Alexej Nawalny: Patriot

Der Auftakt zu diesen Erinnerungen liest sich wie ein Thriller: Aufgrund einer Giftattacke versagen Alexej Nawalnys Sinne den Dienst, er legt sich auf den Flugzeugboden, halluziniert, und erlebt in der Folge eine langwierige Genesung, Das ist derart packend und eindringlich geschildert, man glaubt man sei vor Ort mit dabei.

Rückblende. Zu Alexej Nawalnys ersten Kindheitserinnerungen gehört der Reaktorunfall von Tschernobyl, mit dem die russische Regierung umgeht wie sie mit allem umgeht. Lügen, nichts als Lügen. „Es ist einfach die Regel: In einer unangenehmen Situation lügt man.“ Umsiedlungen waren die Folge; was das in der Praxis bedeutete, schildert er auch am Beispiel der eigenen Familie eindrücklich.

Die Schilderungen seiner Kindheit zeigen ein System, geprägt von Einschüchterung und Mangel, das propagandistisch verklärt wurde, obwohl die Bevölkerung die Glorifizierung der Vergangenheit durchschaute. Im Kopf, doch das Gefühl ging seinen eigenen Weg. Es gehöre zum russischen Nationalcharakter, so Nawalny, damit zu prahlen, die Entbehrungen und Mühen zu ertragen, obwohl diese leicht zu vermeiden gewesen wären. „Wir Russen sehnen uns nach einem normalen Leben, in dem vollen Bewusstsein, dass wir alle unsere bestehenden Probleme selber geschaffen haben. Da wir aber nicht zugeben können, was für Narren wir sind suchen wir nach etwas, mit dem wir prahlen können, obwohl es eigentlich nichts gibt, worauf wir stolz sein können.“

Übrigens: Wer sich wundert, woher diese brutale Gewalt, mit der russische Militärs vorgehen, herkommt, wird unter anderem fündig beim Aufnahmeritual neuer Rekruten durch ältere Soldaten. Dieses institutionalisierte Mobbing wäre gemäss Nawalny nur zu bekämpfen, „indem man eine Armee schafft, in der Berufssoldaten und -soldatinnen ein Gehalt dafür bekommen, dass sie das Land verteidigen.“

Patriot erzählt auch die jüngere Geschichte Russland bzw. der Sowjetunion. So war Gorbatschow im Gegensatz zu seinen Vorgängern und Nachfolgern nicht habgierig, doch bei den Russen alles andere als populär, auch wegen seiner Anti-Alkohol-Kampagne, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Anzahl der Todesfälle durch Alkoholmissbrauch (in den 1970ern bis zu einem Drittel) einzudämmen. „Im ganzen Land drohten Betriebsleiter ihren Arbeitern mit der Entlassung, sollten sie bei Festlichkeiten Alkohol ausschenken, während sie selbst ungehindert weitertranken und über ihre eigenen Anordnungen tranken.“

Doch mit Gorbatschow kam auch Glasnost, die freie Meinungsäusserung, deren frühe Protagonisten im Fernsehen sich später zu Putinisten wandelten, das schnelle Geld war zu verlockend. Es ist dies ein Phänomen, dass auch im Westen zu beobachten war, wo die ehemaligen 68er zu staatstragenden Langweilern mutierten.

Was Patriot wesentlich ausmacht: Die klare, unbeirrte Haltung. Der Mut. Das Engagement. „Angesichts der Realitäten in Russland vernachlässigten wir von Anfang an den leisetreterischen journalistischen Ansatz mit seinen endlosen Einschränkungen – „angeblich“, „möglicherweise“, „mutmasslich“ – , die juristische Berater zu lieben. Wir nannten einen Dieb einen Dieb, Korruption Korruption. Wenn jemand ein riesiges Anwesen besass, sagten wir das nicht nur, sondern filmten es auch mir Drohnen und zeigten den Besitz in all seiner Pracht. Ausserdem brachten wir seinen Wert in Erfahrung und glichen ihm mit dem bescheidenen Einkommen ab, das der Funktionär, dem es gehörte, offiziell angab.“ Chapeau! Von solch engagierter Aufklärung habe ich im „aufgeklärten“ Westen noch nie gehört.

Alexej Nawalny hält sich nicht für besonders mutig. „Aus blanker Wut, Verzweiflung und, paradoxerweise, vor allem Angst, gewinnt man den Mut, um entschlossen und ohne Rücksicht auf Verluste zu handeln.“ Das lernte er, als er sich während der Schulzeit einem älteren und grösseren Jungen, der ihm Geld abknöpfte, entgegenstellte. Dabei lernte er auch eine Lektion fürs Leben: „Es ist einfacher, eine mutige Handlung auszuführen, als mit ihren Folgen zu leben.“

Der Weg zur Uni in völlig überfüllten Bussen, die gestürmt werden müssen; die Drogenszene; die korrupte Immatrikulationsstelle; um Prüfungen zu bestehen, sind Schmiergelder erforderlich … Mein Bild von Russland konkretisiert sich. Doch die Aufklärung geht über Russland hinaus, ist auch immer mal wieder allgemeiner Art. So schreibt er in Bezug aufs Studieren: Die Gesetze der Physik ändern sich nicht bei einem neuen Präsidenten Russlands oder einem neuen Generalsekretär der Kommunistischen Partei, bei den Rechts- und den Wirtschaftswissenschaften hingegen schon.

Patriot ist fesselnd geschrieben, was bei politischen Büchern eher selten ist. Darüber hinaus (und das ist bei politischen Büchern noch seltener) macht es mich auch immer wieder lachen. Einerseits, weil die beschriebenen Zustände derart grotesk sind (wie etwas der Putschversuch der alten Generäle gegen Gorbatschow), andererseits wegen Vergleichen wie diesen: „Neben Janajew sass Innenminister Pugo, der Mann mit dem komischsten Haarschnitt der Welt, auf den ich später erstmals wieder in dem Film Dracula – Tot aber glücklich mit Leslie Nielsen in der Hauptrolle stossen sollte.“ In der Tat lassen die hier geschilderten Ereignisse oft an Leslie Nielsen-Filme denken.

Als er nach der Giftattacke aus dem Krankenhaus entlassen wird, kann er kaum laufen, seine Arme und Beine zitterten, er kann seine Bewegungen nur schwer koordinieren. Es folgen 5 Monate in der Reha. Die New York Times will wissen, ob er nach Moskau zurückkehren will. Er hält das für eine dumme Frage. „Man arbeitet zwanzig Jahre im grellen Licht der Öffentlichkeit, schreibt Hunderte Artikel, untermauert seine Worte täglich mit Taten, und sie denken immer noch, man hätte zu viel Angst um zurückzukehren.“

Was im Kreml abläuft, hält er für irrational. Ähnlich irrational gestaltet sich seine Rückkehr nach Moskau, die im Polizeigewahrsam endet. Die Absurdität des ganzen Ablaufs, von Nawalny detailliert festgehalten (keine Kritik überzeugt mehr als das simple Beschreiben dessen, was ist), ist schon fast jenseits des Vorstellbaren. Wäre da nicht die Gewalt, niemand würde das ernst nehmen.

Das russische System (wie übrigens jedes soziale System) findet immer Gründe, um nicht von den eigenen Privilegien zu lassen. Merken Sie sich, erinnere ich mich an die Worte eines Dozenten für Zivilrecht: „Das Schlimmste ist, nicht zu einem Entscheid zu kommen. Gründe dafür finden wir dann immer noch.“ Die Leute im Kreml sind die unangefochtenen Spitzenreiter in dieser Disziplin!

Nawalny mochte Putin von Anfang an nicht, weil der an die Macht kam „als Lohn für seine Loyalität und seine Bereitschaft, dem ehemaligen Präsidenten und dessen Familie Immunität zu gewähren.“ Zusammen mit seinen Mitstreitern engagiert er sich gegen Korruption, nimmt an Protestkundgebungen teil, wird verhaftet. Immer wieder. Einmal verurteilt, glaubt er fünf Jahren Gefängnis entgegenzusehen. „Man stellt sich vor, dass man in so einer Zelle die ganze Zeit hin und her läuft und sich nicht beruhigen kann – tatsächlich aber schläft man wie ein Baby. Vor der Urteilsverkündung ist man unruhig, aber worüber soll man sich Sorgen machen, wenn sie einmal vorbei ist?“ Es sind solche Sätze, die mich die Welt neu sehen lassen.

Er macht Wahlkampf für die aussersystemische Opposition, bei deren Veranstaltungen auch agents provocateurs vorbeischauen, sieht sich mit absurden Anschuldigungen konfrontiert, wird physisch angegriffen. Dass er selber in Gefahr ist, will er zunächst nicht wahrhaben. Doch nach der Ermordung von Boris Nemzow, des ehemaligen Stellvertretenden Ministerpräsidenten, konstatiert er: „Wir können nicht wissen, was als Nächstes geschieht. Es gibt einen Wahnsinnigen namens Wladimir Putin, der hin und wieder ein Zucken im Gehirn hat, einen Namen auf einen Zettel schreibt und befiehlt: ‚Bringt ihn um.'“

In seinem Schlusswort zum Yves-Rocher-Prozess sagt er: „Ich stehe vor Ihnen und bin bereit, so lange hier zu stehen, wie es dauert, Ihnen allen zu zeigen, dass ich diese Lügen nicht hinnehmen will und nicht hinnehmen werde. Das Ganze besteht buchstäblich aus nichts als Lügen vom Anfang bis zum Ende, verstehen Sie? (…) Warum nehmen Sie diese Lügen hin?“ So sehr dieses Buch Nawalnys Geschichte ist, es weist weit darüber hinaus und ist ein engagierter Aufruf, sich die Lügen der Politiker, weltweit, nicht gefallen zu lassen. Alexej Nawalnys Rückgrat und Zivilcourage sind selten und inspirierend.

Patriot ist auch eine sehr private Geschichte, in der Alexej Nawalny auch schildert, wie er seine Frau kennenlernte und die Geburt seiner Tochter Dascha ihn allmählich verwandelte, von einem eingefleischten Atheisten zu einem religiösen Menschen. „… wenn ich Dascha ansah und wie sie sich entwickelte, dann mochte ich mich nicht mehr mit dem Gedanken anfreunden, dass dies nur eine Frage der Biologie sei.“

Fazit: Enorm hilfreiche Aufklärung! Einzigartig, bewegend und überaus erhellend.

Alexej Nawalny
Patriot
Meine Geschichte
S. Fischer, Frankfurt am Main 2024

Elyse Friedman: Die Durchtriebenen

Alana hatte sich ihrem Vater Ed vor Jahrzehnten entfremdet, ihre beiden Brüder verachtet sie. Doch als der schwerreiche Vater ankündigt, sich mit seiner rund fünfzig Jahre jüngeren Pflegerin namens Kelly zu verheiraten, fürchten die Brüder um ihr Erbe und bitten Alana um Hilfe. Die Brüder machen ihr einen attraktiven Vorschlag, auf den sie allerdings nicht eingehen mag. Sie traut ihren Brüdern nicht.

Alana ist alleinerziehend und ausgelastet, hat einen schlecht bezahlten Teilzeitjob im Frauenhaus, und muss sich, mit Hilfe einer jungen Betreuerin, um ihre chronisch kranke Tochter kümmern. Dann gibt ihr SUV den Geist auf und sie benötigt dringend Geld; der Vorschlag der Brüder erscheint jetzt in einem andern Licht.

Sie fliegt zu einem Familientreffen, ist erstaunt den Vater, den sie als energisch und vital in Erinnerung hat, nach einem Schlaganfall derart pflegebedürftig zu erleben. Man tastet sich ab, trifft seine Einschätzungen, gibt sich freundlich. Es gelingt der Autorin ausgesprochen gut, diese etwas steife Atmosphäre einzufangen.

Die Brüder wollen, dass Kelly aus ihrem Leben verschwindet; federführend ist der jüngere Bruder Martin. Wie vorgesehen, macht Alana Kelly den von Martin ausgedachten Vorschlag. Kelly geht darauf ein, Martin ist zufrieden und zeigt jetzt gegenüber Alana sein wahres Kotzbrocken-Gesicht – man spürt, dass das alles so reibungslos nicht ablaufen wird (schliesslich befinden wir uns immer noch am Anfang des Buches).

Dass Kelly plötzlich verschwunden ist, irritiert und erzürnt den auf Rollator und Medikamente angewiesenen Ed. Doch dann kommt sie zur Verblüffung von allen zurück, mit Geschenken. Als das Frauenhaus, für das Alana arbeitet, kurz darauf eine Spende in Millionenhöhe erhält, ahnt man, dass noch mit weiteren Überraschungen zu rechnen sein wird.

Alana und ihre beiden Brüder, Martin und Teddy, die sie immer als Schleimer begriffen hatte, treffen sich zum Kriegsrat. Sie sind sich einig: Kelly muss weg. Teddy will damit bis nach der Hochzeit warten. Als Alana am nächsten Morgen sich zum Strand aufmacht, in der Hoffnung dort auf Kelly zu treffen, beobachtet sie Teddy und Kelly in einer verfänglichen Situation.

Dass jede Familie Geheimnisse hat, ist ein Gemeinplatz, doch die Geheimnisse dieser Familie haben es in sich. Die Enthüllungen sind überaus aufschlussreich. Nach und nach geht einem auf, warum die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander so sind, wie sie sind. Das ist spannend erzählt und nüchtern beobachtet. „Sie (Alanas Mutter) brauchte nur zwanzig Jahre, bis sie sich schliesslich zu Tode gesoffen hatte.“

Elyse Friedman ist eine Meisterin der Spannung. Kaum hat man sich von einem der Charaktere ein Bild gemacht, wird dieses auch bereits wieder über den Haufen geworfen. Gewissheiten gibt es in diesem Roman keine; nie weiss man so richtig, wen man wie einzuschätzen hat. Das ist wunderbar gekonnt gemacht.

„Familie ist gefährlich“ heisst der Untertitel. Keiner traut dem andern, aus gutem Grund. Nie weiss man, was kommt. Elyse Friedmann versteht es ausgezeichnet, die Geschichte von Überraschung zu Überraschung zu treiben, wobei lange im Unklaren bleibt, wer für all diese Überraschungen verantwortlich ist. Die Auflösung zum Schluss verblüfft, und erlaubt, die Geschichte noch einmal mit neuen Augen zu sehen.

Fazit: Packend, smart, reich an überraschenden Wendungen.

Elyse Friedman
Die Durchtriebenen
Familie ist gefährlich
Droemer, München 2024

Hiroko Ojamada: Das Loch

Ein junges Paar zieht von der Grossstadt aufs Land, neben das Haus der Schwiegereltern. Die junge Frau, Asa, gibt ihren schlecht bezahlten Job auf, und muss sich nun in diesem neuen Leben einrichten. Ihr Mann, Muneaki, arbeitet fast rund um die Uhr; sie selber hat alle Zeit der Welt, findet es plötzlich unvorstellbar, dass sie bis vor Kurzem noch den ganzen Tag gearbeitet hat, obwohl sie bereits bis Mittag alles erledigt hat, was es zu erledigen gilt. „Wer keine Termine mehr hat, keine Fristen, die eingehalten werden müssen, keine Meetings oder Gehaltstage, welche die Zeit Stunde um Stunde, Minute um Minuten strukturieren, dann scheint sie zwischen den Fingern zu zerrinnen, in einem Tempo, das einem unfassbar scheint.“

Als sie eines Tages von der Schwiegermutter gebeten wird, für sie Einzahlungen vorzunehmen, fällt sie auf dem Weg dorthin in ein Loch. Eine Frau, die sich als Nachbarin entpuppt und alles über sie zu wissen scheint, hilft ihr aus dem Loch heraus. Das Geld der Schwiegermutter reicht nicht aus für die Einzahlung, und so muss Asa von ihrem Gesparten dazugeben. Als sie dies der Schwiegermutter gegenüber erwähnt, entschuldigt diese sich, ersetzt ihr aber nur einen kleinen Teil von dem, das sie ausgegeben hat.

Spielt die Schwiegermutter ein abgekartetes Spiel? Bevor Asa ins Loch gefallen war, ist sie einem ihr unbekannten Tier, das Ähnlichkeiten mit einem Hund hatte, gefolgt. Auch ihr Mann, von dem sie nicht wirklich weisse, was er arbeitet, und der im Gegensatz zu früher immer erst sehr spät nach Hause kommt, weiss nicht, um was für ein Tier es sich handeln könnte. Das vielfältige Nicht-Wissen, das Hiroko Ojamada schildert, schafft eine eigenartig unheimliche Atmosphäre, die Das Loch stets in der Schwebe hält.

Auch sonst geschieht allerhand Eigenartiges in diesem Roman. So goss es in Strömen als Asa und Muneaki umzogen. Als es Wochen später wiederum in Strömen giesst, wässert der schwerhörige Grossvater, der im Nachbarhaus bei den Schwiegereltern lebt, mit einem Schlauch in der Hand den Garten.

Da klingelt es an der Türe. Frau Sera, die Nachbarin, die Asa aus dem Loch geholfen hat, und deren Schuhe wie auch deren Stofftasche trotz des strömenden Regens nicht nass sind, ist vorbei gekommen. Es ist zuerst nicht klar, was sie will, doch dann zeigt sich, dass es um nachbarliches Aushorchen geht. Und um das Andeuten von Familiengeheimnissen, Asa bleibt einigermassen ratlos zurück.

Dann trifft sie auf ihren Schwager, von dessen Existenz sie nichts wusste. „Warum wussten alle von mir, aber ich nichts von ihm.“ Der Schwager entpuppt sich als Sonderling, der nicht mit der Zeit gehen mag. Ganz im Gegensatz zu seinem Bruder und seinem Vater, die beide dasselbe Lebensmuster verfolgen

Das Loch handelt wesentlich davon, dass unsere Gewissheiten sich in Luft auflösen, sobald die Realität nicht mehr mit den Vorstellungen von ihr übereinstimmt. Die Realität, die Hiroko Ojamada schildert, ist sonderbar und für unsere gewohnte Denkweise unerklärlich.

Die üblichen Fragen scheinen die Autorin nicht zu beschäftigen: Was arbeitet eigentlich Asas Mann? Wie kommt es, dass er seit die beiden umgezogen sind, immer länger arbeitet? Ist der Grossvater dement? Was bewegt die Schwiegermutter, die keine Miete will, Asa bei den Einzahlungen übers Ohr zu hauen?

Stattdessen beschreibt Hiroko Ojamada das Ungewohnte wie etwa ein Tier, ohne es benennen geschweige denn zuordnen zu können, und zeigt uns damit eine Welt, von der wir selten etwas wissen wollen. Es ist eine eigenartige und faszinierende Welt, die die uns vertraute allzu vorhersehbar erscheinen lässt.

Fazit: Verwirrend, eindringlich und wunderbar seltsam.

Hiroko Ojamada
Das Loch
Roman
Rowohlt, Hamburg 2024

William Martin: Dezember 41

Dieser Thriller basiere auf einer wahren Begebenheit, lese ich, und so tauchen denn darin auch Charaktere wie John Huston, John Wayne, Marlene Dietrich sowie andere historische Gestalten auf. Gegliedert ist das Buch in drei Teile, der erste spielt in L.A., der dritte in Washington D.C., der zweite ist mit „Quer durch Amerika“ überschrieben und enthält unter anderem diese Sätze, die einem Amerika treffend vor Augen führt. „Sie blickte auf das gefrorene flache Land hinaus, das Herz Amerikas, Quell seiner Stärke, so drückten es zumindest die Schriftsteller aus. Es war eine Welt, die ihr so fremd erschien wie der Mond.“

Der deutsche Spion Martin Browning, ein Mann von kalter Skrupellosigkeit, plant in Los Angeles einen Anschlag auf den amerikanischen Präsidenten. „Martin dachte, dass Amerikaner oft die Ansicht vertraten, es sei ihre Stärke, dass bei ihnen viele Kulturen gediehen und sich miteinander vermischten. E pluribus unum. Aus vielen eines. Doch im stillen Kämmerlein oder wenn sie unaufgefordert ihre Meinung zum Besten gaben, vertraten sie gewöhnlich das Gegenteil.“ An anderer Stelle werden die Amerikaner so charakterisiert: „Die Leute mochten als anonyme Masse zur Arbeit trotten, doch wenn sie nach Hause kamen, fanden sie dort ihre persönliche Insel vor, die sich durch ein hübsches Spalier hier, ein apartes Mauerwerk dort oder eine rosa Haustüre, passend zur Farbe der im Garten blühenden Kamelien, auszeichnete.“

In L.A. gibt es etliche Nazi-Unruhestifter, das FBI ist hinter ihnen her. Dabei hatte es auch ein Auge auf das LAPD, bei dem es faschistische Sympathisanten und Antisemiten gab. Die Nationalgarde bereitet sich auf einen Angriff der Japaner vor. William Martin gelingt es ausgezeichnet, den Leser in die damalige Zeit zu versetzen, als der Flug von der West- zur Ostküste mit einer DC-3 von American Airlines 18 Flugstunden dauerte, mit drei Zwischenlandungen.

Martin Browning Auftrag ist es, Präsiden Roosevelt zu erschiessen. Er geht dabei sehr methodisch vor. Gewissenhaft bereitet er sich vor, jeden Tag übte er den Bewegungsablauf mit der Mauser C96. Obwohl man weiss, was er vorhat, vermindert dies die Spannung nicht. Eine bemerkenswerte Leistung. Weniger überzeugend sind die Charaktere, von denen man nicht erfährt, was sie antreibt. Woher zum Beispiel der Killer Martin Browning, der reihum Leute umbringt, die ihm gefährlich werden könnten, die Überzeugung für seinen Auftrag, Roosevelt tz erschiessen, hernimmt, wird nirgendwo erklärt.

Neben dem FBI-Agenten Frank Carter, der Martin Browning auf den Fersen ist, gehört auch Vivian Hopewell, die als Schauspielerin zu landen versucht (kein Wunder, bei diesem Namen!) und einen Agenten ganz wunderbar abfertigt. „Ihr Hosenstall steht offen. Machen Sie ihn zu, bevor ihre Seele zum Vorschein kommt.“ Zu den Figuren, die diesen Thriller bevölkern gehört auch Kevin Cusack. Er soll den Deutschen Bund in L.A. ausspionieren, doch dort ist er zumindest einem Mitglied verdächtig. Zur Tarnung beurteilt er Filmskripte für Hollywood. „Es ist real. Es passiert gerade vor deinen Augen. So mussten gute Geschichten funktionieren.“ Das beschreibt auch Dezember 41 treffend.

Dezember 41 bietet einerseits eine differenzierte und spannende Geschichtslektion und zeichnet sich andererseits durch eine ausgeprägte Beobachtungsgabe, insbesondere diejenige Martin Brownings, der seine Feinde mit scharfen und mitleidslosen Augen sieht. „Martin fand es ebenso komisch wie ermutigend, dass die Amerikaner keinerlei Sinn für das rechte Mass hatten.“ Oder: „Er wunderte sich oft, wie dieses Land angesichts der mangelhaften Qualität einiger seiner gewählten Führer so lange hate bestehen können. Aber vielleicht würde dieses ‚Demokratieexperiment‘ nicht mehr lange dauern.“ Am Rande: Länder bzw. Völker überleben nicht wegen, sondern trotz ihrer Führer.

Gekonnt werden die verschiedenen Geschichtsstränge zusammengeführt. William Martin in diesem Thriller auch deutlich, dass Spione weit aktiver sind als wir gemeinhin annehmen. Es wäre schon einiges gewonnen, wenn wir diesbezüglich etwas wacher durchs Leben gehen würden.

Dezember 41 ist nicht nur ein packender Thriller, sondern macht einem auch eindringlich bewusst, dass Sympathisanten diktatorischer und faschistischer Regime überall auf der Welt bereit sind, in den Kampf zu ziehen. Nicht allein ideologischer Gründe weg. „Sie spürte die Erregung, die Männer verspüren mussten, wenn sie in den Krieg zogen, ein seltsamer, geradezu sexueller Rausch angesichts der Möglichkeit von Gefahr, Tod und Erfüllung.“

Fazit: William Martin hat ein Händchen für Dramaturgie, weiss spannend zu erzählen und lässt eindrücklich eine vergangene Welt wieder aufleben, die sich von der unsrigen gar nicht so sehr unterscheidet, da das Wesen des Menschen verblüffend stabil geblieben ist.

William Martin
Dezember 41
Thriller
Hoffmann und Campe, Hamburg 2024

Jens Foell: Fakten sind auch nur Meinungen

Die Welt ist komplex, unsere Gewissheiten selten etwas anderes als Manifestationen unseres Denkens. Dieses unser Denken arbeitet mit Begriffen, auf die wir uns neuerdings nicht mehr verständigen können, was auch daran liegt, wie der Neuropsychologe Jens Foell ausführt, „die Grenze zwischen Fakten, Meinungen und Interpretationen oft schwer zu ziehen“ ist. Wie schwer sie zu ziehen ist, zeigt dieses Buch, das mit dem Konzept der ‚Fake News‘ beginnt, „mit dem unbequeme Fakten zu bestreitbaren und angreifbaren Meinungen herabgesetzt werden sollen.“ Das ist mir sowohl zu neutral als auch zu vage. So benutzt etwa der republikanische Bewerber um die amerikanische Präsidentschaft (seinen Namen zu nennen, wäre ihm zu viel Ehre angetan) den Begriff schlicht für alles, was ihm nicht passt. Mit anderen Worten: ‚Fake News‘ ist nichts anderes als Propaganda.

Doch ‚Fake News‘, die gibt es. Ob es den Versuch wert ist, sie zu definieren, ist fraglich. So recht eigentlich genügt es, sich die Leute anzusehen, die dauernd davon schwafeln. Dann weiss man, was man davon zu halten hat. Autor Jens Foell tut hingegen, was die meisten Akademiker tun: Er geht mit Verstand und Vernunft gegen einen Begriff vor, der von Leuten ins Spiel gebracht wird, die nicht an Argumenten interessiert sind.

„Wir brauchen ein ehrliches Gespräch darüber, warum es so schwierig, teils gar unmöglich ist, naturwissenschaftliche Fakten und Meinungen auseinanderzuhalten. Anders gesagt: Bevor wir uns auf gemeinsam akzeptierte Fakten einigen können, müssen wir uns zuerst darüber einig werden, wie man überhaupt an möglichst vertrauenswürdige Fakten herankommt.“ Ein idealistisch gesinnter Mann also! Schön wäre, es würde mehr davon geben.

Die Untertitel zu den einzelnen Kapitel machen deutlich, was Wissenschaftler stets im Auge behalten müssen. Hier ein paar Beispiele: 1) Wir übersehen Dinge, 2) Wir beobachten und erinnern schlecht, 3) Wir können nur messen, was wir haben, 4) Wir hinterfragen unsere Methoden nicht. Kurz und gut: Jens Foell erläutert an vielen, häufig politischen Ereignissen, wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert. Er tut dies einleuchtend, ist jedoch viel zu sehr Wissenschaftler, als dass er auch wirklich grundsätzlich werden würde.

Ich will das an einem ganz willkürlich ausgewählten Beispiel aufzeigen. Bei seiner Arbeit in der Hirnforschung ist Jens Foell auch mit der Psychopathie, der „Kombination aus Gefühllosigkeit und Impulsivität, die üblicherweise Serienkillern nachgesagt wird“, in Berührung gekommen. Wie, um Himmels Willen, will man bloss Gefühllosigkeit bzw. Impulsivität messen? Wie alle menschlichen Eigenschaften treten die doch nur in bestimmten Situationen auf, manchmal, aber nicht immer. Für mich sind das .recht willkürliche Zuschreibungen, die zwar alltagstauglich sind, doch mit Wissenschaft wenig zu tun haben. Dazu kommt: Aussagen über das Unbewusste sind so recht eigentlich nie etwas anderes als Rätselraten und geben bestenfalls Hinweise über unser Bewusstsein.

Nichtsdestotrotz ist Fakten sind auch nur Meinungen ein nützliches Buch, das so recht eigentlich eine Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten ist. So handelt ein Kapitel davon, wie man Studien richtig liest. Das ist sehr aufschlussreich und gut strukturiert; Studenten (und nicht nur die) werden froh über diese Aufklärung sein, die ihnen nicht zuletzt bei der Abfassung ihrer Seminararbeiten dienlich sein wird.

Mit „Wir mögen unwiderlegbare Annahmen“ unterstreicht Jens Foell unsere Tendenz, uns von grundlegenden Bedürfnissen leiten zu lassen. Zu diesen gehört die Sicherheit. Die wollen wir, obwohl wir wissen könnten, dass kennzeichnend für das Leben ist, dass es unsicher ist. Doch wir können uns eben viel vorstellen. Dazu gehört, dass die Welt eine perfekte Illusion ist, was wissenschaftlich nicht widerlegbar ist. Warum dem so ist, lesen sie in diesem höchst anregenden Buch.

Wissenschaft und die menschliche Natur, zu deren herausragendsten Charakteristika der Selbstbetrug gehört, gehen selten Hand in Hand, Auch weil die Wahrheit, von der die Wissenschaft geleitet ist, nur schwer mit den Wünschen und Hoffnungen vereinbar ist, die uns Menschen wesentlich ausmachen. Dazu kommt: Es ist schon schwierig genug, dass sich Wohlmeinende auf Fakten verständigen können; mit denen, die bewusst lügen und betrügen, ist es meines Erachtens ausgeschlossen..

Fazit: Ein differenziertes, engagiertes und überzeugendes Plädoyer für die Wissenschaft, das nicht zuletzt deswegen empfehlenswert ist, weil es auch die Grenzen der Wissenschaft aufzeigt.

Jens Foell
Fakten sind auch nur Meinungen
Wie wir wissenschaftlich zwischen Wahrheit und Wahrnehmung unterscheiden
Droemer, München 2024

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