Kim Stanley Robinson: Das Ministerium für die Zukunft

Eine Hitzewelle lässt die Temperaturen in Indien auf weit über 50 Grad Celsius steigen, Millionen sterben, neben Menschen auch Kühe und Hunde – der Gestank ist grässlich. Eingetreten ist, was vorherzusehen war, doch niemand hatte die Klimabeschlüsse eingehalten. Man tat, was man immer schon getan hatte – man kümmerte sich um sich selber, die eigenen nationalen Interessen. „Es war leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus: Das alte Sprichwort hatte Zähne bekommen und war zur grausamen Realität geworden.“

Der junge amerikanische Entwicklungshelfer Frank May, der diese Hitzewelle überlebt hat, wird mit PTBS, posttraumatischer Belastungsstörung diagnostiziert. Die Ausführungen dazu wie auch zu den Behandlungsversuchen sind ausgesprochen realistisch: Das einzige Rezept dagegen ist nicht denken und nicht fühlen.

Das Ministerium für die Zukunft, obwohl ein Science Fiction, ist ein grundsätzlicher Text über unsere Welt und unsere Art zu leben, die, wenn man es recht bedenkt, absurder und gestörter kaum sein könnte. Dass man angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse den Menschen für ein vernunftgesteuertes Wesen halten könnte, kann nur vollkommen Durchgeknallten (die nichtsdestotrotz weit gescheiter sein können als der Durchschnitt) in den Sinn kommen, denn: „Es ist genug für alle da. Und aus diesem Grund sollte niemand mehr in Armut leben. Und es sollte keine Milliardäre mehr geben. Dieses Genug sollte ein Menschenrecht sein, eine Schwelle, unter die niemand fallen dürfte, und eine Obergrenze, über die niemand hinauswachsen kann.“ Wäre der Mensch vernünftig, wäre die Welt genau so wie hier beschrieben. Nur eben: Der Mensch verhält sich definitiv nicht vernünftig.

Es ist ein spannender und vielfältiger Ideen-Mix, der in diesem Werk abgehandelt wird. Die Themen-Palette reicht von „wer die Weltwirtschaft eigentlich inszeniert“ (definitiv nicht die Mehrheit) über die kognitive Verhaltenstherapie (die so einleuchtend ist, dass sie nur selten funktionieren kann) zur Angst, die sich nur schwer abschütteln lässt. So recht eigentlich werden so ziemlich alle derzeit gängigen gesellschaftlichen Themen abgehandelt: Ungleichheit, Raubbau an der Natur, Erderwärmung … you name it.

Doch Autor Kim Stanley Robinson, im Unterschied zu ganz vielen, wenn nicht den meisten Autoren, setzt sich mit Wesentlichem auseinander. „So kann man oft erleben, dass Ungleichheit als wirtschaftliches Problem gesehen wird; bei grosser Ungleichheit, so heisst es dann, verlangsamen sich Wachstum und Innovation. Im Grund reduziert dieser Ansatz unser Denken auf eine neoliberale Analyse und Beurteilung der neoliberalen Verhältnisse. Es ist die Gefühlsstruktur unserer Zeit; wir können nur noch in ökonomischen Begriffen denken, unsere Ethik muss nach den Wirkungen unseres Handelns auf das BIP quantifiziert und bewertet werden (…) Allerdings ist es manchmal auch wichtig, dass wir diesen ganzen Komplex aus dem Bereich der Quantifizierung herausnehmen und ihn nach rein menschlichen und sozialen Kriterien bewerten.“ Nicht nur manchmal, immer!

Das Ministerium für die Zukunft hat seinen Sitz in Zürich. Wie alle UN-Behörden ist es zahnlos. An einer Party in Brissago – der Autor scheint die Schweiz aus eigener Anschauung zu kennen – wird einer der Gäste von einem Fremden erschlagen. Dann schwenkt die Handlung plötzlich zu einer wissenschaftlichen Tagung – es ist ein ziemliches Durcheinander, das Kim Stanley Robinson da präsentiert, doch es liest sich gut und anregend, dieses Nebeneinander von ganz Vielem. Neben der Migration (der Autor stellt den Schweizer Behörden ein gutes Zeugnis aus für die Behandlung der Migranten) kommt auch das jährliche Elite-Treffen in Davos vor, womit die Schweiz „ihre Position als eines der reichsten Länder der Erde festigen kann, obwohl dieser Wohlstand eigentlich durch nichts begründet ist. Vielleicht durch die Schönheit der Alpen und die Intelligenz der Menschen – beides erscheint mir zweifelhaft.“

Frank May fühlt sich angesichts der Klimakatastrophe ohnmächtig und will etwas dagegen tun. Doch die indischen Aktivisten, denen er sich anschliessen will, wollen ihn nicht, für sie ist er ein Repräsentant des ehemaligen Empires. Und so macht er sich in die Schweiz („einem der bestüberwachten Länder der Welt“) auf, wo er Mary Murphy, die Leiterin des Ministeriums für die Zukunft, zwingt, ihn anzuhören. Was kann man tun, wenn man genau sieht, worauf wir zusteuern?, ist keine Frage mehr, die auf die gewohnte Art und Weise (dem Gesetz ist Folge zu leisten, Kompromisse müssen gesucht werden) beantwortet werden kann.

Mary Murphy, zwar irritiert durch den emotional durchgeschüttelten Frank May, geht den üblichen Weg der differenzierten, wohlmeinenden Bürokraten – und versucht es mit Überzeugungsarbeit, was so einleuchtend wie naiv ist, denn die Leute, die die Macht des Geldes hinter sich wissen, können über soviel Ignoranz nur den Kopf schütteln. Marys Treffen mit Vertretern der Europäischen Zentralbank schildert Kim Stanley Robinson so: „Allesamt gebildete, intelligente, höfliche und arrogante Männer. Ihre Haltung gegenüber Mary war in höchstem Masse abschätzig. Zum einen war sie die Leiterin einer Behörde ohne Finanzkraft und mit nur geringem Einfluss; zu anderen war das Ministerium bloss ein idealistisches Feigenblatt, das ausserordentliche Anstrengungen vorspiegeln sollte, die in Wirklichkeit gar nicht unternommen wurden.“

Dass wir auf eine vorhersehbare Katastrophe zusteuern, liegt hauptsächlich an unserem Denken, das wir der Ökonomie untergeordnet haben, die sich an Effizienz und Profit orientiert. Vonnöten wäre allerdings eine ganz andere Ausrichtung: „Gut ist, was gut für die Biosphäre ist.“ Zudem: Dass wir unter Wahrnehmungsirrtümern leiden ist bekannt, weniger bekannt sind unsere Denkfehler – so unterliegen wir etwa der Neigung, bei einer ersten Einschätzung oder Information zu bleiben; auch halten wir verständliche Erklärungen für wahrscheinlicher.

Das Ministerium für die Zukunft lehrt einen unter anderem auch, dass fast alles, was die Welt so am Laufen hält, wie sie ist, im Geheimen geschieht. Und auch, was diese Welt zum Einsturz bringen kann, geschieht abseits der Öffentlichkeit. Mit anderen Worten: Was öffentlich debattiert wird, ist immer eine Ablenkung.

Privatflugzeuge fallen vom Himmel; eine Sturzflut begräbt Los Angeles und die Leute sagen zueinander: „Der ganze Mist hier ist kaputt! Das muss alles abgerissen werden! Wir müssen die ganze Stadt neu aufbauen. Ich fand das grossartig. Vielleicht konnten wir es diesmal richtig machen.“

Mit Das Ministerium für die Zukunft ist Kim Stanley Robinson nicht nur eine eindrückliche und beklemmende Gesamtschau der wirklich wichtigen Probleme unserer Zeit gelungen, sondern auch eine Vision davon, wie das Vermeiden der Katastrophe möglich wäre.

Kim Stanley Robinson
Das Ministerium für die Zukunft
Roman
Wilhelm Heyne Verlag, München 2023

Sarah Bakewell: Wie man Mensch wird

Man tut gut daran, bei diesem Untertitel, Freies Denken, Neugierde und Glück von der Renaissance bis heute, etwas zu Verweilen, denn nichts, jedenfalls sehe ich das so, charakterisiert „den idealen“ Menschen besser als diese Kombination. Mit anderen Worten: Freies Denken, Neugierde und Glück sind die drei Elemente, die den Menschen ausmachen könnten – so er denn dazu bereit wäre.

Was ist der Humanismus? Letztlich etwas Persönliches, schliesslich geht es um Personen. Sarah Bakewell bezeichnet sich selber als Humanistin, da sie dem Individuum mehr Wert beimisst als den grossen Ideen. Unser moralisches Leben sollte „in der Zugewandtheit zu anderen Menschen verwurzelt sein“, meint die Autorin.

Hätte ich ihr vor einigen Jahren noch automatisch zugestimmt, bin ich mir heute, angesichts der Psychopathen in den Führungsetagen nicht mehr so sicher, ja finde es so recht eigentlich destruktiv zu glauben, wir seien alle menschlich, wenn dies, speziell bei den Rücksichtslosen, definitiv nicht der Fall ist. Den Satz: „Ich bin ein Mensch, und nichts Menschliches erachte ich als mir fremd“, würde ich jedenfalls nicht unterschreiben, denn mir sind diktatorische Züge nun mal nicht eigen. Wie ich das ausschliessen kann? Aus der Art und Weise wie ich lebe. Und wenn die Umstände anders wären? Weiss ich nicht, doch die Annahme, ich würde mich einfach den Umständen anpassen, scheint mir angesichts der Tatsache, dass ich das noch nie mainstream-mässig getan habe, eher unwahrscheinlich. Ausschliessen kann ich es selbstverständlich nicht.

Anders gesagt: Wie man Mensch wird lese ich als idealistisches Buch, keineswegs weltfremd, vielmehr an Idealen orientiert, wertvollen und hilfreichen Idealen. „Bildung und Erziehung, schrieb einst der indische Dichter Rabindranath Tagore, müsse „geistige Nahrung“ liefern und „Bewusstseinserweiterung und Charakterstärke“ fördern.

„Der Liebe der Humanisten zur Bildung liegt ein grosser Optimismus hinsichtlich ihres Nutzens zugrunde. Wir sind fürs Erste schon recht gut, aber wir können noch besser werden, Wir können auf unseren bisherigen Leistungen aufbauen – und uns gleichzeitig an dem erfreuen, was wir schon erreicht haben.“ Eine Haltung, die mir zusagt, auch wenn mir die antihumanistische Anschauung, die für eine radikale Umgestaltung unseres Lebens plädiert, „entweder indem wir uns von der materiellen Welt abwenden oder indem wir unsere Ansichten – oder und selbst – dramatisch verändern“ genauso entspricht. Sarah Bakewell trifft es auch für mich gut: „Dennoch bin ich meistens Humanistin und glaube, dass der Humanismus die bessere Fahne schwenkt.“

Wie man Mensch wird erzählt unter anderem ungemein spannend vom Werdegang Petracas und Boccaccios, die beide den väterlichen Vorstellungen nicht entsprechen wollten und sich der Literatur verschrieben. Damals, im vierzehnten Jahrhundert, wurden noch keine Bücher gedruckt. Die Texte, etwa von Cicero, die die beiden in den Klöstern ausfindig machten, mussten sie von Hand kopieren.

Im Jahre 1347. einige Jahre vor dem ersten Zusammentreffen von Petrarca und Boccaccio, breitete sich in Norditalien und Südfrankreich die Beulenpest (auch der Schwarze Tod genannt) aus; viele starben, die Gesellschaft und ihre Regeln brachen zusammen. „Im Angesicht einer Katastrophe geben die Menschen ihre zivilisierten Gewohnheiten auf, weil sie glauben, das Ende der Zivilisation sei gekommen.“ Nicht alle, einige setzen sich auch für ihren Erhalt ein. Wie immer, so bringt jede Katastrophe das jeweils Beste und Schlechteste in den Menschen hervor. Man denke auch an Covid.

Übrigens: Auch humanistische Frauen gab es damals. Etwa Christine de Pizan, 1364 in Venedig geboren, „die erste bekannte weibliche Berufsschriftstellerin“, oder, im späteren 15. Jahrhundert, Laura Cereta und Cassandra Fedele, die als Briefeschreiberinnen hervortraten.

Wie man Mensch wird ist ein gelehrtes Buch, das viel nützliche Aufklärung bietet. So lernt man etwa, dass die Menschen auf das Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 ähnlich reagierten wie auf 9/11. Rationalisiert wurden die traumatischen Erfahrungen mit der Strafe Gottes, die die einen am Werk sahen, bis zur göttlichen Herstellung eines universellen Gleichgewichts, die einige Philosophen auszumachen glaubten. Auch hier zeigt sich: Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.

Eine Geistes- und Ideengeschichte die sich am Menschen und seiner Aufgabe auf diesem Planeten orientiert, legt Sarah Bakewell mit diesem Werk vor. Wir sind in unserem Menschsein vereint; was uns ausmacht ist die Diversität, die Fähigkeit zum kritischen Denken und die Pflicht zu einer moralischen Lebensführung. Dies wird beispielhaft an ganz unterschiedlichen Personen aufgezeigt – von Wilhelm von Humboldt über Bertrand Russell zu Arthur C. Clarke.

Wie man Mensch wird ist ein Gegenentwurf zum Credo unserer Zeit: der Dominanz, ja der Diktatur der Gefühle. Wie Sie sich fühle, wurde Margaret Thatcher einst nach einer verlorenen Wahl gefragt. Was ich fühle? Weshalb fragen Sie mich nicht, was ich denke?, gab sie zurück. Seinen Verstand zu benutzen, dafür setzten sich auch die mit den Humanisten verwandten Aufklärer ein, zu deren Vorgängern man auch den antiken Philosophen Theophrast zählen darf. „Von allen Menschen ist allein der gebildete weder ein Fremder in fremdem Land noch nach dem Verlust seiner Hausgenossen und Verwandten ohne Freund, sondern in jeder Bürgerschaft ist er Mitbürger und kann harte Schicksalsschläge furchtlos verachten.“

Sarah Bakewell zu lesen, trägt zu meiner Bildung bei. Sie tut dies derart kenntnisreich und unterhaltsam, dass es nicht nur eine wahre Freude, sondern auch enorm stimulierend ist. Nicht zuletzt, weil sie überzeugend aufzeigt, dass es sich beim Humanismus um eine Haltung handelt, bei der es um die Entfaltung des Menschseins geht.

Sarah Bakewell
Wie man Mensch wird
Auf den Spuren der HUMANISTEN / Freies Denken, Neugierde und Glück von der Renaissance bis heute
C.H. Beck, München 2023

Samuel Graydon: Einstein

Unter einem gekrümmten Raum habe ich mir bisher so ziemlich gar nichts vorstellen können, doch als ich jetzt lese, „dass das Licht der Sterne im Zentrum des Sternbilds Stier, die 153 Lichtjahre entfernt sind, seine Bahn ändert, wenn es in die Nähe der Sonne gelangt, und die Sterne damit nicht mehr in ihrer üblichen Himmelsposition erscheinen“ und es dafür nur eine plausible Erklärung geben kann: „Die Sonne bewirkte eine Krümmung des Raums.“, kann ich mir etwas darunter vorstellen.

Autor Samuel Graydon, Wissenschaftsredakteur des Times Literary Supplement, ist ein begabter Schreiber, der Einstein nicht nur als allergisch gegenüber Autoritäten und Dogmen schildert, sondern auch als einen Mann, der früh die Erfahrung machte, dass ihm der Garten, der zum Haus der Familie in München gehörte, „eine Art paradiesische Freude schenkte“. Dabei wurde er sich auch bewusst über „die Nichtigkeit des Hoffens und Strebens (…), das die meisten Menschen rastlos durchs Leben jagt.“

Nach dem nicht gerade glänzenden Abschluss seines Physikstudiums an der ETH Zürich, war ihm eine Universitätsanstellung verwehrt. Er musste schliesslich froh sein, schliesslich hatte er Frau und Kind zu ernähren, eine Anstellung beim Patentamt in Bern zu finden. In dieser Zeit schrieb er auch seine bahnbrechenden Arbeiten über die Relativitätstheorie, die die Physik auf den Kopf stellte. In der Folge wurde er Privatdozent an der Universität Bern, später Professor an der Universität Zürich.

Es war ein steiniger Weg, der auch darin begründet war, dass Einsteins Naturell mit den gängigen Gepflogenheiten alles andere als konform ging.

Einstein. Ein Leben in 99 Teilchen, in 99 kurze Kapitel gegliedert, ist ein ungemein anregendes Buch, bei dem man den Menschen Einstein unmittelbar vor Augen zu haben glaubt. Etwa sein Buhlen um Frauen. Oder sein unorthodoxes Unterrichten, das den Studenten einen seltenen Einblick in einen wissenschaftlichen Denkprozess verschaffte. Oder sein Eintreten für Marie Curie. Oder für Friedrich Adler. Oder …

Im März 2011 zog es Einstein nach Prag, wo man ihm eine ordentliche Professur angetragen hatte. Dort lernte er auch den Kafka-Vertrauten Max Brod kennen, der gerade an einer Kepler-Biografie arbeitete. „Brods Kepler ist ein Mann, der für das normale Leben nicht erreichbar ist; ein ruhiger, der Wissenschaft und der Wahrheit verpflichteter Mensch. Als der deutsche Chemiker Walther Nernst den Roman las, habe er zu Einstein gesagt, ‚Dieser Kepler, das sind Sie.’“ Einstein. Ein Leben in 99 Teilchen ist reich an solch erhellenden Anekdoten.

Im Jahr darauf kam er zurück nach Zürich, ein Jahr später erreichte ihn ein sehr grosszügiges Angebot aus Berlin … doch ich will hier nicht das Buch nacherzählen, sondern davon berichten, was dieses Werk für mich wertvoll macht: Das Nebeneinander von Einsteins Werdegang, seinen Eigenheiten, seinem liebenswürdigem Charakter, seinen Erkenntnissen sowie dem Gewahrwerden des grösseren Ganzen.

Letzteres meint insbesondere, dass im frühen 20. Jahrhundert die Astronomen keine Ahnung davon hatten, dass das Universum grösser als die Milchstrasse ist. „Es war Konsens unter den Physikern der Zeit, inklusive Einstein, dass der Kosmos statisch und ohne Anfang und Ende ist.“ Doch dann entdeckte 1924 der Astronom Edwin Hubble eine Galaxie ausserhalb der Milchstrasse: Andromeda. Und unser Weltbild veränderte sich. Wir wissen heute: Das Universum weitet sich aus, jede Galaxie zieht die andere an. Und wir wissen auch, dass wir immer noch vor vielen Rätseln stehen.

Einstein. Ein Leben in 99 Teilchen lehrt einen Verblüffendes, etwa dass Einstein gerade mal 26 Jahre alt war, als er die Spezielle Relativitätstheorie, und erst 36 Jahre alt, als er die Allgemeine Relativitätstheorie entdeckte. Und dass er in späteren Jahren weniger als Physiker, denn als für den Frieden engagiert in Erscheinung trat, was ihn unter anderem dem FBI verdächtig machte, der ein umfängliches Dossier über ihn anlegte. Liest man Auszüge daraus, wundert man sich wieder einmal, was für Hohlköpfe bei den Geheimdiensten beschäftigt sind.

Samuel Graydon macht nicht zuletzt deutlich, dass „die Unverständlichkeit der Relativitätstheorie einen gewichtigen Teil ihrer Faszination“ ausmacht. So berichtet er etwa vom polnischen Physiker Ludwik Silberstein, der 1914 ein wichtiges Buch zur Relativitätstheorie verfasst hatte, und anlässlich einer Tagung zum Astronomen Arthur Stanley Eddington sagte, er dürfte einer von den weltweit drei Menschen sein, der die allgemeine Relativitätstheorie verstünde. Als Eddington abwiegelte, insistierte Silverstein: „Seien Sie nicht bescheiden, Eddington.“ „Im Gegenteil“, antwortete dieser. „Ich überlege, wer der dritte ist.“

Besonders faszinierend an diesem Werk ist, dass man quasi im Vorbeigehen mit Heisenbergs Unschärferelation, Baruch de Spinozas Gottesbegriff sowie Niels Bohrs Scharfsinn bekannt gemacht wird. Mit anderen Worten: Samuel Graydon nimmt uns auch mit auf eine Zeitreise, bringt uns das Ringen um Erkenntnis und Wahrheit näher, wobei sich zeigt, dass auch die hellsten Köpfe von Voreingenommenheiten geleitet werden. Als Einstein behauptete: „Gott würfelt nicht.“, hielt ihm Bohr entgegen: „Einstein, hören Sie auf, Gott zu sagen, was er tun soll.“

Zu meinen liebsten Anekdoten gehört die Begegnung Einsteins mit dem jungen Dramatiker Jerome Weidman. Dieser verfügte, seiner eigenen Einschätzung gemäss, über kein Musikgehör. Einstein wollte dies nicht akzeptieren und bemühte sich, den jungen Mann an die Musik heranzuführen, wobei er den grössten Teil eines Konzerts verpasste, was er gegenüber der Gastgeberin dahingehend begründete, dass er und sein junger Freund mit dem Grössten beschäftigt gewesen seien, wozu der Mensch fähig sei: „Die Grenze zur Schönheit ein klein wenig zu öffnen.“

Fazit: Smart, spannend, unterhaltsam und lehrreich.

Samuel Graydon
Einstein
Ein Leben in 99 Teilchen
Droemer, München 2023

Tove Alsterdal: Blinde Tunnel

Das schwedische Ehepaar Sonja und Daniel, das seine Ehe retten will, kauft ein Weingut in Böhmen, das seit dem Zweiten Weltkrieg brach liegt. Die Natur würde ihnen gut tun, glauben sie. Und die Arbeit am Haus ebenso.

Im Kellergewölbe stossen sie nicht nur auf Weinflaschen aus den Kriegsjahren, sondern auch auf die mumifizierte Leiche eines Jungen mit weisser Armbinde, die ihn als Sudetendeutschen auswies. Die Sudetendeutschen hatten damals Hitler freudig empfangen. Doch beileibe nicht alle – nach dem Krieg wurden sie trotzdem vertrieben.

Blinde Tunnel ist wesentlich Aufklärung über das Sudetenland und das meint: über „diejenigen Teile von Böhmen, Mähren und Schlesien, deren Bevölkerung zu einem grossen Teil aus Deutschen bestand.“ Und es ist eine Geschichte darüber, dass zwar Systeme verschwinden, doch nicht die Menschen, die sie möglich gemacht haben.

Ein alter Mann aus der Gegend bietet seine Dienste als Gärtner an. Als er Sonja herumführt und ihr die Gegend erklärt, fühlt sie sich auf einmal glücklich. „Ein kleiner Teil der Landschaft war mein geworden, sie trat hervor, nicht mit der Schärfe, die ich mit dem Tod verband, eher berührte sie mich in der Tiefe, ein Gefühl, als nähme ich ihre Wurzelfasern wahr.“

Dann wird Anna Jones, eine Frau, die Sonja im Gasthaus kennengelernt hat, ermordet und Daniel als Verdächtiger in Haft genommen. Der Schlüssel für diesen Tod muss in der Vergangenheit liegen. „Erinnerungen sind trügerisch. Sie führen uns in die Irre, führen Dinge zusammen, weil das Gehirn es so will, es will Muster und Sinn sehen, selbst da, wo nur ein Zufall dem nächsten folgt, es formt um und fügt hinzu, was andere erzählt haben oder was wir vielleicht nur geträumt haben.“

Sonja begibt sich auf die Suche nach Annas Vater, der im Osten Deutschlands, nahe der tschechischen Grenze, in einem Seniorenheim lebt. Er leidet unter Demenz, zu der Tove Alsterdal die Heimleiterin sagen lässt: „Ein Schutzmechanismus unseres Gehirns, könnte man sagen. Nicht ungewöhnlich in dieser Generation, die den Krieg im Kindesalter miterlebt hat. Die Demenz wird zu einer Flucht vor dem Schwierigen, und gleichzeitig löst sie Erinnerungen aus, die verdrängt worden sind. Es ist dann, als existierten Damals und Heute nebeneinander, ohne innere Ordnung. Oft wird der Demenzpatient als vergesslich bezeichnet, Dabei hat er sich vielleicht eher in seinen Erinnerungen verirrt.“

Überzeugend ist Blinde Tunnel vor allem der Stimmungen wegen, die Tove Alsterdal zu vermitteln weiss. So vermeint man etwa, mit Sonja, der Erzählerin dieser Geschichte, vor Ort mit dabei zu sein, in Prag, auf dem Weingut, im Hotelzimmer, in das sie nach Annas Tod umziehen muss. Im Zug nach Deutschland, beim Sich-Erinnern an schwedische Juninächte.

Was und wie Tove Alsterdal erzählt, ist ausgesprochen vielfältig, berührt ganz viele Aspekte der menschlichen Seelenverfassung. Was wissen wir über andere? „Man kann einen anderen Menschen nicht wirklich kennen, immer nur das, was er von sich preisgibt.“ Wem können wir trauen? Übersetzt der Dolmetscher auch wirklich, was man gesagt hat? Ist der Dolmetscher überhaupt Dolmetscher?„Es geschieht etwas mit einem, wenn man eine Weile in einer fremden Sprache gelebt hat. Auch wenn man die Worte nicht versteht, fängt man doch bald an, Nuancen zu unterscheiden. Einzelne Wörter, bejahend oder verneinend, wie der Tonfall ansteigt und wieder abfällt. Ich hatte den Eindruck, Anton Adámek antwortete ja, wo ich nein gesagt hatte.“ Und:„Angst vor der Dunkelheit ist zugleich die Furcht vor den eigenen Ängsten.“

Und nicht zuletzt: Blinde Tunnel handelt auch vom Bedürfnis, sich lebendig zu fühlen. „Die Leute sagen, man müsse im Jetzt leben, aber das ist unmöglich. Das Jetzt gibt es nicht. Es verschwindet in jeder Sekunde. Immer wenn ich versucht habe, im Jetzt zu sein, hat mich die Vergangenheit eingeholt“, räsoniert Sonja. „Ich glaube, es ist nicht das Jetzt, das wir wollen, es ist die Zukunft. Wenn wir die aus dem Blick verlieren, stirbt etwas.“

Tove Alsterdal
Blinde Tunnel
Kriminalroman
Kindler, Hamburg 2023

Josh Weil: Herdentiere

Osby Caudill lebt in den Blue Ridge Mountains in Virginia, einer Gegend, in der man mehr Kühe als Menschen zu sehen bekommt. Hier kümmert er sich zusammen mit seinem Vater seit Jahrzehnten um die Angus- und Hereford-Herden – und daher wird wohl auch der etwas eigenartige Titel „Herdentiere“ stammen (im englischen Original heisst das Buch „Ridge Weather“), doch dann schiesst sich sein Vater eines Nachmittags eine Kugel durch den Kopf.

Osby, wie schon sein Vater, ist ein recht verschlossener Mensch („Sein Problem war, dass die Leute nur hören konnten, was er sagte, und nicht, was er dachte.“), der die Dinge bedächtig angeht und sich alle Zeit der Welt dafür nimmt, so dass man den Eindruck gewinnt, dem Verrinnen der Zeit zuzusehen zu können. Alles in diesem mit grosser Sorgfalt komponierten Buch ist ruhig und einfach geschildert, auch die Selbsttötung von Osbys Vater. In dieser gänzlich unaufgeregten, nüchternen und faktischen Sprache liegt die Stärke dieses dünnen Bändchens, das einem das Gefühl vermittelt, die Magie der Gegenwart zu erleben.

Zwei Zitate sollen dies illustrieren:

„Als sie mit dem Essen fertig waren und zurückfuhren, legte sich der Tag dem Ende zu, und Osby begann die Traurigkeit zu spüren, die sich nach einem bedeutenden Ereigniss einstellt, einfach nur, weil es vorbei ist.“

„Als sie glühten, legte er ein paar Holzscheite darauf, die die ganze Nacht hindurch brennen würden; er wartete, bis sie Feuer fingen, dann schloss er den Ofen und liess ihn seine Arbeit tun.“

„Herdentiere“ is auch eine Meditation über die Grenzen sprachlicher Mitteilungsfähigkeit und Weil beherrscht die Kunst, mittels Sprache Sprachlosigkeit auszudrücken, ganz hervorragend:

„Kurz bevor er sie erreichte, überkam ihn das Gefühl, dass er sich aktiv daran erinnern müsste, wie man sprach.“

„Er seufzte. Er wünschte, es gebe einen anderen Weg, Dinge zu sagen, als zu reden. Es kam ihm vor, als sei er gar nicht dazu bestimmt, ein Mensch zu sein. Als Tier wäre er besser dran gewesen, er hätte kommunizieren können, indem er die Haare auf seinem Kopf aufstellte oder irgendeinen Geruch absonderte.“

Die Lektüre dieser „amerikanischen Novelle“ (so der Untertitel) lohnt nicht zuletzt, weil man in ihr so schöne und berührende Beobachtungen findet wie diese hier: „Der Boden gefror schon wieder, und der Truck schaukelte ruckelnd über die Weide. Die über den Berg verstreuten Rinder drehten sich alle gleichzeitig dem Motorengeräusch zu, wie ein Vogelschwarm, der sich auf ein geheimes Signal hin in die Lüfte erhebt.“

Josh Weil ist ein aussergewöhnliches Buch gelungen.

Josh Weil
Herdentiere
DuMont, Köln 2009

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