Lydia Lewitsch: Der Fall Miriam Behrmann

Miriam Behrmann, Professorin und Institutsleiterin an der Maximilian-Universität Wien, wird von ihrer Doktorandin, der türkischstämmigen Selina Aksoy, des psychischen Missbrauchs beschuldigt. Eindrücklich demonstriert Lydia Lewitsch wie sich in unserer Zeit, der eine Opfermentalität und Rechthaberei eignet, Vorwürfe verselbstständigen. So melden sich nach Selinas Vorstoss auch andere, die sich von Miriam Behrmann missbraucht fühlen. Um einen Clash of Cultures oder einen aktuellen Generationenkonflikt, wie der Klappentext behauptet, handelt es sich jedoch nicht, vielmehr geht es um die Durchsetzung des eigenen Vorteils – ein Vorgang, den wir eigenartigerweise normal finden.

Lydia Lewitsch schildert das Universitätsmilieu als ein Haifischbecken, in dem Gier und Neid, Anfeindungen und Konkurrenzdenken regieren, und alle so tun, als ob dem nicht so sei. Man gibt sich übertrieben höflich, ist jedoch vor allem niederträchtig, gönnt dem und der anderen nichts. Es ist ein sehr differenziertes Bild, das die Autorin zeichnet, das überaus deutlich zeigt, das unter der dünnen Schicht angelernten sozialen Verhaltens, Selbstsucht und Eigennutz dominieren. Alles ist eitel, daran ändert Bildung gar nichts.

Der Fall Miriam Behrmann ist ein überaus dichter, vielschichtiger Roman, mit einem packenden Sprachrhythmus, der in der Hauptsache das Leben der Protagonistin erzählt, die vom Studium der Theologie zur Philosophie wechselt und eine akademische Karriere macht, die sie über Princeton nach Wien führt. Ganz wunderbar, wie sie Universitäten charakterisiert: „In diesen Fantasiegebäuden, die aussehen wie Kathedralen, als würde man uns sagen: Ihr seid wichtig, das hier ist wichtig, hier bin ich am richtigen Ort.“

Als Selina Aksoy sich bei Miriam Behrmann als Doktorandin bewirbt, erwähnt sie, sie sei als Tochter türkischer Eltern in Österreich aufgewachsen. „Aber keine Sorge, wir sind super integriert.“ In der Praxis heisst das: „Zu Hause in der Familie legen sie das Österreichische ab wie einen Mantel für draussen. Sie schlüpfen ins Türkische. Ein Rest Zuhausegefühl, niemand von draussen kann da rein, ins Türkische, das ist die Tür zu, da sind sie dann unter sich.“ So viel zur Integration.

Hat Professor Behrmann, PhD, (Nichts Schlimmeres für Akademiker, als ihre Titel nicht zu erwähnen!) ihre Doktorandin, wie diese behauptet, unter Druck gesetzt? Handelt es sich um Missbrauch? Das war doch allerhöchstens ein harmloser Zwischenfall, meint Miriam. Und überhaupt hat sie doch nur helfen wollen. Doch es muss abgeklärt werden. So ist das heutzutage. Der Fall Miriam Behrmann ist auch ein Lehrstück darüber, wie sich der Mensch das Leben verkompliziert. Legitimation durch Verfahren prägt nicht nur die Rechtswissenschaft, wie Niklas Luhmann ausführte, sondern unsere gesamte moderne Lebensweise.

Miriam Behrmann hat gebrannt für ihr Studium, hat sich angestrengt und viel investiert, um akademisch vornazukommen. Es ist sehr berührend wie Lydia Lewitsch die junge engagierte Frau beschreibt. Als Miriam dann in Wien ihrem Institut vorstteht, glaubt sie in der vor Begeisterung sprühenden Selina eine verwandte Seele zu entdecken – bis sie dann merken muss, dass sie sich arg getäuscht hat.

„Wann (…) hat das angefangen. Dieser Kampf gegen mich, gegen die Arbeit, das Denken. Einen Grund wird es geben, sagt Tom“, Miriams Mann. Und so machen sie sich auf die Suche, obwohl es, in der Wirklichkeit, gar nicht sicher ist, ob es einen Grund gibt bzw. braucht. Doch so denken wir – und weil wir so denken, finden wir auch Gründe.

Der Fall Miriam Behrmann ist ein beklemmendes Buch über eine Welt, in der vielfältige Anspruchshaltungen regieren und so recht eigentlich alles, worum es wirklich geht, nicht konfrontiert wird. Das Migrationsnarrativ wird bemüht, von bildungsfernen Schichten gesprochen, so getan als ob wir alle gleiche Chancen haben müssten. So sind Akademiker und Politiker unterwegs. Und Lydia Lewitsch beschreibt sie dermassen gut, dass man gelegentlich laut schreiend davonlaufen möchte.

Gäbe es eine Alternative? Sicher: Man könnte sich mit dem Wunder des Lebens und dem Rätsel des Todes auseinandersetzen. Oder mit den eigenen Ängsten. Oder damit, eine Haltung einzunehmen und diese auch zu leben. In den Worten von Miriam Behrmann: „Es ist wahr, dass ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern keine Sonderstellung nach Herkunft oder (wie auch immer gearteter) Klassenzugehörigkeit zukommen lasse. Dazu stehe ich.“

Doch nicht nur das akademische Leben und dessen einschlägige Gepflogenheiten, die zudecken, dass man bei weitem nicht so zivilisiert ist, wie man sich den Anschein gibt und womöglich auch selber glaubt, kommen zu Sprache, sondern auch unsere Unfähigkeit, Leben und Tod zu verstehen, Besonders eindrücklich wird Miriams Unvermögen, den Tod der Mutter wahr zu haben, geschildert.

Nicht zuletzt gewinnt man in diesem gut geschriebenen Roman auch vielfältige und hilfreiche Erkenntnisse. Übers Bewusstsein, zum Beispiel, das so wunderbar lebensnah definiert wird als „das Vorhandensein einer Art und Weise, wie es sich für mich, oder für Sie, oder für Ihren Hund, oder für diese Stubenfliege hier, oder für Roboter Lara anfühlt. Für jeden anders.“

Lydia Lewitsch
Der Fall Miriam Behrmann
Roman
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2024

Megan Abbott: Wage es nur!

Der Information auf der Buchrückseite entnehme ich, dass es bei diesem Buch um ein Team der Cheerleader gehe. Cheerleader? Sind das nicht die jungen Frauen, die vor einem Football Spiel jeweils ihre Mannschaften anfeuern? Da ich es nicht wirklich weiss und das Buch keine Antwort gibt, hilft Google, wo ich erfahre: „Cheerleading ist eine Kombination aus Tanz, Akrobatik und Turnen und bietet somit eine abwechslungsreiche und vielseitige Möglichkeit, sich sportlich zu betätigen. Zudem fördert es Teamgeist und Selbstbewusstsein, da man als Teil einer Gruppe gemeinsam an einer Choreografie arbeitet und diese dann vor einem Publikum präsentiert.“

Interessiert mich zwar nicht, doch wer gut schreiben kann, packt mich auch, wenn dieser jemand (in diesem Fall: Megan Abbott) über irgendetwas schreibt. Robertson Davies hat das einst sogar mit Heraldik geschafft. Es sei gleich vorweggenommen: Megan Abbott schreibt gut.

Es geht um junge Mädchen, die sich dem Cheerleading zuwenden, um ihrem Leben eine Richtung zu geben, „ein Schutzschild gegen die Gewohnheit und die fürchterliche Langeweile des Schulalltags“. Ein neuer Coach, Colette French, fordert sie heraus, schlägt sie in ihren Bann.

Nur Beth Cassidy, die ihren Titel als Team-Captain verliert und ihren bisherigen Einfluss schwinden sieht, schliesst sich dem Zirkel um die Trainerin nicht an, bleibt draussen. Ihre beste Freundin Addy Hanlon, die bislang immer ihre Anweisungen ausgeführt hat, fühlt sich vom Coach angezogen.

Colette French geht taktisch vor, sie will die bisher starke Stellung von Beth brechen. Megan Abbotts Schilderung der Rivalitäten, die ein Wettbewerb zwangsläufig mit sich bringt, ist sehr gekonnt; den Wettbewerb an sich stellt sie jedoch nicht in Frage (und das ist mein Problem bei diesem Buch). Wie die jungen Mädchen gedrillt werden erinnert an das Kasernenleben junger Männer.

Wage es nur! ist auch ein aufklärendes Buch. So lernt man etwa viel über die Gefühlswelt junger Mädchen. Den Sergeanten Will erleben sie so: „Er ist älter, vielleicht sogar schon zweiunddreissig, und er ist auf eine Weise ein Mann, wie kein anderer oder zumindest kein anderer, den wir kennen, Mann ist.“ Als Beth und Addy ihn und Coach Colette beim Sex überraschen, ist Addy von Coachs Anblick sehr berührt, Beth hingegen ist voller Häme und Spott. Wie Megan Abbott die beiden sehr unterschiedlichen Freundinnen schildert, zeugt von ausgesprochenem Einfühlungsvermögen.

Beth, eine vielschichtige Bully, eignet etwas verstörend Verschlagenes, ja Boshaftes; Addy ist hingegen offen und beeinflussbar, nicht zuletzt von Coach Colette. Es ist höchst eindrücklich, was für Auswirkungen diese Charakteristika haben – die Übelwollende dominiert, die Gutmütige wird ausgenutzt. Bis dann … doch ich will nicht vorgreifen.

Beth schafft es, wieder Team-Captain zu werden; Coach Colette glaubt, damit kehre nun Ruhe ein, doch Addy weiss, dass sie sich täuscht. „Wie ein verseuchtes Rotkäppchen schleicht Beth sich durch das Leben aller anderen.“ Wie kommt es nur, dass diese anderen sich das gefallen lassen, sich nicht wehren?

Dann kommt Sergeant Will zu Tode. War es Selbstmord oder wurde er umgebracht? Es wird spannend, sehr spannend … wobei Beth immer mehr zu wissen scheint als Addy, die im Verlaufe der Geschichte immer selbstsicherer wird. Wage es nur! handelt auch von einer gelungenen Selbstemanzipation.

Es gibt übrigens ganz wunderbare Sätze in diesem Buch, die einem zu Bewusstsein bringen, dass uns vieles klar und vertraut ist, auch wenn wir es nicht bewusst wissen. „Aber ich weiss es natürlich besser. Ich weiss einiges, auch wenn ich nicht so genau weiss, was.“ Oder: „Ich weiss, wie das ist“, sagt er. „Wie man gerettet werden kann, ohne überhaupt gewusst zu haben, dass man Probleme hatte.“

Megan Abbott versteht es meisterhaft, einen beklemmenden Sog zu schaffen, dem man sich nur schwer entziehen kann. Wage es nur! ist ein höchst vielschichtiges Werk, das so recht eigentlich als überzeugende Schilderung ganz vieler, ganz unterschiedlicher Abhängigkeiten gelesen werden kann.

Megan Abbott
Wage es nur!
Pulp Master, Berlin 2024

Jason Stanley: Wie Faschismus funktioniert

Wie Faschismus funktioniert – das klingt nach einer Gebrauchsanweisung und soll wohl auch so klingen“, bemerkt Rahel Jaeggi im Vorwort treffend. Und genau das, eine Gebrauchsanweisung hatte ich mir auch erhofft, doch das ist dieses Buch nicht. Stattdessen klärt es Begriffe, wie das Akademiker eben so tun. Und es thematisiert für den Faschismus Typisches wie etwa die mythische Vergangenheit, die Propaganda, den Anti-Intellektualismus, wobei man sich natürlich fragen kann, ob nicht auch andere politische Strömungen auf Mythen zurückgreifen, sich der Propaganda bedienen und anti-intellektualistisch sind.

„Das bezeichnendste Symptom faschistischer Politik ist die Spaltung. Sie zielt darauf ab, die Bevölkerung in ein ‚Wir‘ und ein ‚Sie‘ zu trennen.“ Es ist überaus hilfreich, sich dies vor Augen zu halten, noch hilfreicher wäre allerdings, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, warum das gemeinsame ‚Wir‘ kaum je zu funktionieren scheint. Möglicherweise, weil das Miteinander ein zu hoher Anspruch ist; mir persönlich scheint das schweizerische Nebeneinander realistischer: Vier Sprachen bzw. vier Kulturen, die sich nicht gross füreinander interessieren, doch sich gegenseitig durchaus mit Sympathie begegnen.

„In dem Masse, in dem unsere geteilte Realitätsauffassung zerbröckelt, schafft die faschistische Politik Raum für gefährliche und falsche Überzeugungen, die sich mit der Zeit erhärten.“ Unsere geteilte Realitätsauffassung? Es sieht derzeit und immer mehr so aus, als ob diese auch ein Mythos ist bzw. gewesen ist, allerdings ein konstruktiver.

Vonnöten sei eine gemeinsame Realitätsgrundlage, wie Jason Stanley ausführt. Diese muss sich an Fakten, nicht an Ideologien orientieren. Und sie muss der Wahrheit sowie der intellektuellen Redlichkeit verpflichtet sein. Wie schwierig das ist, zeigt das Zitat von Richard Feinman, der in Bezug auf die Wissenschaft gemeint hat: „The first principle is not to fool yourself. And, you are the easiest person to fool.“

Viel ist von der abschreckenden Politik von Bolsonaro, Orban, Trump etc. die Rede, Figuren also, die offenbar verkörpern, was viele Menschen umtreibt bzw. wollen. Nur eben: Das „Problem“ sind nicht diese Männer, sondern die Leute, die ihnen folgen bzw. sie darin bestärken, dass das, was sie scheinbar wollen, auch gut sei. Ob eine aufgeklärte Politik da Gegensteuer geben kann, erachte ich als zumindest fraglich. Überhaupt scheint mir die liberale Demokratie, die Jason Stanley recht oft bemüht, mehr Ideologie als Realität, denn gleich sind wir alle nicht, und schon gar nicht vor dem Gesetz, sonst würde ein guter oder ein schlechter Anwalt keinen Unterschied machen.

„Die Veröffentlichung falscher Korruptionsvorwürfe bei gleichzeitiger Ausübung korrupter Praktiken ist typisch für faschistische Politik und Anti-Korruptionskampagnen stehen häufig im Mittelpunkt faschistischer Bewegungen.“ Klingt ganz nach Trump, der so recht eigentlich immer, bei allen seinen wilden Anschuldigungen, nur sich selbst beschreibt. „Die Verschleierung der Korruption unter dem Deckmantel ihrer Bekämpfung ist eine typische Strategie faschistischer Propaganda.“ Es sind solche Sätze, die man sich ins Bewusstsein schreiben sollte. Nicht nur, was jemand sagt, muss geprüft werden, sondern auch wer solches sagt. Beherzigt man dies, dann sehen die Aussagen von, sagen wir mal, Erdogan (mit seinem Superpalast) und Trump (mit seinen vergoldeten Toiletten) sehr anders aus.

Wie Faschismus funktioniert, wiewohl ein differenziertes und nützliches Werk, wehrt sich natürlich auch für den eigenen Stand. „In einer liberalen Demokratie sollten sich Politiker einerseits mit den Menschen beratschlagen, die sie vertreten, sowie andererseits mit Experten und Wissenschaftlern, die ihnen die Anforderungen der Wirklichkeit an die Politik am treffendsten erklären können.“ So nachvollziehbar das auch ist, weiter entfernt von der Realität, in der vor allem Lobbyisten zum Zuge kommen und Wirtschaftsinteressen so ziemlich alles dominieren, könnte es kaum sein.

Wir leben in zunehmend verwirrenden Zeiten, in denen die Sehnsucht der Menschen nach einfachen Lösungen sich immer mehr Bahn bricht. „Der Faschismus verheisst, dieses Problem durch die Beseitigung der Dissonanzen zu lösen“, bringt es Jason Stanley auf den Punkt. Es ist „ein neuer Faschismus“, wie Rahel Jaeggi im Vorwort ausführt, der aus ganz vielen, ganz unterschiedlichen Elementen besteht, der gefährlich ist. Was könnte helfen? Einige Antworten finden sich in diesem Buch.

Jason Stanley
Wie Faschismus funktioniert
Westend Verlag, Neu Isenburg 2024

Andreas Föhr: Totholz

Es passiert selten, dass mich ein Kriminalroman lachen macht. Doch Totholz hat das bereits auf den ersten Seiten geschafft, auf denen drei Männer, die sich so unbedarft anstellen, dass man automatisch annimmt, sie entstammten dem richtigen Leben, mittels einer aus dem 18. Jahrhundert stammenden Kanone eine Schwarzbrennerei zusammenschiessen, die in der Folge in Flammen aufgeht.

Ganz wie im richtigen Leben hängt alles miteinander zusammen. Auch ist alles ganz anders als es im Lehrbuch steht. So ist Polizeihauptmeister Leonhardt Kreuthner im Dienst hauptsächlich privat unterwegs; Manfred, der Grossvater vom Kommissar Wallner, ist auch mit 93 noch überaus aktiv; und Pippa Trautmann kennt sich nicht nur im Schwarzbrennen aus.

Als Pippa im Gefängnis landet bietet sie – ganz Geschäftsfrau – Kommissar Wallner einen Deal an. Sollte sie freigelassen werden, würde sie ihn zu einer im Wald vergrabenen Leiche führen. Doch woher weiss Pippas von dieser Leiche? Und um wen handelt es sich? Bei der Aufklärung des Falles bedient sich Polizeihauptmeister Kreuthner sehr eigenwilliger Methoden und legt sich dabei auch mit Bikern an, die im Drogenhandel tätig sind.

„In ausgesprochen gehobener Laune verliess Pippa das Wirtshaus zur Mangfallmühle und fühlte sich ein wenig wie Clint Eastwood, als sie über den Parkplatz in Richtung ihres Wagens schritt …“. Dann wird sie entführt …

C’est le ton qui fait la musique und der Ton dieses Kriminalromans ist davon geprägt, dass der Autor Andreas Föhr, gelernter Jurist und erfolgreicher Drehbuchschreiber, den Menschen in Miesbach und Umgebung auf den Mund geschaut und gut zugehört hat. Dabei offenbaren sich auch Lebensweisheiten, die ganze Psychologie-Bücher ersetzen. „In Anbetracht des aufgewühlten Zustandes der alten Dame schienen Keuthner vernunftbasierte Ausführungen wenig zielführend …“. Oder: „Fabian konnte manchmal erstaunlich scharfsinnig sein, wenn es um seinen Vorteil ging.“

Was diesen Kriminalroman ausmacht: Skurrile Gestalten; herrliche Dialoge, oft im bayerischen Dialekt, die sich auch dadurch auszeichnen, dass die daran Beteiligten sich jeweils auf Augenhöhe austauschen; wunderbare Situationskomik sowie eine gelungene Charakterisierung der Menschen wie sie nun mal sind. Darüber hinaus ist Totholz streckenweise auch höchst beklemmend, etwa die treffende Schilderung des herrschsüchtigen und manipulierenden Psychopathen Eike.

Erfundenes nicht nur als plausibel, sondern als wahrscheinlich, zu schildern, ist grosse Kunst. Totholz zu lesen, bedeutet, die Realität realer zu erleben, als es ein Tatsachenbericht vermitteln könnte. Das meint nicht die Entführung, das meint das Drumherum: Den Lokalkolorit, den bayerischen Sprachwitz sowie die schönfärberische, nicht besonders wirklichkeitsgetreue Darstellung der eigenen Rolle etwa bei Schlägereien.

Es ist die rundum pragmatische Lebenshaltung sowie der Witz, der mich für diesen Kriminalroman einnimmt. „Auch dass Joe Schinkinger zur Gattung Gentleman zählte, war den meisten neu. Aber immerhin war er der Einzige in der Runde, der Abitur hatte, und deshalb ging das irgendwie schon in Ordnung.“ Mein Lieblingssatz: „Toni fiel die Kinnlade ungebremst nach unten.“

Fazit: Ein sehr unterhaltsamer, clever aufgebauter Kriminalroman mit überraschenden Wendungen und einem sehr eigenen, unverwechselbaren Ton. Spannende Unterhaltung vom Feinsten!

Andreas Föhr
Totholz / Was vergraben ist, ist nicht vergessen
Kriminalroman
Knaur Verlag, München 2024

Zygmunt Bauman: Fragmente meines Lebens

Zygmunt Bauman, geboren 1925 in Posen, starb 2017 in Leeds; das vorliegende Werk, von seiner Biographin Izabela Wagner herausgegeben, besteht aus ganz unterschiedlichen Schriften, für deren Zusammenstellung viel Einfühlungsvermögen erforderlich war. Einerseits sind es für die Familie geschriebene Texte, andererseits an die Öffentlichkeit gerichtete. Wie der Titel sagt, handelt es sich um Fragmente, und das meint auch, dass nicht alle Abschnitte seines Lebens Erwähnung finden.

„Wir leben zweimal. Einmal brechen und glätten wir; beim zweiten Mal sammeln wir die Teile auf und arrangieren sie zu Mustern. Im ersten leben wir, im zweiten erzählen wir die Erfahrung. Dieses zweite Leben scheint wichtiger als das erste – warum auch immer.“ Sehr wahr – und sehr, sehr eigenartig, dieses Leben, das wir leben, doch während wir es tun, nicht fassen können. Fraglich scheint mir hingegen dies: „Erst im zweiten taucht der tiefere Sinn an der Oberfläche auf.“ Nur eben: Diesen tieferen Sinn konstruieren wir, der taucht nicht einfach auf.

Fragmente meines Lebens lese ich hauptsächlich als Lebensanleitung. „Es ist wichtig, den tröstenden Gedanken hinter sich zu lassen, dass Aufgeschobenes nicht Aufgehobenes bedeutet …“. Und so recht eigentlich ist „die einzig wirklich tödliche und unheilbare Krankheit das Leben selbst“. Dazu kommt, dass weise Sätze anderer, die Zygmunt Bauman begeistern, auch mich begeistern. Etwa die Einsicht von Maria Dabrowska: „All das irritiert die Menschen; als ob jemand, der nicht vollständig zu uns gehört, unser Leben in jeglicher Hinsicht an unserer Stelle leben wollte.“

Diese Einsicht beschreibt auch das Schicksal der Juden. „… dämmerte es mir, langsam, aber unaufhaltsam, dass es mein Schicksal war und wahrscheinlich bleiben würde, einer von jenen zu sein, ‚die nicht ganz dazugehörten‘, die dazu verurteilt sind, ‚Menschen zu irritieren’“, wie Bauman seine Erfahrungen am Berger-Gymnasium in Poznań beschreibt.

Über die Soziologie, die auf alles eine Antwort geben will, äussert er sich. Und über die Postmoderne, die ihm vor allem Fragen beschert. Und darüber, dass Memoiren zu verfassen vermutlich ein Akt der Verzweiflung ist. Braucht es einen Grund dafür? „… vielleicht gibt es auch überhaupt keinen Grund, nur ein Bedürfnis und einen Anstoss. Ganz ehrlich, ich weiss es nicht. Ich glaube, es ist mir auch egal.“

Auch von des Autors Familiengeschichte ist die Rede. Die Eltern hätten kaum gegensätzlicher sein können; die Schilderung der Verheiratung seiner Schwester, ihre Flucht aus Palästina und ihre Rückkehr liest sich ungemein spannend, auch weil der Autor es hervorragend versteht, den grösseren sozialen Zusammenhang sowie die Absurdität des menschlichen Lebens nachvollziehbar zu machen. Etwas störend ist, dass zwei Texte sich teilweise überschneiden, so dass es zu unnötigen Wiederholungen kommt.

Sein Vater, ursprünglich Ladenbesitzer, später Buchhalter von Beruf, versuchte sein Leben lang dem Rat des Schemaiah gerecht zu werden: „Liebe die Arbeit, verachte die Herrschaft und suche nicht die Bekanntschaft der Macht.“ Das hat auch auf den wissens- und bildungshungrigen Zygmunt abgefärbt, dessen Mutter im Krieg lernte, dass ihre Kochkünste, die sie bei den Truppen wie auch den Holzfällern zu einer gefragten Frau machten, die Familie vor grösserer Unbill bewahrte.

Fragmente meines Lebens ist das Werk eines Fragenden, der den Gewissheiten der Mehrheit wenig abgewinnen kann. Kein Wunder, gehörte er doch bereits als dicker, jüdischer Bub einer Minderheit an, die man nicht dabeihaben wollte.

Wie kommt es, dass der Mensch denkt und fühlt, wie er denkt und fühlt? Es spricht sehr für diesen hoch reflektierten und empfindsamen Autor, dass er nicht vorgibt, dies zu wissen. Und so hält er fest: „Ich kann nicht zufriedenstellend erklären, warum ich tat, was ich tat, wobei es mir vermutlich leichter fallen würde, es anderen zu erklären als mir selbst.“

Es ist ungemein wohltuend an den Einsichten und Erkenntnissen des Zygmunt Bauman teilzuhaben, der unter anderem gelernt hat, dass ein jegliches Sicherheitsversprechen eine Täuschung ist, es ‚feste, stabile Prinzipien‘ nicht geben kann und solche bestenfalls Lügen sind. Gewiss ist ihm jedoch dies: „Ich habe nichts zu verlieren ausser meiner Selbstachtung.“

Nicht zuletzt ist Fragmente meines Lebens in Zeiten des für nicht wenige wiederum salonfähigen Antisemitismus eine überaus nützliche Lektüre, „Nach polnischen Massstäben war Poznań eine wirklich aussergewöhnliche Stadt, der es gelang, eine weitgehende Abwesenheit von Juden mit heftigster antisemitischer Stimmung zusammenzubringen. Ungestört von jeglicher Praxis des Zusammenlebens konnten örtliche Antisemiten sich voll und ganz auf den Prozess ihrer eigenen Veredelung konzentrieren (…) Poznań wurde zur treibenden Kraft und zur Festung der Nationalen Demokratie …“.

Fazit: Hellsichtig, eindrücklich und vielfältig anregend. Ein wertvolles Buch!

Zygmunt Bauman
Fragmente meines Lebens
Suhrkamp Verlag/ Jüdischer Verlag, Berlin 2024

Gesellschaft für Medienwissenschaft (Hg.): ZFM 30: Was uns ausgeht

Was, um Himmels Willen, bewegt jemanden wie mich, der nur experimentelle Wissenschaft als Wissenschaft gelten lässt (und für methodologische Rechtfertigungsversuche bestenfalls ein müdes Lächeln übrig hat), eine Zeitschrift für Medienwissenschaften zur Hand zu nehmen? So recht eigentlich weiss ich das selber nicht, denn die Medien, die mich einst faszinierten, erlebe ich heutzutage nur noch als wichtigtuerische Selbstbeweihräucherung. Doch das Blättern in der Nova-Vorschau des transcript Verlages liess mich bei dieser Ausgabe derart oft laut heraus lachen, dass ich mich näher damit befassen wollte. Und um es gleich vorwegzunehmen: Es hat sich gelohnt, sehr sogar.

„Der Titel ist ein Bekenntnis zur (Dis-)Kontinuität“, lese ich unter dem Eintrag ABC dieses Glossars – was mein Herz bereits jubeln lässt, auch natürlich, weil Diskontinuität an den Universitäten, die ich selber erlebt habe, nicht gerade hoch im Kurs stand.

Was uns ausgeht kann beliebig aufgeschlagen werden – man findet stets Unterhaltendes, Originelles und Wissenswertes. Vom Holozän haben die meisten vermutlich schon gehört, doch vom Hohlozän? Darunter versteht man unvermittelt auftauchende Löcher im Erdboden, die zum Beispiel Autos verschwinden lassen und – Akademiker sind eben so – unverzüglich mit einem speziellen Begriff gekennzeichnet werden. Sinkholes heissen sie oder auch negativer Raum!

Den Medien sei eigen, dass sie einen über den Tod von Hubert Müller unterrichteten, auch wenn man gar nicht wusste, wer Hubert Müller eigentlich war. So ähnlich lautet eine der Journalismus-Definitionen, an die ich mich bei der Lektüre von Was uns ausgeht erinnere, denn da wimmelt es geradezu von Namen, die mir nichts sagen, und offenbar auch nichts Wesentliches zu sagen haben. So bezeichnet etwa Jill H. Casid die namibische Landschaft, „als necrocene, eine Landschaft des Genozids“, für den sich Deutschland bis heute nicht entschuldigt habe. Glaubt wirklich jemand, eine Entschuldigung würde etwas ändern/nützen?

Es gibt einiges in diesem Heft, das ich vor allem prätentiös finde, es gibt aber eben auch vieles, das ich als witzig, clever und anregend erlebe. Darauf bzw. ein paar Beispiele will ich hier hinweisen. Etwa auf den Adapter, der als Vermittler zwischen unterschiedlichen Ein- und Ausgängen von technischen Apparaten charakterisiert wird (und nach dem Prinzip des Schweizer Taschenmessers fungiert), „die alle denkbaren Funktionen anbieten, dabei jedoch zumeist – auch hier trifft die Analogie zu – eher schale Kompromisse darstellen und im Alltagsgebrauch oftmals enttäuschende Unzulänglichkeiten aufweisen.“ Schön formuliert, auch wenn ich mein Sackmesser (wie das Taschenmesser in der Schweiz genannt wird) anders erlebe. Übrigens: Der Schluss dieses Beitrags ist preiswürdig. „Eine Medientheorie und -geschichte des Adapters – anders als die des Kabels (Gethmann/Sprenger 2015) – steht derweil noch aus. Scheinbar beiläufig stellen Adapter in Aussicht, was das Ziel jeder wissenschaftlichen Arbeit ist und doch oft ausbleibt: Anschlussfähigkeit.“

„Bewegungen werden nicht einfach nur verlangsamt. Sie werden – unter die Lupe genommen – besser sicht- und studierbar.“, lese ich unter dem Eintrag Zeitlupe. So einleuchtend dies auch ist, es blendet aus, dass die Zeitlupe auch im wirklichen Leben erfahrbar ist. So erinnere ich mich an ein Glasstück, das vor Jahren, in Brasilien, ganz langsam auf mich zuflog und sich in meinen linken Oberarm bohrte. Das war mehr als ein „Realitätseindruck“ (?), das war Realität.

Ganz wunderbar dann der Eintrag zur Pause, worin eingangs das Werk eines offenbar höchst unabhängigen Denkers, English Synonyms Explained, in Alphabetical Order, erwähnt wird, in dem „das Schlagwort idle gleich neben ideal, idiom und idiot“ steht. „Reiner Zufall?“ Ich hätte mir darauf eine klare Antwort gewünscht, doch wer so denkt, weiss nicht, dass Akademiker nach der Formel „es kommt drauf an“ ticken.

Unter dem Stichwort Ausgehen wird unter anderem auch auf das Raven eingegangen, das in der Reihe Practices wie folgt beschrieben wird: „ … neben Publikationen zum Fliegenfischen, Jonglieren und Laufen, beschreibt Wark das Raven als Praxis – sowohl im Sinne einer spezifischen Körper- und Selbsttechnik als auch in politischer Hinsicht als Rekonfiguration von Affekten, Subjektivierungsweisen, Architekturen und Gemeinschaft – als Protest.“ Selten so gelacht, wobei mir durchaus schwant, ich könnte das gänzlich missverstanden haben – und es sei ernst gemeint.

Die Ausführungen zu Nichts gipfeln in der Erkenntnis: „Das Nichts betrifft uns nicht alle gleich und es bleibt auch nicht gleich für uns alle (Wirklich? Das kann man doch gar nicht wissen!). Wir müssen ihm antworten, ihm folgen, es bewohnen auf jeweils spezifische Art und Weise. Es kommt nicht darauf an, es anzuerkennen; es kommt darauf an, zu verändern. Uns zu verändern.“ Nun ja, mehr als eine Behauptung, die sich im Übrigen nicht im Geringsten aufdrängt, ist das nicht. Und überdies auch keine sehr plausible, da wir uns sowieso von Sekunde zu Sekunde ändern. Die Ausführungen zu Woody Guthrie in diesem Beitrag sind weit überzeugender, haben allerdings mit Nichts so ziemlich gar nichts zu tun.

Wie in jeder akademischen Disziplin, so wird auch in den Medienwissenschaften mittels eines Fachvokabulars, das die Nicht-Zugehörigen draussen lassen soll, eine Komplexität kreiert, auf die es in der Folge keine einfachen Antworten gibt. Mit anderen Worten: Man schafft sich nicht nur ein Betätigungsfeld, sondern auch gleich ein Einkommen und ist dabei ungemein schöpferisch. Zu den Fächern, die von den an diesem Werk Beteiligten unterrichtet und erforscht werden, gehören: Queer Computing, Radikale Pädagogik, kulinarische Sensorik, Kritikkompetenz, mediale Selbsttechnologien, die Geschichte digitaler Klangmedien und sonische Medien der Sorge und und und … Soviel Kreativität macht mich zwar staunen, doch wundere ich mich andererseits auch, ob Steuerzahler und Steuerzahlerinnen eigentlich wissen, was sie da so alles finanzieren.

Was uns ausgeht liefert nicht nur das eingangs versprochene „Bekenntnis zur (Dis-)Kontinuität“, sondern darüber hinaus auch ein wahrhaft buntes Bild der Medienwissenschaft, wobei auf Aspekte hingewiesen wird, die es selten (wenn überhaupt) in den sozialen Diskurs schaffen. Die Welt ist noch viel verwirrender als gedacht – das zeigt dieser Band, ein Dokument des Erfindungsreichtums, eindrücklich.

Fazit: Vielfältig inspirierend, teilweise ziemlich abgedreht, doch fast immer unterhaltsam.

Gesellschaft für Medienwissenschaft (Hg.)
ZFM 30: Was uns ausgeht
transcript, Bielefeld 2024

Franziska Augstein: Winston Churchill

Woher kommt mein Interesse an Churchill? Natürlich kann ich darüber nur Vermutungen anstellen, denn es ist mein Unbewusstes, das mein Leben regiert, doch ich gehe davon aus, dass einschlägige Werke in meines Vaters Bücherregal damit zu tun haben, dass ich mich für diesen vielfältig begabten und höchst eindrucksvollen Mann zu erwärmen begann. Zudem begeisterten mich nicht nur seine Jugenderinnerungen, sondern auch seine Bonmots zur Demokratie (Das beste aller schlechten Systeme; das beste Argument gegen die Demokratie sei ein zehnminütiges Gespräch mit einem Durchschnittswähler), die mich schon lange begleiten.

Bereits das grandiose, packende Vorwort macht deutlich, dass Churchill ein ausserordentlich widersprüchlicher Egomane gewesen sein muss, reich an Talenten, einmal so und dann wieder ganz anders handelnd, und – jedenfalls für mein Empfinden – nicht wirklich zu fassen. Doch wer ist das schon?

Biografin Franziska Augstein erläutert, was sie bei ihrer Arbeit über Churchill entdeckt hat. „Mit der Zeit habe ich ein fast töchterliches Verhältnis zu ihm entwickelt.“ Und sie schildert, „wie Churchill auf die Welt sah und wie die Welt auf ihn.“ Dass ich dabei gelegentlich den Duden zu Rate ziehen musste (“Churchill … flöhte die Papiere …“ – ‚flöhen‘ bedeutet laut Duden ’nach Flöhen absuchen‘ – oder ‚Komment‘, das aus dem Französischen zu stammen scheint), fand ich irritierend prätentiös.

Franziska Augstein ist Historikerin, davon zeugt auch diese ungemein detailreiche Biografie, die nicht zuletzt eine immense Fleissarbeit ist, die – verblüffenderweise, denn dies ist Fleissarbeiten selten eigen – wirklich gut zu lesen ist. Nichtsdestotrotz ist natürlich vieles in diesem Band Fiktion – das ist so recht eigentlich bei allen Biografien so – , schliesslich müssen Dokumente interpretiert werden und dabei ist (oft unbewusste) Voreingenommenheit und Willkür nicht zu vermeiden. Das weiss die Autorin selbstverständlich und macht deswegen auch deutlich, was verbürgt ist und was sich vermutlich anders als dokumentiert zugetragen hat.

Mit liebenden Eltern war Churchill nicht gesegnet, die (wenig öffentlichen) „public schools‘ trugen auch nicht gerade dazu bei, ihn seinen Anlagen und Talenten gemäss zu fördern – er war auf sich selbst gestellt (wenn man in britischen Schulen etwas lernt, so meine eigene Erfahrung, dann dies).

Doch er „hatte in sich einen fast unzerstörbaren Kern“, wie seine Biografin notiert, die diesen – glücklicherweise – nicht zu analysieren sucht.

Über Churchills Vater schreibt sie: „Seine Meinung bildete er sich nach Taxierung der Frage, was ihm am meisten Publizität verschaffen würde.“ Und in mir denkt es: Wie der Vater, so der Sohn, denn Überzeugungen hat auch dieser nicht, Und dann – zu aller Erstaunen – eben doch. Amüsant auch dies: „Lord Randolph hatte gern Zigarren geraucht. Churchill, dem Papa immer auf den Fersen, übernahm diese Gewohnheit. Die Zigarre machte er, Pressephotos und Karikaturen stets im Blick, zu seinem Markenzeichen. Da kamen Gusto und politisches Kalkül zusammen.“

Was diese Biographie zu einem Vergnügen macht, sind unter anderem die unterschiedlichen Meinungen zu Churchill in seinen verschiedenen Altersperioden. So meinte etwa Baroness Passfield über den damals 28Jährigen: „Aufgeregt fast bis zur Unerträglichkeit, nicht fähig, eine Sache ruhig und kontinuierlich zu vertreten, egozentrisch, angeberisch, seicht im Denken und reaktionär, aber mit persönlicher Anziehungskraft.“ Sie sagte noch mehr, doch lesen Sie selbst … es lohnt sich …

Winston Churchill ist ein ungemein differenziertes Zeitporträt, insbesondere des britischen politischen Lebens (man beachte etwa die Ausführungen zu Whitehall und den civil servants – die Fernsehserie Yes, Minister gehörte angeblich zu Margaret Thatcher Lieblingssendungen), das sich nicht zuletzt durch eine verblüffende Beständigkeit auszeichnet. Und es ist dieses Bedürfnis nach Beständigkeit, das wegleitend für unser Dasein ist. „Churchill hielt am Ende an der ihm vom Herkommen gemässen Vorstellung fest, es gebe ohnedies schon zu viele Wähler, die von Regierungsdingen und demokratischen Gepflogenheiten nichts verstehen.“

Was diese Biographie auch auszeichnet, ist die überaus gelungene Beschreibung der Scharfzüngigkeit und Arroganz der englischen Oberschicht, der auch, im Gegensatz zum Volk, faschistische Neigungen eigen ist. Zur englischen Überheblichkeit gehört auch, dass „die Engländer als Abkömmlinge germanischer Angelsachsen sich (den keltischen Iren) von Geblüt überlegen fühlten“.

Winston Churchill bietet überaus vielfältige Aufklärung, die unseren Hang zu Simplifizierungen schlecht aussehen lassen. So lernt man, dass Churchill von den Anfängen Mussolinis sehr angetan war, dass Gandhi weder ein Freund der Schwarzen noch der Unberührbaren, doch noch Anfang 1940 Hitler zugetan war. Zudem: Churchills Leben bestätigt, was auch sogenannt andere grosse Gestalten der Geschichte wesentlich charakterisiert: Angenehme Menschen finden sich unter den Erfolgreichen nicht.

Kein Wunder, war Churchill als Vater nicht sonderlich begabt; erstaunlich ist, dass seine Ehe eine (weitestgehend) glückliche war, was offenbar auch daran lag, dass man sich nicht allzu oft sah. Litt er unter Depressionen? Trank er? Franziska Augstein lässt dazu Wegbegleiter zu Wort kommen. Keine gute Idee, wie ich finde, denn wer Depressionen nicht aus eigener Erfahrung kennt, kann sie auch nicht wirklich erkennen bzw. nachempfinden. Ähnliches gilt auch für den Alkoholismus, der allerdings auch von nicht direkt Betroffenen zu diagnostizieren ist.

Auch wenn Winston Churchill zu grossen Teilen vom politischen Leben Britanniens handelt, so geht dieses Werk doch weit darüber hinaus, denn dieses kleine Inselreich verfügte damals über sehr viel mehr Macht und Einfluss als heutzutage. Auch wie es den Briten möglich war, das riesige Indien zu regieren, erläutert die Autorin. Hier nur soviel: Ihre Auffassung und die von Churchill sind nicht gerade deckungsgleich. Mit anderen Worten: Dies ist ein historisches Werk. Und das meint auch, dass im Nachhinein Zusammenhänge gesehen (oder konstruiert) werden, die den damals Involvierten teils nicht oder nur unzureichend bekannt gewesen waren bzw. sein konnten.

Churchill zog auch selbst in den Krieg, natürlich nicht als Soldat. „Auch im Krieg immer von Dienern versorgt, kannte er sich in Alltagsdingen kaum aus.“ Als er 1916, zum Oberstleutnant ernannt, in Frankreich eintraf, geschah dies mit zwei Dienern, einem Wagen sowie einer Badewanne inklusive eines Boilers zum Aufheizen des Wassers. Es sind solche und ähnliche Anekdoten (Stalin litt offenbar unter Flugangst), die mir den Charakter eines Menschen näher bringen.

Zu grossen Teilen liefert Winston Churchill einen einleuchtenden und gut geschriebenen Abriss der europäischen Weltgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Besonders schön wird dabei aufgezeigt, wie unsere gängigen Stereotypen der Realität nicht standhalten. So waren etwa während des Ersten Weltkrieges die britischen Streitkräfte viel hierarchischer organisiert und damit umständlicher als die deutschen, deren legendäre Bürokratie über handlungsstarke Befehlshaber verfügte.

War Churchill so, wie ihn Franziska Augstein schildert? Gut möglich, auch wenn ich das natürlich nicht wissen kann, doch ihre Ausführungen finde ich bestens nachvollziehbar. Was für mich diese Biografie jedoch vor allem wertvoll macht, sind Sätze allgemeiner Art, die mich innehalten lassen, Etwa über Churchills Mutter: „Ihre Attraktivität war von der Art, die sich der Kamera entzieht.“ Oder über Churchill, „der ein ausgezeichnetes Verhältnis zu seinen Schwächen pflegte.“ Oder dass Churchill zwar mit Moral etwas anfangen konnte, jedoch nicht mit Ethik – wegen solcher Bemerkungen, die geeignet sind, mein Denken aus den gewohnten Furchen herauszuheben, lohnen sich meines Erachtens Bücher.

Und nicht zuletzt: Es gehört zu den Vorzügen reflektierter Geschichtsschreibung – und darum handelt es sich bei dieser Biographie – , dass sie uns von den Zuschreibungen weg zur Realität hin führt. Und damit zu unserer notwendigen und nützlichen Desillusionierung beiträgt. Dass sich etwa die Kriegsparteien im Zweiten Weltkrieg über Norwegen anhand des Baedekers kundig machten, lässt nur den Schluss zu, dass wir trotz und nicht wegen „unseres“ Führungspersonals überleben. Franziska Augstein sieht Churchill, diesen „Mann der Tat und das Objekt seiner Selbstbetrachtung“, jedoch weit differenzierter – kein Wunder, bei über 500 Seiten!

Fazit: Ein ungemein dichtes Werk; erhellend und ausgesprochen lehrreich.

Franziska Augstein
Winston Churchill
Biographie
dtv, München 2024

Christoffer Carlsson: Wenn die Nacht endet

Schweden im Winter 1999. Im halländischen Skavböke wird der 18jährige Mikael Söderström erschlagen aufgefunden. Die Polizistin Siri Bengtsson geht der Sache nach, befragt die beiden 18jährigen Sander Eriksson und Killian Persson.

„Die Neunzigerjahre neigten sich dem Ende zu. Vieles habe sich verändert, sagten die Eltern, an manchen Tagen kenne man sich kaum noch aus. Es herrsche keine Klarheit mehr darüber, was es hiess, in Schweden zu leben, was es hiess, schwedisch zu sein. Die weite Welt hatte Einzug gehalten, es war überall zu spüren: Läden erhielten neue Namen, wenn die alten untergingen, Namen, die man bislang nur aus dem Fernsehen kannte. Das Kapital bewegte sich schneller denn je, und wohin es auch ging, es liess Ruinen zurück. So drückte es ein Politiker im Fernsehen aus.“ Selten habe ich die moderne Desorientierung prägnanter geschildert gefunden.

Auf dem schwedischen Land gibt es für Jugendliche wie überall auf dem Land nicht viel zu tun. Und so wird getrunken. Sander will weg, zum Studieren nach Stockholm; sein bester Freund Killian will bleiben und sich ein Häuschen bauen. Die unbeholfene Art und Weise, wie Jugendliche mit ihren Gefühlen umgehen, wird meisterhaft geschildert, und ebenso, was auf dem Land zu leben, für nicht wenige bedeutet: Die Sehnsucht nach der grossen, weiten Welt.

Der 1986 geborene Christoffer Carslsson schreibt clever und witzig und hat einen mir sympathischen Hang zum Philosophischen. „Wenn es denn eine Wahl war, sicher war er sich nicht. Sein Gedanke war: Etwas hatte sie erfasst, eine Kraft, mächtiger als sie beide.“ Oder: „Richtig und falsch fallen nicht vom Himmel. Sie werden auf Erden gemacht, um Katastrophen zu verhindern. Mehr steckt nicht dahinter. Und wird gegen dieses Regelwerk verstossen, treten jene Katastrophen ebenso schlicht und ergreifend ein.“ Oder: „Jemand, der hofft, denkt nicht mehr klar, kann Fakten nicht von Wunschdenken unterscheiden, sieht das, was er sehen will.“ Oder …

Der Autor versteht es ausgezeichnet, die Unaufgeregtheit des ländlichen Schweden zu schildern und gleichzeitig das Gewaltpotential, das unter der Oberfläche lauert, spürbar zu machen. Und dann ist da auch viel Heimlichtuerei. Besonders gut gelungen ist die Charakterisierung der beiden Polizistinnen, der jungen Siri mit asiatischen Wurzeln. und der gestandenen Gerd, die aus der Gegend stammt.

„Es gab einen Computer im Revier, doch Gerd hatte gesagt, sie benutze ihn nie. Wenn sie etwas in Erfahrung bringen musste, tat sie es in der normalen Welt. Siri fand die normale Welt unnötig umständlich und mochte die neue Technik. Also hatte sie versucht, die träge Kiste zum Leben zu erwecken. Zuerst hatte der Computer eine ganze Weile gerattert, gemurrt und gepiept, doch dann hatte er seine Arbeit getan.“

Zwanzig Jahre später wird der jüngere Bruder von Mikael Söderström ermordet. Seine Ermittlungen führen Vidar Jörgensson von der Polizei Halmstad zu den Ereignissen von damals zurück. Vergangenheit und Zukunft gehören nicht nur zusammen, sie gehen ineinander über … doch mehr soll hier nicht verraten werden …

Wenn die Nacht endet handelt wesentlich von Schuld, Verantwortung und den dunklen Seiten der menschlichen Seele. Dabei wird auch eindrücklich vorgeführt, dass Kriminalromane gelegentlich mehr Wirklichkeit vermitteln als die meisten soziologischen bzw. psychologischen Studien. „Der mit dem meisten Geld war nicht nur hoch angesehen, sondern auch schlecht gelitten. Das eine bekam man nicht ohne das andere, das wusste Karl-Henrik, und er hatte sein Leben gelebt, ohne sich darum zu scheren.“ Darüber hinaus ist dieses Buch eine faszinierende und hilfreiche Wahrnehmungsschulung.

Fazit: Packend, einfühlsam und lebensnah – ein aussergewöhnlicher Krimi.

Christoffer Carlsson
Wenn die Nacht endet
Kriminalroman
Kindler, Hamburg 2024

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