Eine junge Frau will vom Dach springen, Schaulustige johlen, die Polizei riegelt das Gebäude, lese ich auf dem Buchumschlag und meine Neugierde ist geweckt, denn ich erlebte selber einmal eine solche Situation. In Kapstadt war das, vor vielen Jahren. Ich weiss nicht mehr, ob ein Mann oder eine Frau hinunterspringen wollte, ich weiss auch nicht mehr, ob die Polizei den Sprung verhindern konnte, mir ist vor allem geblieben, wie die johlende Menge den Sprung forderte – und mein Glaube an die Menschheit war wieder einmal im Keller.
Sie habe sich gefragt, was solche Empathielosigkeit über unsere Gesellschaft aussage, sagte Simone Lappert in einem Fernseh-Interview. Es ist dies keine Frage, die mich beschäftigt – viele Menschen sind so, that’s it. Und warum sind sie so? Von Natur aus oder wegen des Systems? Natürlich wegen beider, doch bestimmt wird auch das nächstens noch wissenschaftlich geklärt werden, denn Studierte brauchen etwas zu tun.
„Der Sprung“ handelt wesentlich davon, wie Menschen, die mit Manu, der jungen Frau, mehr und weniger intensiv zu tun haben, aus ihren Alltagsroutinen fallen. Da ist etwa der in Manu verliebte Fahrradkurier Finn, der sich unter anderem darüber wundert, dass sie weiss, dass wir ein Drittel unserer Gene mit Tomaten gemeinsam haben. Der Polizist Felix, der nicht reden will; der Ladenbesitzer Werner, der nicht aufstehen mag; Winnie, die von ihren Klassenkameradinnen gemobbt wird. Und Egon, Theres, Werner, Maren und auch Manus Schwester Astrid, die gerade als Bürgermeisterin kandidiert und von deren Freundin Helga man erfährt, dass sie zu den Leuten gehöre, „die zwanghaft eine Fremdsprache benutzen zur Begrüssung oder Verabschiedung. Für sie gab es nur arrivederci, hasta la vista, ça va und tutto bene, sayonara, ciaociao und a dopo, ihre Nachrichten unterschrieb sie mit bisous, bacio oder kisskiss.“ Wunderbar!
Doch will Manu eigentlich Selbstmord machen? Das weiss man nicht, denn Manus Sicht der Dinge erfährt man nicht (beziehungsweise erst ganz am Schluss), ausser als Interpretation der anderen. Was man auch weiss, ist, wie Manu sich verhält: sie deckt das halbe Dach ab, wirft mit Ziegeln, schreit herum und bittet Finn ruhig um etwas zu trinken, als er von der Polizei zum Dach hoch geleitet wird. Ob Manu letztendlich springt oder nicht, soll hier nicht verraten werden, doch soviel darf sein: der Schluss ist überraschend
Das ist flüssig und differenziert geschildert und vermutlich Literatur, denn die Autorin studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und das, so bilde ich mir ein, merkt man dem Text an. Das meine ich nicht etwa kritisch, sondern in dem Sinne, dass man literarisch zu schreiben offenbar lernen kann. Das mag für viele banal sein, für mich war es niemals derart deutlich. Um allfälligen Missverständnissen vorzubeugen: Mir hat zugesagt, was ich gelesen habe.
Das liegt nicht nur an der gut erzählten Geschichte, sondern wesentlich an Beobachtungen wie etwa dieser: „… in den schicken Wohnungen waren einfach nur die Teppiche feiner, unter die der Dreck gekehrt wurde.“ Oder diese: „… niemals wäre ihm in den Sinn gekommen, den Lift zu nehmen, nichts gab ihm so sehr das Gefühl, ohnmächtig zu sein …“. Nur schade, dass der Satz dann leider so weiter geht: “wie in einem sterilen Gehäuse durch die Eingeweide eines Gebäudes zu ruckeln, ohne aus eigenem Körperantrieb voranzukommen.“ Für meinen Geschmack ist das überflüssig und bemüht originell.
„Der Sprung“ ist zudem witzig. Sehr schön, wie Simone Lappert den allgegenwärtigen Selbstverbesserungswahn aufs Korn nimmt. „Hannes war kurz nach acht ins Bett gegangen, weil er neuerdings schon um halb fünf aufstand. Angeblich trug das zu mehr Erfolg und besserer Gesundheit bei. Maren fand, dass die neue Schlafgewohnheit ihn vor allem muffeliger machte.“ Oder die Loslassen-Ideologie. „’Du musst lernen, den alten Krempel loszulassen‘, sagte Roswitha. ‚Und damit meine ich nicht den Feldstecher‘. Egon stellte den Feldstecher ab und schob mit der Fingerkuppe einen Tropfen Kondenswasser von der Karaffe auf die Tischplatte.“
Und dann gibt es auch immer mal wieder Sätze, die mir zu Bewusstsein bringen, worüber ich mich schon lange nicht mehr befasst habe. „Es gab Musik zum Teilen und Musik zum Alleinhören, so sah sie das, und er fand, dass sie damit recht hatte.“ Solcher Sätze wegen lese ich Bücher.
Simone Lappert
Der Sprung
Diogenes, Zürich 2019



