Keine Ahnung, weshalb ich dieses Buch nicht von Cover zu Cover las, sondern, nachdem ich das Inhaltsverzeichnis mit den vielen Beiträgern zur Kenntnis genommen hatte, zu blättern anfing und bei der mir unbekannten Halina Bendkowski hängenblieb, die faszinierend Aufschlussreiches berichtete, und mich anschliessend bei Markus Imhoof festlas, dessen farbige Schilderung von Egon Ammann mich an meine eigenen Erfahrungen mit ihm erinnerten.
Ob er eine Möglichkeit für mich in seinem Verlag sähe?, hatte ich ihn angefragt. Kurze Zeit später besuchte er mich in Sargans, meinem Wohnort, und lud mich aufs Schloss zum Essen ein. Nach einem langen Gespräch beschied er mir, in einem Verlag sähe er mich nicht (ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits sieben Jahre in Buchverlagen hinter mir), weil er sich mich nicht in einem Büro vorstellen könne, doch er wolle was mit mir machen, wisse jedoch gerade nicht was. Er werde sich melden.
Das tat er dann auch. Er habe vor, mich für drei Monate als Scout nach Südostasien zu schicken, wo ich mich nach Werken umsehen sollte, die für den deutschen Markt interessant sein könnten. Zu meinen Vorschlägen, die ich ihm während meiner Reise und nach meiner Rückkehr präsentierte, hat er sich nie geäussert.
Überaus anregend und ausgesprochen spannend zu lesen, so erlebte ich die Lektüre von „Einem Stern folgen, nur dieses …“, die mir wieder einmal deutlich machte, dass jeder seinen eigenen und jede ihren eigenen Egon Ammann hat. Für mich als Leser bedeutet das, mit ganz vielen ganz unterschiedlichen Eigenarten und Verhaltensweisen bekannt gemacht zu werden, die das eigene Bild ergänzen.
Ein einfacher Mann war Egon Ammann definitiv nicht – einige der Beiträge in diesem Band machen das überaus deutlich. Ein Getriebener, so scheint es, und welcher Getriebene ist nicht gehetzt und angespannt?
Wenn man über andere schreibt, dann schreibt man ja auch immer über sich selber, schliesslich kennt man ja nur sich selber, und dazu noch ziemlich unvollständig. Dass die vorliegende Aussensicht so vielfältig ist, hat allerdings nicht nur mit den unterschiedlichen Schreibern und Schreiberinnen zu tun, sondern auch mit der komplexen Figur des Verlegers.
Das Buch gibt auch einen interessanten Blick in das Verlagsleben, oder genauer: in die Art und Weise, wie Egon Ammann den Zürcher Ammann Verlag führte. Also in etwa so, wie ich mir meinen idealen Verleger vorstelle: belesen und interessiert, engagiert, kreativ, enthusiastisch, nie wirklich am Boden, irgendwie spinnert. Wobei: es gab da ja auch noch seine Frau, die Co-Verlegerin Marie-Luise Flammersfeld, die in meiner Erinnerung eine Ruhe und Gelassenheit ausstrahlte, die ihm wesensfremd zu sein schien.
Auch Menschen, die Egon Ammann nicht persönlich kannten, kommen zu Wort. Als der Autor Peter Stephan Jungk anlässlich einer Gedenkveranstaltung ein Foto des Verlegers betrachtet, entdeckt er dabei etwas Jüdisches. Und tatsächlich war Ammanns Mutter Jüdin, was gemäss jüdischem Recht bedeutet, dass er Volljude war, wozu er sich jedoch nicht äussern wollte.
Neben Texten von Autoren, Mitarbeitern und Freunden (Frauen wie Männern), finden sich auch Texte von Egon Ammann und Marie-Luise Flammersfeld in diesem Band. Zudem eine sehr informative Einführung von Ingrid Sonntag sowie die Rubriken „Bilder und Bücher“, „Fundstücke“ und „Dokumentarisches“.
So sehr dieser Band eine Hommage an den Verleger Egon Ammann ist – eine Lobhudelei ist es nicht, auch Enttäuschungen und Irritationen kommen zur Sprache – , kaum jemand vergisst Marie-Luise Flammersfeld lobend zu erwähnen, die mit ihrem Mann zusammen den Verlag gegründet hatte. In ihrem Beitrag widmet sie den an der Gestaltung Mitwirkenden ein Kränchen, das ihr, die in Münster und Amsterdam Kunstgeschichte studiert hatte, so recht eigentlich auch selber gebührt. „Wir waren von dem damals heftig diskutierten Marketingerkenntnissen nicht überzeugt und verliessen uns möglichst oft auf Anregungen und Ideen aus der zeitgenössischen Kunst.“
„Einem Stern folgen, nur dieses …“
Egon Ammann und sein Verlag
Wallstein Verlag, Göttingen 2022




