Mimi Kuo-Deemer: Xiu Yang

Das Motto von Xiu Yang, dem chinesischen Harmoniekompass, lautet: Kultiviere den Geist, trainiere den Körper und liebe dich selbst. Die Yoga-Lehrerin Donna Farhi erläutert in ihrem Vorwort, „dass unsere Gesundheit und unser Glück in hohem Grad unserer eigenen Kontrolle liegen“ und dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen Selbstkultivierung und Selbstfürsorge gibt. Während Selbstfürsorge darin besteht, uns von Zeit zu Zeit einen Gefallen zu tun (zum Beispiel ein heisses Bad nehmen oder einen Wochenendausflug unternehmen), geht es bei der Selbstkultivierung um eine Lebensweise, die sich dadurch auszeichnet, „in uns, mit anderen und mit der Welt ein besseres Gleichgewicht zu finden.“

Was mich ganz besonders für Xiu Yang einnimmt, ist die Orientierung an Grundsätzlichem, also der  weltanschauliche Ansatz. „Wie befinden uns in keiner linearen Entwicklung, sondern eher in einem Prozess sich weitender Kreise und Quadrate, bei denen alles mit dem Zentrum verbunden ist.“

Es sind einfache Weisheiten, die man in diesem Buch finde. Und eben deshalb auch hilfreich, denn nichts zeichnet unsere moderne Zeit mehr aus, als dass wir in selbst geschaffener Komplexität ersaufen. Klar, das Leben ist komplex und es ist auch schwierig, doch die Informationsflut, die täglich über uns kommt, macht es noch komplexer und noch schwieriger. Zumindest kommt es uns so vor.

Die Autorin Mimi Kuo-Deemer stammt ursprünglich auch Tucson (Arizona), arbeitete 14 Jahre als Yogalehrerin in China und unterrichtet heute Gesundheit und Wohlbefinden in London. Mit „Xiu Yang“ legt sie ein Buch vor, das Orientierung bietet, indem es sich an Wesentlichem ausrichtet und dabei unter anderem auch Bezug nimmt auf Lehrer wie Jiddu Krishnamurti und Thich Nhat Hanh, der „lehrt, dass in unserem Bewusstsein gute wie schlechte Samen aufgehen. Wir tragen beides in uns. Geben wir den Samen Wasser, die gesund für uns sind, wie zum Beispiel den Samen der Liebenswürdigkeit, Grosszügigkeit und des Mitgefühls, dann wird mehr von genau diesen keimen und wachsen. Entsprechend können auch die Samen destruktiver Emotionen und Gedanken wachsen und uns einnehmen, wenn wir ihnen Wasser geben. Auf der anderen Seite können die guten Samen ermüden, wenn wir sie vernachlässigen.“

Mit „Achtsamkeit: Die Kultivierung adäquater Reaktionen auf konkrete Lebenssituationen“ ist ein Kapitel überschrieben, das unter anderem hilfreiche Hinweise auf die Ausrichtung der Achtsamkeitspraxis gibt wie etwa die drei R: Recognise, Release, Return. Achtsamkeit lässt sich überall üben, bei allem, was man tut. Von den Tipps für die Praxis, gefällt mir vor allem diese Faustregel: „Trainieren Sie Ihre Aufmerksamkeit mithilfe von Geduld, Übung und der Bereitschaft, immer wieder von vorn anzufangen.“

Bei einem Meditations-Retreat fragte der Lehrer: ‚Wonach sehnt sich euer Herz?‘ Worauf die erste Antwort aus der Gruppe lautete: ‚Nach Weite.‘ Sofort stellten sich in meinem Kopf Bilder ein – von den Weiten der Dakotas, des nördlichen Argentinien und des südlichen Brasilien. Damit verbunden ist ein Gefühl von Leichtigkeit , es ist als ob ich anders atmen würde, freier.  „Wenn das Herz sich weit anfühlt, sind wir inspiriert, beseelt und mit unserem wahren Selbst verbunden. Wir umarmen das Leben und entspannen uns in das Wissen hinein, dass uns ein Platz in der Welt zusteht.“

Es gelte, ein weites Herz und einen weiten Geist zu kultivieren, schreibt Mimi Kuo-Deemer. Wie man das praktisch bewerkstelligen kann, dazu gibt dieses Buch vielfältige Anregungen. Es sei wärmstens empfohlen.

Mimi Kuo-Deemer
Xiu Yang
Der chinesische Harmoniekompass
O.W. Barth, München 2020

Prof. Dr. Axel Buether: Die geheimnisvolle Macht der Farben

Vor Jahren in Thailand, ich litt unter Übelkeit, Schwindel und Temperatur. Die Ärztin gab mir knallbunte Tabletten mit, deren grelle Farben mich erheiterten. Die Thais stehen auf Buntes, erläuterte mir die Ärztin, sie verbinden damit etwas Positives und deshalb wirken sie. Placebo?, fragte ich. Nicht nur, aber auch, erwiderte sie.

Als ich später an meinem Wie geht das eigentlich, das Leben? arbeitete, stiess ich auch auf die Geschichte eines Depressiven, der einem Kollegen von seinen Panikattacken erzählte. ‚Ich kenne das, sagte der Kollege, ich nehme ein Antidepressivum dagegen. Das hilft. Willst Du eine?‘ Er hielt ihm eine schwarze Pille hin, doch der andere lehnte ab. Am nächsten Tag ging er zu einem Arzt, der ihm genau dieselben Pillen verschrieb, doch in hellblau. Sie wirkten. Nicht nur wegen der Farbe, auch weil er dem Mann im weissen Kittel mehr traute als seinem Kollegen.

An diese beiden Geschichten muss ich denken, als ich Die geheimnisvolle Macht der Farben zur Hand nehme und lese: „Farben teilen uns etwas mit, sie ziehen uns an oder stossen uns ab, sie beruhigen oder warnen uns.“ Ich sehe das nicht so, für mich sind Farben wie Fotografien – was wir in ihnen sehen, bringen wir zu ihnen, lesen wir in sie hinein. Anders gesagt: Wir schreiben den Farben Eigenschaften oder Macht zu. Auch der Autor dieses im Übrigen sehr informativen Buches kennt die Macht der Zuschreibung, weshalb er denn auch seine akademischen Titel seinem Namen voranstellt – wir Leser sollen denken, er sei fachlich kompetent (ich kenne nicht wenige Titelträger, die dies eindeutig nicht sind). Wer sich mit seinen Ausführungen befasst, merkt dann schnell, dass er ein höchst kundiger Mann ist, wesentlich mehr über Farben nachgedacht hat als wir das gemeinhin tun und höchst Aufschlussreiches zu berichten weiss.

Etwa über das Gewicht der Farben. So assoziieren wir mit hellen Farben Leichtigkeit, mit dunklen hingegen Schwere, schätzen also eine weisse Kiste wesentlich leichter ein als eine schwarze – bis wir hineinschauen, dann ist die Illusion weg. Andererseits: „Das optische Gewicht der Farben hat signifikante Auswirkungen auf unsere Raumwahrnehmung und das Gefühl für die richtige Proportion.“ So drücken etwa dunkle Farben die Raumhöhe spürbar nach unten.

Es sind Sätze wie „Jede gesellschaftliche Periode drückt sich über einen unverwechselbaren Farbstil aus, an dem wir das Lebensgefühl der Menschen ablesen können“, die bei mir zu ganz vielfältigen Assoziationen und Fragen führen. Etwa dieser: Drückt die Farbe, die wir wählen, wirklich unser Lebensgefühl aus oder entspricht sie nicht eher dem Wunsch, wie wir uns gerne fühlen würden? Wie auch immer: Ich erwarte von einem Buch keine klaren, eindeutigen Antworten, sondern reflektierte Beobachtungen und Überlegungen sowie spannende Anregungen – und diese liefert Die geheimnisvolle Macht der Farben zuhauf.

„Gelb gilt als frische und anregende Farbe. Doch warum können Farben überhaupt frisch oder frischer als andere wirken? Wenn Sie Zeit für einen praktischen Versuch haben …“. Mehr will ich nicht verraten. Nur dies hier, das muss sein: „Doch längst nicht alle Gelbtöne wirken frisch. Ein warmer rötlicher Gelbton kann sogar das Gegenteil bewirken.“

Dies ist übrigens kein Buch, das man einfach so durchliest. Die Informationen sind viel zu vielfältig, als dass man sie so en passant aufnehmen könnte. Immer mal wieder hineinzulesen, des Autors Gedanken wirken zu lassen, scheint mir sinnvoller. Das gilt insbesondere für den Teil II, Die Kultur der Farben, wo wir mit den Symbolbedeutungen von Weiss bis Gold vertraut gemacht werden.

Die Farbwahrnehmung speist sich (wie jede Wahrnehmung) aus dem, was wir wissen. Erweitern wir unser Wissen, verändert sich auch unsere Wahrnehmung und diese kann von Kultur zu Kultur verschieden sein. Das Farben-Wissen, das der Autor hier vorlegt, ist ausgesprochen breit und geht über die reine Farbenlehre weit hinaus, was sich schon an den einzelnen Kapitelüberschriften ersehen lässt. Hier einige ganz willkürlich ausgewählte Beispiele: ‚Wohlfühloase oder Arbeitsatmosphäre? Für jede Situation das richtige Licht.‘ ‚Mehr als Feng-Shui. Der Einfluss von Raumfarben auf Wohlbefinden und Gesundheit.‘ ‚Status. Die soziale Hierarchie der Farben.‘

Die geheimnisvolle Macht der Farben ist ein überaus nützliches Buch, das unter anderem deutlich macht, dass neben der Wortsprache die Farben das wichtigste Kommunikationsmittel sind – man denke an Warnfarben (etwa die Farbkombination Gelb-Schwarz) oder Tarnfarben („Was Tarnfarben sind liegt im Auge des Betrachters.“). Daraus folgt, dass wir Farben bewusst einsetzen können, um unsere Lebenswelt zu beeinflussen. Das geht von der Art wie wir uns kleiden bis zur Gestaltung unseres Lebensraums – die jeweilige Farbgebung beeinflusst nicht nur die anderen, sondern auch uns selber.

Übrigens: Der Einband wie auch der Schutzumschlag dieses Werkes trägt die Farbe Rot, die der Autor mit „vital, verlegen, dominant und gefährlich“ charakterisiert. Wer jetzt nicht neugierig wird, der ist selber schuld

Fazit: Faszinierende und überaus lehrreiche Aufklärung.

Prof. Dr. Axel Buether
Die geheimnisvolle Macht der Farben
Wie sie unser Verhalten und Empfinden beeinflussen
Droemer Verlag, München 2020

Rebecca Solnit: Die Kunst, sich zu verlieren

Unsere Corona-Zeiten haben mir wieder einmal vor Augen geführt, wie schlecht wir mit Unsicherheiten umgehen können. Das Unbekannte ist uns generell eher unheimlich, wir versuchen ihm auszuweichen so gut es eben geht. Wir wollen uns nicht verlieren, ganz im Gegenteil, uns ist es um Sicherheit zu tun. Und obwohl wir wissen, dass alles im Leben so recht eigentlich unsicher ist, streben wir trotzdem nach Sicherheit. Kein Drang ist ausgeprägter.

Nicht alle wollen sich ihm einfach so unterwerfen. John Keats etwa fragte sich, was einen Mann bedeutsam mache und kam zum Schluss: „wenn jemand fähig ist, das Ungewisse, die Mysterien, die Zweifel zu ertragen, ohne alles aufgeregte Greifen nach Fakten und Verstandesgründen.“ Zugegeben, ich bin überhaupt nicht so, doch nichts finde ich als Wegweiser attraktiver.

Für Virginia Woolf war das Sich-Verlieren nicht nur ein leidenschaftlicher Wunsch, sondern eine dringende Notwendigkeit, „niemand und jeder zu werden, die Ketten abzuwerfen, die einen daran erinnern, wer man ist, wer man anderen zufolge ist.“ In der Gegenwart zu sein, bedeutet sich von seinen Konditionierungen zu befreien. Gemäss Walter Benjamin „bedeutet sich verirrt zu haben, völlig gegenwärtig zu sein, und völlig gegenwärtig zu sein heisst, es auszuhalten im Ungewissen und Unergründlichen.

Rebecca Solnit hat sich mit Outdoorexperten unterhalten, hat sich in der Geschichte kundig gemacht. „Verirrt zu sein, halfen mir meine Gesprächspartner zu verstehen, war hauptsächlich ein Geisteszustand, und das trifft auf all die metaphysischen und metaphorischen Verirrungen genauso zu wie auf das Herumstolpern in irgendwelchen entlegenen Gegenden.

Sokrates meinte übrigens: „Man kenne bereits das, was  unbekannt zu sein scheint; man sei bereits hier gewesen, allerdings nur als jemand anderes.“ Das erinnert mich an Empedokles, der einen universellen Kreislauf der Dinge postuliert, in dem es weder Schöpfung noch Vernichtung gibt.“ Demnach, dies schliesse ich daraus, wäre alles, restlos alles schon immer dagewesen – wir haben es nur nicht gesehen.

Rebecca Solnit erzählt die Geschichte des spanischen Konquistadoren Cabeza de Vaca, der 1527 von Florida aus das Landesinnere erkundete und in der Autorin den Gedanken weckte, man wäre gut beraten die Fähigkeiten des Spurenlesens, des Jagens, des Sich-Zurechtfindens zu erlernen. Und sie berichtet vom Zusammentreffen mit einem Franziskanerpater, als sie im Great-Basin-Nationalpark im Schatten ihres Pick-ups lag und die ‚Göttliche Komödie‘ las. Und sie beschreibt ihre erste Wüste, die nördlich vom Death Valley liegt, und sie das Schreiben lehrte.

Ihre vielfältigen Assoziationen sind es, die diese Essays für mich faszinierend machen. So bringt sie in ‚Das Blau der Ferne‘ unter anderem die Kartografie ( „… die Selbstzufriedenheit, die die Vorstellung begleitet haben muss, dass die Welt, wie es der englischen Seefahrtsbegiff ausdrückt, ‚encompassed‘ war, das heisst in allen Richtungen der Kompassnadel von Wasser eingefasst, entspricht wohl unserer eigenen Selbstgefälligkeit, die es äusserst unwahrscheinlich erscheinen lässt, dass man auf heutigen Weltkarten die Wörter ‚terra incognita‘ findet.“)  mit Yves Klein zusammen, der 1957 „mit seinem tiefen, elektrischen Blau einen Globus“ bemalte und damit eine Welt schuf, „auf der es keine Trennung zwischen verschiedenen Ländern gab, oder zwischen Wasser und Land, als sei die Erde selbst zum Himmel geworden …“.

Fazit: Horizonterweiternd, anregend und hilfreich.

Rebecca Solnit
Die Kunst, sich zu verlieren
Ein Wegweiser
Matthes & Seitz Berlin 2020

Bernd Kortmann, Günther G. Schulze (Hg.): Jenseits von Corona

Es ist ein eigenartiges Phänomen, dass Studierte zu Allem und Jedem glauben eine Meinung haben zu müssen. Noch eigenartiger ist, dass sie ganz offensichtlich wenig geduldig sind (und da hatte ich doch immer gedacht, Geduld sei notwendig, wenn man etwas à fond studieren wollte) und sich bereits (wir sind doch gerade erst am Anfang) jetzt zur Kommentierung der Nach-Pandemie-Welt berufen fühlen. Das Allereigenartigeste ist jedoch, dass ich nicht nur skeptisch, sondern auch neugierig bin, was sie zu sagen haben.

Herrschten zu Beginn der Pandemie vor allem, Angst, Solidarität und Vertrauen, so zeigten sich schon bald Risse, die mittlerweile tiefer zu werden scheinen. „Dass diese Risse so rasch wieder aufbrachen, spricht gegen voreiligen Optimismus. Vermutlich werden sie sich eher vertiefen als verringern. Denn die Corona-Krise erfasst die Gesellschaft existenzieller als die Wirtschafts- und Finanzkrisen der jüngsten Vergangenheit“, so Ute Frevert. Vielleicht macht diese Krise aber auch ganz einfach die Spaltungen deutlicher, die schon immer da waren.

Und wie reagieren wir auf die plötzliche Ungewissheit? Mit Panik und Aktivismus und indem wir uns auf das Vertraute zurückziehen. „Mein erster Eindruck also ist: Das Ungewisse – die Zwillingsschwester allen Wissens – wird zur Projektionsfläche für jene Narrative, die ihren Erzählern Recht geben in genau dem, was sie vor ‚Corona‘ auch schon gedacht und geglaubt haben“, schreibt Sibylle Krämer. Und sie selber? Was sieht sie heute anders? Sie äussert sich dazu, doch ich habe es nicht verstanden.

Ich staune über Aussagen wie „… wird die Nach-Corona-Welt keine ganz neue oder andere sein. Viel eher wird die Krise einige der jetzt schon erkennbaren trajektoralen Linien der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung verstärken, andere abbremsen oder zum Stillstand bringen“ (Carl-Eduard Scheidt), denn ich selber fürchte, in der Nach-Corona-Welt werde es schon allein wegen der noch massiv zunehmenden Arbeitslosigkeit zu mehr als nur einem gewaltigen Knall kommen.

Jenseits von Corona zeigt wie akademisch Tätige mit der gegenwärtigen Unsicherheit umgehen. Sie tun es, wie alle anderen auch – sie orientieren sich an dem, was sie wissen. Von Gefühlen, Hilfs- und Orientierungslosigkeit lese ich in diesem Band kaum, doch ich werde auf mich Verblüffendes aufmerksam gemacht (etwa dass Frauen „durch ihr effektiveres Immunsystem besser vor Infektionen geschützt werden.“ Bettina Pfleiderer), mit Fragen konfrontiert, auf die ich selber nicht gekommen wäre (und die ich manchmal auch weit hergeholt finde. „Die Frage ist nämlich, mit welchen Hintergedanken das Heldenlied [etwa aufs Pflegepersonal] angestimmt wird. Kommen darin echtes Lob und aufrichtige Anerkennung zum Ausdruck oder handelt es sich um einen faulen Trost, eine makabre Kompensation?“ Dieter Thomä) und auf Akzentuierungen stosse, die ich wesentlich (und wenig beruhigend) finde („…wie sehr wir vom Wissen anderer abhängig sind.“ Lisa Herzog).

Differenzierte und interessante Beiträge versammelt dieser Band. Also das, was man von Professoren erwarten darf, wenn sie ihr vielfältig gelehrtes Wissen ausbreiten. Ich habe mir mehr und anderes erwartet. Grundsätzlicheres und Persönlicheres. Ich hätte gerne erfahren, wie gescheite Menschen mit Corona klarkommen. Im richtigen Leben, im Alltag. Und vor allem hätte ich mir gewünscht, überrascht und beflügelt zu werden, von gelungenen Beispielen zu hören, wie man selber gedenkt, zu einer besseren Welt beizutragen. Andererseits: Sich darüber auszulassen, dass man gerne ein anderes Buch gelesen hätte, ist ja auch nicht gerade originell und gehört eher zum Lamento von Literaturkritikern.

Zugegeben, ich bin ratlos, wenn ich im Corona-Zusammenhang mit Worten wie „Denkraum“ (Markus Gabriel) oder Ausführungen über „Evidenz vs. evidence“ (Gerd Folkers) konfrontiert werde. Und dass ein Zwischentitel wie „Kulturelle Bedingungen der individuellen Verarbeitung von Vergänglichkeit“ (Vera King) mich lachen macht, legt den Schluss nahe, dass ich nicht zum Zielpublikum dieses Bandes gehöre.

„Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen …“ zitiert Bettina Pfleiderer Hermann Hesse. Und in der Tat: Corona hat das Potential für eine bessere (gerechtere) Zukunft. Und da, wo Regierungen Vertrauen geniessen, weil sie kompetent agieren, verhalten sich die Bürger bereits in der Gegenwart recht vernünftig. Nur eben: Es gibt auch eine andere Realität – in den USA sah man sie in den letzten Jahren immer stärker hervortreten. Anders gesagt: Mir kommt in diesem Band der Hang des Menschen zur Destruktivität entschieden zu kurz. Zudem scheint mir der Aufruf zu Diskurs und Dialog ein ziemlich hilfloses Postulat, denn ausser dem wirtschaftlichen Vorteil gibt es wenig Verbindendes im Raubtier-Kapitalismus. Und den (sowie die ihm zugrunde liegende Mentalität), es sei geklagt, haben wir nach wie vor.

Nicht zu Sprache kommt auch, was mich (fast) am meisten umtreibt: Wie können wir lernen, mit Unsicherheiten umzugehen? Wir wissen doch alle, dass das Leben unsicher ist. Konsequenzen hat das – abgesehen von dem Versuch, es sicherer zu machen – kaum. Corona führt uns vor Augen, dass unsere vermeintlichen Sicherheiten (der Glaube an die Politik, die Wissenschaft, die Professoren), nicht das leisten (können), was wir von ihnen erwarten. Vielleicht wäre es sinnvoll, unsere (meine) Erwartungshaltungen zu überprüfen?

Bernd Kortmann, Günther G. Schulze (Hg.)
Jenseits von Corona
Unsere Welt nach der Pandemie – Perspektiven aus der Wissenschaft
transcript Verlag, Bielefeld 2020

Ella Carina Werner: Der Untergang des Abendkleides

Eine Frau wird bald vierzig. Und ist froh darüber. Schreibt sie. Und das klingt unter anderem so:

„Mit vierzig muss man nicht mehr ‚fuckable‘ sein. Verflucht, war das anstrengend, immer dieses ‚Fuckable‘-Sein, in den Schulpausen, in der Unimensa, auch wenn es das Wort früher noch gar nicht gab. ‚Bumskompatibel‘ hiess das damals, wenn ich mich recht erinnere: ‚Ella, du musst bumskompatibel sein‘, lagen mir meine Tanten in den Ohren, jeden Tag.“

Und so:

„Mit vierzig kann man sich einen Jahrzehnte jüngeren Partner angeln, so wie diese coole Sau Brigitte Macron. Mit zwanzig ist das nach unten hin begrenzt.“

Dass Vorstellungen und Realität sich selten entsprechen, weiss jeder. Deshalb leben wir lieber in unseren Vorstellungen. Ella Carina Werner zum Beispiel mag Menschen. Generell. Sogar solche wie Christian Lindner. Nicht als realen Menschen, der sich scharf und eloquent für den Egoismus stark macht, doch wenn sie sich ihn als Schulbuben imaginiert, der versucht, vor dem Schwimmen mit seinem ungeplant steifen Glied klarzukommen, also dieser Lindner, der ist so rührend, den mag sie.

Viele ganz unterschiedliche Geschichten aus ihrem Leben (nehme ich an) finden sich in diesem Band. Die Autorin hat ein ausgeprägtes Gespür für die Absurdität der menschlichen Existenz, verfügt über viel Witz und ein Händchen für Dramaturgie.

Wie war das eigentlich damals mit ihrer Geburt? Die Mutter wehrt ab, erzählt erst nach insistierendem Nachfragen (Mütter sind so). Und dann das 20-jährige Abijubiläum, das nicht ganz so war wie dieser Anlass gemeinhin so ist … und dann eben doch. Kein Wunder, war man damals froh der Schule (und vor allem den Klassenkameraden) zu entkommen.

Ella Carina Werner ist eine glänzende Beobachterin. Und sie weiss, dass wenn man einfach beschreibt, was man wahrnimmt – vorausgesetzt natürlich, man verfügt über so etwas wie reflektierte Wahrnehmung sowie einen ausgeprägten Sinn für Humor (sie hat von beidem ganz viel) – , unweigerlich eine Komödie rauskommt. „Ab 23 Uhr ist mit den Menschen nicht mehr viel los, vor allem in der U-Bahn. Gesichtszüge entgleiten. Oberkörper verlieren an Spannkraft. Schultern sacken gegen Fenster. Wildfremde Menschen schmiegen sich aneinander. Niemand sitzt mehr kerzengerade, ausser meine Tante.“ Einmal im Jahr verbringen die zwei einen ‚kulturellen‘ Abend, die übrigen 364 Tage muss sich Ella davon erholen.

Die gerade geschilderte Szene stammt aus „Theater mit Tante“, einer meiner Highlights in diesem Buch voller Highlights. Ich habe Tränen gelacht. Und dann gerade noch einmal beim Gespräch mit der Enten-Nachbarin. Was das ist? Selber lesen, es lohnt. Und dann „Ding dong“, das beginnt so: „Immer wenn ein Handwerker in meine Wohnung kommt, habe ich Angst, dass er denkt, ich wolle mit ihm schlafen. Das hört man ja, dass Hausfrauen immer mit Handwerkern schlafen wollen. Das Internet ist voll davon …“. Genial!

„Der Untergang des Abendkleides“ ist auch ein lehrreiches Werk. Mir jedenfalls war bis anhin nicht geläufig, dass sich die deutsche Sprache auch durch die endlos mögliche Aneinanderreihung von Substantiven auszeichnet. Nachzulesen ist das in „Sommerbalkonweingeschichte“. Auch wusste ich nicht, dass die Finnen Atomkraftwerke lieben. Und was Netzaktivisten eigentlich machen. „Ich bin jetzt Netzaktivistin. Ich suche im Internet nach Dingen, die ich normalerweise nicht suchen würde, um von mir selbst abzulenken. Um meine Netzidentität zu verschleiern.“

Geschäftsfrauen aus Singapur auf der Suche nach jungen deutschen Männern auf der Hamburger Reeperbahn, die Liederauswahl der Mutter für ihre Beerdigung (‚Wind of Change‘ von den Scorpions, ‚Über den Wolken‘ von Reinhard Mey, ‚My heart will go on‘ von Céline Dion.). Hat die Autorin das erfunden? Wie auch immer: Ich entscheide mich, dass das alles genauso passiert ist. „Se non è vero è ben trovato“ sagt bekanntlich der Italiener (und womöglich auch die Italienerin).

Ich könnte jetzt da noch lange weiter zitieren, werde ich aber nicht tun, mir geht es nur darum aufs Buch neugierig zu machen. Und das müsste doch eigentlich gelungen sein, oder?

Fazit: Wer wissen will in was für aberwitzigen Zeiten wir schrägen Wesen leben greife zu diesem super-witzigen Buch, das mir ganz viele Lacher entlockt hat. Übrigens: Lachen befreit!

Ella Carina Werner
Der Untergang des Abendkleides
Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2020

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte