Autor Simon Meier-Vieracker ist Inhaber der Professur für Angewandte Linguistik an der TU Dresden und ganz begeistert von seinem Fach – eine bessere Ausgangslage kann man sich kaum wünschen, denn er will seine Begeisterung teilen und er tut dies anhand ganz verschiedener Beispiele, wobei er auch kontroverse Themen wie etwa das Gendern behandelt, zu dem er sich persönlich bekennt.
„Neben dem allgemeinen Ziel, die (im Grundgesetz Artikel 3 eigentlich garantierte) Gleichbehandlung der Geschlechter auch in der Sprache zu erwirken, soll es oft darüber hinaus emanzipatorische Kräfte entfalten.“ Er glaubt also (und mehr als ein Glaube ist das nicht), dass man mittels Sprache das Bewusstsein ändern bzw. auf dieses Einfluss nehmen kann. Meines Erachtens ist das Wunschdenken, das in der menschlichen Psyche gründet, der es lieb wäre, sie könnte stärker auf das Leben und die sozialen Zustände Einfluss nehmen.
Meier-Vieracker erklärt sich den Widerstand ganz anders: Einerseits würde das Gendern als Umsturzversuch der Grammatik wahrgenommen, andererseits würde es andere Geschlechter als das männliche sichtbar machen. Das klingt plausibel – und ist deswegen wohl falsch. Es geht hier nämlich nicht um Sprache, sondern darum, dass der Mensch sich entgegen seiner Selbsteinschätzung immer sehr heftig gegen Veränderungen (jeglicher Art) stemmt.
Nur eben: Dem Linguistik-Professor geht es um die Sprache. Und von ihr handelt auch dieses Buch. Und so setzt er sich sachlich und differenziert mit den Einwänden gegen das Gendern auseinander. Er tut dies unter anderem anhand rhetorischer Fragen wie „Aber ist es wirklich so, dass das widernatürliche Eingriffe in die Sprache sind? Und was heisst denn überhaupt natürlicher Sprachwandel?“ Seine Antworten ergeben sich – wenig überraschend – aus seiner positiven Einschätzung des Genderns.
Doch das Buch handelt von noch ganz viel anderem und nicht zuletzt von den Fragen, mit denen Linguisten generell gequält werden. Dazu gehört: Wie heisst das jetzt eigentlich richtig?, worauf Sprachwissenschaftler so recht eigentlich immer mit: Es kommt drauf an, antworten und dann eloquent ausführen, dass man die Frage auch deswegen nicht beantworten kann … Lesen Sie das Buch! … , stattdessen jedoch anregende Überlegungen präsentiert, die einen immer mal wieder auf Aspekte hinweisen, an die man (möglicherweise) noch gar nie gedacht hat.
Zu den für mich besonders spannenden Ausführungen gehören die, welche sich mit „Das macht Sinn“ befassen, einem Satz, den ich bis anhin bedenkenlos verwendet habe, und von dem ich nun lerne, dass er falsch oder zumindest kein gutes Deutsch ist. Richtig wäre: „Das ergibt Sinn, Das hat Sinn oder Das ist sinnvoll“. Die falsche (und trotzdem verständliche) Variante geht auf das Englische „That makes sense“ zurück.
Klar, Sprache (wie alles andere auch) entwickelt sich – und nicht unbedingt logisch. Der Autor macht dies sehr schön deutlich an Beispielen wie „Fragen stellen“, „Flucht ergreifen“, „Verdacht schöpfen“, oder einem Gedanken „Ausdruck verleihen“. Verblüffend ist ja schon, dass Wörter bei freiem Vorkommen und in Gestalt von Kombinationen einen völlig neuen Sinn ergeben können. Man denke etwa an „einen guten Eindruck machen“ oder „ein Dessert machen“, wobei „machen“ nicht den gleichen „Sinn macht“.
Simon Meier-Vieracker vermerkt auch, dass „sich das Schweizer Standarddeutsche auch im Geschriebenen zum Teil sehr deutlich vom ‚deutschlanddeutschen‘ Standard unterscheidet.“ Wobei: Auch das Standarddeutsche wird beileibe nicht einheitlich angewendet. Norddeutsche und Süddeutsche pflegen sich gelegentlich auch grammatikalisch unterschiedlich auszudrücken; und ältere und jüngere Deutsche sowieso,.
Wie jedes von Hochschullehrern verfasste Werk ist auch dieses reich an Ja, aber bzw. Nein, aber; klare, eindeutige Aussagen gibt es kaum, dafür vieles, das zeigt wie komplex und wunderbar Sprache ist. Und auch wie rätselhaft. Weshalb man denn auch nur Mutmassungen anstellen kann, in diesem Falle bestens informierte. „Heisst es zum Beispiel ‚Anfang diesen Jahres‘ oder ‚Anfang dieses Jahres? Es gibt für beide Varianten gute Argumente.“
Das meint jedoch nicht, dass Simon Meier-Vieracker meinungslos wäre – ist er nicht! Was sich speziell im Kapitel „Mit Sprache Politik machen: Die Macht der Wörter“ zeigt, worin er den CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz kritisiert, der auf die Frage, wie viele Geschlechter es gebe, mit „vor allem zwei“ geantwortet hat. „Schon die Frage, wie viele Geschlechter es gibt, ist interessant, ist es doch auf den ersten Blick eine wissenschaftliche Frage, etwa der Biologie oder auch der Soziologie, zu deren Beantwortung Friedrich Merz die Kompetenz fehlt“, so der Professor für Angewandte Linguistik, der zwar in diesem Falle seinen eigenen Kriterien nicht entspricht, sich aber trotzdem für kompetent hält. Was mich angeht (meine Qualifikation besteht darin, dass ich selber denken kann): Selbstverständlich hat Herr Merz Recht. Auch mit dem, was er implizit behauptet: Dass da einer sehr, sehr kleinen Gruppe (weil sie – wie auch Professor Meier-Vieracker – clever die Medien zu bedienen weiss) viel zu viel Aufmerksamkeit gegeben wird.
Fazit: Gut geschrieben, vielfältig anregend und (auch) zum Widerspruch reizend.
Simon Meier-Vieracker
Sprache ist, was du draus machst!
Wie wir Deutsch immer wieder erfinden
Droemer, München 2024

