Es gibt Bücher, die mich enttäuschen, obwohl ich sie gerne gelesen, sie mich bereichert haben und ich sie so recht eigentlich gut finde, ganz einfach, weil ich mir mehr und anderes erwartet habe. Vor allem Tiefgründigeres. Das hat mit meinem Bild von mir geschätzten Schriftstellern zu tun – und sowohl Coetzee als auch Auster gehören dazu.
Die beiden literarischen Schwergewichte sind in diesen Briefen sehr nett zueinander, erkundigen sich nach dem gegenseitigen Wohlbefinden und dem ihrer Frauen, wobei Paul Auster immer wieder seiner Bewunderung für seine Frau Siri Hustvedt Ausdruck gibt.
Sie schreiben über Freundschaft („Man kann Freunde haben, ohne sie sehen zu wollen, sagt Charles Lamb“), die Hochfinanz, Samuel Beckett (Coetzee: „Ich wäre ganz bestimmt nicht der Schriftsteller, der ich bin, wenn es Beckett nie gegeben hätte.“), Al Gore und George Bush, den Israel/Palästina-Konflikt und über Sport im Fernsehen. Und sie sind offenbar beide sehr oft in Flugzeugen unterwegs und an Literaturveranstaltungen zu Gast, wo es ihnen allerdings wenig zu behagen scheint, Fragen aus dem Publikum zu beantworten.
Einige Geschichten sind recht skurill.
Die von Philippe Petit zum Beispiel, dem Mann, „der 1974 zwischen den Türmen des World Trade Center auf einem Drahtseil herumspaziert ist“ und über den Paul Auster einen Essay geschrieben hat, in dem auch Cyrus Vance, Aussenminister unter Jimmy Carter vorkommt, der bei einem von Petits Auftritten zugegen war. Petit beharrt darauf, dass Auster Vance aus dem Text streicht, er wolle keine Politiker im Vorwort zu seinem Buch. Auster weigert sich und zieht sein Vorwort zurück.
Oder die Geschichte von Charlton Heston, dem Paul Auster innert kurzer Zeit dreimal begegnete, wobei zweimal an Orten, an denen man Schauspieler nicht vermuten würde – eine Tatsache, die John Coetzee zu meiner nicht geringen Verblüffung jedoch entgangen ist.
Der Austausch über die Finanzindustrie erstaunte mich ob ihrer Dürftigkeit. Und doch (oder vielleicht deswegen) ist er mir geblieben. Ende 2008 sei im Bereich der Hochfinanz etwas geschehen, schreibt Coetzee, was zur Folge hatte, dass einige finanziell ärmer sind als noch ein paar Monate zuvor. „Was also ist passiert, das uns ärmer gemacht hat? Die Antwort, die wir bekommen, ist, dass bestimmte Zahlen sich geändert haben. Bestimmte Zahlen, die sonst hoch waren, fielen plötzlich, und das hat zur Folge, dass wir ärmer sind. Aber die Zahlen 0, 1, 2 … 9 sind blosse Zeichen, nicht anders als die Buchstaben a, b, c, … z blosse Zeichen sind. Es konnten also nicht die fallenden Zahlen an und für sich sein, die uns ärmer gemacht haben. Das musste von etwas bewirkt worden sein, was die fallenden Zahlen anzeigten. Aber was genau war es, das durch die neuen, niedrigeren Zahlen angezeigt wurde und uns ärmer machte? Die Antwort ist: ein anderes Zahlenwerk. Die schuldigen Zahlen standen für andere Zahlen, und diese anderen Zahlen standen für wieder andere Zahlen, und so weiter.“
Genau so hätte John Coetzee auch die Welt der Literatur beschreiben können, denn auch sie besteht aus nichts anderem als Zuschreibungen. Und gründet letztlich auf der Bedeutung, die wir diesen beimessen. Warum die Literatur für mich einen grösseren Stellenwert hat als die Welt der Zahlen, vermag ich nicht wirklich zu sagen. Und nach der Lektüre der vorliegenden Briefe noch etwas weniger. Trotzdem: ich habe sie gerne gelesen. Auch, weil sie mich immer wieder auf Dinge aufmerksam machten, die mir bislang nicht eigentlich aufgefallen waren: dass es zum Beispiel kein Telefonbuch für Handy-Nummern gibt.
J. M. Coetzee / Paul Auster
Von Hier nach Da
Briefe 2008-2011
S. Fischer, Frankfurt am Main 2014




