
Helicônia, Santa Cruz do Sul, am 1. Januar 2022
Hans Durrers Buchbesprechungen

Helicônia, Santa Cruz do Sul, am 1. Januar 2022
Maja Hoffmann, die Gründungspräsidentin der LUMA Foundation in Arles, macht in ihrem Geleitwort klar, dass dieses Buch zum Ziel hat, Annie Leibovitz‘ „weithin anerkannte Arbeitsweise umfassender und intensiver zu kontextualisieren.“ Und das ist auch bestens gelungen. So findet sich in diesem Buch eine Chronologie sogenannt wichtiger Ereignisse von 1967 bis 1984, also von der Tet-Offensive vom 30. Januar 1968, bei der nordvietnamesische und Vietcong-Truppen die amerikanischen und südvietnamesischen Stellungen angriffen, bis zur Flucht von Roman Polanski vor den amerikanischen Strafbehörden nach Frankreich, um sich einer Verurteilung wegen Geschlechtsverkehrs mit einer 13Jährigen zu entziehen.
Matthieu Humery, Luc Sante und Jann Wenner haben Texte beigetragen, doch der spannendste stammt von Annie Leibovitz selbst. Sie beschreibt darin unter anderem, wie wichtig das Autofahren für ihren Vater war (und auch für sie geworden ist). „Mit 17 ging ich nach Kalifornien. Ich hatte die Highschool in Maryland gerade abgeschlossen und wollte, dass die Zukunft begann. Sobald ich konnte, zog ich so weit wie nur möglich von der Ostküste fort. Ich entschied mich für das San Francisco Art Institute nicht nur, weil ich Künstlerin werden wollte, sondern auch wegen des Fotos auf dem Titelblatt der Schulbroschüre – ein Blick auf die San Francisco Bay vom Fenster des Instituts aus. Eine romantische Vorstellung, die für mich nie in Erfüllung ging.“ Treffender und anrührender habe ich selten gelesen, was uns motiviert – und auch häufig enttäuscht.
San Francisco ist bekanntlich auch recht hügelig („bergig“, wie der deutsche Text meint, finde ich etwas übertrieben) und einige dieser Hügel fallen recht steil ab. Beim Parken gilt es, die Räder zum Randstein einzuschlagen, damit das Auto nicht den Hügel runterrollt. Zu der Zeit, als Annie Leibovitz einen roten BMW fuhr, vergass sie das einmal. „Ich blickte die Strasse hinunter, und da stand er, verkeilt in ein anderes Auto, das dort parkte. Seitdem habe ich kein rotes Auto mehr gekauft. Sie machen nur Ärger.“ Ich mag nicht nur ihre Bilder, ich mag auch ihren Humor!
Die Bandbreite der Sujets ist wunderbar vielfältig und stark von der damaligen Musikkultur geprägt. Die Rolling Stones, Chris Stein und Deborah Harry, Cheap Trick, Pat Benatar, Patti Smith, Linda Ronstadt, Bruce Springsteen und und und. Das berühmte Foto von Yoko Ono mit dem nackten „Säugling“ John Lennon in New York City findet sich genau so in diesem Band wie Aufnahmen von Arnold Schwarzenegger, Dianne Feinstein, Dan Rather, John Gregory Dunne und Joan Didion, Jerry Brown und Hunter S. Thompson – letzterer im Hotelbett, das Leintuch über den Kopf gezogen sowie eine Dose Budweiser und eine kleine Flasche Johnny Walker auf dem Nachttisch (das war 1976 während der Democratic National Convention in New York City); besser kann man den Autor von „Fear and Loathing on the Campaign Trail“ wahrlich nicht ablichten.
Die meisten Aufnahmen sind in Schwarz/Weiss und verstärken damit mein Gefühl einer Zeitreise in die Vergangenheit. Das Magische an diesen Fotografien ist, dass sie mich glauben lassen, sie hätten etwas mit mir zu tun – dabei war ich gar nicht vor Ort und die Abgebildeten, die ich kenne, kenne ich nur aus dem Medien. Doch es war eben auch meine Zeit, also die, in der ich gross geworden bin und somit zeigen diese Aufnahmen auch einen Blick in meine eigene Vergangenheit.
Annie Leibovitz
The early years, 1970-1983
Englisch, Deutsch, Französisch
Taschen, Köln 2018

Estrelítzia, Santa Cruz do Sul, 14. Januar 2022
Dies ist Daniel Schreibers Grundhaltung: „Ich glaubte, dass sich so gut wie alle Probleme lösen liessen, wenn man sich nur genug Mühe gab, sich Hilfe suchte, die richtigen Schritte unternahm, sich engagierte.“ Und sie zieht sich durchs ganze Buch. Man müsse auch lernen mit ungelösten Problemen zu leben, ermahnte ihn ein Bekannter. „Vielleicht verstand ich erst jetzt, unter dem Eindruck der Pandemie, was er damit meinte.“
Allein ist während der Pandemie entstanden. Es ist eine Zeit, in der niemand richtig versteht, was passiert, und schon gar nicht, wie es weitergehen wird. Für einige, unter ihnen der Autor, ist sie auch Anlass zu einer Nabelschau, einer sensiblen und sehr intensiven. Kaum etwas, das er nicht hinterfragt und analysiert; er quält sich, genügt sich nicht, zweifelt, ob er überhaupt liebenswert sei. Daniel Schreiber ist auf der Suche nach Antworten, doch mehr als Einsichten sind selten zu haben. Allein ist auch ein Buch darüber, dass Einsichten wenig helfen, ich bezweifle jedoch, dass der Autor diese Einschätzung teilt.
Daniel Schreiber lebt offenbar mit Bildern im Kopf, von denen er sich emotional nicht wirklich lösen kann: Das Leben als Paar ist normal, Zweisamkeit ist besser als Alleinsein. Sein Verstand weiss, dass das Unsinn ist, sein Gefühl sagt was anderes. Und gegen Letzteres kommt der Verstand nicht an. „Das Schwierigste ist der Abschied von all den Fantasien, die man für sein Leben hatte, den vielen selbstverständlichen Vorstellungen. Man betrauert ein Lebensmodell, das einem nicht nur überall vorgelebt wird, sondern das man auch selbst verinnerlicht hat.“ Ich selber hatte nie solch idealisierte Vorstellungen von Zweisamkeit. Im Gegenteil: Ich kenne kein einziges Paar, das ich um seinen Alltag beneiden würde.
Allein beschreibt eine Welt, in der die grossen Erzählungen wie etwa die der Politik und der Philosophie nicht mehr greifen und wir uns gerade auch von der Erzählung der Liebe verabschieden. Wobei, Daniel Schreiber formuliert das vorsichtig. „Viele von uns haben sich freiwillig oder unfreiwillig von der grossen Erzählung der Liebe verabschiedet, obwohl wir vielleicht immer noch an sie glauben.“ Ich teile diese Einschätzung nicht, gehe davon aus, dass die Vorstellung der romantischen Liebe, mit der wir seit frühester Jugend vertraut sind, uns bis ans Lebensende begleiten wird. Sie wird mit der Zeit wohl weniger heftig, doch sie verschwindet nicht, denn emotional bleibt der Mensch ein Leben lang in der Pubertät stecken. Ich soll nicht von mir auf andere schliessen? Ich tue es aber – und denke nicht, dass ich eine Ausnahme bin.
Allein ist ein Buch darüber, wie sich der Autor fühlt, was er denkt, womit er sich beschäftigt und auseinandersetzt. Es handelt von Beziehungen und Freundschaften und was mit einem passieren kann, wenn man nicht in den gesellschaftlich erwarteten Formen unterwegs ist. Er berichtet von Selbstzweifeln, Depressionen, finanzieller Unsicherheit, vom Wandern und Spazieren, vom Stricken, von ganz unterschiedlichen Büchern, die ihm (zum Teil banale, wie ich finde, zum Teil höchst aufschlussreiche) Einsichten verschafft haben. Er erzählt von seinem Schwulsein, der queeren Scham, Selbsthilfegruppen, Sitzungen bei der Psychoanalytikerin, Yoga, von Pflanzen, vom Gärtnern, von Aids, dem Klima, Fuerteventura, Berlin, Luzern. Und und und … Was der Mann nicht alles ausprobiert! Auf mich wirkte das alles etwas too much – loslassen scheint ihm fremd.
Gut geschrieben, konventionell klug, reich an vielfältigen und differenzierten Überlegungen, die mich jedoch selten überrascht haben, denn das Denken des Autors bewegt sich etwas arg oft in Wenn-Dann-Kategorien. Nachhaltiges freundschaftliches Glück, behauptet er etwa, stelle sich ein, wenn es gelinge „unser Gegenüber in seiner Andersartigkeit erkennen. Wenn wir uns seiner oder ihrer emotionalen Realität öffnen, seinem oder ihrem anderen Blick auf die Welt. Es kommt auf, wenn wir jemand anderen glücklich machen.“ Das leuchtet zwar ein, klingt jedoch etwas arg idealistisch.
Das Alleinsein kommt für mich zu kurz – der grösste Teil handelt von Freundschaften, Beziehungen im allgemeinen, des Autors Verhältnis zu anderen – , was mich etwas enttäuschte, denn allein sein zu können, ist für mich erstrebenswert. Darüber hätte ich gerne mehr erfahren: „Schon die christlichen Mystiker hiessen Einsamkeitserfahrungen willkommen, sie vermittelten ihnen eine besondere Nähe zu ihrem Gott.“
Es klinge vielleicht etwas blöd, sagte mir einmal ein von mir sehr geschätzter Freund, doch so recht eigentlich sei er sich selber sein bester Freund. Eine überaus hilfreiche Anregung, wie ich finde.
Daniel Schreiber
Allein
Hanser Berlin 2021

Lanzenrosette (Aechmea fasciata), Santa Cruz do Sul, am 7. Januar 2022
Jedes Bild erzählt eine Geschichte, heisst es in der Pressemitteilung. Nicht nur eine, sondern mehrere. Zudem: Nicht die Bilder erzählen Geschichten, sondern die, die sie sich anschauen, weshalb sie denn auch meist mehr über die Betrachter als über das Betrachtete aussagen.
Was für eine tolle Idee, Geschichten von US-Autoren (wobei: Lee Child ist Engländer, lebt jedoch schon lange in Manhattan) zu den Bildern von Edward Hopper (1882-1967), diesem ikonischen US-Maler, in einem Band zu publizieren. Noch toller ist, dass es sich dabei hauptsächlich um Thriller-Autoren handelt, die ich schätze. Unter ihnen gibt es auch solche, von denen mir nur die Namen geläufig sind und noch andere, die ich überhaupt nicht kenne, auf die ich jedoch hinreichend neugierig bin, weil ich vor vielen Jahren auch ein paar Bücher (aus der Bernie-Rhodenbarr-Serie) des Herausgebers, Lawrence Block, gelesen habe und ihm deswegen vertraue, obwohl ich keine rechte Erinnerung mehr daran habe.
Den einzelnen Geschichten ist eine Kurzinformation über die jeweiligen Autoren vorangestellt, bei einigen erfährt man etwas über ihren Hopper-Bezug, bei anderen nicht. Bei Jill D. Block liest man: „Sie erinnert sich vage, am College einen Kurs in Kunstgeschichte belegt zu haben, in dem sie in der kurzen Zeitspanne zwischen dem Ausschalten der Beleuchtung und dem Einschlafen möglicherweise ein Dia von einem Edward-Hopper-Gemälde gesehen hat.“ Was ihre Geschichte mit Hopper zu tun hat, hat sich mir nicht einmal vage erschlossen, doch sie ist clever aufgebaut, zieht einen hinein.
Auf ganz vielfältige Art gelungen ist Robert Olen Butlers ‚Abenddämmerung‘. Das Hopper-Bild zeigt einen Pierrot auf einer Restaurantterrasse sitzen, eine Zigarette im Mund und vor sich hin starrend. Butlers Protagonist ist Maler, hat seine Frau Solange von der Place Pigalle gerettet und oft gemalt. „Sie hat sich in das Bild verliebt, das ich für sie erschaffen habe. Ich habe die wahre Gestalt ihres Fleisches gemalt, in Sonnenlicht und Schatten, im Schlaf und in Leidenschaft. Nur ich kenne die wahre Rötung ihrer Wangen, das rohe Siena und Ockergelb und Kadmiumrot unter den grellen Farben, mit denen sie das leidenschaftliche Gesicht gemalt hat, dass sie Leclerc präsentiert. Wir haben begriffen, Solange und ich, dass sie im tieferen Sinn nicht mehr existiert, es sei denn durch meine Hand.“
Fazit: Ein höchst anregender Band, der nicht nur einlädt, Hoppers Bilder genauer zu betrachten, sondern auch Autoren zu entdecken. Zum Beispiel Craig Ferguson, der ein Fan von Edward Hopper, Lawrence Block, Elvis Presley und des heiligen Augustinus ist und von dem diese ganz wunderbare Passage stammt: „Während die Zeit dahinschwand, begannen die beiden alten Männer, die ihr ganzes Leben nur wenige Meilen voneinander gelebt hatten, einander ihre Geschichten zu erzählen, und in der Art von Menschen, denen Lächerlichkeit und Scham fremd geworden sind, vertrauten sie sich auch ihre Misserfolge an. Als Ehegatten, Väter, Liebhaber, als Männer. Und natürlich führte dieses Teilen ihrer Misserfolge dazu, dass sie einander mochten. Ein Vertrauen, zu dem nur die Verdammten fähig sind.“
PS: Neben den bereits erwähnten, finden sich auch Geschichten folgender Autoren in dieser sehr ansprechenden Anthologie: Megan Abbott, Nicholas Christopher, Michael Connelly, Jeffrey Deaver, Stephen King, Joe R. Lansdale, Gail Levin, Warren Moore, Joyce Carol Oates, Kris Nelscott, Jonathan Santlofer sowie Justin Scott.
Nighthawks
Stories nach Gemälden von Edward Hopper
Herausgegeben von Laurence Block
Droemer, München 2017

Santa Cruz do Sul, am 4. Januar 2022
Manchmal kriege ich von Verlagen Bücher zugeschickt, von denen sie annehmen, dass ich sie besprechen werde. Manchmal treffen sie meinen Geschmack, manchmal nicht. Und manchmal weisen sie mich auf etwas hin, worauf ich selber gar nicht gekommen wäre, mich aber sofort davon angezogen fühle. So geschehen bei Patrik Schedlers Karlheinz Weinberger oder Die Ballade von Jim. Und das überrascht mich, denn weder ist mir der Fotograf Karlheinz Weinberger ein Begriff, noch kann ich mit seinen Vorlieben etwas anfangen und auch zur Zürcher Schwulen-Szene habe ich keinen Bezug.
Karlheinz Weinberger (1921-2006) lebte im Zürcher Kreis 4, verdiente sein Geld als Lagerist und fotografierte in seiner Freizeit Halbstarke, Rocker, Biker, Bauarbeiter, Sportler und Tätowierte, lese ich im Klappentext. Und: „Weinbergers fotografisches Schaffen spiegelt sein Leben, seine Homosexualität und seine Faszination für virile Welten wieder.“
„Karlheinz Weinberger erwähnte in Interviews, dass er froh sei, dass er seine Wohnung nicht mehr räumen müsse – ich musste“. Mit diesem ganz wunderbaren Satz, der die mitunter mühevolle Arbeit, die vor ihm liegt, gleichsam aufstöhnend einleitet, beginnt Patrik Schedler, der mit Karlheinz Weinberger befreundet war und ihn ab 2000 künstlerisch betreute, diesen Band. Diese Wohnung im vierten Stock an der Elisabethenstrasse beim Tramdepot an der Kalkbreite sei von zentraler Bedeutung für Weinbergers Werk, nicht nur, weil viele seiner Fotografien da entstanden sind, sondern auch, weil sie für viele seiner Modelle zu einem Zufluchtsort wurde.
Ich las diesen Band einerseits als Porträt eines ausgesprochen zweigeteilten Mannes (die unspektakuläre Lohnexistenz / der obsessive Fotograf) und andererseits als Sozialgeschichte von Minderheiten in der Stadt Zürich. So begann etwa die Zürcher Sittenpolizei in den 1950ern ein Homosexuellen-Register zu führen, ermordete Homosexuelle wurden von der Presse zu Tätern gemacht, Jeans galten als aufrührerisch und die Halbstarken-Bewegung als staatsgefährdend.
„Weinberger hat die Halbstarken durch seine Bilder zu dem gemacht, was sie sein wollten und was sie haben wollten: unterscheidbar zu sein und eine eigene und freie Existenz zu haben.“ Treffend konstatiert der Autor: „Die Aussage, das Bild erschaffe Wirklichkeit, ist nicht bloss eine philosophische Floskel, sondern eine Tatsache.“
Auch dass alles zusammen hängt, dass Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft auf eine Art verknüpft sind, die wir selten wahrnehmen, geschweige denn verstehen, ist eine Tatsache. So nahm etwa Patrik Schedlers Vater den kleinen Jungen oft mit nach Zürich, wo er die Werkstatt eines Clicheurs aufsuchte, die sich hinter Weinbergers Haus befand und der mittlerweile Erwachsene fragt nun. „Nachträgliche Konstruktion einer Schicksalsfügung?“ Wieso Konstruktion? So ist es doch gewesen!
Es liegt in der Natur der Sache, dass ein solches Porträt interpretativ ist. Für mein Empfinden tut der Autor dabei gelegentlich allerdings zu viel des Guten. Wenn er etwa schreibt, Weinberger sei keineswegs, wie seine Anstellung als Lagerist suggerieren könnte, ein Biedermann gewesen. „Sein äusserliches Leben war Camouflage. Er wiederholte immer wieder, dass sein Leben am Freitagabend begonnen und am Montagmorgen wieder zu Ende gewesen sei.“ Was soll das denn anderes sein als die fast schon klassische Definition eines Biedermanns? Schedler sieht das ganz anders: „Das Leben als gewöhnlicher Arbeiter war die Tarnung und die Ermöglichungsbedingung für das Leben als Künstler, und diese Camouflage war derart gut, dass sie über seine Pensionierung, ja sogar über seinen Tod hinaus wirkte.“ Für mich klingt das etwas arg nach posthumer Glorifizierung.
Fazit: Erhellend und instruktiv.
Patrik Schedler
Karlheinz Weinberger oder Die Ballade von Jim
Limmat Verlag, Zürich 2018

Santa Cruz do Sul, am 5. Januar 2022
Keine Frage, der Forschungsdrang des Menschen ist grenzenlos, in so ziemlich jedem Sinne des Wortes. Was uns genau aus dem Haus und Richtung Mond und Mars treibt, wüsste ich nicht zu sagen, doch dass wir erkunden wollen, wo wir eigentlich leben, wie „unser“ Planet ausschaut und unter was für Bedingungen Leben eigentlich möglich ist, ist naheliegend, wenn auch ziemlich weit entfernt vom gewohnten Alltag.
„Die grösste Forschungsreise aller Zeiten“ lautet der Untertitel von „Expedition Arktis“ der Fotografin Esther Horvath mit Texten von Sebastian Grote und Katharina Weiss-Tuider. Dokumentiert wird wie sich ein internationales Forscherteam in das Epizentrum des Klimawandels aufmachte, „um die Klimaprozesse der Zentralarktis im Jahresverlauf zu untersuchen.“ Markus Rex, der Leiter der MOSAIC-Expedition (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of the Arctic Climate) schreibt im Vorwort: „Wir brauchen solide wissenschaftliche Grundlagen, um die anstehenden politischen Entscheidungen zum Klimaschutz treffgenau und evidenzbasiert gestalten zu können (…) Nur so können unsere Gesellschaften auf fundierten Erkenntnissen beruhende Entscheidungen treffen.“
„Die Vermessung einer schwindenden Welt“ ist eine aufwendige Sache, die umfassenden Vorbereitungen fanden auf Spitzbergen statt, das auf halber Strecke zwischen Norwegen und dem Nordpol liegt und sich seit Anfang der 1990er-Jahre, als Markus Rex zum ersten Mal da war, sehr gewandelt hat: „Wir sind in diesen Jahren oft mit Skiern oder Schneemobilen auf dem Eis unterwegs gewesen. Wenn ich heute zur selben Jahreszeit an diesen Ort komme, stehe ich vor offenem Wasser.“
Apropos Vorbereitungen: „Insgesamt 500 Tonnen Fracht wird die Expedition mitnehmen – von schwerem Gerät wie Pistenraupen bis hin zu einer Vielzahl an Schrauben.“ Die Dimensionen dieses Unternehmens erahnt man auch, wenn man die Fotos betrachtet, von denen viele bei Nacht gemacht wurden (die Polarnacht dauert sechs Monate) – eine besondere Herausforderung, welche Esther Horvath überzeugend gemeistert hat. Was die Fotos nicht leisten können, vermitteln die aufschlussreichen Texte.
„… versetzt die Anziehungskraft des Erdtrabanten das Eis immer wieder in Bewegung. Durch ein plötzliches Krachen und Knarzen kündigt es sich oftmals an, gefolgt von Poltern und Bersten, auch Kreischen und Stöhnen. Wo gerade noch scheinbar massive Eisebenen ruhten, tun sich innerhalb weniger Minuten Risse auf, brechen Eisfelder und driften auseinander. Andernorts schieben sich unter der Macht des Vollmonds die Eismassen zu gewaltigen, meterhohen Presseisrücken zusammen. Minutenlang donnern diese Bewegungen des Eises durch die Dunkelheit, sie zerren und drücken auch am Rumpf der Polarstern und bringen das Schiff zum Dröhnen. Dann verfällt die Arktis wieder in eisige Stille – und eine von den Naturgewalten umgestaltete Welt liegt vor den Augen der Forscher und Forscherinnen.“
„Expedition Arktis“ ist Dokumentarfotografie vom Feinsten und das meint: Fotos und Text gehören zusammen, sie ergänzen sich. Neben den informativen Bildlegenden und den thematisch gegliederten Texten (etwa über die Nacht und über den Alltag) findet sich auch ein Gespräch mit der Fotografin in diesem eindrücklichen Band, worin sie unter anderem ausführt, wie sie beim Fotografieren vorgeht. „Bei jedem Bild habe ich zunächst eine Geschichte im Kopf. Dazu recherchiere ich vorher und spreche viel mit den Menschen. Ich weiss, wann ich warum auf den Auslöser drücke und was ich damit erzählen will.“
Die mich am meisten beeindruckenden Aufnahmen zeigen die weiten Meereislandschaften, doch das Bild, das mir am stärksten eingefahren ist, stammt nicht von einer Fotokamera, sondern entstand in meinem Kopf, als ich Esther Horvaths Schilderung dieser Erfahrung gelesen habe, „… auf dem Meereis zu stehen und sich bewusst zu werden, dass unter uns ein mehrere Kilometer tiefer Ozean ist. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Es lässt sch kaum beschreiben.“
Ein grandioses Werk, das einen das Staunen lehrt!
Esther Horvath, Sebastian Grote, Katharina Weiss-Tuider
Expedition Arktis
Die grösste Forschungsreise aller Zeiten
Prestel, München-London-New York 2020