Anne Philippi: Giraffen

„Wo endet die Party und wo beginnt der Absturz? Eva und Henry teilen die gleichen Vorlieben. Alkohol, viel Alkohol, noch mehr Alkohol …“ so beginnen die Verlagsinformationen zu Anne Philippis Giraffen  und ich frage mich, soll ich das wirklich lesen? und bin dann ganz überrascht (und dann doch wieder nicht, denn Rogner & Bernhard ist ein wirklich guter Name im Verlagsgeschäft … obwohl, wie kann man nur, ums Himmels Willen, „Megaseller“ [Helene Hegemann] auf den Umschlag setzen …), nein, nicht wie gut Anne Philippi schreibt (wer für die FAZVogue und Vanity Fair  geschrieben hat, von der darf man erwarten, dass sie konventionell gut schreibt und das tut sie auch), sondern, weil sie treffend auf den Punkt bringt, was Sucht wesentlich ausmacht … dass man die Langeweile („etwas wirklich Schlimmes, eine tödliche Krankheit“) nicht erträgt und Verantwortung scheut („Ich will Reissaus nehmen können. Zu jedem Zeitpunkt.“).

„Denial is not a river in Egypt“, heisst es bei den Anonymen Alkoholikern. Im heutigen Berlin definiert sich gekonntes Verdrängen so: „Die Sucht, das war nicht die Tablette. Die Pille, die Tinktur, die Verzauberung durch Valium, als ich mir den Arm brach, das Erlebnis einer psychedelischen Erweckung, als ich Tetrazykline schluckte. Die Sucht, das war Christiane F., ihre schlampigen Haare, ihr hartes Berlin, das ich niemals hätte ertragen können.“

Bei den Anonymen Alkoholikern (AA) landet Eva übrigens auch einmal. Im Anschluss an einen wenig erhebenden Besuch bei einer Koabhängigkeitsgruppe, wo man (eine wunderbar komische Szene) nicht miteinander spricht, sondern die Probleme in den Raum redet, ins Nichts. 

Bei den AA geniesst Eva die Aufmerksamkeit. „Es ist schön, wenn mir dreissig Augenpaare folgen, nur weil ich vom Saufen vom letzten Wochenende erzähle. Ich gebe Gas, ich mach weiter, ich erfinde noch ein paar Koksmärchen, krasse Abstürze, Überdosen, die ich nie genommen habe …“. Eva und Henry fliegen mit Easyjet (schon das signalisiert, dass es die beiden mit dem Neuanfang ernst meinen .. ich meine das nur halb-ernst) nach Olbia, wo es zu meiner Verblüffung offenbar Stierkampf gibt. In Sardinien trifft Eva dann auch auf die Giraffe, die sie in Berlin schon einmal beobachtet hat … und die Geschichte nimmt eine recht unerwartete Wende, die hier jedoch nicht verraten werden soll …

Besonders angetan haben es mir die Schilderungen der Therapeuten Dr. Müller und Dr. Heinrich. Müller hatte seine eigenen Speed-Erfahrungen gemacht, weshalb ihm Eva auch mehr glaubt als Heinrich, den sie so schildert: „Er sass da mit dickem Bauch und grauem Bart, er war der Typ, der Zwanzigjährige im Zug anglotzte, aber der Meinung war, man solle den Körper, den physischen Körper, aus der Therapie weglassen. Er hatte natürlich unrecht.“
Ganz wunderbar auch Evas Reaktion auf Dr. Müller, den sie unter anderem fragte, „woher die Kontrolle käme, wenn man sie dringend brauchte. Dr. Müller zuckte mit den Schultern. ‚Kontrolle ist ein bürgerliches Konzept‘, sagte er und danach rief ich Dr. Müller nicht mehr an. Mit solchen Abstraktionen konnte ich nicht umgehen.“

„Giraffen“ ist kein Sucht-Buch. Es ist auch kein Bekenntnis-Buch mit anschliessender Läuterung. Es ist einfach eine gut und spannend erzählte Geschichte, mit nützlichen Einsichten für Süchtige und nicht ganz so Süchtige, die länger als die meisten auf ein gemachtes Bett und andere ihnen zusagende Umstände warten, bevor sie selber aktiv werden. „Ich fühlte mich immer wohler in anderer Leute Zuhause, ich habe bis heute keine Idee, wie ein Zuhause geht … Ich setzte mich in gemachte Nester, ich schleifte meine Klamotten dorthin und legte mich in fremde Betten. Das lag mir, darin war ich gut.“

Anne Philippi
Giraffen
Rogner & Bernhard, Berlin 2015

Wolfgang P. Schwelle: Alkohol

Diesem eindrücklichen, informativen und gut lesbaren Werk ist ein Geleitwort des Nachtschatten-Verlegers Roger Liggenstorfer vorangestellt, in dem er unter anderem Paracelsus zitiert: „Alle Dinge sind Gift, auf die Dosis kommt es an!“ und das Buch treffend mit diesen Worten zusammenfasst: „Dieser reichhaltige erste Band einer geplanten Trilogie besticht auch als eigenständiges Werk. Er zeigt die lange Geschichte des Alkohols, das Verhältnis zum Trinken in verschiedenen Kulturen und Gesellschaften und die Beziehung zur Religion auf spannende und eindrückliche Art. Und nicht zuletzt erzählt er auch von den berühmtesten Trinkern: ein Stelldichein der aussergewöhnlichsten Säufer und Trinkerinnen aus allen Gesellschaftsschichten. Ich wünsche bei der Lektüre dieses berauschenden Buches viel Spass und Erkenntnisgewinn und bin mir sicher, dass die Leserin, der Leser danach die mächtigste Droge der Welt mit neuen Augen sehen werden.“

Der Autor, der 1963 in Wien geborene Wolfgang P. Schwelle, der Handels- , Politik- und Kommunikationswissenschaften studiert hat, schreibt zur Verbreitung des Alkoholtrinkens: „… überall dort, wo Alkohol nicht verboten ist, wird er konsumiert. Und überall dort, wo er das ist, ebenso.“

Gemäss der WHO haben geschätzte 76 Millionen ein massives Alkoholproblem. Das meint aber eben auch, dass etwa drei Viertel der Alkohol-Konsumenten mit der Droge ganz gut umgehen können. Trotzdem: „De facto ist der Alkohol unzweifelhaft die mit sehr grossem Abstand am häufigsten konsumierte sowie zugleich unterm Strich auch die gefährlichste Droge der Welt.“ Das liegt nicht zuletzt daran, dass unter den Folgen unkontrollierten Trinkens nicht nur die Trinker, sondern auch alle anderen, die mit ihnen zu tun haben, zu leiden haben.

Gegliedert ist das Buch in 5 Kapitel. Und die sind 1) Die Geschichte des Alkohols, 2) Alkohol und Religion, 3) Alkohol und Gesellschaft, 4) Berühmte Trinker und 5) Und übrigens … wo auf die Frage eingegangen wird, ob Tiere eigentlich Alkohol trinken.

Ich will hier auf das Kapitel über berühmte Schriftsteller und das Trinken (es gibt auch Kapitel über Musiker und Komponisten, Sportler, Schauspieler, Politiker …) etwas näher eingehen. Ein Alkoholnebel liege über der Weltliteratur, behauptet der Hanser-Verleger und Schriftsteller Michael Krüger. Dass Scott Fitzgerald gesoffen hat, oder Hemingway, das war mir bekannt, dass jedoch Goethe sich „angeblich immer die Hände vor Freude gerieben hat, wenn eine neue Weinlieferung eintraf“, war mir neu, wie auch, dass Friedrich Schiller, „von manchen Autoren als schwerer, von anderen als mässiger Trinker“ bezeichnet worden sei. Auch Shakespeare soll ein Trinker gewesen sein, allerdings kein schwerer. Überrascht hat mich auch, dass Patricia Highsmith aussergewöhnlich hohe Mengen von Alkohol konsumiert hat: Erwähnt werden aber auch die Schriftsteller, die trocken geworden sind und George Bernard Shaw, der jede Form des Alkoholkonsums ein Leben lang ablehnte: „Ich brauche keine Stimulanzien, ich brauche viel eher Sedativa.“
Bei den Schweizer Schriftstellern fehlt übrigens Max Frisch, der in seinem Entwurf zu einem dritten Tagebuch schrieb: „Dass ich Alkoholiker sei, habe ich früher schon gesagt. Jetzt ist es keine Koketterie mehr. Nur in einer Klinik gelingt der völlige Entzug.“

Es ist nun aber eben nicht so, dass dieses Buch einfach unsere Neugier befriedigt („Wusste gar nicht, dass der oder die auch …“), vielmehr bietet es ganz unterschiedliche und äusserst vielfältige Aufklärung über Alkohol. So weist der Autor etwa darauf hin, dass es „dieser Wunsch nach einer gelegentlichen Auszeit von all den Problemen, von der oft als brutal empfundenen Wirklichkeit und von der durchrationalisierten Nüchternheit des modernen Lebens“ ist, weshalb der Gebrauch (und das schliesst den Missbrauch ein) von Alkohol wohl kaum je verschwinden wird. Übrigens: Die Inuit sind, bis die europäischen Eroberer kamen, ohne Drogen ausgekommen. „Freilich nicht, weil sie so diszipliniert und gesundheitsbewusst waren, sondern weil dort, wo sie leben, auf Grönland und im hohen Norden Kanadas, einfach nichts wächst, was als Droge hätte herhalten können.“

„Alkohol. Die mächtigste Droge der Welt“ ist uneingeschränkt zu empfehlen. Weil der Autor etwas zu sagen hat, dies differenziert tut und zudem unterhaltsam zu schreiben weiss. Und weil er Humor hat. So ist ein Kapitel überschrieben mit „Von Auguryo bis Zivjeli“. „Auguryo“ sagt man auf Somalisch für Prost. Und jetzt raten Sie mal was „Zivjeli“ heisst? Prost natürlich, auf Serbokroatisch.

Wolfgang P. Schwelle
Alkohol
Die mächtigste Droge der Welt
Band 1
Geschichte, Religion, Gesellschaft und Kurioses
Nachtschatten Verlag, Solothurn 2013

Daniel Schreiber: Nüchtern

Der erste Satz, das behaupten viele, die schreiben (und auch viele, die lesen), sei der wichtigste, jedenfalls zentral. Der erste Satz in Daniel Schreibers „Nüchtern“ geht so: „Es ist immer einfacher, sich an den Anfang einer Liebe zu erinnern als an ihr Ende.“ Klingt gut, stimmt aber eben nicht. Jedenfalls für mich nicht. Für mich ist das kein ehrlicher, sondern ein literarisch ambitionierter Satz. Und da Ehrlichkeit der Schlüssel zur Genesung ist, bin ich zum Auftakt schon skeptischer als mir eigentlich lieb ist.

Als Daniel Schreiber dann jedoch das allmähliche und unbemerkte Hineinschlittern ins zwanghafte Saufen beschreibt, ist meine Skepsis weg.

Wie gesagt, Ehrlichkeit ist der Schlüssel und das meint: das Hauptproblem bei der Sucht ist die Selbsttäuschung. „The first principle is not to fool yourself, and you are the easiest person to fool“, sagte Richard Feinman einmal in einem ganz anderen Zusammenhang. Doch Verleugnung ist nicht allein ein individuelles Problem. Treffend hält Schreiber fest: „Alkoholprobleme werden auch auf einer kollektiven Ebene grossflächig verleugnet, und in Deutschland tatsächlich noch mehr als anderswo.“ Nun gut, das gilt auch für die Schweiz und so recht eigentlich für sehr viele, wenn nicht die meisten Länder. Eine löbliche Ausnahme bilden die USA.

„Deutschland gehört mit einem jährlichen Pro-Kopf-Konsum von 12,1 Liter reinem Alkohol zu den Ländern in denen deutlich mehr als anderswo getrunken wird.“ Ich halte das zwar für möglich, auch wenn ich solchen Zahlen hinten und vorne nicht traue. Gibt es sie auch für asiatische oder für afrikanische Länder? Und wie kommen sie zustande? Und was ist mit Russland und Osteuropa? Wie auch immer: Alkoholabhängigkeit ist sicherlich verbreiterter als gemeinhin angenommen, das sagt einem schon der gesunde Menschenverstand, denn der Sucht-Wahrheit ins Gesicht zu sehen, ist wenig populär.

Wann man die Grenze vom Trinken zum Saufen überschreitet, weiss keiner wirklich zu sagen. Auch im Nachhinein nicht. Was einen letztlich dazu motiviert, mit dem Alkohol aufzuhören, ebenso wenig. Eine der verrückten, absolut surrealen Geschichten, die Daniel Schreiber erzählt, handelt von einem seiner Bekannten, der des zu vielen Trinkens wegen seine Familie verlor, eines Tages alkoholisiert in einen Baum raste, sich dabei fast jeden Knochen brach und anschliessend sechs Monate im Krankenhaus lag. Diese abstinente Krankenhaus-Zeit war ihm Beweis, dass er kein Problem mit Alkohol hatte. „Er hörte erst viel später auf zu trinken, ohne einen augenscheinlichen Grund und nachdem er es etliche Male vergebens versucht hatte.“

„Momente der Klarheit sind seltsame Zufälle. Man muss sie beim Schopf packen, denn sie können einem das Leben retten.“

Daniel Schreiber ist mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker trocken geworden. Die Identifikation mit anderen sowie simple Slogans wie „Nur für heute“, die er anfangs für „unfassbar naiv und esoterisch“ hielt, erwiesen sich dabei als hilfreich. Schliesslich lernte er die Realität zu akzeptieren wie sie nun einmal ist. Mit Höhen und Tiefen, guten und nicht so guten Zeiten..

„Nüchtern“ zeigt differenziert auf, wie komplex und rätselhaft die Alkoholabhängigkeit ist. Neben der Geschichte von des Autors eigener Abhängigkeit und Genesung, informiert es auch vielfältig über die medizinischen und gesellschaftlichen Aspekte der Sucht, führt aus, wie geächtet der Alkoholismus noch immer ist und beklagt unter anderem, dass selbst Menschen, die wissen, dass es sich bei der Alkoholsucht um eine Krankheit handelt, diese mit Willensschwäche assoziieren.

Dass Daniel Schreiber sich bemüht, den Alkoholismus in einen grösseren Zusammenhang zu stellen (Alkohol als Hilfsmittel zur Entspannung, übermässiges Trinken wird tabuisiert, suchtgeprägtes Denken und Verhalten können karrierefördernd sein) ist begrüssenswert. Und auch problematisch. Weil nämlich die meisten Menschen kein Problem mit dem Trinken haben. Doch ums Trinken geht es eigentlich gar nicht, sondern darum, sich fürs Leben zu entscheiden.

„Nüchtern“ liefert einen nüchternen Blick auf ein Tabu, es ist ein nützliches Buch.

Daniel Schreiber
Nüchtern
Über das Trinken und das Glück
Hanser Berlin 2014

Sigrid Rausing: Desaster

Sigrid Rausing, Verlegerin von Granta Books und Portobello Books sowie Herausgeberin des Granta Magazine, stammt aus einer sehr begüterten schwedischen Familie. Ihr Bruder Hans und seine Frau Eva hatten sich in einer Entzugsklinik kennengelernt, geheiratet, Kinder bekommen, sich für Suchtkranke eingesetzt und dann, nach Jahren, einen Rückfall erlitten, den er überlebt, sie jedoch nicht. Darüber und wie die Familie mit der Sucht der beiden umgegangen ist, berichtet Sigrid Rausing in Desaster.  „Dieses Buch handelt davon, was es heisst, Zeuge einer Sucht zu werden.“
Nicht nur das, will ich da gleich einwerfen, denn es erzählt darüber hinaus auch vom Leben, den Schwierigkeiten, Bedürfnissen und Freuden der Autorin. Und das ist gut so, denn allzu häufig handeln Bücher über Sucht fast ausschliesslich von den Problemen der Süchtigen.


Sigrid Rausing schreibt von ihrer Depression: „Wenn man depressiv ist, gibt es kein Echo im Kopf. Der Kopf bleibt stumm. Ich muss mich korrigieren: In meinem depressiven Kopf gab es kein Echo. Was weiss ich schon über die Erfahrung anderer.“ Sie beschreibt sich als Skeptikerin und für eine solche kann eine Klinik nur begrenzt was tun. Sie hat gelernt, sich selber zu helfen, mit langen Spaziergängen, Lesen, Schreiben und dem Recherchieren für ihre Doktorarbeit.
Hätte sie sehen müssen, was mit ihrem Bruder und seiner Frau los war? Hätte es ihre Familie sehen müssen? Und falls ja, was genau? Und was hätte man tun sollen, tun können? „Und obwohl ich wusste, wie fehlbar eine Gruppentherapie war, und überhaupt, wie begrenzt die Handlungsmöglichkeiten, glaubte ich auch weiterhin, dass solche Kliniken für Hans und Eva das Richtige waren. Es ist ähnlich wie mit der Schule für die Kinder, an die man ja auch glaubt – einfach, weil es keine Alternativen gibt.“ 

Die Familie will Hans und Eva helfen, die einen tendieren zu Strenge, die anderen zu Verständnis. „Hans und Eva schwankten hin und her, manchmal leugneten sie vehement, dass irgendetwas nicht stimmte, dann wieder gaben sie uns die Schuld an allem, was nicht stimmte – dieser Mechanismus erscheint den meisten Menschen, die sich mit Sucht auseinandersetzen müssen, bestimmt bekannt.“ In der Tat! Genauso wie die Frage, ob Süchtige Opfer oder Täter sind, denn sie zerstören nicht nur sich selber, sie zerstören auch Familien und Freunde – sie sind beides, Opfer und Täter.

Desaster  ist teils Familiengeschichte, teils Auseinandersetzung mit dem Phänomen Sucht. Sigrid Rausing hat sich breit informiert, weiss, wie wenig Konkretes man darüber weiss,  spekuliert, wie alle anderen auch. Und sie erkennt: „Es ist gefährlich, Narrative des Unglücks zu schaffen, die möglicherweise den emotionalen Teil der Sucht erklären, ihn unter Umständen aber auch verstärken. Deshalb meiden die Zwölf-Schritte-Programme jede Art von Kausalkette.“

Desaster  klärt auch vielfältig auf. Etwa darüber, wie die Rechtsprechung wohlhabende Drogenkonsumenten begünstigt. Oder darüber, dass es Handlungen gibt, die irreversibel sind. Oder darüber, dass es keine Rolle spielt, ob sich jemand freiwillig für eine Therapie entscheidet oder gerichtlich dazu verdonnert wird. „Wenn jemand erst einmal in einer Entzugsklinik ist, kann die Wende eintreten. Man muss es sich wie einen Prozess der Entradikalisierung vorstellen. Sucht ist nämlich mindestens genauso eine Kultur der Rebellion, wie sie eine Erbkrankheit ist oder eine psychische Störung.“

Es sei das Schicksal von Angehörigen leidender Menschen, notiert Sigrid Rausing, „dass sie sich immer überlegen müssen: Was hast du getan – und was hast du nicht getan.“ Sicher, das auch, doch zu diesem Schicksal gehört auch noch etwas anderes – die Auseinandersetzung mit sich selber, mit seinem eigenen Leben. Auch davon handelt dieses Buch. 

Desaster  ist ein höchst differenziertes und beeindruckend aufrichtiges Werk.

Sigrid Rausing
Desaster
S. Fischer, Frankfurt am Main 2018

Jessica J. Lee: Mein Jahr im Wasser

Die Depression hatte aus Jessica J. Lee einen Menschen gemacht, der sie nicht sein wollte: „entleert und verhärtet.“ Sie suchte einen Weg, um mit ihrer Verletzung zu leben. „Schwimmen wäre eine Möglichkeit, mit meinen Ängsten zu leben, meinen Alltag zu bestehen. Vor allem hoffte ich, eine gewisse Balance zu finden.“

Sie ist streng mit sich, schämt sich für ihr mangelhaftes Deutsch, reagiert immer mal wieder unwirsch, ist ungehalten, ja, wütend über sich selber. „Ich war eine Planerin; der Plan bestimmte, was als Nächstes passierte.“ Kein Wunder, verliert sie ziemlich regelmässig ihr inneres Gleichgewicht.

Jessica stammt aus dem kanadischen Ontario, ist 28 und geschieden, als sie nach Berlin kommt, um an ihrer Dissertation zu schreiben. Sie will von all den Seen in Stadtnähe zweiundfünfzig durchschwimmen, einen pro Woche, zu jeder Jahreszeit. „Wenn ich arbeite, bin ich langsam und geistesabwesend, in einem anderen Land. Breche ich hingegen zu den Seen auf, bin ich ganz im Hier.“

Dann lernt sie Jacob kennen, schwimmt mit ihm und entdeckt in sich „eine Art Wagemut, eine Furchtlosigkeit, nach der ich mich gesehnt hatte.“ Sie hat Angst vor dieser neuen Liebe, will die Selbstbestimmtheit, die sie nach ihrer Ehe gewonnen hat, nicht aufgeben. „Aber ich tat es. Und danach war ich wütend.“

Mit Fahrrad, Zug und Theodor Fontane entdeckt sie das Berliner Umfeld. Und schwimmt schliesslich auch im Wannsee, denn so recht eigentlich hatte sie sich entlegenere und weniger bekannte Seen vorgenommen.

Man lernt Einiges übers Wasser in diesem „Tagebuch einer Schwimmerin“. Etwa, dass es sich verändert, dass es sich überall anders anfühlt, dass es unterhalb des Eises die Temperatur von vier Grad hält und „kalt“ nach wissenschaftlichen Standards unter elf Grad meint.

Fast noch mehr erfährt man jedoch von Jessicas Vergangenheit. Von ihrem Aufwachsen, von ihrer Ehe, von ihren Stimmungen. Eines Tages stösst sie in der Bibliothek auf einen Satz, den man in einer Studie über Pilze wohl kaum erwarten würde und der sie innehalten lässt: „Freiheit ist die Überwindung der Gespenster einer Spuklandschaft; sie vermag den Spuk nicht auszutreiben, sondern hilft, ihn zu überleben und mit Geschmeidigkeit zu überwinden“, schreibt die Anthropologin Anna Tsing. Und Jessica notiert: „Vielleicht war es genau das. Jedes Mal, wenn ich an einen neuen Ort gezogen war, in ein neues Land oder in eine neue Stadt, hatte ich bald schon nur Vergangenes in der Gegenwart gefunden. Es gab eine Wahl: Ziehe weiter oder lerne, mit den Gespenstern zu leben.“

Die mir liebste Szene ereignete sich am Gross Glienicker See. Es regnet leicht an diesem Tag, ausser ihr ist niemand am See. Der nasse Sand ist kalt und gibt unter ihren Füssen nach, sodass sie Abdrücke hinterlässt. Der Strand, wo sie steht, gehört zu Berlin, die andere Seite des Sees zu Brandenburg. „Etwas an diesem See, vielleicht die Klarheit des Wassers, vielleicht die Art, wie er so still und bescheiden daliegt am Rand der Stadt, gibt mir die Gewissheit, dass ich ihn liebe. Ich suche den Horizont nach Begründungen oder Zeichen ab, sehe aber nur das dichte Schilf am Ufer – goldene Glanzlichter vor mattbraunem Hintergrund – und das Grau des Wassers. Weder der Tag noch der Ort ist aussergewöhnlich, aber der See mit seinem stillen Ufer ist stoisch und löst so etwas wie Respekt in mir aus.“

Jessica J. Lee
Mein Jahr im Wasser
Tagebuch einer Schwimmerin,
Berlin Verlag, München / Berlin 2017

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