László Krasznahorkai: Im Wahn der Anderen

Das ist, nach Herscht 07769, mein zweites Buch von László Krasznahorkai. In die erste Erzählung komme ich zuerst nicht rein, in die zweite und die dritte hingegen sofort, und wie schon bei Herscht 07769 bin ich verblüfft, dass mich diese Bandwurmsätze, die viel Konzentration erfordern, nicht schnell aufgegeben lassen, denn Geduld ist gar nicht mein Ding, und dass ich weiss, dass sie jedem schwer fällt, hilft auch nicht.

Die zweite Geschichte handelt von einem Bibliothekar in New York (und auf diese will ich mich hier beschränken), der mit einem inneren Monolog in Erscheinung tritt, einem Monolog ohne Punkt, doch mit vielen Kommas, sodass man den Eindruck eines stream of consciousness hat, der naturgemäss von hier nach dort und rauf und runter und wohin auch immer wandert. Dass man dabei nicht den Faden verliert, ist mir ein Rätsel.

Der Bibliothekar nervt sich über Manhattan, diese „groteske Romantisierung des Ordinären“, geschaffen von geldgierigen Immobilienmaklern; er zitiert Ted Hughes, der befand, Manhattan sei „eine fragile und einsame Kerze“, und findet das gar nicht, überhaupt nicht, bezeichnet stattdessen Manhattan als „beklemmendes, brutales rohes, aggressives angeberisches, gigantomanisches …“ – wer würde dann nicht automatisch an den heutigen Florida-Golfer aus Queens denken?

László Krasznahorkai, der mit sich selber spricht, aber so tut, als ob er mit jemand anderem sprechen würde, und auch so schreibt, „aber ich kann, wie ich schon gesagt habe, nicht anders schreiben, nur so, als würde ich zu jemandem sprechen …“. Was dabei herauskommt, ist von einer einzigartigen Gedanken- und Gefühlsdichte, die einen Sog entfaltet, dem man sich nur schwer entziehen kann … warum sollte man auch?

Von Ausstellungen erzählt er. Und dass er dabei auf Lebbeus Woods getroffen ist, „der stach aus der Ausstellung sehr heraus, in der etwa hundert oder zweihundert sogenannte Künstler ihr schreckliches Nichts ausstellten …“. Ich erinnere mich nicht, jemals derart fulminant vorgeführt gekriegt zu haben, worum es bei der sogenannten Kunst der sogenannten Künstler heutzutage geht: Ums Dazugehören, „als wäre das ‚Dazugehören‘ die einzige Möglichkeit, als Künstler zu leben, was man nur dann schaffen kann, wenn man dazugehört, grauenhaft, die Feigheit schreit zum Himmel …“.

Es versteht sich: Kunst kann auch etwas ganz anderes sein. „… wenn Kunst da ist, dann ist, wie soll ich sagen, in einem gegebenen Raum eine aussergewöhnliche Atmosphäre, und diese können Bücher, Skulpturen, Gemälde, Tanz oder Musik bewirken, aber auch Menschen, ich kann es nur so ausdrücken, die Kunst ist eine Wolke, die in der Hitze einen Schatten wirft, oder ein Blitz, der an einer Stelle den Himmel durchbricht, wo im Schatten oder Blitzschein die Welt einfach nicht mehr so sein wird, wie sie davor war …“. Zum ersten Mal glaube ich zu verstehen, was Kunst ist.

Der Bibliothekar lässt sich auch über seinen Beruf aus, für den offenbar kennzeichnend ist, dass die Leser stören und davon abhalten, wirklich Bibliothekare zu sein. Seine Passion gehört Herman Melville, mit dessen bestens informierten Biografen er vertraut ist, auch wenn sie es, wie er findet, nicht geschafft haben, den berühmten Autor wirklich zu fassen, was vielleicht auch damit zu tun haben könnte, dass viel Wissen gemeinhin viel zudeckt und nicht etwa erhellt. Sein Kriterium ist, „ob ich ihn vor meinem Auge heraufbeschwören kann, und ich konnte ihn nicht vor meinem Auge heraufbeschwören“.

Als ihm dann im Zusammenhang mit Melville der alkoholsüchtige Malcolm Lowry durch den Kopf geht, der an seiner völligen Selbstvernichtung arbeitete und dabei seine Ehefrauen zu Tode quälte … es ist dies eine der eindringlichsten Darstellungen über die Destruktivität des Alkoholismus, die ich kenne … doch Halt, Stopp, ich will hier nicht die Geschichte nacherzählen, sondern von László Krasznahorkais aussergewöhnlichen Schreibkunst berichten, die im besten Sinne des Wortes Kunst ist, weil man nach dieser Lektüre nicht mehr derselbe ist – man hat eine andere Welt erfahren.

Fazit: Intensiv, Horizont-erweiternd und bereichernd.

László Krasznahorkai
Im Wahn der Anderen
Drei Erzählungen
S. Fischer, Frankfurt am Main 2023

Annie Ernaux: Die Jahre

Annie Ernaux, geboren 1940, die sich als „Ethnologin ihrer selbst“ bezeichnet, erhielt 2022 den Nobelpreis für Literatur. Mein Verhältnis zu Trägern und Trägerinnen des Literaturnobelpreises ist gespalten. Ich glaube, sie schätzen zu müssen, doch es ist selten, dass ich es auch tue. Zu vielen habe ich schlicht keinen Zugang (jedenfalls nicht zu den Büchern, die mir in die Hände gefallen sind), die meisten kenne ich nicht, und dann gibt es die, die mich unmittelbar ansprechen. Die Jahre von Annie Ernaux gehört ganz unbedingt dazu, das weiss ich bereits nach den ersten paar Seiten. Es liegt an Aussagen wie „Der Welt fehlt es am Glauben an eine transzendentale Wahrheit“, gefolgt von „Alles wird innerhalb einer Sekunde vergehen, Getilgt das von der Geburt bis zum Tod angesammelte Wörterbuch. Stille wird eintreten, und man wird keine Wörter mehr haben, um sie zu sagen. Aus dem offenen Mund wird nichts mehr kommen. Kein Ich, kein Mir, kein Mich. Die Sprache wird die Welt weiter in Worte fassen. Bei Familienfeiern wird man nur noch ein Vorname sein, von Jahr zu Jahr gesichtsloser, bis man in der anonymen Masse einer fernen Generation verschwindet.“

Damit doch etwas überdauert und Bestand hat, schreibt Annie Ernaux auf – anhand von Fotos, Schlagern und Erinnerungen – , was sie erinnert. Indem sie nicht nur ihr eigenes persönliches Erinnern, sondern auch die damalige Zeit (die 1940er Jahre) beschreibt (was es damals nicht gegeben hat: Rindfleisch und Orangen, Krankenversicherung, Kindergeld, die Rente mit 65, Urlaubsreisen), lässt sie auch den später geborenen Leser (jedenfalls ging es mir so) seine eigene Zeit erfahren – schliesslich ändert sich, abgesehen vom technischen Fortschritt, nur wenig. Die 1948 geborene Christine Westermann trifft es gut: „Ein sehr persönliches Buch, eine Zeitreise in meine Kindheit, meine Jugend …“.

Die Zeit, die Annie Ernaux schildert, ist erfüllt mit Vorstellungen und Gewissheiten, die einen heutzutage fremd und exotisch anmuten. Da gab es „Sünden, die so schwer wogen, dass man sie auf keinen Fall beichten konnte“, da war der Stolz auf seine Schuluniform, und der Militärdienst machte einen zum Mann, da war es selbstverständlich, „dass Algerien mit seinen drei Departements zu Frankreich gehörte“.

Annie Ernaux versteht sich aufs Foto-Lesen, weiss, dass das, was Fotos zeigen, alles andere unsichtbar macht – und so bringt sie es uns zu Bewusstsein. „Ein Repertoire aus Gewohnheiten, eine Summe von Handgriffen“ genauso wie die zahlreichen Anweisungen: Aufessen, nicht schmatzen, nicht mit den Türen knallen …

Die offizielle Geschichtsschreibung, die sich mit Politik abgibt, weiss von diesen Dingen nichts. Zudem: Ein Satz wie dieser vermittelt mir mehr über Frankreich als sämtliche politischen Leitartikel. „Frankreich war gross und setzte sich aus verschiedenen Bevölkerungen zusammen, die sich durch das, was sie assen und durch ihre Art zu sprechen voneinander unterschieden.“

In den sechziger Jahren waren die Menschen voller Zuversicht, „sie glaubten, die Dinger würden ihr Leben verbessern.“ Und dann war da die Musik der Jazz, der Gospel, der Rock ’n‘ Roll. „Dream, love, heart waren reine Wörter ohne praktischen Nutzen, die uns das Gefühl gaben, es existiere noch etwas jenseits unserer Welt.“

Auf sein eigenes Leben zurückzublicken – und dies ist es, was diese „Ethnologin ihrer selbst“ einem möglich macht – , habe ich selten so vergnüglich erlebt, auch wenn ich Jahre später und im Nachbarland aufgewachsen bin. Beispiele: „… man ass lieber Konserven als frisches Obst …“; „Die Männer stellten sich am helllichten Tag zum Pinkeln an irgendeine Mauer, und höhere Bildung stimmte misstrauisch …“; „Charles Piaget, der Arbeiter aus der Lip-Uhrenfabrik war bekannter als der Psychologe mit demselben Nachnamen, mit dem man uns im Philosophieunterrichts getriezt hatte (niemand ahnte, dass man bei dem Namen eines Tages nur noch an den Schweizer Luxusjuwelier denken würde, der Anzeigen in den Zeitschriften schaltete, die beim Friseur auslagen).“

Die Jahre machte mich sehr, sehr oft schmunzeln. „Wer einen Fernseher angeschafft hatte, kommentierte das Aussehen von Ministern und Ansagerinnen und redete von Prominenten, als wären es Nachbarn.“ Automatisch stellen sich in meinem Kopf Bilder von Menschen ein, die nach dem Tod von Tina Turner vor dem Tor ihres Anwesens Blumen niederlegten. Die Aufgabe der Medien, man kann nicht oft genug daran erinnern, besteht darin, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu garantieren.

Obwohl chronologisch strukturiert, erzählt dieses Buch keine lineare Geschichte, sondern ganz Vieles und ganz Unterschiedliches nebeneinander, immer wieder unterbrochen von Erinnerungsfetzen – näher als bei dem, was wir wirklich erleben, kann man kaum sein.

Annie Ernaux formuliert universelle Wahrheiten, direkt, pragmatisch und gänzlich unprätentiös. „Für unser persönliches Leben hatte die grosse Geschichte keine Bedeutung. An einem Tag war man glücklich, an anderen nicht. Je mehr man eintauchte in das, was sich die Wirklichkeit nannte, die Arbeit, die Familie, desto stärker wurde das Gefühl der Unwirklichkeit.“

Je subjektiver jemand sich auszudrücken traut, desto grösser die Möglichkeit zur Identifikation, denn wir sind weit weniger speziell als wir gemeinhin annehmen. Und wenn dann dieser jemand (wie Annie Ernaux) über die Fähigkeit verfügt, sich differenziert und einfach auszudrücken (eine Kunst, die wenige beherrschen), fühlt man sich als Leser berührt und bereichert. Ich für meinen Teil habe selten ein Buch gelesen, bei dem ich fast jeden Satz unterstreichen wollte.

Fazit: Ein Buch, für das ich dankbar bin. Gescheit, amüsant und wunderbar instruktiv; der Beweis, dass das Leben in Worte gefasst werden kann.

Annie Ernaux
Die Jahre
Suhrkamp, Berlin 2023

Charles Willeford: Filmriss

Elmore Leonard, dessen Bücher ich einst gefressen habe, schwärmte von Charles Willeford, dessen „Auch die Toten dürfen hoffen“ ich sogar zweimal gelesen habe, einmal auf Englisch und einmal auf Deutsch, und das ist mir bei einem Krimi, soweit erinnerlich, noch nie passiert. Übrigens: Charles Willeford starb 1988 und nicht 1998, wie der Verlag irrtümlicherweise angibt

Filmriss spielt Ende der 1950er Jahre in Los Angeles, wo das Überqueren der Strasse bei Rot „entweder einen Strafzettel und/oder den sofortigen Tod nach sich“ zog, Einen derart schönen Einstieg lässt man sich gerne gefallen, und dass der Protagonist Richard Hudson dann auch noch einen tollen Coup landet, stimmt einen hoffnungsfroh auf alles Kommende ein. Zu recht, wie sich zeigen wird.

Von Los Angeles, wohin Hudson, der während Jahren in San Francisco lebte, wieder hingezogen ist, hält er wenig. „In Los Angeles zu leben, ist derart unerquicklich, dass es mich wundert, dass dort überhaupt jemand leben will. Andererseits bin ich wieder hingezogen, um Geld zu machen, und wahrscheinlich ist das der Grund, warum auch alle anderen das tun. Einen anderen Grund kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“

Los Angeles ist gleichbedeutend mit dem Auto, von dem zweieinhalb pro Kopf gibt. Dazu kommt, dass jeder Angeleno zwanzig Meilen von seinem Arbeitsplatz wohnt, weshalb denn auch Charles Willefords Idee, einen Gebrauchtwagenhändler zum Helden dieser Geschichte zu machen, naheliegend ist. Doch wie das mit solchen Ideen eben so ist: Man muss draufkommen.

„Für den wirklich erfolgreichen Gebrauchtwagenverkäufer gibt es nur zwei Sorten von Menschen: Checker und Schwachköpfe. Schwachköpfe sind schlicht und einfach dumm, und Checker sind diejenigen, die sich selbst und die Dinge durchschauen, so wie sie sind. Eine simple und unkomplizierte Unterscheidung, was sie allerdings nicht weniger zutreffend machte.“ Hudson verachtet die Schwachköpfe übrigens nicht, er hat Mitleid mit ihnen.

Richard Hudson braucht eine Bleibe in Los Angeles, seine Mutter bietet ihm an, bei sich und Leo, ihrem dritten Mann, einem arbeitslosen Filmproduzenten, einzuziehen. Richard verdient gut, liest gescheite Bücher von Joyce bis Dostojewskj, findet es angenehmer für ein Call Girl als für eine Frau auf der Suche nach einem Ehemann sein Geld auszugeben. Kurz und gut: Es geht ihm rundum bestens. Nur: er langweilt sich.

Er braucht eine Herausforderung, denkt an ein Filmprojekt. „Fast jede Idee, die ich in meinem Leben jemals hatte, entsprang meinem Kopf vollkommen ausgegoren und wartete nur darauf, in die Tat umgesetzt zu werden.“ So spricht der amerikanische Geschäftsmann. „Nur meine Idee für den Film nicht.“ Das beschreibt das Los der Kreativen. Dazu kommt, jedenfalls sieht es der Ich-Erzähler so: „Wenn eine Kunstform keine Botschaft oder universelle Wahrheit beinhaltet, ist sie bedeutungslos.“

Richard legt seine Filmidee seinem Stiefvater Leo vor, der unter anderem wissen will: „Glaubst du, du kannst einen Film mit Nobodys drehen?“, worauf dieser meint: „Mein Film kann nur mit Nobodys gedreht werden. Ich will ausnahmsweise mal auf die Kinopersönlichkeit verzichten. Wenn die Leute James Stewart auf der Leinwand sehen, sehen sie James Stewart, egal welche Figur er verkörpert. Ob er nun ein Baseballspieler, ein Arzt oder sonstwas ist, er ist weiterhin James Stewart.“ Ein Einsicht, die es in sich hat und so recht eigentlich der Vorstellung, ein Schauspieler könne in verschiedene Rollen schlüpfen, den Garaus machen würde, wenn der Mensch von der Vernunft geleitet wäre.

Richard macht sich auf die Suche nach einem Hauptdarsteller, anschliessend rekrutiert er eine Kreuzworträtsel lösende Hausfrau, die ihm an der Kasse eines Supermarktes auffällt, für die weibliche Hauptrolle.

So beschreibt Willeford die Umgebung, in der Frau Shantz mit Mann und Kind lebt. „Abgesehen von der Farbe und vom Zustand des Rasens sahen alle Häuser in der Strasse gleich aus. Im Garten neben den Shantzs zischte ein Rasensprenger, und drei Häuser weiter stutzte ein Mann unter den lauten Anweisungen, die ihm seine Frau von der Veranda zubrüllte, mit einer Gartenschere die Rasenränder. Dieser Vorort von Van Nuys fiel in die Kategorie drei Schlafzimmer plus Arbeitszimmer und deutlich über der Kategorie zwei Schlafzimmer, kein Arbeitszimmer.“ Mit anderen Worten, die satirische Beschreibung eines Amerika, das offiziell der Individualität huldigt, in der Realität jedoch die Konformität praktiziert.

Fazit: Ein cleverer, nüchterner und witziger Blick auf Amerika, anhand des amerikanischsten aller Medien – dem Film.

Charles Willeford
Filmriss
PULP MASTER, Berlin 2023

Nele Pollatschek: Kleine Probleme

Witzig, philosophisch, klug, „gehört zu den klügsten, die es hierzulande gibt“ und so weiter. Wenn sich Medienkollegen und Medienkolleginnen dergestalt äussern, reagiere ich automatisch skeptisch, was selbstverständlich nicht meint, dass die Medienprominenz, die auf der vierten Umschlagseite zitiert wird, falsch liegt. Nur eben: Die Kriterien der Medienprominenz und meine eigenen könnten weiter gar nicht auseinanderliegen. Das schliesse ich aus dem, was die auf Kultur spezialisierten Medienleute anbieten.

Zur Medienprominenz gehört, wer mehrheitsfähig ist. Dass sie allein deswegen Recht haben könnten, ist abwegig; das Gegenteil jedoch genauso. Jedenfalls: Der Einstieg ins Buch packte mich nicht. Zudem wurde ich leicht unruhig, weil es mich langweilt, jemandem über Seiten hinweg zu folgen, der nicht tut, was er weiss, dass er tun soll, dafür jedoch ganz viel anderes. Leute, die ständig alles hinauszögern, ertrage ich nicht, mich selber eingeschlossen – und dann dämmerte mir, dass das vielleicht Absicht war, die Autorin zeigen wollte, was wir doch alle für Trottel und Trottelinnen sind, dass wir so recht eigentlich unser Leben damit verbringen, unser Leben aufzuschieben. Möglicherweise lobten die Medienkolleginnen und Medienkollegen ihre Kollegin also nicht allein deswegen, weil sie sich versprachen, von ihr zurückgelobt zu werden, sondern weil Medienleute so recht eigentlich ganz besonders dazu geeignet sind, sich über das Hinausschieben von Wesentlichem zu äussern, denn genau das tun sie schliesslich tagein tagaus, es ist ihr Beruf.

Ich komme zwar bis zum Schluss nicht richtig rein in die Geschichte, was vielleicht auch am Ton liegt, den ich als konstruiert-hip erlebe, doch immer mal wieder bleibe ich an Sätzen hängen, die mich kurz innehalten und sie bedenken lasse. Etwa: „Wenn man keinen Grund dafür hat, so zu sein, aber man ist halt trotzdem so.“ Oder: „Obwohl das Leben ein beschissenes Geschenk ist und umtauschen kann man es auch nicht.“

Lars, 49, hat sich vorgenommen, am Jahresende all die Dinge zu erledigen, die er schon längst hätte erledigen sollen. Die Umstände könnten idealer nicht sein, denn Frau und Kinder sind weg. Nun ja, wer glaubt, die Gründe für unser ständiges Aufschieben seien die Umstände, wird hier eines Besseren belehrt.

Lars und Johanna haben ihrer Tochter Lina zum vierzehnten Geburtstag ein Bett gekauft, „bei einem grossen schwedischen Möbelhaus, das sich auf Korea reimt, aber nicht sehr gut.“ Mässig witzig, würde ich sagen, wie die Kleine hingegen ihre Eltern belehrt, ist ein satirisches Meisterstück: Hindernisse seien wichtig, Willenskraft ebenso und überhaupt hätte es Papa zu leicht gehabt im Leben …

Neben der ausführlichen Schilderung des Bett-Zusammenschraubens wird auch das Putzen eingehend beschrieben, getreu der Devise: Neben den alltäglichen Dingen verblasst alles andere. Und weil das irgendwie unbefriedigend ist, werden sie eben philosophisch aufgeladen. Etwa mit dem zweiten Satz der Thermodynamik, gemäss dem Wärme niemals von selbst von einem Körper niederer Temperatur zu einem Körper höherer Temperatur übergeht. Oder mit der naheliegenden Bemerkung, die vermutlich deswegen noch niemandem zuvor aufgefallen ist (jedenfalls gemäss meinem Kenntnisstand): „Überall heisst es, man solle toxische Beziehungen beenden, aber wie ich mich von mir selber trenne, das hat mir wirklich noch keiner erklärt.“

Was man doch nicht alles tut, was man doch nicht alles ersinnt, um nicht zu tun, was man weiss, dass man tun sollte. Kleine Probleme stellt dazu eine breite Palette an Möglichkeiten vor, darunter die Steuererklärung und Geschenke einpacken. Wie gesagt, mich hat dieser Text nicht wirklich erreicht, was selbstverständlich mehr über mich als über den Text aussagt. Was genau, weiss ich allerdings auch nicht.

Gelohnt hat sich die Lektüre gleichwohl, wegen Passagen, die meinen Denkapparat anregten. Etwa (Zusammenhänge interessieren mich wenig, ausser meinen eigenen): „ … es wäre ja nicht auszuhalten, wenn es am Ende vollkommen egal ist, was man glaubt, was man liest, was man sich verspricht, wovon man wirklich überzeugt ist (Anmerkung des Rezensenten: im Gegenteil, das befreit), und es nach allem doch nur ums Heiraten ginge.“ Wunderbar! Genauso wie die Ausführungen zum Verlagswesen, wo die paar Männer, die es noch gibt, „auf keinen Fall Typen sein wollen, die Typen fördern.“ Oder der sehr gelungene Beitrag zur Gender-Debatte. Oder … oder… oder … Kleine Probleme ist vielfältig anregend.

Mein Fazit: Ich hatte den Eindruck die Autorin beschreibt, was sie so alles umtreibt. In diesem Sinne las ich Kleine Probleme als eine Art Bestandsaufnahme einer Generation (genauer: des reflektierenden Teils dieser Generation, der sich wesentlich am Mediengeschehen orientiert), die sich so hingebungsvoll mit dem Aufschieben des Lebens beschäftigt wie es ihr möglich ist.

Nele Pollatschek
Kleine Probleme
Galiani, Berlin 2023

Sabine Kuegler: Ich schwimme nicht mehr da, wo die Krokodile sind

Was für ein genialer Titel, denkt es so in mir. Ich nehme (fälschlicherweise) an, dass er sich auf unsere Wettbewerbsgesellschaft bezieht, die angeblich natürlich ist und dem Wesen des Menschen Rechnung trägt. Nicht jedem Menschen, das wird einem bereits auf den ersten Seiten klar, als die in Nepal geborene und bis kurz vor ihrem vierten Geburtstag dort lebende Sabine Kuegler einen deutschen Kindergarten erlebt. „Auf mich wirkten die Kinder sehr aggressiv, das war am schlimmsten für mich. Ich empfand sie als laut und aufdringlich, sie stritten sich um Spielzeug oder darum, wer während der Märchenstunde neben wem sitzen durfte. Einmal verletzte ein Junge einen anderen schwer mit einer Schere am Kopf. Ungläubig verfolgte ich die chaotische Szene, die sich vor meinen Augen abspielte. Mich hat der Vorfall nachhaltig beeindruckt, in Nepal hatte ich so etwas noch nie erlebt.“

Angesichts der heutzutage allgemein akzeptierten Sichtweise, dass der Grundstein für unser Verhalten in unserer Kindheit zu suchen sei, werfen die Kindergarten-Erfahrungen von Sabine Kuegler ein nicht gerade positives Licht auf unsere sogenannt zivilisierte Gesellschaft. Dass die Fayu auf Papua Neuguinea, zu denen es ihre Eltern, beide Sprachwissenschaftler und Missionare, schon bald hinzog, besonders friedliebend waren, lässt sich allerdings auch nicht sagen. „Kinder wurden vor den Augen ihrer Eltern abgeschlachtet, Eltern vor ihren Kindern. Hass und Angst beherrschten jeden ihrer wachen Momente.“

Durch die Intervention ihres Vaters kommen die Kriege der miteinander verfeindeten Stämme zum Erliegen. „Sie begannen neue Wege zu finden, um Konflikte zu lösen und erliessen neue Gesetze.“ Wie die Fayu quasi über Nacht zu einem friedliebenden Stamm wurden, hat sich mir nicht erschlossen. Sabine Kuegler erklärt es sich mit der Fähigkeit zum Vergeben und dem Willen zur Veränderung, was einleuchtet – doch woher kamen die so plötzlich?

Ausgesprochen lustig liest sich „die erste bewusste Begegnung (der Autorin) mit dem Konzept von Kulturen, die sehr unterschiedlich sein können“, als sie entdeckte, dass den Fayu keine andere Kultur als ihre eigene bekannt war, weshalb sie denn auch davon ausgingen, dass das, was ihnen bekannt war, auch allen anderen bekannt war. Und so kam es, dass ihre Familie in einem Fluss schwimmen ging, die Fayu hingegen alle nicht. Als ihr Vater sie aufforderte, doch auch ins Wasser zu kommen, erhielt er zur Antwort: „Klausu, wir schwimmen nicht in diesem Fluss.“ Mein Vater fragte mit einem besorgten Gesichtsausdruck: „Warum nicht? Ist das ein heiliger Fluss für die Fayu?“ „Nein“, antwortete Nakire mit ruhiger Stimme, „das ist der Fluss, in dem wir die Krokodile jagen, die wir euch bringen.“ Klingt nach einem klassischen Ethnologen-Witz. Darauf also geht der Titel des Buches zurück.

Ganz besonders angesprochen haben mich die Ausführungen zur Wahrnehmung. Als ein Schwarm von Moskitos um sie herumflog, wurde sie aufgefordert, sich nicht zu bewegen, sich auf das Summen konzentrieren und versuchen, Teil des Geräusches zu werden. Auch der Geruchs- und der Tastsinn werden trainiert. Die daraus resultierende geschärfte Wahrnehmung erlaubte ihr nun auch die Gefühle der Menschen wahrzunehmen. „Ich erkannte, dass Emotionen und Gedanken unseren stofflichen Körper in einer Weise verändern, die die meisten im Westen nicht erkennen können.“

Mit 18 kommt sie auf ein Internat am Genfersee. Sie reist über den Hamburger Bahnhof. Wie sie ihren ersten Kulturschock schildert, ist dramatisch. „Die Menschen hier waren voller Schmerz, Bitterkeit, Depression, Stress, Leere und Wut. Niemand lächelte. Ungefiltert spürte ich all ihre Emotionen, ihre Hoffnungslosigkeit und versuchte, mir einen Reim darauf zu machen.“

Ich schwimme nicht mehr da, wo die Krokodile sind ist ein gleichzeitig sehr persönliches und und sehr unpersönliches Buch. Man erfährt einerseits viel über das Innenleben und die seelischen Konflikte der Autorin und liest dann: „Und dann erfuhr ich, dass ich schwanger war.“ Von einer Beziehung erfährt man nichts, auch vom Vater der drei 8nachfolgenden Kinder nicht, nur gerade, dass beide Ehen nach jeweils wenigen Jahren scheiterten. Ich fand das etwas irritierend, auch wenn ich keineswegs der Meinung bin, Sabine Kuegler hätte ihr Liebesleben ausbreiten müssen.

Irritierend fand ich übrigens auch, wie sie den Kannibalismus abhandelt beziehungsweise rationalisiert. Sie lehnt ihn ab, kann sich auch nicht vorstellen, einen anderen Menschen zu essen, begrüsst, dass er im südpazifischen Raum inzwischen offiziell verboten ist, und schreibt dann: „Es hatte mit Spiritualität und den Seelen der Toten zu tun.“ Als ob das etwas erklären würde! Und fügt hinzu: „ich verstehe nun auch das Konzept dahinter.“ Ich habe so meine Zweifel, ob sie das wirklich tut, denn understanding is a feeling.

Dann wird sie krank. Es begann mit Grippesymptomen. „Jeder Arzt. Mit dem ich sprach, der mich eingehend untersuchte und zahlreiche Tests machte, hatte eine andere Diagnose.“ Ihr ging es immer schlechter. Zudem wusste sie auch nicht, ob ihre Krankheit überhaupt von einer Ansteckung ausgelöst worden war. „Als ich nach der niederschmetternden Nachricht meines Arztes im Bett lag …“ Welche Nachricht? Ich jedenfalls habe keine gefunden. In der Folge bringt Sabine Kuegler ihre Kinder zu ihren Vätern und kehrt zurück in den Dschungel der Insel Neuguinea, wo sie alles ausprobiert, was man ihr gibt, doch die Krankheit schreitet voran, bis dann … doch ich will hier nicht das Buch nacherzählen …

Schopenhauers Auffassung, dass der Mensch ein unterentwickeltes Tier sei, ging mir bei der Lektüre immer mal wieder durch den Kopf, denn auf Sabine Kuegler mit ihren entwickelten Sinnen und ihrer ganz anderen, sehr viel feineren Sensibilität als den meisten Westlern eigen ist, trifft das eindeutig nicht zu. Dass sie sich jedoch emotional auch bei banalen Vorgängen wie bei einer Kaffeebestellung, bei der sie mit einer gestressten und unfreundlichen Bedienung zu tun hat, derart erschüttern lässt, dass ihr gleich die Tränen in die Augen steigen, scheint auch eine möglicherweise in ihrer Persönlichkeit angelegte Dünnhäutigkeit nahezulegen. Wie offen sie sich über ihren inneren Monolog anlässlich dieses Vorfalls äussert, ist tief beeindruckend und höchst berührend.

Fazit: Eine überaus aufschlussreiche und lehrreiche Sicht auf kulturelle Unterschiede, die allerdings die kulturelle Prägung derart in den Vordergrund rückt, dass, jedenfalls für meinen Geschmack, die genetischen Prägungen völlig untergehen.

Sabine Kuegler
Ich schwimme nicht mehr da, wo die Krokodile sind
Westend Verlag, Neu-Isenburg 2023

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