Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen

Der Auftakt zu diesem Krimi könnte überzeugender nicht sein – von friedlich zu katastrophal, von einem Moment zum anderen: Der Protagonist der Geschichte, der Alkoholiker Shimamura, nimmt an einem sonnigen Samstagmorgen in einem Park mitten in Tokyo gerade ein paar Schlucke gegen das Zittern seiner Hände, als er von einem kleinen Mädchen angesprochen wird, das ihn wie einen Menschen behandelt und er sie. Kurz darauf versucht ihm ein junger Mann einen religiösen Flyer anzudrehen – auch diese Begegnung ist von schöner Menschlichkeit geprägt – , als plötzlich eine Bombe hochgeht, Tote und Menschenteile herumliegen, eine apokalyptische Szene sich Shimamuras Augen darbietet. Er versichert sich, dass das kleine Mädchen und der junge Mann heil geblieben sind … erst dann rennt er los …
 
Zurück in seiner Bar (die eigene Bar, der Traum jedes Alkoholikers!) wird er von Typen aus der Unterwelt heimgesucht und anschliessend von einer jungen Frau erwartet, die sich als Tochter einer Freundin aus seiner Studentenzeit entpuppt – wie nüchtern, intelligent und uneitel die beiden in der Folge miteinander umgehen, ist ein wahrer Genuss. In den 68er-Zeiten waren Shimamura und seine Freunde revolutionär unterwegs und deswegen den Behörden bekannt, weswegen der Bombenanschlag im Park, bei dem auch eine ehemalige Mitstreiterin, die Mutter der jungen Frau in der Bar, zu den Opfern gehörte, die Polizei auch auf seine Spur bringt.

Das Studium musste Shimamura danals wegen einer zufällig explodierenden Bombe, die einen Polizisten tötete, sausenlassen. In der Folge schlug er sich mit den unterschiedlichsten Jobs (als Fensterputzer, im Service etc.) durch. „Ich bereue nichts. Ich glaube, ich habe genau das Leben geführt, das zu mir passt.“
 
Was er in der Zeitung über die damalige Zeit liest, hat wenig damit zu tun, wie es wirklich gewesen war – die japanischen Medien unterscheiden sich diesbezüglich nicht von den Medien in anderen Ländern. Die Rede ist hier nicht etwa von „fake news“, sondern davon, dass die Berichterstattung der Medien und die Wirklichkeit sehr verschiedene Dinge sind, weltweit.
 
Shimamura, der nicht nur Alkoholiker, sondern auch Hotdog-Experte und Boxer ist, wird gejagt von der Yakuza und der Polizei. Er will auf eigene Faust die Urheber des Attentats eruieren und erhält dabei Unterstützung von Asai, einem Yakuza, der einstmals Polizist gewesen ist. Er sei damals von den Guten zu den Bösen gewechselt, sagt er und fügt hinzu: „Das war das einfachste, die Strukturen sind ähnlich.“
 
„Der Sonnenschirm des Terroristen“ erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern gibt auch Einblicke in ein modernes Japan, von dem die Feuilletons eher wenig berichten: Den Kartonhäusern der Obdachlosen, den weggeworfenen Lunchpaketen, den sich untereinander bekämpfenden Yakuza. Aufmerksam gemacht wird man auch darauf, dass nicht jedes japanische Kurzgedicht ein Haiku ist, sondern dass es auch Tanka gibt. Wer googlet, findet noch weitere Formen …
 
Mit „Der Sonnenschirm des Terroristen“ hat Iori Fujiwara einen Thriller geschrieben, der die Komplexität der Welt für einmal nicht auf Schwarz/Weiss beziehungsweise Gut/Böse reduziert – da wird kein Loblied auf die Polizei gesungen, doch wird ihr Professionalität attestiert; da gibt es Yakuza mit einem Gewissen genauso wie die, welche die eigene Schwester mit Crystal Meth versorgen; da werden Vertreter der Presse einerseits als Aasgeier und andererseits als der Aufklärung verpflichtete Investigativ-Journalisten geschildert.
 
Was dieses Buch sonst noch auszeichnet, sind witzige und lebenskluge Dialoge. Und natürlich auch dieser schlaue und wunderbar hilfreiche Satz, an den man nicht oft genug erinnert werden kann: „So ist das eben, das Leben ist kein Wunschkonzert.“

Iori Fujiwara
Der Sonnenschirm des Terroristen
Cass Verlag, Bad Berka 2017

Kristin Rübesamen: Ausser Atem

Inga, getrennt, Yogalehrerin, die auch Putzen geht, um zu überleben, wohnt in einem Viertel, „das in keinem Reiseführer der Stadt erwähnt wurde“ und ist in einem Alter, „in dem die Vorstellung von Normalität nichts Trostloses an sich hatte.“ Ihre volljährige Tochter Alma macht sich davon („Wie war es möglich, dass man als Eltern keine Rechte hatte? Nur weil das Kind volljährig war.“) und lässt die Aufforderung „Sucht nicht nach mir“ zurück.

Die Autorin Kristin Rübesamen ist selber Yogalehrerin, „unterrichtet seit über zwanzig Jahren die Spitzen der Gesellschaft wie in den sozialen Randzonen“, kennt sich also in verschiedenen Szenen aus und gibt einen ganz wunderbaren Einblick – witzig, nüchtern und sehr realistisch, wie es da so zu und her geht: auch hier triumphiert der Schein über das Sein, machen sich die Leute so viel vor wie schon die alten Römer, die wussten, dass die Welt betrogen werden will. „Obwohl Yogis ihr Milieu gern als klassenlose Gesellschaft darstellten, in der Arbeitslose neben Bankerinnen auf der Matte schwitzten, irrte sich, wer dachte, diese Welt sei egalitär. In der Theorie mochte es darum gehen, sich von allen möglichen fixen Ideen, auch der Vorstellung von einer Elite, zu befreien. In der Realität war das natürlich Unsinn.“

Ein Yoga-Guru wird tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden; Inga hilft Jack, einem Alkoholiker, bei einer Ausstellung („Es war erstaunlich, was für einen Idioten der Alkohol aus ihm gemacht hatte.“) und trifft in einem Supermarkt auf Almas Freundin Bonita, die auch den rätselhaften Satz äussert: „Sollte man Bipolaren nie geben: Kaffee und Alkohol.“ Verschiedenes steht nebeneinander und geht ineinander über – jede der geschilderten Realität ist interessant und es wert erzählt zu werden. Und vor allem, wenn es so gut gemacht wird wie in diesem Buch.

Die Polizei kann nicht helfen bei der Suche nach Alma und so tut Inga, was man heute eben so tut, wenn man etwas sucht – sie geht ins Internet. Und findet da natürlich ein Selbsthilfeforum, in dem auch ziemlich Wirres zum Besten gegeben wird. Inga besinnt sich auf sich selber und auf die Wichtigkeit der Bewegung. „Schon ein sanftes Schwingen der Arme, ein leichtes Kreisen des Beckens half, aus dem Meer von Angst, in dem alle trieben, aufzutauchen und den Kopf für einen Moment über Wasser zu halten.“

Ausser Atem überzeugt nicht nur wegen der ausgesprochen witzigen Schilderungen der Yoga-Szene (allein die Lebensgeschichte von Durga/Dunja, „eine fünfzigjährige Frau, verkleidet als Keith Richard“, lohnt dieses Buch), sondern auch der scharfsinnigen und kritischen Sicht des sich alternativ gebenden Zeitgeistes wegen. „Diese Leute hatten alle noch nie einen Finger für jemanden anderen gerührt, erwarteten aber stets, dass alles für sie getan wurde und vor allem bezahlt.“

So recht eigentlich liefert Ausser Atem  ein Sittengemälde der heutigen Zeit (inklusive einer gehörigen Portion Realsatire – auf dem Arbeitsamt werden ‘Gelassenheits-Gutscheine’ an Arbeitslose verteilt), in der die Protagonisten auch nicht viel anderes tun, als die Menschen früherer Zeiten getan haben – irgendwie überleben – , nur dass es damals eindeutig weniger chaotisch zu und her gegangen ist. Dabei erfährt man auch Einiges über das Leben in Berlin, wo Bananen offenbar unter Flugobst  figurieren und man afghanischen Jazz entdecken kann.

Der Mensch in seinen verschiedenen Manifestationen – sympathisch geschildert wird übrigens das Älterwerden – ist schon eine ziemlich absurde Erscheinung. Darüber hinaus liefert Ausser Atem  auch clevere Einsichten: „Inga blieb gerne bei der Sache. Die Monotonie, die es dem Atem erlaubte, über Körper und Geist zu triumphieren, war genau, was sie brauchte.“

Fazit: Unterhaltsam, smart und witzig.

Kristin Rübesamen
Ausser Atem
Blumenbar, Berlin 2019

Gerhard Roth: Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern

Dieses Buch erschien zuerst im Jahre 2007, erfuhr seither zahlreiche Neuauflagen und ist jetzt vollständig überarbeitet worden. Mit anderen Worten: Es ist ein Klassiker und solche werden, wie wir alle wissen, selten gelesen. In diesem Falle wäre das bedauerlich, denn nur schon die Kapitelüberschriften lassen erahnen, dass man hier umfassend informiert wird.

Die insgesamt 17 Kapitel  und 3 Exkurse befassen sich unter anderem mit den Bausteinen des Gehirns, der Verankerung der Persönlichkeit in diesem, dem Bewusstsein und dem Unbewussten, unterschiedlichen Aspekten der Neurobiologie sowie mit Fragen der Motivation, der Steuerung von Willenshandlungen und und und.

Hier will ich das Kapitel etwas näher  betrachten, das mir am nächsten steht. „Über die Möglichkeit, sich selbst zu verstehen und zu verändern.“ Es beginnt mit diesem höchst  wesentlichen Satz: „Die Frage ‚Wer bin ich?‘ ist zentral für unser westliches Denken, das man im Gegensatz zu vielen anderen Kulturen ich-zentriert  genannt hat.“ Fragt sich nur, ob es dieses Ich überhaupt gibt – für den Buddhismus und einige wenige Philosophen (David Hume etwa) jedenfalls nicht. Nun gut, Sokrates hat trotzdem für Selbsterkenntnis plädiert, Goethe von ihr abgeraten. 

Gerhard Roths Position ist diese: „Wir sind nicht ein Ich, sondern mehrere Iche, die irgendwie miteinander zusammenhängen (….) Wir sind uns letztlich selber undurchdringlich.  Das Ich kann sich nicht oder nicht gründlich, d.h. auf den Grund durchschauen.“ Feststellen können wir: Manchmal dominiert die körperliche Empfindung, ein andermal das denkende Ich, dann wieder das furchtsame – er herrscht ein ständiges Hin und Her, Rauf und Runter in unserem Bewusstsein.

Roth unterscheidet zwischen  dem Bewusstsein und dem Vorbewussten einerseits (das sind grösstenteils die gesellschaftlichen Konditionierungen, die wir jedoch als eigene  Überzeugungen ansehen) und dem Unbewussten andererseits, das per definitionem nicht erkannt werden kann. Das Vorbewusstsein entscheidet, welche Botschaften aus dem unbewussten Teil bewusst werden sollen und die wir dann als unsere  Gefühle, Wünsche, Gedanken, Motive und Ziele erleben. Das bewusste Ich glaubt – fälschlicherweise – diese Zustände selbst hervorgebracht zu haben. „Das ist die Illusion der Urheberschaft des bewussten Ich.“

Der Mensch, da nicht Herr im eigenen Haus, schätzt sich selten richtig ein. Nicht zuletzt ist er ein Meister der Selbsttäuschung. „The first principle“, sagte der Physiker Richard Feinman einmal, „is not to fool yourself. And you are the easiest person to fool.“ Was dagegen helfen kann ist genaues Hinschauen, nüchternes Betrachten sowie die Dinge aus Distanz einschätzen.

Obwohl wir keinen Zugang zu unserem Unbewussten haben (in uns ist viel mehr angelegt als wir wissen können, man denke etwa ans Temperament), ist es durchaus möglich, sich zu verändern. In Grenzen. Vorausgesetzt, man schafft es, sich selber zu motivieren. „Man kann es lernen, seine Impulse und seine Ungeduld zu zügeln, Durststrecken zu überstehen, sich selbst zurückzunehmen, selbstgenügsam zu werden, aber auch mehr Ehrgeiz, mehr Ordnung, mehr Pünktlichkeit zu entwickeln. Allerdings funktioniert all das nur, wenn die eigene Persönlichkeitsstruktur dies unterstützt. Die haben wir leider nicht in der Hand“, schreibt Gerhard Roth. 

Fazit: Ein überaus nützliches Werk.

Gerhard Roth
Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern
Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten
Klett-Cotta, Stuttgart 2019

James Frey: Das letzte Testament der Heiligen Schrift

Es gibt Bücher, von denen, kaum hat man die ersten Seiten gelesen, weiss, dass man sie ganz unbedingt weiter empfehlen will. Und James Freys ‚Das letzte Testament der Heiligen Schrift gehört‘ ganz klar dazu. Wie so recht eigentlich alle Bücher von James Frey, von dem Irvine Welsh zu Recht behauptet, er sei „einer der besten und wichtigsten Autoren unserer Zeit“.
 
Worum geht’s? Darum, dass Jesus zurückgekehrt ist. Und in New York auftaucht. Und dass dreizehn Zeugen die Geschichte seiner Wiederkehr erzählen. Und jeder natürlich wieder anders. Aus seiner (oder, ja klar, ihrer) Sicht eben.
 
So beginnt Maria Magdalenas Schilderung:
„Er war nichts Besonderes. Einfach ein Weisser. Ein stinknormaler Weisser. Braune Haare, braune Augen, normal gross und normal schwer. Genau wie die zehn oder zwanzig oder dreissig Millionen anderer weisser Typen in Amerika auch. Wie gesagt: nichts Besonderes.“
Hört man Maria Magdalena zu, kriegt man Einblicke in eine Realität, die man gerne ausblendet: „Meine Lehrer, die alle so taten, als würden sie sich voll um uns sorgen, obwohl sie eigentlich Schiss vor uns hatten und uns wie Tiere behandelten, waren Weisse.“ „Denn obwohl wir alle Schulabbrecher waren, wussten wir, wenn du hier wirklich raus wolltest, musstest du was lernen. Nur bekam das keiner von uns hin.“
 
Jesus, der in diesem Buch Ben heisst, wird auf einer Baustelle von einer drei mal drei Meter grossen und etwa halben Tonne schweren Fensterscheibe getroffen. „Wir sassen da und redeten, konnten nicht glauben, was passiert war. Es war furchtbar. Ein paar Journalisten kamen und versuchten, uns zu interviewen. Niemand sagte ein Wort. Wir wussten, dass sie ohnehin schreiben würden, was sie wollten, ohne Rücksicht auf ihre sogenannten Moralvorstellungen und ihren angeblichen Glauben an die Wahrheit.“
 
Ben landet im Krankenhaus, wird zusammengeflickt, verschwindet dann wieder und taucht bei den New Yorker Tunnelbewohnern wieder auf, die der moderne Matthäus wie folgt charakterisiert: „Manche sind einfach nicht für die Welt gemacht. Ertragen sie scheissenochmal nicht. Kommen nicht mit Mama und Papa zurecht, mit der Schule, die einem zwar nichts beibringt, und dem Scheissjob mit gottverschissenem Chef, der bla bla bla macht, und Rechnungen und Nachbarn und irgendeiner Kirche, die einen mit Kack vollsülzt, und einem prima Kredit bei der Bank und einer Hypothek und Heiraten und Kinderkriegen und irgendeinem Scheissrentenplan, bei dem man immer nur einzahlen muss und nie was zurückkriegt. Viele sind für sowas nicht gemacht.“
 
So recht eigentlich kann man aus diesem Buch eigentlich nur zitieren. Weil James Frey, wie bereits in seinen drei vorherigen Büchern, überzeugendst zu erzählen versteht. Und weil er wesentlich ist. Und weil er, was er zu sagen hat, ganz wunderbar clever sagt. Oder haben Sie etwa schon einmal so über Gott gelesen? „Gott existiert nicht so, wie die Leute auf diesem Planeten glauben, dass er existiert, als irgendso’n übermächtiger allwissender Wichser, den es interessiert, was hier auf der Erde passiert, und der unser Schicksal bestimmt, das ist alles Beschiss, aber es gibt Antworten, die wir nicht haben, Sachen, die wir nicht wissen, jenseits der kleinen Geister kleiner Menschen, die dumm genug sind zu denken, dass wir im gesamten Universum, unendlicher in Grösse und Energie und Dimension als der menschliche Verstand, weit und breit die Einzigen sind und dass der dumme kleine Scheiss, den wir machen und über den wir uns den Kopf zerbrechen, irgendwie wichtig ist.“
 
Von einem der Solches schreibt, lese ich alles. Ich bin schon jetzt gespannt auf sein nächstes Buch.

James Frey
Das letzte Testament der Heiligen Schrift
Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2012

Lee Child: Der Held

Der Untertitel dieses Essays heisst auf Deutsch „Wie Helden die Welt verändern, und warum wir sie heute mehr als je zuvor brauchen“; im englischen Original heisst er: „The enduring myth that makes us human“. Um es höflich zu sagen: Die deutsche Fassung ist eine sehr, sehr freie Übertragung, die einen zu falschen Schlüssen verleitet. Jedenfalls mich. Im Klartext: Von dem, was dieser Untertitel verheisst, habe ich in diesem Essay nichts gefunden, gar nichts. Im Gegenteil: „Ich habe keine Helden und erkenne keine an“, schreibt Lee Child.

Gefunden habe ich hingegen anderes und vor allem dies: dass sich Lee Child wirklich gute Fragen stellt. „Ich wüsste gern, wer alles als Erster versucht hat. Wer als Erster eine unbekannte Wurzel oder irgendeine Knolle ausgegraben und gedacht hat: Hey, wisst ihr was – vielleicht sollte ich das hier kochen und essen. Vor allem wüsste ich gern, wie viele bei diesen Versuchen gestorben sind. Unsere Spezies scheint in einem Ausmass ruhelos und neugierig zu sein, die fast verrückt wirkt.“

Auch über Sprache macht er sich Gedanken. Zusammen mit seiner Tochter, einer Linguistin. Sie wetteifern miteinander und meistens verliert er. Doch gelegentlich weiss er etwas, das sie nicht weiss. „Mein einziger Treffer in den letzten Jahren war der Ursprung des Wortes ‚Rivale‘. Aber ich war unfair im Vorteil: Ich habe einen Abschluss in Jura, hatte die Geschichte des Common Law in England studiert und wusste, dass die uralte Grundlage für alle Arten von Gefährdungshaftung fliessende Gewässer waren – wegen übermässiger Wasserentnahme stromaufwärts, Überflutung stromabwärts und so weiter. Daher Rivale, von dem lateinischen Wort rivalis – jemand, der um einen Fluss konkurriert.“

Wenig überraschend befasst sich der Schöpfer des Krimi-Helden Jack Reacher auch mit dem Geschichten-Erzählen. Bereits in ganz frühen Sagen dienten die darin geschilderten Persönlichkeiten oft als idealisierte Beispiele für wünschenswertes Verhalten.

Die ersten Heldensagen, die wir kennen, sind die Ilias und die Odyssee. „Mehr als jeder andere verkörperte Odysseus die lang anhaltende Mainstream-Vorstellung von einem ‚Helden‘ – ein Mann, der leidet, der erduldet, der eine lange und komplizierte Reise voller Unbilden und Gefahren überlebt und zuletzt mit intakter Ehre und Identität triumphiert.“ So wurde es von den Gelehrten des 19. Jahrhunderts kolportiert. Lee Child sieht die Dinge nüchterner. „Tatsächlich wurde Odysseus allein durch persönlichen Stolz, Hybris und Arroganz motiviert …“.

Der Mensch interessiert sich nur in Massen für die Wirklichkeit, lieber ist er in fiktiven Welten unterwegs. Was also vermag die Fiktion dem Menschen zu geben, was die Wirklichkeit nicht kann? „ … was sie im richtigen Leben nicht bekommen“, meint Lee Child und so ist denn der Volksheld in der Gestalt von Robin Hood „eine Person von Rang, irgendwie ausgestossen, die für eine gerechte Sache gegen Gesetze verstiess.“

Mittlerweile hat sich der Begriff des Helden gewandelt. Die herkömmlichen Voraussetzungen wie Wanderschaft und lange Kämpfe wurden über Bord geworfen; im Zeitalter der Massenmedien wird jeder als Held bezeichnet, der etwas Tapferes oder Gutes tat – „eine Auszeichnung, die das Establishment und seine Sprachrohre stets bereithielten.“ So werden heutzutage Soldaten von den politisch davon Profitierenden automatisch mit Helden gleichgesetzt und damit zum Tabu erklärt, „indem Kritik an militärischen Operationen und Verhaltensweisen heute effektiv verboten ist, vor allem in Amerika“

Lee Child braucht keinen Helden, ihm genügt „die Hauptperson eines populären Romans“, die die Menschen darin bestärkt, worin wir alle bestärkt werden müssen: „ermutigt, gestärkt, aufgerichtet und getröstet zu werden.“

Lee Child
Der Held
Blanvalet, München 2019

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