Martin Winter: China 2049

„Wie Europa versagt“, heisst der Untertitel von Martin Winters China 2049, und da ich das auch so sehe, jedoch wenig von Politik verstehe (ich begreife sie wesentlich als eitles Imponiergehabe, und ja, ich weiss, dass sie oft gravierende Konsequenzen hat), bin ich gespannt, was ein erfahrener Journalist (Martin Winter hat fast drei Jahrzehnte erst für die ‚Frankfurter Rundschau‘ und dann für die ‚Süddeutsche Zeitung‘ aus Bonn, Washington und Brüssel berichtet) dazu zu sagen hat. 

Die ersten paar Seiten von China 2049 lesen sich so, wie gute Sachbücher sich eben lesen: differenziert und wenig konkret. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass viele gescheite Leute viele gescheite Studien und Analysen zu China (und vielem anderen) verfassen, die folgenlos bleiben. Was so recht eigentlich die Regel ist, denn der Mensch ist so – seinen Einsichten folgt er erst, wenn es ums eigene Überleben geht. Und selbst dann nicht immer (man denke an Süchtige).

Es ist anregend und konventionell (in der Art von gut verdienenden Mitarbeitern von Think Tanks), wie der bestens unterrichtete Martin Winter sich die künftige Weltlage vorstellt, denn er geht davon aus, dass Politiker Politik machen und strategische Überlegungen anstellen, wohin die Reise gehen soll. Natürlich weiss auch Herr Winter, dass das niemand wissen kann, doch Planspiele sind reizvoll, besonders natürlich die, welche auf einer möglichst nüchternen Analyse gründen.

Das geopolitische Wissen des Autors ist beeindruckend, besonders natürlich für die, welche es nicht wirklich beurteilen können – also für mich. Doch so spannend sich China 2049 auch liest, dass Weltpolitik von strategischen Überlegungen geleitet wird, bezweifle ich. Das meint nicht, dass strategisches Denken irrelevant ist, es meint, dass der Mensch meist erst im Nachhinein erkennt, was er eigentlich tut.

„Die Europäer haben den Aufstieg Chinas zur Weltmacht verschlafen“, konstatiert Martin Winter und zeigt auf, dass die Europäer in Kommissionen und Denkfabriken zwar viel Papier produziert haben, doch das war’s dann auch schon. Dass China sich immer mehr ausbreitete, so möchte man anfügen, war auch denen klar, die sich nicht gross für Politik interessieren – chinesisches Geld kauft laufend westliche Firmen auf und bemächtigt sich afrikanischer Rohstoffe.

Mir gefällt an diesem Buch, dass es mich auf eine spannende geopolitische Reise mitnimmt, mich stören hingegen Sätze wie diese: „Das europäische Modell aus Freiheit des Einzelnen, Liberalität in der Wirtschaft und Vielfalt in der Politik, für das Europäer jahrhundertelang gestritten und oft auch gelitten haben.“ Von Freiheit spüren die Europäer wenig, hingegen viel vom Eingespanntsein in einen Überlebenskampf (wie übrigens auch die Chinesen), die sogenannte liberale Wirtschaftsordnung zwingt alle in ihr Tätigen zu spuren (auch das ist in China ähnlich) und was die Vielfalt in der Politik angeht –  gimme a break!

Was China vom Rest der Welt unterscheidet, ist, dass es eine Diktatur ist und sich einer Diplomatie bedient, die das hervorragend verschleiert. Martin Winter behauptet, die Chinesen hätten „das Ziel, die Idee der freiheitlichen Demokratie durch die des chinesischen Weges zu ersetzen.“ Zweifellos hat er damit (dem Ideologie-Wettstreit) Recht, doch die Machthaber in Peking sind mindestens genauso intensiv damit beschäftigt, dass ihr System nicht auseinander bricht.

„Wenn Europa nicht von China verspeist werden will, muss es geostrategisch denken und handeln. Das bedeutet einen Mentalitätswechsel, denn das Selbstverständnis einer Macht, die von sich aus lenkend in die Ordnung der Welt eingreift, gehört nicht zur DNA der Europäischen Union.“ Das Problem ist nur, dass die Mentalität sich, wenn überhaupt, nur sehr schwer ändern lässt.

Martin Winter
China 2049
Wie Europa versagt
Süddeutsche Zeitung Edition, München 2019

Hermann Unterstöger: Männer, die auf Diven liegen

Seit 2009 befasst sich Hermann Unterstöger im „Sprachlabor“ der Süddeutschen Zeitung (SZ) mit ganz unterschiedlichen Fällen. Eine Auswahl findet sich im vorliegenden Band, dem Nachfolger von „Da platzt dir die Hutschnur!“
 
Die Auffassungen über Gott und die Welt sind bekanntermassen verschieden. Und der Umgang mit der Sprache macht dabei keine Ausnahme. Und geht weit über die Sprache hinaus. Man denke etwa an Merkels Raute, von der ein Leser meinte, es sei gar keine, denn dies würde bedingen, dass Daumen und Zeigefinger gleich lang wären. „Was Merkel zeige, sei ein Drachen. Das ist richtig, doch sollten wir auch hier nicht am Buchstaben hängen, sondern uns an der geometrischen Figur erfreuen, egal, was Angela Merkel damit sagen will.“
 
Ganz vielerlei in diesem ansprechend gestalteten Band fand ich wunderbar hilfreich. Zum Beispiel die Lösung der Inselfrage. Heisst es in oder auf der Insel? „Hierzu hat sich die Faustregel herausgebildet, dass ‚auf‘ die geografische Insel meint und ‚in‘ die Insel als Staat: Man lebt auf Sylt, aber in Kuba; auf Kuba geht auch, in Sylt nicht, es sei denn Sylt würde sich von Deutschland lossagen und ein eigener Staat werden.“
 
Aufgeklärt werde ich auch darüber, dass es im Bairischen den Genitiv nicht gibt, „stattdessen wird mit dem Dativ, dem Possessivpronomen ’sein‘ und der Präposition ‚von‘ gearbeitet: ‚Georgs Fahrrad‘ heisst dann ’s Radl vom Schorsch‘ oder ‚am Schorsch sei Radl’“. Die Klärung dieser Frage ist zwei Lesern zu verdanken, die sich an diesem Satz gestossen hatten: ‚Russland seine Justiz hatten Chodorowskij schwere Wirtschaftsstraftaten vorgeworfen.‘ Würde die SZ auf Bairisch erscheinen, lässt mich Hermann Unterstöger wissen, hätte sie keinesfalls ‚Russland seine Justiz‘ geschrieben, sondern ‚am Putin sei Justiz‘.“
 
„Männer, die auf Diven liegen“ bietet Lesegenuss par excellence. Dazu tragen auch die gelungenen Lesermeinungen bei. So kommentierte etwa ein Professor die Formulierung: „Etwa 0.2 Prozent aller Verstorbenen erhielt Suizidhilfe – und zwar konstant über die vergangenen 18 Jahre.“ mit den Worten: „Trotz aller gebotenen Zurückhaltung bei diesem heiklen Thema möchte ich anmerken, dass ich es für humaner gehalten hätte, wenn wirksamere Methoden angewandt worden wären.“
 
Ein anderer Leser meldete sich mit dem Aufschrei „Sprachfolter Pur!“, mit dem er auf eine besonders im Journalismus verbreitete Marotte aufmerksam machte: das nachklappende Adjektiv. Doch nicht die Marotte stört den Leser, sondern die Art, wie sie geschrieben wird. Seiner Meinung nach gehört ein Satzzeichen zwischen die beiden Wörter. Ein Komma oder ein Doppelpunkt, zum Beispiel. Hermann Unterstöger kommentiert: „Eine starke Meinung, die in der Fachliteratur allerdings keine Bestätigung findet. Die Sprachwissenschaft spricht vom ‚postnominalen Adjektiv‘, das im Gegensatz zum üblichen ‚pränominalen Adjektiv‘ hinter dem Nomen steht. Es kann auf eine zwar schmale, aber alte und schöne Tradition zurückblicken, weil es von den Dichtern nur allzu gern verwendet wurde: Röslein rot, Brüderlein fein, ein Maidlein jung, mein‘ Augen blau, Hänschen klein, von der Stirne heiss. Wer will, kann den hier obwaltenden gehobenen Ton auch aus Fügungen heraushören, wie sie die Werbesprache hervorgebracht hat: Henkell trocken, Cola light, Möhrchen extra fein, Schauma mild …“.
 
Hermann Unterstögers Sprachkolumnen zu lesen, versöhnt mich mit der Welt – ich hadere nicht mehr, sondern schmunzle und freue mich, denn sie zeigen, dass man die Dinge auf unserem Planeten gleichzeitig höchst differenziert, humorvoll und leicht nehmen kann.

Hermann Unterstöger
Männer, die auf Diven liegen
Vergnügliches aus dem Sprachlabor
Süddeutsche Zeitung Edition, München 2016

Alexander Kluy: Alfred Adler

„Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Psychologie.“ So gelungen leitet der in München lebende Autor und Journalist Alexander Kluy seine Biographie über Alfred Adler ein. Was erste Sätze angeht – und dass die wichtig sind, weiss ja nun wirklich jeder (und jede) – , so geht es kaum besser.

Von den drei einflussreichsten Freud, Jung und Adler, war Adler der am wenigsten bekannte. Zu Unrecht, meint Alexander Kluy, der in der Einleitung auch behauptet, man verstehe „den aktuellen Stand der Tiefenpsychologie nicht ohne die historischen Entwicklungsstufen und Durchsetzungsphasen“, was allerdings nicht viel mehr als eine Begründung für diese Biographie (und überhaupt für Biographien) ist. Nun gut, der Mensch rationalisiert eben, was er tut – und dieses Rationalisieren folgt dem Tun hinten nach. Viktor Frankl hat Recht: „ Jeder Begründer einer Psychotherapierichtung hat in seinen Büchern eigentlich nur seine eigene Krankheitsgeschichte geschrieben und dabei die Probleme zu lösen versucht, die er selbst durchgemacht hat.“ Die oberflächliche Frivolität, die Kluy in dieser Bemerkung sieht, ist möglicherweise seine eigene. Denn wie sagt doch der Talmud: Wie sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen sie wie wir sind.

Doch zum Buch! Alfreds älterer Bruder Simon wurde von der Mutter vorgezogen (was nicht ohne Einfluss auf den ‚Minderwertigkeitskomplex‘ gewesen sein mag, so stelle ich mir vor), das Verhältnis zu seinem Vater, obwohl von Hochachtung geprägt, war anscheinend nicht besser. „Mein Vater ist ein einfacher, schlichter Mann, der von der Welt ebensowenig weiss wie, so sagen wenigstens meine Verwandten, von seinem Geschäft.“

Was Alexander Kluy recherchiert hat, ist faszinierend zu lesen, weil er viele Aspekte der Zeitgeschichte aufgreift, die ich höchst interessant finde. Etwa dass um 1900 vor allem jüdische Russinnen zum Studium ins Ausland, mit Vorliebe in die Schweiz gingen. „Im Wintersemester 1904/05 waren von 594 Immatrikulierten der Medizinischen Fakultät in Bern 407 weiblichen Geschlechts. Unter diesen 407 Frauen waren 399 Russinnen und zwei Schweizerinnen.“ Alfred Adlers nachmalige russische Frau Raissa war eine von ihnen. Woher wohl die anderen sechs Frauen kamen? Apropos interessante Details: Alfred Adler war 165 cm gross, seine Frau 150cm. Dass der ‚Minderwertigkeitskomplex‘ auch damit zu tun hat, ist naheliegend.

Die Zeit um 1900 war besonders in Wien eine bewegte Zeit, auf vielen Gebieten (Literatur, Malerei, Psychiatrie) tat sich einiges. Die Psychoanalyse erfuhr erheblichen Widerstand aus den medizinisch-klinischen Kreisen. Adler, unbefriedigt von der Allgemeinmedizin, wandte sich der Psychiatrie zu und nahm am Freudschen Diskussionszirkel, der sogenannten Mittwochs-Gesellschaft, teil. Und dann kam der erste Weltkrieg, deren Folgen ich selten so eindrücklich geschildert gefunden habe, wie in diesem Werk. Auch wegen so aufschlussreicher Details wie diesem: „+Ausländische Autofahrer – es gab keinen Österreicher, der sich ein Auto hätte leisten können – wurden durch Hinweisschilder aufgefordert, im Schritttempo zu fahren, weil die Österreicherinnen und Österreicher so geschwächt seien, dass sie den Fahrzeugen nicht schnell genug ausweichen könnten.“ Man beachte auch die politische Korrektheit dieses Satzes; gab es die damals schon?

Im Zentrum von Adlers Philosophie seien die Unzulänglichkeiten gestanden, so Alexander Kluy, „als drängendes Verlangen nach Heilung wie als Gefühl ‚ der schmerzlichen Leere eines Mangel‘.“ Dabei sah Adler seine Lehre als ‚Gebrauchspsychologie‘. „Es ist nicht die Summe von Eigenschaften, die ein Individuum in sich trägt, die es auszeichnen, sondern deren Verwendung, nicht der Besitz, sondern der Gebrauch. Charakterbildung ist der Turnus von Übung und Vernachlässigung bestimmter Fähigkeiten. Gebrauch und Nichtgebrauch werden vom Ich gesteuert und gezielt eingesetzt.“

Laut Kluy war Adler der erste Psychologe, der den Aggressionstrieb als eigenständige Kraft sah. Bei der Mittwochsgesellschaft machte er sich mit dieser Auffassung nicht beliebt. „Die Neutralisierung des Sexuellen als Movens fassten die anderen Teilnehmer der Runde als Affront auf.“ Bei Adler geht es nicht um sexuelle Erfüllung. „Es geht um Angst, zu wenig zu sein. Entscheidend in Adlers System waren das innere Erleben des Menschen und seine Fähigkeit zur Kompensation, zur Eigengestaltung dessen, was er sein wollte, und nicht das Verharren in frühkindlichen Traumata.“

Rechthaberei, Neid, Abgrenzung und Eifersüchteleien charakterisieren unter anderem die Beziehungen zwischen Freud, Jung und Adler (und anderen). Alexander Kluy berichtet davon höchst detailliert. Das Wesentliche herauszuschälen, ist seine Sache hingegen nicht – ich hatte den Eindruck mit Einzelheiten quasi zugedeckt zu werden, auch wenn ich viele ausgesprochen spannend fand. Etwa, dass der Ausbruchs des Krieges 1914 sowohl Adler als auch Freud euphorisierte und Otto Binswanger, Psychiatrieprofessor in Jena, berichtete „über junge Patienten in seiner Universitätsklinik, deren Nervenkrankheiten sich durch den Krieg schlagartig aufgelöst hätte.“

Dieses Buch ist eine ungeheurer Fleissarbeit, reich an interessanten und erhellenden Informationen. Da ich historisch nicht bewandert bin und auch von der Psychoanalyse wenig verstehe, kann ich es sachlich nicht wirklich beurteilen, hoffe jedoch, es finden sich darin wenige Fehler von der Art, die dem Autor mit dem bei Adler zentralen „Gemeinsinn“ unterlaufen ist. Er übersetzt ihn mit common sense und auch mit bon sens, nur meinen beide Begriffe im Deutschen etwas anderes – nämlich den gesunden Menschenverstand.

„Gedanken sollten lästig wie Kletten sein, sie sollen hängen bleiben“, wird Alfred Adler einmal zitiert. Einer meiner liebsten Adler-Gedanken, von dem ich mir genau das wünsche, ist dieser: „Ich sehe im Leben nur eine Gefahr, und das ist tatsächlich eine wirkliche Gefahr, dass man zu viele Vorsichtsmassnahmen treffen könnte.“

Fazit: Eine Fundgrube an Wissenswertem und Hilfreichem.

Alexander Kluy
Alfred Adler
Die Vermessung der menschlichen Psyche
DVA, München 2019

Thilo Bode: Die Macht der Konzerne

Thilo Bode, Jahrgang 1947, ehemals Geschäftsführer von Greenpeace und heute Leiter der Verbraucherrechtsorganisation Foodwatch, zeigt in „Die Diktatur der Konzerne“ an konkreten Beispielen wie die Wirtschaft die Politik bestimmt.

Im Untertitel heisst sein Buch „Wie globale Unternehmen uns schaden und die Demokratie zerstören“. Das scheint zu suggerieren, dass es die Demokratie gibt. Auf dem Papier ja, in der Praxis gilt eher die Definition der US-Demokratie durch den Journalisten Greg Palast: „The best democracy money can buy.“

Die US-Demokratie ist übrigens in einigen Teilen ausgesprochen transparent. So sind etwa die Terminkalender der Regierenden öffentlich (zumindest machen Interessengruppen sie immer wieder öffentlich). So wird ersichtlich, welche Industrievertreter bei den Regierenden ein und aus gehen. Doch was hilft uns dieses Wissen eigentlich?

Nun ja, Wissen hilft gegen Ignoranz. Und es hilft gegen Illusionen. Liest man Thilo Bodes detaillierte und kenntnisreiche Schilderungen über die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik, wird man sich künftig bei den Namen Joschka Fischer oder Sigmar Gabriel keine Illusionen mehr machen. Bei vielen anderen hat man sich sowieso noch nie welche gemacht und man erfährt in diesem Buch, weshalb man damit recht getan hat.

Geld regiert die Welt. Wie umfassend das der Fall ist, zeigt „Die Diktatur der Konzerne“ eindrücklich. Dabei geht es durchaus zivilisiert zu und her d.h. man macht die Dinge komplexer als sie sind. So wird die Finanzwelt ständig komplizierter (gemacht) und kaum jemand versteht mehr, worum es eigentlich geht. Und genau das ist so recht eigentlich auch der Sinn und Zweck des Ganzen, denn nun ist Sachverstand gefragt und den liefern wiederum die Finanzkonzerne, die diese Kompliziertheit verursacht haben. So umfasst etwa die 2018 in Kraft getretene EU-Finanzmarktrichtlinie 20 000 Seiten und bietet damit zahlreiche Schlupflöcher und Hintertürchen für diejenigen, die sie mitverfasst haben.

Die Diktatur der Konzerne. Wie globale Unternehmen uns schaden und die Demokratie zerstören macht deutlich, wie das moderne Lobbying (die Durchsetzung von Sonderinteressen mittels aller zur Verfügung stehenden wirtschaftlichen und finanziellen Mittel) auf allen Kommunikationskanälen zur Selbstverständlichkeit geworden ist und auch gar nicht mehr auffällt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass wir alle ständig einer ökonomischen Gehirnwäsche unterzogen werden, deren Credo lautet: Es ist das Normalste auf der Welt, nur auf seinen Vorteil zu achten und den Hals nicht voll zu kriegen. Natürlich wissen wir, dass das Unsinn ist, doch wir glauben es nicht – was wir glauben, zeigt sich in unserem Handeln.

Nehmen wir die Klimaerwärmung. Im Jahre 2018 wurde enthüllt, dass Wissenschaftler des niederländisch-britischen Mineralölkonzerns Shell bereits vor dreissig die Ursachen und Folgen des Klimawandels beschrieben: „steigender Meeresspiegel, häufigere Extremwetter, absterbende Korallenriffe, schmelzendes Polareis…“. Konsequenzen? Die üblichen, welche unerwünschte Reports nach sich ziehen – ignorieren und weiter machen wie zuvor.

Dass Konzerne so funktionieren, erstaunt nicht, denn der Mensch funktioniert so, Doch der Mensch braucht nicht sehenden Auges in den Abgrund zu stürzen, er wird sich womöglich besinnen, sofern ihm schwerwiegende Konsequenzen drohen, Und falls das nicht genügt, muss er dazu gezwungen werden.

In der Juristerei wird das Haftung genannt. Davor brauchen sich Konzerne, ganz anders als Fahrraddiebe, nicht zu fürchten, denn was sie tun, ist legal (dafür haben sie gesorgt) und falls doch einmal nicht, sind sie ‚too big to fail, too big to jail‘. „Die Verursacher selbst grösster Schäden werden nur bedingt haftbar gemacht und können die daraus resultierenden Profite einstreichen, während die Allgemeinheit dafür zahlen muss.“

Thilo Bode stellt die einzige Frage, die es letztlich zu beantworten gilt: „Wollen wir wirklich in so einer Gesellschaft leben?“ Natürlich nicht, weshalb er denn auch fordert: „Wir brauchen eine Gegenmacht in der Gesellschaft, die durch gewaltfreien zivilen Widerstand die Machtfrage stellt.“

Fazit: Fundierte, nötige Aufklärung.

Thilo Bode
Die Macht der Konzerne
Wie globale Unternehmen und schaden und die Demokratie zerstören
S. Fischer, Frankfurt am Main 2019

Leopold Federmair: Die grossen und die kleinen Brüder

Der 1957 in Oberösterreich geborene Leopold Federmair lebt seit elf Jahren in Japan, seit sieben in Hiroshima, wo am 6. August 1945 die erste Atombombe der Menschheitsgeschichte explodierte und vor wenigen Jahren Federmairs Tochter geboren wurde. In dem mit „Der 6. August 1945“ betitelten Essay findet sich auch diese Bemerkung über eine einundachzig Jahre alte Frau, die den Atombombenabwurf miterlebt, doch sich bisher dazu nicht öffentlich geäussert hat, und auch im privaten Kreis nur sehr wenig: „Dieses gelassene Schweigen ist bezeichnend für eine bestimmte japanische Art und Weise, mit der eigenen Betroffenheit umzugehen. Es erinnert aber auch an die Scham, die die Opfer von Erniedrigungen überall in der Welt oft jahrzehntelang am Sprechen hindert, bis das Erlebte sich dann doch noch einen verbalen Ausdruck verschafft.“
 
Es ist diese Mischung von Persönlichem, geschichtlich Überliefertem, genau Beobachtetem und philosophischem Räsonieren, das diesen Essayband auszeichnet. Und zu einer anregenden Lektüre macht.
 
Rainer Fabians „Das Rauschen der Welt“ (2003 bei Klett-Cotta erschienen) kommt mir in den Sinn: „Wenn einer zu dir sagt, ‚ich will nach Japan, weil ich dort noch nie war’, dann ist das eine Lüge, denn er war natürlich schon in Japan, sonst wüsste er ja nicht, dass er dorthin will. Er war in Japan, weil er Bilder von Japan kennt, und er will zu den Bildern reisen, die er kennt.“ So sehr ich diesen Gedanken mag, Leopold Federmairs Buch ist etwas anderes: da geht einer voller Sympathie und Zuneigung durchs Land und beobachtet, wundert sich, staunt, macht sich so seine Gedanken und bringt einige davon dann auch zu Papier, was ja bekanntlich noch einmal was anderes ist, als einfach so Gedanken zu haben.
 
Der erste Essay ist mit „Was ich in Japan sah und hörte“ überschrieben und so recht eigentlich trifft das auch auf alle anderen in diesem Band versammelten Essays zu. Hinzuzufügen wäre höchstens: Und was ich mir so dabei gedacht habe. „Was geschehen wird, will man vorausplanen“, lese ich da und frage mich, ob das in der Schweiz nicht auch so ist. Nun ja, vielleicht nicht gerade in diesem Ausmass, denn in Japan werden offenbar Plätze in Zügen und Hotels bereits ein halbes Jahr vor der Reise reserviert. Zudem scheint es weniger laut zu und her zu gehen als etwa in Europa, vermutlich ist das in Asien generell so. Mir geht jedenfalls sofort eine Situation in Bangkok durch den Kopf: ich sass mit einer thailändischen Freundin beim Mittagsmahl, als sie sich über das laute französische Reden an einem der Nachbartische aufregte. Bei Federmair war es so, dass er beim Besuch eines Freundes, der in Italien wohnt, über dessen Lautstärke erschrak. Kein Wunder bei jemandem, der sich den italienischen Lärmpegel gewohnt war!
 
  Vor allem gefallen hat mir, was für Fragen sich der Autor stellt. Und die Antworten, die er darauf findet. Wie kommt es eigentlich, dass er trotz der dichten Besiedlung den Eindruck hat, es sei genug Platz vorhanden? Weil man in japanischen Städten fast nirgendwo am Strassenrand parken darf. Oder: wie stark oder schwach ist „der nach militärischer Stärke lechzende Nationalismus in Japan wirklich?“ Doch das ist dann eher eine rhetorische Frage, jedenfalls keine, die man wirklich beantworten kann.
 
In einer Umgebung, die einem nicht von Kindsbeinen auf vertraut ist, macht man Entdeckungen, die man sonst kaum machen würde. Als ich von Federmairs Kinotag las, fühlte ich mich sofort in meine Bangkoker Zeit zurückversetzt, wo ich mein eigenes Kinoritual hatte. Überhaupt hat mich „Die grossen und die kleinen Brüder“ oft daran erinnert, wie ich selber, Jahre ist es her, die thailändische Hauptstadt entdeckt habe. Nicht etwa, weil Tokyo oder Hiroshima damit zu vergleichen wären, vielmehr in dem Sinne, dass mir die Fragen des Leopold Federmair angesichts seiner neuen Umgebung nicht unvertraut vorkamen.
 
Aufschlussreich fand ich unter anderem dies: Beim Tanzen denkt der Japaner offenbar an Sport und nicht etwa an Kommunikation mit dem Partner oder an einen spontanen Körperausdruck. Oder was der Autor zum Matsuoka-Museum (Seijiro Matsuoka, geboren 1894, galt als einer der reichsten Männer Japans) bemerkt: „Natürlich ist alles falsch, schliesslich sind wir in Japan, das ganze Museum – das ganze Land? – ein einziges, gewolltes Imitat …“. Oder: Als er auf einem Flug einen Blick nach unten werfen will, wird er von der Stewardess darauf hingewiesen, dass sich der Fujisan auf der anderen Seite befinde. „Dass ein Passagier etwas anderes sehen will als den heiligen Berg, ist offenbar unüblich. Japaner sehen nur das, was ‚berühmt‘ ist.“
 
Dieses Buch handelt auf ganz vielfältige und sehr unterschiedliche Arten vom Leben in Japan, gleichzeitig ist Japan dem Autor aber auch einfach Anlass, um über das Leben an und für sich nachzudenken. Etwa anhand der Desillusionierungskunst Dazais, dem nicht Hoffnung, sondern fröhliche Hoffnungslosigkeit vorschwebte: „Es ist alles egal, also tun wir etwas, zumindest Bücher schreiben, Bilder malen, Karikaturen zeichnen, ‚Take Pictures‘.“

Leopold Federmair
Die grossen und die kleinen Brüder
Japanische Betrachtungen
Klever Verlag, Wien 2013

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