Goethe, der sich nicht erwärmen konnte für die Rede von der Geschichte, denn er hielt „die ‚Weltgeschichte‘ für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse“, so Hans Blumenberg, gehe es um den Menschen, den Einzelnen, „dem die Wunder der Natur und der Kunst aufgehen sollten“. Und: „…ihn als den aufgeschlossenen (vor allem im kleinen Kreis), freien, universal gebildeten, gelegentlich widersprüchlichen, manchmal abgründigen, oft isolierten, stets aber hellen Geist zu erkennen, der er gewesen sein muss“, darum gehe es in dieser Biografie, schreibt Thomas Steinfeld.
Mit Bilder einer Zeit konkretisiert Autor Steinfeld sein Vorhaben. So zutreffend dies auch ist, er leistet weit mehr, zeigt er doch auf, dass, was Goethe, dessen Skepsis sein Leben geprägt zu haben scheint, letztlich ausmacht, dessen Zeitlosigkeit bzw. dessen Universalität ist. Das vielfältige Wissen, die Neugier für alles Mögliche, ist übrigens nicht nur Goethe eignet, sondern auch seinem Biografen.
Goethe wuchs in einer standesbewussten Familie in Frankfurt am Main auf; er sollte sein Leben lang, im Gegensatz etwa zu Schiller, finanziell nie zu darben haben. Im Alter von 16 von seinem Vater zum Jurastudium nach Leipzig geschickt („Die Universität war im 18. Jahrhundert kein Ort der Forschung, sondern eine Berufsbildungsstätte, die vor allem der Vermittlung des Überlieferten verpflichtet war“, so Autor Steinfeld, dem allerdings zu entgehen scheint, dass das Jurastudium auch heute noch so ist.), das er 1770 in Strassburg abschloss, wo er auch Herder kennenlernte, der ihn stark beeinflusste und förderte. Wobei: Sowohl in Leipzig wie auch in Strassburg besuchte Goethe auch „Vorlesungen in Chemie, Staatswissenschaften, Geschichte und beschäftigte sich mit der Medizin.“
Thomas Steinfeld ist ein hervorrragend informierter und ausserordentlich begabter Erzähler, dem es nicht an Bildungshochmut mangelt („In den Wenn-Sätzen aber spricht, für halbwegs gebildete Zeitgenossen deutlich erkennbar, ein Dichter, der sich die Lehren des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza zumindest aus der Ferne angeeignet hatte …“) und der gelegentlich recht selbstherrliche Unterscheidungen vornimmt, die wohl nur von sogenannt literarisch Gebildeten geteilt werden. „Wenn ein Dichter ‚ich‘ sagt, provoziert er einen geläufigen Trugschluss: dass er mit dem Pronomen sich selber meint. Bei Goethe ist dieser Irrtum besonders weit verbreitet, weil Leben und Werk in so offensichtlicher Nähe zueinander stehen (…) dass Goethe verschiedene ‚Ichs‘ erprobt. Er spricht in Rollen, wie auf dem Theater, was heisst: Man muss zwischen dem erlebenden und dem darstellenden ‚Ich‘ unterscheiden.“ Ganz so, als ob man das könnte … im wirklichen Leben wimmelt es doch nur so von Überlappungen …
Andererseits, wie „der aufmerksame Leser“ Steinfeld Goethe liest, zum Beispiel den Werther, macht auch deutlich, dass das Lesen ein kreativer Akt ist. Dazu kommt, dass er Zusammenhänge zu sehen imstande ist, die einem Laien wie mir zwar nicht geläufig sind, mich jedoch schmunzeln machen. „Noch im späten 18. Jahrhundert wäre die Vorstellung, die Liebe sei eine geeignete Grundlage für das Zusammenleben zweier Menschen oder gar für die Gründung einer Familie, als ebenso überraschende wie verwegene Idee erschienen: Wie sollten zwei Menschen eine Gemeinschaft fürs Leben begründen, wenn sie ihre Empfindungen nicht zu beherrschen vermochten.“
Thomas Steinfeld charakterisiert Goethe als „einen enzyklopädisch inspirierten Universalisten“, der kein literarisches Genre ausliess und in den Wissenschaften neben der Psychologie und der Biologie, auch die Anatomie, die Optik, die Physik, die Meteorologie, die Geschichte, die Juristerei, die Wirtschaftslehre, Diplomatie und Naturphilosophie pflegte. Was diese Dinge zusammenhält, gehöre zu den Fragen, die Faust umtrieben, lerne ich.
Die Gepflogenheiten am Hofe von Weimar werden derart kenntnisreich (juristisch, diplomatisch, gesellschaftlich, staatspolitisch, historisch) geschildert, dass man sich einerseits wundert, worüber dieser Biograf alles Bescheid weiss, und andererseits zu verstehen glaubt, dass es wohl auch seine eigene Unersättlichkeit in punkto Wissen/Verstehen ist, die ihn mit Goethe verbindet.
Da mir die einschlägigen Kenntnisse fehlen (und ich dem, was wir gemeinhin zu wissen glauben, ohnehin äusserst skeptisch gegenüber stehe), um dieses Werk wirklich würdigen zu können, will ich mich auf einige Aspekte beschränken, die mich innehalten und sie bedenken liess. So war Goethe in Weimar auch für den Bergbau zuständig, kam also in Kontakt mit der Geologie, die zwar noch ganz am Anfang stand, doch Auskunft über die Tiefe der Zeit geben konnte. Ging man bis anhin davon aus, dass die Erde rund sechstausend Jahre alt war, erkannte man nun, dass „die Geschichte der Erde immer länger, immer tiefer und für viele Geologen immer gewaltsamer wurde“ und man fragte sich, wann sie eigentlich ihren Anfang genommen hatte.
In Goethe manifestiert sich auch etwas Übergeordnetes, das vermutlich vielen Menschen eigen ist. So hält Thomas Steinfeld zu Goethes Flucht nach Italien fest, bereits Seneca habe vor dem Vorhaben, durch eine Veränderung der geografischen Lage ein neuer Mensch zu werden, gewarnt, und entgegnet darauf treffend: „Doch wie sollte sich ein solcher Wandel nicht einstellen, wenn das Wetter angenehmer wird und die Landschaft abwechslungsreicher?“
In Venedig sieht Goethe zum ersten Mal das Meer. „So habe ich denn auch das Meer mit Augen gesehen, und bin auf der schönen Tenne, die es weichend zurücklässt, ihm nachgegangen.“ Was Autor Steinfeld alles in diesen Satz hineinliest und daraus schliesst, mag Germanisten einleuchten. „So hat, in einem fein gegliederten und nur scheinbar einfachen Satz, ein jeder Teil seine Bedeutung – und das ganze Wortgebilde festigt sich zu einer wunderbaren Bestätigung der neptunistischen Überzeugung, der Boden unter den Füssen sei aus dem Wasser hervorgegangen.“ Mir selber scheint wenig wahrscheinlich, dass Goethe sich bei diesem Satz solche Gedanken gemacht hat. Auch dass Steinfeld aufzählt, was der Dichter in seinen Texten aus Venedig alles nicht beschrieben hat, drängt sich nicht wirklich auf und dient wohl vor allem dazu, hervorzuheben, wie gut der Autor selber Venedig kennt.
Doch abgesehen von solchen – es sind sehr wenige – Irritationen, ist diese Biografie ein wahrhaft grosser Wurf, eine ausserordentliche Fleissarbeit und – vor allem – ein ganz wunderbares Leseerlebnis, das einen staunen macht. Nicht nur über den Dichter, Reisenden, Theatermacher, Kriegsbeobachter, Naturforscher und Politiker Goethe, sondern auch darüber, wie Autor Steinfeld es geschafft hat, aus dieser ungeheuren Fülle ein derart packendes Buch zu machen.
Aussergewöhnlich war Goethe nicht zuletzt in seinem Wissensdurst, der ihn sich auch mit den Pflanzen und den Farben (und später mit den Wolken) befassen liess, Das führte ihn auch zur Beschäftigung mit der Frage: Was ist eigentlich Wissenschaft? „Wie ist objektive Erkenntnis möglich? Wie vollzieht sich der Übergang vom Erfahren zum Verstehen? Wie kommt man vom Wissen um das Einzelne zu einer Einsicht ins Allgemeine?“ Fragen, die bis heute nicht gelöst sind, wie Autor Steinfeld anmerkt.
Zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, darum war es Goethe zu tun. Er tat dies aus einer sehr privilegierten Position, ohne Sympathie für die Französische Revolution von 1789. Kein Wunder, welcher Privilegierte mag schon von seinen Privilegien lassen? „Goethe war ein Mensch des alten Regimes der persönlichen Beziehungen und der feudalen Diplomatie. Das radikal Neue der Revolution ging ihm nicht auf. Nie dachte er in politischen Kategorien.“
Thomas Steinfeld verfügt über eine bewundernswerte Fähigkeit in Zusammenhängen zu denken, ohne dabei die Details zu vernachlässigen. Zu diesen gehört auch, dass Goethe dem damals gerade einmal dreiundzwanzigjährigen Schelling in Jena zu einer ausserordentlichen Professur verhalf. Dazu kommt, dass er offenbar bestens weiss, wie die einschlägigen Quellen einzuschätzen sind. „Wie es zum Bündnis mit Schiller gekommen sein soll, hielt Goethe im Jahr 1817 in einem Bericht fest, den man, wie alle seine autobiographischen Schriften, nicht für ein Manifest der Faktentreue halten darf.“
Fazit: Glänzend geschrieben, ungemein kenntnisreich, überaus erhellend und horizonterweiternd. Mit einem Wort: Grossartig!
Thomas Steinfeld
Goethe
Porträt eines Lebens, Bilder einer Zeit
Rowohlt Berlin 2024

