
Lat Krabang, Thailand, 2016
Hans Durrers Buchbesprechungen

Lat Krabang, Thailand, 2016
Der ehemalige ARD-Korrespondent Udo Lielischkies ist in dem Riesenland Russland viel herumgekommen, seine Familie (seine Frau Katia, gebürtige Russin, und die beiden Töchter) kennt vor allem die Perspektive der Grossstädte. Moskau sei „ein vom Rest des Landes abgekoppeltes Raumschiff, das Zentrum strahlend, glitzernd, ein filmreifes Panoptikum neureicher Selbstdarstellung“, erfahre ich. Und dass der Satz von Churchill immer noch gelte: „Russland ist ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium.“
Als ich lese, dass in Putins Russland Loyalität und Selbstbereicherung eng miteinander verwoben seien, musste ich an Trumps Amerika denken. Ebenso bei der Schilderung des Chefs der Nationalgarde, der offenbar wie ein Mafiaboss klingt, drängte sich das Grossmaul im Weissen Haus in mein Bewusstsein. Auch dass sich die Russen als auserwähltes Volk betrachten, kenne ich von den Amerikanern. Und den Chinesen, den Franzosen und und und … Nationalstaaten orientieren sich an Mythen; die Menschen ziehen diese der Realität vor. Sieht es also überall auf der Welt gleich aus? Ja und nein, doch natürlich gibt es Unterschiede, Udo Lielischkies benennt viele von ihnen. Einer davon ist der russische Unrechtsstaat. „Ich weiss, dass russische Gerichte über 99 Prozent aller Angeklagten schuldig sprechen. Dass Verteidiger mit Staatsanwälten zusammenarbeiten und ihre Mandanten betrügen.“
Udo Lielischkies startet in sein Russland-Abenteuer wie das Korrespondenten so tun: Mit sehr rudimentären Sprach- und Landeskenntnissen. Qualifiziert hat er sich für diese Stelle, weil er sich für die ARD als verlässlich erwiesen hat, er in ihr System passt. Das ist bei allen Medien, ja, bei allen international operierenden Organisationen so – nicht die Sachkenntnis ist gefragt, sondern dass das bestehende System weiter funktioniert wie bisher.
Der Neuling merkt schnell, dass, was man so über Russland hört, Realität ist – dieses Land ist in vielerlei Hinsicht anders als man es für möglich hält, genauer: Regeln, die man gemeinhin für selbstverständlich hält, sind es in diesem Land nicht. Die überaus anschaulichen Beispiele in diesem spannenden Buch zeugen davon – es ist eine Reise in eine Welt, die wohl niemand auch nur annähernd verstehen kann, der nicht da geboren und aufgewachsen ist. Und selbst dann ist es fraglich.
1999 kam Putin an die Macht. Die eindrückliche Schilderung, wie dies geschah, lohnt schon alleine die Lektüre von Im Schatten des Kreml, auch weil davon auszugehen ist, dass staatliches Mitmischen bei der Herstellung von Krisen, die dann unter Einsatz drastischer Mittel gelöst werden müssen, nicht nur in Russland gang und gäbe sind. Apropos drastische Mittel: Diese scheinen gängig in Putins Russland – Gegner werden als Terroristen bezeichnet, mit denen nicht verhandelt wird. Dass auch zu Vergiftungen gegriffen wird, um mit sogenannt missliebigen Bürgern (und Bürgerinnen) klarzukommen, scheint gängige Praxis.
Auf mich wirkt dieses Russland schon in Friedenszeiten ausgesprochen chaotisch, kommt dann noch ein Krieg dazu, wie vor mittlerweile zwanzig Jahren in Tschetschenien, wird es noch um einiges chaotischer und man kann sich fragen, ob da eine nüchterne Einschätzung überhaupt möglich ist. Ich fühlte mich bei den Erkundungsfahrten der ARD-Equipe gelegentlich an meine Zeit beim IKRK in Afrika erinnert, wo mein lokaler Mitarbeiter und ich selber oft nicht wussten, wo wir überhaupt waren – obgleich wir als die Experten vor Ort galten.
Entführungen mit Lösegeldforderungen als Geschäftsmodell, Folter im Vollzugssystem, Arbeitslager für geringfügige Vergehen – Russland unter Putins sogenannt gelenkter Demokratie (im Klartext: die Herrschaft einer Clique) hat mit europäischen Vorstellungen von Zivilisation wenig zu tun. Es braucht eine Lebenskünstler-Mentalität, um in solchen Verhältnissen zu überleben. Auch auf dem Dorf, wo gerade einmal 30 Prozent eine Arbeit haben und die Kombination Elend und Alkohol nach wie vor Tradition hat.
Was wir von der Welt wissen, wissen wir von den Medien, hat Niklas Luhmann einmal geschrieben. Mit anderen Worten: Wer nicht versteht, wie die Medien funktionieren, kann die Welt nicht verstehen. Die Schwierigkeiten aus und über Russland zu berichten sind mannigfaltig, weshalb mich denn auch die Schilderung der journalistischen Arbeitsbedingungen (Kontrollen, Behinderungen, Irreführungen, Propaganda etc. sind an der Tagesordnung) besonders aufschlussreich dünkte. Wer glaubt, die Wirklichkeit liesse sich medial abbilden, irrt. Und zwar gewaltig. Bemühen kann und soll man sich trotzdem, wobei: Enthüllungen bezahlen Journalisten in diesem Land häufig mit ihrem Leben.
So aufrichtig wie möglich davon zu berichten, wie man die Realität erlebt (natürlich subjektiv, objektives Erleben ist bis jetzt nicht erfunden worden), halte ich für den einzigen Journalismus, der seinen Namen verdient. Als Beispiel möge des Autors Kommentar über seine Beslan-Berichterstattung dienen, als eine ganze Schule in Geiselhaft genommen wurde: „Es ist sicher keine Sternstunde des Journalismus. Denn ich schilderte atemlos das Geschehen, beschreibe die aufgeregten Polizisten, Sanitäter, Soldaten, die schreienden Angehörigen, bewaffnete Osseten aus Beslan, die mit Gewehren in Richtung Schulgebäude laufen – doch ohne zu wissen, was sich tatsächlich abspielt.“
Was dieses Buch auch klar macht: Man muss in die Welt hinaus, um sich aus seinen Konditionierungen zu befreien. Nur dann haben wir die Chance, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist – meist sehr anders als unsere antrainierten Vorstellungen uns glauben machen.
Udo Lielischkies
Im Schatten des Kreml
Unterwegs in Putins Russland
Droemer, München 2019

Fex Crasta, Oberengadin, am 27. Januar 2020
Der 1929 geborene George Steiner lehrte vergleichende Literaturwissenschaften in Genf und Cambridge, wo er bis heute lebt. Seine Gesprächspartnerin, die 1950 geborene Laure Adler, ist eine bekannte französische Kulturjournalistin, die im Vorwort ausführt: „Bei ihm hat man nie das Gefühl, dass man an ein Ziel kommen muss, dass die Erhellung eines Problems Trost brächte. Im Gegenteil. Die Suche selbst bildet das Salz des Lebens. Und je gefährlicher die Übung, desto grösser der Jubel.“
Der letzte Satz könnte auch auf sie selber zutreffen. Wer wagt schon ein Gespräch mit einer Frage nach dem missgebildeten Arm des Befragten einzuleiten? Ein überzeugenderer Einstieg, als mit dem Offensichtlichen zu beginnen, ist schwer vorstellbar.
Bereits nach den ersten paar Seiten bin ich von Steiners Denken, das ich bislang nicht kannte (abgesehen von ein paar Zeitungsartikeln), höchst eingenommen. Insbesondere seine Ausführungen zu den Geisteswissenschaften (Für Urteile über Kunst, Musik und Literatur liessen sich weder Beweise erbringen, noch könne man sie widerlegen) begeistern mich geradezu. „Man sagt, dass sich über kurz oder lang ein Konsens herausbildet, nun gut. Das beweist nichts: Auch ein Konsens kann trügen. Somit haftet einem ästhetischen Urteil immer etwas Flüchtiges, zutiefst Vergängliches an.“
Für Steiner, der sich immer wieder – und häufig heftig angefochten – zum Judentum geäussert hat, hat der Jude die Aufgabe, „ein Pilger, ein Gast zu sein. Überall Gast zu sein, um dem Menschen, langsam und gemäss seiner Mittel, zum Verständnis zu verhelfen, dass wir alle Gast sind auf dieser Erde.“
Hart geht er mit dem Islam ins Gericht. Einmal, weil dieser seit dem fünfzehnten Jahrhundert jegliche Wissenschaft aufgegeben hat. „Tatbestand, vernunftgemässe Beweisführung, Beweis und Lehrsatz werden vom Islam nicht anerkannt.“ Dann aber auch, weil Frauen von ihm als zweitrangig angesehen und behandelt werden.
Steiner hat sich vor allem mit Sprachen auseinandergesetzt. Er beklagt die angloamerikanischen Sprach-Imperialismus, hält die vorgebliche Naturgegebenheit der Einsprachigkeit für weit überschätzt und zeigt auf, dass Sprachen zu lernen immer auch eine Entdeckungsreise ist.
Er sei sein Leben lang eifersüchtig gewesen auf Mathematiker und Musiker, weil diese wirklich eine universelle Sprache haben, sagt er einmal. Und er macht darauf aufmerksam, dass geschriebene Literatur und das Lesen sehr selten sind auf dieser Welt. Die mündliche Überlieferung ist viel verbreiterter.
Laure Adler ist eine bestens informierte Fragestellerin. Freundlich, bestimmt, gelegentlich provozierend und ohne etwa ihre Meinung zurückzuhalten. Dass sie nicht immer mit Steiner einig geht, der im Gegensatz zu ihr beispielsweise wenig von Hannah Arendt und Simone Weil hält (und dies auch begründet), wirkt sich belebend auf das Gespräch aus.
Dieses Gespräch ist ein intellektueller Hochgenuss, so witzig (nur in Paris und New York werde die Psychoanalyse ernst genommen) wie tiefgründig („Wäre es möglich – ich formuliere diese Hypothese nach sechzig Jahren der Lehre und der Liebe zu den schönen Künsten – , dass die Wissenschaften vom Menschen zur Unmenschlichkeit führen?“). Ich bin selten so geistreich unterhalten und so vielfältig angeregt worden.
PS: George Steiner unterteilt offenbar die Menschheit in zwei Gruppen: jene, die mit gezücktem Bleistift lesen, und jene ohne Bleistift. Selbstverständlich habe ich mir die Stelle sofort markiert.
George Steiner
Ein langer Samstag
Ein Gespräch mit Laure Adler
Hoffmann und Campe, Hamburg 2016

Zürich, am 3. Februar 2020
Verena Kantrowitsch, geboren 1979 in Münster, hat Psychologie an der Universität Osnabrück studiert und ihre Flugangst – obwohl sie zu den wirklich schweren Fällen, den quasi genetisch verankerten, gehörte – überwunden. Doch nicht nur davon handelt dieses Buch, vielmehr ist es eine differenzierte, grundsätzliche und witzige Auseinandersetzung mit der Angst. Und besser als die Kombination differenziert, grundsätzlich und witzig geht eigentlich nicht. Jedenfalls für mich.
Differenziert meint zuallererst: Nicht Schwarz/Weiss. Also nicht Kopf versus Gefühl. Oder Wissen versus Intuition. Das Bauchgefühl hat seine Berechtigung (vor allem bei denen, die schon einiges wissen), doch im Cockpit (hoffentlich) nichts zu suchen. Oder würden sie etwa im Ernst ein Flugzeug besteigen, das von Donald J. Trump pilotiert wird?
Grundsätzlich meint zum Beispiel: Angst hat auch ihr Gutes, wir würden ohne sie nicht lange überleben. „Statt also darauf zu hoffen, sie loszuwerden, wäre es aussichtsreicher, sie als gegeben zu akzeptieren. Wenn sie da ist, ist sie da – das kann uns missfallen, ist aber eine Tatsache.“ Nur eben: Angst kann auch in die Irre führen. Was dagegen hilft, ist Aufklärung, innere Aufklärung. Und die geschieht, indem wir „den Kopf systematisch mit Wissen und dann den Bauch mit Erfahrung füttern.“
Und apropos witzig, hier ein Beispiel: „Der durchschnittliche Mallorca-Urlauber kommt sein ganzes Leben sicher auf der Insel an? Schön für ihn. Aber was hat das mit mir zu tun?“ Und gerade noch eins: „Vorurteile erweitern den Horizont – vorausgesetzt, sie werden kritisch reflektiert.“
Klar doch: Wir sind alle ganz besonders, jeder und jede ein Spezialfall. Was ja auch stimmt, nur trifft das auf alle anderen auch zu. Was Verena Kantrowitsch vorschlägt, ist ein Realitätstest. Lasst nicht die Gefühle, sondern die Fakten regieren. Nicht Halb-Wissen, Fakten. Denn: „Frisch erworbenes Faktenwissen aus Psychologie, Medizin und Physik erschafft neue neuronale Wege im Gehirn – und lässt die Irrwege der Angst verkümmern.“
Zu einem hilfreichen Faktenwissen gehören auch ein paar naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Dazu gehört etwa: „Aufgrund zwingender Naturgesetze fliegt ein Flugzeug von siebzig Tonnen Gewicht Tausende von Meilen.“ Doch weshalb haben wir soviel Mühe, das zu glauben? Weil unsere Hirnstrukturen aus einer Zeit stammen, in der das Fliegen noch nicht gängig war. „Man kann es nicht genug wiederholen: Mit Rückschritten in die innere Steinzeit (oder auch nur ins innere Mittelalter) müssen wir generell jederzeit rechnen. Einige Hundert Jahre Aufklärung sind eben relativ wenig verglichen mit rund zwei Millionen Jahren Menschheitsgeschichte.“ Anders gesagt: Unser Gehirn ist hinter der technischen Entwicklung zurückgeblieben, der Aberglaube diktiert unser Leben mehr, als uns bewusst ist.
Das drückt sich unter anderem auch darin aus, dass wir oft Zusammenhänge und Kausalitäten herstellen, wo gar keine sind. Weil wir die Kontrolle haben wollen. Verena Kantrowitsch spricht von magischem Denken und sagt auch deutlich, wofür es steht: „Magisches Denken ist Verschleierung von Angst.“ Sie kennen das womöglich: Wenn sie mitten in einer Sommernacht aufwachen und den Baum vor dem Haus für einen Bären halten. Nur eben: Was vor Urzeiten durchaus Realität hat sein können, ist es heute nicht mehr. Leider hat das unser Gehirnautomat nicht mitgekriegt – es gilt ihn umzutrainieren.
Ich will fliegen! liefert höchst nützliche Aufklärung und erläutert unter anderem, dass ein gesunder Mensch weder vor Angst verrückt werden, noch sterben kann. Vor allem aber dies: „… die Angst ist nicht unendlich. Früher oder später sinkt die Angstkurve ab.“ Zudem: „Angstkurven werden flacher durch wiederholte Konfrontation.“ Wie die Buddhisten so treffend sagen: was kommt, geht auch wieder – sofern wir uns nicht daran klammern.
Erfreulich an diesem Buch sind auch die Ausführungen zu psychologischen Debatten wie etwa der Unterscheidung von intrinsischer (innere) und extrinsischer (äussere) Motivation. „Intrinsische und extrinsische Motivation kann auch nebeneinander existieren – oder sich überschneiden. Das ist sogar meistens der Fall.“ Ich würde noch wesentlich weiter gehen: Wer ernsthaft glaubt, solche Unterscheidungen treffen zu können, hält sich offenbar für gottähnlich, ist also nicht ganz bei Trost. Das gilt nicht nur für Psychologen, sondern für alle. Denn: „Gut möglich, dass Psychologen selbst einen Knacks haben. So wie alle anderen auch.“
Ich kann fliegen! ist ein überzeugendes Plädoyer fürs genaue, nüchterne Hingucken, das die Konfrontation mit der Realität erlaubt, dem besten Mittel gegen den Würgegriff der Angst.
Verena Kantrowitsch
Ich kann fliegen!
Flugangst: woher sie rührt, wofür sie steht und wie wir sie überwinden
mareverlag, Hamburg 2020

Grüningen, Zürcher Oberland, am 1. Februar 2020
Volker Arzt, geboren 1941, Diplomphysiker, Wissenschaftsjournalist und Autor, setzt sich in diesem schön gestalteten und exquisit illustrierten Buch mit grundsätzlichen Fragen auseinander. Ist die Natur so gnadenlos und unbarmherzig als wie sie gemeinhin gilt? Auf den ersten Blick schon, doch wie bei jeder Unterteilung in Schwarz und Weiss gilt sich vor Augen zu führen, dass dazwischen ganz viele Abstufungen von Grau liegen.
Es versteht sich, es gibt unzählige Beispiele, die bestätigen, dass in der Natur rücksichtslos der eigene Vorteil gesucht wird. „Das Zusammenleben der Tiere scheint geprägt von Eigennutz, Aggression und Futterneid. Welche Amsel würde ihrer Nachbarin einen Regenwurm anbieten – und sei diese noch so hungrig? Welche Robbenmutter würde ein fremdes Waisenbaby säugen – da kann es noch so jämmerlich weinen; es wird mitleidslos weggebissen.“ Nur eben, es gibt auch ganz andere Beispiele. Etwa die Vogeleltern, die bis zur Erschöpfung Käfer und Insekten jagen, um ihre Jungen satt zu kriegen. Oder die Katzenmütter, die ihre Jungen säubern; die Elefanten, die ihren Babys auf die Beine helfen; oder die Delfine, die ihre Neugeborenen für den ersten Atemzug an die Wasseroberfläche tragen. Sind das alles Ausnahmen?
Egoismus und Altruismus finden sich beim Menschen neben- oder hintereinander. Wieso also sollte das bei Tieren nicht auch der Fall sein? Und schon sind wir bei Charles Darwins „Theorie der natürlichen Zuchtwahl“, wie er selbst seine Evolutionstheorie nannte. „Die Natur betreibt einen fortlaufenden Züchtungsprozess, der jede Eigenschaft begünstigt, die direkt oder indirekt zu einer verstärkten Fortpflanzung führt – zu einer erhöhten ‚Fitness‘, wie die Biologen sagen.“ Aufschluss darüber geben uns eine Fülle von Fossilien. Dass es diese überhaupt gibt – Volker Arzt nennt sie „Flaschenpostsendungen aus unvorstellbar weit zurückliegenden Zeiten“ – , grenzt an ein Wunder, denn „dafür muss ein verendetes Tier noch vor seiner Zersetzung in Sand oder Sedimente eingebettet und konserviert werden.“ Und das wird wohl eher selten vorgekommen sein.
Der russische Anarchist Pjotr Kropotkin behauptete in seinem 1902 in England erschienenen ‚Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt‘: „Geselligkeit ist ebenso ein Naturgesetz wie gegenseitiger Kampf.“ Nur eben: Wer hört schon auf einen Anarchisten? Der Zeitgeist hatte anderes im Sinn und zog den Kampf der Kooperation vor. Und Volker Arzt hält fest: „Es ist sicher kein Zufall, dass Darwins Fokussierung auf Kampf und Konkurrenz von seinen Zeitgenossen so bereitwillig aufgenommen wurde. Das England des 19. Jahrhunderts war geprägt von der industriellen Revolution und ihren katastrophalen Auswirkungen (…) Auch wenn das verkürzt und vereinfacht dargestellt sein mag, die frühkapitalistischen Praktiken fügten sich nur zu gut ins Bild von Darwins Kampf ums Überleben.“ Es gehört zu den Vorteilen dieses Buches, dass es Zusammenhänge aufzeigt, die vielen entgehen. .
Die Beispiele für ein kooperatives Miteinander, die der Autor anführt, sind mannigfaltig, verblüffend und faszinierend. Das Nilkrokodil, das sich von einem Vogel die Zähne reinigen lässt. Der alte Schimpanse, der ein Waisenkind adoptiert. Ja, sogar artübergreifendes Mitgefühl lässt sich beobachten. „Da ist ein Antilopenkitz in die Fänge eines Leoparden geraten. Jeder erwartet den tödlichen Biss, als ein Trupp von Pavianen heranstürmt. In Überzahl rücken sie ihrem Erzfeind auf den Leib, bis er sein Opfer freigibt und das Weite sucht. Man möchte Beifall klatschen.“ So isses!
Ich staune über die vielfältigen Kooperationen von Tieren und Pflanzen – und von Bakterien, den Verdauungshelfern, dich sich fast alle im Darm befinden und unser Wohlbefinden beeinflussen, wie man aus Forschungen über die sogenannte Darm-Hirn-Achse, den Nervus vagus, schliessen muss. So zeigten etwa ein Mikroben-Tausch bei Mäusen verblüffende Resultate. ‚Gesundmacher‘-Bakterien gibt es jedoch nicht. „Es scheint vielmehr – wie bei einem Orchester – auf die Gesamtbsetzung und das gute Zusammenspiel anzukommen. Je bunter das Mikrobiom-Orchester, je mehr Bakterienarten es vereint, umso positiver seine Wirkung.“
Was Volker Arzt mit diesem gut geschriebenen und witzigen Buch deutlich macht, ist, dass Leben und Natur wesentlich komplexer sind, als sich das unser Entweder/Oder-Denken vorstellen will. Anders gesagt: der erbitterte Kampf um den eigenen Vorteil und das partnerschaftliche Miteinander schliessen sich nicht aus, sondern existieren bequem nebeneinander. Ja, den Egoismus der Gene, den gibt es, doch es gibt auch das Mitgefühl und die Kooperation. Wer ausschliesslich in Kategorien des Eigennutzes argumentiert, sagt mehr über sein beschränktes Denken als über die Welt aus.
Fazit: Ein höchst anregendes und überzeugendes Plädoyer gegen ideologische Voreingenommenheiten und fürs genaue Hinschauen!
Volker Arzt
Kumpel & Komplizen
Warum die Natur auf Partnerschaft setzt
C.Bertelsmann, München 2019
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Grüningen, Zürcher Oberland, am 1. Februar 2020
Auf der Rückseite des Buchumschlags wird neben Stephen King und Andrew Solomon auch Chris Kraus mit dem unsäglich blöden Satz „Leslie Jamisons Die Klarheit ist die ultimative Studie der Romantik des Rausches und der Möglichkeiten der Genesung“ zitiert, der dann von dem noch blöderen „Es gibt vielleicht niemanden, der besser über seelisches Leid und Trost schreibt“ (aus dem New Yorker) getoppt wird. Na ja, die Amis haben es halt mit Superlativen (ultimative Studie; niemand, der besser), furchtbar.
Wenn schon Superlative, dann bitte so wie ich sie benutze. Die Klarheit gehört zu den eindrücklichsten Büchern über Sucht, das ich je gelesen habe und ich habe viele, ja, sehr sehr viele nicht nur gelesen, sondern studiert. Dass ich zu dieser Einschätzung komme, hat unter anderem damit zu tun, das ich mich mit vielem, das Leslie Jamison beschreibt, identifizieren kann. Sätze wie diesen etwa: „Ich brauchte alles, und zwar sofort. Mehr. Noch mal. Für immer.“ Oder: „Johnsons Storys beharrten darauf, dass alles, was uns umgab, auch wichtig war: das Verträumte, Nelkenverrauchte sowie die durchdringende Kälte dieser Stadt. Es war da, schrieb er. Wirklich.“ Oder: „Mein Problem war nicht schwierig, aber trotzdem unlösbar: Ich wollte nicht fühlen, was ich fühlte.“ Zudem: Als ich lese, dass die Tante der Autorin Kay Redfield Jamison ist, deren Meine ruhelose Seele mich Entscheidendes über seelische Schwierigkeiten gelehrt hat, gehe ich die Lektüre von Die Klarheit noch positiver an als ich das eh schon tue.
Leslie Jamison, geboren 1983 und aufgewachsen in Los Angeles, hat am Iowa Writer’s Workshop ihren Master in Kreativem Schreiben gemacht und lehrt an der Columbia University. Treffend notiert der Klappentext: „Sie trank, weil sie ihre Mängel verbergen, ihre Bedürfnisse abschütteln und um jeden Preis besonders sein wollte. Und sie würde erst genesen, wenn sie nicht mehr auf ihrer Originalität beharrte.“
Aufrichtig und schonungslos beschreibt sie ihre Alkoholsucht. „Ich war derart egozentrisch, dass man fast ein eigenes Wort hätte erfinden müssen, um mich zu beschreiben. Hätte es dieses Wort gegeben, hätte ich es natürlich gemocht.“ Und sie setzt sich mit dem Mythos der trunkenen Genialität auseinander. „Meine Fähigkeit, alkoholisierte Dysfunktionalität reizvoll zu finden – und ihren Zusammenhang mit dem Genialischen zum Fetisch zu erheben – , war eine Folge des Privilegs, noch nie richtig gelitten zu haben.“
Schliesslich kapituliert sie, geht zu den Meetings der Anonymen Alkoholiker. „Die Nüchternheit war zerbrechlich und unangenehm, aber sie war das Einzige, was ich über längere Zeit hinweg noch nicht ausprobiert hatte. Also probierte ich es aus.“ Von Bill Wilson, der zusammen mit Dr. Bob die AA ins Leben gerufen hatte, berichtet sie unter anderem, dass er „herausfinden wollte, inwiefern sich LSD im Rahmen des Genesungsprozesses sinnvoll einsetzen liesse“, was die anderen AA gar nicht toll fanden. Für sie selber machte dies Wilson, der von vielen auf ein Podest gestellt wurde (und wird), menschlicher.
Nüchternheit findet sie enttäuschend, weder kittet sie ihre Beziehung, noch führt sie dazu, dass sie lebendiger schreibt. Auch fühlt sie sich verbraucht und verschüchtert. Sie geht nicht mehr zu AA-Meetings, wird rückfällig – was keinesfalls als zwangsläufige Folge verstanden werden soll, denn dieses Buch macht vor allem klar, dass Sucht mit unseren landläufigen Erklärungsversuchen nicht zu fassen ist – und wieder nüchtern. Dieses zweite Mal geht sie mit einer anderen Einstellung zu den AA-Meetings. „Ich wusste nicht, was ich glaubte, und betete trotzdem.“
Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung verspricht der Untertitel und macht damit klar, dass dies, obwohl ein persönliches Buch, keine Nabelschau, sondern der gelungene Versuch ist, die eigene Geschichte in grösseren Zusammenhängen zu sehen, einerseits im Kontext der eigenen Familie, andererseits im Rahmen der Schriftsteller, die abhängig vom Alkohol waren. Dabei setzt sie sich auch mit einigen der einschlägigen Alk-Werke auseinander – von Charles Jacksons Verlorenem Wochenende über Malcolm Lowrys Unter dem Vulkan zu David Foster Wallaces Unendlichem Spass. Auch von anderen Geschichten der Genesung berichtet sie, von ihrer Sponsorin, der Anwältin Susan, schreibt sie. „Die Nüchternheit hatte ihr Klarheit darüber verschafft, dass das Leben, wie sie es sich im Laufe von Jahrzehnten aufgebaut hatte, nicht das war, was sie weiter leben wollte. Diese Erkenntnis war sicher ein Geschenk, wenn auch eines, das sich nicht jeder wünscht.“
Und nicht zuletzt: Die Klarheit klärt auch über die nordamerikanische Drogenpolitik auf. „Alkoholsucht wurde zur Krankheit, Drogensucht zum Verbrechen.“ Für sie selber, ein nettes weisses Mädchen aus der oberen Mittelschicht, bedeutete das: „Meine Haut hatte die richtige Farbe, um mir den Rausch zu erlauben.“ Mit anderen Worten: Der „War on Drugs“ ist in Wahrheit ein Krieg gegen die Schwarzen. „Eine Studie aus dem Jahr 1993 ergab, dass nur 19 Prozent aller Drogendealer Afroamerikaner waren, ihr Anteil bei Verhaftungen aber 64 Prozent betrugen.“
Gut geschrieben, vielfältig aufklärend, selbstkritisch und ausgesprochen hilfreich. Das für mich eindrücklichste Sucht-Buch seit Langem.
Leslie Jamison
Die Klarheit
Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung
Hanser Berlin, 2018