Es sei gleich gesagt: Für mich sind Geisteswissenschaften keine Wissenschaften, auch wenn sie sich wissenschaftlicher Methoden bedienen; für mich sind wiederholbare Experimente kennzeichnend für Wissenschaft. Wieso lese ich also dieses Buch? Aus Neugierde – ich habe noch nie ein Werk gelesen, in dem mir ein Historiker und ein Soziologe ihre Arbeitsweise vorstellen. Dies ist mein Ausgangspunkt.
Hier nun ein paar Gedanken, die ich mir zu einigen Aspekten dieses Werks gemacht habe; für eine umfassende Würdigung fühle ich mich nicht kompetent, da ich klar impressionistisch angelegt bin – das Denken in Systemen ist mir fremd. Das höchst einleuchtend gegliederte Inhaltsverzeichnis gibt einen ausgezeichneten Überblick.
Keplerstrasse 2 ist ein überaus instruktives Dokument, das einen detailliert an den Gebräuchen und Gepflogenheiten an höheren Lehranstalten teilhaben lässt. Mich erinnerte vieles an meinen ehemaligen Tutor an der Universität Cardiff, der auf meine Frage, wie die Dinge an der Uni denn so stünden, meinte: „The usual back-stabbing and blood on the carpet.“ Klar doch, man tut das höflich.
In diesem Werk (wie an Unis generell) wird sehr eloquent und differenziert argumentiert, etwa über die Benotung (wobei zwischen der Leistungsbewertung von Doktorierenden, PostDocs und Teilprojektleitenden unterschieden wird), auch wenn am Ende – der Mensch ist so, auch der gescheite – , wie anderswo auch, die Vorlieben und Abneigungen regieren.
Begründen kann man bekanntlich alles und es gehört zu den Rätseln des Daseins, dass wir an die Kraft des Arguments glauben, und die hofieren, deren Argumente klarer, nachvollziehbarer und überzeugendes sind. “His reply had that clarity, objectivity and reasonableness which is possible only to advisers who have completely missed the point.” (Robertson Davies: A Mixture of Frailties). Doch so ist eben unsere Welt. Und in dieser, der akademischen, bewegen sich die beiden Autoren wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Sie sind erfreulicherweise keineswegs rechthaberisch, lassen ganz unterschiedliche und sich gelegentlich widersprechende Auffassungen nebeneinander stehen.
Ewald Frie und Boris Nieswand sind Meister der Komplexitätsproduktion. Das gilt nicht nur fürs eigene Fach, sondern ganz besonders fürs Interdisziplinäre (zuerst schafft man Disziplinen, grenzt sich also in aufwendigster Art und Weise von den anderen ab, und bemüht sich dann um Verständigung), bei der man wegen der Spezialisierung keine gemeinsamen Kriterien hat und diese nun finden bzw. herstellen muss. Der Mensch muss eben etwas zu tun haben, muss beschäftigt sein, und so findet er denn auch mannigfaltige Beschäftigungen, deren Zweck sich zumeist in sich selbst erschöpft. Mich erinnerte arg vieles an Nigel Barleys Definition der Bürokratie als „an end in itself“.
„Die beiden Autoren dieses Buches folgten während der Arbeit am Text ihren Fachkulturen. Dies führte zu sehr unterschiedlichen Sprachformen.“ So störte sich etwa der Lektor des Verlages am Wort ‚Doktorierende‘, das ihm fremd war. Der Historiker teilte diese Auffassung, der Soziologe hingegen nicht, für den war das ein ganz normales Wort. „Auch eine Internetrecherche schaffte keine Klarheit. Einige universitäre Webpages und Webseiten für Gendersprache verwendeten das Wort. Auf Wikipedia fand sich der etwas verwirrende Hinweis, das ‚Doktorierende‘ in der Schweiz und in Liechtenstein gebräuchlich sei.“ Für mich als Schweizer ist eher verwirrend (und gleichzeitig erfreulich), dass die Gendersprache damit offenbar keine Mühe hat.
Keplerstrasse 2 gibt einen gut geschriebenen, überaus differenzierten Einblick ins akademische Schaffen der geisteswissenschaftlichen Abteilung, die sich dabei als Meisterin der Komplexitätsherstellung zeigt. Für mich ist es auch ein ernüchternder Einblick – meine hoffnungslos idealistische Vorstellung vom universitären Forschen ist dabei definitiv auf der Strecke geblieben. Andererseits: Gut, wenn einem die Illusionen abhanden kommen. Man nennt das auch Aufklärung.
Ewald Frie / Boris Nieswand
Keplerstrasse 2
Innenansichten geisteswissenschaftlicher Forschung
C.H. Beck, München 2024



