Michiko Kakutani: Der Tod der Wahrheit

Die 1955 in New Haven, Connecticut, geborene Michiko Kakutani war lange Jahre die von nicht wenigen gefürchtete Literaturkritikerin der New York Times, die speziell die Machos Philip Roth und Norman Mailer nicht ertrug. Wobei: Sie zitiert Philip Roth einige Male und durchaus zustimmend im vorliegenden Buch, das im amerikanischen Untertitel etwas anders als auf Deutsch heisst: „Notes on Falsehood in the Age of Trump“ – das ist nicht unwesentlich, denn vieles, was sie aufführt, nimmt Bezug auf den notorischen Lügner Trump.

Zuallererst: Es ist sehr gut geschrieben (und sehr gut übersetzt, von Sebastian Vogel) und es macht deutlich, dass der „Niedergang des rationalen Diskurses“ und der Abnahme der Wertschätzung des gesunden Menschenverstandes sowie der Fakten keineswegs mit Donald Trump begonnen hat (es ist nicht anzunehmen, dass dieser diese Einschätzung teilt). Und es zeigt auf, dass Chaos säen und das Bemühen um die Zerstörung des Staates auf Lenin (man erfährt übrigens auch Einiges über die heutige russische Propaganda) und die Nazis zurückgehen.

„Wir fahren schnell, und die Menschen wollen nicht sehen, was auf sie zukommt. Wir Wissenschaftler – wir sind die 9Scheinwerfer“, zitiert sie einen Doktoranden für Gletscherforschung, der in Grönland mit eigenen Augen gesehen hat, was der Klimawandel anrichtet. „Mundus vult decipi“, sagten die alten Römer, der Mensch will betrogen werden. Das ist nach wie vor so, denn wir ertragen die Wahrheit nicht. Offensichtlicher als heute war das nie, weshalb denn auch dieses Buch im Titel (Der Tod der Wahrheit) wie auch im Untertitel (Gedanken zur Kultur der Lüge) klar benennt, worum es heute geht. Nicht um Meinungsverschiedenheiten, sondern um die Weigerung, die Realität und unser Wissen über diese Realität zu akzeptieren.

Getrieben werden die Wahrheitslügner von Ignoranz und Egoismus. Zu behaupten, eine objektive Wahrheit gebe es nicht, ist leicht, den Gegenbeweis anzutreten ebenso – wäre alles nur Ansichtssache, gäbe es weder das Gravitationsgesetz noch den Tod. Und auch, dass Donald Trump ein ignoranter Egomane ist, gehört nicht zu den „fake news“, sondern ist eine objektive Wahrheit.

Michiko Kakutani verweist auf den Postmodernismus, den Narzissmus und den Aufstieg des Subjektivismus. „Mit dem Siegeszug der Subjektivität kam es zur Abwertung der objektiven Wahrheit: Meinung wurde gegenüber von Wissen bevorzugt, Gefühle gegenüber Tatsachen – eine Entwicklung, die sich im Aufstieg Trumps widerspiegelte und ihm Vorschub leistete.“ Diese Entwicklung begann Mitte des 20. Jahrhunderts, man denke an Norman Vincent Peales ‚The Power of Positive Thinking‘ oder das kalifornische Esalen Institute – die Idee von Selbstverantwortung des Individuums für sein Schicksal hat da zum Teil groteske Züge angenommen.

Wenn alles nur noch Meinung ist, verschwindet die objektive Realität. Und wenn Loyalität und Gruppenzugehörigkeit als wichtiger bewertet werden als Fakten, heisst das letztlich, dass man nicht bereit ist, das Leben zu akzeptieren wie es ist (unsicher und sich stetig wandelnd). Wunderbar, wie Michiko Kakutani, den postmodernen Theoretiker Jacques Derrida auf den Punkt bringt: „Indem er sich auf die möglichen Widersprüche und Mehrdeutigkeiten eines Textes konzentrierte (und seine Argumentation absichtlich in verworrener, hochtrabender Prosa formulierte), leistete er einem extremen Relativismus Vorschub, der in seinen Auswirkungen letztlich nihilistisch war: Alles konnte alles bedeuten; die Absicht eines Autors spielte keine Rolle, ja, man konnte sie eigentlich nicht einmal erkennen; so etwas wie eine offensichtliche oder dem gesunden Menschenverstand entsprechende Lesart konnte nicht existieren, weil alles eine unendliche Zahl von Bedeutungen hatte. Kurz gesagt, so etwas wie Wahrheit gab es nicht.“

Natürlich gibt es die Wahrheit, die Wahrheit der Geburt und des Todes, der Freude und der Schmerzen. Es ist das grosse Verdienst dieses Buches, sich an Fakten zu orientieren, den grösseren Zusammenhang zu liefern, vom gesunden Menschenverstand Gebrauch zu machen und die Dinge beim Namen zu nennen. Scharfsinnig und informativ!

Michiko Kakutani
Der Tod der Wahrheit
Gedanken zur Kultur der Lüge
Klett-Cotta, Stuttgart 2019

Monika Maron: Artur Lanz

Eine zufällige Begegnung veranlasst Charlotte Winter „darüber nachzudenken, warum Helden so in Verruf geraten und überhaupt nur noch als Helden, am besten Heldinnen des Alltags zu ehren seien, und ob mit den Helden auch die Sehnsucht nach ihnen verloren sei.“ Die Reaktionen aus ihrem Bekanntenkreis sind grösstenteils ablehnend bis höhnisch. Und ich, der ich Helden eigentlich nur im Hollywood-Universum verorte, frage mich, ob ich mir ein solches Buch wirklich antun will. Wäre es nicht Monika Maron gewesen, die diesen Roman geschrieben hat, hätte ich mich wohl nicht auf das Thema Helden eingelassen – und das wäre schade gewesen, denn es geht hier nicht um den Supermann, den ich im Kopf hatte, sondern um Grundhaltungen, die uns abhanden gekommen sind: Ehre, Anstand und Mut. Im klassischen Sinne, nicht als Floskeln.

Ist ein Wort wie Feigheit überhaupt noch in Gebrauch? Oder Ritterlichkeit? Artur Lanz ist auch eine höchst eigenständige Reflexion über unsere Zeit, zu der natürlich auch ein Frauentypus gehört, der sich leider wenig von dem Männertypus unterscheidet, der gegenwärtig das Sagen hat – weil wir Deppen (und Deppinnen) uns das gefallen lassen. Monika Maron zitiert Doris Lessing, die schon 2001 gesagt hat: „Es ist Zeit, dass wir uns fragen, wer eigentlich diese Frauen sind, die ständig die Männer abwerten. Die dümmsten, ungebildetsten und scheusslichsten Frauen können die herzlichsten, freundlichsten und intelligentesten Männer kritisieren, und niemand sagt etwas dagegen. Die Männer scheinen so eingeschüchtert zu sein, dass sie sich nicht wehren. Aber sie sollten es tun.“

Doch wovon handelt dieser Roman eigentlich? Von den Begegnungen der Charlotte Winter, die als Lektorin gearbeitet hat und jetzt im Alter kleinere Geschichten schreibt, mit Artur Lanz, einem Physiker, der sich nach Herzinfarkt und Scheidung fragt, wo er eigentlich falsch abgebogen ist. Sie erzählen einander von ihren Gedanken, die sich wesentlich darum drehen, wie man richtig leben soll – die einzige Frage, die ich für wirklich relevant halte.

Dabei kommt neben der in den Medien allgegenwärtigen politischen Korrektheit auch das Alter zur Sprache. Charlotte ist beim Nachdenken über den eigenen Lebensentwurf zum Schluss gekommen, dass man oft den Weg des geringsten Widerstandes geht, der jedoch unserem Temperament nicht entspricht. Eine Einsicht, bei der sich zu verweilen lohnt. Und sie stellt unter anderem fest, dass sich ihr Blick auf Männer „auf die Kategorien sympathisch oder unsympathisch, intelligent oder einfältig verengt hatte.“ Auch fragt sie sich bei der Lektüre von Fontanes Stechlin, „warum ich es nicht schaffte, die Zeitungen und überhaupt alle Überbringer täglicher Nachrichten zu meiden und stattdessen den Rest meines Lebens in so anregender wie beglückender literarischer Gesellschaft zu verbringen, zumal es im Verlauf der Ereignisse nicht das Geringste änderte, ob ich mich über den Gang der Welt erregte oder nicht, und ich wahrscheinlich nicht einmal mehr erfahren würde, wohin die Reise gegangen war.“

Übrigens: Es ist nicht nur das eigensinnige Denken, das mich ganz unbedingt für Monika Marons Schreiben einnimmt, es sind auch immer wieder so gelungene Formulierungen wie diese: „Nachdem ich Wein und Gläser auf den Tisch und Herr Barthel sich mit dem ersten Glas aus seiner Sprachlosigkeit befreit hatte …“ Oder diese: „… die Süchtigen sterben nicht aus, die wechseln nur die Droge.“

Artur Lanz ist kein Plädoyer fürs Heldentum, dafür ist Monika Maron viel zu differenziert. Es geht ihr um das Gefühl der Heldensehnsucht, was nicht meint, dass sie leibhaftige Helden vermisst (doch wenn ein solcher in Gestalt eines Bikers auftaucht, ist sie, obwohl verwundert, durchaus davon angetan), sondern dass die Sehnsucht nach Helden nicht ausgestorben ist. Nach echten Helden, nicht nach dem Pizzaservice namens „Lieferheld“.

Monika Maron
Artur Lanz
S. Fischer, Frankfurt am Main 2020

Mieko Kawakami: Brüste und Eier

Japan fasziniert mich seit meiner Jugend, hauptsächlich des Zen wegen. Seit ich vor eineinhalb Jahren selber für ein paar Wochen vor Ort war und während dieser Zeit Haruki Murakamis 1Q84 verschlang, bin ich Murakami-Fan. Wenn nun also Murakami Mieko Kawakamis Brüste und Eier in den Himmel lobt („So grossartig, dass es mir den Atem raubt“), kann man sich unschwer vorstellen, dass ich mich ausgesprochen erwartungsfroh an die Lektüre mache – und sofort mittendrin und höchst angetan bin, von dem, was ich da lese. „Tokyo Station. An der Sperre hielt ich angesichts der unglaublichen Menschenmassen, die wer weiss woher kamen und nach wer weiss wohin gingen, unwillkürlich inne.“ Genau darüber wunderte ich mich damals auch. Und wundere mich jetzt, dass eine Japanerin sich darüber genauso wundert.

Worum geht’s? Natsuko, 30, ist als junge Frau von Osaka nach Tokyo gekommen, um Schriftstellerin zu werden. Eines Tages erhält sie Besuch von ihrer älteren Schwester Makiko, 40, die als Hostess arbeitet, und deren pubertierender Midoriko, die seit ein halben Jahr zu Hause nicht mehr spricht (sie kommuniziert schriftlich), in der Schule hingegen schon. Makiko und Natsuko akzeptieren das – ziemlich unvorstellbar in einer westlichen Gesellschaft, wo wohl unverzüglich Psychiaterinnen und Psychologen in Anspruch genommen werden würden.

Makiko will sich die Brüste vergrössern lassen, ist anhand von Broschüren bestens informiert über die verschiedenen Möglichkeiten, sie ist von einer regelrechten Obsession befallen. Es ist nicht die einzige – in jüngeren Jahren konnte sie nicht aufhören, Eiswürfel zu zerbeissen. „Ich kann einfach nicht damit aufhören“, sagte sie knirschend, „dabei ist es so kalt, und müde bin ich auch.“

Midoriko, die sich ebenfalls über Brust-OPs kundig gemacht und dabei erfahren hat, dass Frauen mit Brust-OP dreimal so häufig Selbstmord begehen wie Frauen ohne, macht sich Sorgen um ihre Mutter. „Ob Mama das weiss? Wenn nicht, muss ich es ihr sagen.“ Glänzend auch, wie Mieko Kawakami das Verhältnis von Midoriko und ihrer Tante Natsuko beschreibt.

Soweit der erste Teil, der im Jahre 2008 spielt, der zweite umfasst die Jahre 2016-2019. Natsuko hat einen erfolgreichen Roman veröffentlicht und kann als Schriftstellerin leben. Sie freut sich darüber fragt sich aber auch, ob das jetzt schon alles gewesen sein soll. Mittlerweile 38 und alleinstehend, beschäftigt sie auch die Frage nach einem Kind. „Würde ich auch irgendwann ein Kind haben? Könnte ich, die ich weder einen Freund hatte noch einen begehrte, weder Sex wollte noch dazu in der Lage war, überhaupt eines haben?“ Sie macht sich kundig über Samenbanken, erzählt von einem Mann, der mittels Samenspende zur Welt gekommen war und jetzt auf der Suche nach seinem Vater ist, setzt sich intensiv mit den verschiedenen Aspekten der künstlichen Befruchtung auseinander.

Zu meinen Highlights in Brüste und Eier gehört der Besuch eines Chinarestaurants, vor allem der wunderbar witzigen Schilderung der hygienischen Zustände wegen. Natsuko beschreibt ganz einfach, was sie sieht – immer noch die überzeugendste Form der Kritik. Eine Spezialistin für Tropenmedizin ging mir dabei durch den Kopf, die mir einmal barsch beschied, in China sei überhaupt gar nichts hygienisch.

Ein weiteres Highlight ist die Schilderung einer Autorenlesung. „Er leierte seinen Text, von dem ich nur hier und da ein schwieriges Wort aufschnappen konnte, so herunter, dass ich den Eindruck eines in Schleifen vom Band abgespielten Sutras bekam und befürchtete, es würde gar nicht mehr aufhören.“Und immer wieder begeistert mich Mieko Kawakami Beobachtungsgabe und ihr feiner Humor: „Eine etwa sechzigjährig Frau, eine Strickmütze mit Ohrenschützern auf dem Kopf, kam wie ein Koffer auf dem Gepäckband die Rolltreppe hoch und ging an uns vorbei.“

Brüste und Eier ist ganz Vieles in Einem: Eine Geschichte von Familienverbundenheit, ein philosophischer Essay übers Kinderkriegen („Auf der ganzen Welt gibt es keinen Vater, keine Mutter, die vor der Geburt an ihr Kind gedacht haben.“), eine Auseinandersetzung mit dem Schreiben als Existenzform, eine Schilderung des Lebens am Existenzminimum sowie eine sehr spezielle Liebesgeschichte.

Fazit: Gescheit, subtil, humorvoll – rundum empfehlenswert.

Mieko Kawakami
Brüste und Eier
DuMont Buchverlag, Köln 2020

Thomas Espedal: Gehen

„Langsam wird mir klar: Du bist glücklich, weil du gehst.“ Und: „Je älter ich werde, desto mehr freue ich mich über das Leben. Ich habe immer grössere Angst vor dem Tod. Das erstaunt mich. Ich werde mit dem Alter nicht klüger, im Gegenteil …“.  Gleich zu Beginn dieses Buches stolpere ich über diese Sätze. Nicht, dass ich mich mit ihnen identifizieren würde/könnte, doch sie zeigen mir, wie unterschiedlich man die Welt wahrnehmen kann und dass meine eigene Sicht nichts mehr als eine Sicht ist – ein in diesem Moment eigenartig beruhigendes, ja, ein befreiendes Gefühl.

Doch weshalb verlässt ein Mann, der von sich sagt, dass er sich am Leben freut, seine Frau, sein Kind und sein Haus? Er mache sich auf den Weg zu sich selbst, lese ich auf dem Buchumschlag, und frage mich, ob das eine gute Idee ist. Was, wenn ihm dieses Selbst, sollte er es denn finden, nicht gefällt? Wie auch immer, er geht mit Rousseaus ‚Bekenntnissen‘ los, der unter anderem schrieb: „Das Gehen hat etwas, was meine Gedanken erregt und belebt; wenn ich mich nicht bewege, kann ich kaum denken, mein Körper muss gewissermassen in Schwung geraten, um auch meinen Geist zum Schwingen zu bringen.“

Einen ersten Anlauf macht er in Wales, einen zweiten in Süddeutschland, beide bricht er nach Kurzem ab, doch aufgeben will er nicht. „Jetzt aber weiss ich, dass es nicht im Handumdrehen getan ist, so zu leben, dass es nicht einfach ist, ein Wandersmann zu werden. Es erfordert Training und Mut, Gewöhnung und Zeit.“ Fortan übt er das Gehen in Norwegen, im zweiten Teil des Buches dann in Frankreich und Griechenland.Gehen oder Die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen handelt, wie der Titel suggeriert, nicht allein vom Unterwegssein dieses Wanderers (er ist definitiv kein Spaziergänger), sondern auch von den Leuten, die er trifft. Mit einem Mit-Wanderer unterhält er sich über Shakespeare, zu dem dieser eine dezidierte Meinung hat: „Das Theater ist reine Unterhaltung und nichts als ein Zeitvertreib. Das ist es doch, worüber uns die meisten Stücke Shakespeares etwas erzählen; dass unser Leben zu kurz und flüchtig ist, um es mit Missverständnissen und Schauspielen zu vergeuden.“

Kein Schreiben, das nicht in erster Linie Autobiografie wäre. „Ich habe immer anders leben wollen. auf gänzlich andere Art als von meiner Erziehung vorgesehen. Von Kindesbeinen an ein tiefsitzender Widerwillen dagegen, das zu tun, was mir gesagt wurde. Ich habe stets alles schwieriger für mich machen wollen. Nie leichter, nie einfacher, immer nur schwieriger, und immer wider unmöglich für mich selbst. Und wohin hat mich das gebracht?. Es hat mich an keine normalen Orte gebracht; ich habe nie eine Arbeit gehabt, es ist mir nie gelungen, mir ein Heim, eine Familie aufzubauen, ein festes Gehalt zu bekommen.“

Da Tomas Espedal anders lebt als die meisten, denkt er auch anders als die meisten. Und davon berichtet dieses Buch, das natürlich auch von anderen, die schreiben handelt, und uns von Walt Whitman erzählt, der sein eigenes Buch ‚Leaves of Grass‘ in drei verschiedenen Publikationen positiv besprochen hatte und in der Folge von Henry David Thoreau aufgesucht wurde, der zu seiner Überraschung einen ausgesprochen häuslichen Büromenschen antraf, der, so Espedal, „in meiner Vorstellung das gesündeste und kraftvollste aller Wandergedichte schreibt, den ‚Song of the Open Road'“ (der sich auch in diesem Buch findet).

Und auch vom Dichter Olav Nygard erzählt er, der ihm zu Bewusstsein bringt, „dass alles, wonach wir uns sehnen, hier ist, ganz gleich, wo wir sind, direkt vor unseren Augen.“ Eine Lektion, die er, der nach den idealen äusseren Umständen sucht, wie er weiss, besonders nötig hat und ironisch so kommentiert: „Jeden Tag sass ich am Schreibtisch, starrte in den Raum hinein und freute mich über seine Schönheit, die ich mühevoll aufgebaut hatte; es war ein perfektes Zimmer. Ein perfektes Arbeitszimmer. Ich schrieb nichts in diesem Zimmer.“

Leben als Selbsterforschung, zu der auch die Auseinandersetzung mit der Natur und den Ideen von anderen gehört, gelingt eindrücklicher, wenn man in die Welt rausgeht, denn es ist die körperliche Erfahrung, die einen lehrt, Teil der Welt zu sein.

Fazit: Spannend, überzeugend und anregend. 

Thomas Espedal
Gehen
oder Die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen
Matthes & Seitz, Berlin 2020

Denise Mina: Blut Salz Wasser

Der Mörder, den wir auf den ersten Seiten kennenlernen, gehöre zu den Figuren, mit denen wir zutiefst mitfühlen, schreibt ‚The Guardian‘ über Denise Minas ‚Blut Salz Wasser‘ und so bin ich gespannt, ob ich auch so empfinde (ich tue es) und frage mich gleichzeitig, weshalb das nicht gängiger ist, Täter in Kriminalromanen als normal empfindsame, mit Gedanken und Skrupeln behaftete Menschen darzustellen.

Die Geschichte spielt vor der Unabhängigkeitsabstimmung Schottlands im Herbst 2014. „Sie ahnte, dass McGrain wahrscheinlich gegen die Unabhängigkeit war, weil er ‚aus dem Süden‘ und ‚hier oben‘ statt ‚England‘ und ‚Schottland‘ sagte. Selbst in der Polizeitruppe hatte das Referendum eine Atmosphäre von wachsender Paranoia und Misstrauen geschaffen und sie alle darauf reduziert, die Mikrosignale der Kollegen überaufmerksam zu lesen.“

Denise Mina, geboren 1966, lebt in Glasgow und ist eine Menschenkennerin, der Leser (und die Leserin) erfahren viel vom Innenleben der Figuren, hauptsächlich von ihren Unsicherheiten und Zweifeln. Und sie verfügt über einen ausgeprägt gesellschaftskritischen Blick, der sich nicht in allgemeinen Sätzen zur Lage der Nation äussert, sondern konkret benennt, was benannt gehört.

„Morrow sass da, den Rücken an die Wand gelehnt, eine ruhige Beobachterin in einem Schneesturm von nasskalter Panik. Drei der bestbezahlten, mächtigsten Männer der Police Scotland waren einberufen worden. Schwere Geschütze. Wie um ihre Anwesenheit zu rechtfertigen, monologisierten sie der Reihe nach über Fehler, die andere vermeiden sollten. Dinge, vor denen sie sich hüten sollten. Mit dem, was jeder von ihnen an einem Tag verdiente, hätte man eine der ländlichen Polizeiwachen, die sie dichtmachten, eine Woche lang am Laufen halten können. Das Machtgefälle zwischen Morrow und den anderen im Raum war so steil, dass sie den Eindruck hatte, sie könnte hier in Unterhosen sitzen, und niemand würde es merken.“

Es geht um eine verschwundene Frau, Mord, Entführung, Drogen, eine aus Amerika zurückgekehrte Lehrerin, Geldwäsche, berufliche Rivalitäten und um vieles andere mehr. Doch vor allem geht es um ganz unterschiedliche Menschen, die versuchen mit ihrem Leben irgendwie klarzukommen. Denise Mina, mit der Vielfältigkeit des Daseins vetraut, zeichnet sie einfühlsam und realistisch. Und schreibt darüber hinaus Sätze, die mich schmunzeln machen. „Die meisten Familien werden durch Mythen zusammengehalten.“ „Niemand wusste, ob er Optimist war oder dumm.“

‚Blut Salz Wasser‘ vermittelt mir auch Eindrücke von Schottland, das ich nicht aus eigener Anschauung kenne, doch in Grundzügen nicht sehr verschieden von anderen Ländern scheint. In den Stadt ist man anonym, auf dem Land gehört man dazu, ob man will oder nicht. „Es gefiel ihm nicht, so genau zu wissen, wer er war. Es gefiel ihm nicht, dass andere Leute wussten, mit wem sie es zu tun hatten.“

‚Blut Salz Wasser‘ ist höchst clever gebaut. Gekonnt webt die Autorin die verschiedenen Lebenschicksale ineinander und versteht es hervorragend, die Spannung (vor allem gegen den Schluss hin) zunehmen zu lassen.

Gelungener Rhythmus, gute Sprache, stimmige Atmosphäre. Und eine aufschlussreiche Einführung in Schottisches und in die britische Klassengesellschaft. Es sei ein Roman, der einen regelrecht nötige, „gleichzeitig zu denken und zu fühlen“, so die Zeitung ‚The Scotsman‘, und das trifft es in der Tat recht gut. Zudem: ‚Blut Salz Wasser‘ ist auch eine Einladung zur Empathie.

PS: Die Übersetzung von Zoë Beck liest sich flüssig – sie wird im Klappentext als ‚literarische‘ Übersetzerin vorgestellt, weshalb man denn auch auf ein Wort wie ‚rüschig‘ stossen kann, das Nicht-Literaten wie mir unverständlich ist.

Denise Mina
Blut Salz Wasser
Ariadne 1230
Argument Verlag, Hamburg 2018

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte