Shelley Burr: Hell

Warum ein deutsches Buch einen englischen Titel trägt, ist mir nicht verständlich. Und weshalb das englische „Hell“ dem deutschen „Hölle“ vorgezogen wurde, genauso wenig. Sicher bin ich jedoch, dass „Hölle“ eingängiger wirkt. Nur eben: Der stromlinienförmige Zeitgeist will es eben Englisch. Und treibt eigenartige Blüten. „Dann solltest du mich auf Facebook adden.“ Was wäre falsch an „hinzufügen“? Abgesehen davon, dass man es versteht …

Der Einstieg in diesen Thriller ist sehr gekonnt: Die Schilderung des ländlichen Australien lässt einen sich vor Ort fühlen. Fremden gegenüber ist man abweisend, besonders dann, wenn sie etwas von einem wollen. Und der junge Privatdetektiv Lane Holland, spezialisiert auf Cold Cases, will in der Tat etwas: Den Fall der damals neunjährigen Evelyn McCreery aufklären, die im Sommer 1999 spurlos verschwand. Nicht etwa, weil er ein Idealist ist, sondern weil dafür eine hohe Belohnung ausgesetzt ist.

Nach dem Kriminologie Studium hatte sich Holland gegen den Polizeidienst entschieden, denn innerhalb eines Systems zu arbeiten, bei welchem die Aufrechterhaltung der Zuständigkeitsbereiche wesentlicher ist als die Ermittlungsarbeit, war nicht sein Ding. „Folglich hatte er sich, so gut es ging, alles selbst beigebracht. Letztlich waren seine ersten Erfolge genau darauf zurückzuführen. Er hatte auf Ideen zurückgreifen können, die noch im Versuchsstadium waren, und auf brandneue Techniken, die vielleicht erst in Jahren die vielen Hürden der polizeilichen Genehmigungsverfahren nehmen würden.“

Es spricht ganz besonders für diesen Thriller, dass er in Vielem nahe an der Realität ist und unter anderem deutlich macht, dass sich nicht alle, denen Familienmitglieder abhanden gekommen sind, sich einen Privatdetektiv leisten oder, weil sie telegen sind, die Medien für sich einspannen können. Auch dass eine Selbsthilfegruppe Angehöriger vermisster Personen vorkommt und kritisch betrachtet wird, passt in unsere Zeit. „Anfänglich war bei der Begegnung mit Menschen, die in ihrem Leben dasselbe durchgemacht hatten, ein Funke übergesprungen, doch der Reiz war nach kurzer Zeit verflogen. Ihr war schleierhaft, woher Alanna die Kraft nahm, ihre Geschichte immer wieder zu erzählen und in Gegenwart fremder Menschen ihr Trauma zu durchleben.“

Nicht nur die neunjährige Evelyn McCreery ist verschwunden, sondern auch die zehnjährige Christa Rennold. Bei seinen Recherchen bedient sich Lane Holland auch der sozialen Medien. „Nur die wenigsten begriffen, wie weit der Arm der sozialen Netzwerke reichte.“ Konkret – und es sind solche Infos, mit denen sich auseinanderzusetzen lohnt: „Gesichtserkennung. Facebook, Google und andere soziale Medien setzen Software ein, die für jeden Benutzer eine Gesichtsmustervorlage erstellt. Die erkennt Gesichter und schlägt sie zum Verlinken vor, wenn ihre Freunde oder Freunde von Freunden Fotos von ihnen hochladen.

Thriller und Krimis figurieren oft als Seismometer des gesellschaftlichen Seins – und dies tut auch Hell. Mina, die Zwillingsschwester von Evelyn McCreery, ist in Therapie, die verstorbene Mutter der beiden war medikamentenabhängig, der Vater von Alanna und Christa Rennold ein Mann mit einem Doppelleben, ihre Mutter, Deirdre, einst von Meth abhängig, jetzt drogenfrei. Wobei: auf diese destruktiven Abhängigkeiten wird nicht eingegangen, sie werden nur gerade – und dies irritiert – als Background mitgeliefert.

Parallel zu Lane Holland Nachforschungen in Sachen Cold Cases wird auch seine eigene Geschichte als Vormund seiner jüngeren Schwester erzählt. Als nun der Vater der beiden aus dem Gefängnis entlassen werden soll … doch ich will hier nicht diesen gut geschriebenen Thriller nacherzählen.

Als Australien-Thriller wird Shelley Burrs Debüt-Thriller angepriesen und das impliziert unter anderem, die Leere und Weite dieses Kontinents zu vermitteln, was der Autorin, die im Umweltministerium in Canberra arbeitet und an der University of New England Landwirtschaft studiert, bestens gelingt.

Was Hell speziell auszeichnet sind die Charakterisierungen der auftretenden Personen, die als ausgesprochen komplexe, vielfältigen Stimmungsschwankungen unterworfene Menschen geschildert werden, die immer wieder für Überraschungen gut sind. Zudem: „Zeugen hatten ein unzuverlässiges Gedächtnis und konnten sich – in der entsprechenden emotionalen Verfassung oder aufgrund einer falsch gestellten Frage – an Dinge erinnern, die nie passiert waren.“ Nicht nur Zeugen sind so, wir alle sind so.

Fazit: Ein cleverer Thriller mit einem unerwarteten Ende, der einem die Weite und Leere des ländlichen Australien erfahrbar macht.

Shelley Burr
Hell
Australien-Thriller
Knaur Taschenbuch, München 2023

Lionel Shriver: Die Letzten werden die Ersten sein

Er habe beschlossen, einen Marathon zu laufen, eröffnet der frühpensionierte Remington seiner Frau Serenata. Womit bereits klar ist, dass der Titel Die Letzten werden die Ersten sein offenbar auf einen satirischen Roman hinweist.

Serenata „war erst sechzig – allerdings war ihre Generation die erste, die einen derart ernüchternden Sachverhalt mit dem Zusatz erst versah.“ Allerdings leidet sie unter Knieproblemen, weshalb sie mit dem Laufen aufgehört hat. „Niemand liebt das Laufen. Die Leute behaupten das, aber sie lügen. Das einzig Gute ist, gelaufen zu sein. Während man es tut, ist es öde und hart im Sinne von anstrengend, aber nicht im Sinne von schwierig zu bewältigen. Es ist monoton. (…) Aber immerhin bin ich endlich der riesigen Meute von Schwachköpfen entronnen, die auf dieser Welle mitreiten und sich für etwas verdammt Besonderes halten.“

Remington ist gut gealtert, auch mit 64 noch ein ansehnlicher Mann und ohne dass er bisher dem Fitnesswahn des Zeitgeistes gehuldigt hätte. Warum ist Serenata eigentlich so viele Jahre gelaufen? „Wahrscheinlich hatte bei ihr alles damit angefangen, dass sie selbst andere nachmachte – auch wenn es sich seinerzeit nicht so angefühlt hatte.“ Machte Remington jetzt möglicherweise sie nach? Serenata passt das gar nicht, bissig kommentiert sie seine Bemühungen.

Übrigens: Serenata „war Amerikanerin, ohne genauere Kennung oder Ergänzung – denn sich als Amerikanerin mit griechischen Wurzeln zu bezeichnen, nachdem sie in ihrer Kindheit kaum einmal eine Schüssel Avgolemono-Suppe gelöffelt hatte, wäre ihr verzweifelt vorgekommen.“ Es sind solche Sätze – und es hat einige in diesem sehr gut geschriebenen (und sehr gut übersetzten) Werk, die mich immer mal wieder laut heraus lachen machen. Der moderne Identitätswahn könnte absonderlicher wirklich nicht sein!

Die Ehe von Remington und Serenata ist, nachdem die gewohnten Abläufe im Alter nicht mehr so recht spielen, zu einer Art Wettbewerb geworden, bei dem unter anderem der Neid bestens vertreten ist. Sie, die siebenundvierzig Jahre gelaufen ist, wegen Kniebeschwerden jedoch nicht mehr kann; er, der sich beschäftigen muss, wegen der vielen freien Zeit, die ihm seine Frühpensionierung beschert hat.

Auch wenn die Arthrose Serenata das Laufen verunmöglicht, von ihrem Fitnessprogramm lässt sie deswegen noch lange nicht ab. Das Motto der beiden auf Fitness Bedachten ist offenbar: Fit ins Grab! Beissend schildert Lionel Shriver diesen Wahn, bei dem Werbebilder die Realität ersetzt haben.

Serenata ist eine Einzelgängerin, Massenbewegungen wie die Fitnessmanie oder die Evangelikalen gehen ihr auf den Keks. „Sie war allzu einverstanden mit sich selbst, und manchmal hatte sie sich gefragt, ob es vielleicht ein Manko war, sich nicht einsam zu fühlen.“ Remington, der sich ein Leben lang mit Verkehrsplanung, öffentlichen Verkehrsmitteln und Verkehrsfluss beschäftigte, ist da ganz anders geprägt und eindeutig der geselligere der beiden.

Die Tochter, die bei den Evangelikalen gelandet ist, kommt mit ihren Kindern zu Besuch. Wie geht ein liberales, aufgeklärtes Paar wie Remington und Serenata mit den Missionierungsversuchen ihrer Tochter um? Es ist das Erfreuliche an Die Letzten werden die Ersten sein, dass Lionel Shriver keine einfachen Antworten bereithält und trotzdem eine klare Haltung einnimmt. Weil sie es (wieder einmal) ausgezeichnet versteht, sich gescheit und witzig mit dem Leben auseinanderzusetzen.

Und dann taucht Personal Trainerin Bambi auf, die sich eines positiven Gequassels bedient, das den ganzen Schwachsinn unserer Epoche beinhaltet. Mit anderen Worten: Dem Zeitgeist-Irrsinn ist nur mit einer Karikatur beizukommen – und die beherrscht Lionel Shriver hervorragend.

Die Letzten werden die Ersten sein ist nicht nur eine gelungene Satire über das Älterwerden („Leider Gottes durfte man in Serenatas Alter nicht so von anderen Frauen denken, ohne dass es auf einen selbst zurückfiel. Serenata konnte sich auch nicht vorstellen, dass sie wie sechzig aussah.“), sondern auch eine Zeitreise in die 1970er, als im Gegensatz zu heute kaum jemand (abgesehen von Seebären und Gefängnisinsassen) ein Tattoo trug, und die 1980er, als die meisten Leute sich nicht vorstellen konnten, rohen Fisch zu essen. Heute dagegen gibt es kaum noch einen Ort ohne Sushibar. Sehr schön zeigt Lionel Shriver auf, wie alles, wirklich alles kommerzialisiert wurde und wird. Sklavische Konformität als das Gebot der Stunde.

Darüber hinaus ist Die Letzten werden die Ersten sein auch eine witzige Abrechnung mit unseren woken Zeiten, in denen man gut beraten ist, sich nicht an die gerade gängigen Vorgaben zu halten, auch weil, um ein Beispiel zu nennen, die Verfechter einer politisch korrekten Sprache nicht begriffen haben, dass nicht was, sondern wie man etwas sagt, entscheidend ist. C`est le ton qui fait la musique. Und nicht zuletzt macht Lionel Shriver einen darauf aufmerksam, dass die wirklichen Veränderungen häufig unbemerkt vonstatten gehen. „ … für eine ganz normale menschliche Aktivität, die früher gratis gewesen war …“.

Fazit: Witzig, bissig, gescheit und wahr.

Lionel Shriver
Die Letzten werden die Ersten sein
Piper, München 2022

Tove Alsterdal: Nebelblau

Nebelblau beginnt mit einem Tauchgang, mit dessen Beschreibung die Autorin auf Wesentliches hinweist: Wir sind aufeinander angewiesen, wenn wir einander nicht vertrauen können, sind wir verloren. „Ylva schnallte sich die Tarierweste mit der Tauchflasche um. Zog die Maske an und nahm das Mundstück des Atemreglers in den Mund, kontrollierte den Druck. Dann begann das wortlose Zusammenspiel, das sie so sehr liebte. Das Zeichen, dass alles okay war: Ich bin bereit, ich gehe zuerst runter, du folgst, wir verlassen uns aufeinander, ich bin für dich da, was auch immer geschieht.“

Dieser Tauchgang von Marinearchäologen im Hafen von Lunde, einem kleinen Ort in Mittelschweden („Ein Idyll könnte man meinen, wenn man nicht wusste, was die Menschen alles verschwiegen.“), fördert auch ein Skelett zu Tage. Polizistin Eira Sjödin, aufgrund ihrer Schwangerschaft in den Innendienst versetzt, wird mit der Untersuchung dieses vermeintlichen Cold Case betraut, der dann bis in die Gegenwart reicht.

Apropos Schwangerschaft: Eira kennt den Vater nicht; für die zwei, die in Frage kommen, empfindet sie nichts. Und auch für das Kind nicht, offenbart sie einem Kollegen, mit dem sie gerne zusammen wäre und der ihr sagt: „Für ein Neugeborenes ist es weniger wichtig, was du fühlst, als was du tust. Sieh zu, dass das Kind satt ist und nicht den Wölfen zum Opfer fällt. Das reicht erst einmal vollkommen.“ Eine weise Lebensanleitung, die sich nicht auf Neugeborene beschränkt.

Noch einen anderen Cold Case gibt es: Die mittlerweile 42jährige, in Stockholm lebende Lina Stavred, die in jungen Jahren aus Lunde verschwunden ist, und möglicherweise einen Mann getötet hat. Oder war es doch ein Streit unter Alkoholeinfluss, der den Mann das Leben kostete? Der Fall lässt Eira Sjödin keine Ruhe.

Ihre Mutter ist dement und lebt in einem Pflegeheim. „Es war die Tiefe, die verschwand, die Fähigkeit, einen Gedanken mit dem nächsten zu verknüpfen.“ Eine Demenz, hatte Eira einmal gelesen, sei „wie ein Wald, in dem man sich verirrt hatte, wo man einen Weg nicht vom anderen unterscheiden konnte.“ Und wo Zeit und Raum sich auflösen.

Nebelblau ist auch eine Zeitreise in die 1968er-Jahre, als es in der westlichen Welt zu Demonstrationen und Unruhen kam. So erfährt man unter anderem, dass Olof Palme zusammen mit dem Botschafter Nordvietnams gegen den Vietnamkrieg demonstrierte und nordamerikanische Dienstverweigerer in Schweden Asyl erhielten – was viele Jahre später einen von ihnen, wohnhaft in Florida, nicht hinderte, die absurdesten Verschwörungstheorien zu verbreiten.

Einfühlsam schildert Tove Alsterdal das Schicksal von einigen dieser Deserteure, die in Schweden Aufnahme fanden, damals um die zwanzig Jahre alt waren – dass Soldaten häufig in diesem Alter zum Einsatz kommen, ist mir selten bewusst – , und sich im Visier der CIA befanden. Nebelblau lässt auch die Zeit des Kalten Krieges wieder aufleben, als die Sowjetunion U-Boote in schwedisches Territorium in der Ostsee geschickt hatte.

Tove Alsterdal ist eine begabte Erzählerin, deren Denken und Vorstellungsvermögen sich des Kriminalromans bedient, um sich auch über Grundsätzliches zu äussern. Etwa als sie einen ihrer Protagonisten fragen lässt: „Was ist bloss mit den Leuten los? (…) Wann hat der Einzelne aufgehört sich als Teil eines grösseren Zusammenhangs zu sehen?“ Und einen anderen lässt sie betreffend Überwachung und Handys konstatieren: „Sie brauchen gar keine Spione mehr loszuschicken, um uns zu überwachen, darum kümmern wir uns schon selbst.“ Und wieder ein anderer ist zum Schluss gekommen: „Wenn er etwas über dieses Leben gelernt hatte, dann war es die Doppelzüngigkeit der Menschen. Nach aussen lächeln und innerlich Pläne schmieden, jederzeit bereit, seinen Nächsten zu verraten.“

Nebelblau ist – was eher ungewöhnlich ist für einen Kriminalroman – auch witzig. „Mehr liess sich hier nicht holen, auch wenn es sich natürlich um etwas ganz anderes als die DNA-Tests handelte, die die Leute im Internet kauften und die einem mitteilten, dass man zu siebzig Prozent Skandinavier, zu zwei Prozent russisch war und so weiter. Wobei man wohl hauptsächlich lernte, wie viele entfernte Verwandte man unter denen hatte, die ebenfalls fünfzig Dollar bezahlten, um solche Auskünfte zu erhalten.“

„Dieser Roman ist fiktiv, dennoch beziehe ich mich auch auf die Wirklichkeit, wie immer“, schreibt Tove Alsterdal im Nachwort. Es ist diese Mischung, die Nebelblau zu einer faszinierenden Lektüre macht, die einen nicht nur bestens unterhält, sondern auch eine Zeit wiederaufleben lässt, die unser Heute zwar geprägt hat, doch weitestgehend vergessen scheint.

Fazit: Spannend und lehrreich.

Tove Alsterdal
Nebelblau
Kriminalroman
Rowohlt Polaris, Hamburg, August 2023

Shichiro Fukazawa: Die Narayama-Lieder

Die Besprechungen zu diesem dünnen Band überschlagen sich geradezu vor Begeisterung, von einem literarischen Schatz bis zu einem Geniestreich ist die Rede – und ich reibe mir nach den ersten paar Seiten verwundert die Augen, denn da wird unter anderem erzählt, dass die auf die siebzig zusteuernde Orin mit einem Feuerstein gegen die unteren und oberen Schneidezähne schlägt, weil ihre intakten Zähne zu weichen hatten, bevor sie ihre Reise zum Narayama antrat. Schon möglich, dass das für einige literarisch sein mag, ich selber finde es abergläubisch und hinterwäldlerisch.

Literarisch ist, wie und nicht was beschrieben wird, werden berufenere Köpfe bestimmt einwenden. Und haben natürlich recht damit. Für mich hingegen gilt: Ich mag Inhalt und Form nicht trennen. Und da ich die Sitten und Zwänge in dem Dorf erstickend und lebensfeindlich finde, kann ich mich auch am einfachen und klaren Stil nur beschränkt erfreuen.

Das Dorf, in dem Orin mit ihrer Familie wohnt, liegt in den Bergen. „Im Dorf hatten die Worte ‚auf den Berg gehen‘ zwei ganz verschiedene Bedeutungen. Sie wurden immer gleich ausgesprochen und gleich betont, aber alle wussten genau, was jeweils gemeint war. Machte man sich auf, um Brennholz zu schlagen oder Holz zu verkohlen, sagte man ‚Ich geh auf den Berg‘, und ebenso, wenn es Zeit war, die Reise zum Narayama anzutreten.“ Letztere tritt man mit dem siebzigsten Altersjahr an. „Man wird vom Berggott nur belohnt, wenn man rechtzeitig geht“, so Orin.

Als sie es schliesslich schafft, zwei Vorderzähne herauszubrechen, ist sie glücklich, doch die Wirkung, die diese Aktion auf die anderen Dorfbewohner hat, ist nicht die gewünschte – im Gegenteil. Der Gruppendruck in diesem Bergdorf ist enorm.

Die Narayama-Lieder vermitteln eine Kultur, in der strenge überlieferte Regeln gelten und niemand nach seinen Bedürfnissen gefragt wird. Man weiss, was sich gehört und was zu tun ist, auch wenn man sich deswegen nicht notwendigerweise daran hält. Das Überleben in dieser kargen Gegend ist nur möglich, wenn alle am selben Strang ziehen.

In diesem Dorf wird nicht gross diskutiert, da wird gehandelt. Wer die Regeln bricht, wird bestraft. Wenn die Zeit gekommen ist, auf den Narayama zu gehen, tut man das. „’Meine Mutter im anderen Dorf ist auf den Berg gegangen, und die Schwiegermutter dieses Hauses ist auch auf den Berg gegangen. Und jetzt bin ich an der Reihe‘, antwortete Orin, ohne auch nur einen Moment zu zögern.“ In einer solch vorgegebenen, nicht angezweifelten Ordnung, fällt das Leben leichter, weil es nicht von unnötigen Lasten beschwert wird.

Es ist eine Welt der Anweisungen, Zeremonien und Handlungen, die Shiricho Fukazawa hier beschreibt, eine solche Ritual-Welt vermittelt Sicherheit, aber eben auch Eingezwängt-Sein und Enge. Einige, besonders wenn sie sich etwas haben zuschulden kommen lassen, nehmen denn auch Reissaus.

Schliesslich ist für Orin die Zeit gekommen. Zusammen mit ihrem Sohn, dem 45jährigen Tatsuhei, macht sie sich auf den Weg zum steilen Aufstieg, der von vereinzelten Toten gesäumt ist. Wie sie vorhergesagt hat, beginnt es zu schneien, was Tatsuhei auf dem Rückweg dazu verleitet, noch einmal zu der auf dem Berggipfel zurückgelassenen Mutter … doch ich will hier nicht mehr verraten.

Ergänzt wird diese universelle Erzählung über das Bereit-Sein-zum-Sterben, wenn die Zeit gekommen ist, von Erläuterungen von Eduard Klopfenstein und Thomas Eggenberg.

Shichiro Fukazawa
Die Narayama-Lieder
Unionsverlag, Zürich 2023

Nina George: Das Bücherschiff des Monsieur Perdu

In jüngeren Jahren glaubte ich, gute Bücher müssten schwer zu lesen sein. Was ich ohne Anstrengung begriff, konnte unmöglich viel taugen; Wertvolles, so dachte ich, gehörte erarbeitet. Auch wenn ich heutzutage nach wie vor ähnlich denke (die Vorstellung, dass man sich fundamental ändern könne, halte ich für einen Witz), sind mir im Laufe der Jahre immer mal wieder Bücher untergekommen, die mich eines Besseres belehrten bzw. die Dinge in einem etwas milderen Licht sehen liessen. Dazu gehört auch Nina Georges Das Bücherschiff des Monsieur Perdu.

Dass ich auf Nina George gestossen, verdanke ich einer meiner brasilianischen Portugiesisch-Lehrerinnen, die Nina Georges Das Lavendelzimmer, das in der portugiesischen Ausgabe A livraria mágica de Paris heisst, enthusiastisch besprochen hatte. Ich war also gespannt, denn Das Bücherschiff des Monsieur Perdu ist die Fortsetzung.

Um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Buch hat alles, was mir Bücher lieb und teuer macht. Wer Bücher schätzt, wird dieses Buch lieben. Wie komme ich zu dieser Einschätzung? Ich geniesse gescheite, sensible Unterhaltung: Wer mir horizonterweiternde Einsichten verschafft, hat gewonnen. Wer mich zustimmend nicken lässt, ebenso. Und wer mich zum Lachen bringt, sowieso. Im Bücherschiff des Monsieur Perdu, das als literarische Apotheke auf den Kanälen Frankreichs unterwegs ist, finde ich das alles.

So lerne ich etwa, dass José Saramago ein grosser Utopist war, mit einer Abneigung gegen konventionelle Interpunktion. Oder dass sich Elefanten nicht zum Sterben zurückziehen, sondern dem Tod entgegen. „Sie wissen, im Gegensatz zu uns, sich vom Leben angemessen zu verabschieden, indem sie sich noch einmal auf eine Reise begeben.“ Nicht zuletzt solcher Einsichten wegen lese ich Bücher.

Was mir an diesem so luftig und leicht wirkenden Buch ganz besonders gefällt: Dass es mich auf Dinge aufmerksam macht, über die ich noch gar nie richtig nachgedacht habe, jedoch gut zu wissen finde, weil ich dadurch einige meiner Mitmenschen neu und anders sehe. So befand ich Nichtleser bis anhin schlicht für beschränkt und an der Welt der Ideen uninteressiert. Dass Bücher zu lesen, einen auszeichnete, war meine Vorstellung, weswegen mir auch gänzlich unerfindlich war, dass jemand sie als Zeitfresser betrachten könnte, oder sich einige davor fürchteten, „dass sie darin etwas fanden, was nicht mit ihrer Sicht auf die Welt übereinstimmte oder sie in Frage stellte. Und wieder manche verdächtigten Bücher, Menschen nur auf komische Ideen zu bringen oder eine Revolution anzuzetteln; das waren dieselben, die Mädchen und Frauen untersagten, lesen zu lernen und sich aus Diktaturen davonzumachen.“

Auch mit Kinderbüchern beziehungsweise Büchern, die ich in jungen Jahren gelesen habe, habe ich mich noch nie wirklich beschäftigt. Und erfahre jetzt: „Um jemanden wirklich zu kennen – seine Ideale, Prinzipien, seine Glaubenssätze – , muss man die Bücher seiner und ihrer Kindheit und Jugend kennen, sie haben die Pfade hergestellt, auf denen die Seele sich bewegt und zur Landschaft wird.“ Was für ein verblüffender Gedanke, so naheliegend – und mir vermutlich deshalb so fern gewesen.

Das Bücherschiff des Monsieur Perdu ist auch ein philosophisches Buch. „Und der Mensch schämt sich, schämt sich seiner, und nicht zu tun, was er will, nicht gewagt zu haben, nicht bemerkt zu haben, wie glücklich er war (oder wie unglücklich). Und Jahr um Jahr spürt er die zusammenschmelzende Zeit, die ihm noch bleibt, und er fürchtet, auch diese zu verschwenden.“ Und natürlich wird er dies auch tun – nein, nein, das schreibt Nina George nicht, das behaupte ich, denn schliesslich ist dies genauso mein Buch bzw. es wird zu meinem, weil ich mit ihm mache, was ich will – , doch verbittert sollte man darob nicht werden. Doch wie verhindert man, dass die Bitternis das Gehirn versklavt? „Die Gehirnfurchen, in denen sich die Gedanken schön tief eingraben, müssen neutralisiert werden. Zugeschüttet. Humor ist eine der besten Waffen gegen Selbstmitleid und Zynismus; und das liegt nicht nur am Dopamin, aber auch.“

Es sind die vielfältigen lebenspraktischen Anregungen, die mir dieses Buch teuer machen. Dazu gehören – die Beispiele sind ganz willkürlich ausgewählt – Rilkes Gedichte im Zug zu lesen, „gegen die Fahrtrichtung, damit man zurückschauen kann, und betrachten, und nachhallen lassen.“ Oder der schlaue Satz von David Foster Wallace: „Es wird dich sehr viel weniger interessieren, was andere über dich denken, wenn du erst einmal realisierst, wie selten sie es tun.“ Oder die Einsicht in das Schicksalshafte allen Lebens: „Der Zufall, der des Lebens Dirigent ist, der wird sichtbar, sofort: Nie weisst du, was du lesen wirst, was dich inspiriert, was dir eine Fügung ist. Nicht du sucht aus, was du wissen willst, das Schicksal spielt dir zu, was du wissen sollst.“

Sehr schön bringt Nina George übrigens auf den Punkt, worin unser aller Lebensdilemma liegt: „Es soll sich nichts ändern, nicht mal das, was sich naturgemäss ändern will.“ Weshalb denn auch das Loslassen zum Schwierigsten überhaupt gehört. Das wissen übrigens nicht nur Büchersammler, die beim Betrachten ihrer Bücherwände Zeitreisen durch ihr Leben machen können, das wissen auch alle, die einmal versucht haben, ihr Leben zu ändern. „Der Mensch ist ein Wesen, das am liebsten kuschelig verharrt in seinem Gewohnten. Dinge tut, die er immer schon getan hat. Gesagt hat. Geglaubt hat. Gegessen, getrunken. In Orten bleibt, die er kennt. Bei Menschen bleibt, an die er sich gewöhnt hat. Immer wieder dieselbe Musik. Warum? Weil er süchtig nach sich selbst ist.“ Und warum ist er das? Weil es ihm hauptsächlich darum zu tun ist, sich seiner selbst zu vergewissern – auch das lernt man aus Büchern. Dostojewski hat diesen Gedanken übrigens in Aufzeichnungen aus dem Untergrund ausgeführt.

Bei allem Enthusiasmus fürs Buch, Nina George weiss auch um die Grenzen des geschriebenen Wortes. „Das Leben ist zu unordentlich, um sich der Ordentlichkeit einer Geschichte zu beugen.“ Weshalb wir denn auch gut beraten sind, Das Bücherschiff des Monsieur Perdu als das zu nehmen, was es ist: Eine wunderbar stimulierende Anleitung, die Welt der Bücher zu erkunden, wozu auch der weise Rat gehört, Bücher, die einem nahe sind, mehrmals zu lesen.

Fazit: Leicht und gescheit, inspirierend und unterhaltsam; eine Schatztruhe voller lebenspraktischer Einsichten und Anregungen.

Nina George
Das Bücherschiff des Monsieur Perdu
Roman
Knaur, München 2023

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