So beginnt dieses ganz aussergewöhnliche Leseerlebnis:
„Der Dienstag meiner Geburt war ein besonderer Tag, nicht nur für mich, nicht nur für meine
Eltern und meinen Bruder, nicht nur für Elmsbüttel oder Hamburg – es war ein besonderer
Tag für alle Menschen. Der Grund dafür ist einleuchtend und unbekannt: Es war der 183. Tag
des Jahres 1963. In seiner Bedeutung ist der 183. Tag eines Jahres allenfalls mit Neujahr oder
Silvester zu vergleichen. Dass diese Tatsache zu wenigen Menschen bekannt ist, verwundert
mich. Der 183. Tag ist die Mitte des Jahres.
Warum haben Anfang und Ende des Jahres eigene Namen? Warum hat die Mitte des Jahres
keinen Namen? Es gibt leichte Fragen und es gibt schwere Fragen. Manche lassen sich schnell
beantworten, mache verlangen ein wenig mehr Zeit.
Für meine Familie hat der 2. Juli noch eine weitere Bedeutung: 39 Tage zuvor hat mein
Bruder Geburtstag, 39 Tage danach meine Mutter. Ich bin über diesen seltenen Zufall zutiefst
erfreut.“
Das ist nicht nur elegant geschildert, es zeugt auch von einer Wahrnehmungsgabe, die nicht
gerade alltäglich ist.
Axel Brauns ist Autist und das meint, dass er grosse Schwierigkeiten hat, mit anderen
Menschen in Kontakt zu treten. Autisten kapseln sich häufig von der Umwelt ab, sind ohne
Sprache und können nur schwer Gestik, Mimik oder Worte verstehen. Anders gesagt: dieses
Buch kann es eigentlich gar nicht geben, weil es so recht eigentlich diesen Axel Braun gar
nicht geben kann. Dass es ihn gibt, und dass es dieses Buch gibt, ist ein Gewinn.
„Bis 29 habe ich in einer Welt gelebt, in der es genau einen Menschen gab, nämlich mich. Erst dann habe
ich gelernt, dass ich ein Teil der Welt bin.“
Wie Axel Brauns das gelernt hat, erfährt man in diesem lehrreichen Buch.
„Als ich zwei Jahre alt war und schon im Hofhaus wohnte, verloren die Menschen um mich
herum ihr Aussehen. Ihre Augen lösten sich in Luft auf. Nebel verschleierte ihre Gesichter.
Die Stimmen verdunsteten. Mit der Zeit verwandelten sich die Menschen um mich herum in
flatterhafte Schatten, die auf mich wirkten, als wären sie aus dem All in meine Welt
herabgeschneit.
Mir fiel es nicht leicht, sie wahrzunehmen, sie waren nahezu unsichtbar in einer Welt, die
sichtbar blieb. Später verschmolzen diese flatterhaften Wesen in bunten Schatten. Ich lernte
sie zu unterscheiden. Da gab es die gutartigen Wesen, das waren die Buntschatten, und da gab
es die bedrohlichen Wesen, das waren die Fledermäuse. Ein Buntschatten konnte sich
urplötzlich in eine Fledermaus verwandeln und umgekehrt, ohne dass ich verstand warum.“
Es ist dies nicht nur ein wunderbar wortschöpferisches, es ist dies auch ein ausgesprochen
einsichtsvolles und witziges Buch. Hier weitere Beispiele:
„Bist du taub?“
Ich schüttelte den Kopf, das bedeutete für Fledermäuse Nein.
Die Beseefrau ohne Besees öffnete, machte Klänge der Begrüssung, wies mir den Weg in das
Redezimmer. Die Beseefrau ohne Besees war meistens nett, sie blieb aber schattenhaft und
ohne Gesicht. Wenn ich ihr ins Gesicht schaute, dampfte es, als würde es gerade asphaltiert.
Die Haha machte eine Pause.
„Hast du das … verstanden?“
Natürlich nicht. Wortlos starrte ich die Haha an. Kam die etwa auch vom Mond?
Axel Brauns
Buntschatten und Fledermäuse
Mein Leben in einer anderen Welt
Goldmann Taschenbuch, München 2004




