Das ist, nach Herscht 07769, mein zweites Buch von László Krasznahorkai. In die erste Erzählung komme ich zuerst nicht rein, in die zweite und die dritte hingegen sofort, und wie schon bei Herscht 07769 bin ich verblüfft, dass mich diese Bandwurmsätze, die viel Konzentration erfordern, nicht schnell aufgegeben lassen, denn Geduld ist gar nicht mein Ding, und dass ich weiss, dass sie jedem schwer fällt, hilft auch nicht.
Die zweite Geschichte handelt von einem Bibliothekar in New York (und auf diese will ich mich hier beschränken), der mit einem inneren Monolog in Erscheinung tritt, einem Monolog ohne Punkt, doch mit vielen Kommas, sodass man den Eindruck eines stream of consciousness hat, der naturgemäss von hier nach dort und rauf und runter und wohin auch immer wandert. Dass man dabei nicht den Faden verliert, ist mir ein Rätsel.
Der Bibliothekar nervt sich über Manhattan, diese „groteske Romantisierung des Ordinären“, geschaffen von geldgierigen Immobilienmaklern; er zitiert Ted Hughes, der befand, Manhattan sei „eine fragile und einsame Kerze“, und findet das gar nicht, überhaupt nicht, bezeichnet stattdessen Manhattan als „beklemmendes, brutales rohes, aggressives angeberisches, gigantomanisches …“ – wer würde dann nicht automatisch an den heutigen Florida-Golfer aus Queens denken?
László Krasznahorkai, der mit sich selber spricht, aber so tut, als ob er mit jemand anderem sprechen würde, und auch so schreibt, „aber ich kann, wie ich schon gesagt habe, nicht anders schreiben, nur so, als würde ich zu jemandem sprechen …“. Was dabei herauskommt, ist von einer einzigartigen Gedanken- und Gefühlsdichte, die einen Sog entfaltet, dem man sich nur schwer entziehen kann … warum sollte man auch?
Von Ausstellungen erzählt er. Und dass er dabei auf Lebbeus Woods getroffen ist, „der stach aus der Ausstellung sehr heraus, in der etwa hundert oder zweihundert sogenannte Künstler ihr schreckliches Nichts ausstellten …“. Ich erinnere mich nicht, jemals derart fulminant vorgeführt gekriegt zu haben, worum es bei der sogenannten Kunst der sogenannten Künstler heutzutage geht: Ums Dazugehören, „als wäre das ‚Dazugehören‘ die einzige Möglichkeit, als Künstler zu leben, was man nur dann schaffen kann, wenn man dazugehört, grauenhaft, die Feigheit schreit zum Himmel …“.
Es versteht sich: Kunst kann auch etwas ganz anderes sein. „… wenn Kunst da ist, dann ist, wie soll ich sagen, in einem gegebenen Raum eine aussergewöhnliche Atmosphäre, und diese können Bücher, Skulpturen, Gemälde, Tanz oder Musik bewirken, aber auch Menschen, ich kann es nur so ausdrücken, die Kunst ist eine Wolke, die in der Hitze einen Schatten wirft, oder ein Blitz, der an einer Stelle den Himmel durchbricht, wo im Schatten oder Blitzschein die Welt einfach nicht mehr so sein wird, wie sie davor war …“. Zum ersten Mal glaube ich zu verstehen, was Kunst ist.
Der Bibliothekar lässt sich auch über seinen Beruf aus, für den offenbar kennzeichnend ist, dass die Leser stören und davon abhalten, wirklich Bibliothekare zu sein. Seine Passion gehört Herman Melville, mit dessen bestens informierten Biografen er vertraut ist, auch wenn sie es, wie er findet, nicht geschafft haben, den berühmten Autor wirklich zu fassen, was vielleicht auch damit zu tun haben könnte, dass viel Wissen gemeinhin viel zudeckt und nicht etwa erhellt. Sein Kriterium ist, „ob ich ihn vor meinem Auge heraufbeschwören kann, und ich konnte ihn nicht vor meinem Auge heraufbeschwören“.
Als ihm dann im Zusammenhang mit Melville der alkoholsüchtige Malcolm Lowry durch den Kopf geht, der an seiner völligen Selbstvernichtung arbeitete und dabei seine Ehefrauen zu Tode quälte … es ist dies eine der eindringlichsten Darstellungen über die Destruktivität des Alkoholismus, die ich kenne … doch Halt, Stopp, ich will hier nicht die Geschichte nacherzählen, sondern von László Krasznahorkais aussergewöhnlichen Schreibkunst berichten, die im besten Sinne des Wortes Kunst ist, weil man nach dieser Lektüre nicht mehr derselbe ist – man hat eine andere Welt erfahren.
Fazit: Intensiv, Horizont-erweiternd und bereichernd.
László Krasznahorkai
Im Wahn der Anderen
Drei Erzählungen
S. Fischer, Frankfurt am Main 2023




