„Einem Stern folgen, nur dieses …“: Egon Ammann und sein Verlag

Keine Ahnung, weshalb ich dieses Buch nicht von Cover zu Cover las, sondern, nachdem ich das Inhaltsverzeichnis mit den vielen Beiträgern zur Kenntnis genommen hatte, zu blättern anfing und bei der mir unbekannten Halina Bendkowski hängenblieb, die faszinierend Aufschlussreiches berichtete, und mich anschliessend bei Markus Imhoof festlas, dessen farbige Schilderung von Egon Ammann mich an meine eigenen Erfahrungen mit ihm erinnerten.

Ob er eine Möglichkeit für mich in seinem Verlag sähe?, hatte ich ihn angefragt. Kurze Zeit später besuchte er mich in Sargans, meinem Wohnort, und lud mich aufs Schloss zum Essen ein. Nach einem langen Gespräch beschied er mir, in einem Verlag sähe er mich nicht (ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits sieben Jahre in Buchverlagen hinter mir), weil er sich mich nicht in einem Büro vorstellen könne, doch er wolle was mit mir machen, wisse jedoch gerade nicht was. Er werde sich melden.

Das tat er dann auch. Er habe vor, mich für drei Monate als Scout nach Südostasien zu schicken, wo ich mich nach Werken umsehen sollte, die für den deutschen Markt interessant sein könnten. Zu meinen Vorschlägen, die ich ihm während meiner Reise und nach meiner Rückkehr präsentierte, hat er sich nie geäussert.

Überaus anregend und ausgesprochen spannend zu lesen, so erlebte ich die Lektüre von „Einem Stern folgen, nur dieses …“, die mir wieder einmal deutlich machte, dass jeder seinen eigenen und jede ihren eigenen Egon Ammann hat. Für mich als Leser bedeutet das, mit ganz vielen ganz unterschiedlichen Eigenarten und Verhaltensweisen bekannt gemacht zu werden, die das eigene Bild ergänzen.

Ein einfacher Mann war Egon Ammann definitiv nicht – einige der Beiträge in diesem Band machen das überaus deutlich. Ein Getriebener, so scheint es, und welcher Getriebene ist nicht gehetzt und angespannt?

Wenn man über andere schreibt, dann schreibt man ja auch immer über sich selber, schliesslich kennt man ja nur sich selber, und dazu noch ziemlich unvollständig. Dass die vorliegende Aussensicht so vielfältig ist, hat allerdings nicht nur mit den unterschiedlichen Schreibern und Schreiberinnen zu tun, sondern auch mit der komplexen Figur des Verlegers.

Das Buch gibt auch einen interessanten Blick in das Verlagsleben, oder genauer: in die Art und Weise, wie Egon Ammann den Zürcher Ammann Verlag führte. Also in etwa so, wie ich mir meinen idealen Verleger vorstelle: belesen und interessiert, engagiert, kreativ, enthusiastisch, nie wirklich am Boden, irgendwie spinnert. Wobei: es gab da ja auch noch seine Frau, die Co-Verlegerin Marie-Luise Flammersfeld, die in meiner Erinnerung eine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte, die ihm wesensfremd zu sein schien.

Auch Menschen, die Egon Ammann nicht persönlich kannten, kommen zu Wort. Als der Autor Peter Stephan Jungk anlässlich einer Gedenkveranstaltung ein Foto des Verlegers betrachtet, entdeckt er dabei etwas Jüdisches. Und tatsächlich war Ammanns Mutter Jüdin, was gemäss jüdischem Recht bedeutet, dass er Volljude war, wozu er sich jedoch nicht äussern wollte.

Neben Texten von Autoren, Mitarbeitern und Freunden (Frauen wie Männern), finden sich auch Texte von Egon Ammann und Marie-Luise Flammersfeld in diesem Band. Zudem eine sehr informative Einführung von Ingrid Sonntag sowie die Rubriken „Bilder und Bücher“, „Fundstücke“ und „Dokumentarisches“.

So sehr dieser Band eine Hommage an den Verleger Egon Ammann ist – eine Lobhudelei ist es nicht, auch Enttäuschungen und Irritationen kommen zur Sprache – , kaum jemand vergisst Marie-Luise Flammersfeld lobend zu erwähnen, die mit ihrem Mann zusammen den Verlag gegründet hatte. In ihrem Beitrag widmet sie den an der Gestaltung Mitwirkenden ein Kränchen, das ihr, die in Münster und Amsterdam Kunstgeschichte studiert hatte, so recht eigentlich auch selber gebührt. „Wir waren von dem damals heftig diskutierten Marketingerkenntnissen nicht überzeugt und verliessen uns möglichst oft auf Anregungen und Ideen aus der zeitgenössischen Kunst.“

„Einem Stern folgen, nur dieses …“
Egon Ammann und sein Verlag
Wallstein Verlag, Göttingen 2022

Raymond Chandler: Playback

Marlowe wird von einem bekannten Anwalt beauftragt, eine junge Frau, die am Bahnhof von Los Angeles eintreffen soll, zu beschatten. Er folgt ihr im Zug bis nach San Diego, wo sie ein Taxi nimmt, das sie zu einer Bungalow Anlage ausserhalb der Stadt bringt.

Raymond Chandler ist ein genauer Beobachter, der es ausgezeichnet versteht, was er wahrnimmt, reflektiert zu kommentieren. „Die Pose strahlte natürliche Ungezwungenheit aus oder sehr viel Erfahrung vor der Kamera.“

Chandler bedient sich einer teilweise ausgesprochen gewöhnungsbedürftigen Ausdrucksweise. Vielleicht liegt es aber auch an der Übersetzung (ich kenne das Original nicht). „Sie sah nach Frischluftfanatikerin aus, trug glänzendes Makeup, und ein mittelblonder Pferdeschwanz ragte ihr aus der Rübe.“ Eine Frischluftfanatikerin, die glänzendes Makeup trägt? Rübe? Andererseits beschreibt er derart detailliert ein Zimmer, das man meinen könnte, ein Buchhalter hätte sich an einer Bildbeschreibung versucht. „Das Zimmer war passabel. Es hatte das übliche betonharte Sofa, Sessel ohne Kissen, Tischchen an der Stirnwand, begehbaren Kleiderschrank mit eingebauten Schubfächern, Badezimmer mit freistehende Badewanne und neongrellen Rasierleuchten am Spiegel über dem Waschbecken, Küchenecke mit Kühlschrank und weissem Herd, elektrisch, drei Kochplatten. In einem Wandschrank über der Spüle genug Geschirr und dergleichen.“ Was, um Himmels Willen, sind bloss „ neongrelle Rasierleuchten“?

Apropos Übersetzung: Vielleicht liegt es ja an meinem fortgeschrittenen Alter, doch „behumpsen“ oder „angearscht“ fehlen in meinem Wortschatz. Gleichwohl: Der Text liest sich flüssig.

Die junge Frau Betty Mayfield alias Eleanor King bittet Marlowe, ihr zu helfen. „Sie sah immer noch zu mir hoch. Sie stand langsam auf. Unsere Gesichter waren sich nah, und wir sahen uns tief in die Augen. Es hatte nichts zu bedeuten.“ Es ist Chandlers Fähigkeit, unsere Erwartungen ins Leere laufen zu lassen, die Playback wesentlich ausmachen.

Betty Mayfield ist eine komplexe Frau und nicht wirklich zu fassen. Marlowe weiss nie, mit welchem Teil ihrer Persönlichkeit er es zu tun hat. Er rätselt, ob sie vielleicht eine sehr talentierte Schauspielerin ist? Sie will, dass er eine Leiche beseitigt, überlegt es sich dann aber wieder anders. Er versucht sie daran zu hindern, zu den Cops zu gehen, weil sie das nur an den Galgen bringe. Zugedröhnt mit Schlaftabletten sagt sie „Und es ist mir p-piepegal.“ „Das sagen nicht Sie, Das sagen ihre Schlaftabletten.“ Besser lässt sich das Zugedröhnt-Sein nicht beschreiben.

Die Zeit, in der ich Chandler gelesen habe, liegt lange zurück. Dass ich ihn damals derart unterhaltsam gefunden habe wie ich das heute tue, isr mir nicht erinnerlich. „Ich vertiefte mich in die Speisekarte, die fast so gross war wie der Speisesaal. Wäre ich neugierig gewesen, hätte ich eine Taschenlampe zum Lesen ganz nützlich gefunden. Das musste so ungefähr der schummrigste Schuppen sein, in dem ich je gewesen war. Einen Tisch weiter hätte die eigene Mutter sitzen können, und man hätte sie nicht erkannt.“

Playback zeichnet sich durch starke Dialoge, unerwartete Wendungen und sehr viel trockenen Witz aus. „Was da klackerte und aufprallte, war ein zusammengeknotetes Trockentuch mit schmelzenden Eiswürfeln. Jemand, der mich aufopfernd liebte, hatte es mir auf den Hinterkopf gelegt. Jemand, der mich nicht ganz so liebte, hatte mir den Schädel eingeschlagen. Vielleicht war das derselbe Jemand gewesen. Die Leute sind ja so launisch.“

Was Playback für mich besonders macht, sind die Gedankengänge von Henry Clarendon IV, einem betagten Herrn, der Marlowe in einer Hotelhalle anspricht. Über das Leben und den Tod, lässt er sich aus, sowie über das aussergewöhnliche Erblühen einer Strelitzie, „Was für eine seltsame Gottheit, die eine so komplizierte Welt erschafft, wenn eine schlichtere es auch getan hätte?“

Sehr schön schält Paul Ingendaay in seinem aufschlussreichen Nachwort heraus, dass es Chandler nicht um den Plot geht, sondern um die Haltung von Marlowe, die einem einzelgängerischen Ritterideal entspricht.

Fazit: Eine sehr ansprechende Geschichte darüber, wie man mit Anstand durchs oft unangenehme Dasein gehen kann.

Raymond Chandler
Playback
Diogenes, Zürich 2023

Dirk Stermann: „Mir geht’s gut, wenn nicht heute, dann morgen.“

Ein genialer Titel, der die Lebenseinstellung von Erika Freeman beschreibt, die einst vor den Nazis fliehen musste, sich in New York als Psychoanalytikerin einen Namen machte, und jetzt wieder in Wien lebt. Dort, im Hotel Imperial trifft sie sich jeden Mittwoch mit dem Fernsehmoderator Dirk Stermann, um sich mit ihm über Gott und die Welt zu unterhalten. Davon handelt dieses Buch.

Meine Vorbehalte gegen Psychoanalytiker und Fernsehmoderatoren überstehen nur gerade ein paar Seiten, dann nehmen mich die schlauen Bemerkungen und Beobachtungen gefangen. Den Florida-Golfer hält Erika Freeman für einen armen Mann, von seinem Vater nicht gemocht, von seiner Mutter für einen Nichtsnutz gehalten. Selbst Eltern, denkt es so in mir, können manchmal ein gutes Gespür für ihre Kinder haben.

„Wir kommen auf die Welt, dekonstruieren unsere Kindheit und dann sterben wir“, zitiert Dirk Stermann einen Comic aus dem New Yorker. Das deprimiert ihn. Ganz anders Erika Freeman. „Warum ist das deprimierend? Wir kommen auf die Welt, das ist doch schon mal sehr gut. Wir schauen, was in unserem Leben passiert, auch gut. Und wenn der Herrgott findet, dass wir genug angestellt haben, gehen wir.“ Wunderbar, obwohl ich ganz anders empfinde. Doch eben nicht immer. Solche Gedanken sind ansteckend.

Dirk Stermann ist sich zu Beginn ihrer Treffen nicht sicher, ob er in Therapie bei ihr ist. Betrachtet sie ihn vielleicht als Patient? „Natürlich nicht, aber es ist therapeutisch, wenn du mit bestimmten Menschen sprichst. Du fühlst dich hinterher besser. Niemand weiss, warum. Es ist alles Chemie.“ Besser, klarer und unprätentiöser habe ich das bislang noch nicht gelesen.

Für Erika Freeman ist Pessimismus keine Option; fröhliche Resignation beschreibt sie bestens. War sie immer schon so?, fragt sich Dirk Stermann, denn wienerisch ist das garantiert nicht. Auch will er wissen, ob Wien ihre Stadt oder ganz einfach nur eine Stadt sei. Eine Frage, die mehr über das Denken der Herrn Stermann aussagt als über Erika Freeman, die antwortet: „Es ist Wien.“

Dirk Stermann ist auch ein Mann des Klatsches, der höchst amüsant und vielfältig aufschlussreich sein kann. Von Thomas Bernhard zur arabischen Grossfamilie, bei der man nicht weiss, ob sie sich streiten oder einander verbal liebkosen, von C.G. Jung, der eine reiche Patientin geheiratet hat und ausgesprochen antisemitisch unterwegs gewesen ist bis zu … So überaus lehrreich kann Klatsch sein!

Mir geht’s gut, wenn nicht heute, dann morgen“ erzählt wesentlich Erikas Lebensgeschichte, in der gänzlich Unerwartetes (ihr Vater glaubte sie tot und trifft dann auf sie an seinem allerersten Tag in New York) neben haarsträubend Ungerechtem (wegen eines banalen Missverständnisses landet sie im Waisenhaus) steht. Was Erika Freeman dabei auszeichnet ist ihre Haltung: sie beklagt sich nicht, sieht bei allem, das ihr widerfährt, immer die Möglichkeiten, die sich ihr eröffnen.

Dirk Stermann staunt immer wieder, wen diese Frau nicht alles kennt. Von Golda Meir bis zur Frau des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten, von Ben Gurion bis …. doch ich will hier keine Aufzählung machen. Nur soviel: Dirk Stermann ist nicht der einzige, der sich wundert; das tut wohl jeder, der dieses Buch liest.

Mir geht’s gut, wenn nicht heute, dann morgen.“ ist ein Buch, das mich ständig laut und zustimmend heraus lachen lässt. Etwa als Erika Freeman konstatiert: „Aber je wichtiger jemand für die Gesellschaft ist, umso schlechter wird sie bezahlt. Mütter, Krankenschwestern. Kindergärtnerinnen. Ohne sie würde nichts gehen.“ Oder über diesen Satz, meinen Lieblingssatz: „But as Freud said, the ways of the Lord are mysterious, but always unpleasant.“ Sie weiss übrigens auch, weshalb wir sterben müssen: „… damit wir nicht zu lange Zeit haben, die Welt zu zerstören.“

Gescheit und erhellend ist dieses Buch, das so recht eigentlich eine Wahrnehmungs- und Denkschulung darstellt. So lerne ich etwa, dass es die Intensität der Information ist, die die Erinnerung steuert: Je stärker die Gefühle, desto eher bleiben sie einem. „Hitler erlaubte dir zu hassen. Und die Leute lieben die, die ihnen zu hassen erlauben. Du musst nur Lügen so lange wiederholen, bis die Menschen sie glauben.“ Wer würde da nicht automatisch ans heutige Amerika denken?

Fazit: Ein Buch für depressive Momente – man fühlt sich anschliessend besser!

Dirk Stermann
„Mir geht’s gut, wenn nicht heute, dann morgen.“
Rowohlt Hundert Augen, Hamburg 2023

Tim Schwab: Das Bill Gates Problem

Der Investigativjournalist Tim Schwab recherchiert seit 2019 zur Gates Foundation, die allerdings nie zum einem Interview bereit gewesen ist. Desgleichen Bill Gates. Man sollte also dieses Buch mit einiger Vorsicht geniessen, denn um jemanden ernsthaft zu porträtieren, braucht es sowohl die Innen- wie auch die Aussensicht. Und auch dann bleibt ein Porträt notgedrungen unvollständig, denn letztlich können wir nicht wissen, wie jemand wirklich tickt. Doch es gibt Anhaltspunkte – und Autor Schwab legt davon eindrücklich Zeugnis ab mit dieser immensen Fleissarbeit (die Anmerkungen allein betragen über 100 Seiten), auch von der Übersetzerin Martina Wiese, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass sich Das Bill Gates Problem wie ein Thriller liest.

Es beginnt spannend. Und zwar mit Paul Allen, einem Schulfreund von Gates, der bei der Gründung von Microsoft eine treibende Kraft war und 2018 verstarb. Allen war der Mann mit den Ideen, Gates der Geschäftsmann, was wesentlich meint: er ist ein egozentrischer und begabter Verkäufer. Und dies ist die Voraussetzung, um in unseren von Konsum und Marketing dominierten Zeiten, erfolgreich zu sein.

Wie alle sehr Erfolgreichen ist auch Bill Gates kein angenehmer Mensch. Aufbrausend, rechthaberisch und überaus von sich eingenommen. So jedenfalls zeichnet ihn Autor Schwab, der aus mir unerfindlichen Gründen zu glauben scheint, dass Bill Gates, der sich der Transparenz verweigert, sein Innerstes offen legen müsste. Und bedauerlicherweise scheint er auch zu glauben, dass demokratisch legitimierte Macht die Lösung sei. Ist sie natürlich nicht (Das beste Argument gegen die Demokratie, sei ein zehnminütiges Gespräch mit einem Durchschnittswähler, meinte Churchill), auch wenn sie der nicht legitimierten definitiv vorzuziehen ist.

So sehr ich dieses Buch auch schätze, des Autors Glaube an die Weisheit des Wählers bzw. des demokratischen Prozesses geht mir ab. Als Gates‘ Einfluss während der Pandemie offensichtlich wurde, hätte man, so Schwab, fragen müssen: „Sollte man einem nicht gewählten Milliardär wirklich einen so grossen Einfluss auf eine gravierende weltweite Gesundheitskrise zugestehen?“ Natürlich nicht. Wobei: Auch gewählte Politiker tun nichts anderes als ihre eigenen Interessen zu vertreten. Problematisch scheint mir vielmehr, dass wir interessengeleitete Politik für alternativlos zu halten scheinen.

Tim Schwab hat mit Das Bill Gates Problem weit mehr geliefert, als den Mythos vom wohltätigen Milliardär Gates zu entzaubern. Doch war das eigentlich nötig, hat ausser Gates eigentlich jemand daran geglaubt? Ist wirklich jemand der Auffassung, dass einer, der einen derartigen Aufstieg hingelegt hat, sich gleichsam über Nacht radikal ändern wird? Nun ja, das glauben nicht wenige. Wunschdenken ist weit verbreiterter als man gemeinhin annimmt.

Das weiss auch der Investigativjournalist Schwab, weshalb er es denn auch auf sich genommen hat, akribisch zu recherchieren, denn erst all die kleinen Teile ergeben ein Puzzle. So zeigt er anhand der Verbindungen zum Finanzier und Sexualtäter Jeffrey Epstein wie „Philanthrokapitalismus“ funktioniert. Am Rande: Die deutsche Industrie operierte nach dem Zweiten Weltkrieg genau so – man lenkte (und lenkt) mit grosszügigen Zuwendungen davon ab, wie man überhaupt zu den riesigen Vermögen gekommen war.

„…dass die Gates Foundation ihr enormes Stiftungsvermögen von 54 Milliarden Dollar in Privatgefängnisse, Waffenhersteller, Tabak, fossile Brennstoffe und sogar in Schokoladen- und Kakaounternehmen, die mit Kindersklaverei in Verbindung gebracht werden, investiert“, ist wenig erstaunlich, schliesslich legt jeder sein Geld da an, wo er am meisten Profit erwarten kann. Doch es ist die Logik dahinter, die absurder nicht sein könnte, auch wenn sie den meisten zu entgehen scheint. „Die Kapitalerträge aus diesem schmutzigen Geld, so die Logik, können dann via Philanthropie Leben retten.“

Apropos Jeffrey Epstein, mit dem Bill Gates offenbar öfter zusammen kam, als er zugeben will. „Während einige Grossunternehmen umgehend reagierten, als Vorwürfe im Zusammenhang mit Epstein laut wurden, legte die Stiftung die Hände in den Schoss.“ Woraus Autor Schwab schliesst: „Es hat den Anschein, als sei der moralische Kompass bei amerikanischen Unternehmen, dem britischen Königshaus und der Trump-Regierung intakter als bei dem weltweit meistgefeierten Philanthropen.“ Mit einem moralischen Kompass bringe ich die hier Aufgeführten allerdings nicht in Verbindung

Dass ein Milliardär einfach so Geld verteilt, weil er sein Gewissen entdeckt hat, ist wenig wahrscheinlich. Und Bill Gates ist keine Ausnahme – wenn er den Medien oder Bildungseinrichtungen Gelder zukommen lässt, dann will er etwas dafür. Das weiss jeder. Ausser er (es kann auch eine sie sein) schaltet sein Hirn aus und gibt sich romantischen Vorstellungen von Läuterung hin. Macht, Einfluss und Eitelkeit sind die Triebfedern der Erfolgreichen – dass sie davon jemals genug haben könnten, mag vorkommen, die Regel ist es nicht. Erfolgssucht nennt sich das.

Natürlich ist Das Bill Gates Problem auch eine Abrechnung mit dem Mann, der nicht bereit war, auf des Autors Fragen einzutreten, was allerdings durch die präsentierten und höchst aufschlussreichen Fakten bei weitem aufgewogen wird. Doch so recht eigentlich ist dieses gut geschriebene Buch eine faszinierende Erzählung darüber, wie das kapitalistische System funktioniert. Wahlkampfspenden und Lobbying ist das Eine, weit zentraler ist hingegen unser Rechtssystem. „In Wirklichkeit sterben jedes Jahr Millionen Menschen wegen Problemen, die durch geistiges Eigentum hervorgerufen werden.“

Es ist unser Gesellschaftssystem, das es Bill Gates ermöglicht hat, derart reich und einflussreich zu werden – ein Gesellschaftssystem, in dem die Anständigen wenig Einfluss haben. Das liegt an uns allen, an unseren Werten, die denjenigen, die dieses System für sich zu nutzen verstehen, Achtung und Bewunderung entgegenbringen. Auch davon handelt dieses Buch.

Fazit: Beeindruckende, faktengestützte Aufklärung, die sich wie ein Thriller liest.

Tim Schwab
Das Bill Gates Problem
Der Mythos vom wohltätigen Milliardär
S. Fischer, Frankfurt am Main 2023

Jon Fosse: Das ist Alise

Auf dem Umschlag dieses schmalen Bandes wird wieder einmal der einfallslose Denis Scheck zitiert, der befindet – das ist so recht eigentlich seine Standardeinschätzung – , es handle sich hier um „ganz grosse Weltliteratur“. Was auch immer das sein mag … mir ist es zu nichtssagend.

In einem Haus („einem Ort, wo der Frühling Frühling ist, der Herbst Herbst, der Winter Winter, wo der Sommer Sommer ist“) an einem Fjord denkt die alte Signe übers Leben nach, vor allem über Asle, ihren Mann, der wie immer und bei jedem Wetter auf den Fjord hinausgefahren und eines Tages nicht zurückgekommen ist. Sie liegt dabei auf einer Bank und betrachtet den Film in ihrem Kopf. Dabei wird auch deutlich, dass Vergangenes nicht vergangen, sondern gegenwärtig ist und sich ständig ändert. Selten habe ich nachvollziehbarer geschildert gefunden, dass alles, was wir erleben, wir nur in der Gegenwart erleben können.

Es ist Asles Gewohnheit in seinem kleinen Boot auf den Fjord hinauszufahren. Er fährt nicht hinaus zum Angeln, auch wenn er es manchmal doch tut. So recht eigentlich tut er, was er tut, ohne bestimmten Zweck, obwohl er nicht immer Lust hat, er tut es einfach.

Der Mensch ist wie er ist, einfach so – und das wird hier ganz simpel (und deswegen überzeugend) geschildert. „Man muss ja nicht immer einen bestimmten Grund haben, wenn man was sagt, was, sagt er. Hat man wahrscheinlich selten, sagt er. Man sagt eben was, irgendwas, so ist das, sagt Signe.“

Sie sieht sich am am Fenster stehend, die Landschaft betrachtend. Die Berge, die Hügel und Weiden und ein paar Häuser. Auch Asle ist oft so dagestanden und hat in die Dunkelheit aus dem Fenster geschaut „ … er war fast nicht von der Dunkelheit da draussen zu unterscheiden oder die Dunkelheit da draussen fast nicht von ihm …“. Unser Hirn unterscheidet, auch wenn alles so recht eigentlich ineinander übergeht, übergangslos.

Wenn Asle nicht auf den Fjord hinausfährt, geht er spazieren. Auch danach ist ihm nicht immer, gelegentlich muss er sich überwinden und tut es auch – er merkt dann, dass ihm das Gehen gut tut. Auf seine Warum-Fragen, gibt er sich keine Antworten. „ … warum muss immer alles einen Grund haben?, denkt er, jetzt geht er noch ein bisschen auf der Landstrasse spazieren und dann macht er kehrt und geht wieder nach Hause …“.

Der Autor lässt uns an den Tagträumen von Signe und Asle teilhaben. Dabei taucht auch Asles Ururgrossmutter Alise auf sowie deren Enkel, der im Alter von sieben Jahren in der Bucht ertrank, Alles ist in diesen Träumen miteinander verbunden, unsere üblichen Kategorisierungen lösen sich auf, Vergangenheit und Gegenwart sind eins.

Das ist Alise beschreibt eine immerwährende, dem Wetter ausgelieferte und ansonsten unspektakuläre Gegenwart, die der Mensch mit Gewohnheiten zu bewältigen sucht. Neues passiert nicht, auch nicht als Signe und Asle sich kennenlernten und „sie sich einfach nur anschauten, einander zulächelten, als ob sie alte Bekannte wären, als ob sie sich schon immer kennen würden irgendwie, aber sich so unendlich lange nicht mehr gesehen hätten …“.

Es sind sehr lange Bandwurmsätze, die in einfacher Sprache gehalten sind, mit der diese Novelle erzählt wird. Sogenannt Bedeutsames bzw. grosse Worte werden vermieden, denn „grosse Worte verfälschten und verbargen nur, fand er, sie liessen das, was war, nicht sein und leben, sondern nahmen es weg und taten es in etwas, was irgendwie grösser sein wollte, so dachte er und so war es, er mochte das, was nicht gross sein wollte, denkt sie, im Leben, in allem ….“.

Jon Fosse schildert das Leben, wie es ist: Magisch, unspektakulär und rätselhaft.

Jon Fosse
Das ist Alise
mare, Hamburg 2023

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