Simone Lappert: Der Sprung

Eine junge Frau will vom Dach springen, Schaulustige johlen, die Polizei riegelt das Gebäude, lese ich auf dem Buchumschlag und meine Neugierde ist geweckt, denn ich erlebte selber einmal eine solche Situation. In Kapstadt war das, vor vielen Jahren. Ich weiss nicht mehr, ob ein Mann oder eine Frau hinunterspringen wollte, ich weiss auch nicht mehr, ob die Polizei den Sprung verhindern konnte, mir ist vor allem geblieben, wie die johlende Menge den Sprung forderte – und mein Glaube an die Menschheit war wieder einmal im Keller.

Sie habe sich gefragt, was solche Empathielosigkeit über unsere Gesellschaft aussage, sagte Simone Lappert in einem Fernseh-Interview. Es ist dies keine Frage, die mich beschäftigt – viele Menschen sind so, that’s it. Und warum sind sie so? Von Natur aus oder wegen des Systems? Natürlich wegen beider, doch bestimmt wird auch das nächstens noch wissenschaftlich geklärt werden, denn Studierte brauchen etwas zu tun.

„Der Sprung“ handelt wesentlich davon, wie Menschen, die mit Manu, der jungen Frau, mehr und weniger intensiv zu tun haben, aus ihren Alltagsroutinen fallen. Da ist etwa der in Manu verliebte Fahrradkurier Finn, der sich unter anderem darüber wundert, dass sie weiss, dass wir ein Drittel unserer Gene mit Tomaten gemeinsam haben. Der Polizist Felix, der nicht reden will; der Ladenbesitzer Werner, der nicht aufstehen mag; Winnie, die von ihren Klassenkameradinnen gemobbt wird. Und Egon, Theres, Werner, Maren und auch Manus Schwester Astrid, die gerade als Bürgermeisterin kandidiert und von deren Freundin Helga man erfährt, dass sie zu den Leuten gehöre, „die zwanghaft eine Fremdsprache benutzen zur Begrüssung oder Verabschiedung. Für sie gab es nur arrivederci, hasta la vista, ça va und tutto bene, sayonara, ciaociao und a dopo, ihre Nachrichten unterschrieb sie mit bisous, bacio oder kisskiss.“ Wunderbar!

Doch will Manu eigentlich Selbstmord machen? Das weiss man nicht, denn Manus Sicht der Dinge erfährt man nicht (beziehungsweise erst ganz am Schluss), ausser als Interpretation der anderen. Was man auch weiss, ist, wie Manu sich verhält: sie deckt das halbe Dach ab, wirft mit Ziegeln, schreit herum und bittet Finn ruhig um etwas zu trinken, als er von der Polizei zum Dach hoch geleitet wird. Ob Manu letztendlich springt oder nicht, soll hier nicht verraten werden, doch soviel darf sein: der Schluss ist überraschend

Das ist flüssig und differenziert geschildert und vermutlich Literatur, denn die Autorin studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und das, so bilde ich mir ein, merkt man dem Text an. Das meine ich nicht etwa kritisch, sondern in dem Sinne, dass man literarisch zu schreiben offenbar lernen kann. Das mag für viele banal sein, für mich war es niemals derart deutlich. Um allfälligen Missverständnissen vorzubeugen: Mir hat zugesagt, was ich gelesen habe.

Das liegt nicht nur an der gut erzählten Geschichte, sondern wesentlich an Beobachtungen wie etwa dieser: „… in den schicken Wohnungen waren einfach nur die Teppiche feiner, unter die der Dreck gekehrt wurde.“ Oder diese: „… niemals wäre ihm in den Sinn gekommen, den Lift zu nehmen, nichts gab ihm so sehr das Gefühl, ohnmächtig zu sein …“. Nur schade, dass der Satz dann leider so weiter geht: “wie in einem sterilen Gehäuse durch die Eingeweide eines Gebäudes zu ruckeln, ohne aus eigenem Körperantrieb voranzukommen.“ Für meinen Geschmack ist das überflüssig und bemüht originell.

„Der Sprung“ ist zudem witzig. Sehr schön, wie Simone Lappert den allgegenwärtigen Selbstverbesserungswahn aufs Korn nimmt. „Hannes war kurz nach acht ins Bett gegangen, weil er neuerdings schon um halb fünf aufstand. Angeblich trug das zu mehr Erfolg und besserer Gesundheit bei. Maren fand, dass die neue Schlafgewohnheit ihn vor allem muffeliger machte.“ Oder die Loslassen-Ideologie. „’Du musst lernen, den alten Krempel loszulassen‘, sagte Roswitha. ‚Und damit meine ich nicht den Feldstecher‘. Egon stellte den Feldstecher ab und schob mit der Fingerkuppe einen Tropfen Kondenswasser von der Karaffe auf die Tischplatte.“

Und dann gibt es auch immer mal wieder Sätze, die mir zu Bewusstsein bringen, worüber ich mich schon lange nicht mehr befasst habe. „Es gab Musik zum Teilen und Musik zum Alleinhören, so sah sie das, und er fand, dass sie damit recht hatte.“ Solcher Sätze wegen lese ich Bücher.

Simone Lappert
Der Sprung
Diogenes, Zürich 2019

Janine di Giovanni: Die Geister, die uns folgen

Janine di Giovanni wurde in New Jersey geboren und arbeitet als Kriegsberichterstatterin, dieses Buch ist ein Liebesbrief an ihren Mann Bruno, mit dem sie heute nicht mehr zusammenlebt. Etwas befremdend fand ich deswegen, dass das Titelbild das Antlitz einer jungen Frau sowie die untere Gesichtshälfte eines jungen, bärtigen Mannes ziert – ich meine: Janine di Giovanni war über vierzig, als sie ihren Mann heiratete. Wenn sie, wie der Untertitel sagt, eine wahre Geschichte erzählt (und ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass sie das tut), bleibt unerfindlich, weshalb der Verlag den Umschlag nicht mit einem „wahren Bild“ hat ausstatten wollen.
 
In Sarajevo hatte Janine di Giovanni „die Liebe meines Lebens gefunden“. Die Liebesgeschichte mit dem französischen Kameramann Bruno Girodon dauerte von 1993 bis 2009, schreibt sie, doch so recht eigentlich dauert sie noch an, ist sie gar nie wirklich zu Ende gewesen.
„Die Geister, die uns folgen“ handelt einerseits von dieser Liebe („… eine ganz bestimmte Art von Liebe. Es geht darum um Schicksal, Bestimmung, Unterwerfung unter das Schicksal. Erlösung.“) und andererseits von der Faszination der Autorin für den Krieg. Sie erklärt nicht wirklich, was sie am Krieg so anzieht, doch sie beschreibt sehr überzeugend, wie es dabei zugeht. Überdies behauptet sie: „Angst vor dem Krieg hatte ich nicht, aber vor Cocktailpartys in London, vor New Yorker Büros und davor, mich um mein Bankkonto zu kümmern.“ Eine bemerkenswert beschränkte Art, die Welt zu sehen!
 
Was bewog Janine di Giovanni letztendlich, die ‚amour fou‘ mit Bruno Girodon zu beenden? „Als ich Bruno vor langer Zeit kennengelernt hatte, wusste ich, dass er wie Odysseus war. Er würde durch die Welt ziehen, sich aber immer nach zu Hause sehnen und seine Lieben vermissen. Doch als er dann in dem Zuhause angekommen war, das er brauchte und wollte, tappte er darin umher wie ein verletzter Tiger im Käfig. Er konnte nicht zur Ruhe kommen, man konnte ihn nicht zur Ruhe bringen. Er hatte es versucht, weil er mich und seinen Sohn so sehr liebte. Aber es hatte nicht funktioniert. Es brachte mich um. Und es brachte ihn um, es zu versuchen.“ Es versteht sich: Dies beschreibt nicht nur Bruno Girodon, es beschreibt auch Janine di Giovanni.
 
Nachdem sie zwei oder drei Jahre versucht hatte, ein normales Leben in Paris zu führen, erhält sie eines Tages einen Anruf von einer Ärztin aus dem Val-de-Grace, einem Militärkrankenhaus: „’Ich wollte Ihnen sagen, dass ihr Mann hier in der Klinik ist und ich ihn einige Wochen zur Beobachtung auf der Station behalten möchte‘. Als ich fragte, warum, sagte sie, ihrer Ansicht nach sei er erschöpft und selbstmordgefährdet.“ Bruno findet Hilfe bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA), Janine setzt sich mit Abhängigkeitsfragen auseinander. „Ich bemühte mich, die Beziehung eines Menschen zu Drogen, zu Alkohol oder irgendetwas anderem, das ihn in eine andere Welt versetzt – in Abhängigkeit – zu verstehen. Ich habe in meinem Leben schon alles Mögliche ausprobiert, aber nichts konnte mich süchtig machen.“ Mit der Zeit hatte sie den Eindruck, die AAs nähmen ihr ihren Mann weg. „Ich wusste, dass er dadurch trocken blieb, aber ich war mir nicht sicher, ob er nicht eine Sucht durch eine andere ersetzte, wie mir einmal jemand von den AA-Sitzungen gesagt hatte.“ Und wenn dem so wäre? Die eine Sucht bringt einen um, die andere hält einen am Leben. Zudem: Als ihr Sohn sechs Monate alt war, ging Janine wieder nach Bagdad und liess Luca bei seinem Vater und seiner Kinderfrau in Paris zurück. „Aus meinen Brüsten quoll noch Milch, und ich vermisste mein Kind mit einer Vehemenz, die mir unbegreiflich war.“ Sie fliegt zurück nach Paris. Und, nachdem einige Zeit verstrichen war, nach Afghanistan … Im Juli 2012 berichtete sie für den ‚Daily Beast‘ vom Krieg in Syrien. Für mich klingt das sehr nach Abhängigkeit von Kriegsgebieten. Nach Sucht. Und zwar keiner lebensbejahenden.

Diese „wahre Geschichte von Liebe und Krieg“ (der englische Originaltitel setzt den Akzent anders: „A Memoir of War and Love“) ist auch ein Buch über Kriegsberichterstattung. Über Kämpfe an der Elfenbeinküste berichtet sie: „Um sechs Uhr klingelte das Telefon, es war die Auslandsabteilung von CNN London. ‚Was ist dort unten los?‘, rief jemand durch die knisternde Leitung. ‚Es ist die Rede von einem Putsch, einem weiteren Krieg …‘ Ich ging ans Telefon und berichtete, dass wir nichts wussten, schilderte aber die Szenen in den Strassen, die Angst, die Orientierungslosigkeit, das Gefühl, das in der Luft lag, kurz bevor ein Land explodiert.“ À propos CNN: Mitfahrgelegenheiten in den gepanzerten Wagen der Fernsehjournalisten waren bei den übrigen Journalisten sehr begehrt. „Der Armeelaster von CNN war immer voll, und man sagte diesen Kollegen nach, sich um niemanden zu scheren als um sich selbst. Die Leute von der BBC hingegen waren grosszügiger …“.
 
„Die Geister, die uns folgen“ ist ein bewegendes, informatives, sehr persönliches und empfehlenswertes Buch (auch wenn die Passagen über die Schwangerschaft etwas arg lang geraten sind – Frauen werden das möglicherweise anders sehen), nicht zuletzt wegen Einsichten wie dieser: „Aber können wir denn jemals sehen, was wir in Wirklichkeit gar nicht sehen wollen?“

Janine di Giovanni
Die Geister, die uns folgen
Eine wahre Geschichte von Liebe und Krieg
Bloomsbury, Berlin 2012


 

Boris Johnson: 72 Jungfrauen

Boris Johnson, geboren 1964 in New York, studierte klassische Philologie, wurde Journalist und ist heute Bürgermeister von London. Das ist doch ein full time job, sagte ich mir, wie kann der da noch einen Krimi schreiben? Na ja, den hat er bereits 2005 geschrieben (auf Englisch, die hervorragende deutsche Übersetzung besorgte Juliane Zaubitzer), und das war vor seiner Zeit als Bürgermeister.
 
Die Rahmenhandlung geht so: Der amerikanische Präsident ist auf Staatsbesuch in Grossbritannien und soll vor erlauchtem Publikum in Westminster Hall eine Rede halten. Die Sicherheitsvorkehrungen könnten nicht umfassender sein und doch schafft es ein Quartett total unprofessioneller Selbstmordattentäter in die Westminster Hall und … von einem Thriller zu verraten, wovon er genau handelt, scheint mir irgendwie unangebracht und so will ich es denn auch lassen und dafür ein paar Aspekte hervorheben, die dieses Buch zu einem ganz besonderen Thriller machen. Da wäre zum Beispiel die Tatsache, dass ich immer mal wieder laut heraus lachen musste, und das ist bei einem spannenden Buch (und „72 Jungfrauen“ ist sehr spannend) nicht sehr oft der Fall. Genau genommen kann ich mich an keinen einzigen Thriller erinnern (und ich bin ein passionierter Leser dieses Genre), bei dem ich dermassen oft habe lachen müssen/dürfen.
 
Jeder gute Thriller ist immer weit mehr als ein „geistreicher Pageturner“ (Observer). „72 Jungfrauen“ (schwer, sich einen genialeren Titel für eine „Post-9/11-Farce“, so „GQ“, vorzustellen) erzählt unter anderem von den Erfahrungen der jungen Amerikanerin Cameron und ihren „schlaffen Begegnungen“ mit englischen Männern: „Einer war im kritischen Moment aus dem Zimmer geschlüpft und mit einem Pornovideo wiedergekommen, das er vor ihr abgelegt hatte wie ein eifriger Cockerspaniel“, charakterisiert Camerons Vater als „ein Alpha-Männchen, wie es im Buch steht. Er war so alpha, dass jede Prüfungskommission für gesteigerte Männlichkeit ihm eine Ehrenmedaille verliehen hätte“, berichtet von britischen Sozialprogrammen: „… im Rahmen eines Ausbildungsprogramms für Jugendliche namens Passport2Jobs. Passport2Jobs ermöglichte schwer vermittelbaren jungen Menschen in Grossbritannien, in den Lagerräumen jener Firmen, die bereit waren, die entsprechenden Fördermittel einzustreichen, in der Nase zu bohren und Pornozeitschriften zu lesen“, zeigt auf, wie Bürokraten ticken („… jeder Bürokrat weiss, was er zu tun hat, wenn sein Rivale einen Geistesblitz hat. Man zieht mit. Man lobt ihn. Und dann findet man heimlich einen Weg, ihn zu sabotieren, wobei man darauf achtet, sich rechtzeitig von ihm zu distanzieren.“) und bringt uns arabische Beleidigungen näher: „’Omak zanya fee erd.‘ Deine Mutter hat Ehebruch mit einem Affen begangen. ‚Wie bitte?‘ Eric strahlte. Er hatte beschlossen, die Polizei zu rufen. ‚Yen ‚aal deen ommak!‘ blaffte Jones. Verflucht sei der Hahn deiner Mutter, eine tödliche Beleidigung, jedenfalls für einen Araber.“
 
Was diesen Thriller ausserdem speziell macht, sind seine Nebenschauplätze. Etwa die Erinnerungen des Scharfschützen Jason Pickels (der auf Bildern immer „wie ein frisch elektrogeschockter Ochse dreinblickte“) an die Gräuel von Bagdad, oder die Einblicke in das Leben des Abgeordneten Roger Barlow („Für einen Mann wie Roger Barlow war die ganze Welt ein Witz, ein zufälliges Durcheinander kosmischer Zutaten“), oder die spezifische Atmosphäre bei Demonstrationen („Der anschwellende Lärm auf dem Platz kündete von der bevorstehenden Ankunft des Präsidenten, und die Menge geisselte sich mit Plakaten, die alles Amerikanische verurteilten, von Bomben bis Trockenmilchpulver, wie aufgebrachte Mullahs bei der Beerdigung eines Ayatollahs.“ „Kaum hatte sie das Ei geworfen, entschwand Sandra mit der Effizienz eines Bombenwerfers vom Balkan.“), oder darüber, wie die Medien Politiker fertig machen („Barlow war von dem irrwitzigen und heuchlerischen Muster abgewichen, das die Boulevardpresse für das Verhalten öffentlicher und halböffentlicher Personen vorsah. Er war erledigt.“).
 
Fazit: Grossartig! Ein toller Lesegenuss!

Boris Johnson
72 Jungfrauen
Haffmans & Tolkemitt, Brlin 2012

James Lee Burke: Neonregen

„Neonregen“ ist der erste Band der Dave-Robicheaux-Reihe. Es handelt sich um eine überarbeitete Neuausgabe des 1991 bei Ullstein auf Deutsch erschienenen und lange Zeit vergriffenen Titels, mit einem Vorwort des Autors sowie einem Nachwort von Alf Mayer.

Aus dem Vorwort erfahren wir, wie es überhaupt zur Dave-Robicheaux-Reihe gekommen ist. Mitten in James Lee Burkes Karriere gab es dreizehn Jahre, in denen die Verlage kein Interesse an seinen Texten zeigten, obwohl seine ersten drei Romane in New Yorker Verlagen erschienen waren und bereits der erste gute Kritiken erhalten hatte. „Innerhalb von neun Jahren wurde mein vierter Roman – sein Titel war ‚The Lost Get-Back Boogie‘ – von insgesamt 111 Verlagen abgelehnt.“ (Er wurde dann Jahre später veröffentlicht und für den Pulitzer-Preis nominiert – auch in Verlagen gibt es ignorante Langweiler).

Und so schuf er Dave Robicheaux. Und so recht eigentlich, denkt man sich so als Leser, ist es ja manchmal eine wirklich gute Sache, wenn einem die Dinge nicht so gelingen wie erhofft, denn mit Robicheaux vom New Orleans Police Department hat Burke einen Cop geschaffen, denn man nicht missen möchte. Und nicht etwa alleine deswegen, weil Robicheaux ein anständiger, selbstherrlicher und sehr menschlicher Cop ist (davon gibt es einige) oder weil einem in diesen Krimis der amerikanische Süden näher gebracht wird, sondern der grösseren Geschichte wegen, nämlich „Daves Abstieg in den alkoholischen Abgrund und sein allmählicher Ausstieg aus seiner sein Leben bestimmenden Sucht“, die in diesem und den beiden Folgebänden erzählt wird.

Worum geht’s? Robicheaux fischt eine junge schwarze Prostituierte aus dem Bayou, glaubt den Erklärungen (Selbstmord) des örtlichen Sheriffs nicht und ermittelt auf eigene Faust (zusammen mit seinem Freund Clete Purcel) weiter. Dabei stösst er auf erhebliche Widerstände, nicht zuletzt der Bundesbehörden. „Unsere Bundesbehörden sind da unten in ’ne Menge dunkler Sachen verwickelt, mein Bester, aber nicht jeder, der für die US-Regierung arbeitet, gehört auch zu ein und demselben Team.“ Es ist eine Geschichte um Waffenschmuggel, in der brutale Psychopathen weit mehr Einfluss haben als uns allen lieb sein kann. „Neonregen“ kreist wesentlich um die Frage, wie man in dieser verkommenen und gewalttätigen Welt, das Richtige erkennen und tun kann.

James Lee Burke erzählt spannend, doch das ist nicht der Grund, weshalb ich ihn schätze, sondern weil er ein Menschenkenner ist und viele schlaue Sachen von sich gibt. Das hat wesentlich damit zu tun, dass Alkoholiker, wenn sie trocken bleiben wollen, sich an der Realität orientieren müssen und sich nicht erlauben können, den ganzen Unsinn zu glauben, den Normalsterbliche für die Wahrheit halten. Wie etwa die Überzeugung, dass Robicheaux gesoffen habe, weil er durch die Gewalt in Vietnam traumatisiert worden sei, wie ein wohlmeinender Kritiker einmal geschrieben hat. Alkoholiker brauchen keinen Grund um zu saufen, Alkoholiker saufen, weil sie Alkoholiker sind.

„Die finsteren Gedanken, denen ich nachhing, beunruhigten mich. Meine Erfahrung als langjähriger Alkoholiker hatte mich gelehrt, meinem Unterbewusstsein nicht zu trauen, da es mich auf raffinierte Weise immer wieder in Situationen gebracht hatte, die für mich, für die Menschen um mich oder für alle Betroffenen oft genug katastrophale Folgen gehabt hatten.“

„Neonregen“ zeichnet sich nicht zuletzt durch gelungene Naturschilderungen aus. Im Übrigen schlafen und essen die Protagonisten regelmässig (das ist eher selten in Krimis) und erholen sich immer erstaunlich schnell von ihren schweren Verletzungen (das ist ziemlich gängig in Krimis).

Fazit: Höchst empfehlenswert!

James Lee Burke
Neonregen
Ein Dave-Robicheaux-Krimi
Pendragon, Bielefeld 2016

William Boyd: Solo

„James Bond träumte.“ Ein toller Satz, um einen James-Bond-Roman anzufangen, denn dass 007 träumen könnte, wäre mir in den Bond-Filmen gar nie in den Sinn gekommen. Und dass der Mann, während er auf das Frühstück wartet, raucht, finde ich auch deswegen so gelungen, weil es einen schönen Kontrapunkt setzt zum grassierenden Gesundheitswahn unseres Zeitgeistes.
 
007 feiert seinen 45. Geburtstag im Dorchester, wo er auf die schöne Bryce Fitzjohn trifft und zwar gleich mehrmals innert kurzer Zeit. „Was nach Zufall aussieht, ist höchstwahrscheinlich keiner“, lautet einer der wichtigsten Leitsätze seines Berufsstandes, doch Bond gefällt die selbstbewusste Frau und so lässt er sich von ihr einladen … doch da wird er zu M beordert.
 
Bond hat Halsschmerzen, als er bei M eintrifft.
„’Sie rauchen einfach zu viel‘, sagte M. Er setzte sich und hielt seine Pfeife hoch. ‚Versuchen Sie es mal damit. Hatte seit meiner Schulzeit nie wieder Halsschmerzen.‘
‚Danke für die Anregung, Sir‘, sagte Bond diplomatisch. Eher würde er ganz aufs Rauchen verzichten.“
 
Es sind unter anderem solche sehr englisch-witzigen Szenen, die William Boyds „Solo“ zu einem Lese-Vergnügen machen.
 
Im westafrikanischen Zanzarim wurden Ölvorkommen entdeckt, seitdem gibt es Bürgerkrieg, Bond soll ihn beenden. „Bond sollte sich irgendwie in Dahum einschleichen und den Brigadegeneral auf irgendeine Weise ‚lahmlegen‘ … Aus Ms Sicht mochten diese Instruktionen glasklar sein …“.
 
William Boyd präsentiert einen etwas anderen als den Film-007. Und das macht die Lektüre ganz besonders kurzweilig. „Bond bummelte zum zweiten Mal die Strasse in Bayswater hinunter und schloss sich an der Bushaltestelle einer langen Schlange von Wartenden an, um sich in aller Ruhe umzusehen.“ Und er geht ins Kino, wo er auf einem Plakat Bryce Fitzjohn wieder trifft, die unter dem Namen Astrid Ostergard in zweitklassigen Horrorfilmen auftritt.
 
Die Stationsleiterin in Zanzarim entpuppt sich als die junge, attraktive Efua Blessing Ogilvy-Grant, Tochter eines schottischen Ingenieurs und einer Dolmetscherin aus Zanzarim. Auch Boyds Bond ist übrigens gemischter Nationalität – seine Mutter ist Schweizerin.
 
Mit Blessing macht sich Bond auf nach Dahum. Als er sich auf der Fahrt erleichtern muss, gibt das Boyd, der in Ghana geboren wurde, die Gelegenheit, sich über Afrikanisches zu äussern. „Kaum hatte er ein paar vorsichtige Schritte in den Wald gemacht, geriet das Auto aus seinem Blickfeld. Die Luft war von Geräuschen erfüllt – Frösche, Vögel, Insekten – , und er fühlte sich plötzlich ungeheuer einsam, obwohl es um ihn herum vor Leben nur so wimmelte: Ameisenkolonnen zu seinen Füssen, ein Trio magentaroter Schmetterlinge, die einen Sonnenstrahl erkundeten, ein paar kreischende Vögel auf einem hohen Ast, eine Eidechse, die auf einem Stein Liegestütze machte. Und er als einziger Vertreter der Gattung Homo sapiens, der gerade seine Blase entleerte, war bloss einer von vielen Organismen in diesem wuselnden Urwald.“
 
Bond und Blessing werden von Soldaten aus Dahum gefangen und mitgenommen, doch bald darauf gelingt es ihnen zu fliehen. Kurz darauf kommt es zu einer Schiesserei und Bond findet sich in einem Geisterdorf wieder, kriegt es in der Folge mit einem Juju-Mann zu tun, und dann entpuppt sich die tot geglaubte Blessing als … das soll hier natürlich nicht verraten werden. Nur soviel: Bond wird für einmal auch in Amerika aktiv.
 
Das alles ist gut geschrieben, voller überraschender Wendungen, immer wieder amüsant, mit einem mitfühlenden und sehr menschlichen Bond. Seinen ganz besonderen Reiz bezieht „Solo“ aus Boyds profunder Kenntnis von Afrika.

William Boyd
Solo
Berlin Verlag 2014

Eric Ambler: Die Maske des Dimitrios

Viele Jahre ist es her, seit ich diesen Roman gelesen habe. Viel weiss ich nicht mehr davon, doch ich erinnere mich, dass er zum Teil in Sofia spielt. Überhaupt erstaunt es mich immer wieder, wie wenig mir von meiner Lektüre bleibt, mit Ausnahme der Stimmungen, die sich jetzt beim neuerlichen Lesen wieder einstellen. Und dann stosse ich auf diesen Satz, der mir seit der ersten Lektüre geblieben ist und von dem ich nur noch wusste, dass er von Ambler ist, doch nicht aus welchem Roman. „Die Kommunisten, die ich kenne, sind allesamt hochintelligente Leute.“
 
Er belässt es übrigens nicht einfach bei diesem Satz, er führt ihn aus, indem er einen der Protagonisten sagen lässt: „Das internationale Kapital hat schon immer Revolutionen angezettelt, wenn das in seinem Interesse war … Die internationalen Finanzkreise brauchen Glück, und wenn das Schicksal ein wenig vergesslich ist, dann muss eben ein wenig nachgeholfen werden … Das internationale Grosskapital mag seine Geschäfte auf einem Stück Papier durchführen, aber die Tinte, die dabei verwendet wird, ist Menschenblut!“.
 
Auch von Eric Ambler stammt der Satz, er schreibe, um den Menschen zu zeigen, wie es zugehe auf der Welt. Nein, die Quelle erinnere ich nicht mehr. Und auch nicht, wo ich diesen anderen, mich schon lange begleitenden Ambler-Satz gelesen habe: Dass wir von Idioten regiert werden, ist klar, es kommt nur darauf an, dies in Würde zu ertragen.
 
Das kann natürlich nur ein Engländer sagen. Und natürlich ist Ambler Engländer. Genauso wie Charles Latimer, der Schriftsteller aus „Die Maske des Dimitrios“, der sich mit der Geschichte dieses gesuchten Verbrechers, einem Zuhälter, Drogenhändler und Killer, beschäftigt, weil er darin den Stoff für einen neuen Roman wittert.
 
Eric Ambler klärt uns darüber auf, wie Politik funktioniert. „ … bei einem Attentat kam es nicht darauf an zu wissen, wer den Schuss abgegeben, sondern wer die Kugel bezahlt hatte.“ Und er schildert höchst amüsant wie sich Menschen begegnen. Ob er nicht glaube, dass es eine Macht gebe, die unser Schicksal bestimme, wird Latimer von seinem Mitreisenden im Zug nach Sofia gefragt. Das sei ein weites Feld, antwortet Latimer. Worauf sein Mitreisender entgegnet: „’Aber nur, weil wir nicht einfach, nicht bescheiden genug sind, um zu verstehen. Der Mensch kann auch ohne Bildung ein Philosoph sein. Er muss nur einfach und bescheiden sein.‘ Er sah Latimer einfach und bescheiden an.“
 
„Die Maske des Dimitrios“ dreht sich wesentlich um Spione. „Ich muss gestehen, dass mir das alles ein wenig absurd erschien. Dieses Bild konnte einfach nicht stimmen. Verhalten sich Regierungen, also erwachsene Männer und Frauen, wie Kinder, die Indianer spielen? Anscheinend.“ Alle misstrauen einander, Freund und Feind werden ausspioniert. Auch heute noch, flächendeckend und rücksichtslos.
 
Doch Ambler klärt nicht nur über Politik, sondern über menschliches Verhalten generell auf. Immer mal wieder bleibt man an Sätzen hängen, von denen man hofft, dass sie einem bleiben werden. Nie hat man den Eindruck, einfach nur eine spannende Geschichte zu lesen. „Als jemand, der sich mit menschlichem Verhalten beschäftigt“, fuhr er fort, „muss Ihnen aufgefallen sein, dass die meisten Menschen in ihren Handlungen von einem Impuls geleitet werden, der stärker ist als alles anderen. Bei den einen ist es Eitelkeit, bei anderen die Befriedigung ihrer sinnlichen Bedürfnisse, bei wieder anderen das Streben nach Reichtum und so weiter.“
 
Raymond Chandler war der Meinung, Ambler, dieser Kenner der menschlichen Seele, sei als Thriller-Schreiber zu intellektuell. Ich finde das gar nicht. Vor allem, weil Ambler höchst witzig schreibt und zudem seine eigene Intellektualität reflektiert. „Das, dachte er, war das Schlimmste bei Intellektuellen. Sie ignorierten die Chancen von Gewalt, bis Gewaltanwendung nichts mehr nützte.“
 
„Die Maske des Dimitrios“ ist gescheite Aufklärung und lehrreiche Unterhaltung in Einem. Ein Meisterwerk!

Eric Ambler
Die Maske des Dimitrios
Hoffmann und Campe, Hamburg 2016

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