Arno Gruen: Dem Leben entfremdet

Aufzeigen wolle er, so Arno Gruen auf den ersten Seiten dieses Buches, dass die Geschichte der grossen Zivilisationen die Geschichte der Unterdrückung unserer empathischen Natur sei. „Dadurch  verlieren wir die ursprüngliche, jedem Menschen gegebene Fähigkeit in der Wirklichkeit zu leben.“

Die Frage „Wer bin ich?“ sei ersetzt worden durch „Was bin ich?“, doch „Was ich bin, hat fast nichts damit zu tun, wer ich bin.“ Was ich bin hat zu tun mit Macht und Status und damit, wie ich mich in den Augen der anderen präsentiere. Dabei geht es um Anerkennung und Leistung. Bei der Frage wer ich bin geht es hingegen um eine ständige Konfrontation mit sich selbst und seinem Tun. Und das beinhaltet das Akzeptieren von Gefühlen der Unzulänglichkeit, der Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung.

Auch wenn die Humanwissenschaften heute noch lehrten, dass die auf Macht und Herrschaft aufgebauten ‚grossen Zivilisationen‘ das Menschliche erst hervorgebracht hätten, die bestimmenden Faktoren unserer Evolution seien Kooperation und Empathie, führt Gruen aus. Ja, so recht eigentlich sei es umgekehrt: der Mensch habe sich nicht von primitiver Aggression zu zivilisierter Konfliktlösung entwickelt, erst die Einführung und Durchsetzung des Konzepts ‚Besitz‘ habe dazu geführt, dass kooperative und gesellschaftliche Sozialbeziehungen sich aufzulösen begannen.

Arno Gruen zitiert aus vielen Büchern, und dabei auch aus J.M. Coetzees „Warten auf die Barbaren“, wo dieser fragt, weshalb es für uns unmöglich geworden ist, „in der Zeit zu leben, wie die Fische im Wasser, wie die Vögel in der Luft, wie die Kinder.“ Gruen kommentiert das so: „Damit deutet er darauf hin, dass authentisch-empathisches Erleben nicht möglich ist in einer Kultur, die einerseits den Verstand verherrlicht, andererseits ihn problematisch macht, indem sie von Geburt an unser Gefühlsleben verkümmern lässt.“

Ein Grund, weshalb wir nicht wahrnehmen können, was wirklich ist, ist der Gehorsam. Und den Gehorsamskulturen ist es eigen, dass sie Herrschaft und Besitz zementieren. Paradoxerweise erwarten wir von denen die Erlösung, die von unserem Gehorsam am meisten profitieren.
Gruen weist auf Forschungen hin, gemäss deren nur etwa 30 Prozent in frühen Jahren Liebe und Zärtlichkeit in grösserem Umfang erfahren haben und folgert: „Wenn Erwachsene als Kinder selbst durch ein Bewusstsein geformt wurden, das Liebe einschränkte und Macht über sie zum Zweck der Beziehung machte, dann werden sie selbst, wenn sie Eltern sind, ihre Kinder dazu benötigen, ihre eigenen Unsicherheiten und Demütigungen zu bewältigen.“ So sehr das einleuchtet (und auch meine Sympathie hat), mir ist schleierhaft, wie solche Forschungergebnisse zustande kommen können. Wie  will man bloss messen, wie viel Liebe jemand in seiner Kindheit erfahren hat? Nicht zuletzt, weil ja das Gedächtnis bekanntlich ungemein kreativ und anpassungsfähig ist.

Ich fand besonders Gruens Ausführungen über den Gehorsam ausgesprochen inspirierend. „Unser Gehorsam, eine Folge der Identifikation mit dem Aggressor und Unterdrücker, bringt Menschen immer wieder dazu, trotz Rebellion, weiter nach Autorität zu suchen.“ Gibt es keinen Ausweg aus diesem Teufelskreis? Doch, meint Gruen, sofern wir „den Prozess der Selbstentfremdung unterbrechen, uns selbst mit all unseren Schwächen und unserem Selbst annehmen und die Schwächen anderer respektieren, dann können wir uns selbst und andere wieder lieben lernen.“

Arno Gruen
Dem Leben entfremdet
Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden
Klett-Cotta, Stuttgart 2013

Nikil Mukerji / Adriano Mannino: Covid-19: Was in der Krise zählt

Also ich etwa in der Mitte dieses Büchleins angelangt war, fragte ich mich zunehmend, was eigentlich daran philosophisch sein sollte. Dass es sich bei Covid-19 um eine Katastrophe handelt, die niemand kommen sah, dass Pandemien erwartbar sind, dass sowohl das pandemische Potential wie auch das Schadenspotential von SARS-CoV-2 erkennbar waren, dafür braucht es keine Philosophie. Doch dann, unter dem Titel „Eine Krise des Denkens“, wird es spannender. „Schreibe niemals der Bösartigkeit zu, was durch Dummheit angemessen erklärt wird“, zitieren die Autoren „Hanlons Rasiermesser“. Verschwörungstheorien, die daran kranken, dass sie Menschen der weltumspannenden Planung für fähig erachten, kann man kaum besser begegnen. „Dummheit“ meint hier übrigens: Denkfehler. Und von denen gab es einige, wie die Autoren überzeugend darlegen

Auch wenn es nicht unwesentlich an Denkfehlern liegt, dass wir nicht besser mit den Herausforderungen von Covid-19 klarkommen, es liegt auch daran, dass wir gefühlsmässig weit hinter unseren geistigen Fähigkeiten zurückgeblieben sind. So wissen etwa die Leute, dass Abstand halten angesagt ist, doch auch die, welche das nicht nur wissen, sondern auch damit einverstanden sind, halten sich oft nicht daran. Woher ich das weiss? Ich habe Augen im Kopf und ich rede mit den Leuten.

Den beiden Autoren geht es jedoch um anderes. Etwa um Experten-Argumente. Oder darum, welche Experten unser Vertrauen verdienen. „Als Laien haben wir zum Beispiel oft nur ein oberflächliches, manchmal naives Verständnis davon, für welche Probleme eine Disziplin überhaupt zuständig ist.“ Sicher, nur ist der Glaube an Disziplinen ebenfalls oberflächlich und naiv, denn diese sind nun mal nicht viel mehr als recht willkürliche Zuschreibungen.

Es versteht sich: Experten sind oft uneins und widersprechen sich auch gelegentlich selber. „Wenn sich Experten uneins sind, dann kann es sich lohnen, auf einen bestimmten Aspekt zu achten, nämlich auf den Track-Record, den ein Experte oder eine Expertin aufweist. Wenn bekannt ist, dass er oder sie mit Urteilen und Lageeinschätzungen in der Vergangenheit häufiger richtig lag als andere Personen mit vergleichbarer Expertise, dann spricht das dafür, seinem bzw. ihrem Urteil ein höheres Gewicht zu geben.“ Der gesunde Menschenverstand sieht das auch so.

Ich finde die Suche nach den sogenannt wahren Experten irritierend. „Die Virologen Christian Drosten und Alexander Kekulé beispielsweise haben ihre Meinungen auch in Bezug auf so grundlegende Punkte geändert, dass man bezweifeln könnte, ob sie in allen epidemiologisch relevanten Hinsichten Expertenstatus besitzen.“ Was für ein Anspruch! Offenbar hat das auch den beiden Autoren gedämmert, die den Experten durchaus auch einen Sinneswandel zugestehen. „Zweifel sind jedoch angebracht, wenn ihre Sinneswandel andeuten, dass sie sich nicht strikt an der wissenschaftlichen Evidenz orientieren oder diese nicht vollständig zur Kenntnis genommen haben.“ Mich hat das an die scherzhafte Bemerkung eines Chefarztes erinnert, evidenz-basierte Medizin sei, was drei Professoren behaupteten …

Auf welche Experten sollen wir uns also stützen? Sich an grösseren Experten-Gruppen orientieren sehen die Autoren als Möglichkeit und fügen hinzu, dass auch rational sein kann, einer Minderheit von Experten zu folgen. Angesichts der weitverbreiteten Herden-Mentalität, die sich auch im Glauben ausdrückt, Wettbewerb erzeuge automatisch Diversifikation (obwohl sie eher Uniformität hervorbringt), ist dies ein zu beherzigendes Argument.

Covid-19: Was in der Krise zählt zeigt überzeugend, wie klares und vernünftiges Denken bei der Bewältigung von Krisen nützlich sein kann. Das ist selbstverständlich? In der Theorie vielleicht, doch nicht in der Praxis, denn die wenigsten (so jedenfalls mein Eindruck) legen so durchdachte und nachvollziehbare Argumente vor wie dies die beiden Autoren tun, die unter anderem dafür plädieren, auf Vorrat zu denken und seinen Denkvorrat zu diversifizieren. Besonders gut gefällt mir diese Überlegung: „Rufe auf Vorrat gedachtes Wissen regelmässig ab und verbreite bzw. diversifiziere es über Köpfe, Orte und Institutionen.“ Jetzt müssten wir es nur noch tun!

Nikil Mukerji / Adriano Mannino
Covid-19: Was in der Krise zählt
Über Philosophie in Echtzeit
Reclam, Ditzingen 2020

Michael Schofield: Ich will doch bloss sterben, Papa

„Schizophrenie ist ein wenig wie Krebs“, schreibt Michael Schofield im Vorwort zu seinem Bericht Ich will doch bloss sterben, Papa. Leben mit einer schizophrenen Tochter. „Man kann sich nie ganz sicher sein, dass er völlig verschwunden ist. Auch wenn man symptomfrei ist: Hatte man den Krebs einmal im Leben, so besteht bis zum letzten Atemzug die Gefahr, dass er zurückkehrt.“

Michael Schofield, dessen Tochter Janni an Schizophrenie leidet, ist Dozent an der California State University, Northridge. Zusammen mit seiner Frau Susan gründete er die Jani Foundation zur Unterstützung psychisch kranker Kinder und deren Eltern (www.janifoundation.org).

Mit neun wolle sie sterben, sagte die kleine Janni, weil sie schizophren sei. Der Arzt fragte sie, was es ihrer Meinung nach bedeute, schizophren zu sein. „Ich sehe und höre Zeug, das es nicht gibt“, erklärte sie ihm.

Niemand weiss, wodurch Schizophrenie ausgelöst wird. Die derzeit gängigste Theorie behauptet, es handle sich womöglich um eine „der Alzheimerkrankheit verwandte neurodegenerative, biochemische Hirnschädigung.“

Janni lebt in ihrer eigenen Welt, ist eigensinnig, gänzlich unberechenbar und hat im Alter von vier Jahren das geistige Vermögen einer Zehn- bis Elfjährigen. Die auf Autismus („Autismus ist die aktuelle Modediagnose, genau wie Hyperaktivität zu meiner Kindheit“) spezialisierte Therapeutin empfiehlt eine Schule für Hochbegabte.

Für ihre Eltern ist dieses Kind eine ungeheure Herausforderung. „Janni wirkt völlig abgekapselt, wie sie da mit gekrümmtem Rücken im dämmrigen Zimmer sitzt; neben ihr Violet, die sich bemüht, zu ihr durchzudringen, ihre Freundin zu sein. Janni ist die Laura aus der Glasmenagerie, gefangen in ihrer eigenen Welt. Ein Schluchzen steigt mir die Kehle hoch, doch ich kämpfe es zurück. Nein, ich steigere mich hier in etwas hinein. Das ist nur eine vorübergehende Phase. Janni wird das überwinden“, schreibt der Vater, der sich ständig Sorgen um seine Tochter macht, unter Schlafentzug und dem Zwang, die Kleine andauernd zu beschäftigen, leidet.

Michael und Susan Schofield entschliessen sich zu einem zweiten Kind. „Ich wollte Bodhi aus einem und nur einem Grund: weil Janni sich ein Geschwisterchen wünschte“, hält Michael fest. Die Kleine terrorisiert ihre Eltern und diese lassen sich terrorisieren, schaffen es nicht, streng mit ihr zu sein, ihr Grenzen zu setzen.

Janni geht mit Fäusten und Tritten auf die Mutter los, kündigt emotionslos an, sie werde ihrem kleinen Bruder wehtun. Wieso? Weil er schreit, sagt sie. „Diese Gewaltausbrüche sind ebenso unvermittelt vorbei, wie sie begonnen haben.“ Das Familienleben wird zum Albtraum.

Die Eltern wenden sich an eine Kinderpsychologin, die völlig überfordert ist und selber Hilfe bräuchte. Dann landen sie bei einer Psychiaterin, die ihr ein sedierendes Mittel verschreibt, das bei Janni nicht den geringsten Effekt zeigt, bei ihrem Vater jedoch, der dieselbe Dosis genommen hat und fünfmal so viel wiegt wie seine Tochter, wie eine Bombe einschlägt.

Der Neurologe tippt auf ADHS, worunter auch Michael leidet und deswegen ein Antidepressivum nimmt. Doch die Medikamente wirken bei Janni nicht, schliesslich landet sie in der Psychiatrie, wo sie sich wohl zu fühlen scheint. Nach zwei Wochen wird sie entlassen, ist aber noch genau so gewalttätig wie zuvor, die Eltern bringen sie wieder zurück in die Klinik. Dann werden die Behörden aktiv, es liege eine Anzeige auf Kindsmissbrauch vor …

Ich will doch bloss sterben, Papa  ist ein zutiefst aufwühlendes Buch über einen Vater, der nicht aufgibt, seine sehr kranke und schwierige Tochter, deren Verhalten in vielem seinem eigenen gleicht, retten zu wollen und dabei selber fast drauf geht.

Michael Schofield
Ich will doch bloss sterben, Papa
Leben mit einer schizophrenen Tochter
Kösel-Verlag, München 2014

Peter Laufmann: Der Boden

Es gehört zu den eigenartigen Phänomenen, dass wir uns selten Gedanken über das Naheliegende machen. Mir jedenfalls ist noch nie eingefallen über den Boden nachzudenken. Und ich fühle mich sehr davon angetan, wie Peter Laufmann mich an das Thema heranführt. „Kinder lieben den Boden. Nicht nur, dass sie naturgemäss näher dran sind, sondern sie erfassen seine Eigenschaften unvoreingenommen. Frische Erde riecht angenehm, sie lässt sich formen, fühlt sich gut an. Man kann sie auftürmen und Löcher in sie graben. Wenn sie feucht ist …“.

Des Autors eigene Begeisterung ist spürbar. Und ansteckend. Bei ihm hat es Klick gemacht, und zwar ziemlich laut, als er verstanden hat, wie alles ineinandergreift. Ein fremdartiger Kosmos befindet sich unter unseren Füssen, mit einem einzigartigen Klima, bevölkert von ganz vielen, ganz unterschiedlichen Wesen. Der Boden lebt, atmet, trinkt und schwitzt. Ihn zu erforschen, ist eine besondere Herausforderung. „Denn der Boden ist eine verschlossene Kapsel mit eigenen Regeln, die wir nie beobachten können, weil sie just in dem Moment zerstört ist, indem wir sie uns eröffnen.“ Ein Dilemma, mit dem die Forscher sich abzufinden haben.

Man kann den Boden aus biologischer, chemischer oder physikalischer Perspektive betrachten. Oder aber so wie der 1846 in Milyukovo, einem Dorf im Distrikt Smolensk, geborene Wassili Wassiljewitsch Dokutschajew. „’Sein‘ Boden war ein Gesamtkunstwerk, geschaffen aus miteinander kommunizierenden und sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren. Vier hielt er dabei für entscheidend: die geologischen Bedingungen wie Ausgangsgestein, Relief und geologisches Alter des Landes, die Organismen, die dort wachsen und leben, das Klima und den Wasserhaushalt.“ Schon spannend, was herauskommen kann, wenn man sich nicht in den üblichen Denkkategorien bewegt, sondern einfach genau hinschaut und sich so seine Gedanken macht.

Wer wie ich als völliger Laie dieses Buch zur Hand nimmt, staunt nicht schlecht wenn er liest, es sei „ein Irrtum zu glauben, die Böden in den Tropen seien besonders fruchtbar. Im Gegenteil. Der Grund dafür ist, dass sie dort sehr lange verwittern konnten.“ Woraus unter anderem folgt: „Wer versteht, dass Böden in Regenwäldern alles andere als fruchtbar sind, weil sie nicht die chemischen Voraussetzungen haben, Nähstoffe zu binden, schützt die Bäume, die dort wachsen.“

Man kann (und sollte) die Erde als einen Organismus betrachten, der lebt. Der Boden, der aus Schichten besteht, gibt darüber vielfältig Auskunft. So recht eigentlich sei er ein Buch, meint Peter Laufmann. Und fügt hinzu: „Für den, der es zu lesen versteht.“ Seine Einführung in den Boden ist für mich eine willkommene Leseanleitung.

Dass alles mit allem zusammenhängt, gilt auch für den Boden, „ein Gemisch von festen, flüssigen und gasförmigen Stoffen“, die von einem Zustand in einen anderen wechseln können. „Stickstoff ist ein gutes Beispiel: Er kommt in der Luft vor, fliesst mit dem Bodenwasser als Ammonium oder Nitrit, steckt in organischer Substanz und verduftet manchmal als Lachgas.“

Das Universum unter unseren Füssen nennt der Autor sein Werk treffend. Dieses Universum ist von einer Vielfalt, die mich gelegentlich ziemlich exotisch anmutet. Klar, dass es da Regenwürmer gibt, das wusste ich, doch 80 pro Quadratmeter? Und dann die Pilze, von denen wir nur Stiel und Hut zu sehen kriegen und deren unterirdisches Geflecht sie so recht eigentlich ausmachen. „Der eigentliche Pilz lebt im Untergrund und wird manchmal um ein Vielfaches grösser als das Gebilde, das oben rausschaut.“

Der Mensch verhält sich nicht nur zu anderen Menschen, sondern auch zum Boden. Und es gilt das Prinzip, das auch zwischen Menschen gilt beziehungsweise gelten sollte: Wer nimmt, soll auch geben – ein gesunder Austausch muss stattfinden. „Der Boden ist eben kein abgeschlossenes System, sondern interagiert mit der Atmosphäre. Chemische Prozesse im Boden verändern die Zusammensetzung der Luft. Veränderungen im Klima beeinflussen chemische Prozess im Boden. Mitunter verstärken sich die Prozesse gegenseitig.“

Peter Laufmann ist den Boden sehr umfassend angegangen. Nicht nur auf die alten Griechen und Römer, sondern auch auf Alexander von Humboldt und Justus von Liebig nimmt er Bezug. Und er vergisst auch nicht dem Zoologen und Geologen Christian Gottfried Ehrenberg, dem Begründer der forensischen Bodenkunde, seinen Tribut zu zollen. Nicht zuletzt führt er aus, weshalb die Toten den Böden immer mehr zu schaffen machen.

Das Ziel dieses Buches sei, den „Lesern wieder ein Stück Begeisterung für den Boden zurückzugeben“, schreibt Peter Laufmann. Das ist ihm bestens gelungen.

Peter Laufmann
Der Boden
Das Universum unter unseren Füssen
C. Bertelsmann, München 2020

Mathias Bröckers: Klimalügner

Noch ein Buch über die Klimakrise, will ich mir das wirklich antun? Mir ist doch längst klar, was jedem mit einem bisschen Verstand, falls der nicht ausschliesslich für die Rechtfertigung des Eigennutzes eingesetzt wird, klar sein muss: Dass man nicht einfach nach Lust und Laune mit der Erde (unserem Lebensraum) umgehen kann, dass unser idiotisches und arrogantes Handeln Konsequenzen hat. Nur eben: Erstaunlicherweise ist es denen am wenigsten klar, die allen predigen, dass there is no such thing as a free lunch, eine Propaganda, die sie auf alle anderen angewendet sehen wollen, nur auf sich selber nicht.

Was mir an Klimalügner gefällt sind neben dem genialen Untertitel, der schön zusammenfasst, woran unsere Gesellschaft krankt (und zugrunde gehen wird), Sätze wie dieser: „Unser Körper liefert nur den Rahmen, die Gestalt oder das Gefäss für eine Vielzahl verschiedener Lebewesen, die symbiotisch, also zum gegenseitigen Nutzen zusammenleben.“ Sag das mal einer dem Twitterer und Quotenjäger Donald!

Was mir auch gefällt: Dass Mathias Bröckers das Thema aus verschiedenen Perspektiven angeht. So weist er etwa auf das Vorgehen des republikanischen Strategen Frank Luntz hin, der mit Worten zu vernebeln versteht, dass es um Öl, Kohle, Treibhauseffekt und Erderwärmung geht – Klimawandel klingt neutraler und entschieden weniger bedrohlich. Auch Zweifel zu säen gehört zu Luntz‘ Repertoire, der behauptet, es bestehe keine Einigkeit in der Wissenschaft. Wenn von 100 Wissenschaftlern 97 übereinstimmen, 3 jedoch eine abweichende Meinung vertreten, ist das Argument zwar formal richtig – und trotzdem falsch. Am Rande: Dass überhaupt solche Debatten geführt werden, bei denen drei Abweichler ernst genommen werden und ihnen das gleiche Gewicht gegeben wird wie den 97 übrigen, liegt auch an den Medien, die ziemlich abstruse Vorstellungen von Fairness pflegen.

Richtiggehend begeistert haben mich Bröckers Ausführungen über den Ingenieur, Mediziner und Erfinder James Lovelock und die Biologin Lynn Margulis (die Frau des Astronomen Carl Sagan), die nachwies, „dass sich mehrzellige Lebewesen, die Vorfahren aller Pilze, Pflanzen und Tiere, nicht aufgrund von Mutationen und Selektionen entwickelt haben, sondern durch Kooperation und Symbiose.“ Mit anderen Worten: Unser Weltbild bedarf der Korrektur, einer radikalen und dringenden.

Was mich überdies für Klimalügner einnimmt, ist das Ineinander-Übergehen von Informationsaufbereitung, Hinterfragen und Storytelling. Also nicht das klassische Entweder/Oder, sondern das lebenstaugliche Nebeneinander. Beim Kapitel „Wo sind all die Fliegen hin?“ zeigt sich das besonders gut, worin sich auch die wunderbar trockene Bemerkung findet: „Fliegenzählen wird, anders als das Rumschnippeln an Gen-Sequenzen, auch nicht mit ‚Drittmitteln‘ gefördert.“

Wer in der Komplexität der heutigen Zeit nicht untergehen will, tut gut daran, die Aufgeregtheiten des Tages in einen grösseren Zusammenhang zu stellen (dass der amerikanische Lebensstil „nicht verhandelbar“ sei, ist nichts Neues, das meinte George H.W. Bush bereits 1992 in Rio) und Missverständnisse zu berichtigen – es darf nicht heissen „Macht euch die Erde untertan“, sondern „Macht euch der Erde untertan“, so Papst Franziskus.

Mathias Bröckers Herangehen ans Klimathema ist grundsätzlicher Natur: er argumentiert für das, wovor diejenigen, die sich für realistisch halten, sich drücken – eine Änderung unseres Weltbildes. „Wir sind die Erde. Wir sind der Rhythmus von Tag und Nacht, wir sind die Bewegung der Erde um sich selbst und um die Sonne“, schrieb er bereits Anfang der neunziger Jahre. Ich fühlte mich an Alan Watts erinnert, der einst meinte: „Die ganze Welt bewegt sich durch dich hindurch – kosmische Strahlen, Sauerstoff, der Strom von Steaks und Milch und Eiern, die du verspeist – , alles fliesst geradewegs durch dich hindurch. Du bist ein Wirbel, und die Welt wirbelt dich herum.“

Wer meint, das klinge etwas abgehoben, ja, esoterisch, sollte sich mal vergegenwärtigen auf was für einer hirnrissigen Vorstellung „unser“ Wirtschaftssystem gründet: unbegrenztes Wachstum! Auch die, welche am meisten davon profitieren, wissen, dass das so nicht weitergehen kann. Doch Wissen hilft selten, wenn Verhaltensänderungen nötig sind. Um mich selber zu zitieren: „Niemand ändert sich freiwillig, denn das würde bedeuten, ein anderer Mensch zu werden. Und niemand will ein anderer Mensch werden, es sei denn, er muss“.

Mathias Bröckers zeigt überzeugend auf, dass wir uns ändern müssen. Er erwartet weder von der Wissenschaft noch von den Religionen eine Lösung. Stattdessen plädiert er dafür, dass aus Parasiten Symbionten werden. Das kann gelingen, sofern wir bereit dazu sind.

Noch ein Buch über die Klimakrise, will ich mir das wirklich antun?, habe ich eingangs gefragt. Und die Antwort ist simpel: Dieses schon. Weil es Zusammenhänge zur Sprache bringt, die in der CO2-Debatte untergehen. Und zu einem Bewusstsein beiträgt, das nicht von „Me First“ (unser aller Standardeinstellung) geprägt ist.

Mathias Bröckers
Klimalügner
Vom Ende des Kaputtalismus und der Zuvielisation
Edition Zeitpunkt / Fifty-Fifty Verlag, Frankfurt 2020

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