Ewald Frie / Boris Nieswand: Keplerstrasse 2

Es sei gleich gesagt: Für mich sind Geisteswissenschaften keine Wissenschaften, auch wenn sie sich wissenschaftlicher Methoden bedienen; für mich sind wiederholbare Experimente kennzeichnend für Wissenschaft. Wieso lese ich also dieses Buch? Aus Neugierde – ich habe noch nie ein Werk gelesen, in dem mir ein Historiker und ein Soziologe ihre Arbeitsweise vorstellen. Dies ist mein Ausgangspunkt.

Hier nun ein paar Gedanken, die ich mir zu einigen Aspekten dieses Werks gemacht habe; für eine umfassende Würdigung fühle ich mich nicht kompetent, da ich klar impressionistisch angelegt bin – das Denken in Systemen ist mir fremd. Das höchst einleuchtend gegliederte Inhaltsverzeichnis gibt einen ausgezeichneten Überblick.

Keplerstrasse 2 ist ein überaus instruktives Dokument, das einen detailliert an den Gebräuchen und Gepflogenheiten an höheren Lehranstalten teilhaben lässt. Mich erinnerte vieles an meinen ehemaligen Tutor an der Universität Cardiff, der auf meine Frage, wie die Dinge an der Uni denn so stünden, meinte: „The usual back-stabbing and blood on the carpet.“ Klar doch, man tut das höflich.

In diesem Werk (wie an Unis generell) wird sehr eloquent und differenziert argumentiert, etwa über die Benotung (wobei zwischen der Leistungsbewertung von Doktorierenden, PostDocs und Teilprojektleitenden unterschieden wird), auch wenn am Ende – der Mensch ist so, auch der gescheite – , wie anderswo auch, die Vorlieben und Abneigungen regieren.

Begründen kann man bekanntlich alles und es gehört zu den Rätseln des Daseins, dass wir an die Kraft des Arguments glauben, und die hofieren, deren Argumente klarer, nachvollziehbarer und überzeugendes sind. His reply had that clarity, objectivity and reasonableness which is possible only to advisers who have completely missed the point.” (Robertson Davies: A Mixture of Frailties). Doch so ist eben unsere Welt. Und in dieser, der akademischen, bewegen sich die beiden Autoren wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Sie sind erfreulicherweise keineswegs rechthaberisch, lassen ganz unterschiedliche und sich gelegentlich widersprechende Auffassungen nebeneinander stehen.

Ewald Frie und Boris Nieswand sind Meister der Komplexitätsproduktion. Das gilt nicht nur fürs eigene Fach, sondern ganz besonders fürs Interdisziplinäre (zuerst schafft man Disziplinen, grenzt sich also in aufwendigster Art und Weise von den anderen ab, und bemüht sich dann um Verständigung), bei der man wegen der Spezialisierung keine gemeinsamen Kriterien hat und diese nun finden bzw. herstellen muss. Der Mensch muss eben etwas zu tun haben, muss beschäftigt sein, und so findet er denn auch mannigfaltige Beschäftigungen, deren Zweck sich zumeist in sich selbst erschöpft. Mich erinnerte arg vieles an Nigel Barleys Definition der Bürokratie als „an end in itself“.

„Die beiden Autoren dieses Buches folgten während der Arbeit am Text ihren Fachkulturen. Dies führte zu sehr unterschiedlichen Sprachformen.“ So störte sich etwa der Lektor des Verlages am Wort ‚Doktorierende‘, das ihm fremd war. Der Historiker teilte diese Auffassung, der Soziologe hingegen nicht, für den war das ein ganz normales Wort. „Auch eine Internetrecherche schaffte keine Klarheit. Einige universitäre Webpages und Webseiten für Gendersprache verwendeten das Wort. Auf Wikipedia fand sich der etwas verwirrende Hinweis, das ‚Doktorierende‘ in der Schweiz und in Liechtenstein gebräuchlich sei.“ Für mich als Schweizer ist eher verwirrend (und gleichzeitig erfreulich), dass die Gendersprache damit offenbar keine Mühe hat.

Keplerstrasse 2 gibt einen gut geschriebenen, überaus differenzierten Einblick ins akademische Schaffen der geisteswissenschaftlichen Abteilung, die sich dabei als Meisterin der Komplexitätsherstellung zeigt. Für mich ist es auch ein ernüchternder Einblick – meine hoffnungslos idealistische Vorstellung vom universitären Forschen ist dabei definitiv auf der Strecke geblieben. Andererseits: Gut, wenn einem die Illusionen abhanden kommen. Man nennt das auch Aufklärung.

Ewald Frie / Boris Nieswand
Keplerstrasse 2
Innenansichten geisteswissenschaftlicher Forschung
C.H. Beck, München 2024

Boston Teran: Gärten der Trauer

FBI-Agent John Lourdes, ein in Texas ansässiger mexikanische Staatsbürger, wird vom amerikanischen Aussenministerium nach Konstantinopel geschickt, um Informationen zu sammeln, die der Aussenpolitik der Vereinigten Staaten dienlich sein könnten. Insbesondere über die Lage der Armenier soll er sich kundig machen. Kurz nach seiner Ankunft wird er Zeuge eines Mordes an einem armenischen Schriftsteller.

Geschildert wird das in erfreulich unprätentiöser Sprache, inklusive gelegentlicher Sprachblüten („in ihren Stimmen glühte das Feuer“), auch vermag der Autor (es handelt sich um ein Pseudonym) das türkische Ambiente sehr gut zu vermitteln. Ich habe selber einmal für kurze Zeit in Istanbul, das damals Konstantinopel hiess, gearbeitet und spürte die Stadt und ihren Rhythmus sofort wieder.

Gärten der Trauer spielt zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Das Osmanische Reich in Gestalt der Jungtürken verübt Völkermord an den Armeniern. Das sehr informative Nachwort des Herausgebers Martin Compart erläutert den weiteren politischen Zusammenhang, bei dem es, wie so recht eigentlich immer, um sogenannte wirtschaftliche Interessen (sprich: die Ölfelder von Baku) geht. Konkreter bzw. weniger neutral und sachlich formuliert: Der Roman zeigt, dass der Mensch ein weitestgehend recht unerfreuliches Wesen ist, von Eigennutz und Gier angetrieben.

Besonders spannend fand ich die Geschichte nicht, erfreulich und witzig sind hingegen einige der Dialoge. „Ich würde Ihr Land gerne einmal kennenlernen“, sagte der Dragoman.“ „Wieso?“ „Die Kinofilme. Dort sieht man die Städte und ihre Menschen. Die Gebräuche. Die Hüte. Ich liebe die Hüte.“ Darüber hinaus ist dies ein Roman, der einen oft nachdenklich stimmt. Klar doch, ich rede von mir. „Der Priester schaute zu, wie das Wasser von seinen Händen tropfte. ‚Ich bin ein Versager – als Priester‘, sagte er. ‚In meiner ursprünglichen Berufung. Wenn wir doch wählen dürften, bei welchen Taten Gott uns zusieht. Was für Männer wir dereinst werden. Welche Himmel uns offenstehen. Vielleicht brauchen wir verlorene Paradiese als Entschuldigung.’“

John Lourdes erlebt die Dinge als ein von Aussen-Kommender. Und diesem fällt auf, was den Menschen vor Ort selten bewusst ist. „Obwohl er die Bedeutung dessen, was er am Kai mitangesehen hatte, nicht vollständig erfassen und bewerten konnte, ahnte John Lourdes, dass die brutale Unmenschlichkeit dieser Geschehnisse von einer ganz neuen Schändlichkeit zeugte, wie sie die Welt bislang nicht kannte. Und er spürte, dass man fortan auf dergleichen gefasst sein musste.“

Es ist diese Sicht von aussen („Auch hier galt offenbar, was John Lourdes aus dem amerikanischen Westen vertraut war: je ärmlicher eine Stadt, desto prächtiger das Gotteshaus.“), die diesen Roman wesentlich auszeichnet sowie die verblüffenden Parallelen zum Heute („von den brutalen wirtschaftlichen Interessen bis hin zu den Taktiken und Strategien des (Staats-)Terrorismus“), auf die Herausgeber Martin Compart hinweist.

Aufschlussreich ist auch dies: „Bis heute hat der türkische Staat diesen Völkermord nicht als Verbrechen anerkannt. Stattdessen agiert er offen, aber gebremst aggressiv gegenüber den Kurden, als würde er dieses Volk ebenfalls ‚irgendwie‘ auslöschen wollen. Dies ist bei aller Tragik umso ironischer, als die Kurden eine höchst unrühmliche Rolle als Handlanger des Osmanischen Reiches bei den Armenier-Massakern spielten.“

Boston Teran ist ein Pseudonym, das zu Spekulationen über die Identität des Autors geführt hat, Verbirgt sich dahinter vielleicht eine Frau oder etwa eine Gruppe aus Männern und Frauen? Man lese die Ausführungen des Herausgebers am Schluss des Buches, die sich durch gut informiertes Rätseln auszeichnen.

Boston Teran
Gärten der Trauer
Roman
Elsinor Verlag, Coesfeld 2024

Petra Reski: All’italiana!

Der Untertitel Wie ich versuchte, Italienerin zu werden lässt vermuten, dass Petra Reskis Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt war, obwohl sie sich jede erdenkliche Mühe gibt, und es irgendwie dann eben doch geklappt hat. „Es war mein Land, von Anfang an. Es ist ein fehlerhaftes Land, es sündigt, es ist perfide und manchmal sogar teuflisch. Dennoch liebe ich es. Das mag daran liegen, dass ich immer meine lebenslustige ostpreussische Familie gesucht habe, vermischt mit Teilen der melancholischen Schlesier. Und am Ende habe ich sie in Italien gefunden.“

Petra Reski hat Romanistik studiert und ist, wie ihr früh verstorbener Vater einst prophezeite, Auslandskorrespondentin geworden. Sie will verstehen, braucht Erklärungen, erwartet sich diese auch von der Politik, die in Italien allerdings von der Mafia häufig nicht zu unterscheiden ist. Ihre sizilianischen Schilderungen sind ungemein berührend, vielfältig informativ und aufwühlend. Und ihre Ausführungen zu Berlusconi machen klar, dass der Florida-Golfer keineswegs so einzigartig ist, wie dieser selbst und auch viele Journalisten offenbar glauben.

So abstrus einem Aussenstehenden die italienische Politik auch vorkommen mag, das italienische Wahlvolk verhält sich auch nicht viel anders als, sagen wir, das amerikanische, das auch in schöner Regelmässigkeit Gauner und Deppen, denen es immer nur um sich selber (und ihre Klientel) geht, als Regierung wählt. Die Italiener wissen, was sie tun. Warum sie es tun, ist egal, und auch wenn sie es wüssten, würde es keinen Unterschied machen. Das ist überall so.

Petra Reskis Mann ist Venezianer (und nur im Ausland Italiener) und erträgt es nur schwer von Festlandbewohnern regiert zu werden. Wenn seine Frau sich wieder einmal aufregt und fassungslos fragt, wie das denn um Himmels Willen nur möglich sei, “dass sich ganz Italien diesem Berlusconi in die Arme wirft, obwohl über ihn und seine Mafiamachenschaften alles bekannt ist“, antwortet er mit „Du bist hier in Italien!“ „Ja und? Was soll das denn heissen?, frage ich. Und er sagt: Niente. Das sagt er immer, wenn jemand zu begriffsstutzig ist, um die offensichtlichsten Zusammenhänge zu verstehe.“ Schön gesagt, doch ich vermute, dass Italiener Italien genauso wenig begreifen wie die Nicht-Italiener, weil man Italien und die Italiener schlicht nicht verstehen kann. Und so recht bedacht, gilt das für so ziemlich alle anderen Völker und Länder auch. Nur ist es anderswo oft weniger laut, lustig und so offensichtlich chaotisch.

Der grösste Teil dieses sehr gut geschriebenen Buches handelt von der Politik, ist aufklärend und geht sehr in die Details. Wer, wie ich, wenig Lust auf die eitlen Selbstdarsteller hat, die von der Macht und dem Rampenlicht nicht genug kriegen können, kommt allerdings nicht zu kurz, denn die Entdeckerfreude der Autorin erstreckt sich weit über die Politik hinaus. So erfährt man unter anderem auch höchst Aufschlussreiches darüber wie Journalismus funktioniert, bornierter Kollegenneid inklusive, oder das italienische Fernsehen … doch lesen Sie selbst, es lohnt sich!

Besonders erhellend sind Petra Reskis Ausführungen zur Sprache. „Das passato remoto macht mich fertig, der Konjunktiv erst recht, ich sage nur: congiuntivo trapassato. Im Italienischen gibt es Zeiten, die kann man sich als Deutsche gar nicht vorstellen, geschweige denn konjugieren.“ Die italienische Politik komme ihr ähnlich knifflig vor wie die diversen Vergangenheitsformen des Italienischen, konstatiert sie. Sehr schön, denn der Zusammenhang von Sprache und Mentalität wird oft übersehen.

„Komisches Land, dieses Italien, denke ich. Voller Widersprüche: Man spricht offen über schreckliche Skandale, und Zustände, die anderswo eine Revolution ausgelöst hätten, werden hier belacht. Man regt sich darüber auf, dass die Sozialisten klauen, und lacht, als ein Kabarettist aus dem Fernsehen eliminiert wird. Man lebt in einer der schönsten Landschaften der Welt und legt sich an einen verpesteten Strand. Und lacht auch darüber.“ Wer angesichts einer solchen Realität glaubt, Erziehung könne Wesentliches bewirken, irrt.

Petra Reskis Beobachtungen sind nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich. Und laden häufig zum Schmunzeln ein. „Ich habe mal beobachtet, wie Engländer in der Vaporettostation an der Rialtobrücke eine Schlange gebildet haben. Die Italiener haben das Prinzip gar nicht verstanden. Sie sind einfach an ihnen vorbeigegangen.“

Über ein anderes Land und deren Bewohner nachzudenken, führt auch unweigerlich zu Vergleichen mit dem, was einen geprägt hat. Mit anderen Worten: In der Fremde lernt man, vorausgesetzt, man ist bereit dazu, auch immer viel über sich selber. Und manchmal entdeckt man im vermeintlich Neuen, was schon immer in einem angelegt gewesen ist. All’Italiana! ist nicht zuletzt erfreulich selbst-reflektiv.

Dieses Buch beschreibt eine Faszination, ein Rätsel und das unweigerliche Sich-Immer-Mal-Wieder-An-Den-Kopf-Fassen, weil das doch Alles nicht wirklich sein kann. In diesem überaus gelungenen Mix vielfältiger Absurditäten und bewegender Momente stösst man auch auf ganz wunderbare Sätze, die Wesentliches auf den Punkt bringen. „Zu einer Zeit, als Venedig noch halbwegs eine Stadt ist und kein Freizeitpark …“. Im Spiegel liest sie: „Südlich von Florenz beginnt für die strengen nordischen Herrenmenschen schon Afrika, Rom liegt für sie fast im Urwald.“ Bessere Aufklärung geht eigentlich nicht.

All’Italiana! schliesst mit einem Kapitel über „Lukrez und das Ende des Obskurantismus“. Es ist so recht eigentlich mein Lieblingskapitel. Zum Einen, weil ich Lukrez‘ De rerum natura für einen der erhellendsten Texte überhaupt halte (eine grundlegend andere Sicht der Welt als die gemeinhin akzeptierten und uns benebelnden). Zum Andern dieser Ausführungen wegen, die von einer Lebensneugier zeugen, die nicht nur ihrem Mann, sondern auch Petra Reski selber eigen sind. „Der Venezianer kann eine Lupine nicht von einem Löwenzahn unterscheiden, er kennt nur Marmorsorten und weiss, wie man Tintenfische mit Licht und Kescher fängt, aber er hört Ivano aufmerksam zu, denn es gibt kaum etwas, was ihm mehr Achtung abringt als Menschen, die ihr Handwerk beherrschen.“

Fazit: Grandios! Engagierter, unterhaltsamer und treffender kann man Italien kaum schildern.

Petra Reski
All’italiana!
Wie ich versuchte, Italienerin zu werden
Droemer, München 2024

Iida Turpeinen: Das Wesen des Lebens

Im Jahre 1741 hat Kapitän-Kommandeur Vitus Bering von Peter dem Grossen den Auftrag erhalten, „einen Seeweg zu suchen, die Route von Asien nach Amerika zu kartieren“, so beginnt die Grosse Nordische Expedition im Nordmeer. Zu den Teilnehmern der Expedition gehört auch der Naturforscher und Theologe Georg Wilhelm Steller, ein eigensinniger Mann, auf dessen Hinweise und Anregungen die Offiziere jedoch ablehnend reagieren. Schon damals also: Auf den Wissenschaftler hört man nicht, viele der Matrosen sterben an kontaminiertem Wasser.

Sie landen nicht, wie der Kapitän sich einredet, in Kamtschatka, sondern in Sibirien. Seeotter nähern sich ihnen zutraulich, dann Polarfüchse. Die drei am wenigsten kranken Männer werden zur Erkundung ausgeschickt. Auf dem Meer zeigt sich ihnen eine Seekuh.

Iida Turpeinen schildert dies in einfacher, höchst anschaulicher Sprache – man wähnt sich vor Ort und mit dabei. Doch natürlich ist ihre Schilderung – wie jede historische Schilderung – Fiktion, auch wenn sie sich mit Nachweisbarem beschäftigt. So etwa, wenn sie von Professor Georges Cuvier, der in Paris das Museum für vergleichende Anatomie gegründet hat, schreibt. „Cuvier kichert vor sich hin, steht auf und lockert seine vom Sitzen steifen Schultern. Er möchte seine Freunde an dem Witz teilhaben lassen und beschliesst …“. Mit Verlaub, das ist reinste Phantasie. Das ist keineswegs kritisch gemeint, das will nur sagen, dass die Autorin uns an ihrer informierten Vorstellungswelt teilhaben lässt.

Das Wesen des Lebens ist in drei Teile gegliedert. 1741 entdeckt und beschreibt Georg Wilhelm Steller höchst detailliert die später nach ihm benannte Stellersche Seekuh; er hinterlässt Papiere und Pflanzen. Die von ihm im Ural zurückgelassenen Setzlinge gedeihen in der Folge im Garten von Carl von Linné. Viele Jahre später, 1859. stösst der finnische Gouverneur Johan Hampus Furuhjelm im damals russischen Alaska auf das Skelett einer Stellerschen Seekuh und lässt es nach Finnland bringen. Geschildert wird dies in der Art und Weise, in der geschichtliche Ereignisse häufig erzählt werden, und das meint, es wird so getan, als ob das Schicksal der Welt in der Verantwortung einzelner Personen liegen könnte. „Hampus Furuhjelm war verantwortlich für Russlands Kampfhandlungen im östlichen Sibirien. Er befehligte den Kriegshafen von Ajan, hatte die Soldaten und die Stadt im Griff …“. 1952 wird der Ornithologe John Grönvall damit beauftragt, das Skelett der Seekuh im Naturkundemuseum Helsinki für eine neue Ausstellung zu restaurieren.

Besonders anregend ist die Schilderung der Seereisen gelungen. So erfährt man nicht nur, dass die Ozeanüberquerung im 19. Jahrhundert eine Tortur war, sondern auch, dass die betuchten Gäste der von Hampus Furuhjelm pilotierten S.S. Magdalena ihre schmutzigen Kleider über Bord warfen, weil es billiger war, neue zu kaufen, als die getragenen waschen zu lassen. Auch lernt man, dass man einst von Cartagena nach Panama mit dem Zug fahren konnte.

Der für mich faszinierendste Teil dieses Romans handelt von der Zeichnerin Hilda Olson („Ein ruhiges und ernstes Kind, das bei Regen nicht über seine nassen Rockschösse gejammert hat, sondern dem Schöpfer dafür dankte, dass er für seine durstigen Pflanzen sorgte.“), die es gewohnt ist, ihre Skizzen von Tieren im Gelände anzufertigen und sie dann vergrössert darzustellen, während sie nun mit der Aufgabe betraut wird, das Tier, das sie vor sich hat, zu verkleinern. Man braucht einen guten Blick, um die subtilen Unterschiede zwischen den Arten erkennen und überdies ein spezielles Talent inklusive viel Übung, um sie zeichnerisch darstellen zu können.

Die Welt offenbart sich uns durch unsere Wahrnehmung. Und diese ist individuell nicht nur verschieden, sondern vermag uns auch anzuregen, die Blickrichtung zu ändern bzw. zu erweitern. „Die Arbeit führt Olson und von Nordmann nach Jekaterinoslaw und Simferopol, durch Serbien, Bulgarien, die Türkei, Moldawien und Odessa, aber sie konzentrieren sich nicht auf Städte und Kathedralen, sondern auf das, was sie zwischen Steinen und unter Blättern finden.“

Die Geschichte von Hilda Olson und Professor von Nordmann, der auf Tier- und Pflanzenwissenschaften spezialisiert ist, lohnt allein Das Wesen des Lebens – sie lässt uns eintauchen in eine Haltung zur Welt, die jedes Wesen als Geschöpf Gottes begreift. Wunderbar!

Iida Turpeinen
Das Wesen des Lebens
S. Fischer, Frankfurt am Main 2024

Margot Douaihy: Verbrannte Gnade

Dass man in Krimis viel über die Welt und besonders über die Menschen, die diese bevölkern, lernen kann, weiss jeder und jede. Nicht, weil Krimis die Wirklichkeit abbilden – die Protagonistin von Verbrannte Gnade, Schwester Holiday („Goldzahn nach einer Kneipenschlägerei, schwarzes Halstuch und Handschuhe zum Verdecken meiner Tattoos, schwarze Ansätze unter schlecht blondierten Haaren.“) kommt im wirklichen Leben schwerlich vor – , sondern wegen cleverer Einsichten („Beide bildeten sich ein, sie wären Handwerker, und hatten dabei zwei linke Hände. Aber wir erfinden uns neu, oder? Wir versuchen es immer wieder, weil Wandel Überleben ist, wie Jesus bewiesen und Moose mich gelehrt hat.“) und weil man keine politisch korrekten Überzeugungen haben muss und deswegen sagen kann, was Sache ist. Man lese etwa die Ausführungen zu New Orleans, einer mythischen und echten Stadt „So echt, wie eine Geschichte nur sein kann.“

Wie ihr Bruder Moose, Kampfsanitäter von Beruf, so ist auch Schwester Holiday queer. Sie bietet ihren Schülern „das Einzige, was im Leben zählte – Ehrlichkeit“ und ist gleichzeitig eine „richtig gute Detektivin“, was meint: „zu gleichen Teilen methodische Konzentrationsgabe und Impulsivität, gepaart mit der Geduld einer Jägerin und einem Geschmack für Femmes fatales.“ Als die Klosterschule Ziel eines Brandanschlags wird, beginnt sie zu ermitteln und stösst auf Indizien, die sie vermuten lassen, jemand wolle ihr etwas anhängen.

Sehr realistisch wird das Klosterleben geschildert. Da hält ein Pater eine bemerkenswert einfallslose Predigt, nörgelt eine Nonne andauernd, ist die Schwester Oberin gütig und verständnisvoll. Eine weitere Schwester ist „ein ehemaliger Hippie, mit von Natur aus glückseliger Miene, der streunende Katzen fütterte.“ Neid und Missgunst gibt es auch im Kloster; „… die Wege des Herrn sind unergründlich, oder so ähnlich.“

Margot Douaihy versteht es meisterhaft, ganz unterschiedliche Charaktere zu zeichnen. „Mit seinem dichten blonden Haar und seinem gedehnten Südstaatenakzent wirkte er seltsam vertraut, wie ein Ururgrossonkel, der den ganzen Tag im Schaukelstuhl sitzt und auf einen Fernseher mit verrauschtem Bild Baseball schaut.“ Besonders gelungen schildert sie das Innenleben von Schwester Holiday. „Du hast keine Ahnung, welche Schäden ich habe, dachte ich, behielt es aber für mich.“

Verbrannte Gnade ist ein ausgesprochen witziger Krimi, der wie alle guten Krimis viel über das soziale Klima Auskunft gibt. Dazu kommen smarte Ausführungen. „Die Leute betrachten Nonnen als namenlose Klone, eher als Sammelbegriff denn als Individuen. Was ironisch ist, weil Nonnen, denen sogenannte Luxusgüter wie Handys und soziale Medien versagt sind und die ein Leben voll Hingabe und Gebet verbringen, ein reiches Innenleben kultivieren. Einen echten inneren Dialog. Die meisten Mystikerinnen waren Nonnen. Beatrijs von Nazareth. Consolata Bretone. Schwester Helen Prejean ist mehr Kämpferin als die meisten selbsternannten Radikalen, die über den moralischen Bankrott von Einwegplastikstrohhalmen lamentieren. Nonnen knüpfen echte Verbindungen von Seele zu ewiger Seele. Was bleibt uns anderes übrig als auf schmerzliche Weise im Hier und Jetzt zu sein?“ Da mir die aufgeführten Nonnen kein Begriff waren, habe ich sie gegoogelt – es lohnt sich!

Von Neuem bricht im Kloster ein Brand aus, eine Schwester kommt zu Tode, wiederum gibt es ein Indiz, dass diese Brände Schwester Holiday angehängt werden sollen. Diese hadert mir Gott. „Wie konntest du das zulassen (…) Wenn du allmächtig bist, dann mach den Scheiss rückgängig.“ Das Vaterunser spricht sie selten, lieber bittet sie eine Frau, Maria, um Vergebung.

Was ich an diesem Krimi ganz besonders schätze, sind der Witz und die unverblümte Sprache, die sich unter anderem in den Dialogen zeigt. „So Auto zu fahren ist eine Sünde. Ich hasse es“, sagt sie nach einer halsbrecherischen Fahrt zur Lenkerin, die darauf antwortet: „Ich dachte, Nonnen sollten nachsichtig sein.“ Die Replik von Schwester Holiday ist preiswürdig: „Da bin ich nuanciert.“

Darüber hinaus ist Verbrannte Gnade mit viel gesundem Menschenverstand gesegnet. „Sie war eine gute Lehrerin, aber das hiess noch lange nicht, dass ihre Schüler auch gut lernten.“

Fazit: Lustig, clever, originell.

Margot Douaihy
Verbrannte Gnade
Blumenbar, Berlin 2024

Bernd Mattheus: CIORAN

Offenbar konnte sich der Verlag nicht entscheiden, ob es nun „Porträt eines rasenden Skeptikers“ (so steht es auf dem Umschlag) oder „Porträt eines radikalen Skeptikers“ (die Titelseite im Buch) heissen sollte; vielleicht haben die Verlagsleute aber ganz einfach nicht bemerkt, dass Umschlag und Titelseite nicht übereinstimmen, oder aber gehofft, es würde niemandem auffallen. Wie auch immer: Beides stimmt.

Düster, negativ, mit diesen beiden Begriffen bringe ich Cioran in Verbindung, dabei kenne ich den Mann so recht eigentlich nur dem Namen nach. Bernd Mattheus‘ überaus differenziertes und sehr persönliches Porträt zeigt mir dann einen Mann, der wie jeder andere Mann oder jede andere Frau auch, nicht wirklich zu fassen ist. Das meint unter anderem, dass seine öffentliche Wahrnehmung, in die er einige Anstrengung steckt, und sein Alltagsleben alles andere als deckungsgleich sind. „Cioran lacht gerne und häufig, während er peinlich darauf achtet, dass keine heiteren und gelösten Fotoporträts von ihm veröffentlicht werden.“

„Vom Missgeschick, geboren zu werden“ ist das erste Kapitel überschrieben. Dies zu konstatieren, bedeutet keineswegs, dem Selbstmord das Wort zu reden. „Gerade der Gedanke, dass ich mein Leben beenden kann, hilft mir, am Leben zu bleiben.“

Schreiben war ihm Therapie; was er zu Papier gebracht, hatte für ihn oft keine konkreten Folgen. Von der Philosophie wandte er sich enttäuscht ab, da „die eigentlichen Probleme sich dem Philosophen entziehen.“ Die einzigen Menschen, mit denen er sich wirklich verstanden habe, seien keine Schriftsteller gewesen, hätten kein Werk hinterlassen, schreibt er einmal. Ob diese Menschen sich allerdings mit ihm verstanden haben, wissen wir nicht.

Der Mensch in seinem Widerspruch trifft auch auf Cioran zu, der sich als junger Mann für Hitler begeisterte, um sich in späteren Jahren heftigst dafür zu schelten. Über Heidegger notierte er: „Er ist ein Manipulator sondergleichen; sein Verbalgenie ist aussergewöhnlich (… ) Ich hatte den Eindruck, man wolle mich täuschen mit all den Worten.“

Antisemitische Tiraden, seine tiefe Verachtung für die Soziologie, sein Alptraum, es könnte in jedem Quartier eine Moschee geben – er scheint, wie wir alle, definitiv „mehrere Personen in einer zu sein“. Dazu kommt, und das ist nun gar nicht bei allen so, dass seine spätere Sicht auf frühere Werke radikal selbstkritisch gewesen ist.

Zu den vielen höchst aufschlussreichen Details, die Bernd Mattheus aufführt, gehört auch, dass der 16jährige Cioran sich in ein 15jähriges Mädchen aus Sibiu verguckt, sich jedoch nicht traut, sie anzusprechen. Als er zwei Jahre später das Mädchen mit einem ihm unsympathischen Klassenkameraden zusammen sieht, ist er am Boden zerstört. „Es war wie ein Erdbeben. Fünf oder sechs Jahre lang sprach ich nicht mehr mit Mädchen.“ Wie viele versucht er sein Verhalten nachträglich wenig überzeugend zu rationalisieren. Einer Kränkung durch die Mutter begegnet er hingegen ausgesprochen clever: „Was bin ich denn anderes als ein Glücksfall unter den unendlichen Wahrscheinlichkeiten nicht gewesen zu sein.“ Das sind wir so recht eigentlich alle und es ist ausgesprochen hilfreich, sich das ins Gedächtnis zu rufen.

Bernd Mattheus führt auch immer wieder die verschiedenen Autoren auf, die Cioran zu einer bestimmten Zeit seines Lebens gelesen hat. Und wem der Skeptiker, als den er sich versteht („Man kommt als Skeptiker zur Welt.“), begegnet ist. Zu diesen gehörte auch Jean Améry, der Suizid beging, und aus dessen autobiographische Aufzeichnungen deutlich wurde, „dass narzisstische Kränkung zur Selbsttötung führte.“ Unwillkürlich fragt man sich, inwiefern narzisstische Kränkung auch für Cioran wegweisend gewesen sein könnte.

Für Cioran ist der Skeptizismus eine Haltung, die in der Fähigkeit gründet, „alles Evidente in Frage zu stellen (…) Wir stellen schliesslich immer fest, dass nichts Bestand hat, dass alles unbegründet ist: der Skeptizismus oder die Oberherrschaft der Ironie.“ Was ihn allerdings nicht hindert, dafür Gründe vorzulegen, zu denen “eine grundlegende Langeweile gehört (…) Die ganze Welt bleibt mit Nichtigkeit geschlagen. Und nichts interessiert uns, nichts verdient unsere Aufmerksamkeit (…) Dieser Erfahrung wegen (…) konnte ich in meinem Leben nichts Ernsthaftes tun. Um aufrichtig zu sein: Ich habe intensiv gelebt, aber ohne mich in das Dasein integrieren zu können. Meine Randständigkeit ist nicht akzidentiell, sondern essentiell.“

Cioran ist keine der üblichen Biografien, sondern eine Auseinandersetzung mit Ciorans Leben und Denken, das alles andere als gradlinig und oft widersprüchlich ist – so wie wir so recht eigentlich alle sind. Was jedoch Emil Cioran von ganz vielen unterscheidet, ist seine Radikalität, ja, seine Unerbittlichkeit: Er guckt genau hin, darum bemüht, sich nichts vorzumachen. „Was heisst denken? Es ist ein Eingeständnis der Ohnmacht. Es heisst anerkennen, dass man sich ausserhalb der Welt befindet und ausserstande ist, auf sie einzuwirken …“. Gleichzeitig eröffnet sein Denken ihm eine Weltsicht, die wohl die meisten befremdet. „Man kann doch keinen Beruf haben, wenn man an den Tod denkt. Man kann nur so leben, wie ich gelebt habe. Am Rande von allem, als Parasit. Das Gefühl, das ich immer hatte, war das Gefühl der Unnötigkeit, der Ziellosigkeit.“

Mich hat dieses Buch fasziniert. Das liegt am Denken und der Sprache von Bernd Mattheus, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat. Und es liegt daran, dass Cioran ein Aussenseiter war, der nicht entlang ausgetretener Pfade lebte und dachte, sondern sich mit dem auseinandersetzte, was in ihm angelegt war und ihn ausmachte.

Bernd Mattheus
CIORAN
Porträt eines rasenden Skeptikers
Matthes & Seitz Berlin 2024

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