Golineh Atai: Die Wahrheit ist der Feind

Es ist selten, dass mir von Talkshows etwas bleibt. Noch seltener ist es, dass Journalistinnen (Männer eingeschlossen) Erfahrungen von sich geben, die mich aufmerken lassen. Von Golineh Atai, die von 2013 bis 2018 ARD-Korrespondentin in Moskau war, sind es zwei Aussagen, die mich seither begleiten. Die eine (ich zitiere aus dem Gedächtnis): Nach 2014 sei den Journalisten vor Ort klar gewesen, wer Putin sei bzw. wie er tickt. Die zweite: Als ein Politikprofessor meinte, man müsse Putin die Möglichkeit geben, das Gesicht zu wahren, sagte sie: Dafür braucht Putin uns nicht,

Da redet eine Frau, die die russische Realität erlebt hat, und sie redet „no-nonsense“ – nichts, was mir mehr zusagt. Dazu kommt: Dass Journalisten (Beobachter) eine andere Sicht auf die Welt haben als Politiker (Interessenvertreter), versteht sich – dass Interessen blind machen können, hat sich im Falle Russland deutlich gezeigt. Unfassbar ist, dass diejenigen, die sich derart fundamental getäuscht haben, nicht zurücktreten – dass sie mittlerweile gescheiter geworden sind, ist nicht anzunehmen.

Eingeleitet wird dieses Buch mit einem Putin-Zitat aus dem Jahre 2015: „Vor fünfzig Jahren lernte ich eine Regel in den Strassen von Leningrad: Wenn der Kampf unvermeidbar ist, dann schlag als Erster zu.“ Die Reaktion des Westens auf die gegenwärtige Invasion? Abwarten. Denn das tut der Mensch, wenn er sich der Realität nicht stellen will. Also fast immer …

Unsicherheit sähen, Chaos ernten – so sieht die Kreml-Strategie aus. Konkret: Die Wahrheit wird verdreht, es wird gelogen, ein Schmarren nach dem andern wird in die Welt gesetzt – und die meisten Medien schlucken die Köder. Nicht alle. Golineh Atai gehört zu denen, die wissen, dass in dieser „Informationsautokratie“ niemand sicher sein, dass es jeden erwischen kann. Sie beschreibt in Die Wahrheit ist der Feind ein rücksichtsloses Terrorregime. Man denke an die Vergiftungen, die Inhaftierungen, die gesetzlich verordneten Maulkörbe etc.

„Warum Russland so anders ist“ lautet der Untertitel. Doch ist das nicht zu allgemein? Gab es 1989 nicht Anzeichen einer Wende? „Heute weiss ich, dass diese Ära des Aufbrechens und Aufbruchs in der Geschichte Russlands wohl eine Ausnahme war. Die Revolution von 1989 – so stellte es der liberale Demokrat und Soziologe Ralf Dahrendorf fest – war nicht von einer Revolution des Denkens begleitet.“

Die Wahrheit ist der Feind ist grösstenteils konventioneller Journalismus und dieser orientiert sich an den W-Fragen (Was, Wer, Wo, Wann, Wie) – the first draft of history. Mein Interesse an Geschichte ist eingedenk des russischen Sprichworts (!) „Er lügt wie ein Augenzeuge“ begrenzt, die Einschätzungen von Golineh Atai finde ich weit aufschlussreicher. „Die implizite Gleichsetzung von Demokratie und Anarchie und der mangelnde Respekt für den Wert des Individuums sind zudem gleichsam verwoben mit einer alten patriarchalen Nationalkultur, die nie wirklich erschüttert und in Frage gestellt wurde.“

Für mich, der sich bis anhin nie gross für Russland interessiert hat, ist dieses Buch ein echter Augenöffner. Ich bin Amerika-fixiert aufgewachsen, zuerst begeistert (Flower Power), dann zunehmend skeptisch (laut de Tocqueville begreifen sich die Amis als Ausnahmeerscheinungen), bis mich ein amerikanischer Dozent in Australien darauf aufmerksam machte, dass auch Chinesen und Japaner glauben, sie seien der Nabel der Welt (was ich als Schweizer von der Schweiz glaube) und lerne nun, dass die Russen sich für die Grössten überhaupt halten.

Dass die Globalisierung den Nationalismus nach und nach zum Verschwinden bringen würde, habe auch ich bis vor Kurzem (allerdings ohne wirklich darüber nachzudenken) angenommen, dabei hätten doch die Gegentendenzen (Ungarn, Polen, Amerika, Italien ….) offensichtlicher nicht sein können. Das überaus nationalistische Russland wurde nicht wirklich zur Kenntnis genommen (eine Regionalmacht, so Obama). Und überhaupt: Handel durch Wandel würde es schon richten (auch wenn China schon lange klargemacht hatte, dass das nicht funktioniert – gegen die Gier kommt der Kopf eben nicht an).

„In Putins Rede (als er 2013 die Ukraine besuchte) geht es um die Einzigartigkeit orthodoxer Werte in der modernen Welt, die spirituelle Einheit Russlands und der Ukraine, also eines einzigen Volkes, von keiner Macht aufkündbar.“ Klar doch, Politikerreden sind Propaganda, doch wer Propaganda nicht ernst nimmt, ist selber schuld. Und überdies ziemlich verblendet – dass wir von solchen Leuten regiert werden, ist unerträglich.

Golineh Atai beschreibt dieses ausgesprochen brutale Terrorregime höchst eindrücklich und macht überdies deutlich, dass die russischen Imperialnationalisten (ein Begriff, der so recht eigentlich auf den Punkt bringt, womit wir es im Falle Russlands zu tun haben) westliche Werte wie Multikulturalismus und Toleranz ablehnen. Mir ist absolut unverständlich, wie jemand glauben kann, eine Verständigung mit Leuten, die so denken, sei möglich oder gar wünschenswert. Es gibt Welten, die besser getrennt bleiben.

Muss man wirklich die Vergangenheit verstehen, um die Gegenwart begreifen zu können, wie allgemein behauptet wird? Und sollen Reden darüber Aufschluss geben, was Politiker denken? Historiker sehen das so, Journalisten ebenfalls – und Golineh Atai ist keine Ausnahme, weswegen man denn in diesem Buch auch nicht wenige diesbezügliche Ausführungen findet. Ich sehe das anders und denke, dass Menschenkenntnis wesentlicher wäre. So haben etwa Otto von Habsburg oder Christopher Hitchens den Charakter Putins schon früh sehr gut erkannt und darüber auch öffentlich informiert.

„Warum Russland so anders ist“ hat sich mir nicht erschlossen, was natürlich auch damit zu tun hat, dass Warum-Fragen selten wirklich beantwortet, sondern „nur“ interpretiert werden können. Worauf Golineh Atai hingegen hinweist: „Zuweilen ist es frappierend, wie ähnlich das Vokabular der russisch-amerikanisch-europäischen Rechtskonservativen ist (…) Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Fokus beider Staatsmänner (Putin und Trump – wie kann man die nur Staatsmänner nennen!) identisch ist: Statt einer globalen UN-Menschenrechtspolitik, die Einmischung in innere Angelegenheiten – ob in ihre eigenen oder in fremde – zulässt, betonen beide das Nationale, das Patriotische: staatliche Autorität und uneingeschränkte Souveränität.“

Nichtsdestotrotz (und diese Erkenntnis verdanke ich diesem Buch), Russland ist anders. Kein Land in Europa würde sich seinen Geheimdienst als Regierung gefallen lassen, kein Land in Europa überfällt ein anderes europäisches Land, kein Land in Europa schickt seine Kritiker in Straflager, kein Land in Europa vergiftet seine Gegner, wo auch immer sie sich aufhalten. Wie ignorant muss man eigentlich sein, dass man glauben kann, da sei ein echter Dialog möglich?

Was Die Wahrheit ist der Feind vor allem klar macht: Wer die letzten Jahre nicht Interessen-geleitet (also ausschliesslich auf seinen ökonomischen Vorteil bedacht), sondern offenen Auges durch die Welt gegangen ist, hat die Ukraine-Invasion genauso wenig überrascht wie die Grausamkeit der russischen Militärs. „Wenn ein Staat eine Bedrohung für seine eigenen Bürger sei, schrieb der Friedensnobelpreisträger (Andrej Sacharow) 1977, dann werde er auch zu einer Bedrohung für seine Nachbarn.“

„Im Grunde ist es sehr einfach: Eine Weltmacht hat einen Kampf um Macht und Einfluss verloren. Sie will ihren verloren gegangenen Rang zurück – und macht dabei die gleichen Fehler, die einst zum Zusammenbruch seiner Führung und Einflusssphäre führten. Der Westen ‚las‘ Russland viel zu lange falsch – aus Desinteresse, Bequemlichkeit, Ignoranz oder einem Gefühl des Triumphalismus und der Arroganz heraus – indem er annahm, dass Russland sich irgendwann zu einer liberalen Demokratie entwickeln würde. Die Zeichen für eine solche Weiterentwicklung standen jedoch schon sehr früh sehr schlecht.“ Geschrieben hat Golineh Atai dies 1019; gebührend zur Kenntnis genommen wird es bis heute nicht.

So einleuchtend diese Einschätzung auch ist, sie ist mir zu konventionell, weil sie das Geschehen auf Machtpolitik, Fragen von Interessen und Strategie, verkürzt. Wie viel näher am Leben ist doch ihre Maidan-Schilderung: „Wenn ich heute an die Triebkräfte des Maidan zurückdenke, dann erinnere ich mich vor allem an die ethnische und kulturelle Vielfalt der Bewegung und den hohen Wert von Selbstbestimmung und Solidarität. Christen, Atheisten, Juden, Muslime, Kleinunternehmer aus der Provinz und urbane IT-Entwickler, Bürger mit georgischen, polnischen, weissrussischen, armenischen und afghanischen Eltern, ukrainische Veteranen aus dem sowjetischen Afghanistan-Krieg, ja selbst neugierige Russen aus Moskau oder ethnische Russen aus der Ostukraine – sie alle waren dort (…) Während sie in Kiew EU-Flaggen schwenken, haben die Adressaten dieser Zuwendung bereits viel von ihrer Motivation, die Europäische Union zu erweitern und Werte weiterzugeben, verloren. Für viele EU-Bürger steht die EU-Flagge nur mehr für unsinnige Bürokratie und unerlaubte Vormundschaft.“ Das ist echt toller Journalismus!

Es gehört zu den Vorzügen dieses gut geschriebenen Buches, dass Golineh Atai auch auf den grösseren Zusammenhang verweist. Der Kampf um Werte ist letztlich nämlich keiner, der sich geografisch zuordnen lässt, denn die Werte der Autokraten, ob repräsentiert durch Putin, Trump, Erdogan, Duterte, bin Salman oder Jinping sind dieselben.

Fazit: Spannende und hilfreiche Aufklärung. Ein Buch, das Pflichtlektüre sein sollte!

Golineh Atai
Die Wahrheit ist der Feind
Warum Russland so anders ist
Rowohlt Berlin, Berlin 2022

Jeffery Deaver: Der böse Hirte

Ein Kreuz vor einer Kirche wurde in Brand gesetzt, die Kirche selbst mit Parolen beschmiert; ein Hausmeister und ein Laienprediger wurden verletzt. Die Prämienjäger und Konkurrenten Colter Shaw und Dalton Crowe heften sich an die Fersen der zwei Jugendlichen, von denen es heisst, sie seien für die Taten verantwortlich. Die Jugendlichen hatten etwas mit einer Osiris-Stiftung zu tun, was dem Autor Anlass ist, sich eingehend über das Wesen von Sekten auszulassen. Eine Psychologin lässt er sagen: „Sobald Menschen in den Bann einer Person geraten, passiert etwas mit ihnen.“

Colter Shaw, ein anständiger Typ mit einer Retter-Seele, verschafft sich unter einem Pseudonym Zutritt zu dem streng gesicherten Osiris-Camp, wo klare Regeln herrschen. Unter anderen diese: „Ihr dürft eure Unterkunft zwischen 22.00 und 06.00 nicht verlassen. Dies dient dem Schutz vor wilden Tieren.“ Wunderbar ironisch kommentiert Jeffery Deaver: „Shaw stellte sich unwillkürlich einen hungrigen Wolf vor, der verärgert bemerkte, dass es erst einundzwanzig Uhr fünfundvierzig war und er noch fünfzehn Minuten auf sein Abendessen würde warten müssen.“

Im Osiris-Camp tragen alle Einheitskleidung, der Tagesablauf ist streng reglementiert, Belohnungen und Bestrafungen stabilisieren die herrschende Ordnung. Die Camp-Insassen haben unterschiedliche Schicksalsschläge hinter sich, erhoffen sich von Meister Elis, dem Sektenführer, die Erlösung.

Shaw macht sich mit dem Gelände vertraut, er will herausfinden, wie er gegebenenfalls abhauen kann. Dann hat er seine erste Sitzung, bei der ihm erklärt wird, dass es darauf ankomme, dass er die Wahrheit sage. „Ich soll also einfach über Dinge in meinem Leben nachdenken?“ „Ganz recht.“ „Und dafür bezahle ich Geld?“, murmelte er.

Meister Elis, ein klassischer Psychopath, predigt die Unsterblichkeit. „Shaw fühlte sich an einen Pfingstprediger erinnert, der seinen Schäfchen die Bibel erklärt. Die Worte folgten keinerlei Logik, doch die Gefährten standen eindeutig im Bann des Mannes und hielten seine Doktrin für eine echte Heilsbotschaft.“ Dann wird Shaw plötzlich klar, um was für eine Sekte es sich handelt. Auch erfährt er, dass nicht alle Mitglieder mit dem Sektenführer einig gehen

Doch nicht alle im Camp sind hirnlose Anhänger des sich selber so nennenden Meisters, es gibt auch Skeptiker unter ihnen, von denen einer diese nüchterne Wahrheit äussert: „Wir alle kommen auf diese Welt, gesegnet mit ein paar Talenten und belastet durch so manchen Sprung in der Schüssel. Die Kunst liegt darin, das Beste daraus zu machen.“

Der trockene Witz wie auch die launigen Bemerkungen gehören zu den Markenzeichen dieses Thrillers. „ … bis er die gesuchte Adresse fand, ein hübsches eingeschossiges Wohnhaus, dessen heiterer gelber Anstrich in krassem Gegensatz zu dem wolkenverhangenen grauen Himmel stand.“ Oder: „Harper war stämmig wie ein Baum, mit rotblondem grau meliertem Haar und gesunder Gesichtsfarbe, wobei die Nase etwas geröteter wirkte als die Wangen.“

Charakteristisch für Der böse Hirte sind auch die zahlreichen überraschenden Wendungen – Jeffery Deaver versteht es ausgezeichnet, packend und unterhaltsam zu erzählen. Dabei lässt er gelegentlich auch Juristisches einfliessen, praktizierte er doch in seinem Vor-Schriftstellerleben als Rechtsanwalt.

Inspiriert von Jim Jones und dessen Peoples Temple in Guyana legt Der böse Hirte dar, wie eine Sekte funktioniert (strenge Regeln, Wohlverhalten wird belohnt, sogenannte Ketzer werden öffentlich gedemütigt etc.), und lässt Shaw auch immer wieder Dinge und Verhaltensweisen erwähnen, die er von seinem Vater gelernt hat, womit er auch deutlich macht, dass wir nicht aus dem Nichts kommen, sondern wesentlich geprägt sind von unseren Vorfahren.

Fazit: Spannend, witzig und ideenreich.

Jeffery Deaver
Der böse Hirte
Blanvalet, München 2022

Eberhard Rathgeb: Die Entdeckung des Selbst

Bereits nach den ersten Seiten ist mir klar, dass dies ein wesentliches Werk ist. Genauer: Ein für mich wesentliches, denn wofür Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard stehen, ist mir nahe. „Die Gedanken der drei Aussenseiter trafen sich in einem entscheidenden Punkt, in der Ansicht, dass ein Leben gelebt werden muss, um verstanden werden zu können.“ Das Denken der drei kreiste um das Selbst und dieses „verweigert sich der Kommunikation, die auf Verständigung und Integration pocht, es beharrt auf einer eigensinnigen Souveränität, auf dem Unsagbaren.“

Sehr schön zeigt Eberhard Rathgeb auf wie die drei Philosophen quer zum Zeitgeist standen. Die moderne Gesellschaft gründete auf dem Zusammenleben, das den Kompromiss erforderte – und dieser war ihnen fremd. „Das 19. Jahrhundert kannte viele Kritiker der Gesellschaft, aber nur ganz wenige, die sich dem Sog der Moderne verweigerten und radikal Neues probierten.“ Ich fühlte mich an Wittgenstein erinnert, der gemäss seinem Biographen Ray Monk nicht bereit zur Diskussion war, wenn er eine Einsicht durch Inspiration gewonnen hatte.

Als Einzelgänger charakterisiert Autor Rathgeb die drei; als aristokratischen Radikalismus bezeichnet er, was sie vereint. „Das Gespräch der Zeitgenossen über Gewinn und Gerechtigkeit, Demokratie und Eigentum, fand ohne sie statt.“ Wie wünschte man sich solche Denker, die sich dem Mainstream verweigern, doch auch in der heutigen Zeit!

Die Kapitelüberschrift „Der Mensch ist nicht frei“ fasst Schopenhauers Denken treffend zusammen, denn der Mensch folgt dem in ihm angelegten Charakter. Auch E.T.A. Hoffmann sowie Kleist und später die Psychoanalyse sahen den Menschen von Kräften regiert, die den Vernunftgläubigen zuwider waren. Es sind auch Hinweise wie diese, die mich dieses Werk schätzen machen. Auch die moderne Hirnforschung bestätigt übrigens, dass das Gehirn nicht unwesentlich als Rationalisierungsinstrument zum Einsatz kommt.

Dass Schopenhauer von den an Universitäten Lehrenden nicht willkommen geheissen wurde, erstaunt wenig, was hingegen verblüfft (zugegeben, ich rede von mir), ist, dass er sich darob grämte. Da hatte er doch mit Die Welt als Wille und Vorstellung ein grundlegendes Werk geschrieben, das nicht nur Theorie, sondern von praktischem Nutzen war – doch die Anerkennung blieb aus! Und genau das, jedenfalls für mich, zeichnet ihn doch geradezu aus.

Schopenhauer gewann seine Erkenntnisse durch Anschauung. „Dass sein Werk nicht auf begrifflichen Ableitungen, sondern auf Anschauungen gegründet sei, hat er immer wieder hervorgehoben.“ Eberhard Rathgeb vergleicht die philosophische Erfahrung beim Abfassen von Die Welt als Wille und Vorstellung mit einer Reiseerfahrung, die ich so wunderbar finde (schon allein deswegen lohnt sich für mich dieses Buch), dass ich sie in voller Länge zitieren will.

„Er sah aus dem Fenster der Kutsche, sah Wiesen, Felder und Dörfer, Städte, Berge und Flüsse an sich vorbeigleiten, sah sich selbst in der Kutsche sitzen und die Gegend betrachten und spürte sich als einen winzigen, durchgerüttelten Teil eines grossen unbekannten Ganzen, das zu ergründen auf einer Reise nicht gelingen konnte. Die Welt nahm ihn nicht zur Kenntnis, sie wies ihn ab, er war ihr egal. Die Bilder, die er von ihr erblickte, wenn er aus dem Fenster der Kutsche spähte, tauchten nur für Augenblicke auf und verschwanden sofort wieder. Die Landschaften zwischen London und Nîmes gingen unter, wenn er sie nicht als Vorstellung festhielt, so, wie er in der Fremde letztendlich einsam und verloren war und dort nur überleben konnte, wenn er, in den schwarzen Kasten des Ich gesperrt und von Pferdekräften davongetragen, mit philosophischem Gleichmut sitzen blieb und das Gefühl von Kommen und Gehen, Werden und Vergehen wie Luft einatmete und ausströmen liess und dem Weg folgte, den nicht er, sondern ein ihm fremder Kutscher zu kennen schien.“

Die Entdeckung des Selbst ist auch eine Einführung in das Werk dieser drei Philosophen, das nicht getrennt von deren Leben abgehandelt wird – im Gegenteil. Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche, bei aller Verschiedenheit, waren definitiv selbstherrliche Egomanen, allerdings keine Rechthaber, denn sie hatten (und haben) Recht. Jedenfalls sehe ich das so. Werde, der du bist, mit dieser Aufforderung lassen sie sich fassen.

Die drei Aussenseiter, so der Autor, dachten vom Gefühl aus. Sie schreiben über sich selbst, bemühen sich um ihre subjektive Wahrheit. Ihre Schriften sind sowohl Selbstfindung wie auch Selbstinszenierung. „Kierkegaard war bis zum letzten Atemzug ganz bei sich, und dies mit einer Intensität, wie sie nur wenigen Menschen eigen ist.“

Wie jedes Buch, so lädt auch Die Entdeckung des Selbst zur Identifikation ein. Mir selber stehen Schopenhauer und Nietzsche näher als Kierkegaard (die Gründe interessieren mich wenig, konventionellen Interpretationen misstraue ich; mir genügt, es zu konstatieren); Eberhard Rathgeb inspirierten die drei unter anderem, sich ausführlich und kenntnisreich mit Malern wie Degas oder Manet zu befassen, die er als „stumme Philosophen“ bezeichnet, die zeigen anstatt in Worte zu kleiden. „Die Maler können einen Augenblick zeigen, was jedem Schriftsteller und jedem Philosophen verwehrt ist, die beide auf Wörter angewiesen sind, flüchtige Wesen ohne Form und Farbe, die sich vor die sichtbare Welt schieben und den Augenblick in Sätzen verdunkeln und untergehen lassen.“

Selten ist mir deutlicher geworden, dass seit dem 19. Jahrhundert die gesellschaftlichen Bestrebungen in der Integration gipfeln, dass seither der Akzent auf Eigeninitiative und Reformen sowie dem Kompromiss liegt. Im Gegensatz dazu stellten sich die drei Einzelgänger „an den Rand des Abgrunds und atmeten die kalte Luft der Erlösung im kosmischen Willen, in Gott, im Amor fati.“

Nicht zuletzt ist Die Entdeckung des Selbst auch ein wahrhaft aktuelles Buch, denn das Leben, „erklärte Nietzsche mit Schopenhauer, war grausamer und wilder als jeder theologische, historische und moralische Sinn, mit dem Rationalisten es zu bändigen und in eine trügerische Ordnung zu zwingen suchten.“ Der Ukraine-Krieg zeigt gerade, dass unsere üblichen Vernunft-Ansätze vor der Realität versagen.

Fazit: Wunderbar inspirierend! Ein wesentliches, überaus hilfreiches Werk.

Eberhard Rathgeb
Die Entdeckung des Selbst
Wie Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard die Philosophie revolutionierten
Blessing, München 2022

Eva Meijer: Die Grenzen meiner Sprache

Wir leben in bekenntnisfreudigen Zeiten, kaum einer (Frauen inklusive), der ohne seine Innerstes nach aussen zu kehren, in einer Therapiegruppe oder in einer Talkshow akzeptiert würde. Wie wohltuend ist da ein Essay einer Philosophin  – Eva Meijer, Jahrgang 1980, forscht an der Universität von Wageningen – , die weder ein wahrheitsgetreues Bild ihres bisherigen Lebens noch ein Selbstporträt vorlegen will, sondern ihr Leben als Brennglas benutzt, „durch das ich Struktur und Bedeutung der Depression betrachte. Das stellt nur einen kleinen Teil dessen vor, was ich über mich selbst erzählen könnte (und was in Worte gefasst wird, weicht immer von den zugrundeliegenden Geschehnissen ab). Gleichwohl geht es um einen wichtigen Teil meines Lebens und etwas, was mich stark geprägt hat.“

Schon als Kind hat sie das Gefühl sie wäre besser nicht da, sieht im Leben etwas Trostloses und denkt, dass das nie besser werden würde. Die Therapeuten  nahmen sie nicht ernst, weil sie knallige Farben (und nicht schwarz) trug – Psychologen und Psychiater sind oft etwas gar einfach gestrickt und glauben an die in sich stimmigen Theorien, die sie an der Uni gelernt haben. Wer nicht teilhaben wolle an der Fantasie, solle doch wieder zurück an die Uni, hat die Filmregisseurin Lina Wertmüller einmal gesagt. Das Gleiche gilt für die Teilnahme an der Realität.

Sie setzt sich mit den Existenzialisten auseinander und ist mit Camus einer Meinung, „dass wir das Absurde auf uns nehmen sollten.“ Nur eben: „Die Verpflichtung  zur Freiheit und zum freien Willen ist bei einer schweren Depression gar nicht einzulösen.“

Körper und Geist bilden eine Einheit, eine Depression wirkt sich auch körperlich aus, etwa aufs Gehirn. Eva Meijer macht dies in einfachen und deswegen überzeugenden Sätzen deutlich. Erhellend auch ihre Ausführungen zu Wittgenstein.

Eine Depression ist etwas gänzlich anderes als sich deprimiert zu fühlen. Aus gutem Grund nennt sich dieses Buch Die Grenzen meiner Sprache, denn die Sprache vermag die Erfahrung der Depression, dieses Gefühl der Lähmung, dieses Abgetrenntsein vom Alltagsleben, nur unzureichend zu erfassen. „Auf vergleichbare Weise unterscheidet sich eine gewöhnliche Angsterfahrung von einer tieferen, die Existenz selbst betreffenden Angst, die dein persönliches Dasein in Zweifel zieht.“

Depressive und Nicht-Depressive sind in sehr verschiedenen Universen unterwegs. „Die Wahrheiten eines Depressiven sind so unstrittig wie die Wahrheiten eines nicht depressiven Menschen.“ Was also können Angehörige von  Depressiven tun?  Bleiben, in Alltagsdingen helfen, warten bis es vorübergeht. Mehr oder anderes scheint nicht möglich.

Depressive kommen zu Einsichten, die Normalos verschlossen bleiben. Sie erfahren Aspekte der Wirklichkeit, die schwer zu ertragen sind, aber eben auch nützlich sein können. „Wer eine Depression überstanden hat, weiss, dass es Sünde ist, Zeit an Dinge zu verschwenden, die nicht wirklich der Mühe wert sind.“

Fazit: Ein hilfreicher Augenöffner, unbedingt empfehlenswert.

Eva Meijer
Die Grenzen meiner Sprache
Kleine philosophische Untersuchung zur Depression
btb, München 2022

James Lee Burke: Eine Zelle für Clete

James Lee Burke zu lesen bedeutet in den Süden der USA einzutauchen und gleichzeitig eine Zeitreise zu machen. „Hier im tiefen Süden kann es dir auch heute noch passieren, dass du eines Morgens aufwachst und dich fragst, ob du ins Jahr 1862 zurückversetzt wurdest. Vielleicht wirst du dir dann sogar mit einem Anflug von schlechtem Gewissen eingestehen, dass dir eine solche Reise in die Vergangenheit nicht einmal unangenehm wäre.“

James Lee Burke zu lesen bedeutet auch den Regen aufs Dach prasseln und Frösche quaken zu hören, die Natur zu fühlen und die Sorgen eines Vaters um seine Tochter, die sich mit den falschen Leuten einlässt, nachzuvollziehen. Und von einem ausgesprochen gewalttätigen Amerika Kenntnis zu nehmen.

James Lee Burke zu lesen bedeutet aber auch sich in der Welt eines Detective namens Dave Robicheaux umzusehen, der viel erlebt, erlitten und nachgedacht hat – und seine Erfahrungen nun mit dem Leser teilt. Er ist ein anständiger, zweifelnder, humanistisch gesinnter Mensch, der keine Sympathien für die Anhänger der Todesstrafe hat, „vor allem, weil ihre Anwendung sehr willkürlich war“, und der doch weiss, dass sie in machen Fällen richtig ist.

Robicheaux, ein trockener Alkoholiker, ist ein eigenwilliger Charakter, der sich oft auf sein Gefühl verlässt, was für einen Säufer, auch für einen trockenen, nicht ganz unproblematisch ist. Den neuen Freund seiner Tochter mag er gar nicht, und dessen Kumpel ebenfalls nicht. Darüber hinaus ist er ein Romantiker. „Dort hörte ich zum ersten Mal La Jolie Blon … das traurigste Lied, das ich je gehört habe – eine Melodie, die man einmal hört und nie wieder vergisst.“ Recht hat er! Ich empfehle die Version von Gary U.S. Bonds.

Eine Zelle für Clete handelt wesentlich von Clete Purcel, Dave Robicheauxs bestem Freund. Wie der Autor diesen zerrissenen, selbstzerstörerischen Mann, der jedoch immer wieder auf die Beine kommt, charakterisiert, ist ein psychologisches Meisterwerk. Überhaupt ist James Lee Burke ein exzellenter Menschenkenner. So schreibt er etwa über einen brutalen Kotzbrocken von Gefängnisaufseher. „Vielleicht war er im Grunde gar kein so schlechter Mensch, sagte ich mir. Aber kaum denkt man mit einer gewissen Erleichterung, dass wir doch alle einen guten Kern haben, folgt schon die nächste Enttäuschung.“

Sieben junge Frauen sind ermordet worden (steht auf dem Buchumschlag; ich selber habe zwei gezählt, zusätzlich zu den vielen anderen Toten); Robicheaux und Clete Purcel ermitteln – dabei stossen sie auf ein ungemein gewalttätiges Amerika, das mit den Idealen der Gründerväter, auf die politische Kommentatoren und in den Massenmedien befragte Universitätsprofessoren ständig hinweisen, wenig bis gar nichts zu tun haben. Auch die sozialen Gegensätze sowie den alltäglichen Rassismus in Amerikas Süden stellt der Autor eindrücklich dar. In Sachen Aktivitäten der Behörden hält sich seine Achtung in Grenzen: „… war es genauso Normalität wie die Tatsache, dass die Planungsämter den Betreibern von Pornogeschäften und Massagesalons oft ganze Stadtviertel überliessen, die hauptsächlich von älteren und weniger wohlhabenden Leuten bewohnt wurden.“

Es geht um Öl, Landbesitz, soziale Gegensätze und um die Lektionen, die das Leben für uns bereit hält. „Wer sich einmal damit beschäftigt hat, wie die Medien funktionieren, der weiss, dass das Wichtige weniger in dem liegt, was geschrieben wird, sondern in dem, was unerwähnt bleibt.“ Oder: „Genauso wir wir keinen Einfluss darauf haben, wann und wie wir zur Welt kommen, liegt es nicht in unserer Hand, wann und wie wir sterben. Das ist jedoch kein Grund, sich ohnmächtig zu fühlen. Es ist, wie es ist.“

Ich kenne keinen, der mir den amerikanischen Süden – eine sehr eigene Gegend! – besser zu vermitteln wüsste als James Lee Burke, zu dem mir so recht eigentlich auch nach mindestens zehn Dave-Robicheaux-Krimis nur Gutes einfällt, obwohl er durchaus einen Hang zu Klischees hat: Ständig fahren Dave und Clete nach Hause, nehmen eine heisse Dusche und ziehen sich anschliessend „eine frische Unterhose und Hose an, dazu ein gebügeltes Hemd.“ Wer diese Hemden bügelt erfährt man allerdings nicht …

Im Klappentext ist zu lesen: „James Lee Burke zeichnet seine Figuren sorgsam mit feinen Pinselstrichen und erweckt sie so zum Leben.“ Feine Pinselstriche?! So ein Schmarren! Robicheaux geht zu Treffen der Anonymen Alkoholiker, wo es um die Absurdität und die Schrecknisse des Lebens, und ums Überleben geht. Feine Pinselstriche sind was für Schöngeister, nicht für James Lee Burke, diesen lebensweisen Mann, der spürt, „dass in Wahrheit alle Ereignisse zeitgleich ablaufen, als eine Art Traum im Bewusstsein Gottes.“

Wie alle, die das 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker wirklich begriffen haben, ist auch Dave Robicheaux spirituell unterwegs. Und das meint: In einem grösseren Ganzen zuhause, das die meisten Bewohner dieses Planeten nie wahrnehmen. „Wenn du Glück hast, lernst du in einem gewissen Alter, die Welt nicht von der anderen Wirklichkeit überzeugen zu wollen, die oft nur ein Fingerschnippen entfernt ist.“

Fazit: Grossartig! Wer wissen will wie der Süden der USA (praktizierende und trockene Alkoholiker inklusive) tickt, lese den cleveren und empathischen James Lee Burke.

PS: Wie man vom englischen Originaltitel „The Glass Rainbow“ auf Eine Zelle für Clete kommen kann ist mir schleierhaft, denn Clete, obwohl er reihenweise Leute umlegt, landet in keiner Zelle.

James Lee Burke
Eine Zelle für Clete
Pendragon, Bielefeld 2022

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