Wolfgang Koydl: Wer hat’s erfunden?

Getreu dem journalistischen Bonmot, „Nach einem Tag vor Ort, ein Artikel; nach einer Woche vor Ort, ein Hintergrundbericht; nach einem Monat vor Ort, ein Buch“, legt der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung  in der Schweiz, Wolfgang Koydl, der allerdings schon etwas mehr als einen Monat im Land weilt, ein Buch über die Schweiz und die Schweizer vor.

Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen: es ist begrüssenswert, wenn einer zur Feder greift (oder in die Tasten haut), wenn die Eindrücke noch frisch sind, ärgerlich ist jedoch, wenn er darob vergisst, seine Hausaufgaben zu machen. Konkret: Fast alle schweizerdeutschen Ausdrücke in diesem Buch sind nicht nur falsch („Bömbli“ anstatt „Bömbeli“), sondern gelegentlich – jedenfalls für Schweizer wie mich – schlicht unverständlich („Gescheiterli“). Das ist umso erstaunlicher, als er doch einen Schweizerdeutsch-Sprachkurs besucht hatte, wo er unter anderem darüber aufgeklärt wurde, dass es den Genitiv im Schweizerdeutschen nicht gibt, dafür jedoch den Genitiv II.

Der Einstieg (die Beschreibung eines dieser typischen übereifrigen Nachbarn) ist sehr gelungen und erinnerte mich an meinen ehemaligen, damals gerade frisch aus Deutschland zugezogenen, Strafrechtsprofessor in Basel, der auf meine Frage, was denn so sein erster Eindruck von Land und Leuten sei, trocken meinte: Polizei braucht es hier ja nicht wirklich, es gibt ja Nachbarn. Ebenfalls sehr schön gelungen (auf den ersten Seiten – und wenn die nicht stimmen, stimmt häufig das ganze Buch nicht) ist die Beschreibung von Koydls Chefredakteur: „… in all den Jahren ist er sich selbst treu geblieben, soll heissen: Irgendwelche Anzeichen von Lernprozessen, Selbsterkenntnis, Altersmilde gar sind nicht zu erkennen.“

„Wer hat’s erfunden?“ brachte mich immer mal wieder zum Staunen. So war mir nicht bekannt, dass jeder Hund (samt Besitzer), der neu in eine Gemeinde kommt, einen Kurs absolvieren muss. Und zum Lachen, die Beschreibung von Wollerau etwa, wo viele ganz Reiche eine Adresse haben, jedoch nicht wohnen. „Der Ort ist bar jeder Attraktivität. Dort kann man eigentlich nur leben, wenn man dort nicht wohnen muss.“ Oder der Hinweis auf die meterhohe Aufschrift in altdeutscher Fraktur auf einer Hauswand in Luzern: „Was haben Sie eigentlich gegen Beamte? Die tun doch gar nichts.“ Oder: „Irritierend für den Fremden mutet dabei an, dass Bürger von ausserhalb der Basel Stadtmauern – der Tennisstar Roger Federer beispielsweise – nicht als ‚Baselländer‘, sondern als ‚Baselbieter‘ bezeichnet werden – nach dem Gebiet. Kein Wunder, dass ich anfangs an ein Auktionshaus dachte.“

„Schweizer tragen oft sehr absonderliche Namen, sowohl vorne als hinten“, behauptet Koydl und ich wunderte mich schon, wie er das wohl belegen würde, da ich selber Namen wie Imoberdorf, Dahinden oder Regenass völlig normal finde (zugegeben, etwas sonderbar finde ich es schon, dass ich solche Namen bisher so normal finden konnte) und stiess dann auf den wirklich ultimativen Brüller, auf den ich selber gar nie gekommen wäre: „Vollends verwirrte mich ein Abgeordneter im Berner Bundesparlament mit dem Namen This Jenny. Vermutlich wollten ihn seine Eltern von seinem Bruder unterscheiden, den sie schätzungsweise That Johnny genannt hatten.“

„Wer hat’s erfunden?“ ist informativ, witzig und aufklärend, auch Schweizer werden bei der Lektüre einiges lernen können, an Geschichtlichem, Sprachlichem, Geografischem und Kulturellem. Ich war übrigens ganz erstaunt, dass es zu Ehren von Freddie Mercury in Montreux einen Sockel gibt. Und verwundert darüber, dass ich bis jetzt ohne die beim Wandern erforderlichen Grussregeln habe auskommen können (wenn ein Paar mehr als drei Meter auseinander geht, grüsst man sie separat; ab 3000 Meter wird geduzt): „Langjährige Kenner der Schweiz haben die Theorie aufgestellt, dass dieses sogenannte ‚Grüezi-Wandern‘ von den Schweizern nur deshalb so aufmerksam gepflegt wird, weil ihnen dies eine der wenigen Gelegenheiten im Leben bietet, sich mit anderen ebenso wortkargen Landsleuten verbal auszutauschen.“

Wolfgang Koydl
Wer hat’s erfunden?
Unter Schweizern
Ullstein Taschenbuch, Berlin 2012

Torben Halbe: Das wahre Leben der Bäume

Torben Halbe, Jahrgang 1988, entstammt einer der Forstwirtschaft verbundenen Familie aus dem Schmallenberger Sauerland und hat an der ETH in Zürich Biologie studiert. „Ein Buch gegen den eingebildeten Umweltschutz“ heisst es im Untertitel und signalisiert damit, dass Enthusiasmus und Engagement diesem Unterfangen Pate gestanden sind.

„Wohlleben beschreibt die vermeintliche Wesenhaftigkeit der Bäume nicht nur in der Sprache zwischenmenschlicher Beziehungen, sondern schreibt Bäumen sogar tatsächliche menschenähnliche Wahrnehmungen, Gefühle und Handlungen zu. Dies ist wissenschaftlich unhaltbar, auch wenn sich Wohlleben eine unfehlbare Deutungshoheit seiner Beobachtungen und der wissenschaftlichen Befunde gibt. Er lässt eigentlich nur unseren Dünkel vom Menschen als der ‚Krone der Schöpfung‘ erkennen, wenn wir Tieren und Pflanzen menschenähnliches Verhalten als Norm unterstellen“, fasst Nikolaus Amrhein, emeritierter Professor für Pflanzenwissenschaften an der ETH Zürich, in seinem Vorwort zusammen, wovon dieses Buch handelt.

Für Torben Halbe entspricht Peter Wohllebens Ansatz dem Zeitgeist, der Schwarz/Weiss beziehungsweise in Entweder/Oder-Kategorien unterwegs ist und sich von Bauchgefühlen leiten lässt (der Gestörte im Weissen Haus lässt grüssen). „Dabei sollte doch den meisten von uns klar sein, dass die Dinge um uns herum sich nicht unseren Emotionen anpassen. Wir glauben ja z.B. nicht, dass die Sonne sich für uns abdunkeln wird, wenn wir uns geblendet fühlen. Doch wie kommt es dann, dass manch ein Umweltfreund denkt, etwas sei umweltfreundlich, nur, weil man davon überzeugt ist?“ Nun ja, weil es eben eher wenig Leute gibt, die sich an Fakten orientieren.

Ich weiss nicht und kann nicht wissen, ob Bäume über eine Wahrnehmung verfügen, die derjenigen der Menschen irgendwie ähnlich ist, doch ich erinnere mich, dass ich als von den Indianern begeisterter Bub glaubte, dass die Natur beseelt sei und glaube das auch heute noch. Wenn das wissenschaftlich nicht belegt werden kann, liegt das ja möglicherweise an der Wissenschaft, die notwendigerweise mit Vereinfachungen arbeiten muss.

Gleichzeitig teile ich die Grundhaltung Torben Halbes, „dass wir unser Bewusstsein und die von ihm ausgehenden Gedanken und Gefühle nicht als etwas von der Welt Getrenntes betrachten sollten, sondern sie als Teil unseres biologischen Lebens sehen müssen.“

Wohlleben vermittle kein Wissen, sondern betreibe Unterhaltung, so Halbe in einem Interview mit Janne Kieselbach im Spiegel. „Er sagt den Menschen, dass man sich selbst auf den Wald projizieren kann und ihn dann schon verstanden hat. Aber so einfach ist es nicht. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind durch die zunehmende Spezialisierung heute komplizierter denn je. Wenn die Menschen belastbares Wissen über Wälder haben möchten, dann ist das anspruchsvoll und setzt voraus, dass biologische Grundlagen aus der Schule wiederholt und ergänzt werden müssen.“

Damit bringt der Autor die Grundmalaise unserer heutigen Zeit auf den Punkt. Einerseits das Projezieren, dem wir kaum entgehen können, da wir so recht eigentlich nur uns selber kennen (und auch dies sehr beschränkt) und, andererseits, unseren Unwillen beziehungsweise unsere Unfähigkeit, uns mit der Komplexität der Welt auseinanderzusetzen.

Konkret: Dass Pflanzen und Tiere auf ihre Umgebung reagieren, ist offensichtlich. Doch heisst das, dass sie deswegen auch über ein dem Menschen vergleichbares Bewusstsein verfügen, hören und Schmerz empfinden können? Um solche Fragen beantworten zu können, muss man zuallererst klären, was denn genau Bewusstsein oder hören bedeutet. Und genau das tut Torben Halbe im diesem schön gestalteten, fadengehefteten Band, mit 29 Fotografien von Klaus-Peter Kappest. Unter anderem fragt er auch, ob die Annahme, Bäume würden Schmerzen empfinden, überhaupt Sinn macht. Übrigens: Nein, tut es nicht.

Gelegentlich hat mich dieses Aufklärungsbuch auch zum Lachen gebracht – und Bücher, die das tun, schätze ich ganz besonders. „Auf Seite 49 erklärt er (Wohlleben) ein einfaches Wurzelknacken aus Feuchtigkeitsmangel zu Sprache, einem ‚Durstschreien‘ nämlich, mit dem Argument, bei näherer Betrachtung unserer Schallproduktion bliebe ‚auch nichts Besonderes übrig: der Luftstrom aus der Luftröhre bringt die Stimmbänder zum Schwingen.‘ Es sind Stellen wie diese, an denen Wissenschaftlern unterschiedlichste Fachrichtung die Haare zu Berge stehen.“ In der Tat! Ich stelle mir gerade meinen ehemaligen Linguistik-Supervisor im australischen Darwin vor – der hätte mich zur Schnecke gemacht, wäre ich ihm mit so etwas gekommen. Liebe Schnecken, fasst dies bitte nicht als Beleidigung auf, doch Menschen (einige) reden nun einmal so.

Das wahre Leben der Bäume ist ein notwendiges Buch, das sich nüchtern und differenziert auf die Komplexität des Ökosystems Wald einlässt.

Torben Halbe
Das wahre Leben der Bäume
Ein Buch gegen eingebildeten Umweltschutz
Woll Verlag, Schmallenberg 2017

Clarice Lispector: Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau

Mein liebster Satz von Clarice Lispector ist Liberdade é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome. Wo ich ihn her habe, weiss ich nicht mehr, doch er prägt mein Bild dieser 1920 als Tochter jüdischer Eltern in der Ukraine geborenen und im ärmlichen Nordosten Brasiliens aufgewachsenen Frau, die Jura studierte, als Lehrerin und Journalistin arbeitete und als Diplomatengattin nicht gerade glücklich auch in Bern lebte. Ein Freigeist war sie und auch ein komplizierter Mensch. „Von Krankheit und Tablettenkonsum gezeichnet, starb Lispector 1977 mit nur 56 Jahren in Rio de Janeiro“, heisst es im Klappentext, ganz so, als ob Tablettenkonsum keine Krankheit wäre.

Auf sie gestossen bin ich in Brasilien, wo ich mich regelmässig einige Monate im Jahr aufhalte und das ich, um es mit Stefan Zweig zu sagen, für „Ein Land der Zukunft“ halte, weil da vieles, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, nicht vom Gewicht der Geschichte erdrückt wird, sondern neu entstehen kann. So kommt mir auch das Schreiben von Clarice Lispector vor: Ich habe solche Texte bisher nicht gelesen, solche Gedanken bisher nicht so ausgedrückt getroffen; das ist neu, ungewohnt und bereichernd für mich; diese Frau versteht es, intelligent zu fühlen.

Der Titel, Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau, könnte besser kaum vermitteln, was ich als wesentliche Aspekte des Wesens (und nicht etwa nur des Schreibens) dieser Autorin empfinde. Diese Ausgabe in zwei Bänden (der zweite erscheint im Herbst 2020) versammelt alle Erzählungen Clarice Lispectors.

Die erste, die sich übrigens wie ein Krimi liest, handelt von einem trunkenen Tagtraum, in dem die von ihrem Mann verlassene Frau letztendlich über ihren Mann triumphiert. Auch in der zweiten – mit dem Titel ‚Obsession‘ – ist die Hauptperson eine Frau, die in sehr eigenen Sphären unterwegs ist. „Ein dichter Schleier trennte mich von der Welt und, ohne dass ich es gewusst hätte, entfernte mich ein Abgrund von mir selbst.“ Sie lernt Daniel kennen, der vor allem um sich selbst kreist und sich krank fühlt, „fern von allen anderen, fern auch von dem idealen Menschen, der ein gelassenes und tierhaftes Wesen sein sollte, ein Wesen von leichter, behaglicher Intelligenz. Diesem Menschen, zu dem er sich niemals aufschwingen würde, den er unweigerlich verachtete, mit dem Hochmut derer, die leiden.“

Die Hellsichtigkeit, die aus diesen Sätzen spricht, macht mich staunen. Umso mehr, als sie aus jungen Jahren, aus der Zeit des Jurastudiums der Autorin stammen. Von Daniel lernt die Protagonistin auch: „ein Tag ohne Tränen ist ein Tag, an dem das Herz verhärtet ist, nicht etwa einer, an dem das Herz glücklich wäre … da das Geheimnis des Lebens Leiden ist. Diese Wahrheit liegt in allen Dingen.“ Und diese Wahrheit liess sie plötzlich erwachen. „Jetzt wurde ich neu geboren.“

Es versteht sich, so einfach ist es dann doch nicht, wenn man in einer Obsession gefangen ist. Sie schreibt ihm, ohne Antwort zu bekommen. Sie erforscht sich aufmerksam: „Mit vagen Worten bezeichnete ich die Qual, als könnte ich sie dadurch von mir fernhalten.“ Immer wieder erlebt sie grössere Einsichten, doch diese helfen, wenn überhaupt, erst viel später. Eindrücklicher habe ich selten über Abhängigkeit und Leiden gelesen.

Clever und witzig, schreibt diese Frau. In „Ich und Jimmy“ charakterisiert sie die Mutter der Protagonistin, die vor der Heirat freiheitlich denkend und eine Rakete gewesen war, was ihr die Ehe und ihr Mann jedoch austrieben. „Sie hat schon noch eigene Ideen, aber die lassen sich schnell zusammenfassen: Eine Frau soll stets ihrem Mann folgen, so wie die Nebensache der Hauptsache folgt (der Vergleich ist von mir, Ergebnis der Vorlesungen meines Jurastudiums).“

Eine wohltuende Leichtigkeit durchzieht dieses Schreiben, bei dem es immer wieder Sätze und Gedanken gibt, die mich staunen machen, auch weil sie Wahrheiten aussprechen, die mir überhaupt nicht bewusst gewesen sind. Etwa in „Geschichte, die abbricht“, in der die junge Frau an einem Sommertag die Fenster sperrangelweit aufreisst und ihr ist, als käme der Garten ins Zimmer herein, sie die Natur in jeder Faser spürt und dann notiert: „Ich wandte mich wieder nach drinnen, berührt von der Ruhe des Moments.“ Genial, dieses „die Ruhe des Moments“ – eine mich beglückende Erkenntnis.

Zu meinen Favoriten gehört „Eine Henne“, eine Geschichte, die mich nicht nur lachen machte, sondern geradezu Lebensfreude in mir entfachte, so originell und witzig, so fantasievoll und nüchtern, so empathisch und fantastisch ist sie – und so beginnt: „Sie war ein Sonntagshuhn. Noch am Leben, weil es erst neun Uhr morgens war.“ Doch dann fliegt sie davon. „Der Hausherr, eingedenk der zweifachen Notwendigkeit, hin und wieder Sport zu treiben und heute zu Mittag zu speisen, schlüpfte strahlend in Badeshorts und schickte sich an, dem Weg der Henne zu folgen.“ Wie’s ausgeht, soll hier natürlich nicht verraten werden …

Es sind vor allem einzelne Sätze und Halb-Sätze, die mich packen und innehalten lassen. Etwa dieser: „… neigte sich doch dazu, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die sinnlos waren, wenn auch unterhaltsam.“ Dann aber auch Szenen wie diese hier: Sie will einen schwierigen, distanzierten Mann für sich gewinnen und fragt: „Wo sollte man ansetzen, wenn er sich kannte?“, doch dann hat sie eine Idee: „Aufgeregt setzte ich mich im Bett auf, und mir schoss durch den Kopf: ‚Das kam zu schnell, um gut zu sein; sei nicht gleich so begeistert; leg dich hin, mach die Augen zu und warte, dass Ruhe einkehrt.‘ Stattdessen stand ich auf und begann barfuss, um Mira nicht zu wecken, im Zimmer auf und ab zu gehen, wie ein Geschäftsmann, der auf Nachrichten von der Börse wartet. Doch ich hatte immer stärker das Gefühl, die Lösung gefunden zu haben.“ Wunderbar kindlich, berührend naiv und sehr, sehr smart – eine Kombination, die ich schlicht genial finde.

Clarice Lispector
Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau
Sämtliche Erzählungen I
Penguin Verlag, München 2019

Ernst Peter Fischer: „Davon glaube ich kein Wort“

Viele kluge Leute, so der Autor in seinem Vorwort, stünden noch immer „vor vielen Ergebnissen und Entwicklungen, Potenzialen und Problemen der Naturwissenschaften – Stichworte geben die Gentechnik, die Energiewenden, die Quantensprünge und die Digitalisierung – , die ihnen trotz aller Aktualität und Brisanz äusserlich und damit unverstanden bleiben.“ Dieser weit verbreiteten Verständnislosigkeit will dieses ansprechend gestaltete und handliche Werk entgegenwirken – mit Anekdoten und Geschichten.

Da ich selber zu diesen Verständnislosen gehöre, gehe ich die Lektüre hoffnungsfroh an. Und stosse auf vieles, das mich schmunzeln macht. Etwa die Geschichte vom Biophysiker George Feher aus San Diego, der, als er vom Caltech, an dem der Genetiker und Nobelpreisträger Max Delbrück lehrte und dessen Urteil gefürchtet war, zu einem Vortrag eingeladen wurde, so antwortete: Gerne, doch nur unter der Bedingung, zwei Vorträge halten zu können, denn „er wolle zumindest einen Vortrag halten, von dem Delbrück nicht sagen können, dass es der schlechteste Vortrag sei, den er je gehört habe.“ Oder der Kommentar des Physikers Wolfgang Pauli auf den Vortrag eines Kollegen: „… was Sie gesagt haben, war so konfus, dass man gar nicht sagen kann, ob es Unsinn war.“

So amüsant viele der in diesem Band versammelten Anekdoten auch sind, sie gehen, wie gute Anekdoten es so an sich haben, über das rein Anekdotische hinaus und vermitteln Wahrheiten, die die Wissenschaften überaus treffend charakterisieren. So gehört es etwa zur Methode forschender Physiker, besonders verrückten theoretischen Vorschlägen nachzugehen. „Die Vorschläge klingen verschroben genug, an denen könnte tatsächlich etwas dran sein.“

Auch die Geschichten, die Ernst Peter Fischer erzählt, sind höchst anregend und unterhaltsam. Etwas diese hier von seinem Doktorvater Delbrück, der bei der Verleihung des Nobelpreises auf Samuel Beckett zu treffen hoffte, dessen Molloy ihn faszinierte, weil er in den Augen von Delbrück den Wissenschaftler verkörperte. „Nicht er (der Wissenschaftler) stelle der Wahrheit nach, vielmehr stelle die Wahrheit ihm nach. Sie jage ihn, sie treibe ihn auch an den fernsten Stränden dazu, ein kaum praktisches und den meisten Menschen eher fern stehendes Problem zu formulieren und unablässig zu verfolgen, um es nach einer zufriedenstellenden Lösung aufzugeben und sich der nächsten Frage zuzuwenden. Das zu Findende und der Wille zum Verstehen trieben einen Wissenschaftler an …“. Ob Beckett seinen Molloy auch so gesehen hatte, wollte Delbrück von ihm wissen, doch Beckett kam nicht zur Verleihung, er wollte lieber in Tunesien Ferien machen und schrieb ans Nobelkomitee: „Ich komme nicht.“ Ohne Begründung oder Entschuldigung.

Des Autors Wunsch ist es, die Menschen mittels Anekdoten und Geschichten nicht nur auf die Menschen/die Wissenschaftler, sondern auch auf die Wissenschaft neugierig zu machen. Das ist ihm hervorragend gelungen. Selten war mir bewusster, dass Wissenschaftler Realitätserkundler und Wahrheitssucher sind und der Erkenntnisprozess in ständigem Wandel begriffen ist, was unter anderem dieser Dialog zwischen dem Chemiker Walter Nernst und dem Physiker Albert Einstein ganz wunderbar illustriert. Sagt Nernst: „Aber, lieber Herr Einstein, heute sagen Sie das Gegenteil von dem, was Sie beim letzten Treffen gesagt haben.“ Darauf Einstein: Was kann ich denn dafür, dass Gott die Welt anders gemacht hat, als ich vor einigen Wochen noch gemeint habe.“

Apropos Einstein und Gott: Friedrich Dürrenmatt hegte den Verdacht, Einstein habe unter der Hand als Theologe gewirkt, denn kaum ein Nicht-Theologie benutzte den Namen Gottes häufiger. „Einstein vertrat explizit die Idee einer vernünftigen Welt, in der Gott die Gesetze so versteckt hatte, wie es Eltern mit Ostereiern im Garten machen. Und so wie sie ihren Kindern beim Suchen zuschauen, betrachten die Götter wohlwollend und amüsiert ihre Menschenschar beim emsigen Forschen. Kein Wunder, dass Einstein der Meinung war, sich als Wissenschaftler sein Leben lang als Kind zu fühlen. Diese Freiheit nahm er sich. An eine andere glaubte er nicht.“ Viel lebensbejahender geht es eigentlich kaum.

Dass auch Einstein nicht immer Gehör geschenkt wurde, zeigte sich unter anderem darin, dass der Mathematiker Kurt Gödel, der herausgefunden hatte, dass rein logisch Amerika auf legale Weise in eine Diktatur verwandelt werden könnte („was zu Zeiten eines Präsidenten Trump im Jahre 2019 Sorgen bereiten sollte“, wie Ernst Peter Fischer anmerkt), seine Warnung, dies bei der Einbürgerung dem zuständigen Richter gegenüber nicht zu erwähnen, in den Wind schlug. Ob Gödel trotzdem eingebürgert wurde (und vieles andere mehr), erfährt man in dieser Schatztruhe voller cleverer und witziger Einsichten.

Fazit: Ein wahrer Augenöffner und eine rundum beglückende Lektüre.

Ernst Peter Fischer
„Davon glaube ich kein Wort“
Anekdoten und Geschichten aus der Welt der Wissenschaft
Reclam, Stuttgart 2019

Jens Wernicke und Dirk Pohlmann (Hrsg.): Die Öko-Katastrophe

Herausgeber Wernicke zitiert in seiner Einleitung Noam Chomsky mit den Worten: „Die Massenmedien im eigentlichen Sinn haben im Wesentlichen die Funktion, die Leute von Wichtigerem fernzuhalten. Sollen sich die Leuten mit etwas anderem beschäftigen, Hauptsache, sie stören uns nicht.“ Keine Frage, der Mann hat recht und steht übrigens nicht allein mit seiner Auffassung, bei den alten Römern hiess das panem et circensem.

„Den Planeten zu retten, heisst die herrschenden Eliten zu stürzen“, so der Untertitel dieses vielfältig informativen Readers, der allerdings auch von Eliten (der Aufklärung verpflichteten) verfasst worden ist. So meint etwa Rainer Mausfeld in seinem Gespräch mit Jens Wernicke: „Hoffnung auf eine wirkliche Lösung des Klimaproblems kann es de facto nur geben, wenn wir die Probleme wieder dort lokalisieren und behandeln, wo sie liegen: auf der politischen Ebene, insbesondere der Ebene unserer Wirtschaftsordnung und ihrer zerstörerischen Auswirkungen.“ Zu diesen gehört der Raubbau an den ökologischen Lebensgrundlagen, der die menschliche Zivilisation bedroht. „Daran muss tagtäglich erinnert werden, um die Öffentlichkeit für die notwendigen Transformationen zu gewinnen.“ Das klingt in meinen Ohren wenig ermutigend und ziemlich hilflos. Doch Mausfeld zitiert auch André Gorz, der 1968 darauf hingewiesen hat, „nur gegen die Wirkungen der kapitalistischen Entwicklungen“ zu kämpfen, genüge nicht, weil man damit nicht nur „innerhalb der kapitalistischen Logik“ bleibe, sondern sie noch verstärke. Für mich heisst das, die eigene Gier-nach-immer-mehr anzugehen, denn Gier ist der Motor des Kapitalismus.

Dass diejenigen, die vom kapitalistischen System am meisten profitieren, sich gegen Veränderungen heftig wehren, versteht heutzutage jeder – und genau das ist das Problem, unsere Mentalität. Wir glauben diesen Ego-Schmarren (Jede gesunde Mutter denkt nicht an sich, sondern an ihre Kinder zuerst), wir sind nicht zuletzt von den Schulen darauf konditioniert worden und unterliegen ihm alle, ausnahmslos.

Zudem: Wir sind schon längst bei der globalen Unübersichtlichkeit angelangt, kein Mensch ist mehr fähig, so was wie einen Überblick zu haben. Gestritten wird trotzdem. Über Deutungshoheiten (etwa Steffen Pichler: Die Erfindung der grausamen Natur) und die Durchsetzung von (fast ausschliesslich finanziellen) Interessen mit allen Mitteln (etwa Roland Rottenfusser: Die Öko-Manipulation). Einige der Autoren dieses Handbuchs sind mit mehreren Artikeln vertreten, unter ihnen die Journalistin Susan Bonath; besonders angesprochen hat mich ihr „Mythos ‚Grüner Kapitalismus’“, worin sie überzeugend darlegt, dass ‚profitgetrieben‘ und ‚unweltverträglich‘ schlicht nicht zusammen gehen, denn der Glaube an den Markt ist absurd, dieser regelt nämlich gar nichts.

Zahlreiche Texte in diesem Aufklärungsbuch, in dem ganz unterschiedliche Aspekte der Planetenrettung zur Sprache kommen, äussern sich erfreulicherweise sehr grundsätzlich, auch wenn keiner dafür plädiert, bei sich selber anzufangen und einfach nicht mehr mitzumachen. Obwohl: Es gibt durchaus Autoren, die das Problem wesentlich beim Wesen des Menschen sehen, etwa Sven Böttcher und vor allem Charles Eisenstein, der die gegenwärtige Weltlage wie folgt angeht. „Ich habe einige Parallelen zwischen drei massgeblichen Institutionen unserer Zivilisation festgestellt: Geld, Krieg und die etablierten Religionen. Alle drei fordern, auf die eine oder andere Weise, die Aufgabe des Augenblicklichen, Menschlichen oder Persönlichen zugunsten eines übergeordneten, hintergründigen Ziels, das alles übertrifft.“ Das meint: Nicht das Hier und Heute ist wichtig, sondern etwas, das entfernt und in der Zukunft liegt. Was ist und was wir haben, wurden wir indoktriniert, ist nichts, wir sollen Anderes, Neueres, Besseres wollen. „… es ist die Mentalität des Instrumentalismus, der andere Wesen und die Erde selbst hinsichtlich ihres Nutzens für uns bewertet. Es ist Selbstüberschätzung, zu glauben, dass wir die Konsequenzen unseres Handelns sicher vorhersagen und kontrollieren können.“

Manche Texte in diesem Band beziehen nicht nur kritisch Position, sondern plädieren für gewaltfreien Widerstand und einen „Weg mit Herz“ (Carlos Castaneda). Damit ein solcher möglich wird, ist eine radikale Einstellungsveränderung nötig, die Roland Rottenfusser so zusammenfasst: „Um die Umwelt wirksam zu schützen, müssen wir zuerst einmal erkennen, dass wir selbst ein Teil der Natur sind.“ Nur wer das versteht (Understanding is a feeling!), wird auch entsprechend handeln.

Fazit: Vielfältige, nötige und hilfreiche Aufklärung.

Jens Wernicke und Dirk Pohlmann (Hrsg.)
Die Öko-Katastrophe
Den Planeten zu retten, heisst die herrschenden Eliten zu stürzen
Rubikon, Mainz 2019

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Erste Schritte