Michael Haller / Hans-Peter Waldrich: Schuld, Verantwortung und Solidarität

Die Meinungen sind gemacht: Man ist entweder dafür oder dagegen. Jeder wähnt sich im Recht. Fakten sind egal. Ob bei Corona, der Ukraine oder der Hamas. Der Mensch ist ein irrationales Wesen. Der Verstand bzw. das Bewusstsein ist ihm hauptsächlich ein Rechtfertigungs- und Erklärungsinstrument.

Das sehen die Autoren Michael Haller und Hans-Peter Waldrich anders. Sie vertreten die Mehrheit, die zu glauben scheint, Erklärungen seien hilfreich und nötig, um die komplexe Wirklichkeit zu verstehen. Dieser Band ist eine differenzierte und informationsreiche Auseinandersetzung, die nicht unwesentlich dazu beiträgt, die Dinge noch komplexer zu machen als sie eh schon sind. Ist das nötig? Es ist eben das, was Akademiker so tun. Im vorliegenden Falle schreiben sie sich gegenseitig Briefe, nehmen sich also die nötige Zeit, um wirken zu lassen, was der andere äussert. Um dann zur Entgegnung anzusetzen, denn einig sind sich die beiden nicht.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert: Wer trägt die Verantwortung? Wo sind die Pazifisten geblieben? Droht uns in Europa der Atomkrieg? Medien im Krieg – wie informieren wir uns? Inwiefern die vorgelegten Antworten auf diese Fragen hilfreich sein könnten, hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass ich mir von Einsichten wenig erhoffe. Im besten Falle eine gewisse Beruhigung der Seele.

In der Einleitung zur Kontroverse über Russland, Deutschland und die Nato im Ukrainekrieg halten die Autoren fest: „Können wir denn nicht über die Frage der Verantwortung auf beiden Seiten, über das Für und das Wider der Waffenhilfe miteinander nachdenken und die Argumente gemeinsam abwägen? Doch, genau dies wollten wir.“ Ich sehe das entschieden anders, halte die Vorstellung von „Man müsse immer auch die andere Seite sehen“ für einen Denkfehler, dem wir schon viel zu lange huldigen, denn Psychopathen an der Spitze von Regierungen und Unternehmen werden sich nun mal verhalten wie das Psychopathen eben tun. Sie brauchen dafür keinen Grund. Dass sie oft von der Mehrheit (seien es Wähler oder Aktionäre) ein Mandat erhalten, spricht nicht für die Mehrheit, die sich zumeist wenig Illusionen über den Charakter der Gewählten macht, jedoch die Wahnvorstellungen über den eigenen Charakter nicht zu sehen imstande ist.

Warum also lese ich dieses Buch? Weil ich, so vermute ich (ich weiss es nicht wirklich; mein Bewusstsein – das ich auf allerhöchstens 10 Prozent veranschlage – hat gegen mein Unbewusstes – die restlichen 90 Prozent – keine Chance), nicht genug kriegen kann vom ausgeprägtesten (und wohl nötigsten) menschlichen Talent – dem Selbstbetrug, denn der Mensch weiss eindeutig nicht, warum er dies und nicht das glaubt bzw. tut. Er kann nur rätseln. Wie man das intelligent und unterhaltsam, aber so recht eigentlich folgenlos macht, führen die beiden Autoren in diesem Buch gekonnt und routiniert vor.

„Nahezu alle Kriege können ursächlich auf bereits lange bestehende Streitigkeiten reduziert werden. Krieg ist gewissermassen die Verlegenheitslösung dieser Streitigkeiten, wenn der vorherige Interessensausgleich nicht stattfand bzw. versäumt wurde“, schreibt Hans-Peter Waldrich. Und liefert damit gleichzeitig eine Illustration des weithin gängigen Weltbildes: Es gibt für alles eine Ursache und am besten kommen wir miteinander aus, wenn wir den Interessensausgleich suchen. Also miteinander reden, Brücken bauen, einander gegenseitig respektieren etc. Doch ist das so? Kann/soll man mit Psychopathen und mit denen, die ihnen folgen, reden?

Jedenfalls: Die beiden Autoren tauschen sich aus, argumentieren und führen vor, was Demokratien von Diktaturen unterscheidet: Die freie Meinungsbildung. Und diese kann, wie der für „Frieden statt Waffen“ sich einsetzende Hans-Peter Waldrich schreibt, zu einer unerwarteten Erkenntnis führen: „Leider und wirklich leider muss dieses Engagement zurzeit kriegerisch sein. Denn ähnlich wie zur Zeit der Bedrohung durch Hitler gibt es einfach keine andere Wahl, als der Gewalt entschlossen mit Gegengewalt einen Riegel vorzuschieben.“ Und der sich für Waffenlieferungen an die Ukraine engagierende Michael Haller meint: „Im Rückblick auf die vergangenen 18 Monate erkenne ich mich als einen von der Realpolitik der westlichen Machthaber mehr und mehr enttäuschten … Idealisten.“

***

In weiten Teilen handelt dieses Buch von den Themen, mit denen sich die Autoren ihr Leben lang intensiv beschäftigt haben. Den Medien (Michael Haller) und den Sozialwissenschaften (Hans-Peter Waldrich). Das liest sich wie eine Geschichtsstunde, die, das liegt in der Natur der Sache, auch ausgesprochen spekulativ unterwegs ist. „Ist es völlig abwegig zu behaupten, Putin tue hier etwas, das ein amerikanischer Präsident mutatis mutandis ebenfalls getan hätte?“ (Hans-Peter Waldrich). Und gelegentlich lebensfremd: „Du hast Recht, wir sollten viel gründlicher über den Hang deutscher Medien zum prowestlichen Meinungs- und Belehrungsjournalismus sprechen.“ (Michael Haller). Nein, sollten wir nicht. Dass westliche Medien eine prowestliche Sicht vertreten ist nicht nur das Normalste von der Welt, es ist auch das, was der westliche Leser zu Recht von ihnen erwartet.

Was dieses Buch lesenswert macht, ist das differenzierte Sich-Bemühen, Grundsätzliches herauszuschälen. „Wenn mich eines im Lauf meiner jahrzehntelangen Bemühungen um sozialwissenschaftliches Begreifen immer wieder beunruhigt hat, dann ist es die Einsicht, wie wenig wir wissen können. Schauen wir umher und bleiben wir wirklich ehrlich, dann sehen wir uns umgeben von undurchsichtigen Wäldern. Und gleichwohl müssen wir eine Richtung wählen“, beschreibt Hans-Peter Waldrich unser aller Dilemma. Nur notiert er anlässlich der Corona-Massnahmen eben auch: „Plötzlich stritt ich mich mit Freunden, mit denen ich bislang weitgehend einer Meinung war. Aus meiner Sicht hatten sich diese Freunde und Bekannten in der Krisensituation ängstlich kritiklos den interpretativen Vorgaben der Regierung angeschlossen, wahrend ich dabei blieb, ›denen da oben‹ zu misstrauen.“ Das erinnert an George W. Bush: Ob sich die Umstände änderten oder nicht, er blieb bei seiner Meinung.

Michael Haller findet dabei „den Vorschlag des Soziologen Andreas Reckwitz hilfreich, anstelle der klassischen linearen Denkmodelle neue »Theorien der Nichtlinearität« zu entwickeln.“ Neue Theorien? Für Soziologen vielleicht, mir selber genügt, mir Zeit für das genaue Hinschauen zu nehmen, die Anschauung. Zudem: Die zahlreichen historischen Ausführungen und Herleitungen, so aufschlussreich sie in einem traditionellen Sinne auch sein mögen, scheinen mir ein Indiz dafür, dass die Zeit für eine andere Art zu denken noch nicht gekommen ist. Obwohl: „Doch in Kriegszeiten – ich bleibe dabei – wird das Politische binär und die politische Lage bipolar. Und in dieser Situation verlieren die Manifestanten ≫für Frieden≪ den Kontakt zur Realität.“ Ein nüchterner Blick auf die gegenwärtige Realität sollte in der Tat die herkömmlichen Denkmodelle ersetzen.

Fazit: Michael Haller und Hans-Peter Waldrich machen mit Schuld, Verantwortung und Solidarität eine Zeitreise durch ihr reflektiertes Erwachsenenleben und die Geschichte der Bundesrepublik sowie Ausflügen in die Weltpolitik in den letzten 50 Jahren. Eine Zeit, die einem heutzutage eigenartig unwirklich vorkommt. Selten ist mir deutlicher geworden, dass unsere gewohnten Denkstrategien nicht mehr helfen.

Michael Haller / Hans-Peter Waldrich
Schuld, Verantwortung und Solidarität
Eine Kontroverse über Russland, Deutschland und die Nato im Ukrainekrieg
Herbert von Halem Verlag, Köln 2023

Paul Auster: Winterjournal

Anzuzeigen ist ein aussergewöhnlich persönliches und bewegendes Buch, geschrieben mit einem Händchen für Dramaturgie und mit einem sehr schönen Sinn für Witz: „’Merk dir das, Charlie‘, sagte er, ‚lass keine Gelegenheit zum Pinkeln aus.‘ So werden uralte Weisheiten von einer Generation zur nächsten weitergereicht.“

Es handle sich bei diesem Werk um „eine Lebensbeichte ganz aus der Warte des Körpers“, lese ich im Klappentext. Da hab ich offenbar ein anderes Buch gelesen. Zum einen ist es für mich keine Beichte, und eine Lebensbeichte sowieso nicht, zum andern stelle ich mir unter der „Geschichte eines Körpers“ etwas in Richtung Biologie vor und keine reflektierten, autobiografischen Begebenheiten aus den verschiedensten Lebensjahren.

Von seinen einundzwanzig ständigen Wohnsitzen von der Geburt bis zur Gegenwart berichtet Auster und nennt sie seine einundzwanzig „Haltepunkte“, darunter auch San Francisco („… je besser du San Francisco kennenlerntest, desto kleiner und langweiliger kam es dir vor …“) , von seiner ersten Ehe und der Frau, die er „am 23. Februar 1981“ kennenlernte und mit der er auch heute noch zusammen ist, vom Tod seiner Mutter, bei dem er nicht weinen und nicht trauern konnte, „wie Leute es normalerweise tun“.Doch was ihm zwei Tage nach ihrem Tod widerfährt, ist an Dramatik kaum zu überbieten: „der Hammer, der ohne Vorwarnung niedersaust, und dann die Atemnot, das Herzrasen, der Schwindel, die Schweissausbrüche, der Körper, der zu Boden stürzt, die Arme und Beine, die zu Stein werden, die Schreie, die aus verrückt gewordenen, luftleeren Lungen hervorbrechen, und die Gewissheit, dass dein Ende nahe ist, dass die Welt binnen einer Sekunde zu existieren aufhören wird, weil du dann selbst nicht mehr existierst.“

Wie er das Leben seiner Mutter schildert, ist besonders eindrücklich. Von ihrem Unfall, nach dem sie keinen Schluck Alkohol mehr trank, von ihrer zweiten Ehe, die so war, wie sich jeder die Ehe ersehnt, und von ihrer dritten, die der Sohn für einen törichten Entschluss hielt.

„Winterjournal“ erzählt von Privatem, doch ein privates Buch ist es nicht, sondern eines, das der Komplexität und Widersprüchlichkeit der eigenen Gefühle Ausdruck gibt, eines, das genau und hellsichtig Austers Wahrnehmungen registriert. So beschreibt er etwa seine zehn Jahre ältere Kusine, als „streitsüchtige, selbsternannte Sittenwächterin“, doch eben auch als „nicht dumm, sie hat das College ’summa cum laude‘ abgeschlossen, sie ist Psychologin und führt eine grosse, gutgehende Praxis, eine aufgeschlossene, tatkräftige Frau“.

Paul Auster betreibt keine Nabelschau, dafür ist er viel zu interessiert an der Welt. Von seinen Nachbarn im Duchess County sind ihm die Tragödien am deutlichsten in Erinnerung geblieben, „zum Beispiel die Frau, die mit achtundzwanzig an MS erkrankte, oder das vergrämte Paar nebenan, dessen Tochter im Jahr zuvor mit fünfundzwanzig an Krebs gestorben war, die Mutter nur mehr Haut und Knochen und dem Gin verfallen, ihr liebevoller Mann nach Kräften bemüht, sie zu stützen, so viel Leid hinter den verschlossenen Türen und zugezogenen Fenstern dieser Häuser, und auch dein Haus machte da keine Ausnahme. Alter: 30 bis 31. Eine trostlose Zeit, ohne Frage die trostloseste Zeit, die du jemals durchlebt hast, einziger Lichtblick die Geburt deines Sohnes im Juni 1977. Aber hier brach deine erste Ehe auseinander, hier erdrückte dich die Last ständiger Geldsorgen (wie in ‚Von der Hand in den Mund‘ beschrieben), und hier bist du als Dichter in die Sackgasse geraten.“

Das ist sehr aufrichtig, sehr menschlich, sehr lebensklug. Auch weil sich da jemand als einer unter anderen wahrnimmt. Und es ist sehr gut geschrieben.

Paul Auster
Winterjournal
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013

James Lee Burke: Regengötter

Hackberry Holland, ein früherer Bürgerrechtsanwalt, ist jenseits der siebzig und arbeitet als Sheriff im Niemandsland nahe der mexikanischen Grenze, als ein anonymer Anruf eingeht – ein Massenmord ist geschehen, neun asiatische Frauen wurden umgebracht und hinter der alten Kirche in Chapala Crossing, im Süden von Texas, verscharrt. Das FBI bemächtigt sich des Falles.

Der anonyme Anruf kam von Pete Flores, einem Ex-GI, der trinkt, zu den Treffen der Anonymen Alkoholikern geht und sich, seit er aus dem Irak zurück ist, mit den falschen Leuten eingelassen hat. Er und seine attraktive Freundin Vikki, eine kellnernde Country-Sängerin, suchen das Weite und werden von den Killern der Asiatinnen, der lokalen Polizei und dem FBI gejagt.

Das ist höchst gekonnt und spannend geschildert, es gibt zuhauf überraschende Wendungen – wie es sich für einen guten Krimi gehört, doch „Regengötter“ ist weit mehr als einfach ein guter Krimi, es ist ein Buch, das auch, wie immer bei James Lee Burke, eine Sozialstudie ist, die man, im Gegensatz zu ihren akademischen Pendants, auch gerne liest. Darüber hinaus kriegt man auch noch ganz viele nützliche Lebenseinsichten mitgeliefert.

„Hast du seinen Namen?“ „Er sagte, sein Name sei Pete. Kein Nachname. Warum hast du dich nicht gemeldet? Ich hätte Unterstützung schicken können. Du bist verdammt noch mal zu alt für diesen Scheiss, Hack.“ ‚Weil man ab einem bestimmten Alter lernt, sich selbst zu akzeptieren und zu vertrauen, und sich vom Rest der Welt löst‘, dachte er, sagte aber etwas anderes …

„Regengötter“ lässt einen die Wüste spüren. „Die Wüste war unveränderlich, allumfassend wie ein göttliches Wesen und ruhte in ihrer eigenen Grösse. Sie erstreckte sich in die Vergangenheit, zurück bis in die Tage des Garten Eden, und war eine Zeugin für die Berechenbarkeit und die Ausgestaltung der gesamten Schöpfung, eine Verlockung für all diejenigen, die keine Scheu hatten, sich auf sie einzulassen, sie zu erobern und sie zu benutzen.“

Als ich dies las war ich sofort wieder in Twenty-Nine Palms, einer Stadt in der kalifornischen Wüste, von der ihre Bewohner sagen, es sei nicht das Ende der Welt, doch man könne es von hier aus sehen. Drei Monate verbrachte ich dort, inmitten von Kreosotbüschen und kleinen Schlangen im Sand vor dem Haus, Coyoten und Hasen, die vorbeizogen, den kitschigsten Sonnenuntergängen, die ich je gesehen hatte und einer Weite, die mich befreite und mir gleichzeitig unheimlich war.

Im Gegensatz zu meiner friedlichen Wüste ist diejenige von James Lee Burke bevölkert mit gewalttätigen Menschen, die alle irgendeinen Knacks haben, ob sie nun als Verbrecher oder in Regierungsdiensten unterwegs sind. Und fast alle sind sie unberechenbar. Auch für sich selber.

„Regengötter“ überzeugt nicht nur als Page Turner und als realistische Sozialstudie: es ist auch eine packend geschriebene Geschichte übers Verzeihen. „Sie war bereit etwas zuzugeben, das womöglich nicht einmal passiert ist“, fuhr Pete fort. „Und falls sie es doch getan hat, wollte sie sich dazu bekennen und vielleicht sogar dafür ins Gefängnis gehen. Für sie macht es keinen Unterschied. Sie wünscht sich nur, dass man ihr all das vergibt, was sie in ihrem Leben falsch gemacht hat, Das erfordert ein Mass an Mut und Demut, das ich anscheinend nicht habe.“ Und eine Mediation darüber, wie man aufrichtig und anständig durchs Leben gehen kann.

PS: Es sind in diesem exzellenten Thriller (der den Deutschen Krimipreis 2015 in der Kategorie International erhielt) übrigens immer die Frauen, die den Verbrechern ohne zu zögern die Stirn bieten.

James Lee Burke
Regengötter
Wilhelm Heyne Verlag, München 2015

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Der erste Satz müsse einen packen, heisst es. Oder der erste Absatz. Oder auch die erste Seite. Bei „Americanah“ reicht schon der erste Teil des ersten Satzes, weil er mich erinnert, an Mendoza, die Stadt in der argentinischen Wüste, von der eine Freundin in der Schweiz wissen wollte, wie sie rieche und ich mich so was bis dahin gar nie gefragte hatte … der erste Teil des ersten Satzes von „Americanah“ geht so: „Princeton im Sommer roch nach gar nichts …“.

Ifemelu studiert in Princeton, wo sie sich jedoch keine Zöpfe flechten lassen kann, dafür muss sie nach Trenton, wo es mehr Schwarze gibt, die jedoch hauptsächlich Französisch, Wolof oder Malinke sprechen, Englisch hingegen „immer gebrochen und kurios, als hätten sie die Sprache nicht richtig gelernt, bevor sie sich den Slang und die Amerikanismen aneigneten.“ Einmal sagt eine Flechterin aus Guinea zu Ifemelu: „Igwa, o God, igwa sosaua“. Erst nach vielen Wiederholung verstand sie, was die Frau sagte: „Ich war, o Gott, ich war so sauer.“

Ich musste laut los lachen, war begeistert, und bereits mittendrin in dieser spannend erzählten, komplexen und hellsichtigen Geschichte von Ifemelu und Obinze, die einmal ein Paar gewesen und nun wieder miteinander in Kontakt treten.

Ifemelu hat sich gerade von ihrem schwarzen amerikanischen Freund getrennt, Obinze, der es in Lagos durch Beziehungen zu Geld und Ansehen gebracht hat, ist mit der schönen Kosi verheiratet, die es immer allen recht machen will: „Sie entschied sich immer für den Frieden und nicht für die Wahrheit.“

Ifemelu ist anders, selbstbewusst, direkt, eigen. Eine erfrischende Stimme, die sich in Amerika als Bloggerin zu Rassenfragen, die sie höchst instruktiv angeht, einen Namen macht.

So recht eigentlich hätte ja Obinze eine Freundin von Ifemelu kennen lernen sollen, doch dann … grossartig wie das geschildert wird. Überhaupt ist vieles, was in „Americanah“ geschildert wird grossartig. Und das meint, dass hier eine aussergewöhnlich talentierte Autorin am Werke ist, die es sich hervorragend aufs Geschichten-Erzählen versteht. Mir ist nicht wirklich klar, wie sie das schafft, mag es auch gar nicht analysieren, mir genügt mich mit Ifemelu in Nigeria und Amerika, und mit Obinze in England und Nigeria zu wähnen und am Schicksal der Protagonisten Anteil zu nehmen.

„Americanah“ ist eine spannend erzählte Liebesgeschichte, ein Buch über kulturelle Vielfalt, den Gebrauch der Sprache, die Anpassungsschwierigkeiten an eine fremde Kultur und auch darüber, wie Amerika und England (wo Obinze ein Zeitlang als Illegaler lebt) aus afrikanischen Perspektiven (es gibt recht viele unterschiedliche) wahrgenommen wird. Und es schildert Interkulturelles für einmal erfrischend direkt und ohne den gängigen, liberalen Relativismus. „Ich komme aus einem Land, in dem Rasse kein Thema war. Ich habe mich selbst nicht als Schwarze gesehen, ich wurde erst schwarz, als ich nach Amerika kam.“

Höchst überzeugend und witzig zeigt die Autorin auf, zu was für Absurditäten der Hang zu politischer Korrektheit führt, hält die amerikanische Sitte, der Bedienung zwischen fünfzehn bis fünfundzwanzig Prozent des Rechnungsbetrages als Trinkgeld zu geben für Bestechung und wundert sich, dass wenn man in Amerika gesagt kriegt, dass man abgenommen habe, dies als positiv gilt (in Nigeria ist es genau umgekehrt).

Chimamanda Ngozi Adichie zeigt höchst unterhaltend und differenziert, dass die Welt um einiges vielfältiger und unverständlicher ist, als ich bisher angenommen habe. So lerne ich etwa, dass in Kinshasa niemand Panikattacken hat (das haben nur Amerikaner), dass, wer im nigerianischen Onitsha aufgewachsen ist, mit „einem Dschungelakzent spricht. Er verwechselt ‚tsch‘ und ’sch‘. Ich will Tschokolade. Schüss.“ und wie Nigerianer klingen, wenn sie „sich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben, beide sprachen mit ihrer nigerianischen Stimme und ihrem nigerianischen Selbst, lauter, höher und mit einem ‚o‘ am Ende der Sätze.“

„Americanah“ führt aber auch eindrücklich vor, dass und wie Menschen, bei allen kulturellen Unterschieden (auch innerhalb der eigenen Kultur), überall auf der Welt ähnlich ticken. Nun ist das zwar eine Binsenwahrheit, doch wie Chimamanda Ngozi Adichie ihr Ausdruck gibt, das ist gekonnt, anregend und sehr lustig.

Fazit: Ein grossartiges Buch!

Chimamanda Ngozi Adichie
Americanah
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2015

Giles Kristian: Schneefieber

Ein Familienausflug in die Berge im Norden Norwegens. Ihre ältere Tochter ist vor Kurzem gestorben, die Eltern stehen noch unter Schock. „Die Idee, in die Lyngenalpen zu fahren, war dem Wunsch entsprungen, die letzten zehn Monate hinter uns zu lassen. Nicht um zu vergessen – wer könnte das schon? – , sondern um etwas anderes zu spüren.“

Bereits auf den ersten Seiten herrscht ein beklemmende Anspannung, der man sich nur schwer entziehen kann – da wird auf fast jeder Seite etwas angedeutet, aber nicht wirklich benannt. Die Beziehung Eriks zu seiner Frau Elise ist angespannt, das Verhältnis zu seiner Tochter Sofia anfangs nicht einfach, und mit Karine und Lars, einem älteren Ehepaar, das in der Abgeschiedenheit lebt und sich für die Ureinwohner, die Samen, engagiert, findet Erik auch nicht den rechten Ton.

Erik hat der 13jährigen Sofia einen mehrtägigen Skiausflug versprochen. Des Autors Beschreibung vom Anfang dieses Ausflugs, ist ausgesprochen Bilder-stark: „Im silbrigen Mondschein zogen sie Spuren dort, wo vorher nichts gewesen war.“ Und lehrreich: „Das majestätische Tier entschwand, wurde zu einem kleinen Punkt am Himmel, während sie auf Skiern zu der Stelle glitten, wo der Adler gelandet war. Dort fanden sie einen Schneehasen mit weissem Winterfell. Drumherum lagen kleine Fellbüschel, die im Wind zitterten. Der Hase lag reglos da. Die zwei betrachteten das tote Tier, das der Adler mit seinen Krallen förmlich zerrissen hatte.“

Auch wenn man nicht liest, was der Verlag auf der Rückseite des Umschlags zum Buch geschrieben hat, so ahnt man meist bereits im Voraus (jedenfalls ist es mir so ergangen), wie sich dieser Thriller entwickeln wird, was der Handlung eigenartigerweise jedoch nicht die Spannung nimmt – und das ist das eigentlich Clevere an diesem Werk.

Erik und Sofia werden Zeugen eines grausamen Verbrechens. Und werden nun von den Killern gejagt. Eriks ursprüngliche Angst wandelt sich mit der Zeit in Wut. „In seinem Blut vollzog sich eine Metamorphose, aus Furcht wurde Wut.“

Jeder gute Thriller erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, sondern erklärt auch, wie es auf der Welt zu und her geht. Brutal und rücksichtslos, wenn es um die Ausbeutung der Natur geht – wer sich dem Profitdenken entgegen stellt, zahlt das meist mit dem Leben. Davon handelt Schneefieber auch, obwohl es vordergründig um eine atemberaubende Verfolgungsjagd geht. Autor Giles Kristians Protagonist Erik weiss, dass er sich nicht auf seinen Instinkt verlassen darf. „Sein Instinkt sagte ihm, dass er sich klein machen, den Schützen um Gnade anflehen und tun sollte, was der Mann verlangte, solange er versprach, Sofia nichts anzutun. Ihm war aber auch klar, dass es Gnade nicht geben würde.“

Schneefieber ist ein Pageturner, der es schafft, Stimmungen zu erzeugen, denen man sich nur schwer entziehen kann. Das ist umso bemerkenswerter als die Handlung oft recht einfach gestrickt ist, am Rande des Klischees. Und das meint, ganz entgegen landläufiger Meinungen, meist nahe an der Wirklichkeit. Nur eben: Gegen Ende nimmt die Geschichte dann eine Wendung, mit der ich nicht einmal ansatzweise gerechnet hatte – sie geht auf die Opfer der Spanischen Grippe zurück.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Erik erzählt, der sich wie ein gejagtes, hilfloses Tier fühlt. Dass ihm und seiner Tochter dann auf ihrer Flucht plötzlich wahrhafte Dunkelheit zuteil wird, empfindet er als Gottesgeschenk. „Kein Mond lugte mehr durch die Lücken zwischen den Baumkronen herab. Keine Sterne. Nicht einmal die Wolke, die sie verbarg, war zu erkennen. Vor ihm und um ihn herum nichts als die schemenhafte Andeutung von Bäumen.“ Man wähnt sich vor Ort mit dabei.

Es grenzt an ein Wunder, dass der Mensch, der in dieser weiten, unwirtlichen, magischen wie unheimlichen Natur unterwegs ist, zu überleben imstande ist. „Gut eine Stunde lang schwiegen beide, jeder gefangen in seinem eigenen Rhythmus. Zwei Automaten draussen in der Wildnis, synchron und ausdauernd. Sie durchquerten eine Landschaft, in der zahllose Gletscher über Millionen von Jahren erst gewachsen waren, um dann wieder zu schmelzen, vorzurücken und sich erneut zurückzuziehen.“

Schneefieber ist auch eine Meditation über das Leben – auch wenn Erik nicht traditionell religiös ist, also nicht an eine gütige Macht glaubt, „hatte er sich der Vorstellung nicht völlig verschlossen, dass es etwas anderes gab. Etwas, das über die menschliche Erfahrung hinausging.“ – und über die Bedeutung von Träumen.

Schneefieber ist nicht nur ein packender Thriller, der einen mitfiebern lässt, sondern auch ein eindrückliches Dokument des Lebenswillens, der ungeahnte Kräfte zutage fördert, die auch den widrigsten Umständen trotzen.

Giles Kristian
Schneefieber
Thriller
Penguin Verlag, München 2023

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