
Oberschan, am 15. Dezember 2020
Hans Durrers Buchbesprechungen

Oberschan, am 15. Dezember 2020
„Diese Ausgabe folgt der Erstausgabe des Philosophischen Taschenwörterbuchs von 1764, die damit erstmals vollständig in deutscher Übersetzung vorliegt“, lässt Herausgeber Rainer Bauer von der Voltaire Stiftung im Vorwort wissen. Auch Hinweise zur Benutzung gibt er: „Wenn Kant empfiehlt: Gebrauche deinen Verstand – würde Voltaire ihm entgegnen: ja, aber wie, wenn die Köpfe voller Unsinn stecken? Und er hat die Lösung bereit: Zurück zu den Quellen unseres Wissens, zur Beobachtung der ungetauften Natur und zur kritisch-historischen Quellenanalyse. Nicht ‚Ich denke, also bin ich‘ ist sein Credo, sondern: ‚je suis corps et je pense‘ – ‚ich bin Körper und ich denke‘, das ist eine Verlagerung des philosophischen Schwerpunkts vom Kopf auf die Füsse.“
Keine Frage, Voltaire ist ein unabhängiger Geist par excellence, der in diesem Werk vorführt, wie eigenständiges Denken geht, und zwar an 73 Stichwörtern, die er sich vorgenommen hat. Da ich von der Historie wenig Ahnung habe und von Voltaire kaum mehr weiss als dass er ‚Candide‘ geschrieben hat, lasse ich mich bei der Lektüre vom Zufall leiten – lese mich also ganz willkürlich durch diesen Band. Angesprochen hat mich etwa, was Voltaire zu den ‚Grenzen des menschlichen Geistes‘ ausführt: „Betrachte dieses Weizenkorn, das ich auf den Boden werde, und sage mir, wie es sich aufrichtet und einen Halm erzeugt, der mit einer Ähre besetzt ist. Lehre mich, wie die gleiche Erde einen Apfel oben in diesem Baum hier hervorbringt und eine Kastanie aus dem Nachbarbaum.“
Klar doch, wir wissen das nicht und bilden uns nichtsdestotrotz gar arg viel auf unser Wissen über die Welt ein. Das war nicht nur 1764 so, als dieses Werk erschienen ist, das ist heute noch genauso. Und liegt vor allem daran, dass der Mensch sich am meisten irrt, wenn er sich selber einzuschätzen hat. „Montaignes Devise war Was weiss ich?, und deine ist Was weiss ich nicht?“, so Voltaire.
Unter dem Stichwort „Über China“ geht er unter anderem auf den Mathematikprofessor Wolff ein, der die chinesische Philosophie lobte, was das Missfallen von einigen europäischen Schriftstellern hervorrief, die behaupteten, „die Regierung in Peking sei atheistisch. Wolff hatte die Philosophen von Peking gelobt, also war Wolff ein Atheist.“ Voltaire kommentiert trocken: „Neid und Hass führen niemals zu den besten logischen Schlüssen.“
„Die Kette der Ereignisse“ lautet ein anderes Stichwort, anhand dessen Voltaire ausführt, dass alle Ereignisse „mit unabwendbarer Zwangsläufigkeit miteinander verkettet“ seien und es keine Wirkung ohne Ursache gebe. Ist das wirklich so oder ist es nicht vielmehr einfach unsere Gewohnheit zu denken? Die meisten machen sich wohl keine Gedanken dazu, Voltaire schon. Seine Ausführungen sind höchst anregend und verweisen auf zwei weitere Stichworte: „Schicksal“ und „Freiheit“.
Zu meinen liebsten Erläuterungen gehören „Über die Gesetze“, wo er erzählt, zu was für Absurditäten unbedingte Gesetzestreue führen kann, um dann klar zu machen, dass die Frage, ob Gesetzestreue notwendig ist, nicht abstrakt beantwortet werden kann, sondern modifiziert werden muss: Welchen Gesetzen gilt es zu gehorchen, wie sind diese zustande gekommen, sind sie gerecht?
„Es kam mir so vor, als hätten die meisten Menschen von der Natur genügend gesunden Menschenverstand mitbekommen, um Gesetze zu machen, doch hätten nicht alle genügend Gerechtigkeitssinn, um gute Gesetze zu machen.“
Über „Wunder“ lässt er sich aus und führt Physiker und Philosophen an, über den „Charakter“ und die „Religion“ äussert er sich genauso wie über die „Sinnliche Wahrnehmung“, von der er unter anderem schreibt: „Wir empfinden stets unwillkürlich und niemals, weil wir es wollen; es ist uns unmöglich, nicht die Sinneswahrnehmungen zu haben, die unsere Natur für uns bestimmt, wenn uns ein Gegenstand ins Auge fällt.“ Schon eigenartig, wie wenig ich mich bislang darüber gewundert habe. „Das Denken setzt uns in Erstaunen; aber die Sinnesempfindung ist ganz genau so wunderbar.“
Solche Hinweise lasse ich mir gerne gefallen. Und Voltaires Philosophisches Taschenwörterbuch ist voll davon.
Voltaire
Philosophisches Taschenwörterbuch
Herausgegeben von Rainer Bauer
Reclam, Ditzingen 2020

Baselgia Sogn Mang, Bonaduz, 14. Dezember 2020
Dass alles miteinander zusammen hängt, davon haben wir zwar gehört (jedenfalls einige), doch damit wir auch wirklich verstehen, was damit gemeint ist, müssen wir es spüren, denn Verstehen ist ein Gefühl. Eine Möglichkeit dieses Fühlens ist das Geschichtenerzählen, und ein besonders gelungenes führt uns David Szalay in Turbulenzen vor, in dem er Ereignisse miteinander verknüpft, die sich aus Flugreisen ergeben.
Eine ältere Engländerin, die in Madrid lebt und in London ihren kranken Sohn besucht hat, fühlt sich auf dem Flug von Gatwick nach Barajas unwohl. Ihr anteilnehmender Sitznachbar aus Dakar weiss noch nicht, dass ihn bei seiner Ankunft die Nachricht von einem tragischen Verkehrsunfall erwartet, bei dem ein Taxi involviert ist, in dem der Flugkapitän Werner sitzt, der ein Frachtflugzeug nach São Paulo fliegen soll, wo er die Nacht mit einer Journalistin verbringt, die am folgenden Tag in Toronto eine bekannte Schriftstellerin interviewen soll.
Turbulenzen erzählt davon, wie ganz unterschiedliche Leben kurz aufeinandertreffen und wieder auseinandergehen und ich frage mich, ob wohl auch in der wirklichen Welt jemand so Regie führt wie das der Autor von seiner Fantasie geleitet tut. Jedenfalls kommen mir diese Zusammentreffen sehr real vor.
Dass sie mit dem Unterwegssein in Flugzeugen in Verbindung stehen, gibt dem Autor auch die Möglichkeit, sich über diese den menschlichen Instinkten eher fremde Art des Reisens auszulassen. „Sie war jedes Mal erstaunt, erlebte jedes Mal eine tiefe Überraschung, wenn sich die Nase des Flugzeugs hob, wenn es sich vom Erdboden löste – obwohl sie eher das Gefühl hatte, dass der Erdboden unter ihr wegsackte.“ Oder: „Werner rief sich gern ins Bewusstsein, dass das Flugzeug in diesem Moment nicht mehr nicht abheben konnte, dass es keine Macht gab, die es am Boden gehalten hätte.“
Da ich selber oft in Flugzeugen sitze und die meisten der aufgeführten Destinationen selber angeflogen bin bzw. mich dort aufgehalten habe (Delhi, Doha, Toronto, Hongkong, São Paulo, Bangkok, Seattle, Budapest, Ho-Chi-Minh-Stadt, Madrid, London), kommt mir vieles vertraut und gleichzeitig unwirklich vor, denn David Szalay bringt mir zu Bewusstsein, dass Lebensschicksale eigentlich ständig aufeinander treffen, obwohl wir es selten merken. Das Kennedy-Zitat in der letzten Geschichte bringt es auf den Punkt: „Denn unter dem Strich verbindet uns alle die Tatsache, dass wir diesen kleinen Planeten bewohnen. Alle dieselbe Luft atmen. Alle eine gute Zukunft für unsere Kinder wünschen. Alle sterblich sind.“
Ich lese Turbulenzen wesentlich als ein Buch des Staunens. Einerseits über das Fliegen („Unfassbar, wie winzig das Flugzeug war, sowohl angesichts der Ausdehnung des Ozeans, den sie überflogen, als auch angesichts der ungeheuren Leere, die sie auf allen Seiten umgab.“), andererseits über die Empfindungen, die Begegnungen mit anderen auszulösen vermögen („Es war einer der Momente, dachte sie, die uns zu dem machen, was wir sind, sowohl im Hinblick auf uns selbst als auch im Hinblick auf andere Menschen. Dergleichen schien aus heiterem Himmel zu passieren, und dann wirkte es für immer nach, und man begriff allmählich, dass man es nicht abschütteln konnte, dass man nie wieder derselbe Mensch wäre.“).
Turbulenzen ist ein magisches Buch, das auf mich realer wirkte als das wirkliche Leben.
David Szalay
Turbulenzen
Carl Hanser Verlag, München 2020

Malans, am 8. Dezember 2020
Joe Harkness arbeitet als Lehrer für Jugendliche, „die aufgrund ihrer Verhaltensprobleme ausgeschult wurden und bis zu einem gewissen Grad besondere Bildungsbedürfnisse haben. Einde dicke Haut ist eine Voraussetzung für die Bewältigung solcher Aufgaben und unerlässlich, um sich gegen unflätige Verbalattacken und überbordende Kritik zur Wehr zu setzen …“. Mit anderen Worten: Das ist ein Job, der auch für super-ausgeglichene Leute nicht gerade einfach ist.
In einer besonders schwierigen Phase seines Lebens entwickelt Joe Harkness Ängste, „die schon beim Aufwachen begannen und den ganzen Tag anhielten, und zwar Tag für Tag.“ Auch mit Alkohol hat er ein Problem. Zwangserkrankung (OCD=obsessive-compulsive disorder) sowie Generalisierte Angststörung (GAS) lautete die Diagnose. Er versucht seine Ängste mit Ritualen in den Griff zu bekommen, die ihn entspannen. Und er nimmt Antidepressiva. Und dann macht er Erfahrungen, in denen die Bird-Therapie wurzelt.
Als er eines Tages aus einer besonders anstrengenden und belastenden Schulsituation flieht und auf Autopilot in die Natur fährt, werden seine Gedanken „jäh unterbrochen, als ein kleiner Vogel mit gestreiftem Federkleid aus einem Baum in der Nähe aufstieg, mit ausgebreiteten reglosen Flügeln, abwärts segelte. Er glich einem gefiederten Fallschirmspringer, der langsam zur Erde gleitet. Dabei erfolgte ein fröhliches, melodisches Gezwitscher, das die Heidelandschaft überflutete und einen Widerhall erzeugte. Wirbelnde Töne, die meinen Gedankentornado verdrängten.“
Taucht er in die Welt der Vögel ein, erlebt er sich als positiv gestimmt. „Meine Ängste und Sorgen schienen bis zur Bedeutungslosigkeit zu verblassen, und wenn ich gestresst war und einige Zeit unter freiem Himmel verbrachte, um Vögel zu beobachten, drifteten sie davon, wie Vögel in einer steifen Brise.“
Joe Harkness hat Glück gehabt, dass er das Bird-Watching für sich entdeckt und eine Passion dafür entwickelt hat, die seine Lebensgeister reaktiviert hat. Bird Therapy erzählt von dem, was ihm geholfen hat. „Ich habe gelernt und akzeptiert, dass wir alle Teile der Schöpfung und dadurch miteinander verbunden sind.“
Doch Bird Therapy berichtet nicht nur von Joe Harkness‘ Genesung, es gibt auch viele praktische Tipps und Anregungen. Etwa dazu wie wir die Natur und die Vogelbeobachtung bei jedem Wetter geniessen können. „Begrüssen und verbinden Sie sich mit dem Wetter als Teil ihrer Naturerfahrung. Das kann dazu beitragen, sich der Schöpfung näher zu fühlen und die Natur in einer alles umfassenden Weise zu erleben. Oder: „Behalten Sie im Winter die Gewässer ihrer Umgebung im Auge, da der Frost dazu beitragen kann, dass sich eine grosse Anzahl von Federwild in den kleinen eisfreien Bereichen einfindet.“
Bird Therapy ist ein Augenöffner und eine hilfreiche Anleitung fürs Leben.
Joe Harkness
Bird Therapy
nymphenburger, Stuttgart 2020

Sargans, Bahnweg, am 15. November 2020
„Das Leben ist der Ernstfall“ heisst das neue Buch des 1937 im niedersächsischen Celle geborenen Jürgen Leinemann, der fünfunddreissig Jahre für den „Spiegel“ geschrieben hat und heute von vielen Journalistenkollegen (weiblich wie männlich) als ‚grosser Reporter‘ (Evelyn Roll in der SZ) und als ‚einer der profiliertesten und bekanntesten Verfasser von Politikerporträts, Reportagen und Essays‘ (Wilfried Mommert in Die Berliner Literaturkritik) charakterisiert wird.
Ich selber habe Jürgen Leinemann vor über zwanzig Jahren kennengelernt. Ich arbeitete damals als Herausgeber einer Journalismus-Buchreihe beim Schweizer Verlagshaus in Zürich und hatte ihn angefragt, ob er ein Buch mit mir machen wolle, das einerseits ein Buch zum Wahljahr 1990 werden und andererseits ihn selber, durch eine Auswahl seiner Artikel, als Autor porträtieren sollte. Er sagte zu, schickte mir seine Arbeiten und ich begann mich mit diesen auseinanderzusetzen und lernte dabei einiges: über die Mechanismen der Politik, über die Selbstinszenierungen der politischen Akteure und über Jürgen Leinemann, der mir sympathisch war.
Warum erzähle ich das alles? Um klarzumachen, dass ich „Das Leben ist der Ernstfall“ positiv gestimmt angegangen bin. Ganz so also, wie Bücher generell angegangen werden sollten. Und um es gleich vorwegzunehmen: die Lektüre lohnt, denn da setzt sich einer intensiv – also fragend, analysierend und obsessiv – mit seinem Leben auseinander, und da dieser Mann einiges erlebt hat und zu erzählen weiss, erfährt man viel Spannendes, Anregendes und Lehrreiches. Auffallend dabei ist vor allem, wie ungeheuer selbst-analytisch das Schreiben des Autors geprägt ist: was er bei anderen (vor allem den Politikern) bemerkt, kennt er meist von sich selber (die Sucht nach Anerkennung, zum Beispiel), doch zwischen Leinemann und den von ihm Porträtierten, gibt es einen gewaltigen Unterschied: Leinemann stellt sich seinen Süchten, setzt sich mit ihnen auseinander – und das ist eindrücklich, und selten, und weit entfernt von einer psychologischen Nabelschau, denn dafür ist der Mann viel zu sehr Reporter und das meint: neugierig auf die ganze Welt, nicht nur seine eigene.
Leinemann ist einer, der genau hinschaut. Nicht nur bei anderen, auch bei sich selber. Und der deshalb über den ehemaligen CSU-Chef Strauss, der doch immer als Inbegriff vorwärtsstürmender bayerischer Urwüchsigkeit (als er einmal in einem Wahlkampf gefragt wurde, ob er sich nicht vor seinem schwergewichtigen SPD-Herausforderer Hirsemann fürchte, erwiderte er: Solange der sich net auf mich drauflegt …) beschrieben wurde, klar stellen konnte: „Er marschiert ja auch nicht, wie das Klischee weismachen will, walzt oder schiebt sich schon gar nicht vorwärts. Vielmehr hastet er in weicher Eile, verfällt fast ständig in einen unprägnanten Trippeltrab. Sein Gang hat kein Gewicht.“
„Das Leben ist der Ernstfall“ ist nicht nur ein genialer Titel, er beschreibt auch treffend, wovon in diesem Werk die Rede ist: von Jürgen Leinemanns Leben. Und dieses besteht vor allem aus Arbeit und dem Streben nach sozialer Anerkennung, die diese bringen soll und über die er sich denn auch wesentlich (doch nicht ausschliesslich, wenn auch in stärkerem Ausmass als ihm offenbar lieb ist) definiert. Und dann, am Ende seines Arbeitslebens, die Diagnose Zungenkrebs.
Von dieser Krankheit (und weiteren Krankheiten) und wie sie den Kranken entmündigt („Krankheit ist Kränkung, tiefe existenzielle Erniedrigung“), handelt dieses aufwühlende Werk hauptsächlich, doch es geht weit darüber hinaus und ist so recht eigentlich die Beschreibung eines erfolgreichen Journalistenlebens, in dem auch das Persönliche, Private und Familiäre für einmal nicht zu kurz kommt. Zur Illustration hier ein paar Ausschnitte:
„In den vierzig Jahren im politischen Betrieb hatte ich oft genug gesehen, wie schwer sich die Politiker damit taten, Positionen aufzugeben, die ihnen Macht und Bedeutung zu sichern schienen. Ich erlebte das als süchtiges Verhalten, das ich als ‚Höhenrausch‘ in einem Buch beschrieb. Meine These – die ich aus eigenem Suchtverhalten ableitete – wurde öffentlich heftig diskutiert. Nun beginne ich zu ahnen, dass die Suchtphase auch bei mir noch nicht zu Ende ist. Ein tiefes Unbehagen über uneingestandene Halbheiten bedrückt mich.
Der Schmerz sei der Stachel, der uns immer aufs Neue zum Nachdenken über das gesamte Leben nötige, schreibt der Philosoph. Aber in Wahrheit erlebe ich nicht Schmerzen als grösste Herausforderung – die kann die moderne Medizin zumindest weitgehend eindämmen – , sondern die Kränkung des Nicht-mehr-Mitspielen-Könnens, die Fülle von Miseren wie Halsentzündung und Brechreiz, Verschleimung und Mundtrockenheit, Geschmacksunfähigkeit und Schluckbeschwerden – sowie Ohnmacht, Ohnmacht, Ohnmacht.
Mit Macht drängt es mich an die Arbeit. Die lenkt ab. Erst jetzt glaube ich Schäuble richtig zu verstehen, der nach dem Attentat an der Politik festgehalten hat. Arbeit ist nicht nur eine Droge, sondern in diesem Fall Medizin.
Ich wusste es damals noch nicht, aber mehr und mehr war ich unter dem täglichen Rivalitäts- und Erfolgsdruck den politischen Karrieristen der Nixon-Administration ähnlich geworden, über die ich mit kaum verhohlenem Abscheu Woche für Woche schrieb. Ich teilte ihren unersättlichen Hunger nach Anerkennung und Bestätigung. Denn wie sie sah ich mich nicht nur auf der Erfolgsleiter, sondern zugleich auf der Flucht vor einer immer bedrängender werdenden Realität aus Selbstzweifeln, Furcht vor dem Scheitern und quälenden Fragen nach dem persönlichen Preis für die Karriere.
Meine Zweifel an irgendeinem Sinn des Lebens waren gewachsen, und meine Weisheit, zu unterscheiden, was ich ändern könnte und was ich als unabänderlich betrachten müsste, hielt sich – gelinde gesagt – in Grenzen. Häufig war ich ratlos, verzweifelt und zornig.
In Gesundheitsfabriken wie der, in der ich jetzt lag, wurden Krankeiten behandelt, nicht Kranke. Der Mensch zählte nur als Symptomträger, sonst störte er … Täglich karrten sie mich von einer Station zur anderen, stellten mich ab wie eine Warenlieferung oder sammelten mich grusslos wieder ein. „Die waren nicht bewusst grausam“, befand meine Tochter Susanne, die mich häufig begleitete, „die waren Gefangene des Betriebs.“
Das ist Aufklärung, wie ich sie mir wünsche: Den Mut haben, selber zu denken und zu zeigen, wo man selber steht. Zusammenhänge aufzeigen, die Dinge einordnen, subjektiv und gleichzeitig um Objektivität bemüht. Dass sich der mit journalistischen Ehren überhäufte Jürgen Leinemann dabei nicht scheut, sich auch mit seinen Schwächen zu zeigen, ist seine grösste Stärke.
Jürgen Leinemann
Das Leben ist der Ernstfall
Hoffmann und Campe, Hamburg 2009

Malans, am 8. Dezember 2020
Von posttraumatischem Stress haben viele schon gehört, das posttraumatische Wachstum ist weniger bekannt. Das liegt nicht zuletzt an den Psychologen, die von den Leidenden leben.
Die meisten Menschen kommen jedoch ohne Psychologen durchs Leben und das liegt unter anderem daran, dass sie selbst katastrophale Ereignisse erstaunlich gut bewältigen.
Michaela Haas‘ Stark wie ein Phönix handelt von Frauen und Männern, die durch posttraumatische Belastungen emotional gereift sind und neue Lebenslust gewonnen haben.
Das hat mit Resilienz zu tun. Und das meint hier: die Fähigkeit, Widrigkeiten nicht an sich abprallen zu lassen, sondern ihre Wucht zur Veränderung zu nutzen.
Michaela Haas ist Journalistin und geht das Thema entsprechend an: Sie befragt Menschen, die an schweren Schicksalsschläge gewachsen sind. Darunter finden sich auch bekannte Namen wie die Bürgerrechtlerin Maya Angelou, Roshi Bernie Glassman oder der Def-Leppard-Schlagzeuger Rick Allen.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse würden die aufbauenden Einsichten dieser Menschen bestätigen, lese ich und frage mich: Und wenn es nicht so wäre? Wenn keine Bestätigung der Wissenschaft vorliegen würde? Wären dann diese Einsichten etwa weniger hilfreich?
Der Psychologe Richard Tedeschi gilt als einer der führenden Köpfe in der Erforschung von posttraumatischem Wachstum. Und er sagt so vernünftige Sachen wie: „Das Wachstum kommt nicht von dem Ereignis an sich, als wäre das, was geschehen ist, etwas Grossartiges. Posttraumatisches Wachstum entsteht nicht aus dem Tod des geliebten Kindes, sondern aus dem langen, mühevollen und schmerzhaften Kampf der Eltern, den Verlust zu bewältigen.“ Es mag unbescheiden klingen, doch darauf wäre ich vermutlich auch selber gekommen.
Man lernt viel Hilfreiches in diesem Buch. So meint etwa Maya Angelou: „Es wird sich nichts tun, wenn du es nicht tust“, Und sie fordert: „Wirf dich in den Kampf. Kämpfe!“ Doch alleine schafft das selten jemand. Wir alle brauchen Hilfe und Unterstützung, damit wir zu vergeben lernen, den anderen und uns selber, und Neues wagen können. Besonders eindrücklich und berührend fand ich die dramatische Geschichte von Cindi Lamb, die es schaffte, dem Mann zu vergeben, der ihre Tochter auf dem Gewissen hat.
Am überzeugendsten ist Michaela Haas, wenn sie von sich selber berichtet. Sie tut dies mit inspirierender Aufrichtigkeit, doch ohne Nabelschau. „Die revolutionäre Einsicht Buddhas ist, dass wir sind, was wir denken – dass wir unsere Wirklichkeit im Kopf erschaffen. Unser Geist erschafft Glück und Leiden, unabhängig von den äusseren Umständen. Für mich hiess das, dass ich mein Glück nicht länger in den alten Revieren suchen durfte. Ganz offensichtlich hatte ich mich gründlich getäuscht: in meinem Mann, in meinem Leben, auch in mir. Das Leben, das ich mir vorgestellt hatte, gab es nicht mehr. Ich musste loslassen und mir ein neues suchen.“
Das geht nur, indem wir uns dem Leiden stellen. „Wer am meisten versucht, Leiden zu vermeiden, ist am Ende derjenige, der am meisten leidet“, schreibt der christliche Theologe Thomas Merton. In den Worten von Michaela Haas: „Bevor wir Leiden überwinden können, müssen wir uns hindurchwinden. Der Weg zum Licht am Ende des Tunnels führt durch den Tunnel.“
Michaela Haas
Stark wie ein Phönix
Wir wir unsere Resilienzkräfte entwickeln
und in Krisen über uns hinauswachsen
O.W. Barth, München 2015