Thomas Steinfeld: Goethe

Goethe, der sich nicht erwärmen konnte für die Rede von der Geschichte, denn er hielt „die ‚Weltgeschichte‘ für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse“, so Hans Blumenberg, gehe es um den Menschen, den Einzelnen, „dem die Wunder der Natur und der Kunst aufgehen sollten“. Und: „…ihn als den aufgeschlossenen (vor allem im kleinen Kreis), freien, universal gebildeten, gelegentlich widersprüchlichen, manchmal abgründigen, oft isolierten, stets aber hellen Geist zu erkennen, der er gewesen sein muss“, darum gehe es in dieser Biografie, schreibt Thomas Steinfeld.

Mit Bilder einer Zeit konkretisiert Autor Steinfeld sein Vorhaben. So zutreffend dies auch ist, er leistet weit mehr, zeigt er doch auf, dass, was Goethe, dessen Skepsis sein Leben geprägt zu haben scheint, letztlich ausmacht, dessen Zeitlosigkeit bzw. dessen Universalität ist. Das vielfältige Wissen, die Neugier für alles Mögliche, ist übrigens nicht nur Goethe eignet, sondern auch seinem Biografen.

Goethe wuchs in einer standesbewussten Familie in Frankfurt am Main auf; er sollte sein Leben lang, im Gegensatz etwa zu Schiller, finanziell nie zu darben haben. Im Alter von 16 von seinem Vater zum Jurastudium nach Leipzig geschickt („Die Universität war im 18. Jahrhundert kein Ort der Forschung, sondern eine Berufsbildungsstätte, die vor allem der Vermittlung des Überlieferten verpflichtet war“, so Autor Steinfeld, dem allerdings zu entgehen scheint, dass das Jurastudium auch heute noch so ist.), das er 1770 in Strassburg abschloss, wo er auch Herder kennenlernte, der ihn stark beeinflusste und förderte. Wobei: Sowohl in Leipzig wie auch in Strassburg besuchte Goethe auch „Vorlesungen in Chemie, Staatswissenschaften, Geschichte und beschäftigte sich mit der Medizin.“

Thomas Steinfeld ist ein hervorrragend informierter und ausserordentlich begabter Erzähler, dem es nicht an Bildungshochmut mangelt („In den Wenn-Sätzen aber spricht, für halbwegs gebildete Zeitgenossen deutlich erkennbar, ein Dichter, der sich die Lehren des niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza zumindest aus der Ferne angeeignet hatte …“) und der gelegentlich recht selbstherrliche Unterscheidungen vornimmt, die wohl nur von sogenannt literarisch Gebildeten geteilt werden. „Wenn ein Dichter ‚ich‘ sagt, provoziert er einen geläufigen Trugschluss: dass er mit dem Pronomen sich selber meint. Bei Goethe ist dieser Irrtum besonders weit verbreitet, weil Leben und Werk in so offensichtlicher Nähe zueinander stehen (…) dass Goethe verschiedene ‚Ichs‘ erprobt. Er spricht in Rollen, wie auf dem Theater, was heisst: Man muss zwischen dem erlebenden und dem darstellenden ‚Ich‘ unterscheiden.“ Ganz so, als ob man das könnte … im wirklichen Leben wimmelt es doch nur so von Überlappungen …

Andererseits, wie „der aufmerksame Leser“ Steinfeld Goethe liest, zum Beispiel den Werther, macht auch deutlich, dass das Lesen ein kreativer Akt ist. Dazu kommt, dass er Zusammenhänge zu sehen imstande ist, die einem Laien wie mir zwar nicht geläufig sind, mich jedoch schmunzeln machen. „Noch im späten 18. Jahrhundert wäre die Vorstellung, die Liebe sei eine geeignete Grundlage für das Zusammenleben zweier Menschen oder gar für die Gründung einer Familie, als ebenso überraschende wie verwegene Idee erschienen: Wie sollten zwei Menschen eine Gemeinschaft fürs Leben begründen, wenn sie ihre Empfindungen nicht zu beherrschen vermochten.“

Thomas Steinfeld charakterisiert Goethe als „einen enzyklopädisch inspirierten Universalisten“, der kein literarisches Genre ausliess und in den Wissenschaften neben der Psychologie und der Biologie, auch die Anatomie, die Optik, die Physik, die Meteorologie, die Geschichte, die Juristerei, die Wirtschaftslehre, Diplomatie und Naturphilosophie pflegte. Was diese Dinge zusammenhält, gehöre zu den Fragen, die Faust umtrieben, lerne ich.

Die Gepflogenheiten am Hofe von Weimar werden derart kenntnisreich (juristisch, diplomatisch, gesellschaftlich, staatspolitisch, historisch) geschildert, dass man sich einerseits wundert, worüber dieser Biograf alles Bescheid weiss, und andererseits zu verstehen glaubt, dass es wohl auch seine eigene Unersättlichkeit in punkto Wissen/Verstehen ist, die ihn mit Goethe verbindet.

Da mir die einschlägigen Kenntnisse fehlen (und ich dem, was wir gemeinhin zu wissen glauben, ohnehin äusserst skeptisch gegenüber stehe), um dieses Werk wirklich würdigen zu können, will ich mich auf einige Aspekte beschränken, die mich innehalten und sie bedenken liess. So war Goethe in Weimar auch für den Bergbau zuständig, kam also in Kontakt mit der Geologie, die zwar noch ganz am Anfang stand, doch Auskunft über die Tiefe der Zeit geben konnte. Ging man bis anhin davon aus, dass die Erde rund sechstausend Jahre alt war, erkannte man nun, dass „die Geschichte der Erde immer länger, immer tiefer und für viele Geologen immer gewaltsamer wurde“ und man fragte sich, wann sie eigentlich ihren Anfang genommen hatte.

In Goethe manifestiert sich auch etwas Übergeordnetes, das vermutlich vielen Menschen eigen ist. So hält Thomas Steinfeld zu Goethes Flucht nach Italien fest, bereits Seneca habe vor dem Vorhaben, durch eine Veränderung der geografischen Lage ein neuer Mensch zu werden, gewarnt, und entgegnet darauf treffend: „Doch wie sollte sich ein solcher Wandel nicht einstellen, wenn das Wetter angenehmer wird und die Landschaft abwechslungsreicher?“

In Venedig sieht Goethe zum ersten Mal das Meer. „So habe ich denn auch das Meer mit Augen gesehen, und bin auf der schönen Tenne, die es weichend zurücklässt, ihm nachgegangen.“ Was Autor Steinfeld alles in diesen Satz hineinliest und daraus schliesst, mag Germanisten einleuchten. „So hat, in einem fein gegliederten und nur scheinbar einfachen Satz, ein jeder Teil seine Bedeutung – und das ganze Wortgebilde festigt sich zu einer wunderbaren Bestätigung der neptunistischen Überzeugung, der Boden unter den Füssen sei aus dem Wasser hervorgegangen.“ Mir selber scheint wenig wahrscheinlich, dass Goethe sich bei diesem Satz solche Gedanken gemacht hat. Auch dass Steinfeld aufzählt, was der Dichter in seinen Texten aus Venedig alles nicht beschrieben hat, drängt sich nicht wirklich auf und dient wohl vor allem dazu, hervorzuheben, wie gut der Autor selber Venedig kennt.

Doch abgesehen von solchen – es sind sehr wenige – Irritationen, ist diese Biografie ein wahrhaft grosser Wurf, eine ausserordentliche Fleissarbeit und – vor allem – ein ganz wunderbares Leseerlebnis, das einen staunen macht. Nicht nur über den Dichter, Reisenden, Theatermacher, Kriegsbeobachter, Naturforscher und Politiker Goethe, sondern auch darüber, wie Autor Steinfeld es geschafft hat, aus dieser ungeheuren Fülle ein derart packendes Buch zu machen.

Aussergewöhnlich war Goethe nicht zuletzt in seinem Wissensdurst, der ihn sich auch mit den Pflanzen und den Farben (und später mit den Wolken) befassen liess, Das führte ihn auch zur Beschäftigung mit der Frage: Was ist eigentlich Wissenschaft? „Wie ist objektive Erkenntnis möglich? Wie vollzieht sich der Übergang vom Erfahren zum Verstehen? Wie kommt man vom Wissen um das Einzelne zu einer Einsicht ins Allgemeine?“ Fragen, die bis heute nicht gelöst sind, wie Autor Steinfeld anmerkt.

Zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält, darum war es Goethe zu tun. Er tat dies aus einer sehr privilegierten Position, ohne Sympathie für die Französische Revolution von 1789. Kein Wunder, welcher Privilegierte mag schon von seinen Privilegien lassen? „Goethe war ein Mensch des alten Regimes der persönlichen Beziehungen und der feudalen Diplomatie. Das radikal Neue der Revolution ging ihm nicht auf. Nie dachte er in politischen Kategorien.“

Thomas Steinfeld verfügt über eine bewundernswerte Fähigkeit in Zusammenhängen zu denken, ohne dabei die Details zu vernachlässigen. Zu diesen gehört auch, dass Goethe dem damals gerade einmal dreiundzwanzigjährigen Schelling in Jena zu einer ausserordentlichen Professur verhalf. Dazu kommt, dass er offenbar bestens weiss, wie die einschlägigen Quellen einzuschätzen sind. „Wie es zum Bündnis mit Schiller gekommen sein soll, hielt Goethe im Jahr 1817 in einem Bericht fest, den man, wie alle seine autobiographischen Schriften, nicht für ein Manifest der Faktentreue halten darf.“

Fazit: Glänzend geschrieben, ungemein kenntnisreich, überaus erhellend und horizonterweiternd. Mit einem Wort: Grossartig!

Thomas Steinfeld
Goethe
Porträt eines Lebens, Bilder einer Zeit
Rowohlt Berlin 2024

Salman Rushdie: Knife

Dem Zeitgeist gehorchend erscheinen zunehmend deutsche Bücher mit einem englischen Titel – als ob die Dinge nicht schon verwirrend genug wären. „Eine lebensbejahende Hymne an die Macht der Literatur, dem Undenkbaren einen Sinn zu geben“, charakterisiert der Verlag diese Gedanken nach einem Mordversuch. Dem Undenkbaren einen Sinn zu geben? Bei mir scheitert die Sinngebung bereits beim Denkbaren …

Salman Rushdie, 1947 in Bombay geboren, kam im Alter von vierzehn Jahren nach England, wo er später in Cambridge ein Geschichtsstudium absolvierte. Im August 2022 wurde er zu Beginn einer Lesung in Chautauqua, USA, von einem mit einem Messer bewaffneten Mann angegriffen und schwer verletzt. Zwei Nächte zuvor hatte Rushdie geträumt, er würde von einem Mann mit einem Speer attackiert. Diesen Traum hatte er nicht zum ersten Mal – als eine Vorahnung wollte er ihn jedoch nicht sehen, denn an Vorsehungen glaubte er nicht. Obwohl: „’Ich will da nicht hin‘, habe ich zu Eliza gesagt.“ Und dann ist er hingefahren, schliesslich hatte er zugesagt und Rechnungen zu bezahlen.

Medienberichte über dieses Attentat erwähnten, dass das iranische Regime vor mehr als dreissig Jahren eine Fatwa gegen ihn ausgesprochen hatte. Der Anlass war sein Buch Die Satanischen Verse gewesen. Nur eben: Der Mann, der dieses Attentat ausführte, hatte laut seiner eigenen Worte kaum zwei Seiten aus Rushdies Büchern gelesen, sich hingegen einige Filme auf You Tube über ihn angesehen. „Worum auch immer es bei diesem Attentat ging, es ging nicht um Die Satanischen Verse.

Rushdie beschreibt das Attentat nicht nur aus seiner, sondern auch aus der Sicht von Menschen, die ihm zu Hilfe eilten. Beide Sichtweisen bzw. beider Erfahrungen gehören zusammen und machen deutlich, dass es die eine Version der Ereignisse nicht gibt und nicht geben kann. Und auch die Reaktion darauf, ähnlich wie bei Ausrufung der Fatwa, war vielschichtig – während die einen mit Erleichterung zur Kenntnis nahmen, dass er überlebte, fanden andere, er hätte sich vorsichtiger verhalten müssen. Er selber konstatiert treffend: „Ich errang meine Freiheit dadurch, dass ich wie ein freier Mensch lebte.“

Nicht nur das Attentat und dessen Folgen werden geschildert, sondern auch die mühsame und gleichwohl erstaunliche Genesung, die einem auch einen Patienten Rushdie zeigt, der mit den Facetten der modernen Medizin Bekanntschaft macht, in der – glücklicherweise – auch vermeintlich Abwegiges geprüft wird. Auch von gesalzenen Zahnarztrechnungen berichtet er sowie von Freunden und Bekannten und von der Familie. Überdies sind Gedanken über den Tod nicht fern. „Nach dem Attentat musste ich oft daran denken, dass der Tod über den falschen Menschen schwebt.“ Und: „Kurzfristigkeit wurde unsere Philosophie. Der Horizont war weit entfernt. Bis dahin konnten wir nicht sehen.“

Darüber hinaus betont der Autor die grösseren Zusammenhänge. Einen Konflikt der Narrative macht er aus, „einen Krieg zwischen inkompatiblen Versionen der Realität; und wir müssen lernen, wie man diesen Krieg führt.“ Die Version, für die er sich einsetzt, benennt er klar und deutlich. „Im Privaten kann jeder glauben, was er will. In der rauen Welt der Politik und des öffentlichen Lebens darf keine Idee unangreifbar und gegen jede Kritik gefeit bleiben.“

Knife ist ein sehr persönliches Buch; die Pressemappe, die der Verlag mit Salman Rushdie. Leben und Werk überschrieben hat, verstärkt den Eindruck noch, dass hier ein Autor davon erzählt, was ihm in seinem Leben wichtig ist. So ist etwa ein ganzes Kapitel seiner fünften Frau Rachel Eliza Griffiths gewidmet, mit der er seit 2021 verheiratet ist. Auch auf die Kontroversen über Die Satanischen Verse aus dem Jahre 1988 geht er ein, wobei er nicht zuletzt diejenigen namentlich aufführt, die damals „erklärten, was für ein schlechter Mensch ich sei, so John Berger, Germaine Greer, Präsident Jimmy Carter, Roald Dahl, aber auch diverse Parteigänger der britischen Tories, Kommentatoren wie der Journalist Richard Littlejohn und der Historiker Hugh Trevor-Roper erklärten, sie hätten nichts dagegen, wenn man einen Anschlag auf mich verübte. (Trevor-Roper habe ich überlebt, und ich nehme an, Littlejohn ist jetzt zufrieden, wo immer er auch sein mag.)“

Salman Rushdie ist kein Mann, der sich den Mut verbieten lässt. Er sei ausdrücklich gelobt dafür! Nicht etwa, weil jeder sagen soll/darf, was ihm beliebt, sondern weil Rushdie eine reflektierte Grundhaltung eignet, die man sich auch von anderen wünscht, die sich öffentlich äussern. Ganz besonders gefallen – und überrascht – hat mich, seine Auseinandersetzung mit Robert M. Pirsigs Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten (eines der seltenen Bücher, das ich mehrmals gelesen habe). Es geht dabei um den Mut, den der Geist braucht, um an einen guten Ort zu gelangen …

Knife ist auch sehr witzig – wie Freiheit und Krankenbett nicht zueinander passen, schildert Rushdie zum Schreien komisch; die Anhänger des irren Trump bezeichnet er als „Trumpublicans“ – , und ausgesprochen pointiert. „Das eigene Leben zu bedauern, ist schiere Narretei, sagte ich mir, denn der Mensch, der bedauert, wurde von dem geformt, was er im Nachhinein bedauert. Vermutlich gibt es Ausnahmen von diesem Prinzip, aber nur sehr wenige Menschen, die ihr Leben wirklich bedauern sollten – Donald Trump, Boris Johnson, Adolf Eichmann und Harvey Weinstein – , tun dies auch.“

Fazit: Berührend, engagiert und witzig. Ein wesentliches Buch!

Salman Rushdie
Knife
Gedanken nach einem Mordversuch
Penguin Verlag, München 2024

Gert Ueding: Bloch, Jens und Mayer

Mit „Denkmöglich ist alles“ leitet Gert Ueding, geboren 1942, emeritierter Ordinarius für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen, sein Gedankenspiel um Ernst Bloch, Walter Jens und Hans Mayer ein. Er gibt sich also gleichsam einen Freipass zum Fabulieren – und dies tut er dann auch überaus gekonnt. Er ist ein höchst einfühlsamer Erzähler sowie ein Kenner der menschlichen Seele; darüber hinaus verfügt er über ein Wohlwollen gegenüber diesen drei eitlen Egomanen (wobei Jens und Mayer diesbezüglich Bloch wie einen braven Ministranten aussehen lassen), das mir, der ich derart viel Selbstbezogenheit kaum ertrage, ferner nicht sein könnte.

Worum geht’s? Autor Ueding lässt die Buchhändlerin Julie Gastl, die in Tübingen die bekannte Buchhandlung Gastl führt, eine Tischgesellschaft initiieren, wo sich der Philosoph Bloch, der Rhetoriker Jens und der Germanist Mayer zum Gedankenaustausch treffen. Dabei erhalten sie gelegentlich auch Besuch: Marcel Reich-Ranicki, Hans Holländer, Rolf Hochhuth, Friedrich Dürrenmatt lassen sich sehen; Julie Gastl ist sowieso mit dabei.

Was sind das doch für heikel-delikate Egos, auf die da andauernd Rücksicht genommen werden muss! Gert Ueding sieht das definitiv entspannter – er schreibt sehr subtil, ist von beeindruckender Toleranz. Er lehrt einen viel über die Geisteswelt dieser Jahre. Doch so recht eigentlich nutzt er dieses Buch hauptsächlich dazu, sein umfangreiches Wissen auszubreiten, das von den Plastiken Henry Moores zu den sogenannten Primitiven Neuguineas und Afrikas reicht. Neben seiner beeindruckenden Belesenheit führt er auch überzeugend vor, dass der Antrieb für die Theorien von Jens, Bloch und Mayer im Privaten und das meint, in ihrer Biografie, begründet ist.

Auch wird er nicht müde, das Lob auf diese grossen Geister zu singen, was einigermassen sensible Gemüter gelegentlich verstimmen vermag, insbesondere dann, wenn sie der hier zelebrierten Bildung nicht die Art von übertriebener Achtung entgegenbringen, die Professor Ueding offenbar normal findet. Die unreflektierte Schlichtheit der Porträtierten im Privaten ist allerdings wenig erhebend. So entpuppt sich Jens als Pantoffelheld, Mayer als Mimose und Bloch als ein Mann, dessen Gedankengänge mir wenig alltagstauglich scheinen. „.. ist unsere Situation heute doch anders als die zur Zeit, wo es diesen Zusammenprall von Maschinenwelt und Expressionismus gab. Auch die gläserne, betonierte, ausbetonierte Ruhe trägt ein Wunschbild in sich, geht auf eine Ruhe, die nicht da ist, will fluchtartig heraus aus der Unrast, dem Unheilen des jetzigen Daseins.“

Irritierend fand ich das stetige Bemühen um Zusammenhänge, ganz so, als ob die jeweiligen Vertreter einer Disziplin mit dem, was in anderen Disziplinen vor sich ging bzw. diese ausmachte, à fond vertraut gewesen seien. Sicher, möglich ist das, doch angesichts der Tatsache, dass es schon schwierig ist, in einer einzigen Disziplin den Überblick zu haben, einigermassen unwahrscheinlich. Anders gesagt: In einer derart hochkomplexen Welt wie der heutigen ist ein Überblick zu haben mehr als nur prätentiös, er ist eine Illusion.

Das für mich Schönste an diesem gut geschriebenen und höchst aufschlussreichen Buch ist die Hommage an die Buchhandlung Gastl. „Die Wahl des Hauses war ein Glücksgriff gewesen, es sollte wie die Pariser Buchhandlungs-Legende ‚Shakespeare and ‚Companie‘ (richtig muss es heissen: Company), nicht bloss ein Ort sein, in dem man Bücher kaufen konnte.“

Doch Gert Ueding lässt nicht nur eine Kultur-Welt aufleben, die es heute, wo ausschliesslich die Diktatur des Geldes herrscht, leider so nicht mehr gibt; er zeigt auch auf, dass eine gebildete Buchhändlerin wie Julie Gastl geistig-kulturell weit mehr drauf hatte, als viele akademisch Gebildete. „ … sie wusste aber, dass auch unter den Professoren viele Einspurige waren, (‚Einspurige‘ trifft’s gut). Sie beackern nur ein schmales Feld ihres Faches; kleingeistig war da vieles, spiessig in der Lebensführung, im Kunstgeschmack.“

Fazit: Sehr unterhaltsam, vielfältig anregend und ausgesprochen lehrreich.

Gert Ueding
Bloch, Jens und Mayer
Die Tischgesellschaft der Julie Gastl
Kröner Edition Klöpfer, Stuttgart 2024

Charlotte Kerner: We are Volcanoes

Weshalb wird einem deutschen Buch bloss ein englischer Titel gegeben? Nein, ich bin kein Sprach-Purist, ich mag das Englische, habe auf Englisch studiert und publiziert, doch ein englischer Titel für eine deutsche Publikation? Klar doch, der Zeitgeist will es so, doch wenn sich dann zeigt, dass das Englisch einiges zu wünschen übrig lässt („Wie wäre es denn mit ‚Out of my depth‚, was ‚abgetaucht‘ meint …“; Nein heisst es nicht, ‚out of my depth‘ heisst ‚überfordert‘ ), ist es so recht eigentlich nur peinlich …

Dem Zeitgeist geschuldet ist auch die gegenwärtige Verherrlichung der Leistungen von Frauen, die sich von Männern allerdings gar nicht so sehr unterscheiden, jedenfalls wirken sie auf mich genauso eitel und besserwisserisch, ebenso sensibel und nachdenklich. Und auch im Dümmsten und Destruktivsten sind sie den Männern ähnlich: In der Vergötterung des Wettbewerbs und des Erfolges. Auch wenn Lynn Margulis erfreulicherweise die Symbiose „als mindestens so wichtiges Movens wie die Konkurrenz“ ausgemacht hat.

Charlotte Kerner erläutert im Vorwort ihre Herangehensweise ans „Triumfeminat Carson, Margulis und Haraway“, bei der die jeweiligen Lebensgeschichten von fiktiven Auftritten der Öko-Visionärinnen sowie kurzen Abstechern in die Wissenschaftsgeschichte ergänzt werden. Nicht Weniges an diesem Buch ist übrigens (durchaus begründete) Spekulation, die häufige Verwendung von „sicher“ weist daraufhin.

Rachel Carson und Lynn Margulis sind mir vage bekannt, daher mein Interesse an diesem Buch, an dem mir am besten gefallen hat, dass es mich darauf aufmerksam machte bzw. in Erinnerung rief, dass es im Leben wesentlich darum geht, den eigenen Platz darin zu erkennen und zu akzeptieren. „ … denn wenn je irgendein Wesen an das Ende seines Lebenszyklus gelangt ist, so akzeptieren wir dies als ganz natürlich. Für den Monarchen misst sich dieser Zyklus als eine Zeitspanne von Monaten. Für uns ist das Mass ein etwas anderes, dessen Dauer wir nicht wissen können. Aber (…) wenn dieser unfassbare Zyklus abgelaufen ist, so ist es eine natürliche und keineswegs bedauerliche Angelegenheit, dass ein Leben an sein Ende kommt.“, so Rachel Carson, die vor allem auszeichnete, dass ihr das eigene Erleben zentral war und sie „lieber ins Moor und in den Wald geht und Vögel beobachtet“ als wissenschaftliche Publikationen zu verfassen.

So erfreulich unaufgeregt sich Rachel Carson ausdrückt, von Charlotte Kerner, die mit Begriffen wie „Umwelt-Heldin“ und „Ikone des Widerstands“ operiert, lässt sich das leider nicht sagen.

Wie Rachel Carson ging es auch Lynn Margulis um unseren Platz auf dem Planeten Erde. „Wir Menschen sind (…) das Ergebnis der Milliarden Jahre währenden Wechselwirkungen zwischen höchst reaktionsfähigen Mikroben, dies klingt für manche Menschen beunruhigend. Dem einen oder anderen erscheint das gar als beängstigende Nachricht aus der Welt der Wissenschaft, einer Informationsquelle, die es abzulehnen gilt. Ich finde sie faszinierend!“ Sehr schön kommentiert (die fiktive) Donna Haraway: „Ich gehe als Zwitterwesen, Mosaik, Chimäre stolz durch die Welt. Wir sind unverbesserliche Sym-bio-tiker/Zusammen-Lebende und im tiefsten Wortsinn mit allen anderen Erdlingen verwandt.“

Dass Margulis‘ „Symbiogenese“ viel Widerstand entgegenwehte, vermutet Charlotte Kerner, könnte auch damit zu tun haben. „weil sie dem Menschen die vierte grosse wissenschaftliche Kränkung zufügt: Erst warf Kopernikus unsere Spezies aus dem Mittelpunkt des Universums. Dann erklärte Darwin, dass wir nicht von Gott gemacht, sondern ein Produkt der Evolution sind. Und Freud entlarvte die Illusion, unser Bewusstsein immer kontrollieren zu können. Und jetzt kommt auch noch eine Biologin daher, die behauptet, die Bakterien hätten nicht nur unseren Planeten bewohnbar gemacht, sondern sie würden uns auch noch regieren, infiltrieren und wir seien von diesen unsichtbaren Dingern abhängig und auf Gedeih und Verderb mit ihnen verbunden.“ Eine überaus treffende Analyse!

Dass Margulis auch lächerlich gemacht und diffamiert wurde, erklärt sich Charlotte Kerner unter anderem damit, dass es Frauen im patriarchalischen System generell schwerer haben. Ich habe keinerlei Zweifel, dass sie damit richtig liegt, doch ist das kein Argument, wenn Margulis als „halsstarrig und schwierig“ bezeichnet wird. Möglicherweise war sie das ja, und möglicherweise erwiesen sich solche Eigenschaften auch als hilfreich.

Wie in jedem Buch so fallen mir auch in We are Volcanoes Stellen auf, die ich ausgesprochen erhellend finde, vermutlich, weil sie Gedanken formulieren, die mir neu sind. Dazu gehört Margulis‘ Aussage anlässlich einer Diskussion mit Richard Dawkins. „Nichts könne egoistisch, selfish sein, das gar kein Ego habe. Ein Gen habe kein Self. Das wahre Selbst sei die lebende Zelle. Das selfish gene – so der englische Name – spielte danach im öffentlichen Diskurs immer seltener eine Rolle, während Margulis‘ Symbiose gerade überall aufblüht.“

Zu Donna Haraway, der dritten Frau, die in diesem Band vorgestellt wird, fällt mir leider nichts ein; ihre Themen (unter anderem Cyborgs) erwecken in mir weder Neugier noch Interesse.

Charlotte Kerner
We are Volcanoes
Die Öko-Visionärinnen Rachel Carson, Lynn Margulis, Donna Haraway
Westend Verlag. Neu-Isenburg 2024

Ben Macintyre: Der Spion und der Verräter

Wer eine realistische Vorstellung von dem Gerangel um Macht und Herrschaft, das wir uns auch als Politik schönreden, haben möchte, erfährt in diesem Buch Einiges, denn wovon wir in der Zeitung lesen, was wir im Fernsehen sehen, ist meist nichts anderes als PRopaganda. Das Entscheidende geschieht im Geheimen. Davon handelt dieses überaus erhellende Werk, das weit über die Spionage hinausgeht, und so recht eigentlich vor allem Aufklärung darüber leistet, wie der Mensch, diese wenig erfreuliche Erscheinung, und die von ihm kreierten Apparate ticken.

Ben Macintyre, Journalist bei der Times und Autor zahlreicher Spionagebücher, ist ein glänzender Menschenkenner und weiss, dass Spione oft ein Flair für das Element der Täuschung haben. „Der Federball, der in den letzten Sekunden seines Fluges langsamer wird, gibt dem Spieler die Möglichkeit, seinen Verstand einzusetzen und seinen Schlag im letzten Moment zu ändern.“, zitiert er den aus einer KGB-Familie stammenden Oleg Gordijewski, der vom sowjetischen System bitter enttäuscht, für den britischen Geheimdienst spionierte.

Doch Ben Macintyre erzählt nicht nur die Geschichte von Oleg Gordijewski, der „in einer engverbundenen, liebevollen Familie“ aufwuchs, „die von Doppelmoral geprägt war“, und die Briten mit der Denkweise des Kreml vertraut machte, er informiert auch ausgiebig darüber, was der KGB eigentlich ist und wie er operiert.

„Für den Westen war das Akronym der Inbegriff von Terror nach innen und Aggression und Subversion nach aussen, eine Abkürzung für die ganze Grausamkeit eines totalitären Regimes, das von einer gesichtslosen Beamtenmafia geführt wird. Aber der KGB wurde von denen, die unter seiner strengen Herrschaft lebten, nicht so gesehen. Sicherlich flösste er Angst und Gehorsam ein, aber er wurde auch als Prätorianergarde bewundert, als Bollwerk gegen westliche imperialistische und kapitalistische Aggression und als Beschützer des Kommunismus. Die Zugehörigkeit zu dieser elitären und privilegierten Truppe verschaffte Bewunderung und erzeugte Stolz. Wer dem Dienst beitrat, tat dies fürs ganze Leben. ‚So etwas wie einen ehemaligen KGB-Mann gibt es nicht‘, sagte einmal der ehemalige KGB-Offizier Wladimir Putin.“

„Fake News“ und gezielte Desinformation gehören genauso zu den Waffen des KGB wie das Rekrutieren feindlicher Agenten sowie nützlicher Idioten wie etwa den späteren Labour-Chef Michael Foot. Zudem werden viele Illegale in fremde Länder eingeschleust, die in Wirklichkeit KGB-Offiziere sind, jedoch als Journalisten und Handelsvertreter arbeiten.

Dieses Buch zu lesen, bedeutet auch, ein paar Illusionen zu verlieren. Ich jedenfalls konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Westen gegenüber den Russen von beispielloser Naivität ist. Sicher, Spione fliegen immer mal wieder auf, doch das bedeutet vor allem, dass es wohl nicht wenige gibt, die nicht auffliegen. Der Spion und der Verräter legt die Vermutung nahe, dass der Westen wesentlich intensiver unterwandert ist, als wir gemeinhin annehmen. Die wenigen Fälle, die bekannt wurden, sind kaum mehr die Spitze des Eisbergs.

Die Welt der Spionage ist eine Welt der Angst. Ständig muss man davon ausgehen, überwacht und denunziert zu werden, Niemanden ist zu trauen. Das ist in allen totalitären Staaten so. Wie kam es also, dass ein KGB-Mann wie Gordijewski die Seiten wechselte? Nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil er das Regime verachtete und dabei die Achtung erlangte, nach der er sich sehnte.

So erlebte er die KGB-Zentrale in London. „Gordijewski fand sich in einem stalinistischen Miniaturstaat wieder, in einer abgeschotteten Welt voller Misstrauen, kleinlicher Eifersüchteleien und Verleumdungen.“ Es war ein Ort, an dem die Paranoia herrschte. Die Russen wähnten sich all überall ständig beobachtet, die Tatsache, dass sie keine Hinweise dafür fanden, bestätigte sie noch darin! Von sich auf andere zu schliessen, ist keine besonders gute Art, durch die Welt zu gehen.

Der KGB, lerne ich aus diesem Buch, ist viel fehlerhafter, ungeschickter und ineffizienter, als man sich das gemeinhin vorstellt. Und die russische Weltsicht ist paranoid – das hat auch der Angriff auf die Ukraine gezeigt. „1982 heizte sich der Kalte Krieg bis zu einem Punkt auf, an dem der Atomkrieg wirklich möglich erschien. Gordijewski enthüllte, dass der Kreml – fälschlicherweise, aber ernsthaft – glaubte, der Westen stehe kurz davor, den Atomknopf zu drücken.“

Liest man, was die Russen für Indizien für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff der USA und der Nato hielten – „Wenn die Zahl der in Schlachthöfen getöteten Rinder stark zunähme, könnte dies ein Hinweis darauf sei, dass der Westen vor dem Armageddon Hamburger hortet.“ – , bestätigt wieder einmal, dass die Welt von Idioten regiert wird (ich gehe nicht davon aus, dass das westliche Führungspersonal geistig gesünder unterwegs ist) und wir es grossem Glück zu verdanken haben, dass die Welt nicht schon längst in Schutt und Asche liegt.

„Die psychologische Befriedigung aller nachrichtendienstlichen Arbeit besteht darin, mehr zu wissen als die Gegner, aber auch mehr als die Verbündeten. In der allumfassenden, globalen Sichtweise von Langley besass die CIA das Recht, alles zu wissen, was sie wissen wollte.“ Und so kam sie Gordijewski auf die Spur und trug in der Folge dazu bei, dass … doch ich will dem Buch hier nicht die Spannung – und es wird noch sehr spannend! – nehmen …

Stellenweise ist dieses Werk übrigens auch sehr lustig: So erfährt man etwa, dass „Baron Moore of Wolvercote, CCB, GCVO, CMG, QSO sowie oberster Hüter der Geheimnisse der Königin“, nach seiner Pensionierung als Privatsekretär der Königin zum Permanent Lord-in-Waiting ernannt wurde.

Der Spion und der Verräter zeigt eindrücklich, woher die grösste Gefahr für unsere Welt droht: Der Fähigkeit des Menschen, jeden Unsinn zu glauben – und dann Belege dafür zu finden. Man denke etwa an die angeblichen Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein. Es grenzt an ein Wunder, dass es die Zivilisation, trotz all der Durchgeknallten in Führungspositionen und der bereitwillig jeden Schwachsinn Ausführenden, nach wie vor gibt.

Fazit: Wer Russland und das Denken des Kreml verstehen will, sollte diesen packenden, unterhaltsamen, informativen und hervorragend geschriebenen Non-Fiction-Thriller lesen!

Ben Macintyre
Der Spion und der Verräter
Die spektakulärste Geheimdienstgeschichte des Kalten Krieges
Insel Verlag, Berlin 2023

Claudia Graf-Grossmann: Johannes Mario Simmel

Kann man eigentlich einen anderen Menschen kennen? So recht eigentlich kennen wir doch nicht einmal uns selber. Bestenfalls können wir rätseln. Der Autorin dieser Biografie ist das sehr bewusst, weshalb sie denn auch die Szene, die sie in ihrem Prolog schildert, so kommentiert: „Ist diese Szene real, oder befinden wir uns in einem Film, einem Roman, oder gar in einer Erinnerung? Die Antwort kennt nur der Wind.“

Geboren wurde der spätere Bestseller-Autor Johannes Mario Simmel (über 72 Millionen verkaufte Bücher, übersetzt in 30 Sprachen) am 7. April 1924 in Wien. Ich erinnere mich speziell an „Und Jimmy ging zum Regenbogen“ (an den genialen Titel, nicht an den Inhalt), doch vor allem bringe ich mit Simmel in Verbindung, dass er in einem Interview (damals lebte er im schweizerischen Zug, einem Steuerparadies für Vermögende) sagte (ich zitiere aus der Erinnerung), es sei nur eine sehr dünne, angelernte Schicht, die den Menschen von seiner barbarischen Natur trenne.

Wie jede Biografie ist auch diese ein Stück Zeitgeschichte. So informiert Claudia Graf-Grossmann nicht nur nachvollziehbar und erhellend über die Nazizeit in Österreich und was diese für die Familie Simmel bedeutete, sondern auch über die Chemiekatastrophe im indischen Bhopal, als 1984 Tausende Menschen und Tiere sterben. Und über Schweizerhalle, Tschernobyl, das Waldsterben, die Drogenszenen am Berliner Bahnhof Zoo und am Zürcher Platzspitz. Und und und … Ich staune, was mir schon längst nicht mehr bewusst ist.

Der einstige Journalist Johannes Mario Simmel war ein ungemein produktiver und sozial engagierter Autor, der von einigen Kritikern dafür verspottet wurde, dass sich alle seine Romane um eine Liebesgeschichte drehen. „Er weiss, dass Menschen, die dem Alltag entfliehen wollen, eben gerne eintauchen in Romantik und Leidenschaft. Die Liebesgeschichte gehört zur ‚Verpackung’“, mittels derer er seine Anliegen den Lesern schmackhaft machte.

Spannend an dieser Biografie fand ich all das, was gemeinhin unter Klatsch läuft, jedoch häufig mehr Aufschluss über einen Menschen gibt als, zum Beispiel, seine für die Öffentlichkeit bestimmten Ansichten. So telefonierte Simmel oft mit Marlene Dietrich. Übrigens: Wie der erste Telefonkontakt zustande kam, lohnt schon alleine die Lektüre dieses Werkes. Genauso wie die Begründung für die Verleihung des Kulturpreises der deutschen Freimaurer im Jahre 1981.

Als „Gebrauchsschriftsteller“ wurde Simmel gelegentlich bezeichnet (was auch immer das heissen mochte), er selber sah sich am ehesten als „Chronist der Zeit“, was definitiv zutreffender ist, denn es sind in der Tat die vielfältigen Zeitereignisse, mit denen er sich in seinen Romanen auseinandersetzte. Dass sich diese bestens verkauften, wurde ihm vor allem von Kritikern oft geneidet, so nach dem Motto: Was erfolgreich ist, kann schlicht nicht gut sein. Eine eigenartige Haltung von Leuten, die sich selbst in der Regel als Demokraten (und damit dem Mehrheitsprinzip verpflichtet) sehen.

Ganz besonders gefallen an dieser Biografie hat mir die Vielfältigkeit. So war ich nicht wenig überrascht, von den Erkenntnissen des Nobelpreisträgers Karl von Frisch zu lesen, demzufolge österreichische und italienische Bienen eine andere Sprache sprechen. „Die Bienen verständigen sich durch bestimmte Tanzformen – Schwänzeltanz, Rundtanz und so weiter. Ein und dasselbe Signal bedeutet aber bei der österreichischen Biene beispielsweise eine andere Distanz vom Stock als bei der italienischen. Leider sei dieser Aspekt vergessen worden, als die Menschen begannen, Honigbienen zu kreuzen. Die Folge? Eine geradezu babylonische Sprachverwirrung unter den Bienen, mit recht gefährlichen Konsequenzen: Die Bienen hätten sich missverstanden und die Entfernungsangaben falsch interpretiert. Kurz: Bei den Insekten habe eine grosse Sprachverwirrung geherrscht, die Bienen seien geradezu verrückt geworden.“ Solche Ausführungen hätte ich in einer Simmel-Biografie nicht erwartet. Wie kam es also dazu? Simmels letztes Werk, eine Sammlung von Reden und Aufsätzen „über unsere wahnsinnige Welt“, hiess „Die Bienen sind verrückt geworden“.

Fazit: Das gelungene Porträt eines sensiblen, skeptischen Romantikers sowie ein packendes und aufschlussreiches Stück Zeitgeschichte.

Claudia Graf-Grossmann
Johannes Mario Simmel
„Mich wundert, dass ich so fröhlich bin“ / Die Biografie
Droemer, München 2024

Julia Voss und Daniel Birnbaum: Hilma af Klint und Wassily Kandinsky träumen von der Zukunft

Im Vorwort von Herausgeberin Susanne Gaensheimer stosse ich unter anderem auf diese Sätze, die fortan „meinen“ Kontext definieren. Zum Einen: „Der Kalte Krieg stellte die Weichen. Ungegenständlich zu malen galt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Inbegriff einer Freiheit, die der Westen bot und der Osten verbot.“ Wer sich sprachlich derart treffend auszudrücken versteht, hat meine uneingeschränkte Sympathie. Zum Andern: „Die Kunstgeschichte macht manchmal überraschende Sprünge. Kandinsky hat Generationen geprägt und mit seinem Werk fortlaufend Geschichte geschrieben. Hilma af Klints Nachruhm ist dagegen plötzlich und mit grosser Verzögerung eingetreten. Ihre Gefolgschaft in der Kunstwelt vermehrt sich seither jedoch stetig.“

Da ich weder zur Kunstwelt gehöre, noch besonderes Interesse an ihr habe: Wer ist Hilma af Klint? Eine Schwedin, „die in Stockholm grossformatige, ungegenständliche Bilder malte, die wenigsten davon ausstellte und tausende unveröffentlichte Seiten Text hinterliess.“ Zusammen mit Wassily Kandinsky gehört sie (sie starb 1940, wenige Tage vor ihrem 82. Geburtstag) zu den Pionieren der Abstraktion,

Kandinsky war der Meinung, die Kunst sei dazu da, eine Zeitenwende einzuführen. „Nur wie? Kandinsky hatte damit begonnen, Gemälde mit dramatischen Titeln zu malen, die das Weltenende ankündigten. Sie hiessen ‚Apokalyptische Reiter‘, ‚Sintflut‘, ‚Jüngstes Gericht‘, ‚Auferstehung‘ oder ‚Allerheiligen.’“ Ob man damit eine Zeitenwende einführt? Mir scheint es eher ein Hinweis, auf ein grosses Ego.

Sehr schön zeigen Julia Voss und Daniel Birnbaum die geschichtlichen Zusammenhänge in Europas Norden zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf. 1905 wurde Norwegen unabhängig von Schweden, im russischen Zarenreich brach eine Revolution aus, in Finnland wurde das allgemeine Wahlrecht eingeführt, auch für Frauen.

Af Klint glaubte mit unsichtbaren Kräften und Mächten im Austausch zu stehen; die Vorstellung, dass diese am Schaffensprozess beteiligt sein müssen, findet sich häufig in der Geschichte. So dichtete Nietzsche: „Man hört, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da gibt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Nothwendigkeit, in der Form ohne Zögern – ich habe nie eine Wahl gehabt.“

Dass Anspruch und Umsetzung häufig auseinanderklaffen, ist bekannt. Kandinskys Anspruch war wenig bescheiden, er glaubte, dem Künstler komme die Aufgabe zu, „die Menschen auf neue Bahnen zu lenken, die Erkenntnisfähigkeit wie das Gefühlsleben zu revolutionieren.“ Ob ihm dies gelungen ist? Schon möglich, dass das Betrachten seiner Bilder bei einigen dazu führen kann.

Af Klint beschreibt ihre eigene Herangehensweise so: „Ich bin ein Atom im Universum, das über unendliche Entwicklungsmöglichkeiten verfügt, die ich versuchen werde nach und nach zu enthüllen.“ Wie auch bei Kandinsky, empfiehlt es sich, sich auf ihre Bilder einzulassen.

Kandinskys und af Klints Werdegang hätten unterschiedlicher kaum sein können – während er sich in der modernen Kunstwelt wie ein Fisch im Wasser bewegte, wurde af Klint von dieser Welt fast vollständig ignoriert. Auch ihre Arbeitsstile waren höchst verschieden. Während af Klint „mit grosser Geschwindigkeit malte, konnte bei Kandinsky die Arbeit an einem Bild Wochen dauern, oder auch Monate.“

Besonders angesprochen hat mich, wie Julia Voss und Daniel Birnbaum die Gegensätze der beiden (die wohl nicht nur in ihrem Temperament, sondern auch in ihrem unterschiedlichen Lebensstil begründet waren) herausschälen. „Während Kandinskys theoretische Schriften einen disziplinierteren Eindruck machen als seine Gemälde, gilt für af Klint das Gegenteil. Ihre systematisch ausgeführten geometrischen Serien, die zwischen 1917 und 1920 gemalt wurden, zeugen von einer Genauigkeit, an der es in ihren Aufzeichnungen häufig fehlt.“

Darüber hinaus gelingt es den Autoren hervorragend, das ungegenständliche Malen der beiden als das zu zeigen, was es wesentlich gewesen ist: Ein Aufbruch ins unbekannte Geistige, das die bisher starre Welt in Fluss versetzte. „So wie Atome und Elemente veränderlich waren, konnte alles ein neues Äusseres annehmen, sich wandeln, verkehren, umstülpen auflösen. Die Kunst war das beste Beispiel.“

Fazit: Eine gut geschriebene, sehr ansprechend gestaltete und überaus anschauliche Einführung in die Welt der ungegenständlichen Malerei, anhand des Schaffens und der Werke von Hilma af Klint und Wassily Kandinsky.

Julia Voss und Daniel Birnbaum
Hilma af Klint und Wassily Kandinsky träumen von der Zukunft
Herausgegeben von Susanne Gaensheimer
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen / S. Fischer, Frankfurt am Main 2024

Virginia Woolf & Vita Sackville-West: Love Letters

Weshalb Love Letters, weshalb nicht Liebesbriefe? Nun ja, auch Buchverlage gehen mit der Zeit, und die heutige will gerade alles auf Englisch. Besonders originell ist das nicht gerade … Dazu kommt, dass hier nicht nur Briefe, die sich die beiden Frauen geschrieben haben, versammelt sind, sondern auch Tagebucheinträge sowie Briefe von Vita an ihren Mann Harold, den sie zu beruhigen suchte. „Ich liebe sie, aber ich könnte mich nicht in sie ‚verlieben‘, sei also ganz beruhigt.“

Ob sich die beiden wohl vorgestellt haben, dass ihre Briefe einmal veröffentlicht werden? Es ist anzunehmen, denn wer schreibt, schreibt immer auch für die Öffentlichkeit, will, dass auch andere (und möglichst die ganze Welt) Kenntnis nimmt von dem, was sie (oder ihn) umtreibt, beschäftigt, und aufschreibenswert dünkt.

Virginia Woolf war verheiratet mit dem Kritiker Leonard Woolf, Vita Sackville-West mit dem Diplomaten Harold Nicolson. Kennengelernt hatten sich die beiden Frauen bei einem Dinner 1922. Virginia war 10 Jahre älter, die Verbindung währte 20 Jahre.

Die Herausgeberin Alison Bechdel faszinierte „die vehemente Standfestigkeit, mit der diese beiden Frauen den Zumutungen des Lebens entgegentraten – Verlust, Krankheit, Desillusionierung, schmerzhafte Veränderungen.“ Und dies ist in der Tat, was diese Aufzeichnungen auf beeindruckende Art und Weise zeigen.

Natürlich wissen wir nicht (können wir nicht wissen) wie der jeweils andere tickt, was und wie er fühlt und empfindet – wir wissen dies ja häufig nicht einmal in Bezug auf uns selbst. Stattdessen haben wir Vorstellungen voneinander. Ganz wunderbar formuliert Virginia. „Ich kann dir versichern, wenn du mich erfindest, erfinde ich dich.“ Das widerspiegelt die Realität weit besser als das heutzutage gängige und bemühte Identitätsgeschwafel, dem dieser spielerische Umgang fremd ist.

Virginia war eine höchst umtriebige Frau. „Du scheinst mindestens sechs Vollzeit-Berufe in Dir zu vereinen: Romanautorin, Journalistin, Druckerin, Verlagslektorin. Freundin und Verwandte. Jeder davon für sich ein Beruf; und keiner davon wird nachlässig behandelt.“

Auf dem Schutzumschlag wird Herausgeberin Alison Bechdel mit „Meisterwerke der Sehnsucht“, zitiert; ich selber lese diese Texte vor allem als vielfältig anregende Bemerkungen zu ganz Unterschiedlichem. So notiert etwa Vita zu ihrer Proust-Lektüre: „Aber warum hat er 10 Seiten dafür gebraucht, etwas zu sagen, was in 10 Wörtern gesagt werden könnte?“ Und Virginia schreibt: „Ich habe mich sofort verliebt, nicht in ihn oder sie, sondern in den Beruf des Börsenmaklers, nie ein Buch gelesen zu haben (ausser Robert Hichens (sic), nie von Roger oder Clive oder Duncan oder Lytton gehört zu haben. Ach, das ist das Leben, sagte ich mir immer wieder – und was ist Bloomsbury oder Long Barn anderes als eine Erfindung, eine zeitweilige Verschlingung und warum bedaure und verhöhne ich die menschliche Spezies, wenn sie überwiegend friedlich und fröhlich ist?“

Es sind solch grundsätzliche Überlegungen, die mich für dieses Werk einnehmen. So wenn Vita, die sich in einem Brief aus Teheran als geografischen Snob bezeichnet (ihre Beschreibung Persiens ist ganz wundervoll), feststellt: „Woher kommt es, dass man nie etwas vermitteln kann? Nur eingebildete Dinge können vermittelt werden, wie Ideen oder die Welt eines Romans, aber keine wirklichen Erfahrungen: Doch ich sehe Dich sehr deutlich, wie Du nach Rodmell fährst und mit Eddy zu Mittag isst, aber das liegt daran, dass ich Rodmell kenne und Eddy kenne.“

So begeistert und angetan Vita von Virginia auch ist, ihren Mann, das war im August 1926, lässt sie wissen, „ich habe eine Riesenangst davor, körperliche Gefühle in ihr zu wecken, wegen ihres Wahnsinns. Ich weiss nicht, wie sich das auswirken würde, verstehst Du: es ist ein Feuer, mit dem ich wirklich nicht spielen möchte.“ Und im September 1928 notiert sie: „Die Kombination von ihrem ausserordentlichen Verstand mit dem zarten Körper ist sehr liebenswert. Sie hat ein reizendes und kindliches Wesen, das völlig getrennt ist von ihrem Intellekt.“

Fazit: Höchst aufschlussreich und sehr berührend.

PS: Love Letters lehrte mich auch Überraschendes. Etwa dass Julia Margaret Cameron Virginias Grosstante war. Und dass Virginia, für die Bestätigung zentral gewesen ist, des Premierministers Vorschlag, sie für die Honours-Liste anlässlich des Geburtstags des Königs zu empfehlen, ablehnte.

Virginia Woolf & Vita Sackville-West
Love Letters
Herausgegeben von Alison Bechdel
Unionsverlag, Zürich 2024

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