Walpola Rahula: Was der Buddha lehrt

Dieses in einfacher Sprache verfasste Werk ist eine rundum gelungene Einführung in Buddhas Lehre. Gleichzeitig hat es mich genervt, denn es ist auch ein Zeugnis der Überheblichkeit. So merkt der Autor in seiner Vorrede an: „Ein Professor für vergleichende Religionswissenschaft, Verfasser eines kürzlich erschienen Werkes über den Buddhismus, wusste zum Beispiel nicht einmal, dass Ananda, Buddhas ergebener Begleiter, ein (ein Mönch) war, und hielt ihn für einen Laien. Was für eine Kenntnis des Buddhismus durch derartige Bücher vermittelt wird, kann sich der Leser selbst vorstellen.“ Mit anderen Worten: Ich bezweifle, dass jemand der Solches schreibt, Wesentliches zu verstehen imstande ist, ausser vielleicht intellektuell – und das ist kein Verstehen. Wie schrieb doch der dem Buddhismus zugeneigte Schopenhauer so treffend: „Was das Herz nicht aufnimmt, lässt der Verstand nicht rein.“

Nun gut, woher will ich wissen, ob der Rev. Dr. W. Rahula, wie der Autor im Vorwort von Paul Demiéville bezeichnet wird, den Buddhismus nicht mit dem Herz erfasst haben soll. Das weiss ich natürlich nicht wirklich, doch da das Vorwort von Superlativen nur so strotzt, und Superlative selten etwas anderes als Ausdruck von Eitelkeit sind, habe ich zumindest Hinweise. Doch wie auch immer: Man kann auch von überheblichen Menschen etwas lernen, falls man sich auf ihre Aussagen und nicht auf ihre Person einlässt.

Anhand zahlreicher Geschichten schält der Autor Wesentliches heraus. „Für den Wahrheitssucher ist es unwesentlich, woher ein Gedanken kommt (…) Wesentlich ist nur, dass man die Wahrheit sieht und versteht.“ Leider werden diese nachvollziehbaren Gedanken dann durch einen Satz ergänzt, der dümmer nicht sein könnte. „Dem Ursprung und der Entwicklung eines Gedankens nachzuforschen ist Sache des Historikers.“ Soviel Glaube an zugeschriebene Kompetenz sollte einem Buddhisten eigentlich fremd sein. Noch unverständlicher wird dieser Satz, wenn man sich vor Augen hält, dass dieses Buch grösstenteils auf historischen Quellen beruht. Und damit habe ich so meine liebe Mühe: Wörtliche Zitate aus dem 6. Jahrhundert vor Christus?! Gimme a break.

Nichtsdestotrotz: Was der Buddha lehrt ist ein nützliches Werk, denn es wird detailliert und gleichzeitig klar dargelegt, was der Buchtitel verspricht. Zentral ist etwa, dass dukkha (das Verlangen, die Gier) den Keim des Entstehens sowie des Aufhörend in sich trägt. „Was auch immer die Natur des Entstehens hat, hat auch die Natur des Vergehens.“

Was diesen schmalen Band auszeichnet ist auch, dass Walpola Rahula Begriffsklärungen vornimmt. So haben etwa Begriffe wie Karma und Nirvana Eingang in die Umgangssprache gefunden, ohne dass den diese Begriffe Benutzenden oft wirklich bewusst ist, was sie bedeuten. Insbesondere wird Karma häufig mit moralischer Gerechtigkeit bzw. Belohnung und Strafe in Verbindung gebracht; es handelt sich dabei jedoch um „ein natürliches Gesetz, das nichts mit der Vorstellung von Gerechtigkeit oder Lohn und Strafe zu tun hat. Jede Willenstätigkeit hat ihre Wirkungen, ihre Ergebnisse.“ Nirvana, so der Autor, „ist nicht das Ergebnis von irgendetwas. Wäre es ein Ergebnis, dann würde es eine Wirkung sein, die durch eine Ursache hervorgerufen wurde.“ Nirvana kann man nur sehen und erfahren. „Man kann ein Licht sehen, aber das Licht ist nicht das Ergebnis des Sehens.“

Die Seele, das Selbst, das Ich sind für den westlichen Menschen selbstverständliche Begriffe. Nicht so für den Buddhismus, „der das Denken einer solchen Seele, eines solchen Selbst oder Atman leugnet (…) Kurz gesagt, alles Übel in der Welt kann auf diese falsche Ansicht zurückgeführt werden.“

Die buddhistische Lehre zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass alles bedingt relativ und miteinander verbunden ist. Woraus sich ergibt, dass nichts getrennt von allem anderen bzw. frei von allem anderen existieren kann, denn alles ist voneinander abhängig. Ein freier Wille ist demnach eine Illusion. „Weder körperlich noch geistig kann es etwas absolut Freies geben, da alles voneinander abhängig und relativ ist.“

Fazit: Anregend und hilfreich, von Klarheit durchdrungen.

Walpola Rahula
Was der Buddha lehrt
Origo Verlag, Bern 2023

Monika Maron: Das Haus

Eva, siebzig, sagt über sich: „Kollektive Lebensmodelle überfordern mich, selbst meine Ehen waren an meinen Kompatibilitätsdefiziten gescheitert“, zieht auf Veranlassung ihrer Freundin Katharina, einer Tierärztin im Ruhestand, in eine Kommune in einem abgelegenen Gutshaus nordöstlich von Berlin.

Jeder Neuanfang hat bekanntlich seine Tücken; Eva beschliesst ihren Aversionen gegen das Zusammenleben mit ihr zum Teil Fremden nicht nachzugeben, „sondern was immer mich hier erwartet, mit Gefallen zu betrachten, und falls mir das nicht gelingen sollte, dann wenigstens mit Interesse.“ Das Haus ist ein Roman, der mich andauernd zum Schmunzeln bringt.

Es ist der Ton, der mir diesen Roman sympathisch macht. Und Evas grundsätzlich ablehnende Haltung (hätten sie die Umstände nicht gezwungen, wäre sie lieber für sich geblieben), die allerdings nicht starr ist, sondern mit der Bereitschaft einher geht, ihre Voreingenommenheiten zu korrigieren.

Als in Paris Notre-Dame in Flammen aufgeht, ist Eva froh, die Ereignisse in Gemeinschaft anderer zu verbringen, konstatiert jedoch am nächsten Morgen: „Die Dankbarkeit, die ich in der Nacht empfunden hatte, als ich froh war, zu einer gleichfühlenden Gemeinschaft zu gehören, hielt dem kühlen Morgen nicht stand.“ Nichts, so scheint es, hat Bestand.

Ganz unterschiedliche Menschen im fortgeschrittenen Alter unter einem Dach – man kann sich leicht vorstellen, dass das kaum gut gehen wird. Und so kommt es denn auch bereits nach kurzer Zeit aus nichtigem Anlass zum Eklat. Es zeigt sich mal wieder – und Monika Maron schildert das sehr subtil – , dass das, worüber der Mensch redet und das, was ihn treibt, sehr verschieden voneinander sind. Dazu kommt: „Es heisst ja, dass der Mensch vor allem wahrnimmt, was ihn bestätigt. Wenn man sich also sechzig Jahre lang in den eigenen Ansichten bestätigen lässt, wird man immer mehr zu dem, der man von seinen Anlagen ist, ist doch logisch. Da kann man nichts mehr machen, verstehst du. Die Sparsamen werden geizig, die Ängstlichen panisch und die Rechthaber werden eben zänkisch“, sagt die Tierärztin Katharina, der es in der Folge gelingt, ihre Mitbewohnerin Gerlinde von ihrer Hundeangst teilweise zu befreien.

Apropos Tierärztin. Zu meinen Lieblingsstellen gehören auch diese Überlegungen. Sagt Eva: „Tierärzte bedurften einer grundsätzlichen Liebe zur Kreatur, die schliesslich den Menschen einschloss. Ich hielt Tierärzte auch für sensiblere Gemüter als Menschenärzte, weil ihre Patienten ihnen ja keine Auskunft geben konnten und sie deren Leiden an ihrem Verhalten ablesen oder ertasten musste. Sie konnten einen verängstigten Hund, der sich gegen die Behandlung wehrte, auch nicht einfach zur Ordnung rufen, sondern mussten ihn besänftigen, schlimmstenfalls mit vereinten Kräften festhalten.“

Sensibel, differenziert und mit sympathischem Humor gibt Monika Maron Auskunft über das Leben im Alter, das einen unter anderem zwingt, sich auch mit Sex bzw. dessen Fehlen auseinanderzusetzen. Wenig überraschend ist der Umgang damit individuell verschieden. Wie, das beschreibt die Autorin so wunderbar nüchtern, dass ich laut heraus lachen musste.

Zweifel, Unsicherheiten, Ungesagtes, Mitgemeintes – dass Menschen sich überhaupt verstehen können, grenzt an ein Wunder. Die Hausbewohner tauschen Ansichten aus, die von ihren jeweiligen Lebenserfahrungen gespeist sind, wobei einem auch aufgeht, wie eigenartig wir alle geprägt sind. Wobei: An der eigenen Vernunft scheint niemand zu zweifeln.

Sie reden über Vieles. Als ein Krimiautor, Mitte 50, ein Freund von Eva, zu Besuch kommt, auch über Krimis. Und über Angst und Mut, je nach Temperament, mal allgemein, mal akademisch. Berührend wird es, wenn es persönlich wird. Der Krimiautor erlebt Eva als um 10 Jahre gealtert, findet dieses Altershaus sei nichts für sie. Als sie mit einer Mischung aus Resignation und Rationalisierung antworten will, kommt das Leben dazwischen …. ein Waldbrand in der Nähe ist ausser Kontrolle geraten …. Cleverere kann man eigentlich kaum vorführen, dass die Welt in unserem Kopf nur dann zum Stillstand kommt, wenn das Leben uns dazu zwingt.

Als Eva konstatiert, dass zwei Mitbewohnerinnen sich wieder mit dem zu beschäftigen beginnen, was ihnen schon früher Halt gegeben hat, stellt sie bei sich „eine gütige Gleichgültigkeit“ fest, die nach und nach von ihr Besitz ergreift. Gelebte Weisheit! Wunderbar!

Das Haus ist eine überaus gelungene Schilderung ganz verschiedener Charaktere, die jeweils auf ihre eigene Art versuchen mit dem Alter klarzukommen – eine unterhaltsame und vielfältig lehrreiche Comédie Humaine, inklusive einer bezaubernden Hommage an die Welt der Bücher.

Monika Maron
Das Haus
Roman
Hoffmann und Campe, Hamburg 2023

Tony Hillerman: Zeugen der Nacht

Ich habe Tony Hillerman in meiner Jugend gelesen, und mir vor Jahren in einer Istanbuler Buchhandlung seine Biografie erstanden – an beides habe ich keine wirkliche Erinnerung, doch mit den nordamerikanischen Indianern verbinden mich seit meiner Kindheit positive Gefühle. Ich bin also gespannt, wie dieser „Indianer-Krimi“ heute auf mich wirken wird.

Zeugen der Nacht nimmt seinen Anfang auf einem Parkplatz in New Mexico. Automatisch stellen sich bei mir Bilder von dem blauen Himmel ein, einem Kennzeichen dieser Gegend. Und von einem Indianer, ebenfalls auf einem Parkplatz, der mir dort erklärte, dass das Licht in New Mexico anders sei als anderswo. Und auch die ausgedehnten Landstriche aus erstarrter Lava, die Tony Hillerman ausführlich beschreibt, sind sehr speziell.

Der junge Offizier Jim Chee, ein Navajo, überlegt gerade, ob er zum FBI wechseln oder bei der Navajo-Police bleiben soll, als er von einer offenbar vermögenden Frau engagiert wird, einen Diebstahl aufzuklären, bei dem ein Andenkenkästchen gestohlen wurde. Dem Polizeichef erklärt Chee: „Sie glaubt, es war ein Indianer. Ein Navajo. Sie meint, es habe etwas mit religiösen Dingen zu tun. Oder mit Hexerei. So was in der Art.“

Für das fragliche Amulett wurde ein Maulwurf als Symbol gewählt. „Chee konnte sich nur eine Erklärung denken, die nächstliegende: jede Ölbohrung fand in Richtung des Nadirs statt, drang vor in den Herrschaftsbereich des Maulwurfs.“ In der Tat gab es bei einem Bohrunfall viele Tote. „Ihr Vorarbeiter war ein Peyote Chief. Er hatte am Abend zuvor eine Zeremonie abgehalten und dabei eine Vision gehabt. Gott hat zu ihm gesprochen und ihm gesagt, draussen an der Bohrstelle werde etwas Schlimmes passieren.“

Nicht wenige Indianer haben ein engeres Verhältnis zu Mutter Erde als die meisten Weissen zu haben scheinen. Sie fühlen sich verbunden mit Bäumen und Steinen und allem anderen, das der Durchschnitts-Weisse als unbeseelt betrachtet, weshalb ihnen auch klar ist, dass sie Teil von Allem sind.

Auch in anderer Hinsicht sehen die Navajos die Welt anders als die Weissen. So ist in ihren Traditionen begründet, dass sie „den Namen eines Toten nie aussprechen. Dessen Geist mochte ihn vernehmen und sich bei dem einfinden, der ihn gerufen hatte.“ Sehr schön übrigens Tony Hillermans Sinn für Ironie. „Die Weissen haben wirklich seltsame Bräuche“, lässt er einen alten Indianer das Grab eines Weissen neben dessen Haus kommentieren. Dann wird die Leiche eines an Krebs verstorbenen Indianers aus dem Krankenhaus in Albuquerque entführt. Der Sohn der verschwundenen Leiche glaubt an Hexerei, womit er allerdings bei der Polizei nicht gerade auf Entgegenkommen stösst.

Was diesen Kriminalroman wesentlich ausmacht, ist die Figur des Navajo-Polizisten Jim Chee, der die Weissen so studiert, wie einige Weisse die Navajos studieren, etwa die junge aus Wisconsin stammende Lehrerin Mary Landon. „Chee hatte aber auch bemerkt, dass das Interesse dieser Studentinnen eher indianischen Männern als indianischer Mythologie galt.“

Die Handlung? Die soll hier nicht wiedergegeben werden, doch soviel sei gesagt: Eine zentrale Rolle spielen ein Auftragskiller namens Colton Wolf, der von Jim Chee und Mary Landon gesehen worden war, und es jetzt auf sie abgesehen hat, sowie ein mysteriöses „Volk der Finsternis“.

Die englische Originalausgabe erschien 1980, was dazu verleiten könnte, Zeugen der Nacht als Zeitdokument zu deuten, doch wie so oft, wenn gefordert wird, die Dinge im Zusammenhang zu sehen (wer glaubt eigentlich, den Zusammenhang bestimmen zu können?), wäre das ein Fehlschluss, denn dieser Kriminalroman ist heute genauso aktuell wie damals – er handelt nämlich von Grundsätzlichem und das meint: von einer anderen, weit weniger zerstörerischen Sicht auf die Welt als die des weissen Mannes.

Fazit: Gut geschrieben und spannend sowie eine anregende und aufschlussreiche Einführung ins indianische Denken, auch immer mal wieder mit Humor. „Sie war jung und hatte diesen rosigen Teint, bei dessen Anblick Chee sich fragte, wieso die Weissen die Indianer Rothäute nannten.“

Tony Hillerman
Zeugen der Nacht
Ein Fall für die Navajo-Police
Unionsverlag, Zürich 2023

Andreas Bähr: Athanasius Kircher

Der 1602 in Thüringen geborene Athanasius Kircher, Theologe, doch vor allem Naturphilosoph, wurde 1633 von Papst Urban VIII. nach Rom berufen, „um am Collegium Romanum, der ersten und wichtigsten Studienstätte seines Ordens (der Jesuiten), zu forschen und zu lehren.“ Und was der Mann alles erforschte! Drachen etwa, die er für natürliche Wesen hielt. Oder Hieroglyphen. Oder Aschekreuze. Oder Musik. Oder …

Woher wissen wir das? Aus Kirchers Autobiografie, die aus 50 Manuskriptseiten bestand, und die Grundlage für das von Andreas Bähr, Professor für Europäische Kulturgeschichte der Neuzeit an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), verfasste Werk bildete. Dieses Buch, so Bähr, schreibe nicht die Geschichte von Kirchers Leben, sondern „ein Bündel von Lebensgeschichten.“

„Kircher hatte sich die Entzifferung der Welt zur Lebensaufgabe gemacht und am Ende, in seiner Vita, auch noch dieses Leben zu entziffern versucht. Er war einer der intensivsten Leser der Dinge, in einer Phase der Wissensgeschichte, in der die Zeichen und ihre Bedeutung allmählich auseinanderzutreten begannen. Seine Entschlüsselungsarbeit sucht nach Gewissheiten in ungewisser Zeit – und schuf dabei immer wieder die Ungewissheit, die sie austreiben wollte.“

So recht eigentlich könnte man dies auch von den unterschiedlichsten Forschungen in der heutigen Zeit sagen. Und das ist denn auch der Eindruck, den dieses detailreiche Werk hauptsächlich bei mir zurücklässt: Dass unser Forschen die Rätsel nicht hat kleiner werden lassen – im Gegenteil!

Kircher war 14 oder 15 Jahre alt als er in den Wäldern des Spessart die Orientierung verlor, ein Stossgebet zum Himmel schickte und versprach, künftig, sollte er denn gerettet werden, Gott zu dienen. Die Ausrichtung auf Gott wird denn auch sein Leben bestimmen – er begriff die Wunder der Welt als Hinweise auf die Ordnung und die Güte Gottes. Als Katholik stellte er die Lehrmeinung der Kirche nicht in Frage.

Wir sehen die Dinge bekanntlich so, wie wir sie sehen wollen. Der Orientalist Andreas Müller zeigte das anhand einer fingierten Schrift, die er Kircher vorlegte, um sich bestätigen zu lassen, dass es sich um eine ägyptische handele, was Kircher denn auch umgehend tat.

Was wir erkennen können bzw. was wir wissen informiert nicht notwendigerweise unser Handeln. Das gilt auch für Kircher, der 1673 an Joseph Marie Suáres schrieb, dass wer mit Amuletten Schutz vor Gefahren suche, als abergläubisch zu bezeichnen sei – was seiner Faszination für Amulette allerdings keinen Abbruch tat.

Kircher war ein Universalgelehrter, der sich neben Naturphänomenen auch mit lokalen Erzähltraditionen auseinandersetzte, also nicht nur Naturphilosoph, sondern auch Ethnograph war. „Um naturphilosophische Annahmen zu verifizieren, betrachtete Kircher nicht allein Muscheln und Meeresstrudel, sondern auch die Bilder und Orte erzählter Geschichten.“ Das klingt nach der Art ganzheitlicher Betrachtungsweise, die den Wissenschaften im Laufe der Zeit abhanden gekommen ist und heutzutage gelegentlich unter interdisziplinär läuft.

Porfessor Bähr hat mit Athanasius Kircher ein sehr akademisches Buch geschrieben, höchst differenziert und abwägend, reich an Hinweisen auf verwandte bzw. weiterführende Werke.

Kircher stellt sich zwar nicht ausdrücklich als Melancholiker dar, doch man liegt kaum falsch, wenn man ihn so wahrnimmt. Andreas Bähr hat das zu einem beherzigenswerten Schluss geführt: „Mehr Melancholie wäre gut. Denn Melancholie beschwört nicht den Weltuntergang, sondern ist vielleicht das Einzige, was ihn noch zu verhindern vermag: die Apokalypse, auf die ein bedingungsloses Produktivitätsstreben zutreibt.“

Andreas Bähr
Athanasius Kircher
Ein Leben für die Entzifferung der Welt
Wagenbach, Berlin 2023

Thomas Bagger: Nacht

Im Süden Jütlands wird eine Leiche gefunden. Auf der Brust des Toten ist ‚Grandberg‘ eingeritzt, der Name der mächtigsten Familie im Dorf – und des örtlichen Polizeichefs, der jetzt für den Fall verantwortlich ist, obwohl er, nach gängiger Praxis, als befangen zu gelten hat, doch die Dinge auf dem Land laufen eben etwas anders.

Die Leiche wurde aus dem Leichenschauhaus entwendet, neben ihr steckt eine Schaufel in der Erde – offensichtlich ein Hinweis, an der Fundstelle zu graben. 18 Skelette kommen zum Vorschein. Nun ja, der Plot eines Thrillers ist selten nah bei der Realität; die Figuren, die Autor Thomas Bragger auftreten lässt, schon eher.

Gut gelungen ist etwa Polizeichef William Grandberg, der privat und beruflich ein anderer Mensch zu sein scheint, und auch die Polizistin Jenny Seland, die in jeder Situation unverwechselbar sich selber ist, und ihre eigene Methode hat, sich abzuregen – an Donald, dem „Gummimann unten im Lagerraum des Zellentrakts. Benannt nach Donald Trump. Meine Empfehlung nach einem zermürbenden Tag: ein paar gezielte Faustschläge in sein Gummigesicht.“

Die Task Force 14 aus Kopenhagen – David Flugt und Lucas Stange – trifft ein; beide sind sie mit den örtlichen Begebenheiten unvertraut. Und so treten denn auch schnell die üblichen Spannungen auf. David leidet an einer posttraumatischen Reaktion, der Folge seiner letzten Mission in Rumänien. „Narben auf der Seele liessen sich nicht mit dem Laser entfernen wie Tätowierungen.“ Lucas ist kein besonders angenehmer Zeitgenosse, doch „ein analytisches Naturtalent“ und er versteht etwas von Ideengeschichte.

„Ein Ideenhistoriker reflektiert über die dominierenden Gedankenmuster, die der Mensch erfindet, um sich die Welt zu erklären. Die Wirklichkeit ist also im Grunde genommen nichts anderes als ein Konstrukt unseres eigenen Denkens. Und oft wird das, worüber sich die Mehrheit der Menschen einig ist, zur Wahrheit.“

Allerdings ist er auch ein recht arroganter Besserwisser. Einigermassen irritierend fand ich, dass er Elias Grandberg, der in der Religion seine Zuflucht gefunden hat, bereits beim ersten Treffen eine ziemlich klischeehafte Analyse von dessen innersten Motiven vorträgt. Mit anderen Worten: Als Seelenkenner würde ich Thomas Bragger nicht bezeichnen, sein Talent liegt im rasanten Erzählen.

Unsere Wettbewerbsgesellschaft bringt es unter anderem mit sich, dass Autoren auf der Suche nach Originellem und Speziellem manchmal übers Ziel hinausschiessen. Im Falle von Nacht meint das zum Beispiel. „Der Mullo ist ein alter Roma-Mythos.“ Schon etwas arg weit hergeholt für einen dänischen Thriller, finde ich. Doch dann schwenkt die Handlung unvermittelt zu einem Verbrechersyndikat nach Rumänien … Die Handlung ist schon arg konstruiert, wenn auch die einzelnen Elemente durchaus plausibel sind.

Besonders angesprochen hat mich die Schilderung der windigen Hafenstadt Esbjerg, und überhaupt alles Jütländische. „Meine Grossmutter hat immer gesagt, dass die Süderjütländer das Licht und die Dunkelheit stärker empfinden als andere Dänen. Weil es hier weniger Gebäude, Menschen und Autos gibt. Tage und Nächte können einem hier draussen unendlich erscheinen.“

Nacht sei ein Thriller für Rätsel-Fans, habe ich gelesen, Aber auch, er sei etwas für von Stieg Larsson Begeisterte. Ich selber habe dieses Buch ganz anders gelesen – als eine überaus gewalttätige (zu grausig-brutal, für meinen Geschmack), packende Geschichte, bei der mich die psychologischen Erklärungsversuche in Sachen Serienmörder, die zu sehr dem Zeitgeist-Denken entsprechen, allerdings wenig beeindruckten. Toll fand ich hingegen wie es dem Autor gelingt, die Spannung nicht nur beizubehalten, sondern zu steigern – Thomas Bagger ist ein Meister der Übergänge.

Fazit: Ein temporeicher, fesselnder Pageturner, der auch Jütländisches erfahrbar macht.

Thomas Bagger
Nacht
Die Toten von Jütland
Knaur, München 2023

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte