Axel Brauns: Buntschatten und Fledermäuse

So beginnt dieses ganz aussergewöhnliche Leseerlebnis:
„Der Dienstag meiner Geburt war ein besonderer Tag, nicht nur für mich, nicht nur für meine
Eltern und meinen Bruder, nicht nur für Elmsbüttel oder Hamburg – es war ein besonderer
Tag für alle Menschen. Der Grund dafür ist einleuchtend und unbekannt: Es war der 183. Tag
des Jahres 1963. In seiner Bedeutung ist der 183. Tag eines Jahres allenfalls mit Neujahr oder
Silvester zu vergleichen. Dass diese Tatsache zu wenigen Menschen bekannt ist, verwundert
mich. Der 183. Tag ist die Mitte des Jahres.

Warum haben Anfang und Ende des Jahres eigene Namen? Warum hat die Mitte des Jahres
keinen Namen? Es gibt leichte Fragen und es gibt schwere Fragen. Manche lassen sich schnell
beantworten, mache verlangen ein wenig mehr Zeit.

Für meine Familie hat der 2. Juli noch eine weitere Bedeutung: 39 Tage zuvor hat mein
Bruder Geburtstag, 39 Tage danach meine Mutter. Ich bin über diesen seltenen Zufall zutiefst
erfreut.“

Das ist nicht nur elegant geschildert, es zeugt auch von einer Wahrnehmungsgabe, die nicht
gerade alltäglich ist.

Axel Brauns ist Autist und das meint, dass er grosse Schwierigkeiten hat, mit anderen
Menschen in Kontakt zu treten. Autisten kapseln sich häufig von der Umwelt ab, sind ohne
Sprache und können nur schwer Gestik, Mimik oder Worte verstehen. Anders gesagt: dieses
Buch kann es eigentlich gar nicht geben, weil es so recht eigentlich diesen Axel Braun gar
nicht geben kann. Dass es ihn gibt, und dass es dieses Buch gibt, ist ein Gewinn.

„Bis 29 habe ich in einer Welt gelebt, in der es genau einen Menschen gab, nämlich mich. Erst dann habe
ich gelernt, dass ich ein Teil der Welt bin.“

Wie Axel Brauns das gelernt hat, erfährt man in diesem lehrreichen Buch.
„Als ich zwei Jahre alt war und schon im Hofhaus wohnte, verloren die Menschen um mich
herum ihr Aussehen. Ihre Augen lösten sich in Luft auf. Nebel verschleierte ihre Gesichter.
Die Stimmen verdunsteten. Mit der Zeit verwandelten sich die Menschen um mich herum in
flatterhafte Schatten, die auf mich wirkten, als wären sie aus dem All in meine Welt
herabgeschneit.

Mir fiel es nicht leicht, sie wahrzunehmen, sie waren nahezu unsichtbar in einer Welt, die
sichtbar blieb. Später verschmolzen diese flatterhaften Wesen in bunten Schatten. Ich lernte
sie zu unterscheiden. Da gab es die gutartigen Wesen, das waren die Buntschatten, und da gab
es die bedrohlichen Wesen, das waren die Fledermäuse. Ein Buntschatten konnte sich
urplötzlich in eine Fledermaus verwandeln und umgekehrt, ohne dass ich verstand warum.“

Es ist dies nicht nur ein wunderbar wortschöpferisches, es ist dies auch ein ausgesprochen
einsichtsvolles und witziges Buch. Hier weitere Beispiele:
„Bist du taub?“
Ich schüttelte den Kopf, das bedeutete für Fledermäuse Nein.

Die Beseefrau ohne Besees öffnete, machte Klänge der Begrüssung, wies mir den Weg in das
Redezimmer. Die Beseefrau ohne Besees war meistens nett, sie blieb aber schattenhaft und
ohne Gesicht. Wenn ich ihr ins Gesicht schaute, dampfte es, als würde es gerade asphaltiert.

Die Haha machte eine Pause.
„Hast du das … verstanden?“
Natürlich nicht. Wortlos starrte ich die Haha an. Kam die etwa auch vom Mond?

Axel Brauns
Buntschatten und Fledermäuse
Mein Leben in einer anderen Welt
Goldmann Taschenbuch, München 2004

Tim Parks: Hotel Milano

Frank, 75, einstmals Inhaber eines mittlerweile geschlossenen Instituts für Klartext in London („Niemand will Klartext, Dan. Die Leute vertreten die falschen Meinungen.“), wird telefonisch zur Beerdigung seines Freundes Dan, dem „Elder Statesman der amerikanischen Intelligenzia“, nach Mailand aufgeboten. Es ist die Zeit der Pandemie, von der er jedoch kaum etwas weiss, da er keine Nachrichten konsumiert. Sein Sohn will ihn von diesem Flug abhalten, da „Mailand das Zentrum der Epidemie“ sei.

Dass Frank keine Nachrichten mehr konsumiert, hat mit der toxischen Medienlandschaft zu tun. „Die Medien leben von dem, was sie anprangern (…) Es müsste doch möglich sein, kühl zu sagen, was ich dachte. Aber die Parole war: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Coolsein bedeutete, Verletzendes mit Beleidigungen zu kontern. Ständige Empörung war angesagt. Alles andere war empörend.“ Wir haben eine Schlaufe gemacht: Das überwunden geglaubte Stammesdenken hat uns wieder eingeholt.

Nicht nur interessant, sondern überaus treffend fand ich übrigens, dass der Nachrichten- und der Alkoholkonsum einander quasi gleichgesetzt werden: Beide sind toxisch, natürlich nicht für alle, doch für weit mehr, als wir gemeinhin annehmen. „Wie bei dem Alkoholiker, der endlich kapiert, dass totale Abstinenz der einzige Ausweg ist, war auch mein Entschluss eine Frage des Überlebens.“

In Mailand quartiert sich Frank im Fünf-Sterne-Hotel Milano beim Hauptbahnhof ein, trifft bei der Beerdigung auf Freunde und Bekannte des verstorbenen Dan, doch nicht auf seine Ex, die mit Dan ein Verhältnis gehabt hatte, und nicht begreifen konnte, dass Frank und Dan Freunde geblieben waren.

Selten sind wir auch in Gedanken da, wo wir physisch sind. Hotel Milano liess mich immer mal wieder an Faulkner denken. „Es gibt kein War, nur ein Ist. Würde es ein War geben, gäbe es keine Trauer und keine Sorgen.“ Auch wenn Frank manchmal das Gefühl hat, das Alter habe ihn frei gemacht, seine Ex-Frau und sein vergangenes Leben sind genauso präsent wie der Tod seiner Freundin Rachel, der unter anderem zu dieser hellsichtigen Einsicht beigetragen hat: „Das Neue überdeckt das Wesentliche …“.

Man sollte diesen Roman langsam lesen, damit man nicht die vielen Sätze überliest, bei denen sich zu verweilen lohnt. „Der Zug hielt. Busto Arsizio. Man sieht einen solchen Namen und fragt sich halb, was er wohl bedeutet, oder ob er etwas bedeutet. Dann lässt man es gut sein. Geniesst die Fremdartigkeit. Es gibt kaum je einen Grund, es nicht gut sein zu lassen.“ Oder: „Ich habe Parks in den letzten Jahren sehr schätzen gelernt. Dort herrscht eine Atmosphäre der Waffenruhe. Die Zeit vergeht langsamer. Die Menschen erinnern sich daran, dass das Leben nicht immer ein Kampf sein muss.“ Oder: „An der Art, wie sich bewegte, konnte man erkennen, dass sie mit ihren Gedanken woanders war.“

Hotel Milano ist auch ein Roman darüber, dass das Leben weder vorhersehbar noch planbar ist – das wissen wir nämlich nicht, oder höchstens im Kopf, und das ist kein wirkliches Wissen, da es die Gefühle nicht erreicht. Weder rechnete Frank damit, dass die weit jüngere Rachel vor ihm sterben würde, noch hatte er sich vorstellen können, dass die Pandemie derart viel verändern würde.

Er darf das Hotel nur noch mit ausgefülltem Formular für wichtige Botengänge verlassen, abreisen geht auch nicht, da viele Flüge ausgebucht oder gestrichen wurden. Er ergibt sich in sein Schicksal – verblüffenderweise drängt es ihn nicht, sich über das, was gerade geschieht, zu informieren. Kein Rückfall in den Nachrichtenkonsum, er begnügt sich mit Schlagzeilen. Bis er dann doch den Fernseher einschaltet und sich den Medien ausliefert. „Immer wieder die gleichen Informationen. Auf allen Kanälen. Mit immer grösserer Dringlichkeit präsentiert. Eine stärkere Droge als der Lotos. Ohne die seligmachende Wirkung.“

Die Kontaktvermeidung prägt das Leben im Hotel, das Reinigungspersonal hat kaum noch Arbeit; eine Putzfrau, welcher der Verlust ihrer Arbeit droht, versteckt sich mit ihrem fünfjährigen Sohn auf dem Dachboden und bittet Frank um Hilfe. Er versorgt sie mit Essen und Wasser, wird zum Krankenpfleger für die sich erweiternde Familiengruppe.

Die Todeszahlen steigen rasant, die Infektionszahlen ebenso, erfährt Frank beim Hin und Her Zappen zwischen CNN, der BBC und Fox News. Er fühlt sich fiebrig, hustet ständig, riecht nichts mehr – er darf sein Zimmer nicht mehr verlassen. Da erreicht ihn ein gänzlich unerwarteter Anruf …

Fazit: Eine berührende Meditation über das Alter, das Sterben und das Miteinander in Corona-Zeiten, die besonders der einfühlsamen und genauen Beobachtungsgabe wegen überzeugt.

Tim Parks
Hotel Milano
Kunstmann, München 2023

Matthew Beaumont: The Walker

Es liegt viele Jahre zurück, dass ich eine Buchkritik mit dem Titel „Professor schreibt Buch“ gelesen habe. An den Inhalt erinnere ich mich nicht, doch der Titel geht mir bei der Lektüre von The Walker, die mich ungemein erheitert, ständig durch den Kopf.

Ungemein erheitert? Ein Beispiel: Das Buch nähme seinen Ausgang von der Behauptung Raymond Williams‘, dass die Wahrnehmung der modernen Stadt „mit einem Mann, der zu Fuss durch die Stadt geht, als ob er allein wäre“ verbunden sei. So weit so gut, wenn auch für mich als Laien wenig bemerkenswert. Doch Matthew Beaumont, Professor für Englische Literatur am University College London, sieht das anders. „Im Besonderen evoziert Williams‘ kryptische oder vielleicht sogar euphemistische Bemerkung des ‚als ob er allein wäre‘ die Präsenz oder Absenz von Frauen auf den Strassen: ihre abwesende Anwesenheit. Laura Elkin hat nachdrücklich darauf hingewiesen, dass, wenn ‚wir in der Zeit zurückreisen, war da schon immer eine flãneuse, die auf der Strasse an Baudelaire vorbeiging.’“ Literaturkritik, so wirken diese Sätze auf mich, handelt offenbar vor allem davon, was nicht im Text steht.

Bei meiner Beschäftigung mit Fotografie bin ich auch auf einen Satz aus dem Talmud gestossen, der mich Entscheidendes in Sachen Wahrnehmung gelehrt hat: „Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen die Dinge wie wir sind.“ Mit anderen Worten: Ich lese die Essays in diesem Band, die von G.K. Chesterton, H.G. Wells, Edgar Allan Poe und anderen handeln, im Wesentlichen als Selbstporträt. Sie zeigen mir einen Mann, der in so ziemlich allem eine versteckte Bedeutung zu erkennen vermag. Ich fühlte mich an eine Fotografie erinnert, die den Autor Eric Ambler zeigte sowie einen Regisseur, der ein Buch von Ambler verfilmen, und einen Schauspieler, der eine Hauptrolle in diesem Film spielen sollte. Die Bildlegende lautete sinngemäss, man solle den interessierten Gesichtsausdruck von Autor und Regisseur beachten, mit dem die beiden den Ausführungen des Schauspielers lauschten, der ihnen gerade erklärte, wie Buch und Film verstanden werden müssten.

Selten war mir die abgehobene Welt der Literaturkritik absurder erschienen als bei der Lektüre von The Walker. Doch so unverständlich und ärgerlich diese aufgeblasenen Ausführungen auf mich wirkten, sie regten mich auch an, mich mit dem Weltverständnis, auf dem sie gründen, zu befassen, das sich im Kern so definieren lässt: Das Essentielle liegt versteckt, es kann und soll gefunden werden. Je mehr ich weiss, desto mehr Zusammenhänge werde ich erkennen können. Es ist dies die Ideologie der Konsumgesellschaft: Mehr-Mehr-Mehr. Mein eigenes Weltverständnis ist genau umgekehrt: Das Wesentliche liegt auf der Hand und ist für alle, die zu sehen verstehen, ersichtlich. Und mir ist selbstverständlich: Weniger ist mehr.

Doch zum Buch, genauer zu Beaumonts Ausführungen über G.K. Chesterton, von dem ich einiges gelesen habe. Vor allem Chestertons geistreiche und witzige Auseinandersetzungen mit George Bernard Shaw habe ich sehr genossen, und so mache ich mich hoffnungsfroh und guter Dinge an den Text, der mit „Irren“ überschreiben ist, komme allerdings nicht sehr weit, da mich die Gelehrsamkeit von Professor Beaumont regelrecht erschlägt. Kurz und gut: Mir ist die Geisteswelt, die hier ausgebreitet wird, viel zu fremd, als dass ich mich dazu äussern möchte.

Ich lese noch in andere Texte hinein (Georges Bataille, Ray Bradbury, Charles Dickens), doch auch hier mache ich die Erfahrung: Diese Gedankenwelten liegen mir fern, da ist einer auf ganz anderen Umlaufbahnen unterwegs – so fern, dass sie mich nicht einmal neugierig machen. Schliesslich lande ich bei „Nicht dazugehören: Über die architektonische Logik des zeitgenössischen Kapitalismus.“ Auch hier wimmelt es von Sätzen, die mich als Nicht-Initiierten laut heraus lachen machen: „Žižek, der sich in diesem Zusammenhang auf den japanischen Philosophen Kojin Karatani und seine Darstellung der Antinomien in Kants Denken bezieht, betont jedoch, dass dieser scheinbare Unterschied in einem Objekt, wenn es aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet wird, in philosophischer Hinsicht mehr als nur subjektiv ist; tatsächlich ist er objektiv.“ Zuerst trifft man Unterscheidungen, dann hebt man sie auf, trifft wiederum neue … Könnte ja sein, dass das Problem im Unterscheiden liegt.

In diesem Text über „Nicht dazugehören“ stosse ich auch auf einen überaus anregenden Gedanken über unser Verhältnis zur städtischen Architektur, die als höchst bedrohlich erlebt werden kann. „Zu Fuss durch die Stadt zu gehen, vor allem, wenn wir uns in einer prekären Lebenssituation befinden, ist ein ständiger Kampf gegen die einschüchternde Beharrlichkeit und Stabilität der gebauten Umwelt, gegen das Gefühl, dass sie für andere ein Zuhause ist, nicht aber für uns.“ Matthew Beaumont interessiert sich „nicht nur dafür, wie wir uns als empfindungsfähige Wesen zu den Gebäuden verhalten, sondern auch dafür, wie sich die Gebäude als im Grunde belebte Wesen zu uns verhalten.“ Was mir W.J.T. Mitchells „What do pictures want?“ in Erinnerung ruft, denn auch er geht davon aus, dass das, was wir als unbelebt erleben, im Grunde belebt ist.

Solche Anregungen lasse ich mir gerne gefallen, denn solcher Anregungen wegen lese ich Bücher. Natürlich nicht nur – unterhalten zu werden, ist ebenso wichtig –, aber auch.

Matthew Beaumont
The Walker
Die Stadt, die Moderne und ihre Fussgänger
Edition Tiamat, Berlin 2023

Karin Simon: Von Bleiben war nie die Rede

„Ich bin fest davon überzeugt, dass man dem Tod eine gute Landebahn bereiten kann. Damit es weniger holpert, weil die Angst nicht an Bord ist. Zum Beispiel mit einer Fluglotsin. Einer wie mir.“ Als ich diese Zeilen lese, weiss ich, dass ich nicht zum Zielpublikum dieses Buches gehöre. Für mich stimmt da weder der Ton, noch die Sprache, und dass die Frau auch grad noch Werbung für sich selber macht (sie listet unter anderem auch alle ihre einschlägigen Ausbildungen auf, hält also offenbar Diplome, die für mich nichts anderes sind als Ausweise für Anpassung, für Fähigkeitsausweise), ist auch nicht mein Ding. 

Dass ich trotzdem weiter lese, hat mit meinem Interesse an Fragen von Leben und Tod zu tun. Zudem halte ich es für eine gute Idee, den Versuch zu machen, Sterben und Tod unverkrampft bzw. normal anzugehen, ihnen den Schrecken zu nehmen – denn dies ist es, was der Autorin hauptsächlich vorzuschweben scheint.

Von Bleiben war nie die Rede ist ein überaus bunter Mix von ganz Unterschiedlichem, Hilfreichem wie Ärgerlichem. „Es ist überhaupt nichts sicher rund um das Thema Tod, und das macht es so spannend.“ Ein einleuchtender und wahrer Satz, dem jedoch eine durch nichts bewiesene Behauptung folgt, welche das genaue Gegenteil sagt. „Am Ende des Lebens lüften wir das tiefste Geheimnis und erleben unser grösstes Abenteuer.“

Doch zum Positiven: Karin Simon plädiert für Aufrichtigkeit und rät unter anderem dazu, Unerledigtes zu erledigen. „Für Aussenstehende mögen manche der ‚unerledigten Dinge‘ wie Bagatellen wirken, doch für die Betroffenen hängen sie wie Bleigewichte an einem Abschied und können ihn be- und erschweren.“ Und sie weiss: „Wenn man seine eigenen Tränen noch nicht geweint hat, ist man keine gute Begleitung für einen Sterbenden.“

Sich mit Leben und Tod zu beschäftigen, heisst auch, sich mit der Angst auseinanderzusetzen. Denjenigen, die behaupten, sie hätten keine Angst vor dem Tod, hält Karin Simon entgegen, dass sich das meist ändert, wenn der Tod unmittelbar bevorsteht. „Psychologische Untersuchungen zeigen nämlich, dass die Angst vor dem Tod bei jedem Menschen vorhanden ist.“ Wie vieles andere in diesem Buch, weiss man das auch ohne psychologische Untersuchungen.

Doch wie sollen wir mit der Angst umgehen? Hinschauen und nicht wegschauen, empfiehlt Karin Simon. „Was wir kennen, macht uns weniger Angst.“ Auch dies ist zwar einigermassen banal, wie ich finde, was jedoch nicht heisst, dass es nicht nützlich ist, es zu betonen. Schliesslich genügt es nicht, etwas zu wissen, man muss es auch leben. 

Von Bleiben war nie die Rede ist ein persönliches Buch. Die Autorin erzählt aus ihrem Leben und macht nachvollziehbar, wie sie zu ihren Erkenntnissen gekommen ist. So  geht sie davon aus, dass es einen göttlichen Plan gibt und meint damit unseren eigenen Plan, „denn jede kleine Seele hat sich die bevorstehenden Begegnungen, Ereignisse und Lerninhalte selbst ausgesucht.“ Mit anderen Worten: Wir sind an allem, was uns widerfährt, selber Schuld. „Wir selbst lassen es zu, weil wir es vor unserer Geburt so bestimmt haben.“ Mir ist dieser Glaube fremd, auch wenn es mir gelegentlich auch so geht: „Ich empfinde vieles, was mir widerfährt, als geführt.“ Nur eben: Das muss man meines Erachtens nicht erklären, es wahrzunehmen genügt.

Von Bleiben war nie die Rede basiert auf den Grundannahmen der Autorin. Zu diesen gehört, dass „die Seele weiss, wann es Zeit ist, heimzugehen“. Sie illustriert ihren Glauben mit Geschichten und fügt dann hinzu: „Nun kann man einwenden, dass es einfach sei, im Nachhinein etwas zu deuten, was in Wirklichkeit banal gewesen sei. Ja, so kann man es sehen. Ich sehe es anders. Für mich stellt sich eher die Frage: Wollen wir die Botschaften unserer Seele entschlüsseln, wollen wir den Zeitpunkt erahnen?“ Mir selber steht Osho näher, der einmal sagte: „Life is not a problem to be solved but a miracle to be experienced.“

Ich lese dieses Buch als eine Zusammenstellung von Selbstverständlichkeiten, die zum Ziel haben, die Scheu vor dem Tod zu verlieren und sich mit der Frage nach der eigenen Lebensqualität auseinanderzusetzen. Doch wie das eben so ist mit den Selbstverständlichkeiten, sie müssen verinnerlicht werden, damit sie selbstverständlich werden. Von Bleiben war nie die Rede erinnert uns daran, zu tun, was wir wissen, dass wir tun sollten: Das Leben nicht aufschieben.

Karin Simon
Von Bleiben war nie die Rede
Eine Sterbeamme erzählt vom grossen Abschied und wie er ohne Angst gelingt
Knaur Menssana, München 2023

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Sanaka Hiiragi: Die Erinnerunsgfotografen

Der erste Eindruck: Das ist ein klassisch japanisch schön gestaltetes Buch, das Cover und die rosa Schnittverzierung haben mich unmittelbar angesprochen.

Worum geht’s? Herr Hirasaka betreibt ein Fotostudio an der Schwelle zum Jenseits, im Grenzbereich zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten. Hier zählen nur die Erinnerungen.

Hatsue ist zweiundneunzig und soll nun zweiundneunzig Fotos auswählen und anhand dieser zurück auf ihr Leben schauen. Eine faszinierende Idee, denn was anderes ist unser vergangenes Leben als eine Erinnerung? Und was könnte sie besser auslösen als ein Foto?

Neben Hatsue, die in jungen Jahren als Kinderbetreuerin gearbeitet hat, treten noch zwei eitere Personen auf: Herr Shohei Waniguchi, ein Yakuza, der mit einem Schwert erstochen, und Mitsuru, ein Mädchen, das von seinen Eltern missbraucht und zu Tode geprügelt worden war.

In dem Zwischenreich, in das die drei eintreten, können sie Erfahrungen machen, die ihnen in ihrem vorherigen Leben verwehrt waren. So wagte es einst niemand, Waniguchi zu nahe zu kommen, jetzt aber spazierten diese Leute einfach durch ihn hindurch. Mich erinnerte das auch an Hanno Kühnerts Roman Handbuch für Verstorbene, worin die Toten nach wie vor unter uns weilen, allerdings unsichtbar und mit nur einem Zehntel ihres ehemaligen Gewichts. Hirasaki erklärt: „Wenn Sie so wollen, sind wir beide jetzt nur noch Seelen. Wir sind nun substanzlose Wesen.“

So faszinierend ich die Vorstellung einer solchen Zwischenwelt finde, mein Interesse an diesem Buch gilt der Fotografie. Und so habe ich zuerst einmal gestutzt, denn unter Erinnerungsfotografen konnte ich mir nicht wirklich viel vorstellen. Was, zum Beispiel, soll sie von Fotografen unterscheiden? Und überhaupt: Fotos dienen doch generell der Erinnerung.

Überaus spannend wird Mitsurus fotografische Herangehensweise geschildert. „Sie richtete die Kamera darauf. Das musste eine Mistel sein. Drei Vögel zogen in einer Reihe über den strahlend blauen Himmel. Mitsuru schaute ihnen nach. Sie hielt inne und lauschte ihren Rufen. die scharf durch die klare Luft hallten. Erst jetzt fiel ihr auf, dass um sie herum ganz unbemerkt und bescheiden die ersten Wildkirschen blühten. Wieder setzte sie die Kamera an. Sie wollte es einfangen, das weiche, diffuse Leuchten der Sakurablüten im blauen Morgenhimmel. Sie betätigte den Auslöser, klick.“

Die Schilderung zieht mich auch deshalb an, weil es das Fotografieren als das zeigt, was es selten ist, aber eben auch sein kann. Ein Aufmerksamwerden für den Augenblick. Meistens ist das Fotografieren etwas ganz anderes. Der Fotograf weiss, was er will und macht sich dann auf die Suche nach dem Bild, das er bereits im Kopf hat. Mitsurus Fotografieren ist das genaue Gegenteil: Sie lässt sich von dem leiten, was auf ihrem Weg liegt.

In diesem Buch geht es jedoch weniger um Fotos, sondern um die Möglichkeit, in die Vergangenheit zu reisen und das Foto, das seine Besucher ausgewählt haben, noch einmal neu aufzunehmen. Ihnen wird also erlaubt, etwas anderes zu sehen, als sie damals gesehen haben. Mit anderen Worten: Ein Foto zeigt immer etwas, das im selben Moment auch ganz anders gesehen werden kann.

Sanaka Hiiragi
Die Erinnerunsgfotografen
Roman
Hoffmann und Campe, Hamburg 2023

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