Nora Fieling: Depression – und jetzt?

„Wegweiser einer Erfahrungsexpertin“ heisst es im Untertitel. „Erfahrungsexpertin“? Der Begriff ist neu für mich und gewöhnungsbedürftig, doch was damit gemeint ist, ist mir sympathisch. Ja, mehr als sympathisch, denn ich halte diejenigen, die etwas aus eigener Erfahrung kennen für kompetenter als diejenigen, die etwas nur studiert haben. Genauer: Ich habe studierte Fachleute, die keine einschlägige Leidensgeschichte hinter sich hatten, viele Jahre schlicht für aufgeblasene Wichtigtuer gehalten. Das sehe ich heute zwar differenzierter (persönliche Betroffenheit ist nicht immer ein guter Ratgeber, eine empathische Aussensicht häufig hilfreich), doch reflektierte Erfahrung (Erfahrung allein genügt bei Weitem nicht) scheint mir nach wie vor das A und O. Und vor allem: Offenheit – auch gegenüber Fachpersonen, die ja auch nicht alle gleich sind.

Das Vorwort des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie, Gerhard Peters, bildet einen gelungenen Einstieg, da er nicht zuletzt klar macht, dass es sich bei der Autorin nicht gerade um den einfachsten Menschen auf dem Planeten handelt, was jedoch auch ihm selber gut tut – ich musste sehr schmunzeln.

Als junge Frau kriegt Nora Fieling die Diagnose „Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline“ und „Depressive Episode“. Jetzt weiss sie zwar, dass sie an einer Krankheit leidet, „dass weder ich noch meine Gefühle falsch sind“, doch dies zu akzeptieren fällt ihr schwer. Doch Akzeptanz lässt sich üben, ist ein Prozess. „The readiness is all“, sagt Horatio in Hamlet.

Was ist eigentlich eine Depression? „Es bedarf nicht der eigenen Erfahrung, um eine Depression zu verstehen. Das Wissen über Fakten beugt Vorurteilen und Verständnislosigkeit vor.“ Und dieses Faktenwissen bietet dieses Buch. Nora Fieling hat nicht nur vielfältige Informationen zusammengetragen und leserfreundlich aufbereitet, sondern auch Fachpersonen befragt. „Beim ersten Auftreten einer Depression ist es nach evidenzbasierten Leitlinien immer notwendig, organische Ursachen auszuschliessen“, so die Berliner Chefärztin Iris Hauth. Ob das auch wirklich so gemacht wird?

Ein Gespräch mit dem bereits erwähnten Gerhard Peters über Psychopharmaka und mehr, macht unter anderem deutlich, dass die Medizin zwar mit wissenschaftlichen Methoden arbeitet. jedoch keine Wissenschaft ist, also auf der Basis von „trial and error“ operiert. Je mehr dies auch Nicht-Medizinern klar ist, desto besser, denn solches Wissen wappnet einen gegen falsche Hoffnungen und überzogene Erwartungen.

In einem weiteres Gespräch erläutert die Heilpraktikerin für Psychotherapie Jessica Exner ihre tiergestützte Therapie, die sie als Ergänzung zur Psychotherapie versteht. So sehr mir dieser Ansatz  gefällt, ihre Aussagen zur intrinsischen Motivation  teile ich  überhaupt nicht. Wer glaubt, zwischen innerem und äusserem Druck unterscheiden zu können, irrt nicht nur, sondern überschätzt meines Erachtens seine Fähigkeiten gewaltig. Woher der Druck auch immer kommt, die Herausforderung ist, herauszufinden, wann er uns nützlich ist. Nicht, was ich will, sollte leitend sein, sondern was mir gut tut.

Einer der für mich hilfreichsten Gedanken in diesem Buch führt die Autorin unter dem Titel „Du musst mich nicht verstehen!“ aus: „Man kann Verständnis  für die Situation und die Depression aufbringen, ohne dabei das Gefühl, das der Betroffene hat, zu verstehen. Und ich kann Mitgefühl mit der Situation des Betroffenen haben, ohne selbst genauso wie er zu fühlen. Insofern kann ich auch Verständnis aufbringen, ohne mein Gegenüber konkret zu verstehen.“

„Depression – und jetzt?“ ist, wie es der Untertitel verspricht, ein Wegweiser und führt aus, weshalb der Austausch im Internet helfen kann, welcher Arzt sich als Ansprechpartner eignet, was für Therapien es gibt, liefert Tipps zu Therapeutensuche und klärt auf über Peer-Beratung und Ex-In (Experienced Involvement), eine Fortbildung, die sich an Psychiatrie- und Krisenerfahrene wendet. So löblich ich es finde, dass einschlägig Erfahrene therapeutisch tätig werden, die Einbindung ins System (eine formale Ausbildung ist nie etwas anderes), finde ich mehr als problematisch, denn jedes gesellschaftliche Nicht-Funktionieren ist auch (und zwar wesentlich) ein Zeichen von seelischer Gesundheit. Nora Fieling  geht unter dem Titel „Depression – eine gesunde Reaktion auf einen  kranken Zustand!?“ ebenfalls darauf ein. Siehe auch hier.

Wie von einer Erfahrungsexpertin nicht anders zu erwarten, werden wir auch darüber aufgeklärt, wie es ihr unter anderem in voll- und teilstationären psychiatrischen Einrichtungen ergangen ist. Ihr Urteil ist überwiegend positiv, auch wenn sie am Anfang vielen Massnahmen sehr kritisch gegenüber stand. „Im Nachhinein betrachtet war der Aufenthalt in der Psychiatrie für mich hilfreich, weil ich aus meine gewohnten Umgebung herauskam und so Abstand vom negativ belastenden Alltag  erlangte.“ Und dies ermöglichte ihr, zu lernen, was wir alle zu lernen haben (und für einige entschieden schwieriger ist als für andere): Selbst-Akzeptanz.

Nora Fieling
Depression – und jetzt?
Wegweiser einer Erfahrungsexpertin
Starks-Sture Verlag, München 2020

John Burnside: What light there is

Am Ende ist alles eine Frage des Marketing, sagt mein Nebenmann auf dem Flug von New York nach Zürich. Daran musste ich bei der Titel-Kombination What light there is. Über die Schönheit des Moments denken, denn schon nach wenigen Seiten war mir klar, dass dieses Buch mit dem Titel (und dieser unsäglichen Englisch-Deutsch Kombination) wenig gemein hat, vielmehr erzählt John Burnside von sich und seiner Jugend und den Ansichten und Einsichten, die er damals und heute hatte. Zugegeben, ich hatte mir so recht eigentlich eine abgeklärte Meditation über Leben und Tod erwartet, doch der Mann schreibt gut und farbig, denkt eigenständig und furchtlos – und das lasse ich mir gerne gefallen.

Immer wieder staune, woran sich der Autor erinnert. Im Detail. „Eigentlich war ich schon im dritten Jahr Religionsunterricht zu dem keineswegs überraschenden Schluss gekommen, dass es sich bei Religion dieses Schlages um eine Art Psychose handelte …“ Echt jetzt? Also mir war Psychose in der Primarschule noch kein Begriff.

Den einzelnen Kapiteln sind Zitate vorangestellt, unter anderen von Elizabeth Bishop und William Shakespeare. Mein liebstes stammt aus dem Mahabharata, dem indischen Epos, zu dem die Bhagadvadgita gehört: „Der Jakscha fragte: ‚Was ist das grösste Wunder auf Erden?‘ Judhischthira antwortete: ‚Jeden Tag sehen wir Mensch wie Geschöpf ins Reich von Yama wechseln, dem Gott des Todes, und doch wollen jene, die zurückbleiben, immerdar leben. Das ist doch wahrlich das grösste Wunder.’“

John Burnside lässt sich über den Kapitalismus aus, der der Ausbeutung und dem Kommerz huldigt, er zitiert den Bakteriologen Robert Koch, der 1910 schrieb: „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest“, weist darauf hin, „dass kaum etwas unser Klima so sehr belastet wie die Agrarindustrie,“ die wir dafür noch subventionieren … Der menschengemachte Irrsinn kennt wirklich keine Grenzen!

Besonders angetan war ich von den Ausführungen Richard Avedons zur Porträtfotografie, in denen dieser die Rolle des Porträtierten beleuchtet, der immer eine Rolle spielt, da er ja weiss, dass er fotografiert wird. „Wir schauspielern alle. Wir schauspielern ständig füreinander, ob gewollt oder unbewusst. Das ist unsere Art, uns auf eine Weise zu zeigen, von der wir hoffen, dass wir so erkannt werden, wie wir möchten.“ Das sind so Sätze, bei denen es bei mir Klick macht, denn so habe ich das grosse Welttheater noch gar nie wahrgenommen. Wie auch bei diesen Worten von Robert Frank, der Schwarz und Weiss als die Farben der Fotografie bezeichnete. „Für mich symbolisieren sie die beiden Alternativen Hoffnung und Verzweiflung, denen wir stets ausgesetzt sind.“

Das Thema, das dieses Buch durchzieht, ist die Ars Moriendi, auf die John Burnside aus ganz verschiedenen Perspektiven immer wieder zurückkommt. Er räsoniert über die Zeit, die er ganz und gar nicht für einen Fluss hält, erzählt von Gedichten, von seinem Verhältnis zu Joseph Brodsky, von Captain Scotts letztem Eintrag ins Expeditionstagebuch, berichtet bewegend vom Sterben von Mutter und Vater. Mir gefällt, dass er so vermeintlich ganz unterschiedliche Situationen, Szenerien und Gedanken zur Sprache bringt, denn so ist ja auch das richtige Leben: ein ziemlich unstrukturiertes Durcheinander, das wir in eine uns verständliche Form drücken, mit Anfang, Mittelteil und Ende.

Das tut What light there is jedochnicht, vielmehr nimmt John Burnside den Leser mal hier hin, mal dort hin, erzählt von den Haubenlerchen im Berlin der Nachkriegszeit, welche die Bewohner als Wohltat für langleidende Seelen erlebten, findet den Gedanken „total absurd, ein Mensch oder eine Firma könne rechtmässig mehrere tausend Morgen Land besitzen“ und zitiert Ludwig Wittgenstein, der argumentierte, dass die Annahme von einem ewigen Fortleben nach dem Tode gar nicht das leiste, „was man immer mit ihr erreichen wollte. Wird denn dadurch ein Rätsel gelöst, dass ich ewig fortlebe? Ist denn dieses ewige Leben dann nicht ebenso rätselhaft wie dass gegenwärtige? Die Lösung des Lebens in Raum und Zeit liegt ausserhalb von Raum und Zeit.“

Der Untertitel „Über die Schönheit des Moments“ macht deutlich, was uns letztlich bleibt: der Moment, eingeschlossen die sehr speziellen Momente, welche die Franzosen mit un ange passe bezeichnen, was meint: „Ein winziges Schlupfloch im Gewebe des Tages, ein Augenblick, dessen Bedeutung einem fremden, womöglich metaphysischen Bereich angehört.“

What light there is ist ein überzeugendes Beispiel dafür, dass die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod, uns die Dinge schärfer sehen und unser Leben intensiver erfahren lässt. Abgeklärt wirkt John Burnside nicht, doch sehr menschlich und sehr real. „Ich will das Hier und Jetzt, ich will die flüchtige Vergänglichkeit von Himmel und Jahreszeit, die subtile Schönheit des Unscheinbaren.“

John Burnside
What light there is
Über die Schönheit des Moments
Haymon Verlag, Innsbruck – Wien 2020

Ian McEwan: Erkenntnis und Schönheit

Fünf Essays enthält dieser Band, entstanden sind sie zwischen 2003 und 2019. Mit „Literatur, Wissenschaft und die menschliche Natur“ ist der erste überschrieben, der sich unter anderem mit Charles Darwin auseinandersetzt und folgert, dass „die Art und Weise, wie Phantasie und Einfallsreichtum in der Literatur zum Ausdruck kommen, Darwins Ansichten untermauern. Es wäre unmöglich, Literatur aus uns fernen Zeiten oder aus einer grundsätzlich anderen Kultur zu lesen, teilten wir mit dem Schriftsteller nicht ein gemeinsames emotionales Terrain, ein grosses Reservoir von Annahmen.“ Recht ausführlich zitiert McEwan aus Donald Browns „Human Universals“ und ich staune, was wir Menschen alles gemeinsam haben, vom Geschenkeaustausch bis zu einem Begriff von Gerechtigkeit, von bestimmten Kindheitsängsten bis zum Wissen darum, dass auch andere Menschen ein Innenleben haben.

“The Originality of the Species oder: Wer ist der Erste?“ (die neumodische Eigenart, in Buch- und Aufsatztiteln Englisch und Deutsch zu mischen, finde ich prätentiös-peinlich) ist ein überaus spannender und aufschlussreicher Text, der einerseits zeigt, was Ehrgeiz alles bewirken kann (Darwins Thesen standen konträr zu den Auffassungen der viktorianischen Gesellschaft ) und andererseits deutlich macht, dass der „Kult der Persönlichkeit, der um Künstler betrieben wird“ gelegentlich fast schon religiöse Züge annimmt. Das ist umso bemerkenswerter als Shakespeare, Bach, Mozart und Beethoven zu ihrer Zeit nicht übermässig verehrt wurden.

Ganz besonders angesprochen haben mich McEwan Einlassungen zu Erkenntnis und Intuition, die sich nicht nur oft nicht entsprechen, sondern gelegentlich gänzlich unvereinbare Position einnehmen. Ein Beispiel: „Die der Intuition zuwiderlaufende Vorstellung, die Erde drehe sich um die Sonne, brauchte Generationen, um sich in Europa durchzusetzen.“ Obwohl wir das mittlerweile wissen, leben wir nach wie vor in der Vorstellung, wir seien das Zentrum des Universums. Wir wären gut beraten, unserer Intuition nicht einfach zu trauen, sondern ab und zu unseren Verstand zum Zuge kommen zu lassen.

„Ein parallele Tradition“ lautet der Titel des dritten Essays, den ich vor allem als Anregung auf Texte und Bücher lese, die einem die Wissenschaft nahebringen. „Wer wissen will, was für kühne und originelle Ideen Newton hatte, der lese Voltaire. Bei ihm spüren wir die Begeisterung für neue Ideen, und dabei erfüllt er zugleich die höchsten Anforderungen an Verständlichkeit.“ Mc Ewans Begeisterung für Lucrez‘ „De rerum natura“ und Steven Pinkers „Der Sprachinstinkt“ teile ich. Danke also fürs Erinnern!

Auf Lucrez kommt er auch im folgenden Essay „Das Ich“ zu sprechen, das in vielen Berichten ohne Körper auszukommen scheint. „Dass das Ich eine Art Narrativ sei, eine sich entfaltende Geschichte, die wir uns selbst erzählen, gilt heutzutage als allgemein anerkannt.“ Das setzt allerdings einen freien Willen voraus, von dem Ian McEwan nicht so recht überzeugt ist. Er zitiert den Philosoph Galen Strawson, der „das eigene Ich keineswegs als selbstverfasste Geschichte, sondern als eher episodenhaft, leicht chaotisch, geprägt von einzelnen Momenten, in einer sukzessiven Abfolge von Gegenwarten“ beschreibt.

„Endzeitstimmung“ beschliesst diesen Band. Kann man ein Buch mit einem besseren Titel abschliessen? Apokalptische Überzeugungen ziehen sich durch die Geschichte, der säkulare Verstand hat dem bisher wenig entgegensetzen können, im Gegenteil: „Statt das apokalyptische Denken in Frage zu stellen, hat die Naturwissenschaft es ganz offenkundig gestärkt. Sie hat uns die Möglichkeit an die Hand gegeben, uns und unsere Zivilisation in weniger als zwei Stunden zu vernichten oder in ein paar Tagen einen tödlichen Virus auf der ganzen Erde zu verbreiten.“

Übrigens: Wussten Sie, dass nur gerade zwölf Prozent der Nordamerikaner „glauben, dass Leben auf der Erde habe sich durch natürliche Selektion ohne Intervention einer übernatürlichen Instanz entwickelt“? Doch bevor sie sich – Diese Amis, es ist wirklich nicht zu fassen! – an den Kopf greifen, lesen Sie, was Ian McEwan zu solchen Umfragen schreibt. Auf Seite 147 oben. Es lohnt sich!

Fazit: Eine wunderbar anregende, sehr persönliche Auseinandersetzung mit Erkenntnisfragen.

Ian McEwan
Erkenntnis und Schönheit
Über Wissenschaft, Literatur und Religion
Diogenes Verlag, Zürich 2020

Clarice Lispector: Aber es wird regnen

Die erste Erzählung dieses Bandes spielt in Recife und da dies „meine“ erste brasilianische Stadt gewesen ist, in der ich, 2006 war das, mehrere Wochen verbrachte, bin ich natürlich sofort positiv eingenommen. Und dann die ersten Sätze: „Sie war dick, klein, sommersprossig und hatte viel zu krauses Haar, mit einem Stich ins Rotblonde. Sie hatte einen riesigen Busen, während wir anderen Mädchen flachbrüstig waren. Und als wäre das nicht genug …“, doch Halt, Stopp, bevor ich hier noch die ganze Geschichte wiedergebe. Nur soviel: Dieses Mädchen verfügt über „ein Talent für Grausamkeit“, das natürlich nur dann ausgelebt werden kann, wenn es ein Pendant findet. „Ich begann inzwischen zu ahnen, dass sie mich ausgesucht hatte, um mich leiden zulassen, manchmal ahne ich so etwas. Doch selbst wenn ich es ahne, nehme ich es manchmal hin: als wäre ich derjenige, der mich leiden lassen will, verzweifelt darauf angewiesen.“

Das Schreiben der Clarice Lispector begeistert mich. Unverblümt, direkt, lebensbejahend und ja, unverfroren wirkt es auf mich. Es hat etwas Naiv-Kindliches, das mich rührt, freut und zum Lachen bringt. „… ich lief hüpfend durch die Strassen wie immer und fiel kein einziges Mal hin.“ Oder diese Sätze in der Erzählung „Das Hausmädchen“: „Ja, in Eremita war Tiefe. Aber niemand, der in ihre Tiefen hinabgestiegen wäre, hätte etwas gefunden – bis auf die eigene Tiefe, so wie man im Dunkel aufs Dunkel trifft.“ Ein „rätselhaftes Kind“, in der Tat, voller Ahnungen und Einsichten, von denen sie zwar wusste und auch wieder nicht. „Die Ahnungslosigkeit so grenzenlos, dass alle Weisheit der Welt hineingepasst und sich darin verloren hätte.“ Eigenartig, faszinierend, magisch und lebensklug, so wirken diese Erzählungen auf mich.

Natürlich, jeder liest anders, doch zu sagen, Clarice Lispectors Schreiben sei ungewöhnlich, wäre eine ziemliche Untertreibung. Sehr, sehr ungewöhnlich, das trifft es besser. Ich schmunzle, wundere mich, bin entzückt, verwirrt und fühle mich immer wieder höchst angeregt ob dieser rätselhaften, absurden, lustigen, realistischen und überaus fantasievollen Geschichten, die entstehen, so stelle ich mir vor, wenn man den Gedanken freien Lauf lässt, sie nicht einzwängt in Vorgaben, die wir zu verstehen gelernt haben.

„Ein Tag weniger“. Das Telefon klingelt. Eine „weibliche Stimme, deren Besitzerin über achtzig sein musste, der schleppenden Heiserkeit nach zu urteilen“, möchte mit Flávia sprechen, doch in dem Haus gibt es keine Flávia. Die anschliessende Unterhaltung zwischen der Anruferin und Margarida Flores de Jardim, die den Anruf entgegengenommen hat, liess mich an Eugène Ionescos Theaterstücke denken. „Also, ich weiss nicht, was ich Ihnen sagen soll, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich kann nur Fragen beantworten, über die ich schon nachgedacht habe.“ „Dann strengen Sie sich ein bisschen an und lassen den Namen Flávia vor Ihrem geistigen Auge vorüberziehen, Sie werden schon sehen, da fällt Ihnen gleich eine Antwort ein.“

Ich nehme Clarice Lispectors Schreiben als Puzzle wahr, als Sammelsurium, als Durcheinander von ganz Unterschiedlichem. Der Erzählung „Wo Wart Ihr in der Nacht“ sind vier Zitate von mir unbekannten Männern vorangestellt. Ich habe sie gegoogelt: Alberto Dines war ein brasilianischer Journalist und Autor: „Die Geschichten haben keine Auflösung.“ Fauzi Arap war ein brasilianischer Theatermann: „Das Unbekannte macht süchtig.“ Raul Seixas war ein brasilianischer Musiker: „Im Sessel, den Mund voller Zähne, darauf warten, dass der Tod kommt.“ William Harvey war ein englischer Arzt und Anatom: „Was ich kundtun werde, ist so neu, dass ich befürchte, mir die gesamte Menschheit zum Feinde zu machen, so tief verwurzelt sind auf der Welt die Vorurteile und Lehren, die einmal angenommen wurden.“ Keine Frage, diese vier Zitate beschreiben Clarice Lispector höchst treffend und könnten so recht eigentlich auch von ihr stammen.

„Der Körper“ handelt von Xavier, dem Bigamisten, dem zwei Frauen nicht genug waren und der deshalb auch noch zu einer Prostituierten ging, was seine beiden Frauen jedoch nicht akzeptierten. Eine hinreissend-komische Geschichte mit einem sehr brasilianischen Schluss. Sie beginnt so: „Xavier war ein wüster und heissblütiger Mann. Sehr stark. Er liebte Tango. Er ging sich Der letzte Tango in Paris ansehen, wurde davon schrecklich erregt. Er hatte den Film nicht verstanden: Er sah darin einen Sexstreifen. Dass es sich um die Geschichte eines Verzweifelten handelte, darauf kam er nicht.“

Das vorletzte Kapitel ist mit „Vision vom Glanz – leichte Eindrücke“ überschrieben und handelt von Brasília, dieser mich enorm faszinierenden Stadt, die ich jedoch nur aus Fotobüchern kenne, Clarice Lispector zeigt mir noch eine ganz andere Stadt. Ich zitiere ganz willkürlich: „Ich habe kein einziges Mal geweint in Brasília. Dafür war kein Platz. – Das ist hier ein Strand ohne Meer. – In Brasília gibt es keinen Eingang und es gibt keinen Ausgang.“ Verwirrend? Sowieso. Anregend? Unbedingt. Zudem unterhaltsam und witzig: „In Brasília liegt Euphorie in der Luft. Ich sagte zu dem Fahrer des gelben Taxis: ‚Heute ist es wie an einem Montag, oder?‘ – ‚Hmm‘, antwortete er. Und das war alles, Ich wollte ihm so gerne sagen, dass ich im heissgeliebten Brasília gewesen bin. Aber er wollte es nicht wissen. Manchmal bin ich überflüssig.“

Fazit: Wem die eigenen Denkmuster fad geworden sind, sollte es mit der fantastischen Welt der Clarice Lispector versuchen.

Clarice Lispector
Aber es wird regnen
Sämtliche Erzählungen II
Penguin Verlag, München 2020

John Niven: Die F*ck-It-Liste

Amerika, 2026. Donald Trump hat zwei Amtszeiten durchregiert, Tochter Ivanka ist nun, zusammen mit Vizepräsident Hannity, an der Macht und konnte so ihren Vater, mittlerweile achtzig und zum vierten Mal verheiratet, vor Rikers Island bewahren, wo Jared, schliesslich musste jemand für die unzähligen Desaster bezahlen, jetzt schmort.

Frank Brill, ehemals Chef der Lokalzeitung, hat früher gesoffen, doch eines Tages davon abgelassen. Ohne Selbsthilfegruppe, er hatte einfach allmählich erkannt, was ihn seine Sauferei an Geld, an Energie, an Lebenszeit kostete – und aufgehört.

Im Alter von sechzig kriegt er die Diagnose: Krebs im Endstadium. Und so beschliesst er, sich an denen zu rächen, die er für die Tragödien in seinem Leben verantwortlich hält. Mit Pädophilen, Heiratsschwindlern, Waffenlobbyisten, Richtern und Cops kriegt er es in diesem rassistisch-rechtskonservativen Amerika zu tun, wo die brutale Gier regiert. Und wo Präsidentin Ivanka bei all denen, die sich als rechtschaffene Patrioten begreifen, im Verdacht steht ein liberaler Gutmensch zu sein. Und dann hatte sie doch auch einen Juden geheiratet …

Brills Rachetour beginnt mit einem pädophilen Coach, führt anschliessend zum schwulen Betrüger seiner Ex und landet dann beim Präsidenten der National Rifle Association (NRA), der gefordert hatte, Waffen sollten für alle Highschool-Schüler über sechzehn verpflichtend sein …. doch dann kommt ihm ein Redneck-Sheriff auf die Schliche … Doch ich will nicht vorgreifen, nur soviel soll sein: Der Finish ist spannend und überraschend.

Die F*ck-It-Liste erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, durchsetzt mit launigen Einsichten („Wenn man lang genug lebte, gab es irgendwann kaum noch etwas, das keine Erinnerungen weckte.“ / „Nur im Rückspiegel sah man sein Leben durch die rosarote Brille. Blickte man nach vorne, durch die Windschutzscheibe, dann waren da nur Panik und Chaos, weil alles viel zu schnell passierte.“), sondern liefert auch eine Amerika-Version, die in den Massenmedien nicht vorkommt und von der man fälschlicherweise geglaubt hat, es gäbe sie nicht.

John Niven ist ein begabter Erzähler, „Die F*ck-It-Liste“ gleichzeitig Rachethriller wie auch politische Satire und so recht eigentlich sehr nahe an der nordamerikanischen Realität der Schulmassaker und Waffenfanatiker, der primitiven Gewalt und der religiösen Bigotterie. Die politische Realität ist selten leicht zu ertragen, doch heutzutage immer weniger – und dieses Buch, ein sarkastischer und wütender Aufschrei gegen empathielose Egomanen, die sich irrigerweise für freiheitsliebend halten, macht dies deutlich.

Glänzend ist Niven die Schilderung nordamerikanischer Patrioten gelungen, die es schon unamerikanisch finden, auf die Frage am Drive-in, ob sie eine grosse Portion haben wollen, mit Nein zu antworten. Und die es geschafft haben, ein Albtraum-Amerika hinzukriegen, das sich für viele in nichts von einem Terror-Staat, in dem Polizeigewalt an der Tagesordnung ist, unterscheidet.

„Die F*ck-It-Liste“ ist eine tolle Satire. Und wie alle tollen Satiren ganz nah an einer Realität, die leider allzu vielen nicht unwillkommen wäre. In dieser gibt es Hunderte von Rückführungszentren für illegale Einwanderer, werden Konflikte vorwiegend mit der Waffe gelöst und veröffentlicht Donald Trump Jr. unter dem Titel „Immer noch am Drücker“ den dritten Teil seiner Memoiren.

Eine Welt, in welcher der Profit zum Gott erhoben worden ist, wundert einen eigentlich gar nichts mehr. Könnte man einen. Doch John Niven zeigt mit „Die F*ck-It-Liste“, dass es noch weit schlimmer kommen könnte als wir uns das gegenwärtig vorzustellen imstande sind.

John Niven
Die F*ck-It-Liste
Wilhelm Heyne Verlag, München 2020

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte