Es ist selten, dass mir von Talkshows etwas bleibt. Noch seltener ist es, dass Journalistinnen (Männer eingeschlossen) Erfahrungen von sich geben, die mich aufmerken lassen. Von Golineh Atai, die von 2013 bis 2018 ARD-Korrespondentin in Moskau war, sind es zwei Aussagen, die mich seither begleiten. Die eine (ich zitiere aus dem Gedächtnis): Nach 2014 sei den Journalisten vor Ort klar gewesen, wer Putin sei bzw. wie er tickt. Die zweite: Als ein Politikprofessor meinte, man müsse Putin die Möglichkeit geben, das Gesicht zu wahren, sagte sie: Dafür braucht Putin uns nicht,
Da redet eine Frau, die die russische Realität erlebt hat, und sie redet „no-nonsense“ – nichts, was mir mehr zusagt. Dazu kommt: Dass Journalisten (Beobachter) eine andere Sicht auf die Welt haben als Politiker (Interessenvertreter), versteht sich – dass Interessen blind machen können, hat sich im Falle Russland deutlich gezeigt. Unfassbar ist, dass diejenigen, die sich derart fundamental getäuscht haben, nicht zurücktreten – dass sie mittlerweile gescheiter geworden sind, ist nicht anzunehmen.
Eingeleitet wird dieses Buch mit einem Putin-Zitat aus dem Jahre 2015: „Vor fünfzig Jahren lernte ich eine Regel in den Strassen von Leningrad: Wenn der Kampf unvermeidbar ist, dann schlag als Erster zu.“ Die Reaktion des Westens auf die gegenwärtige Invasion? Abwarten. Denn das tut der Mensch, wenn er sich der Realität nicht stellen will. Also fast immer …
Unsicherheit sähen, Chaos ernten – so sieht die Kreml-Strategie aus. Konkret: Die Wahrheit wird verdreht, es wird gelogen, ein Schmarren nach dem andern wird in die Welt gesetzt – und die meisten Medien schlucken die Köder. Nicht alle. Golineh Atai gehört zu denen, die wissen, dass in dieser „Informationsautokratie“ niemand sicher sein, dass es jeden erwischen kann. Sie beschreibt in Die Wahrheit ist der Feind ein rücksichtsloses Terrorregime. Man denke an die Vergiftungen, die Inhaftierungen, die gesetzlich verordneten Maulkörbe etc.
„Warum Russland so anders ist“ lautet der Untertitel. Doch ist das nicht zu allgemein? Gab es 1989 nicht Anzeichen einer Wende? „Heute weiss ich, dass diese Ära des Aufbrechens und Aufbruchs in der Geschichte Russlands wohl eine Ausnahme war. Die Revolution von 1989 – so stellte es der liberale Demokrat und Soziologe Ralf Dahrendorf fest – war nicht von einer Revolution des Denkens begleitet.“
Die Wahrheit ist der Feind ist grösstenteils konventioneller Journalismus und dieser orientiert sich an den W-Fragen (Was, Wer, Wo, Wann, Wie) – the first draft of history. Mein Interesse an Geschichte ist eingedenk des russischen Sprichworts (!) „Er lügt wie ein Augenzeuge“ begrenzt, die Einschätzungen von Golineh Atai finde ich weit aufschlussreicher. „Die implizite Gleichsetzung von Demokratie und Anarchie und der mangelnde Respekt für den Wert des Individuums sind zudem gleichsam verwoben mit einer alten patriarchalen Nationalkultur, die nie wirklich erschüttert und in Frage gestellt wurde.“
Für mich, der sich bis anhin nie gross für Russland interessiert hat, ist dieses Buch ein echter Augenöffner. Ich bin Amerika-fixiert aufgewachsen, zuerst begeistert (Flower Power), dann zunehmend skeptisch (laut de Tocqueville begreifen sich die Amis als Ausnahmeerscheinungen), bis mich ein amerikanischer Dozent in Australien darauf aufmerksam machte, dass auch Chinesen und Japaner glauben, sie seien der Nabel der Welt (was ich als Schweizer von der Schweiz glaube) und lerne nun, dass die Russen sich für die Grössten überhaupt halten.
Dass die Globalisierung den Nationalismus nach und nach zum Verschwinden bringen würde, habe auch ich bis vor Kurzem (allerdings ohne wirklich darüber nachzudenken) angenommen, dabei hätten doch die Gegentendenzen (Ungarn, Polen, Amerika, Italien ….) offensichtlicher nicht sein können. Das überaus nationalistische Russland wurde nicht wirklich zur Kenntnis genommen (eine Regionalmacht, so Obama). Und überhaupt: Handel durch Wandel würde es schon richten (auch wenn China schon lange klargemacht hatte, dass das nicht funktioniert – gegen die Gier kommt der Kopf eben nicht an).
„In Putins Rede (als er 2013 die Ukraine besuchte) geht es um die Einzigartigkeit orthodoxer Werte in der modernen Welt, die spirituelle Einheit Russlands und der Ukraine, also eines einzigen Volkes, von keiner Macht aufkündbar.“ Klar doch, Politikerreden sind Propaganda, doch wer Propaganda nicht ernst nimmt, ist selber schuld. Und überdies ziemlich verblendet – dass wir von solchen Leuten regiert werden, ist unerträglich.
Golineh Atai beschreibt dieses ausgesprochen brutale Terrorregime höchst eindrücklich und macht überdies deutlich, dass die russischen Imperialnationalisten (ein Begriff, der so recht eigentlich auf den Punkt bringt, womit wir es im Falle Russlands zu tun haben) westliche Werte wie Multikulturalismus und Toleranz ablehnen. Mir ist absolut unverständlich, wie jemand glauben kann, eine Verständigung mit Leuten, die so denken, sei möglich oder gar wünschenswert. Es gibt Welten, die besser getrennt bleiben.
Muss man wirklich die Vergangenheit verstehen, um die Gegenwart begreifen zu können, wie allgemein behauptet wird? Und sollen Reden darüber Aufschluss geben, was Politiker denken? Historiker sehen das so, Journalisten ebenfalls – und Golineh Atai ist keine Ausnahme, weswegen man denn in diesem Buch auch nicht wenige diesbezügliche Ausführungen findet. Ich sehe das anders und denke, dass Menschenkenntnis wesentlicher wäre. So haben etwa Otto von Habsburg oder Christopher Hitchens den Charakter Putins schon früh sehr gut erkannt und darüber auch öffentlich informiert.
„Warum Russland so anders ist“ hat sich mir nicht erschlossen, was natürlich auch damit zu tun hat, dass Warum-Fragen selten wirklich beantwortet, sondern „nur“ interpretiert werden können. Worauf Golineh Atai hingegen hinweist: „Zuweilen ist es frappierend, wie ähnlich das Vokabular der russisch-amerikanisch-europäischen Rechtskonservativen ist (…) Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Fokus beider Staatsmänner (Putin und Trump – wie kann man die nur Staatsmänner nennen!) identisch ist: Statt einer globalen UN-Menschenrechtspolitik, die Einmischung in innere Angelegenheiten – ob in ihre eigenen oder in fremde – zulässt, betonen beide das Nationale, das Patriotische: staatliche Autorität und uneingeschränkte Souveränität.“
Nichtsdestotrotz (und diese Erkenntnis verdanke ich diesem Buch), Russland ist anders. Kein Land in Europa würde sich seinen Geheimdienst als Regierung gefallen lassen, kein Land in Europa überfällt ein anderes europäisches Land, kein Land in Europa schickt seine Kritiker in Straflager, kein Land in Europa vergiftet seine Gegner, wo auch immer sie sich aufhalten. Wie ignorant muss man eigentlich sein, dass man glauben kann, da sei ein echter Dialog möglich?
Was Die Wahrheit ist der Feind vor allem klar macht: Wer die letzten Jahre nicht Interessen-geleitet (also ausschliesslich auf seinen ökonomischen Vorteil bedacht), sondern offenen Auges durch die Welt gegangen ist, hat die Ukraine-Invasion genauso wenig überrascht wie die Grausamkeit der russischen Militärs. „Wenn ein Staat eine Bedrohung für seine eigenen Bürger sei, schrieb der Friedensnobelpreisträger (Andrej Sacharow) 1977, dann werde er auch zu einer Bedrohung für seine Nachbarn.“
„Im Grunde ist es sehr einfach: Eine Weltmacht hat einen Kampf um Macht und Einfluss verloren. Sie will ihren verloren gegangenen Rang zurück – und macht dabei die gleichen Fehler, die einst zum Zusammenbruch seiner Führung und Einflusssphäre führten. Der Westen ‚las‘ Russland viel zu lange falsch – aus Desinteresse, Bequemlichkeit, Ignoranz oder einem Gefühl des Triumphalismus und der Arroganz heraus – indem er annahm, dass Russland sich irgendwann zu einer liberalen Demokratie entwickeln würde. Die Zeichen für eine solche Weiterentwicklung standen jedoch schon sehr früh sehr schlecht.“ Geschrieben hat Golineh Atai dies 1019; gebührend zur Kenntnis genommen wird es bis heute nicht.
So einleuchtend diese Einschätzung auch ist, sie ist mir zu konventionell, weil sie das Geschehen auf Machtpolitik, Fragen von Interessen und Strategie, verkürzt. Wie viel näher am Leben ist doch ihre Maidan-Schilderung: „Wenn ich heute an die Triebkräfte des Maidan zurückdenke, dann erinnere ich mich vor allem an die ethnische und kulturelle Vielfalt der Bewegung und den hohen Wert von Selbstbestimmung und Solidarität. Christen, Atheisten, Juden, Muslime, Kleinunternehmer aus der Provinz und urbane IT-Entwickler, Bürger mit georgischen, polnischen, weissrussischen, armenischen und afghanischen Eltern, ukrainische Veteranen aus dem sowjetischen Afghanistan-Krieg, ja selbst neugierige Russen aus Moskau oder ethnische Russen aus der Ostukraine – sie alle waren dort (…) Während sie in Kiew EU-Flaggen schwenken, haben die Adressaten dieser Zuwendung bereits viel von ihrer Motivation, die Europäische Union zu erweitern und Werte weiterzugeben, verloren. Für viele EU-Bürger steht die EU-Flagge nur mehr für unsinnige Bürokratie und unerlaubte Vormundschaft.“ Das ist echt toller Journalismus!
Es gehört zu den Vorzügen dieses gut geschriebenen Buches, dass Golineh Atai auch auf den grösseren Zusammenhang verweist. Der Kampf um Werte ist letztlich nämlich keiner, der sich geografisch zuordnen lässt, denn die Werte der Autokraten, ob repräsentiert durch Putin, Trump, Erdogan, Duterte, bin Salman oder Jinping sind dieselben.
Fazit: Spannende und hilfreiche Aufklärung. Ein Buch, das Pflichtlektüre sein sollte!
Golineh Atai
Die Wahrheit ist der Feind
Warum Russland so anders ist
Rowohlt Berlin, Berlin 2022




