Miriam Behrmann, Professorin und Institutsleiterin an der Maximilian-Universität Wien, wird von ihrer Doktorandin, der türkischstämmigen Selina Aksoy, des psychischen Missbrauchs beschuldigt. Eindrücklich demonstriert Lydia Lewitsch wie sich in unserer Zeit, der eine Opfermentalität und Rechthaberei eignet, Vorwürfe verselbstständigen. So melden sich nach Selinas Vorstoss auch andere, die sich von Miriam Behrmann missbraucht fühlen. Um einen Clash of Cultures oder einen aktuellen Generationenkonflikt, wie der Klappentext behauptet, handelt es sich jedoch nicht, vielmehr geht es um die Durchsetzung des eigenen Vorteils – ein Vorgang, den wir eigenartigerweise normal finden.
Lydia Lewitsch schildert das Universitätsmilieu als ein Haifischbecken, in dem Gier und Neid, Anfeindungen und Konkurrenzdenken regieren, und alle so tun, als ob dem nicht so sei. Man gibt sich übertrieben höflich, ist jedoch vor allem niederträchtig, gönnt dem und der anderen nichts. Es ist ein sehr differenziertes Bild, das die Autorin zeichnet, das überaus deutlich zeigt, das unter der dünnen Schicht angelernten sozialen Verhaltens, Selbstsucht und Eigennutz dominieren. Alles ist eitel, daran ändert Bildung gar nichts.
Der Fall Miriam Behrmann ist ein überaus dichter, vielschichtiger Roman, mit einem packenden Sprachrhythmus, der in der Hauptsache das Leben der Protagonistin erzählt, die vom Studium der Theologie zur Philosophie wechselt und eine akademische Karriere macht, die sie über Princeton nach Wien führt. Ganz wunderbar, wie sie Universitäten charakterisiert: „In diesen Fantasiegebäuden, die aussehen wie Kathedralen, als würde man uns sagen: Ihr seid wichtig, das hier ist wichtig, hier bin ich am richtigen Ort.“
Als Selina Aksoy sich bei Miriam Behrmann als Doktorandin bewirbt, erwähnt sie, sie sei als Tochter türkischer Eltern in Österreich aufgewachsen. „Aber keine Sorge, wir sind super integriert.“ In der Praxis heisst das: „Zu Hause in der Familie legen sie das Österreichische ab wie einen Mantel für draussen. Sie schlüpfen ins Türkische. Ein Rest Zuhausegefühl, niemand von draussen kann da rein, ins Türkische, das ist die Tür zu, da sind sie dann unter sich.“ So viel zur Integration.
Hat Professor Behrmann, PhD, (Nichts Schlimmeres für Akademiker, als ihre Titel nicht zu erwähnen!) ihre Doktorandin, wie diese behauptet, unter Druck gesetzt? Handelt es sich um Missbrauch? Das war doch allerhöchstens ein harmloser Zwischenfall, meint Miriam. Und überhaupt hat sie doch nur helfen wollen. Doch es muss abgeklärt werden. So ist das heutzutage. Der Fall Miriam Behrmann ist auch ein Lehrstück darüber, wie sich der Mensch das Leben verkompliziert. Legitimation durch Verfahren prägt nicht nur die Rechtswissenschaft, wie Niklas Luhmann ausführte, sondern unsere gesamte moderne Lebensweise.
Miriam Behrmann hat gebrannt für ihr Studium, hat sich angestrengt und viel investiert, um akademisch vornazukommen. Es ist sehr berührend wie Lydia Lewitsch die junge engagierte Frau beschreibt. Als Miriam dann in Wien ihrem Institut vorstteht, glaubt sie in der vor Begeisterung sprühenden Selina eine verwandte Seele zu entdecken – bis sie dann merken muss, dass sie sich arg getäuscht hat.
„Wann (…) hat das angefangen. Dieser Kampf gegen mich, gegen die Arbeit, das Denken. Einen Grund wird es geben, sagt Tom“, Miriams Mann. Und so machen sie sich auf die Suche, obwohl es, in der Wirklichkeit, gar nicht sicher ist, ob es einen Grund gibt bzw. braucht. Doch so denken wir – und weil wir so denken, finden wir auch Gründe.
Der Fall Miriam Behrmann ist ein beklemmendes Buch über eine Welt, in der vielfältige Anspruchshaltungen regieren und so recht eigentlich alles, worum es wirklich geht, nicht konfrontiert wird. Das Migrationsnarrativ wird bemüht, von bildungsfernen Schichten gesprochen, so getan als ob wir alle gleiche Chancen haben müssten. So sind Akademiker und Politiker unterwegs. Und Lydia Lewitsch beschreibt sie dermassen gut, dass man gelegentlich laut schreiend davonlaufen möchte.
Gäbe es eine Alternative? Sicher: Man könnte sich mit dem Wunder des Lebens und dem Rätsel des Todes auseinandersetzen. Oder mit den eigenen Ängsten. Oder damit, eine Haltung einzunehmen und diese auch zu leben. In den Worten von Miriam Behrmann: „Es ist wahr, dass ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern keine Sonderstellung nach Herkunft oder (wie auch immer gearteter) Klassenzugehörigkeit zukommen lasse. Dazu stehe ich.“
Doch nicht nur das akademische Leben und dessen einschlägige Gepflogenheiten, die zudecken, dass man bei weitem nicht so zivilisiert ist, wie man sich den Anschein gibt und womöglich auch selber glaubt, kommen zu Sprache, sondern auch unsere Unfähigkeit, Leben und Tod zu verstehen, Besonders eindrücklich wird Miriams Unvermögen, den Tod der Mutter wahr zu haben, geschildert.
Nicht zuletzt gewinnt man in diesem gut geschriebenen Roman auch vielfältige und hilfreiche Erkenntnisse. Übers Bewusstsein, zum Beispiel, das so wunderbar lebensnah definiert wird als „das Vorhandensein einer Art und Weise, wie es sich für mich, oder für Sie, oder für Ihren Hund, oder für diese Stubenfliege hier, oder für Roboter Lara anfühlt. Für jeden anders.“
Lydia Lewitsch
Der Fall Miriam Behrmann
Roman
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2024

