Per Molander: Eine Welt aus Wellen

„Das Leben ist, nüchtern & genau besehen, die sonderbarste Angelegenheit; enthält die Essenz von Wirklichkeit“, notiert Virginia Woolf am 30. September 1926 in ihr Tagebuch. Zu fassen ist sie nicht. Was bin ich?, fragt sie sich, und konstatiert: „Aber durchs Schreiben komme ich an nichts heran. Ich habe nur die Absicht, einen merkwürdigen Geisteszustand festzuhalten.“

Auf die Idee, Virginia Woolf mit der modernen Physik zusammenzubringen, kann wohl nur jemand kommen, der sich sowohl in der Literatur als auch in der Physik auskennt. Gemäss Per Molander erklärte die Quantenmechanik, „dass eigentlich nichts existiert ausser Wellen.“ Und Einstein, in Zusammenarbeit mit dem Mathematiker Marcel Grossmann, erbrachte den Nachweis, dass Raum, Zeit und Masse zusammenhängen und sich der Raum in der Nähe grosser Massen krümmt.

Ende des 19ten und Anfang des 20ten Jahrhundert geriet das traditionelle Weltbild ins Wanken. Man denke an die Publikationen von Alfred Russel Wallace und Charles Darwin, die das christliche Weltbild in Frage stellten, Boltzmanns Erkenntnisse über die steigende Entropie („geschlossene Systeme streben unaufhaltsam nach immer grösserer Unordnung“), an Freud, die moderne Physik sowie – davon (und von noch ganz viel Anderem) handelt dieses Buch – an Virginia Woolfs Die Wellen, worin sie alles als in stetiger Veränderung begriffen beschreibt: Von diesem Strom lassen wir uns treiben, ausser wir geraten in Gefahr, was unseren Lebenswillen heraufbeschwört.

Per Molander schlägt mit diesem Buch einen weiten Bogen – etwa von der Regenbogenschlange auf dem australischen Kontinent zu Gilgamesch und zur jüdischen Thora – , um aufzuzeigen, worum es Virginia Woolf zu tun ist, „dass die ganze Welt ein Kunstwerk ist; dass wir Teil des Kunstwerks sind.“ Und so macht sie sich auf die Suche nach Strukturen und Mustern, tut also das, was auch die Naturwissenschaften tun.

„Was ist eigentlich eine Welle? Über eine Wasserfläche, die in Ruhe gelassen wird, laufen keine Wellen. Es bedarf einer Störung – durch einen Wassertropfen, einen Stein, ein Insekt oder den Wind – , damit sich Wellen bilden.“ Wellen, führt Molander weiter aus, werden geboren, wachsen, erreichen einen Gipfel und werden dann ausgelöscht, um anderen Platz zu machen. Für die Gruppe wie für die einzelnen Menschen gilt das Gleiche.

Der Autor macht deutlich, dass der Roman um 1900 eine Krise erlebte, als der allwissende Erzähler in Frage gestellt wurde. Gleichzeitig entstanden Zweifel „an der strukturbildenden Funktion der chronologischen Zeit.“ Schliesslich erschütterte die Entdeckung der Gravitationswellen, die allerdings noch nie jemand hat sehen können („aber die direkten und indirekten Messungen sprechen eine deutliche Sprache“) unser Weltbild gerade noch einmal. „Wir befinden uns gewissermassen an einem steinigen Ufer am äussersten Rand der Milchstrasse, an dem Wellen aus dem ganzen Universum anbranden.“

Angesichts dieser Wellenströme, denen wir ausgeleifert und von denen wir Teil sind, fragt Virginia Woolf, „was setzen wir, mit diesem willkürlich aufblitzenden Licht in uns, das wir Verstand und Gefühl nennen, dem entgegen; wie können wir gegen diese Flut ankämpfen; was hat Bestand?“

Eine Welt aus Wellen ist so recht eigentlich ein Buch übers Lesen. Genauer: eine Aufklärung darüber, wie Per Molander Virginia Woolf liest. Dabei gibt er vor allem Auskunft darüber, was die Lektüre bei ihm auslöst. Ob Virginia Woolf sich die Gedanken gemacht hat, die er ihr zuschreibt, weiss ich natürlich nicht, doch die Assoziationen, der er beschreibt, finde ich faszinierend, lehrreich und überaus inspirierend.

Das liegt wesentlich daran, dass der Autor, ausgebildet in Literaturwissenschaften und Mathematik, ein breit gebildeter Mann ist, der Verknüpfungen herstellt, die einem weniger aufgeklärten Menschen wohl kaum einfallen würden. So weist er auf Zusammenhänge hin, die in der modernen Welt der Spezialisierungen selten gesehen werden. Über Sanddünen sowie deren Instabilität lässt er sich aus. Und über Symmetrien und deren Bruch. Und über Metaphern. Und über …

Dabei schöpft er aus der Mathematik, der Physik, der Ökonomie, der Literatur, der Musik, der Geschichte, der Psychologie – wobei erkennbar wird, dass da Paralleles abläuft: so wurde erkannt, dass das Licht eine Wellenbewegung ist; das Bewusstsein ein Strom von Eindrücken und Gedanken. In der Literatur kommt der Bewusstseinsstrom als Kunstform auf (Ulysses). Mir wurde gelegentlich halb schwindlig ob dieses geballten Wissens.

Laut Molander geht es Virginia Woolf jedoch um mehr als um den Strom aus Denken und Wahrnehmung, den wir dann in eine schöne Ordnung bringen und für die Realität nehmen, denn unter diesem so geordneten Strom fliesst „ein Sturzbach zerstörter Träume, Kinderreime, Srassenrufe, halbfertiger Sätze und Szenen – Ulmen, Weiden, fegende Gärtner, schreibende Frauen – , die aufsteigen und versinken, auch wenn wir gerade eine Dame zu Tisch führen.“

Fazit: Der gelungene Versuch einer Annäherung an eine Gesamtschau unseres Wissens über die Welt, vielfältig anregend und bereichernd.

Per Molander
Eine Welt aus Wellen
Virginia Woolf und die moderne Physik
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2023

Esther Bockwyt: WOKE

Die Autorin Esther Bockwyt hat sich die Psychologie der Wokeness vorgenommen. In der Psychologie, so schreibt sie, „geht es nahezu immer um das Ansetzen zur Veränderung durch Verstehen. Dieses Verstehen ist auch der Schlüssel zur Befriedung entgegengesetzter, polarisierter Dynamiken in gesellschaftlichen Unruhen.“

Nicht nur in der Psychologie wird das Verstehen als Grundlage angesehen. So recht eigentlich trifft das für jede an der Uni gelehrte Disziplin zu. Erstaunlicherweise wird dieser Glaube nie in Frage gestellt, obwohl unser Verstehen meist folgenlos bleibt. So verstehen wir seit Galilei, dass die Erde sich um die Sonne dreht, und es somit keinen Sonnenauf- und Sonnenuntergang geben kann – das beeindruckt uns jedoch wenig, für uns geht die Sonne nach wie vor auf und unter.

Esther Bockwyt macht in diesem Buch, was so recht eigentlich alle tun, die Sachbücher schreiben: Sie gibt zuerst einmal einen Abriss darüber, wo diese Woke-Ideen herkommen. Sie tut dies erfreulich unaufgeregt und, soweit ich das zu beurteilen vermag, recht umfassend. Dass sie als Vorläufer auch die Philosophie der Postmoderne der 1960er Jahre anführt (ob dies im Sinne ihrer Vertreter war, ist letztlich egal; entscheidend ist, was die Menschen mit Ideen machen), die so recht eigentlich alles als Machtfrage sieht bzw. auf Machtverhältnisse zurückführt, ist einleuchtend. Man wäre gut beraten, Leuten, die solches vertreten, keine Macht zu geben … Und genau darin liegt mein Problem mit diesem Buch – es gibt Leuten und Ideen eine Plattform, mit denen man sich meines Erachtens besser nicht auseinandersetzt. Doch das wäre eine andere Geschichte …

Am Anfang von Woke stand, so wird uns gesagt, das Bedürfnis nach einer gerechteren Welt, in der Diskriminierung keinen Platz haben soll. Das klingt nicht nur vernünftig und unterstützenswert, sondern geradezu edel. Nur eben: Wie jede Idee entwickelte auch diese mit der Zeit ein Eigenleben. Heute sind wir an einem Punkt angelangt, wo die Gefühle von einigen wenigen, die sich meist einer Gruppe zurechnen, zu der auch wiederum nur einige wenige gehören, als Massstab für die Realitätswahrnehmung gelten sollen.

Die Vorstellung, dass Identitäten bzw. Gruppen-Identitäten die gesellschaftliche Realität bestimmen sollen, führte unter anderem dazu (WOKE ist überaus reich an solchen Beispielen), dass das Bildungsministerium in Oregon, USA, den Lehrern ein Training in „Ethnomathematik“ nahelegte. „Lehrer sollten im Unterricht darlegen und dagegen arbeiten, dass Mathematik dazu dient, kapitalistische, imperialistische und rassistische Ansichten zu unterstützen.“ Solche (und viele andere) Forderungen, bewirken bei mir, dass ich meine bislang, wie ich mir einbilde, differenzierten Ansichten zu diesen Themen vollständig über Bord werfe und nun klar weiss, dass der Gegner diese Wokisten sind, die bekämpft oder, weit besser, ignoriert werden sollen.

Viele der Woke-Auffassungen sind nicht nur absurd – „Schachspiel produziert Rassismus? Weil die weissen Figuren zuerst am Zug sind.“ – , sondern in einem Mass bevormundend, das an Nötigung erinnert. Es wimmelt geradezu von Beispielen in diesem Buch, die mir eine Mentalität vor Augen führen, die ich mit Diktaturen in Verbindung bringe. Und mit einem Denken, das so recht eigentlich keines ist, da es ausschliesslich von Rechthaberei geprägt ist, bei der die Gefühle – man denke an die Gender-Debatten – und nicht die Biologie dominieren. Apropos Gefühle: Ausgerechnet die Empathie scheint den Woken völlig abzugehen.

„Tom Hanks soll und will die Rolle eines homosexuellen Mannes im Film nicht mehr spielen? Weil er heterosexuell ist und die entsprechende homosexuelle Erfahrung nicht vermitteln kann.“ Womit Madame Bovary, Anna Karenina und Effi Briest, da von Männern verfasst … alles klar? Übrigens: Whoopi Goldberg will als actor (was sie als Berufsbezeichnung begreift) und nicht etwas als actress bezeichnet werden, denn sie könne sowohl Frauen als auch Männer spielen.

Esther Bockwyt geht den Wokismus psychologisch an und das meint: Sie erläutert zuerst einmal die Bedeutung/die Wichtigkeit des psychologischen Herangehens (kein Wunder, sie ist Psychologin) und beginnt dann mit dem Narzissmus, den sie nicht als Krankheit begreift (der Volksmund sieht das anders), sondern hauptsächlich als Antriebskraft. Auch wenn ihre Ausführungen ausgewogen und informativ sind, solche Begriffserklärungen werden ausschliesslich von Akademikern ernst genommen (es ist schliesslich ihr täglich Brot), praktische Relevanz haben sie kaum.

Woke-Anteile gebe es in allen von uns, ihr gehe es darum, tieferliegende Mechanismen aufzudecken, so die Autorin, „um dadurch bestenfalls Konflikte und Dynamiken zu entschärfen.“ Überzeugend zeigt sie auf, dass Woke-Aktivisten in einem Masse destruktiv und egoistisch unterwegs sind, das, um es milde zu formulieren, höchst ungesund ist – für alle davon Betroffenen, ob direkt oder indirekt.

So recht eigentlich betreiben Woke-Aktivisten Verdrängung pur. Sie wollen die Realität nicht wahrhaben, denn diese ist nun einmal ungerecht, unfair und oft schwer zu ertragen. Und so wollen sie die Realität ihrer Vorstellung von Realität anpassen. Das ist verständlich, wir sehen es bei Kindern und Managern. Ambivalenzen aushalten, dafür plädiert Esther Bockwyt stattdessen. Das bedingt auch, die immer präsente Angst auszuhalten und sich nicht mit selbstgefertigten Problemen abzulenken. Nur eben: Das Leben möglichst frei von Illusionen hinzunehmen, scheint den wenigsten anstrebenswert.

Woke-Aktivisten fordern Gerechtigkeit, verhalten sich selber aber denen gegenüber höchst ungerecht, die nicht ihrer Meinung sind. Sie plädieren für das Primat der Gefühle, sind jedoch nicht fähig, die eigenen Gefühle anzunehmen, denn diese sind nicht nur komplex, sondern darüber hinaus meist sehr widersprüchlich. Allerdings nur für unsere Art zu denken. In Wahrheit sind sie einfach wie sie sind. Wenn wir das nicht begreifen, liegt es an unserer Logik. Da wir jedoch biologisch dazu verdonnert sind, nach Sinn zu suchen, verdammen die Woken (allerdings nicht nur sie) sich zu Schwarz/Weiss und reduzieren die Kräfte ihrer Seele auf richtig und falsch. Wie wäre es mit sowohl als auch?

PS: Die Medien können uns bekanntlich nicht sagen, was und wie wir denken sollen, doch sie können uns dazu anleiten, womit wir uns beschäftigen sollen. Die Woken haben dies begriffen und setzen die Themen – darin liegt ihre Macht. Und wir fallen darauf herein, wenn wir uns mit ihren Themen beschäftigen, die so recht eigentlich ausschliesslich mit ihnen zu tun haben.

Fazit: Ein gut zu lesendes, differenziert argumentierendes und vielfältig aufklärendes Werk, das leider den Woke-Ideen genau die Aufmerksamkeit gibt, nach der sie gieren.

Esther Bockwyt
WOKE
Psychologie eines Kulturkampfs
Westend Verlag, Neu-Isenburg 2024

Derek Marlowe: Ein Dandy in Aspik

Eberlin, der Protagonist dieser Geschichte, ist Vater eines Jungen, lebt allein, fragt sich jedoch gelegentlich, ob er die Mutter des Jungen, die mittlerweile einen Gutsbesitzer geheiratet hat, nicht hätte heiraten sollen. „Seine verheirateten Bekannten nahmen alsbald jene beschränkte Selbstgefälligkeit ein, die für ihren Stand bezeichnend zu sein schien, und er zog sich von ihnen zurück und lebte allein und ging nur unverbindliche Beziehungen zu Frauen ein, am liebsten aber gar keine.“

Nach dem Studium in Oxford war Eberlin in den Staatsdienst eingetreten, nach Uganda geschickt worden, wo er nichts zu tun hatte. In einem seiner Lageberichte hatte er ein Kapitel aus Evelyn Waughs Roman über einen Afrika-Korrespondenten (eine Satire, in der sich viele Afrika-Korrespondenten wieder erkennen) abgeschrieben und eingeflochten. Der Bericht war im Ministerium für gut befunden worden.

Es sind solche Einschübe, die mich für diesen Roman einnehmen. Hier gerade noch ein Beispiel: Eberlin, der grosse Sorgfalt auf seine Kleidung verwendete, bekam von irgendeinem langweiligen Kerl aus Paris eine Schallplatte von Leo Ferré zugeschickt, „die ihm sehr zu seinem Missbehagen gefiel.“

Vor seinem Studium in Oxford hatte Eberlin die sowjetische Militärakademie in der Nähe von Kiew absolviert. Wie viele liberale Kommunisten war er im Grunde ein ultraextremer Sozialist im britischen Sinne. Wie er dazu geworden ist, hat sich mir nicht so recht erschlossen. Überhaupt ist das Deutlichmachen der Motivlage nicht des Autors Stärke.

Freunde hat er nicht, es ist ihm lieber so. Als von Natur aus ungesellig, charakterisiert ihn sein Schöpfer. Doch er will, dass ihn die Russen zurückholen aus London, doch diese sperren sich, was ihn ausgesprochen desorientiert lässt.

„Seine Arbeit für Pavel bestand nicht in seiner Tätigkeit als Informant, sondern als Attentäter.“ Wie Derek Marlowe diesen Roman sich entwickeln lässt, ist überaus gekonnt – erst nach und nach geht dem Leser auf, dass es sich bei Eberlin nicht einfach um einen etwas kauzigen Typen handelt, sondern um einen Mann, der für seine Ideologie zu töten bereit ist.

Drei Männer, britische Geheimdienstler – Sidney Nightingale, Esau Pretty und Ernest Lee Gulliver – sind umgebracht worden. Eberlin wird zu einem geheimen Treffen beordert, wo ihm aufgetragen wird, den Mörder der drei, einen Mann namens Krasnevin, zu finden. Eberlin, von dem die Briten nicht wissen (oder wissen sie es?), dass er unter diesem Namen für die Russen tätig ist, soll also sich selber finden – ist das vielleicht eine Falle?

Er wird mit einer Legende (Verwaltungsinspektor George Dancer) ausgestattet und nach Berlin geschickt, das damals – Ein Dandy in Aspik wurde 1966 erstmals veröffentlicht, als das Rauchen offenbar sehr in Mode war. Jedenfalls wird in diesem Roman fast ständig zur Zigarette gegriffen – zweigeteilt war. Er landet im Westen der Stadt, wähnt sich überwacht, doch von wem? Er lässt sich auf ihm Unbekannte ein, die gegen viel Geld versprechen, ihn in den Osten zu bringen …

Derek Marlowe erzählt eine recht verwickelte Geschichte, in der das Misstrauen regiert. Für Eberlin, so scheint es, geht die grösste Gefahr, dass er als Doppelagent auffliegen könnte, von dem englischen Agenten Gatiss aus, einem unangenehm agressiven Mann, der ihm nicht über den Weg traut.

Ein Dandy in Aspik ist ein clever aufgebauter Roman, einerseits spannend und psychologisch ansprechend („… sympathisch und mit viel Charme, wie die meisten scheuen Menschen“), und andererseits sehr gekonnt das Atmosphärische eines Ortes widergebend. So wird etwa das südliche England als so idyllisch, wohltuend und besinnlich geschildert, dass es im Sonnenschein des Sommers, „das beste Allheilmittel gegen Sorgen“ sei.

Fazit: Ein packender Spionageroman, reich an überraschenen Wendungen. Ein klasse Klassiker!

PS: Zwei ausführliche Nachworte ergänzen dieses Werk. Martin Compart beschäftigt sich dabei sowohl mit Leben und Karriere von Marlowe als auch mit dem Genre des Spionage-Romans zur Zeit des Kalten Krieges; Rolf Giesen hat sich in die Verfilmung des Romans vertieft.

Derek Marlowe
Ein Dandy in Aspik
Elsinor Verlag, Coesfeld 2024

Michael Wolffsohn: Nie wieder? Schon wieder!

Schon wieder!, führt Michael Wolffsohn, der sich als „deutschjüdischen Patrioten kosmopolitischer Prägung“ bezeichnet, einleitend aus, sei sowohl richtig als auch falsch, denn der neue Antisemitismus werde vornehmlich von muslimischen Neudeutschen und alt-einheimischen deutschen Linksextremisten vetreten, und nicht vom deutschen Staat. Was sich hingegen gleich geblieben sei, seien die ‚Tod Israel‘ und die ‚Tod den Juden‘-Brüller.

Der Antisemitismus geht indes weiter über die Brüller hinaus. „Machen wir uns nichts vor: Antisemitismus gehört in weiten Kreisen, freilich nicht in allen, zum guten Ton. Schon wieder.“

Antisemitismen, so der 1947 geborene Historiker Wolffsohn, gebe es seit 3000 Jahren. Was zur Zeit geschieht, bezeichnet er als reaktionären Rückfall, „auch wenn einige seiner Träger sich als Vorreiter des Fortschritts verstehen und präsentieren.“ Diese Sichtweise scheint ein allgemeines zivilisatorisches Fortschreiten zu suggerieren, was ich für einen grundlegenden Irrtum halte, denn emotional tritt der Mensch seit jeher an Ort.

Für den emeritierten Professor ist der Fall klar. „Die Ursache ist leicht erkannt und schnell benannt: geschichtspolitisches und -pädagogisches Versagen. Gouvernemental ebenso wie nicht gouvernemental. Auch medial, doch nicht nur medial. Wenig ruhmreich die Rolle der Wissenschaft.“ Nur den rechten Antisemitismus hatte man auf dem Schirm, den linken und den islamischen hingegen nicht. Sicher, doch hätte es wirklich was geändert, wenn dem nicht so gewesen wäre? Ich jedenfalls glaube nicht (mehr) an die Aufklärung, wie sie von offiziellen Stellen betrieben wird.

Doch Wolffsohn schreibt auch: „Wer wollte und sollte, konnte sehen, hören, sagen.“ Und warum geschah das nicht bzw. kaum? Weil Zivilcourage den Menschen von frühester Kindheit an ausgetrieben wird. Weil der aufgeklärte, zivilisierte Mensch keine Realität, sondern ein Mythos ist.

Dass für mich Unbegreiflichste ist das, was ich nicht willens zu begreifen bin – dass nach den Terrorattacken des 7. Oktober Hunderttausende auf die Strassen gingen und „Tod Israel“ schrien. Laut Wolffsohn waren dies mehrheitlich Muslime. Wer noch immer glaubt, Integration könne gelingen, könnte gewaltiger vermutlich kaum irren. “Ausserdem gilt für Demonstrationen in Europa nachweislich diese Grundregel: Für Demonstrationen gegen Amerika kann man Hunderttausende mobilisieren. Für die von Putins Russlands seit dem 24. Februar 2022 angegriffene Ukraine gerade mal so ein paar Zehntausende und für Israel, wenn es hochkommt und bestenfalls einmal, Tausende.“

Dieser Band enthält die Gedenkrede, die der Autor 85 Jahre nach der Reichskristallnacht vom 9. November 1938, im Bundestag nicht gehalten hat. Sie wurde vor dem Terrorangriff der Hamas geschrieben. Der Band enthält aber noch eine zweite Rede. Sie wurde nach der Mord- und Blutorgie der Hamas geschrieben und im Bundestag vorgetragen. Zeigen die beiden Reden, wie der Autor meint, dass an diesem 7. Oktober 2023 ein schwerwiegender Zivilisationsbruch stattgefunden hat?

Beide Reden erwarten meines Erachtens zu viel von der Politik bzw. den Institutionen. Obwohl: Der Autor benennt auch klar, worum es gehen müsste, sollte sich denn etwas grundlegend ändern. Um Herzensbildung. „Herzensbildung ist kein Vorrecht der Gebildeten, man findet sie ebenso bei Analphabeten. Meine nicht akademische Urgrossmutter Sidonie hatte es krasser formuliert: ‚Hochstudiert und doch saudumm.’“

Unter dem Titel „Was tun? Von Wut, Empörung und Resignation zum Denken und zum Handeln“ spricht sich Michael Wolffsohn für die funktionale Toleranz aus, was meint: Leben und leben lassen. Zudem: „Für Juden, Muslime und andere Minderheiten sollen keine „Extrawürste“ gebraten werden. Sie sind Bürger wie alle anderen.“ Das sind konkrete und praktische, für jeden und jede nachvollziehbare Forderungen.

Schade, dass er es nicht dabei belassen hat und einen weiteren Blick in die Geschichte – als Historiker ist das verständlich – wirft. Schade auch, dass das Lektorat ihn nicht davon abgehalten hat, eine so unsägliche Aussage wie „als Wissenschaftler bin ich den Fakten verpflichtet“ stehen zu lassen, schliesslich gelten die Fakten (man denke ans Gravitationsgesetz) für alle.

Fazit: Hilfreiche Aufklärung, die ganz besonders durch die eigene Familiengeschichte überzeugt.

Michael Wolffsohn
Nie wieder? Schon wieder!
Alter und neuer Antisemitismus
Verlag Herder, München 2024

Bernard Minier: Kindertotenlieder

Bernard Minier, 1960 in Frankreichs Südwesten geboren und in den Ausläufern der Pyrenäen aufgewachsen, ist der Autor des ungemein spannenden „Schwarzer Schmetterling“. Nun liegt mit „Kindertotenlieder“ sein zweiter Roman auf Deutsch vor, mit weitgehendst denselben Personen, die bereits seinen Erstling bevölkerten.

Kommissar Martin Servaz erhält einen Anruf von Marianne, seiner Liebe aus Studienzeiten, über die er nie hinweggekommen ist. Ihr Sohn Hugo steht unter Verdacht die 32jährige Professorin Claire Diemar von der Eliteschule Marsac, dem “Cambridge Südwestfrankreichs“, bestialisch ermordet zu haben. Der Tatort wirkt denn auch gespenstisch, der Mord inszeniert mit der Absicht, Hinweise auf den Täter zu geben. Und Servaz denkt denn auch unverzüglich an den Serienmörder Hirtmann, den Minier-Leser bereits aus „Schwarzer Schmetterling“ kennen und der in der Folge auch in „Kindertotenlieder“ immer wieder in Erscheinung tritt, dessen Rolle sich jedoch als eine ganz andere erweist, als der Leser vermuten würde.

Hugo hat sich regelmässig mit Claire getroffen, um über seinen im Entstehen begriffenen Roman, von dem die Professorin sehr angetan war, zu sprechen. Hugo kennt auch Margot, Servaz‘ Tochter, die dieselbe Schule besucht. Servaz selber hat auch die Schule in Marsac besucht, er wollte damals noch Schriftsteller werden.

Ich schildere das so detailliert, um aufzuzeigen, wie Minier Bezüge zwischen den Protagonisten herstellt und nichts dem Zufall überlässt. Ja, so recht eigentlich macht er damit klar, dass alles mit allem nicht nur folgerichtig, sondern zwingend zusammenhängt.

Als Hugo von Servaz befragt wird, erinnert er sich, dass er, als er aufwachte, Musik gehört hatte, klassische Musik, und das sei ungewöhnlich gewesen für Claire. Es waren die Kindertotenlieder von Mahler gewesen, einem Komponisten, dessen Musik sowohl Servaz wie auch Hirtmann sehr schätzte. „Servaz fragte sich manchmal, weshalb er diese Symphonien so sehr liebte. Wahrscheinlich weil es geschlossene Welten waren, in denen er aufgehen konnte, weil er darin der gleichen Gewalt, den gleichen Schreien, Schmerzen, Wirren, Auseinandersetzungen und düsteren Vorzeichen begegnete, die auch da draussen auf der Strasse existierten. Mahler zu hören, bedeutete einem Weg zu folgen, der aus der Dunkelheit ans Licht führte und umgekehrt, von grenzenloser Freude in Stürme, in denen der Kahn des menschlichen Daseins ins Wanken gerät und schliesslich kippt.“

„Kindertotenlieder“ ist ein ungemein fesselndes Buch mit ganz unterschiedlichen Handlungssträngen, die von ganz verschiedenen Akteuren, doch hauptsächlich von Servaz‘ eigenständigen Mitarbeitern geprägt sind.

Was ich unter anderem so sehr mag an diesem Autor: er weist mich immer auf höchst Interessantes hin, das meine Weltsicht erweitert, etwa dass die Bergarchitektur vom Anfang des 20. Jahrhunderts von steinernen Mauern geprägt war und eine Zeit war, „in der man für die Ewigkeit baute, an die Zukunft glaubte.“ Oder, dass Madame Bovary, Anna Karenina und Effi Briest von Frauen handeln, die Ehebruch begangen haben, und dass diese drei Meisterwerke von Männern geschrieben wurden. „Was beweist, dass der Satz von Hemingway, wonach man über das schreiben muss, was man kennt, ausgemachter Blödsinn ist.“

Bernard Minier zu lesen, bedeutet für mich, in einen Spannungssog zu geraten, die Welt um mich herum zu vergessen, in viel Französisches (von Landschafts- zu Wetterschilderungen zu intellektuellen Dialogen) einzutauchen und immer mal wieder auf sehr Wahres zu treffen: „Sie brauchte Liebe. Der einzig echte Drogenersatz…“.

Ein exzellenter Thriller, der auch eine bewegende Liebesgeschichte ist.

Bernard Minier
Kindertotenlieder
Thriller
Droemer Knaur, München 2014

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte