke ich das, sobald dir drei Wörter aus dem Mund gekommen sind.'“ Kein Wunder funktionieren die AAs nicht für alle!

Bei den AAs wird nicht versucht, dem Saufen einen Sinn zu geben. Stattdessen geht es darum, zu akzeptieren, dass man dem Alkohol gegenüber machtlos ist. Treffend illustriert das dieser Dialog zwischen Casey und Dan:
„‚Sag mir jetzt mal, wieso du früher gesoffen hast.‘
‚Weil ich ein Säufer bin.‘
‚Nicht weil deine Mama dich nicht geliebt hat?‘
‚Nein.‘ Wendy hatte ihre Fehler gehabt, aber ihre Liebe zu ihm – und seine zu ihr – war nie ins Wanken geraten.
“Oder weil dein Daddy dich nicht geliebt hat?‘
‚Nein.‘ Obwohl er mir einmal den Arm gebrochen und mich am Ende fast umgebracht hat.
‚Weil es erblich ist?‘
‚Nein.‘ Dan nippte an seinem Kaffee. ‚Aber das ist es. Das weisst du doch, oder?‘
‚Klar. Ich weiss aber auch, dass das belanglos ist. Wir haben gesoffen, weil wir Säufer sind. Davon genesen wir nie. Auf der Basis unseres spirituellen Zustands erhalten wir täglich eine Bewährungsfrist, und damit hat sich’s.'“

Stephen King
Doctor Sleep
Heyne Verlag, München 2014

John Burnside: Wie alle anderen

Will einer wie alle anderen sein, kann man sich leicht vorstellen, dass dieser Mensch gerade das nicht ist, also kein „unauffälliger, alltäglicher Typ, der Nachbar von nebenan, an dessen Namen man sich nie erinnern kann, ein Mann, der anderen aus dem Weg geht, im Grunde aber okay ist.“ Was der Autor John Burnside sich vorgenommen hat, fasst er so zusammen: „Ich wollte aufs Angenehmste betäubt sein, comfortably numb.“ Anders gesagt: Er hat sich entschlossen, so zu sein, wie er nicht ist.

Theoretisch  wollte ich ein normales Leben, theoretisch  wollte ich in meine private Welt abtauchen und in der Vorstadt Briefmarken sammeln, schliesslich wusste ich, dass ich Heilung brauchte.“

Menschen, die sich danach sehnen, wie alle anderen auch zu sein, leiden übermässig am Leben, jedenfalls mehr als der Durchschnitt. Andererseits: Was weiss ich schon vom Durchschnitt? Nun ja, ein paar Kriterien gibt es schon. So landet der Durchschnitt weder in der Irrenanstalt noch bei den Anonymen Alkoholikern. Und beides (und noch vieles andere mehr) war bei John Burnside der Fall. Nachzulesen ist das in seinem eindrücklichen Wie alle anderen.

„Hi. Ich heisse John, und ich bin Alkoholiker.“ So stellt man sich bei den Anonymen Alkoholikern (AA) vor, es ist ein Ritual, alle halten sich daran, doch nicht alle glauben auch, was sie sagen. Einige tun einfach so als ob. Und das ist allen klar und wird akzeptiert, denn was nicht ist, kann ja noch kommen.

John Burnside gibt sich Mühe, geht regelmässig zu den AA-Treffen, doch ihm fehlt der rechte Glaube. Etwa den an eine höhere Macht. „Ich zweifle übrigens durchaus nicht an, dass es da draussen etwas gibt, das einer höheren Macht gleichkommt, bloss bin ich nicht im Mindesten davon überzeugt, dass Er, Sie oder Es willens sind, mich durch jene doch eher unbedeutenden und recht schäbigen Probleme zu leiten, die ich mir selbst eingebrockt habe.“

Wie viele Alkoholiker hat Burnside ein Problem mit Autorität. Und natürlich hat er auch gute und gesunde Gründe dafür. „Aus irgendeinem Grund passte es mir nicht, von jemandem herumkommandiert zu werden, dem es schwer fiel das Kreuzworträtsel im Mirror auszufüllen – und damit stand ich keineswegs allein.“

Wie alle anderen  ist jedoch nicht nur ein Buch über Alkohol, Drogen, Lügen und die systematische Weigerung, für sich und sein Handeln Verantwortung zu übernehmen, es ist auch ein Buch über menschliche Zu- und Abneigungen. „Wir waren sentimental, unreif, querköpfig, naiv, paranoid und fanden das absolut selbstverständlich  – weshalb ich an ebenjenem Abend beschloss, Greg zu mögen.“

Doch dann nimmt Greg ihn eines Tages mit zu sich nach Hause und schlägt ihm einen Handel à la  ‚Der Fremde im Zug‘ vor: Er solle Gregs Frau umbringen, im Gegenzug würde er, Greg, eine Person seiner Wahl ins Jenseits befördern …

John Burnside will sein Leben ändern, doch er weiss nicht wie. Er trifft auf Gina, auf Helen und dann auf Adele, dem schönsten Menschen, dem er je begegnet ist. Jahre später treffen sie sich wieder. Adele ist verheiratet, die beiden haben eine Affaire, Adele wird schwanger …
Und dann verschlägt es ihn nach Kalifornien, wo ihm eine Zufallsbegegnung Dantes La Vita Nuova  schenkt. Und wie sieht sein eigenes neues Leben aus? „Heute ist mir die Welt nicht mehr zu viel, sie ist mir mehr als genug …“.

Wie alle anderen  ist ein höchst berührendes Buch.

John Burnside
Wie alle anderen
Knaus Verlag, München 2016

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