Schweden im Winter 1999. Im halländischen Skavböke wird der 18jährige Mikael Söderström erschlagen aufgefunden. Die Polizistin Siri Bengtsson geht der Sache nach, befragt die beiden 18jährigen Sander Eriksson und Killian Persson.
„Die Neunzigerjahre neigten sich dem Ende zu. Vieles habe sich verändert, sagten die Eltern, an manchen Tagen kenne man sich kaum noch aus. Es herrsche keine Klarheit mehr darüber, was es hiess, in Schweden zu leben, was es hiess, schwedisch zu sein. Die weite Welt hatte Einzug gehalten, es war überall zu spüren: Läden erhielten neue Namen, wenn die alten untergingen, Namen, die man bislang nur aus dem Fernsehen kannte. Das Kapital bewegte sich schneller denn je, und wohin es auch ging, es liess Ruinen zurück. So drückte es ein Politiker im Fernsehen aus.“ Selten habe ich die moderne Desorientierung prägnanter geschildert gefunden.
Auf dem schwedischen Land gibt es für Jugendliche wie überall auf dem Land nicht viel zu tun. Und so wird getrunken. Sander will weg, zum Studieren nach Stockholm; sein bester Freund Killian will bleiben und sich ein Häuschen bauen. Die unbeholfene Art und Weise, wie Jugendliche mit ihren Gefühlen umgehen, wird meisterhaft geschildert, und ebenso, was auf dem Land zu leben, für nicht wenige bedeutet: Die Sehnsucht nach der grossen, weiten Welt.
Der 1986 geborene Christoffer Carslsson schreibt clever und witzig und hat einen mir sympathischen Hang zum Philosophischen. „Wenn es denn eine Wahl war, sicher war er sich nicht. Sein Gedanke war: Etwas hatte sie erfasst, eine Kraft, mächtiger als sie beide.“ Oder: „Richtig und falsch fallen nicht vom Himmel. Sie werden auf Erden gemacht, um Katastrophen zu verhindern. Mehr steckt nicht dahinter. Und wird gegen dieses Regelwerk verstossen, treten jene Katastrophen ebenso schlicht und ergreifend ein.“ Oder: „Jemand, der hofft, denkt nicht mehr klar, kann Fakten nicht von Wunschdenken unterscheiden, sieht das, was er sehen will.“ Oder …
Der Autor versteht es ausgezeichnet, die Unaufgeregtheit des ländlichen Schweden zu schildern und gleichzeitig das Gewaltpotential, das unter der Oberfläche lauert, spürbar zu machen. Und dann ist da auch viel Heimlichtuerei. Besonders gut gelungen ist die Charakterisierung der beiden Polizistinnen, der jungen Siri mit asiatischen Wurzeln. und der gestandenen Gerd, die aus der Gegend stammt.
„Es gab einen Computer im Revier, doch Gerd hatte gesagt, sie benutze ihn nie. Wenn sie etwas in Erfahrung bringen musste, tat sie es in der normalen Welt. Siri fand die normale Welt unnötig umständlich und mochte die neue Technik. Also hatte sie versucht, die träge Kiste zum Leben zu erwecken. Zuerst hatte der Computer eine ganze Weile gerattert, gemurrt und gepiept, doch dann hatte er seine Arbeit getan.“
Zwanzig Jahre später wird der jüngere Bruder von Mikael Söderström ermordet. Seine Ermittlungen führen Vidar Jörgensson von der Polizei Halmstad zu den Ereignissen von damals zurück. Vergangenheit und Zukunft gehören nicht nur zusammen, sie gehen ineinander über … doch mehr soll hier nicht verraten werden …
Wenn die Nacht endet handelt wesentlich von Schuld, Verantwortung und den dunklen Seiten der menschlichen Seele. Dabei wird auch eindrücklich vorgeführt, dass Kriminalromane gelegentlich mehr Wirklichkeit vermitteln als die meisten soziologischen bzw. psychologischen Studien. „Der mit dem meisten Geld war nicht nur hoch angesehen, sondern auch schlecht gelitten. Das eine bekam man nicht ohne das andere, das wusste Karl-Henrik, und er hatte sein Leben gelebt, ohne sich darum zu scheren.“ Darüber hinaus ist dieses Buch eine faszinierende und hilfreiche Wahrnehmungsschulung.
Fazit: Packend, einfühlsam und lebensnah – ein aussergewöhnlicher Krimi.
Christoffer Carlsson
Wenn die Nacht endet
Kriminalroman
Kindler, Hamburg 2024

